Accidentia

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Monate nach dem Unfall erinnern mich nur noch die junge Haut an der Stelle der Verbrennungen und die schwarzen Stellen auf dem Fußboden an die Panik. Sie selber ist verschwunden.

Anders als die Panik, unmittelbar und irrational, arbeitet die Erinnerung an dieselbe im Hintergrund, stur und mit mathematischen Fragestellungen. Wie wahrscheinlich ist es, dass mir noch mal Ähnliches passiert? Wie wenn ich’s magisch anziehen würde? Das Unglück… 

Als rationaler Mensch, der Einiges über Wahrscheinlichkeitstheorie geschrieben hat, muss ich solche Gedanken doch abtun können, oder? Gut! Aber mit welcher Begründung genau?

Vielleicht ist es eine Erleichterung zu wissen, dass nicht von Unglück oder Glück die Rede wäre, wenn es sich dabei nicht um Unwahrscheinliches handeln würde. Hmm… Weniger gut. Solches Rationalisieren aus dem Begriff heraus ist unter der Würde des Sprach- oder auch Psychoanalytikers. Schließlich kann man Unwahrscheinlichkeit berechnen.

Wenn’s um die Berechnung von Wahrscheinlichkeit geht, denke ich an Christina. Christina ist genial; Christina ist Mathematikerin; und Philosophin. Christina brauche ich nicht mal anzurufen, um ihre Meinung zum Thema zu erfahren, es sei denn, ich will sie mit ihrer Stimme hören. Denn ich kenne sie gut genug, um mittlerweile eine Christina-Sektion in meinem Hinterkopf zu haben. Wenn ich über Bayessche Wahrscheinlichkeiten und Richard Swinburne schreibe, ist diese Sektion aktiv. Und übrigens jetzt, während ich das schreibe.

Sie kann’s nicht haben, wenn ich behaupte: „Es sind zwanzig Prozent für einen Februarregen in Verona und ein Prozent für einen langweiligen Tag ebendort, also 0,2 Prozent für einen langweiligen Regentag im Februar ebendort“. Wahrscheinlichkeiten komplexer Ereignisse, weiß sie, ergeben sich nicht immer aus Produkten von Wahrscheinlichkeitsgraden einfacher Ereignisse, sondern es kommt darauf an, die Ereignisse zu kategorisieren. Hat man empirische Daten über regenreiche und langweilige Tage in Verona im Februar? Wenn ja, dann kann man zu rechnen anfangen. Weiß man aber nicht, wie sich die Dependenz der Einzelfakten voneinander gestaltet (sind z.B. etwa alle Regentage langweilig?) dann weiß man zu wenig.

Worauf es für Christina ankommt, ist, die Frage zu beantworten, wie die Chancen stehen, schon wieder einen Unfall der gehabten Form zu haben. Gleichartige Unfälle, die ich hatte – ob ich Unglück anziehe, das ist der schlimme Gedanke, der der rationalen Analyse bedarf – sollten durch die verstrichene Zeit dividiert werden, die in Frage käme, das Ergebnis soll auf die Zukunft extrapoliert werden. Klingt gut!

Aaaaaber: Wie ist ein Unfall geartet, der mit einem Brand in der Küche gleichartig ist? Das Leck wegen Überladung dieser Nussschale von Boot bei starkem Wellengang (auch ein grausamer Schreck damals) ist gewiss nicht dergestalt. Das Anbrennen dieser schönen Frisur im Andrang jener Karfreitagsprozession wohl auch nicht. Zwar war dort Feuer im Spiel, aber jedem griechischen Kind passiert mal so etwas an einem Karfreitag: Zu viele Kerzen in den Händen von zu vielen Leuten!

Ich sehe nicht ein, wie die Gleichartigkeit von (komplexen!) Einzelereignissen als unangefochten gälte. Klar ist das eher ein Rätsel als die Lösung, denn wäre das richtig, dann brächte niemand seinem Unfall- und Haftpflichtversicherungsträger Vertrauen entgegen und die beste Kontingenzbewältigung wäre das Beten. Hermann Lübbe, der das Verhältnis zwischen Sicherheitsbedürfnis und Religiosität unterstrich, würde nie so weit gehen, die Preis-Leistungs-Verhältnisse von Rosenkranz und Versicherungsbeiträgen miteinander zu vergleichen und diesen Schritt möchte ich auch nicht wagen. Das einzige, was ich raten möchte, ist Folgendes: Gibt es einen gemeinsamen Nenner einer Reihe von Unfällen, dann ist Nachdenken zu empfehlen – und eine Versicherung. Gibt es keinen, dann ist Gelassenheit zu empfehlen – und eine Versicherung.


Enough with scrolling

Months after the accident. Spots of young, pink skin as well as spots on the floor are a reminiscence to the panic, the pain, the concern.

Pain and panic vanished. Concern is stubborn. What if it happens again? What if there’s something like a curse? No, no, let’s be rational now! Accidents are called so because they are accidental. They don’t have to happen. They just do. The only rational concern after havoc is one about probabilities, ergo contingencies, ergo accidental events. What are the chances to have accidents of the given sort in future given I am the person I am, live the way I live, react the way I react?

When it’s about probabilities I usually ask Christina.  Usually… I don’t always have to ask her because I know her too good. I know how she thinks. Christina is bright. Christina teaches probability theory. When I write on Bayesian probabilities and Richard Swinburne, she’s in the back of my head. She’s a mathematician and a philosopher at the same time. She hates it when I say: „It’s twenty per cent for a rain in Verona in February and one per cent for a dull day in Italy, so you have 0,2 per cent to spend a dull rainy day there“. Probabilities are not about multiplying factors but about categorising events of the same kind. She would say: „Don’t tell me how many rainy days you might have in Italy and how many dull days you’ve had there. These two things might be statistically dependent. There might be the case that all dull days are rainy. Just tell me how many dull-and-rainy days you had there out of how many. Only then can I tell you the probabilities you ask for“.

Statistics is about categorising complex events alright… But the more complex the event, the greater the difficulties to categorise it! What are the probabilities to have an accident like the one I had? You say that it is only the ratio of similar accidents to a certain period of time in the past and about extrapolating this figure to the future? And what’s an accident similar with a fire in the house? The incident when I overloaded this nutshell of a boat and only realised offshore that water leaked in, is probably not. But then perhaps accidents where fire is involved are considered to be similar with the one I had. Well, the one with the candle and the lady’s hair at the Good-Friday procession while still at elementary school is also probably not. Things like this happen at Good Friday’s processions every year: the crowd, the many candles and so on. It’s so much different than the extraordinary constellation I had in January…

I suppose that every attempt to define similarity between complex events can be said to be flawed.

Of course, I don’t really think that every event is sui generis. And I know that my insurance believes that there are complex events similar to those described in its policy – otherwise I wouldn’t have it. Religion is, to repeat Hermann Lübbe’s aphorism, a way to cope with contingent facts but I wouldn’t put on a par my insurance with prayers – although it’s difficult to define similarity of events.

At the end of the day, if similar things happen to you, you need to think about this as much as you need an insurance. And if they’re not similar after all, you need to stop thinking that it’s a curse – as much as you need an insurance.

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