The logic of the impatient

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Amazon wirbt um Kunden für Prime mit den Worten “Nichts für geduldige Menschen”. Was hier auf den ersten Blick wie negative Werbung fürs eigene Produkt klingt, ist auch auf den zweiten eine solche. Denn, dass Amazon Prime nichts für Geduldige ist, heißt nicht, dass es für Ungeduldige wäre.

Das ist jedoch offensichtlich die intendierte Wirkung des Spots. Der Leser muss denken: “Ich bin allerdings ungeduldig, also ist Amazon Prime etwas für mich”. Warum offensichtlich? Weil ich weiß, was die üblichen logischen Fehler der allgemeinen Bevölkerung sind. Der Gedanke muss sein: Wenn ich geduldig bin, dann ist Amazon Prime nichts für mich (per definitionem – das ist ja die Botschaft). Per inversionem dann (aber ohne Äquivalenz, also falsch): Wenn Amazon Prime nichts für mich ist, dann bin ich geduldig. Schließlich per Umkehrschluss: Wenn ich ungeduldig bin, dann ist Amazon Prime etwas für mich.

Es gab eine Zeit, als die Entscheidungstheoretiker meinten, die Überzeugungsrevision sei eine monotone Funktion. Frage ich nach einer Finanzierung, um den Renault Zoe zu kaufen, und Barzahlung ist schlecht, Santander-Kredit noch schlechter, UniCredit-Kredit sogar noch schlechter, dann suche ich weiter oder bleibe beim Lada – so die Weisheit. Dann kamen die zahlreichen nichtmonotonen Beispiele: “Nö, soviel in bar kann ich nicht hinblättern. Was wäre der Zinssatz bei Santander? … Waaaas?! Und bei UniCredit? … Waaaaaaaaas? Also, wissen S’ was? Ich komme morgen mit der Kohle vorbei”.

Dann dachten die Entscheidungstheoretiker, dass es nicht sein könne, dass die meisten irrational seien, also haben sie die nichtmonotone Überzeugungsrevision abgesegnet. Jeder unentschlossene, inkonsequente Zeitgenosse kann sich seither rühmen, eine rationale Denke zu haben.

Zu Ende gedacht könnte der Trend dazu animieren, nach Amazon Primes Spruch auch noch die Inversion der Subjunktion als eine gültige Folgerung anzusehen. Das würde aus dem Spot einen Spott für die klassische Bildung machen, oder jedenfalls im Dienst eines Bildungswesens stehen, das immer mehr vom Normativen ins Deskriptive abdriftet und sich vermehrt als Instrument und Bestätigung majoritärer Geisteshaltung versteht. Frei nach einem anderen, alten Werbespot: Millionen von Elvis-Fans können doch nicht Unrecht haben: Invertiere die Subjunktion!

Er lässt mich nicht los, der Gedanke, dass es dabei in erster Linie ums Bücherlesen geht. Dass meine Amazon-Prime-Mitgliedschaft jüngst abgelaufen ist, dass ich ferner mittlerweile bei abebooks und ZVAB bestelle, hängt immerhin auch damit zusammen, dass ich ein geduldiger Mensch bin. Gut, auch darin, dass ich – Griechischsein hin oder her – keine Jennifer-Anniston- und Tom-Hanks-Filme mehr sehen kann. Lieber zahle ich, um zu sehen, was ich will, als um zu wollen, was ich sehe.

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Amazon Prime launched in Germany a paradoxical commercial in which they discourage you to subscribe to them if you are patient. “Not for patient people!” A commercial should encourage consumption even in a mediate manner, you can say. And this mediate manner is given if the prospective subscriber thinks: “Since, however, I am impatient, Amazon Prime is for me”. As every logician knows, from “If I am patient, Amazon Prime is not for me” does not follow “If I am impatient, Amazon Prime is for me”. Because in order to conclude so you would need to invert the assumption (i.e. “If Amazon Prime is not for me, then I am patient”) which is logically false, then conclude by contraposition. The mistake is as obvious as it is common. The common character of a mistake does not make it more acceptable, even if it allows marketing agencies to profit. Logic is prescriptive, not descriptive.

Recently, this threatens to change. For long time the decision-theoretical mainstream has insisted that belief revision is a monotonic function. They would tell you that when the customer asks for a credit to buy a Renault Zoe because she cannot afford paying cash, and Santander’s conditions are not good and Barclay’s condition’s are no better, then she will abandon the plan to buy the car.

But then, decision theory discovered all these examples from psychology that are so intriguing. You tell her that Santander’s conditions are not good and Barclay’s conditions no better and suddenly she says: “Oh, you know something? I have the money. I’m signing this.” Via-à-vis examples of this kind, mainstream decision theory will tell you that the customer was not honest to herself in the first place. Not today’s cool guys. They thought that a majority can never be irrational (“50.000.000 Elvis fans can’t be wrong”). Examples like the aforementioned lead them to nonmonotonic belief revision.

If you draw an analogy from this to Amazon Prime’s intended understanding of their newest slogan (“Not for you if you are patient”) we can include the inversion of material implication to the rules of inference of reasoning in rational decision. Since schools and curricula tend to neglect normative aspects of our lives and teach young people that describing what they see and affirming majoritarian attitudes is all they need, a decision theory that would sanctify inverted implications would not surprise me.

The fact that Amazon Prime’s fallacious advertisement is about books is a typical case of tragic irony. Concerning my person, my Amazon-Prime subscription ended a few days ago and, primarily in my property as a patient man, I will be ordering at abebooks and the (spectacular! try it out!) ZVAB. There’s one more reason: On Amazon Prime I did enjoy the roles of my fellow-Greek-by-birth Jennifer Anniston and my fellow-Greek by adoption Tom Hanks but I also prefer paying to see what I want to paying to want what I see.

Phthinousa euthyne

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Was im Titel dieses Postings nach Zungenbrecher klingt, ist der griechische Ausdruck für “schwindende Verantwortung”. Es ist ein Ausdruck, der mir gefällt und jedenfalls zeigt, was der nächste und der übernächste Bürokrat gegenüber der Bildung in einer aufgeklärten Gesellschaft im Stande ist aufzubringen. Gleichzeitig ist mein heutiger Titel fast der Name des jahrzehntelang führenden bayerischen Experten für frühkindliche Pädagogik.

Keinen besseren Titel hatte ich für meine Gedanken zu Schulen, die de jure privat sein sollen, de facto allerdings Träger von nationalen Ideologien sind, die schließlich wie Staaten im Staat fungieren. Das neueste Beispiel für solche liefern die Verhandlungen der BRD und der Türkei für die Einrichtung dreier Schulen im Bundesgebiet, deren Pädagogik und Personal nicht den deutschen Bildungsministerien unterstehen sollen.

Solange eine Privatschule frei zur Auswahl von Methoden, Lehrmitteln und Lehrern ist, solange auch Eltern eine echte Wahl haben, ihre Kinder diese oder jene Schule besuchen zu lassen, kann es, denke ich, keine Einwände gegen Schulen dieser oder jener Couleur geben. Was aber die Presse bisher über die o.g. Verhandlungen berichtet, ist die Anerkennung von Schulabschlüssen nichtfreier und nur pro Forma privater türkischer Schulen, die faktisch dem Bildungsminister eines anderen Staates unterstehen werden. Das verurteile ich politisch als einen Rückschritt hinter die Werte der Aufklärung und der offenen Gesellschaft.

Damit mir jetzt keine typisch griechische Haltung gegenüber dem Staat Türkei unterstellt wird, möchte ich lieber über die doch ganz ähnliche Situation der griechischen Schulen in Bayern bis in den 90ern sprechen.

Franz-Josef Strauß war offenbar der Meinung, dass die Griechen in Bayern nicht ganz Ausländer sind. Ich war mein halbes Leben in oder bei München wohnhaft – ich muss es also wissen. Schulen, Kirchen, öffentliches Auftreten und Wahrnehmen vor allem der Münchner Community ergaben seit Mitte des 19. Jh. eine münchengriechische Mischidentität. Sie feierte (wie sie immer noch feiert) den Maler Nikephor Gyzis, den Mathematiker Konstantin Caratheodory, den Musikwissenschaftler Theasyboulos Georgiades, den Biologen Wassilios Fthenakis als ihre herausragendsten Mitglieder über die Jahrzehnte. Sie beging (wie sie immer noch begeht) die Karfreitagsprozession zwischen Odeons- und Marienplatz, bevor sie Ostern in der Salvatorkirche feiert, ein paar hundert Schritte von der Frauenkirche entfernt. Sie spielte (wie sie immer noch spielt) Musik in der Innenstadt. Auch Mischkulturen in München können nicht umhin, den Hang Bayerns zu einem tiefen Konservatismus zu bejahen. Gyzis war ein Vertreter der akademischen Schule der Malerei; Caratheodory Münchner Lehrstuhlinhaber für Mathematik zwischen 1924 und 1944. Kein Nazi. Aber bestimmt ein stiller, vielleicht verbissener Bourgeois.

À propos verbissen: Vor dem genannten Hintergrund ließ Franz-Josef Strauß die griechischen Schulen seinerzeit griechisch sein, in einer Grauzone zwischen griechischem staatlichem Bildungswesen und bayerischem Privatschulgesetz. Wenn die Leute doch gefühlt nicht ganz Ausländer sind… Bloß: Bayerische Privatschulen waren sie nie wirklich. Der griechische Staat hatte die absolute Kontrolle über sie. Als Schulalternative zur “deutschen” Schule keine ganz schlechte Idee, inmitten doch eines von biologischem Determinismus geprägten Systems, in dem die Zahl der Abiturienten einen konstanten Prozentsatz auf die Gesamtbevölkerung ausmachen musste. Das ging sogar aus Sicht der bayerischen Regierung gut, bis Papandreous Sozialisten in Griechenland an die Macht kamen. Plötzlich entdeckte der vorgenannte Professor Fthenakis, ein Genetiker und Pädagoge, dass die griechischen Schulen zwar griechisch bleiben aber endlich selbstverwaltet werden sollten. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch den ganzen Politmüll, den der griechische Vitamin-B-Lehrer aus der Heimat mit sich brachte.

Damals arbeitete ich fürs Griechische Haus Westend und, da wir einen kirchlichen Träger hatten, fühlten wir uns unabhängig genug, alle guten Ideen für eine neue abzulehnen: griechische Geographie, Geschichte und Sprache als Wahlfächer an den bayerischen weiterführenden Schulen. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch, dass die CSUler d’accord waren mit der Ghettoisierung ihrer griechischen, fast einheimischen Exotik, solange diese CSU-lastig blieb. Unsere Propaganda gegen die Pläne von Fthenakis (eine, eigenständige griechische Privatschule) sowie gegen die Pläne der griechischen Sozis (eine, vom griechischen Staat kontrollierte Schule) wären allerdings nutzlos gewesen, hätten sich die Anwohner der entstehenden griechischen Schule (“Palladion” war der angedachte Name) nicht beschwert wegen zu vieler Griechen in der Nachbarschaft usw. Die Bauarbeiten in Berg am Laim zogen sich endlos hin, irgendwann wurde nicht mehr gebaut. Als ein Zaun verschwand, sah sich die Stadt München verpflichtet – ergo legitimiert – den Rohbau abzureißen, was nach zwanzigjährigem Hin-und-her vor ein paar Tagen geschah. Wie so oft in der Politik ergibt sich das Gute aus dem Kampf des Bösen gegen das Böse – was natürlich ein kantischer und aufklärerischer Gedanke ist.

Die Schule wird immer eine fehlerbehaftete Institution sein, die – aufklärerisches Gedankengut hin oder her – Indoktrination betreibt. Nur viele, alternative, echt freie Privatschulen, die ausnahmslos wahre Optionen für die Eltern sind, würden die Wahlfreiheit garantieren, die dem aufklärerischen Gebot entgegenkommt, jeder wähle seinen Lehrer. Ideologisch stark gefärbte Minderheitenschulen würden ohne vom Staat geförderte Alternativen (sprich freie Privatschulen) alles aushöhlen, was Deutschland seit Lessings und Kants Zeit gelernt hat. Ist ein ABC der politischen Bildung zu viel verlangt von der deutschen Bürokratie?

Bedenkt man die neuesten Geschehnisse in (Vorsicht! – nicht München jetzt…) Mannheim, offenbar!

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The tongue twister in the title is Greek for “diminishing responsibility”. I like this expression because it shows what happens when bureaucrats manage ideals of philosophical importance. And it is almost the name of a Greek-Bavarian expert for preschool education.

I found no better title for my thoughts about German schools de jure private, de facto public in the service of another state and its national ideology.

Germany, you see, the Federal Republic, its institutions, presently negotiate with Turkey with the purpose to found three schools administered by the Turkish state. The press reports about private schools, ones, however, that will not be free to choose learning methods and curriculum. And, what is more, whose dependence will not be on the state in whose territory they will operate.

Since I do not wish to be attributed a typical Greek attitude towards Turkey, I, on the issue of quasi-private schools suspect of ghettoisation, would rather discuss the pre-90s Greek schools of Bavaria, i.e. the school form which the three planned Turkish schools aspire to imitate.

Following the presence of a Bavarian on the Greek throne in the 19th century, the Greek-Bavarian relationship has been a very special and, indeed, a close one. When the first Greek immigrants arrived in Munich in the 50’s they found, unlike people who ended up working in Frankfurt or Stuttgart, a Greek parish using a medieval church with only Orthodox services in Greek language situated just a few hundred yards away from the city’s iconic Roman-Catholic cathedral of Our Beloved Lady. A privilege – there’s no doubt about that! The Greeks of Munich are a community that gave its city a couple of painters of the Munich School (curiously, the English Wikipedia article on the Munich School cites the name of the School in Greek but not in German) as well as a couple of university professors, whose most important – the mathematician Constantine Caratheodory – held the chair for mathematics at the University of Munich and was a lay officer to the aforementioned church during the Third Reich. Without wanting to make any allusion to Caratheodory’s being a brilliant mathematician but not a hero, being attracted to conservatism has been characteristic of the Greek elites of Munich.

They have been rewarded for this. When other Greek communities throughout West Germany were anxious about schooling and the role of the Greek language in the curricula, the federate German state of Bavaria allowed in 1969 the opening of Greek schools administered by Athens. Calling them “private” did not reflect a sense of humour but it could have done so. They were Greek state schools, which jeopardised the sovereignty of the Bavarian state in cultural matters. However, this jeopardy was intended from both sides. As long as the young Greeks spoke pidgin German, their ascending the social ladder in Germany was out of the question. And as long as the parents of the young Greeks felt uncomfortable in German schools, their willingness to consider a German school for their kids remained low. Chauvinists of different nations can always agree on one thing: they dislike each other. As long as the Bavarian side used biological determinism to back their policy of not allowing highschool students to exceed a certain percentage of the general population, the Greeks, despite their being a part of the local culture, utilised a traditional leftist scheme of Greekness (also on biological grounds) to bypass the obstacle that the Bavarian schools presented in their eyes.

The struggle of the evil against the evil was a good idea but…

…but the Greek-Bavarian folklore started to present signs of a ghettoisation.

Rather its leftist allures than the ghettoisation per se appalled the biologist and pedagogics professor of Munich, Vassilios Fthenakis. In the 90s he propagated the view that the Bavarian jeopardy should continue and the schools remain Greek. But they should be removed out of the control of the Greek state. Which, in itself, was also a good idea. Who could trust teachers sent to Bavaria by a nepotistic ministry of another state in a place more than one thousand miles away?

When Fthenakis launched his campaign to ensure that the Greek schools would become really private while retaining their very Greek character, I was still a PhD candidate and worked for the so-called Greek House. The Greek House was a church organisation and we felt independent enough to support a third idea, apart from the Greek schoolish imperium in imperio and Fthenakis’s idea of a schoolish ghetto: Greek geography, history and language as optional subjects in Bavarian schools. Today, all these ideas are abandoned and no one knows what the future will bring. The neighbours of the construction site of the private Greek school protested, you see… The city council threatened to stop the construction if this would begin. Against all odds, the works began. But very soon they stopped. Years passed.

Recently a part of the fence disappeared for the municipality of Munich to tear down the erected walls under the pretext of risks for the public. Just before last Christmas, the construction site of the Greek school of Munich ceased to exist after twenty years of legal conflict. The good may result from the struggle of the evil against the evil, which is a Kantian and optimistic thought.

Schools are institutions which propagate ideologies even if they frankly attempt not to do so. Only a pluralism of many, free, alternative schools which are real options for parents guarantee the free choice of teachers – a desiderate of the age of Enlightenment.

But the country of my discussion is called Germany, not Enlightenment. A country, that is, far too hostile to a pluralistic landscape of didactic and educational methods. During the tearing down of the construction in Munich, the other big southern state of Germany, Baden-Wuerttemberg, prohibited a 42-years-old Greek curriculum run by a local Steiner-Waldorf school.

Germany appears to prefer state ideologies to free schools. Since the school as we know it today is an institution which at least attempts to remain free of ideological chains, given the recent development I take it to be very likely that large parts of German bureaucracy are manned by philosophically illiterates.

When I think of the difficulties of our alumni in Erfurt to find decent jobs and a recognition for what a philosophical department taught them, this doesn’t come as a surprise.

Scrutinised

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Sir Roger Scruton ist tot. Meine mitteleuropäischen Leser – ehemalige Studenten, auch von meinem Scruton-Anscombe-Nagel-Sherrard-Seminar vor Jahren – werden sich die Augen reiben. Kann es sein, dass ich jemandes Tod trauere, der den akademischen Philosophiebetrieb aufgab, um sich der Fuchsjagd zu widmen? Der am Londoner Birkbeck College einzig und allein – und ausgerechnet – mit der italienischen Dame in der Mensa über Politik redete, da sie die einzige Konservative dort war? Der Ende des 20. Jh. – Hilfe! – Kantianer war?

Sagt, was ihr wollt! Für mich ist er der Autor von Sexual Desire und Ich trinke, also bin ich. Lebensbejahend wird er bleiben auch als toter Mann,

PS: Nicht, dass ich wirklich glauben würde, Begierde ließe sich zivilisieren. Bewundernswert sind allenfalls schon diejenigen, denen es gelingt, in der begehrten Person stets einen Selbstzweck zu sehen.

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I know what you will say about his quitting philosophy and going fox hunting instead, about his being unwilling to talk politics with any other person at Birkbeck but the Italian lady at the refectory – the only conservative person there if you excluded him – about Kantianism in late 20th century…

I know the leftist line of argument. For me, he is the author of Sexual Desire and of I drink therefore I am and stands for getting a life. You can still stand for getting a life after losing yours.

PS: To sort things out: I don’t really believe that there is some sort of ethical desire. But I do admire people who happen to desire without losing their Kantian character.

Beautiful panicking: a critique of ersatz religiosity

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Das Thema ist wichtig, keine Frage… Ob die darzubringenden Opfer effektiv sind oder bloß symbolisch, damit ideologisch, scheinreligiös – das ist die Frage. Wenn ich heute z.B. sage, eine kleine Kapelle in Köln-Mitte hätte genauso gut für Gottes Wohlgefallen gesorgt wie der riesige Kölner Dom, das ist nicht mit einer Absage an den Glauben gleichzusetzen. Würde ich aber mit einer Zeitmaschine in das Köln des 14. Jh. reisen, dann wäre ich gut beraten, meiner Skepsis am – erst recht damals – absurderweise großen Bauvorhaben nicht Ausdruck zu verleihen. Zu groß wäre die Gefahr, deshalb als Atheist, gar Hedonist abgestempelt zu werden.

Denn das 14. Jahrhundert hat wie das 21. eine Doktrin erfunden, welche die individuelle Rationalität dem Ästhetismus – koste es, was es wolle – zurückweichen ließ.

Das Schmelzen von Grönland-Eis verursache einen Meeresspiegelanstieg. Von mir aus. Aber wenn der betreffende Wert im Rahmen von ein paar Millimetern pro Jahrzehnt ist, wie kann der Ankauf von schwimmenden Häusern heute – nicht in 500 Jahren – nicht als Hysterie gelten?

Ein Satellitenbild der australischen Brände geht um… Ein Satellitenbild? Seit wann sind Satellitenbilder rötlich statt bläulich und stellen diachronische Aufnahmen von Ereignissen dar, zwischen denen Monate verstreichen? Seit wann ist Sydney eine Flamme?

Allen meinen naiven Mitbürgern, die bei ihrem Exodus aus dem religiösen Feld es gerade noch zur Ersatzreligion schafften, empfehle ich die Lektüre von Spektrum oder Bild der Wissenschaft; von irgendeiner Publikation jedenfalls, die auf Theorie, nicht auf Ikonen baut, geschweige denn auf manipulierten solchen.

Die Ikonen selber lassen wir in der Kirche.

Die Kirche im Dorf.

Denn wer wäre heute bereit, einen Kölner Dom oder irgendwelche anderen schönen Kollektivillusionen in Auftrag zu geben, an denen das Individuum zu Grunde geht?

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It is not that I do not see the issue. It is rather that I am not certain whether sacrifices are supposed to tackle it efficiently. Like a medieval inhabitant of Cologne who would say that the cathedral is way too big and doesn’t secure you of God’s love more than tens of small chapels. If you had entered a time machine and gone there to propagate this very reasonable view, your scepticism would have been considered a hubris. This is also my feeling when I say that I am not certain that sacrifices etc. Because I feel that I’m not allowed to doubt. Like I wouldn’t be allowed to doubt in medieval Cologne. Despite the disproportionately huge sacrifice. I mean, have you ever seen how ridiculously big this church is?

Like the 14th, the 21st century employs a doctrine designed to declare the priority of aestheticism over individual rationality.

“Greenland ice melting causes the rising of sea level by some millimetres per decade”. Do I believe that? In fact, I do. But when there are people buying boat houses now, not in 500 years, how could I fail seeing a hysterical reaction here?

The Australian fires caught on camera… On camera? Since when are pictures from space not blue but reddish? Since when is Sydney a bushfire? Since when are fires captured on camera represented in a diachronic picture?

My recommendation to all these naive people who, in their way out of the religious context only managed to reach environmentalism as surrogate religion, is: read Nature! Read the Scientific American. I mean, as long as your objective is a scientific worldview based on theory and not a dogma based on pictures.

Manipulated ones on top of that…

It’s a kind of Grexit

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2020 wird das Brexit-Jahr sein. Boris Johnson ist es gelungen, am Beispiel von Fischereirechten und Umweltschutz, an dem bestimmte Lokalökonomien zugrunde zu gehen drohen, die Legitimität einer als Lobby-Treibhauses wahrgenommenen EU in den Augen des britischen Wählers zu untergraben.

Damit hat er ein Verständnis des Wesens der Politik bewiesen, das seinen routinierten Widersachern auf kontinentaler Seite nicht im Traum zuerkannt werden kann: In der Politik geht es um Autorität mehr als um faule Kompromisse, mehr um Streit als um Diplomatie, mehr um Achill und Agamemnon als um Habermas, mehr um Fairplay als um Buchhaltung.

Das Bedenken, wenn ein enthusiastischer, in Humanwissenschaften versierter Mensch statt der üblichen Buchhalter und Spießer an die Macht kommt, ist, dass er in den Kategorien: traditioneller Freund versus traditioneller Feind denkt. Man denke etwa an Helmut Kohl. Jedenfalls geht es bei solchen Leuten oft um ein traditionelles Politikverständnis. Dasjenige Johnsons ist ein griechisches. Explizit so, wie das nachfolgende Video dokumentiert.

https://youtu.be/mQKRAJTgEuo

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Boris Johnson’s understanding of politics is, as the video above documents, more Achilles versus Agamemnon than Habermas versus Popper. More about conflict than about compromise. More about authority than about horse trade. Whenever people with a profound knowledge of the classics or humanities in general come into power, the concern is that they will think in political categories like: traditional friend versus traditional enemy. Think for example of Helmut Kohl. The advantage is that they are visionaries – more anyway than any of the philistines and bookkeepers who surround them.

If it were for bookkeeping, 2020 would not be the Brexit year. The fact that it is after all, is owed among others to the other fact that Boris Johnson undermined EU’s legitimacy by demonstrating that it supports lobbyism. He did not need much to make the case for this: just a few stories about fisheries and Norwegians and measures that destroy existences today and promise to face environmental issues that will be acute in centuries from now. The way these and similar stories were exaggerated shows that politics is more about trust now than middle-term pecuniary considerations.

Or, to state it more poetically: the ethos of the “gennaioi” is more political than any numbers.

Constructing language sites

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Die Baustelle neben dem Haus, wo meine Mutter wohnt, in Südostattika, ist eine Quelle von zukünftiger Missstimmung; insbesondere, wenn zum wiederholten Mal ein für Glyfada typischer Nachkriegsbau durch eine Geschmacklosigkeit mit parabolischen Balkonen und weißen Türen ersetzt wird. Den Grundriss habe ich nicht gesehen und ich kann keine Fragen diesbezüglich beantworten. Den Baustellenlärm allerdings, was die meisten als die größte Unannehmlichkeit ansehen würden, habe ich neulich als einen großen Gewinn angesehen. Griechischer Baulärm führt vor Augen, dass es keine Sprachspiele gibt, die im Sinne Wittgensteins “primitiv” genannt werden können, bzw. dass solche im Grunde sehr ausgeklügelte Sprachspiele sind.

Aber zunächst zum pragmatischen Hintergrund: Niedrige Lohnkosten führten in Griechenland zu Baustellen, die vollends in situ entstehen, ohne Fertigelemente. Unausweichlich hat man dann viele Bauarbeiter, die Planken und Balken hin- und her platzieren und sich ständig abstimmen, wie sie das tun sollen. Die Kommunikation erfolgt nun zu zweit oder zu dritt. Der Rest ist mit anderen Arbeiten ebenfalls zu zweit oder zu dritt beschäftigt. Der natürliche Weg, nur die für die eigenen Zwecke relevanten Mitarbeiter anzusprechen, ist durch den Namen. Vor jeder Anweisung, Aufforderung usw. muss man “Stephane” sagen, wenn Stephanos angesprochen wird, Nikos ist dann nicht angesprochen. Übrigens trägt der Vokativ der griechischen Maskulina zu mehr Flexibilität in der Satzbildung bei. Man muss den Namen gar nicht voranstellen, wie das im Deutschen bei Anreden üblich ist. Man kann ihn überall im Satz einbauen, denn der Hörer sieht sofort am fehlenden -s am Ende oder an der Endung -e von langen Namen der zweiten Deklination sofort ein: “Aha, Vokativ, keine Nennung”. Z.B. “Pass auf, dass Nikos hindurchkommt, Stephane, festhauen!” Da Stephanos weiß, dass die Endung -e die Deutung ausschließt, jemand anders sollte ihn festhauen, versteht er das als Aufforderung, Nikos passieren zu lassen und festzunageln.

Das aber nur am Rande.

Jeder Philosophiestudent kennt das von Wittgenstein zu Beginn der Philosophischen Untersuchungen eingeführte, “primitive” Sprachspiel: Zwei Bauarbeiter – mir gefällt der Gedanke, dass sie am Haus an der Parkgasse 18 in Wien arbeiten – kommunizieren monolektisch, mit nur einem Wort: “Platte!” Der Sprecher brauche eine, der Hörer reicht diese.

Das ist wohlgemerkt nicht die Definition von “Platte” im Lexikon. Das von Wittgenstein beschriebe Sprachspiel enthält nur einen impliziten Befehl und einen Namen, der als Akkusativ fungiert. “Platte” ist im Lexikon keine Aufforderung.

Es liegt auf der Hand: Die Einfachheit von Wittgensteins Sprachspiel ist auf die kleine Gruppe zurückzuführen. Griechische oder irgendwelche anderen Bauarbeiter in großen Gruppen könnten damit nicht arbeiten. Sie bräuchten Vokative und Nominative und Akkusative und Imperative und Indikative, um sich verständlich zu machen.

Sprache aber beginnt nicht bei zwei, sondern bei mehreren Sprechern. Ohne ihre Mitgliedschaft bei viel größeren Gruppen hätten die Bauarbeiter nicht die beobachtete Arbeitsteilung. Das zeigt, dass Wittgensteins “primitive” Sprache ein künstlich hergestelltes Fragment einer viel umfänglicheren Sprache und Gesellschaft ist. Denn jedes Fragment setzt das Ganze voraus.

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The construction site next to my mother’s place in Southeast Attica can be annoying if it makes one more Glyfada post-war house give way to a block of flats with oval balconies or any other embarrassing feature of those which the many love today. But I haven’t seen the blueprints, so I don’t know. The noise however, for many a more obvious problem, comes with a profit – at least for me. This is for the following reason: in Greece low labour costs make prefabricated walls and floors financially uninteresting. Everything is being constructed in situ, which means that you have many workers placing planks and beams; workers who, throughout the day, have to say someone else what they need them to do and exclude others from being their addressees. If I want Costas to lift a bit at his end but Nikos to do nothing, probably because Nikos’s lifting would cause some problem, then I have to indicate so. As a result, at Greek construction sites you hear many imperatives and vocatives. “Costa, nail it where it is but watch that Nikos can still pass”. By the way, having extra forms for the vocative of Greek masculine names enables construction workers to address people in the beginning, the end, or in the middle of a sentence. One does not have to put the vocative at the beginning of a sentence. This makes language more flexible, is however far from being my issue here.

Every student of philosophy knows the primitive language game which Wittgenstein introduces in the beginning of his Philosophical Investigations. Two workers – I fancy thinking they work at the site of the house he designed for his sister in Vienna – communicate by giving and receiving the monolectical order “slab!”, meaning that the one needs one to be given or brought to him by the other. This language game that Wittgenstein calls “primitive” does not contain a term for the dictionary’s term “slab”. Unknowingly to the workers themselves, their language game contains an implicit order and a noun that functions as an accusative.

If you only juxtapose the pragmatics of the two construction sites, you easily draw the conclusion that the greater complexity of the Greek game results from the bigger Greek group. This is what necessitates a more elaborate language in terms of cases and also of a formally very clear divide between imperative and indicative at the Greek construction site.

Primitive games in Wittgenstein’s sense are ones between only two agents. This alone shows that a primitive language cannot exist. There is no primitive language because there can be no society that consists only of two. Pairs of people are artificial as much as the language fragment they may use. Their division of labour is due to their membership to much larger groups. “Primitive” language games result from more elaborate societal and linguistic ones.

Ordo Euboeorum

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Wer jahrzehntelang Max Weber neben dem Bettkissen hatte, betrachtet verschiedene Formen der Askese als charakteristisch für bestimmte Religiositäten. Es ist ein Künstler, der mir die Idee gibt, dass Webers Verhältnis zwischen Askese und Religion umgedreht werden kann.

Jorgos Suras lernte ich vor drei Jahren kennen. Damals klingelte er an unserer Tür. Ob wir des Griechischen mächtig seien. Ruth war allein zu Hause. Wären ich oder die Kinder da, hätte er eine bedenkenlosere Antwort erhalten.

Den Rest der Diskussion hat mir Ruth telefonisch wiedergegeben. Herkommen tue er von einem kleinen Fischerdorf im Norden Euböas, Agiokampos. Nicht vom großen Agiokampos bei Larissa mit dem langen Sandstrand. Nein! Das sei ein kleines, zwei-hundert-Seelen-Agiokampos mit vielen kleinen Kiesbuchten auf der Insel Euböa. Ja, ja, die Küste und das Dörfchen kenne meine Frau, schließlich komme ihr Mann ebenfalls von dort, das Olivenöl in unserer Küche sei kein anderes bla-bla-bla… Er: “Spinn i'”; meine Frau ebenso…

Meinen Nachnamen hatte er nicht erkannt und nicht deshalb hatte er geklingelt, obwohl die Berührungspunkte vielzuviele waren. Mein Großvater war eine Zeit lang Bürgermeister der benachbarten Gemeinde und KP-Funktionär, sein Vater – allerdings – Letzteres. Unsere Grundstücke sind ein paar hundert Meter voneinander entfernt.

Aber ich habe seinen Nachnamen wiedererkannt. Ich wollte ihn kennenlernen. Damit habe ich seine Kunst kennengelernt.

Jorgos Suras ist ein säkularer Künstler, dessen Kunst allerdings nicht durch und durch profan ist. Er sieht das Religiöse als einen Spezialfall des Asketischen an. Seine Franziskaner- und orthodoxen Mönche stehen für unsere unmittelbaren atheistischen Vorfahren in der Verbannung der Makronissos; für unsere orthodoxen, eine Generation zuvor, während der langen Monate des gewollten und ungewollten Fastens; für unsere erzwungenermaßen katholischen im Mittelalter (Euböa war venezianisch…); für Entbehrung; für den Umgang mit Sehnsucht.

Meinen Lesern wünsche ich einen schönen dritten Advent.

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One of Max Weber’s substantial contributions to the understanding of religiosity was that he taught us to see asceticism of different forms as characteristic of various religions. An artist tries to show that this relationship between asceticism and religion can be reversed.

I first met Yorgos Souras three years ago – which is not a miracle if you move from the vicinity of Munich to the vicinity of Basel and Mulhouse and get to know Greek individuals there. But which is a miracle given the following circumstances. Ruth was alone at home, the bell rang and this man asked her if she was Greek or at least if she could speak the language. Usually, my wife answers the first question with a clear “no”, the second by saying “a bit”, a thing that rather disappointed the stranger who, however, wanted to speak about himself. He came from a small fishing village, a site rather than a village in the north of Euboea, called Agiocampos. Not the big Agiocampos with the wide sand beach near Larissa in mainland Greece. This is a tiny one of two hundred inhabitants and many small stony coves.

Our pieces of land there came out to be in a distance of some hundred yards from each other. Statistics is not Ruth’s and Yorgos’s specialty but they immediately recognised what an extraordinary coincidence this was. Had he recognized the surname? No, he hadn’t. Despite the fact, that is, that my grandfather had been a mayor of a neighbouring community and a member of the local Communist Party bureau. Which, the latter, his father had also been.

I recognised his surname alright. And I wanted to meet him. This is how I met his art.

Souras is a secular artist whose art is not definitely profane. He regards the religious moment as a special case of asceticism. His Franciscan and orthodox monks could be our parental atheists exiled in desert islands somewhere in the Aegean; they could be our ancestral orthodox during the long fasting periods and already fasting before them; they could be our volentes nolentes catholics in the Middle Ages (Euboea was a Venetian possession); they stand for deprivation and longing.