Dialectique négative

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Paris ist eine Stadt, deren Geistesgeschichte mehr als die von jeder der mir wenigstens bekannten Städte multikulturell ist. Die Geistesgeschichte des Orthodoxen Christentums wäre im 20. Jh. ohne die russischen Émigrés von Paris, vor allem Sergej Bulgakov und Nikolaj Berdjajew, ein Herumtaktieren von ungebildeten Bischöfen. Ohne Levinas wäre der Talmud eine für Außenstehende uninteressante Erscheinung jüdischen Lebens. Der Islamismus ist tragischerweise auch das Kind der Pariser Toleranz – man denke an Homeinis Pariser Jahre – und ohne Sartre wäre Heidegger ein von Cassirer in Davos bereits auseinandergenommener Altnazi. Ich wage auch zu sagen: Ohne den Mai 68 und seine Vorstöße in Unipolitik (mit Bologna längst zurückgenommen) sowie in der Wissenschaftsmethodik (ich meine den Bourbakismus – im Grunde richtig, aber leider didaktisch falsch) wären die Kritische Theorie als eine Frankfurter Provinzerscheinung und David Hilbert als ein Phantast im Gedächtnis geblieben.

Paris kann es sich leisten, das Andere als Eigenes darzustellen. Keine andere Stadt in Europa kann ein Hundertstel davon an Akzeptanz für Neues aufbringen, was in Paris selbstverständlich ist – wenn’s reicht…

Paris lässt sich als seine eigene Verdrehung feiern. Das ist der Fall, wenn der Lamborghini-Fahrer den Wagen inmitten einer Kundgebung der „gilets jaunes“ parkt, um selber mit einem gelben Oberteil auszusteigen;

Das ist der Fall, wenn Plätze auf dem Eiffelturm, die zum Küssen geeignet sind, von Amts wegen ausgewiesen werden.

Der Vermieter meines Airbnb-Appartements entpuppte sich als Philosoph. Er hatte eine Wand voll mit Kontinentalphilosophie plus Aristoteles (eigenartig, aber so sieht er wohl Aristoteles) und zwei Wände mit analytischer Philosophie samt analytischer Psychologie, Zahlentheorie und Analysis. Kontinent hier, Analyse da (Bilder nachstehend).

In einem Sinn geordnet. Es ist die Ordnung einer anderen philosophischen Kultur, ja Stadtkultur, die jeden versteht und von uns, Nichtparisern und Nichtfranzosen, unverstanden bleibt. Obwohl sie die wichtigste in Europa seit dem 13. Jh. ist.

PS: Es gibt Wege, auch in Paris, sich mit plumpem „Mir-san-mir“ bzw. „Mымы“ unbeliebt zu machen. Dass der Gastgeber den Gast akzeptiert, heißt nicht, dass der Gast die Sau rauslassen darf. Ich meine, dass die russische Dreifaltigkeitskirche respektlos gegenüber dem Stadtbild ist.

Anders kann ich es nicht nennen. Jedenfalls zündete ich eine Kerze vor der Mutter-Gottes-Ikone an, die Patriarch Alexius II. der Notre Dame seinerzeit geschenkt hatte, und betete, dass der russische Maximalismus in unserer Kirche, auch seine Ablehnung der ökumenischen Bewegung ein Ende nimmt. Meine Sympathie ist zwar sowieso für die Auslandskirche, aber es trifft mich schon, wenn Moskau sich blamiert.

Enough with scrolling

By accident, the Airbnb flat in Paris turned out to be a philosophical nest. There was a wall full of continental philosophy plus Aristotle and two walls with everything you could coin as „analysis“ in every possible meaning: analytic philosophy, psychoanalysis, number theory and functions. An order of some kind… An order of a philosophical culture that’s theirs, not ours. However, this is not easily said. Paris, you see…

… has been attempting for ages now to see itself through your eyes as a foreigner. Aquinas was a foreigner there, Duns Scotus also. Berdyayev too, like Ionesco and Koyré. And Homeini… Also the Greek left-wing terrorism wouldn’t be what it is without Paris. In 1974, it was Sartre who brought the claim of responsibility for the first murdered junta officer to the Humanité – which refused to publish it.

Talking about Sartre: Would Heidegger be something more than a stubborn nazi with a strange reading of Kant ultimately defeated by Ernst Cassirer in Davos in 1929, if Sartre hadn’t made him interesting? And would the Orthodox Church be something more than a relict if Paris and Gabriel Marcel personally hadn’t given Berdyayev and Bulgakov (and Florovsky – a Homeini always lurks) the chance to change it? Would Hilbert be more than a failed futurologist without the Bourbaki group? I conclude from all these rhetorical questions that Paris is a model for Homi Baba’s postcolonialism. By appropriating what is yours, it makes it what it is.

Paris is also a model for negative dialectics. Not only because – according to the aforementioned line of argument – the Frankfurt School would not be what it is without the Paris students‘ uprising in 1968. Today also, Paris celebrates its being its own opposition. The lamborghini owner who parks the car among the yellow vests and poses in front of it wearing a yellow shirt…

… as well as the places on the Eiffel Tower suitable to kiss are my witnesses for this.

Paris has so much culture that it can afford your being there as an exotic intellectual. No other city in Europe can afford this.

PS: This does not include the Russian Orthodox Church of the Holy Trinity.

Even in Paris you can ridicule your own otherness by using architectural forms you would find passé, outdated and militant at home. I’m more sympathetic to the Russian Church Abroad anyway, but this does not mean that I’m happy when the Moscovites turn disconcerting. I lit a candle in front of the icon of the Holy Mary that Aleksey II. of Moscow had brought as a gift to the Notre Dame and prayed for today’s Russian maximalism and isolationism to come to an end. At least in matters ecclesiastical and spiritual.

 

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