A belated obituary for a teacher

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Ihr Tod liegt bereits ein Jahr zurück. Würde ich immer noch in Südostattika wohnen, wo ich aufgewachsen bin und sie gewirkt hat, hätte ich das früher erfahren.

Sie war die Ikone der antiautoritären Erziehung in Griechenland, die Vertreterin einer Pädagogik, die in Griechenland keine Wurzeln schlug, frühere Assistentin an der Athener Capodistria-Universität, recht früh in ihrem Leben Gründerin der Schule, die meine Schule werden würde, damit auch Eigentümerin einer Firma, die in den 80ern Insolvenz anmelden musste, als die “Panhellenische Sozialistische Bewegung” von Papandreou Senior beschloss, den Privatschulen den Garaus zu machen.

Sie war politisch liberal, pädagogisch und philosophisch eine Adlerianerin, irgendwann wurde sie meine Lehrerin und die Person die – Uni hin oder her – mich in Sachen Erziehung am beständigsten beeinflusst hat.

Ihre Vision war eine Schule ohne Strafen (“Nächstes Mal denkst du, bitte, an deine Hausaufgabe”), wo der Druck emotionaler Natur sein musste (“Mach’s für mich”), mit Schülern, die sich nie mit den anderen, sondern mit sich selbst messen (“Noten kann ich euch schon geben – wenn ich sicher sein kann, dass ihr untereinander nicht vergleicht” – hier stach Adlers Individualpsychologie besonders hervor).

Für die neue Schule in Südost-Athen engagierte sie Kairoer und alexandrinische Lehrer, die Ägypten nach 1952 wegen ihres britischen Passes hatten verlassen müssen.

Wie gesagt erwies sich das Projekt private antiautoritäre Schule in Südostattika spätestens bei der Sowjetisierung des griechischen Bildungswesens in den 80ern als untragbar: Zeitungen frohlockten in den Schlagzeilen, dass jetzt nur noch Schüler der staatlichen Schulen gute Chancen hatten, die Universitätsaufnahmeprüfungen zu schaffen. Was wahr war, wenn man bedenkt, dass die Prüfungen so konzipiert waren, dass, wer das staatliche Schulbuch nicht auswendig gelernt hatte, die Aufnahme willentlich erschwerte.

Werke von ihr zur Pädagogikgeschichte und zur pädagogischen Psychologie gibt es nur in griechischer Sprache. Auch griechische Verse hat sie geschrieben. Erst vor ein paar Monaten entdeckte ich in meinem alten Papierkram ihr Gedicht wieder mit dem Titel “Wenn du es kannst”, eine feministische Antwort auf Rudyard Kiplings “If”, die Mütter statt Männer anspricht.

Ihr Name war Voula Tsamtsouri-Anestopoulou (1925-2018)

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She died one year ago. Being between Switzerland and Germany I don’t quite keep up to date with news from Greece, so I hadn’t known until today.

She was the icon of antiauthoritarian education in Greece. The founder of the school I visited, eo ipso of a private company that went bankrupt and an adherent of a pedagogical model that failed to make deep roots in Greece. She was a former fellow at the Education Department of the University of Athens. She was a liberal and an Adlerian.

She was my teacher and the person who mostly influenced me in pedagogics.

Her vision was a school without penalties (“Next time think of your homework”), with much emotional pressure to achieve goals (“Do it for me”), with pupils who never (never) compare themselves with the others in terms of output (“I shall give you a mark only if I can be absolutely sure that you are not going to compare it with other people’s marks” – a clear tenet of Adler’s individual psychology here). She hired many Anglogreeks from Egypt, teachers expelled from there in the aftermath of the 1952 revolution.

The school closed in 1983 amidst populist harassment in a time of “Sovietisation” of Greek education: newspapers hailing in the front pages that only public schools could make one pass the A-levels. Which was true if you consider that the exams were designed for people who would only retrieve what they had stored in their short-term memory.

Her writings on the history of education and on pedagogics are only in Greek. She also wrote Greek poetry. Only a couple of months ago, I rediscovered her poem titled “If you can”: a feminist answer to Rudyard Kipling’s “If” addressing mothers rather than men.

Her name was Voula Tsamtsouri-Anestopoulou (1925-2018).

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Mereological fallacy and possible worlds

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Bekanntlich warnt Aristoteles in den Elenchi 178b35-36 vor dem mereologischen Fehlschluss: Das Ganze ist nicht auf die Teile zu gleichen Teilen zu distribuieren. Wenn eine vierköpfige Familie acht Stück Pizza isst, dann heißt das nicht etwa, dass jede einzelne dieser vier Personen zwei Stücke ihre eigene nennen kann. Denn es kann z.B. sein, dass Mama und Papa je drei Stücke und die Kinder je eines essen. Zu Recht weisen die Mathematiker darauf hin, dass auch Mittelwerte nicht an einzelne Summanden zugeschrieben werden. Das ist überhaupt die Bedeutung des Wortes “durchschnittlich”, wenn – um beim obigen Beispiel zu bleiben – jedes Mitglied einer vierköpfigen Familie durchschnittlich (oder im Durchschnitt) zwei Stück Pizza verzehrt.

Die schweizerische Warnung auf der Zigarettenschachtel enthält die Wörter “im Durchschnitt”, wenn sie jedem Raucher ein 14 Jahre kürzeres Leben als das des Nichtrauchers drohen lässt. Es gibt ergo hier keinen logischen Fehlgriff, oder?

Weit verfehlt! Mit dem Hinweis auf 14 verlorene Jahre “ihres Lebens” stellt die deutsche Fassung der Mahnbotschaft die Raucher in eine zukünftige mögliche Welt, in der sie Nichtraucher sind und 14 Jahre länger als in einer anderen zukünftigen möglichen Welt leben, in der sie Raucher bleiben. Das Possessivpronomen spezifiziert die 14 verlorenen Jahre ausschließlich in Bezug auf diese letztere mögliche Welt und stellt einen mereologischen Fehlschluss dar. Der Ausdruck “im Durchschnitt” ist dann sinnlos. Es gibt keinen Durchschnitt, wenn die Datenmenge aus einem einzigen Wert besteht.

Die französische und die italienische Warnung bleiben logisch koscher. Es stellt sich nun einerseits die didaktische Frage, ob logische Korrektheit der gebotenen pädagogischen Wirkung dient; andererseits die moralische, ob die Logik der pädagogischen Wirkung hinterherhinken soll.

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In the Refutations 178b35-36, Aristotle urges to avoid the mereological fallacy, one that attributes every part of a whole, properties deduced from the whole. If the only thing you managed to find out about Donald Duck and his three nephews tonight is that they ordered one pizza, you still do not know whether each of them ate two pieces. Of course, they can be said to eat two pieces each in average but an average is a mathematical entity, not something you really eat.

Like many things in Switzerland, the antismoking warnings are in three languages: German, French, Italian. The German reads:

Life-long smokers lose in average 14 years of their life

The word “average” seems to make the equal distribution of less life expectancy acceptable. But then what is the meaning of the possessive pronoun? How can a smoker accept that of all possible worlds, the one in which he will live exactly 14 years less than the possible world in which he quits smoking will be an “average”? An average of what? Of all the possible worlds? When we individuate the sample (“their life”) average talk turns to nonsense and the number 14 appears to rely on a division of total years by subjects without reference to an average. But this is exactly the mereological fallacy.

And, yes dear reader, the French and the Italian versions are logically well-formed and less moralistic eo ipso. One can say that an educational effect is more preferable to avoiding logical flaws. But it is also a moral duty to educate people without using their irrationality.

Referring to nonexistent kings in Alto Adige

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In seinem legendären Aufsatz “On Denoting” zeigte Bertrand Russell, dass der Satz “Der heutige König Frankreichs ist glatzköpfig” viel komplexer als angenommen ist, so dass er nicht einfach verneint werden kann. Denn eine einfache Verneinung könnte meinen, den König gäbe es ja, bloß wäre er behaart.

Ähnliches kann zum Foto oben gesagt werden. Den Satz: “Die Bayerische Hofapotheke befindet sich in Meran” bejaht man nur unter der Gefahr der Missinterpretation, es gäbe auch einen bayerischen Hof.

Anders als bei der königlichen Glatze kann hier jedoch eingewendet werden, die Existenz der Apotheke lasse den entsprechenden Königshof nicht existieren, weil die Worte “Bayerische Hofapotheke” keine Kennzeichnung im Sinne Russells sei. Man könne zwar existente Glatzen keinen nichtexistenten Königen gehören lassen, aber Apotheken können sich auf bayerische Könige, bayerische Robben, ja sogar auf bayerische Weltbürger beziehen ohne die Gefahr, sich wegen der Bezugnahme auf Nichtexistentes lächerlich zu machen. Die “Bayerische Hofapotheke” ist nach Kripke ein nicht ferner analysierbarer Eigenname.

Nun hat mir Kripkes Theorie der Eigennamen aus – sagen wir – weltanschaulichen Gründen, die mit der Namensgebung in Griechenland zusammenhängen, niemals richtig gefallen. Wir erfahren in Platons Politeia, dass der Messerhersteller Kephalos nach seinem Großvater benannt worden war und dass er seinen Sohn, dem bekannten Redner Lysias, nach seinem Vater benannt hatte. Nomen est omen. Ich heiße auch so wie mein Großvater als Träger – so hoffte man – seiner Eigenschaften: guter Bauer, Frauenliebling, kommunistischer Lokalpolitiker und Bürgermeister in der Zeit der Landvergabe in den 20ern. Aus solchen Hoffnungen, in solche Fußstapfen zu treten, wurde wohl nichts aber Russells Theorie der Eigennamen bleibt mir sympathisch, weil sie genau solchen Bräuchen Rechnung trägt, bei denen man mit dem Namen auch nichtessenzielle Eigenschaften weiterzugeben dachte. Mein Namenstag ist auch so ein Beispiel: nicht am 16. August, dem Tag des heiligen Stamatios, sondern an Michaeli, weil es ein südgriechisches Verständnis von Michael als Türwächter am Ikonostas gibt und das Verb “stamato” auf Mittel- und Neugriechisch “zum Stehen bringen” heißt. “Derjenige, der (andere) zum Stehen bringt” – mein Vorname also – ist logisch gesehen eine zum Eigennamen “verkrustete” Kennzeichnung – die nach Volksglauben auch dem Erzengel Michael zukommt.

Das sind Gründe für meine Präferenz für Russells Theorie der Eigennamen. Auf die italienische Apotheke pfeife ich. Italien weigert sich sowieso, sich in klassische Theorien einzufügen.

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In “On Denoting”, Bertrand Russell showed that the sentence: “The present king of France is bald” is much more complex than ordinary language makes one think. If you negate it, you can be taken to mean that France has a hairy king. And you surely do not want to affirm this.

The case with the “Bavarian Royal Pharmacy” in Merano, North Italy, is similar. You must affirm that there is one there at the latest when you see it but then you can be mistaken to assume the existence of a Royal Court of Bavaria.

This risk is not there if you are Kripkean: no name of any pharmacy is like someone’s haircut because, unlike the latter, pharmacies can be named after nonexistents. A king’s haircut describes a part of a king presupposed existing. A pharmacy’s name does not presuppose the existence of the thing that was initially described by this name. You can name the pharmacy “Sherlock Holmes” or “Bavarian King” – even “Bavarian Liberal” without running danger to describe the – nonexistent – Bavarian kings and liberals.

Like I said: if you are Kripkean, i.e. if you think that proper names are not descriptions.

Myself, I have to confess that I always preferred Russell’s account of proper names to that of Kripke. According to Russell, proper names are linguistic fossils that emerged out of descriptions. I like this idea. And I like it for – I continue my confession – reasons religious or almost religious. Plato informs us in Republic that the knives manufacturer Kephalos had his grandfather’s name and named his son, the famous Lysias, after his father. I also bear my grandfather’s name. The hope was that I would be eo ipso a bearer of his properties. A remarkable farmer and a Casanova and a local politician of the Communist Party and mayor during the land distribution in the 20s. Things evolved quite differently but these are the customs of which Russell’s theory makes sense: customs that stipulate that nomen est omen. And it also makes sense of the fact that my name day is not on the saint’s day, on August 16th, but on Michaelmass. There is, you see, this interpretation of St Michael as a doorkeeper of the chancel, as one who prevents the non worthy to enter. And the verb “stamato” from which St Stamatios’s and my name stem, means “to prevent”.

Kripke remains, of course, the mainstream view and one that tells you that you do not need to bother about proper names of Italian pharmacies referring to Bavarian kings since proper names do not bear witness of nonessential properties. Nomen non est omen. This is a refutation of Russell’s view on proper names that makes so much justice of the customs of my Greek – in fact previously Venetian – island. But, I mean, this is Italy: stubbornly denying to comply with classical theory.

From another land III: Prescriptions as facts and conservatism

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Das ist meine dritte Erinnerung an die Nordsee.

Heute: Der Elbtunnel.

Die Begründung einer Regel mit Hinblick auf Tatsachen ist den Inbegriff des naturalistischen Fehlschlusses. Der naturalistische Fehlschluss ist auch dann gegeben, wenn besagte Tatsache darin besteht, dass die Regel schon immer galt. Denn, dass die Straßenverkehrsordnung im Elbtunnel bis dato gilt, begründet nicht, dass sie dort weiter gelten soll.

Gleichzeitig sind solche naturalistischen Fehlschlüsse häufige Verteidigungen des Konservatismus: “So war’s immer bei uns. Lassen wir doch die Kirche im Dorf”.

Nichts gegen die Kirche im Dorf und nichts gegen die StVO, aber der Grund, aus dem wir Beides pflegen, ist nicht, dass wir dasselbe schon lange gepflegt haben.

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This is my third memory of the journey in northern Germany and one that pertains to the naturalistic fallacy and to a hidden relation it bears to conservatism.

In the tunnel that connects the two banks of the Elve delta, the municipality of Hamburg tries to make pedestrians and bicyclists comply with the traffic rules by reminding that the tunnel started operating by laying down these rules. Bicycles and pedestrians had to behave like they had to act on the streets of the city.

Founding a deontic rule by reference to a state of affairs is an instance of the naturalistic fallacy. It is still a naturalistic fallacy when you say that a rule has to hold because it has been valid before. Because from the fact that the rule has been a prescription, it does not follow that it should continue to be a prescription.

Rebecca Horn

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Wer Texte schreiben will, statt Kunst zu machen (hier am Beispiel von Werken Rebecca Horns, gegenwärtig im Basler Tinguely-Museum zu sehen), sollte Texte schreiben. Die Konzeptkunst ist selbstverleugnend.

Im Gegensatz zur Konzeptkunst steht die kantische Kunst, d.h. dekorative Kunst, die nur wegen unseres Wohlgefallens und keines Interesses am Objekt bewundert wird. Die kantische Kunst widerspricht sich: Niemand bewundert das Unattraktive.

Die Kunst, die die meisten kennen, befindet sich in der Mitte – genau der Stelle also, die Horn nicht kennt.

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After a visit of the Rebecca Horn exhibition at the Tinguely Museum in Basel, Switzerland:

Artists who would rather like to write texts, should rather write texts.

In the antipodes of conceptual artists you have the Kantians, i.e. artists who try to depict objects in which the spectator is desinterested albeit aesthetically satisfied. To disable interest in a human body, Kantians would rather depict human bodies that do not appeal to one’s libido. However, this invites a contradiction. Who would be satisfied from something explicitly unattractive?

The art most people know lies in the middle between conceptual and Kantian art. Horn avoids this spot.

Auguste mena kai thee…

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… se senane orkizomaste,

pali tou chronou na mas vreis

sto vracho na philiomaste.

schrieb Odysseas Elytis Anfang der Siebzigerjahre (frei in etwa: “Dir, Augustus, Monat und Gott, / schwören wir, wie wir müssen, / auch nächstes Jahr am Felsen zu sein, / um uns nochmals zu küssen”).

Nicht nur für Belletristik und Küsse an Meeresfelsen, sondern auch für Sachbücher eignet sich die Muße des August. Unlängst machte etwa das Börsenblatt des deutschen Buchhandels auf die neue, von Ludger Jansen und mir herausgegebene Reihe, aufmerksam.

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Augustus, month and god,

to thee we solemnly vow

next year beside the crags again

to kiss just like now.

Elytis wrote these verses in the early seventies. They can mislead you to think that the moments of leisure in August are only for the belles lettres and for open-air kisses.

An extra reading option is given in the recent recommendation of the first title of the new series I edit together with Ludger Jansen by the periodical publication of the German bookstores association.