Moral games

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Bereits seinerzeit hatte sich David Hume mit den Ursachen der religiösen Hasspredigt beschäftigt und bemerkt (History of England, am Anfang von Kap. 29), dass zwei antagonistische Prediger einzig und allein deshalb zu Hasspredigern werden müssen, weil sie sich selbst und ihre Botschaft gegenüber dem Antagonismus überhöhen müssen:

Eine etwaige Kompromissgeste ihrerseits wäre für Religionen, die den alleinigen Wahrheitsanspruch erheben, ein Zeichen der Unglaubwürdigkeit, so dass der andere Prediger mit polemischer Rhetorik den Sieg davontrüge. In der Naturgeschichte der Religion hat Hume dargelegt, dass monotheistische Religionen zu mehr Intoleranz tendieren als polytheistische. Um möglichst keinen Nachteil zu haben, verzichten die Kleriker auf den gemeinsamen Vorteil der Kooperation. Das ist natürlich eine Instanz des Gefangenendilemmas.

Das Gefangenendilemma ist für den Erstsemester-Wow-Effekt beliebt, den Effekt: „So dumm: würden sie kooperieren, hätten sie beide was davon und, nur weil sie es nicht konnten, bekommen sie die erdenklich schlechteste Lösung“.

Zwar nicht paradox aber gewissermaßen ähnlich ist die Situation in der Basler S-Bahn im Berufsverkehr: sie stellt ein spieltheoretisches Pessimum dar. Um auszuschließen, beiderseits bedrängt zu werden, stehen am Anfang der Fahrt blockierende Fahrgäste möglichst nah an der Tür. Der Korridor bleibt leer, um dem Blockierer wenigstens von der einen Seite ein Gefühl der Freiheit zu geben. „Von der einen“, weil auf der anderen Seite, Richtung Tür, Haltestelle für Haltestelle, die nachströmenden Fahrgäste drängen. Zweitklässler von der deutschen Schule kurz vor der Staatsgrenze, die sich nicht trauen, den Blockierer zu bitten, Platz zum Vorbeikommen zu machen; Behinderte im Rollstuhl; Omis; Fahrgäste vor der Tür, haufenweise. Der Korridor hinter dem Blockierer bleibt frei… Tja, spieltheoretisch gesehen ist das Einsteigen in die Basler S-Bahn ein Triumph der nichtkooperativen Lösungen, weil das Nash-Gleichgewicht beim größtmöglichen Nachteil der zugestiegenen Fahrgäste (gedrängt sein) und des Blockierers (für ein Idiot gehalten zu werden) liegt, was in einer eher übersichtlichen urbanen Agglomeration, wo die Leute stets aufeinander hocken (zweihunderttausend Einwohner hat der Kanton Basel-Stadt, nochmal so viele der baselländische, nochmal so viele der Landkreis Lörrach) nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.

In manchen der Großstädte, die ich kenne, Athen, München, Belgrad, wird der Blockierer geschubst. Dadurch wird der Blockierer gezwungen, nicht als Idiot zu glänzen, und ein wenig mehr Platz für die anderen gibt’s auch noch. Wie man sieht, kann das Schubsen paradoxerweise zu einer kooperativen spieltheoretischen Lösung führen.

Klammer auf:

„Idiot“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „eigenwillig“, auch „Privatmann“, „auf eigene Regie Handelnder“.

Klammer zu.

Hume hatte es in History of England, a.a.O., gebilligt, seinem avant-la-lettre-spieltheoretischen Pessimum mit einem staatlichen Eingriff entgegenzuwirken – allerdings mit keinem negativen reinforcement wie etwa das Schubsen, sondern positiv durch Bestechung. Er schlug vor, Korruption als Faktor in das spieltheoretische Modell hinzuzufügen. Der Staat erkauft den Frieden, indem er die Hassprediger dafür bezahlt, tatenlos und schweigsam zu bleiben. Korrupte Hassprediger sind zu Kooperationen bereit und deshalb ehrlichen vorzuziehen.

Idioten lassen sich weniger vom Schubsen beeindrucken, deshalb klappt das Platzmachen wohl nur in Großstädten, wo es mehr Schubser gibt. Das Schmieren von Hasspredigern sollte unabhängig vom Standort gelingen.

Enough with scrolling

In the beginning of ch. 29 of his History of England, David Hume states that clerics of two antagonistic „sects“ cannot but propagate religious hatred. Especially in monotheistic religions (he thinks in the Natural History of Religion that these are more intolerant than the polytheistic), any gesture of compromise would make the (superstitious) public believe that the message is unreliable, the antagonistic cleric would achieve a victory on the symbolic level if he continued to preach a

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in the struggle to preach more hatred than the others. This is, of course, an instance of the prisoner’s dilemma.

First-semester enthusiasts love the prisoner’s dilemma for the clear insight it gives: „It’s so stupendous not to be able to have the common advantages of cooperation only because you didn’t bother to talk to the other“.

Game theory is an issue in the Basel suburban morning trains too. Those who get on the train early want to ensure that they will have the illusion of some comfort at least from their one side. This side is the corridor. It can’t be the door area, from the other side, since the door opens every two or three minutes at every train stop for more passengers to embark. Consequently, the early bird stands in front of the corridor so that no one would pass by. The kids of the German school close to the state border, the emigrant without knowledge of German, the old woman who doesn’t know that there are handles to hold on in the corridor, would rather not dare protest. The corridor remains empty while the door area has the desperation but not the anger of a riot. Yes, getting on the Basel suburban train is a triumph of noncooperative game-theoretical solutions, since the Nash-equilibrium is the worst of cases: the one party is squeezed until they reach the main station, the other is the blocking blockhead. In an urban agglomeration of totally six hundred thousand inhabitants (one third of this is the population of the city, the population of the neighbouring German towns make up another third, the last third, finally, are the inhabitants of the canton Basel-Landschaft) this is not always without reidentifications of the kind „I know him, he lives across the street where my sister lives“.

In some big cities I happen to know better, Athens, Munich, Belgrade, the blocking individual will be pushed to give way. The others give him the chance to stop being an idiot and they get some extra space for this service. As one sees, pushing can be a cooperative game-theoretical solution.

I know that it is offensive to speak of an „idiot“. I ask the reader to acknowledge the mitigating circumstances. One of them is the fact that the word is of Greek origin and means „of his own“.

Hume thought it a good measure to block the game-theoretical pessimum of religious hatred he had in mind centuries before its time, by means of a positive reinforcement (instead of a negative like pushing): bribing the clerics for their indolence – but only for their indolence. Corrupt clerics are more cooperative than honest fanatics who would rather launch polemics.

One thing is that you can’t impress a blockhead by pushing. This is presumably the reason for the more cooperative nature of train crowds in big cities where pushing is simply more frequent. In contrast, bribing hatemongers is a measure that works independently of location.

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