Wenn die Zeilen…

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… kurz sind,

dann lassen sie einen vom Paradigmenwechsel träumen, den man sich herbeiwünscht.

Im Kontext kommt allerdings die Ernüchterung.

Paradigmenwechsel hin oder her, bei der idealen Zeilenlänge sollte man die Kirche im Dorf lassen: zehn bis zwölf Wörter! Basta!

Wer also diese Zeilen auf dem Handy liest und zwar so: 📱 , sollte das Gerät 90 Grad nach links oder rechts drehen.

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Enough with scrolling

The reason I stumbled upon this poster was probably the fact that the lines are short and it hyphenated “ecological” to read in the subsequent line “logical”. If you add that the next word is “change” and that I do propagate a paradigm change in logic, meaning that rationality gaps and gluts can occur under certain, nevertheless very rare, circumstances…

…well, then you can figure out why I was irritated.

The ideal line length is ten to twelve words. No paradigm changes there!

So, if you are reading this on your mobile device, well, that’s not the way: 📱

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Ockham neither lies nor lies here

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Wenn ich dieses Blog für Reiseeindrücke gebrauche, dann meistens, um auf Verstecktes, Unbekanntes hinzuweisen. So z.B. auf die Höhle unweit meiner Wohnung in Attika, die Platon als Vorlage für das Höhlengleichnis gedient haben soll, oder auf die euböische Legende über die Gründe (und Meeresgründe), die angeblich am Tod des Aristoteles auf meiner (seiner) Insel schuld wären.

Vor einer Woche, wieder ausnahmsweise in München, was komisch ist, denn ich kann mich nach 23 Jahren dort wohl auch nach meinem Weggang einen Münchner nennen, dachte ich, dass ich wieder über einen philosophischen Blick hinter die Kulissen schreiben kann.

Das Münchnersein des Wilhelm von Ockham ist mit meinem vergleichbar: Ockham kommt 1330 (663 Jahre vor mir) als Ausländer an den Hof Ludwigs des Bayern. Richtig am Hof lebte er nicht, obwohl er oft dort – ein kaiserlicher Berater doch – gewesen sein muss. Der damalige Hof befindet sich südlich des heutigen Nationaltheaters. An Stelle des letzteren sowie auf dem weitläufigen Vorplatz, ein paar hundert Schritte vom Hof entfernt, befand sich damals das Franziskanerkloster, wo Ockham hauste, den Vorgänger des heute weltweit bekannten Münchener Franziskanerbiers trank und Polemiken gegen den Papst schrieb.

Siebzehn Jahre nach seiner Ankunft in München stirbt Ockham und wird im Münchener Franziskanerkloster  bestattet – so jedenfalls das Sterbejahr auf einem Grabstein, der allerdings keine zuverlässige historische Quelle darstellt, weil er aus dem Kirchenchor stammt, wohin Ockham lange nach seinem Tod umgebettet werden sollte. Komischerweise bittet allerdings ein Jahr nach dem Datum auf dem Grabstein, 1348 also, ein gewisser Münchner Guilelmus de Anglia den Papst um Vergebung. Als im frühen 19. Jahrhundert zwischen der neuen Residenz und dem Alten Hof das Bayerische Nationaltheater gebaut wird, weicht das Franziskanerkloster den Musen. 1932 entdeckt Lucas Wadding besagten Grabstein neu und unterstützt die These, dass dieser nur deshalb 1347 als Todesjahr angibt, um die Annahme zu bekräftigen, Ockham könne nicht der Münchner “Guilelmus de Anglia” sein. Rudolf Höhn pflichtete Waddings These bei. Unter den Ockham-Experten hielt nur Gedeon Gàl ab 1982 am Grabsteindatum fest – wohl zu Recht, nachdem er das Original der Petition wiederentdeckte, wo der besagte Münchner Guilelmus de Anglia als Freund Ockhams ausgewiesen wird – was wohl zeigt, dass er nicht Ockham war. Was für eine schöne Geschichte: Der Namensvetter und Landsmann in der Fremde: Der ja! Der konnte weiche Knie bekommen, das alte Franziskanersigel an den Papst Clemens VI. nach Avignon schicken und huldigst um Vergebung bitten; nicht jedoch Ockham, der unverrückbare Logiker, wo es doch darum ging, die Wahrheit zu verteidigen! Gàls Position erscheint schlüssig, aber mehr Beweisstücke wären natürlich hilfreich. Bloß gefunden konnten sie nicht mehr werden.

Ohne vorherige archäologische Untersuchung war 1963, was unterirdisch unter dem Kloster übrig geblieben war, der Tiefgarage gewichen, die man heute kennt. Nachdem ich diese ein paarmal in einem Vierteljahrhundert zum Parken benutzte (zunächst hatten wir einen Golf, einen weißen; dann einen roten Golf, Turbodiesel; dann einen Opel, das Modell weiß ich nicht mehr), habe ich sie nun zum ersten Mal als Pilgerstätte besucht.

Das unmittelbare Ambiente ist pietätlos, hat allerdings genau die Klarheit und die Wahrheit, die man von einem Logiker erwartet.

Enough with scrolling

Rarely, I use this blog to give glimpses the reader can expect to find in a philosophical Lonely Planet guide. But even then, they have to be very special, too well hidden behind the surface like the (literally subterranean) Plato’s real cave that turned out to be near my place in Attica or the (literally submarine) personal crisis that Aristotle allegedly failed to get over vis-à-vis the Euboean tides.

What I’m writing today will be something very similar and, indeed again subterranean.

In mid-June I visited Munich for a short time, which feels strange, especially the word “short”, since I lived there 23 years long. William of Ockham’s stay in Munich was only a bit shorter. He went there in 1330 (663 years before I did) and took refuge on Ludwig the Bavarian’s court. Albeit an imperial advisor, Ockham’s place was a monk’s cell in the back-then Franciscan abbey, a couple of hundred yards to the north of the court, where one finds today the Bavarian National Theater and the generous Max-Joseph Square in front of the loggia. There, Ockham drank the beer that was to become today’s famous Franziskanerbier of Munich and wrote polemics against the Pope.

Seventeen years after his arrival in Munich, Ockham dies and is paid the last respects there. Much later his grave is moved to the choir. In the early 19th century the Abbey makes place for the Opera (alias Nationaltheater). Lucas Wadding rediscovers in 1932 Ockham’s gravestone, i.e. the one that stood in the choir, according to which the venerabilis inceptor died in 1347. But, strangely enough, a petition sent to Pope Clemens VI in 1438, one year after the year of death on Ockham’s gravestone, a certain “Guilelmus de Anglia” sends the old seal of the Franciscan Order from Munich to Avignon and asks for forgiveness for decades of polemics. Rudolf Höhn publishes a picture of the gravestone in 1950 and, agreeing with the aforementioned Lucas Wadding, insinuates that the year 1347 on this stone was not only mistaken, but also intentionally so, due to the wish to see Ockham as a person who never apologised for his polemics against the Pope. Only Gedeon Gàl opposes to this position. In fact, Gàl rediscovers in 1982 the original of the petition in which said Guilelmus de Anglia is identified expressis verbis as Ockham’s friend. This straightforwardly means that he was not Ockham. The compatriot, an English émigré in Munich by the same name but without a logician’s firmness might lose his courage. Ockham however cannot but defend the truth! This is Gàl’s message. New evidence would have been helpful to back this nice story, one that was based on one single document. But in 1963 the underground parking lot in the form we know it today was built. The construction had made quick progress because no one remembered to ask the archaeologists to make an excavation first.

In the past quarter of a century I have used the parking lot under the Max-Joseph Square in Munich to park different cars we owned. First a white Golf, then a red Golf, then – I think – an Opel, don’t ask me about the model etc. In mid-June I visited it for the first time as a pilgrim.

The direct ambience is impious but it has exactly the transparency and truth you expect from a logician.

Familiarissimus nominalis

Guido

Whenever we met, we called this a “family meeting”. By now, no member of the family lives in Munich anymore. We try to keep in touch and, actually, we do so mostly by being productive and by making the others notice our work. This is the case with Guido Imaguire’s latest book on Priority Nominalism, to a reading sample of which I am linking here.

Artificial art

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Patrick Tressets Malroboter können die Konturen von Gesichtern zeichnen. Trotzdem sehe ich sie von der künstlichen Intelligenz weit entfernt.

Eine intelligente Maschine sollte in der Lage sein, sich zu entscheiden, dem als wahr, gut, schön Empfundenen zu entsprechen oder nicht. Sie sollte sich täuschen, sündigen, das Thema verfehlen können, damit man zelebrieren kann, wenn sie sich doch nicht täuscht, wenn sie doch nicht sündigt, wenn sie das Thema doch nicht verfehlt. Intelligenz und Fehler gehen wie Verfehlen und Lernen Hand in Hand.

Maschinen geben aber immer das als Output, was man von ihnen erwartet.

Wenn wir jemals intelligente Maschinen bauen, werden diese zum Scheitern fähig sein. Daher werden sie auch moralisch scheitern, unehrlich sein können. Sie werden z.B. lügen, uns Sachen vorgaukeln können. Dem zu Folge werden sie uns dermaßen ähnlich sein, dass wir keinen Vorteil von ihnen haben werden, ergo auch keinen besonderen Anreiz, sie zu bauen.

Patrick Tressets “Pauls” (so nennt der Künstler seine drei Computer samt Tool zum Malen) fertigen Porträts an, die mal mehr, mal weniger gelungen sind. Aber gelungen im Sinne, dass sie das darstellen, was die Maschine kann, sind sie immer. Das ist zu geradlinig und ehrlich, um intelligent zu sein.

Enough with scrolling

Patrick Tresset’s drawing machines can draw the outlines of faces. Nevertheless I would not call them cases of artificial intelligence.

An intelligent machine should be able to decide whether to conform with what you and me say it is true, good or beautiful. This could be the intelligent machine’s error as much as it could be, of course, ours, but an error does not make you any less intelligent. In contrast, being intelligent means learning from one’s own mistakes. We are justified to celebrate our intelligence only because we pass close to mistakes, logical ones, moral ones, artistic ones or you name it, but our intelligence prevents us from committing them. If a machine is unable to make mistakes anyway, there is no point to rejoice for its not making any.

If we ever find ourselves in the position to construct intelligent machines, these will be akin to us in their disposition to fail as well as in their ability to avoid or – since moral failure, lying, can give you an advantage – in fact to use failure to deceive.

Who would have any interest to construct them then? What would the benefit be?