Cocooning

Volumina II, pp. 1538.

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Öffentliche Auftritte des mir unbekannten Ausleihers sind erst nach dem 16. Dezember zu erwarten.

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Don’t expect to see the borrower in public until Dec 16.

Pasta ontology

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Gattungsnamen werden in der Sprache meistens wegen des Stoffs ihrer Referenz gebildet. Alles, was mit Eier enthaltendem Nudelteig gemacht und in Wasser gekocht wird, heißt Pasta, ob Spaghetti oder Pappardelle oder Farfalle oder Puntalette oder… Es sind die Zutaten, die bei der Namensgebung von “Pasta” Pate stehen! Wer meint, mir gehe es um Don Corleone, kennt dieses Blog nicht.

Denn es gibt Pasta außerhalb Italiens und Appellativa, die sich nicht auf Stoffliches beziehen.

Der Trachanas war jahrhundertelang die haltbare Substanz der byzantinischen Armeeküche. Die Osmanen haben die byzantinischen sonnengetrockneten Brösel aus in Ziegenmilch gekochtem Weizenmehl adoptiert und nur wenig anders als die Griechen ausgesprochen: Tarhana. Am Ende eines anstrengenden Wandertages brauchte der mittelalterliche vagans, ob Soldat oder Missionar, wenn er nichts anderes gefunden hatte, nur eine halbe Handvoll Trachanas und etwas Wasser für seinen Topf und sein Feuer. Der Trachanas, leicht über längere Distanzen zu tragen und in kleinen Mengen zu großen Suppen zuzubereiten, erhielt einen wochenlang am Leben und blieb, wenn er nicht aufgebraucht war, jahrelang haltbar bis zur nächsten Slawenmission. Aber auch nach den Slawenmissionen erwies sich der Trachanas manch einem Griechen als rettend. In Bonn, in den 90ern, während der griechischen Bankenstreiks, die mein Stipendium monatelang auf der Strecke blieben ließen, wäre es ohne Trachanas eng um meine Existenz geworden. Rafik Schami erwähnt ihn in einem ähnlichen Kontext.

An der mittleren Donau feierte der Trachanas größere Siege als die Konstantinopler Zeloten, ebenso als Istanbuler Janitscharen. Im Spätmittelalter wurde er in Ungarn adoptiert. Bis heute hasst manch ein ungarisches Kind eine gleichnamige oder fast gleichnamige Beilage; was heißt, es hasst Trachanas, wenn die Fast-Gleichnamigkeit als Synonymie oder – da Griechisch und Ungarisch verschiedene Sprachen sind – als Übersetzung gilt.

Vorsicht aber: Das ungarische Tarhonya ist zwar dem griechischen Trachanas und dem türkischen Tarhana zum Verwechseln ähnlich, weist aber keine Spur Ziegenmilch auf. Stattdessen hat es Ei. Mit anderen Worten ist Tarhonya nichts anderes als Pasta: eine Pasta, bei der der ungarische Versuch einzig und allein darin besteht, einem mediterranen Nahrungsmittel äußerlich zu ähneln. Denn lediglich Tarhonyas Form im Rohzustand erinnert – und zwar stark – an das byzantinische Original. Der ungarische Name in Anlehnung an einen mittelgriechischen weist auf eine Form-, keine Materienähnlichkeit hin.

Es ist nicht immer der Stoff, der für den Namen der Gattungsnamen ausschlaggebend ist. Darüber war ich mir schon mal im Leben mit einem anderen Philosophen uneinig. Einem hatte ich gesagt, dass die Farben nicht immer sekundäre Eigenschaften sind. Ich dachte dabei an handelsübliche Farbstoffe. Normalerweise ist es dem Käufer unwichtig, aus was der Farbstoff besteht, wenn die Farbe stimmt. Nein, sagte er, das sei falsch. Farben seien immer sekundäre, Zutaten dagegen primäre Qualitäten. Am Ende jenes Tages habe ich gewusst, dass es nicht klug ist, Recht zu haben, wenn die andere Person der eigene Doktorvater ist.

Jedenfalls ist es im Rigorosum so.

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Very often, the characteristic that determines the reference of an appellative is the material cause: we call pasta whatever consists of dough without yeast with eggs: spaghetti, pappardelle, farfalle, puntalette etc. All of them! Pasta! Because of the ingredients! Basta!

There are exceptions.

For centuries, prior to its arrival in Hungary, trachanas had been the dish par excellence of the East Roman army and afterwards of the Ottoman army. Made of a desiccated goat-milk-and-yoghurt-and-flour dough, it was predestined to stay preserved for years. The only thing the wanderer had to fill in in his saucepan and to place on a fire in the wilderness to get a filling soup, was some water and the trachanas granulate. Trachanas was easy to carry in long distances and kept travellers alive for weeks if necessary. At the middle course of Danube, it celebrated much greater victories than Byzantine missionaries and Ottoman soldiers.

“It” celebrated them, that is, if you happen to accept that the Hungarian “tarhonya” and “trachanas” refer to one and the same thing. However, the Hungarian thing has not any traces of goat milk or any other milk or dairy product. Instead, it contains eggs. In other words, unlike the Greek trachanas and the Turkish tarhana, the Hungarian tarhonya is nothing but pasta meant to have the shape of the Byzantine original. Which means that the meaning of a generic term to comprise these three dishes is the formal, not the material cause.

As one sees, it is not always matter that decides the meaning of appellatives. I argued about this with another philosopher once. He had said that colours are naturally secondary qualities, matter is naturally a primary quality of every thing. I had said (I was thinking of paint) that this is not the case. At the end of this conversation I learned that your oral exam is probably not the best place to argue with your supervisor.

Especially if you are right and he is wrong.

Die Musik und die Botschaft

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Zu meiner Freisinger Zeit konnte sich noch die Sonntagsmessenherde im Dom an meiner Stimme ergötzen. Ebenfalls an den Stimmen des restlichen Chors natürlich, aber in dieser Erinnerung spielt allein meine Stimme eine Rolle.

Es war Winter, vielleicht 2006. Alle zweiten Tenöre bis auf mich hatten an dem Sonntag wunde Lungen, wunde Kehlen oder auch Seelen – jedenfalls musste ich mein Stimmfach allein vertreten.

Und es weiß doch jeder, der die Gesangspartitur von Carl Maria von Webers Messe in Es-dur kennt, dass die Verse des Credo “et ad spiritum sanctum dominum qui ex patre filioque procedit” von den zweiten Tenören allein gesungen werden. Ich muss jetzt eine musikalische Sünde beichten: Wenn die anderen zweiten Tenöre da waren, habe ich beim Wort “filioque” nie mitgesungen. Und das, um einer ekklesiologischen – andere würden sagen: dogmatischen – Sünde vorzubeugen. Wie hätte ich nur als orthodoxer Christ das Paradebeispiel päpstlicher Willkür legitimieren können?

Nun waren aber die anderen nicht da. Also musste ich an der Stelle solo singen und zwar entweder einen Affront im vollen Freisinger Dom wagen (“qui ex paa-aatre procedit” – womit jetzt ehrlich, liebe römisch-katholische und protestantische Leserschaft, das Versmaß endlich nicht verunstaltet wird) oder das “filioque” nach gewohnt papistischer Manier in den Vers hineinzwängen in einer Kirche und auf einem Berg, wo Ratzinger, damals tatsächlich Papst, noch als junger Dozent zu Hause gewesen war.

Ich entschied mich für Letzteres.

Ich entschied mich aber auch, zu Kostas Nikolakopoulos’ byzantinischem Chor zu wechseln, um mit dem eigenen Gewissen im Reinen zu sein. Kostas kannte ich in seiner Eigenschaft als Theologieprof an der LMU. Die byzantinischen Vierteltöne kannte ich auch, nachdem ich das erste Vierteljahrhundert meines Lebens in einem Land verbrachte, wo solche in jeder Kirche – gut, ich meine nicht die katholischen und nicht die evangelischen – gesungen sowie von jedem Handwerker bei der Arbeit gesummt werden – ebenfalls ausgenommen Katholiken und Protestanten. Die Entscheidung für den Wechsel musste allerdings noch etwas reifen – so orthodox bin ich auch nicht. Es musste sich zuerst zutragen, dass ich in einer Generalprobe in der Römer Santa Maria dell’ Anima falsch gesungen habe, da das Programm aus Geiz – kein günstiger Organist zur Verfügung – in letzter Minute gegen mir unbekannte a capella-Stücke ausgetauscht worden war. Ich: “Ihr Geizhälse”, die anderen: “Du nix vom Blatt lesen, du” – habe ich die Freisinger verlassen.

Für Kostas’ byzantinischen Chor, wo ein Organist sowieso nie benötigt wird. Denn nach dem Abmontieren der Orgeln in Konstantinopel des 13. Jh. durch die Kreuzritter singt in byzantinischen Chören die eine Chorhälfte (seit acht Jahrhunderten!) sowieso das, was von der linken Orgelhand gespielt werden sollte.

In einem byzantinischen Chor allerdings nicht falsch zu singen, kann sich – mir jedenfalls – als noch schwieriger erweisen denn das Singen prima vista bei irgendeinem Westmusikchor. So kam es auch. Denn bei all meinem Griechesein hatte ich mich nie darum gekümmert, wie die byzantinische Musik geschrieben wird. Ohne die moderne Musiknotation war ich aufgeschmissen. Ich habe Kostas’ Chor wieder verlassen. Ich musste zu lange üben. Ungefähr wie jemand, der Deutsch in indischer Schrift zu lesen versucht.

Meine damaligen Schwierigkeiten sind eher ein Grund, das nächste Konzert von Kostas’ Chor wärmstens zu empfehlen. Er ist ein mittelalterlicher Chor ohne Wenn und Aber: Einer, der die alte Notation verwendet; einer, der im Streit zwischen der griechischen und der anatolischen Interpetation für die anatolische optiert; einer, der vor jeder Probe, jeder Messe und jedem Konzert betet, die Darbietung möge gelingen. Dieser Chor ist echt.

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Normally, this blog recommends no concerts in Munich. No concerts period. But this is a special case.

While living in Freising and commuting between this Bavarian Canterbury and Erfurt (obviously a kind a German Northampton, i.e. a mediaeval university, dissolved, re-established in recent times), I used to sing in a choir with a mostly religious repertoire.

Singing religious repertoire in Freising is a very Roman-Catholic endeavour. The city is the seat of the archbishop of Munich, the abbey was founded by St. Corbinian in the 7th century, no less than the Pope Benedict XVI took here the first steps of his academic career as professor of theology in the not so remote times of the Freising Seminary.

Being myself neither a Roman-Catholic nor a Protestant, when we sang Carl Maria von Weber’s Mass in E-flat, during the Credo I refrained from singing the word “filioque” in the passus “et ad Spiritum Sanctum dominum qui ex patre filioque procedit“. I mean, forget all the dogmatics: how could I possibly sing what in my eyes and my ears is a symbol of Papal arbitrariness?

You might think that one voice more or less for this half of a second would never make a difference. This is what I also thought.

On this Sunday of the year 2006, I think, the cathedral was almost full as well as the chorus – almost full, that is, if you take it as a whole. But everybody who sang tenor 2 was ill. Everybody but me.

Now, I don’t know who among my readers has the vocal score of von Weber’s Mass in E-flat at home. In the extremely improbable case that you have it, open it and go to the end of the Credo. You will find out that the passage about the Holy Spirit is sung by the tenor 2 alone. This meant, of course, that absenteeism among the tenor-2 Fach compelled me to sing the passage as a solo. Volens nolens the soloist of the day, keeping silence for half a second because of the word “filioque” (my strategy until then) was not an option. There were exactly two options remaining. The one would be to sing “qui ex paa-aatre procedit” (if you ask me, artistically the more elegant option which preserves a metre badly strained by the addition “filioque“), the other was to sing the Roman-Catholic version as prescribed in the vocal score. Which I, finally, did.

This was one moment that made me think: “What the heck! If I were some agnostic I wouldn’t care. Since I care, I’m not agnostic after all and I’ll have to go to Kostas Nikolakopoulos’s Byzantine Choir in Munich”.

I knew Kostas as a professor of theology. And I knew the quarter tones of the Byzantine music for reasons of my socialisation in a country where quarter tones are sung in every church and murmured – sometimes more than that – by every worker in a construction site during work. Except of Roman-Catholic and Protestant institutions and individuals, of course.

Dogmatics was however not the sole and not the main reason I eventually joined Kostas’s choir. I’m not that pious! The definitive decision was during a rehearsal of my Freising choir in the Santa Maria dell’ Anima of Rome. The arranged organist lost his plane, there was someone there to cover him but he wanted – what else? – to be paid, the others said that we should sing a capella and save our money, I didn’t know the a-capella pieces they wanted to sing, the others growled that I had problems to sing at sight, I called them Scrooges…

In a Byzantine choir there’s no chance to have an organist who misses his plane. Since the 13th century, there has been no chance to have an organist period. This is when the crusaders looted Constantinople and took the organs with them. Since then the thought to equip a church with an organ hasn’t crossed any Orthodox Greek’s mind, the organist’s left hand being replaced by one half of the choir; the other half singing the canto.

My passage from Kostas’s choir was short. I had never imagined that the task to read music written with the Byzantine notation would be so demanding. It was like having to read a poem by Yates you have read hundreds of times but which someone wrote down in an Armenian transliteration.

I’m mentioning this to underline my recommendation to go to the Greek Orthodox Church at the metro station Nordfriedhof if you happen to be in Munich on November 23rd. This is a medieval choir without compromise. They use the old notation, they prefer the Anatolian to the Greek interpretation of the old music, they believe that praying before the concert helps. These guys are genuine.

Zwischen Naumburg und Nizza

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Die Nietzsche-Ausstellung im Basler Historischen Museum dokumentiert Nietzsches Schaffen und Leben aus Basler Perspektive. Porträts Franz Overbecks, des treuen Freundes, Jacob Burckhardts, des geschätzten Kollegen, Teile aus Nietzsches Briefwechsel mit beiden, einen Armsessel, Privatdrucke des vierten Teils vom Zarathustra, und wieder Porträts von anderen Basler und Lörracher Freunden des Exzentrikers – das bekommt der Besucher unter anderem zu sehen.

Es fehlt die Geburt der Tragödie. Aber die Auswahl an Zitaten zeigt außer der herkömmlichen yalommäßigen Rezeption, dass bei Nietzsche eine durchaus interessante Sprachkritik und Skepsis schlummern. Es gibt wohl Menschen, die mehr als 200 Seiten konsistente Argumentation brauchen, um eine Diskussionsbasis zu haben, andere die mit Aphorismen zufrieden sind.

Nietzsche ist für letztere.

Wer in einem Schützengraben hockt, hat wohl keine Zeit für mehr als Aphorismen. Die Propaganda-Feldpostkarten des Zweiten Weltkrieges mit Nietzsche-Aphorismen waren mir unbekannt, aber ihre Ähnlichkeit mit den heutigen marktüblichen aphoristischen Karten ist frappierend. Selbst wenn der Inhalt der letzteren ein anderer ist: Wer kauft heute so etwas, wenn es keine Leute in Schützengräben gibt?

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The Nietzsche exposition at the History Museum in Basel presents documents of Nietzsche’s life and work from a Baloise viewpoint. The visitor will see portraits of Franz Overbeck, the devoted friend, of Jacob Burckhardt, the much admired colleague and one of the most prominent historians of ideas of the 19th century, parts of Nietzsche’s correspondence with these two, an armchair, a private imprint of Zarathustra’s fourth part, portraits again, this time of other friends whom Nietzsche had met in and around Basel.

No mention is made of the Birth of Tragedy. However, the Nietzsche quotations on screens and in movie clips show that Nietzsche’s reflections on language are more interesting than the contemporary perception of his work, mediated mainly by Irvin Yalom, could make one believe. There are intellects out there who need to read more than 200 pages of consistent argumentation before they start entertaining the ideas they discover there. Others are content having aphorisms.

Nietzsche is for the latter.

People in trenches mostly can’t afford reading long arguments even if they are intelligent enough and this is how some of Nietzsche’s aphorisms found their way to Third Reich’s propaganda postcards which soldiers sent back home. Aphoristic messages on postcards – certainly without a Nietzschean content anymore – are still popular in Germany. I reckon that our contemporaries who buy them do not send them home from inside trenches. And this is puzzling.

Dissonance

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Will McPhail, begnadeter Karikaturist des Magazins New Yorker, beobachtet eine Dissonanz, die auch sehr neudeutsch ist: Kaum haben sie Kinder, setzen die gesellschafts- und kulturkritischen jungen Eltern eine autoritäre Pädagogik an den Tag, der in meiner Nachbarschaft als Kind in den 70ern keine Artilleriemajors- und keine Polizeioffizierskinder ausgesetzt waren.

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Will McPhail, the very gifted contributor of the New Yorker, observed a dissonance I also often experience in radical liberal households: when it comes to parenting many turn out to be more authoritarian than the artillery major next door in the 70s.