Kant und Corona

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Es gibt Errungenschaften, deren nur in runden Jubiläen gedacht wird. Es gibt auch solche, die ständig gefeiert werden können. Vor 235 Jahren und 9 Monaten erschien Kants (AA VIII, 33 ff.) Begriffsklärung der Aufklärung.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Der Ausgang einer aufgeklärten Gesellschaft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit hängt mit Mühe zusammen, denn

[h]abe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. (Kant, AA VIII, 35)

Einer breiten Öffentlichkeit ist es mittlerweile bewusst, dass es für jedes Buch andere Bücher gibt, wo etwas anderes steht; auch dass der Seelsorger keine unanfechtbare Autorität der angewandten Ethik ist. Mit anderen Worten weiß der durchschnittliche Europäer, sich in Sachen Ethik und Politik seines Verstandes zu bedienen.

Aber es ist ihm in der Regel nicht klar, warum die Ärzte ihm etwas vorschreiben. Es ist ihm auch nicht bekannt, dass die Bekämpfung einer Epidemie auf statistische Daten abzielt, nicht etwa Individuen im Blick hat. Mit Maßnahmen gegen die Verbreitung des neuen Corona-Virus wollen die Politik und die Ärzte die Allgemeinheit etwas tun lassen, wovon diese sehr wenig versteht. Wären wir in Sachen öffentliches Wohl so aufgeklärt gewesen, wie etwa in Sachen Religion, Ökologie und Waffenexporte, so wäre manch ein Missverständnis in der Corona-Krise vermieden worden.

Schulmedizinisch aufgeklärten Bürgern braucht z.B. nicht gesagt zu werden, wie andere in der Umgebung weniger gefährdet warden. Nicht Aufgeklärten erscheinen die Maßnahmen dagegen zusammenhanglos. Wer so wenig von der Sache versteht oder so ein Formalist ist, dass er um 7 in der Früh menschenseelenallein im Auditorium eine Maske trägt, belächelt nicht nur sich selbst, sondern hadert irgendwann gegen die Politiker.

Ja, es stimmt, dass ein Kantianer moralische Maximen aus Pflicht allein umsetzt. Aber Kantianer sind auch bemüht, mehr über die Legitimation und die Aufrichtigkeit der Maxime zu wissen.

Die Aufklärung hat uns säkularisiert; sie hat uns zu Kriegsgegnern und zu kritischen Lesern gemacht. Jetzt legt sie uns nahe, den Pschyrembel zu kaufen. Erstens ist das nicht schwierig, zweitens hilft es, echten Corona-Populismus von begründeter Rücksicht zu unterscheiden.

Enough with scrolling

Some achievements in the history of mankind are celebrated every century. Others are constantly present. 235 years and 9 months ago, Kant (“An answer to the question: What is enlightenment?”. In Mary J. Gregor (ed.). Practical Philosophy, The Cambridge Edition of the Works of Immanuel Kant. Cambridge University Press, 1999. pp. 11-12) defined enlightenment as:

…man’s leaving his self-caused immaturity. Immaturity is the incapacity to use one’s intelligence without the guidance of another. Such immaturity is self-caused if it is not caused by lack of intelligence, but by lack of determination and courage to use one’s intelligence without being guided by another. 

This is not without pains since, as Kant continues, having a book which contains the whole truth, a priest to represent your own conscience, a medical doctor to judge your habits (my italics; eating or non-eating habits: I conceive the word “diet” broadly, according to its original Greek usage), there is less labour.

The popularisation of science and the project of educating audacious citizens has made progress since then. Most Europeans know today that there are many books which are very likely to contain parts of the unique truth. Books to read, parties to vote, churches to visit, decisions to make which can all be granted by some sort of moral reasoning.

It is more difficult to have citizens who know, though, why the doctor insists them to do certain things. Citizens who understand why the notion of reducing some statistics in the context of an epidemic does not exclude all risks but simply reduces some; people of such a deep formalistic attitude that would make them feel obliged to wear a mask when alone in the auditorium at 7 am if public health regulations prescribe masks in the auditorium – such folks would eventually make fun of themselves and at the end condemn the regulations. An informed citizen doesn’t need to be told how not to endanger her fellow citizen’s life. A citizen without a considerable knowledge of mainstream medicine would be doomed to follow the rules ignoring their point and, eventually, neglect them as pointless.

I know: Kantians perform in the moral realm out of duty. But Kantians are also informed about the rationale behind the duty.

After Kant (and Voltaire and d’Alembert, and Rousseau…) the West has learned to get informed and to read critically. Now we must also buy Stedman’s Medical Dictionary. This is not difficult and it will teach one to tell populism from genuine care.

To vapóri

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Gäbe es eine eigenständige euböische Literatur, dann wäre Jannis Skarimbas ihr Ludwig Thoma und ihr Johann Peter Hebel. Das in seiner volkskundlichen Phase. Später wurde er zum ersten griechischen Surrealisten. Noch etwas später wollte er eine Art Historiker sein, der für eine KP-engagierte oral history eintritt. Diese dritte Phase möchte ich außer Acht lassen, da sie sehr schwach und qualitativ schlecht ist. Die zweite birgt Überraschungen in sich. Denn wie kann ich es sonst nennen, wenn zwanzig Jahre vor Thomas Nagels “What is it like to be a Bat?” der Satz geschrieben wird: “Wie wäre es, wenn wir sehsinnmäßig springen und bewegungsmäßig sehen würden?” Skarimbas genoss kein Philosophiestudium und trotzdem wies er auf einen Zusammenhang hin zwischen Intentionalität einerseits und Kategorien bzw. Kategorienfehlern andererseits.

Es ist ausgerechnet die erste Phase, aus der ich unten übersetzte. Das Gedicht, zunächst 1936 erschienen, tendiert zur Volkspoesie, was sich in der Wortwahl (so ist z.B. vapóri statt karávi oder plío zum Schiff ein “Euböismus”) und der Hafenszenerie manifestiert. Es ist nicht im Sinne des Propagierens der Heimatliteratur meiner Insel, wenn ich ihn übersetze. Eher halte ich es für eine Ungerechtigkeit, dass er unübersetzt und unbekannt bleibt. Vor allem würde der Roman seiner volkskundlichen Phase To thío tragí (Heiliger Ziegenbock) mehr Aufsehen verdienen. Der Hauptcharakter darin, ein Negativbild von Nietzsches Zarathustra, ist ein areligiöser Provinzler – mit mystischen Zügen, wenn es ihm gerade passt – gleichzeitig Gedichte schreibender Stallmeister, der zum Schluss die Ehefrau seines Arbeitgebers ins Bett kriegt. Um das Tragí zu übersetzen, bräuchte ich sehr viel Freizeit, die ich nicht habe. Wenigstens ein Gedicht und wenigstens etwas von dessen Versmaß und Reim hinüberretten. Für Kommentare wäre ich dankbar.

Das Dampfschiff
Schleichend wurde es spät und gleich noch trüb und trüber// 
blaulich wie 'ne Wolke voller Druckerschwärze.// 
Mitten im Dunst kam er bedrohlich rüber,// 
lief in den Hafen ein sachte an die Ankerplätze.// 

"Der Dampfer", sagte ich und zwar erschrockener Seele.// 
Siehe da: das Geisterboot, doch siehe!// 
Wen wohl kam es zu packen an der Kehle// 
böse, gehässig wartend unten hier?// 

Furchtsam war mein Mut und mit allem Bangen// 
schwarz der Verdacht, den ich hatte in meinem Herzen.// 
Offenbar würde ich unbekannt gelangen// 
weit außerhalb der Weltengrenzen.// 

Ach wie unglücklich weinte ich nachtsüber frei,// 
alle Vorbereitungen des Hades um zu treffen,// 
als das Dampfschiff am ganzen Leib rülpste mit Geschrei -// 
blinde Hyäne von denen, die im Dunkeln kleffen.// 

Morgens sah ich es nicht. Im Wasser zog sich ein Strich,// 
einer, der sich mit dem Himmel vereinigte// 
sich schlängelnd nur, wohin dies Schiff -// 
den Kurs von meinem Dampfschiff zeigte.// 

Nun sogar noch trauriger öffne ich meine Seele.// 
Bitter lamentiert's in meinem Herzen.// 
Ach, was für eine Chance ist die, die, wie man sagt, mir fehle// 
zu fliehen außerhalb der Weltengrenzen.


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If there were a literature called Euboean, Yannis Skarimbas would have been its Seán O’Faoláin without the nationalism.

This was in his ethnographic phase. Later, he became the first to write surrealistic prose in Greek. Then he went into historiography to write in a manner reminiscent to oral history and favouring the Communist Party of Greece.

This third phase is the weakest of all and I will not dwell on it. The second can be surprising. Thirty years before Thomas Nagel’s “What is it like to be a Bat” you have an author who wonders what it would be like to jump seeingly (sic) and to see jumpingly (sic). Even if this is a way to play with the possibilities a language offers, one that unluckily resulted to gibberish talk, Skarimbas shows that there is a connection between intentionality and the proper use of categories as opposed to category mistakes.

My following translation of a piece of his folk-tune-like poetry is not due to nostalgic mood, me poor guy earning my daily bread in Switzerland instead of fishing at the Euboean shores. Rather, I find it unjust that he remains untranslated and unknown. For example his novel Holy Goat – its main character is like a negative film of Nietzsche’s Zarathustra – deserves a translation which would demand much more time than I have. Below, I am translating a poem first released in 1936. It tends to folk poetry, which is manifest in “Euboeisms” like vapóri instead of karávi or plío for ship as well as in the scenery.

My first concern was to keep the metre and the rhyme. I would be grateful for comments.

The Steamship
Gloomy the evening, heavily proceeding// 
blueish like a cloud that's made of ink.// 
Covered in the mist, floating and heeding// 
the steamship came to anchor 'fore you blink.// 


"Gosh, the steamship!" said I and my heart was trembling.// 
Watch out, that's the ship, the vulture, how bogus!// 
Who has she come for and awaits to sling// 
at in her anger and silence from among us?// 


During the whole night I cried, unfortunate me,// 
getting prepared for the harrowing of Hades// 
and the steamship did nothing but burping and howling -// 
a hyena who's as blind as the shade is.// 


On the morrow I missed it. In the waters there was stretched// 
a snake-like line that joined the firmament,// 
one the vessel had drawn and fetched,// 
one which along my steamship went.// 


I open my soul with an even sadder mood.// 
Sorrow bitterly sings in my inside.// 
Oh what a chance I lost to depart for good// 
to a place out of any borders worldwide.

Oldie und kaputt

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Die Theorie Bertrand Russels, wonach die Eigennamen Abkürzungen von Kennzeichnungen darstellen, wird nicht mehr ernst genommen, jedenfalls nicht rezipiert. Vielleicht ist das der Fall, weil nach Kripke – dem neuen Paradigma zum Verständnis der Eigennamen – niemand Bock hatte, Russell auch noch zu falsifizieren. Da sieht man, dass es in der Wissenschaft nicht um Falsifikation, sondern um Moden geht.

Da ich nun – nennen wir’s meine Psyche – einem normativen Rationalitätsbegriff anhänge, denke ich, dass es Sinn macht, bei Russell nachzuhaken.

Dieser Straßenname etwa:

(for English, you have to scroll on until the next picture)

ist als Kennzeichnung ein Oxymoron (selbst wenn der Weg zwischen zwei Wegen ist, ist das Dazwischen das zwischen demselben und jedem einzelnen beider anderen Wege Liegende, nicht der Weg selber), aber als Eigenname voll in Ordnung. Wenn also Eigennamen als Abkürzungen von Kennzeichnungen zu verstehen sind, ist die Kennzeichnung “Der Weg, der zwischen zwei Wegen verläuft” keine Ausformulierung des Eigennamens “Zwischen den Wegen”.

Dass es zu Eigennamen wie “Zwischen den Wegen” kommt, ist zwar historisch nachzuvollziehen, es ist allerdings absurd, solche als Abkürzungen von Kennzeichnungen hinzustellen, die, da Oxymora, nicht entwickelte Formen der eigenen Abkürzungen sind.

Kennzeichnungen und Eigennamen sind völlig unterschiedliche Individualterme. Der Versuch, sie historisch in Beziehung zu setzen, heißt Etymologie, nicht logische Analyse.

(Wie bereits in früheren Postings gesagt: Heuer ging’s nicht nach Hamburg, nicht nach Belgrad, nicht nach Meran, nicht nach Istiaia. Heuer waren wir den ganzen Sommer auf dem Velo unterwegs).

ENOUGH WITH SCROLLING

Bertrand Russell thought that proper names are abbreviated definite descriptions. This has been tacitly accepted until the advances of modal logic in the 60s when Saul Kripke launched a new paradigm. I shall not dwell on Kripke here. What fascinates me is that no one has ever taken the pains to falsify Russell. If you ask the rhetorical question: “Why falsify anyone if science is not about falsifications but about fashions?”, well, then you have a point.

Me myself however, I am the kind of person who thinks that rationality is a normative ideal. People like me think that if Kripke is to be preferred over Russell concerning proper names, then this must be due to absurdity or falsity on the side of Russell’s account more than it has to do with any advantages of Kripke’s account.

I discovered this street name which you can clearly see in the picture between the other two. In fact, it means “Between the lanes”.

Now is “Between the Lanes” taken as a street (proper) name an abbreviated definite description? Clearly no! If presupposed to be a definite description, a lane between the lanes is an oxymoron. Once it exists, it is a lane defined in a way that disqualifies itself from being between the lanes. If “Between the Lanes” is an abbreviation of a definite description: “A place which is between the lanes”, then the latter is not a developed version of “Between the Lanes”. But it is absurd to take a name as an abbreviation of something which is not its developed version.

No, proper names are not to be analysed as abbreviations of definite descriptions. Analysing the names in virtue of their history, is etymology, not logical analysis.

(Well, as I have stated in this blog, this year it was not like “Let’s go to Hamburg, to Belgrade, to Merano, to Istiaia”. It was rather like “Let’s ride our bikes”).

Categories and formal mistakes

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Das ist ein lustiger Kategorienfehler, habe ich gedacht. Denn man schreibt entweder “circa 20” oder aber “19”, “17,5” – was weiß ich – ohne “circa” dann.

Allerdings kann man auch so argumentieren: “Circa” ist ein Vagheitsoperator, weshalb alle nicht runden Zahlen in seinem Skopus formale, keine Kategorienfehler darstellen. Aber wenn man so argumentiert, sind alle Kategorienfehler von einem höheren Standpunkt betrachtet formale Fehler.

Die Formalitäten sind allerdings konventioneller Natur. Was die eine Syntax verbietet, lässt die andere zu. Schweizer könnten dann argumentieren, mit der Angabe 19 Minuten sei die Verspätung noch nicht mit höchster Genauigkeit angegeben. In der Schweiz dürfte man damit getrost sagen “ca. 19” statt “ca. 20”. Das sagt man ja auch. Zudem würde eine genau zwanzigminütige Verspätung des Zuges die Angabe 19 im Nachhinein gewissermaßen auch als vage erscheinen lassen.

Wenn diese schweizerische Art, “ungefähre” Angaben zu machen, berechtigt ist, dann bezieht sich die Vagheit nicht auf die Granularität unseres Messens, sondern auf eine Art “Wahrheitsnähe”.

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I wanted to share this funny category mistake with you: At Basel’s Swiss Station they announced that the train to the German Station (“Bad” stands for Baden, the neighbouring part of Germany, and should not be confused with the English lexis) has a delay of “about 19 minutes”. This is a delay I, for example, would indicate either as “about 20 minutes” or as “exactly 19 minutes” but never as “about 19 minutes”. “About”, “roughly” and the like demand indications in terms of rounded numbers.

However, one can make the case against my category-mistake claim, rather for a formal mistake, by arguing as follows: “about”, “roughly” and the like are vagueness operators not to have nonrounded numbers in their scope by the rules of syntax. Syntax, in its turn, is conventional. The one syntax prohibits things the other allows. And since the announcement about the 19 minutes “roughly” is in Switzerland, the Swiss can plead to follow their rules instead of anyone else’s. They can say that using an odd number does not make an indication exact. Or that if the train happens to arrive in exactly 20 minutes, the reference to 19 minutes “roughly” is not a mistake of any kind. 19 is, after all, close to 20 but not exactly 20.

If they are right, vagueness is not a matter of the granularity of our measurements but one of verisimilitude.

Overlapping regions and linguistic standards

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Es gab eine Zeit, als es Ferien und unproblematische Grenzübergänge gab.

Was ich letztes Jahr verstärkt besuchte, waren Regionen, wo kulturelle Überlappungen bestehen. Südtirol z.B. oder die Mäander des Südlichen Morawa. Gut, letztere sind zwar in einer Region, die nicht in einen Nord- und einen Südteil geteilt wurde, aber “Grdelička Klisura”, der Name des Tals des besagten und archaisch-unbegradigten südserbischen Flusses, bewahrt das byzantinische Wort für “Schlucht” in der Fremdsprache.

Solche Regionen besuche ich heuer nur noch virtuell auf dem Balkon. Dort las ich letztens Frege, um festzustellen, dass er in seiner Bezugnahme auf die “Losreißung Schleswig-Holsteins von Dänemark” in “Über Sinn und Bedeutung” nicht nur einen Beleg für den Unterschied zwischen Nominalausdruck und Nebensatz liefert, sondern auch ein altmodisches Verständnis der Geopolitik überlappender Regionen und fließender Sprachgrenzen.

Überlappung ist sehr wichtig für die Mereologie. Wenn die Mereologie wichtig ist, dann ist das wegen der Hoffnung – eher eine Hoffnung ist das nämlich – eine Rechenschaft darüber ablegen zu können, dass mein Schreibtisch und mein Ellenbogen sich nie überlappen, sehr wohl aber beide Tirols, beide Macedoniae, beide Schleswigs.

Im Sinne der Sprachpolitik werden solche geokulturellen Überlappungen verdrängt: Niemand sagt heute: “Tirol”, “Schleswig” oder “Makedonien” in der Bedeutung “sowohl Nord als auch Süd”. Die Politik sorgt erstaunlich schnell für die Verbreitung des normierten Ausdrucks: Südtirol, Schleswig-Holstein, Nordmakedonien.

Tja, es ist die Politik im Endeffekt, welche die Sprache in den gegebenen Beispielen sowie die in ihnen eingebettete Mereologie beeinflusst. Wenn etwas so Wabbriges wie die Politik sich als festes Werkzeug für beständige Änderungen unserer mereologischen Wahrnehmungen erweist, sehe ich nicht, wie das große Ziel einer adäquaten und axiomatisierten Mereologie erreicht werden kann.

Das sind allerdings meine diesjährigen Gedanken. Gedanken vom Balkon aus.

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There were times of uncomplicated travelling and border crossing. Last year I visited regions of cultural overlapping: an old German speaking mining site high in the mountains of Alto Adige, Italy as well as the maeanders of the Southern Morava in Southern Serbia. I enjoyed them because this is how rivers looked like centuries ago before human activity changed them, and because it forms the last canyon in Serbia on your way to Greece. This year I kill my time looking up the name of said canyon, “Grdelička klisura” in the encyclopaedia and finding out that it rescues the medieval Greek word for gorge in a foreign language. I love the historical overlapping of languages and identities.

I only have my books and my balcony this summer – no visits anywhere. But I am also the kind of guy who loves reading Frege’s examples on Schleswig-Holstein’s separation from Denmark on a balcony – so no big problem. I hardly find his remarks intriguing, rather I simply agree with him, when he says that the (temporal) meaning of the nominal expression: “after the separation of S-H…” is different than the (political) meaning of the secondary clause: “After S-H was separated…”. What nevertheless is intriguing is the old-fashionedness of his understanding of geopolitics of ethnically overlapping regions.

Overlapping is of great importance for mereology. If mereology is of some importance, then because it can give you – this is at least the hope – an account of why you cannot have an overlapping region of my desk and my elbow, but why historical regions like the two Tirols, the Macedonias, the two Schleswigs, regions that historically and geographically are closely connected, overlap in a nonproblematic way.

Language politics prefers a mereology of geographical entities with close ties that rather resemble my desk and my elbow. If you speak today about “Tirol” meaning not only Innsbruck but also Merano, you will be corrected. Schleswig is either South or North, either German or Danish. There is no Schleswig although there is a South Schleswig and a North Schleswig. Analogous is the case of Macedonia. You have the independent nation of North Macedonia whose language is a Bulgarian with many Serbocroatian words, and Greek Macedonia – more or less three quarters of Northern Greece. You hardly speak of Macedonia simpliciter these days.

Politics influences language and it influences the mereology embedded in it. And if something so fluffy and blurred influences mereology, I can’t see how the latter can be adequately axiomatised.

But who knows! Maybe next year, when my thoughts will not have emerged on the balcony, my opinion on this will change.

The most slippery, deepest slope ever!

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OK, mit den W1-Stellen für die Nachwuchswissenschaftler haben wir uns abgefunden. Dann kamen aber die Tenure-Track-W1-Stellen – natürlich entgegen jedem moralischen und juristischen Bedenken gegen Hausberufungen. Nun kommen schon W2-Stellen für Nachwuchswissenschaftler.

Dieser Slippery Slope ist sehr tief. Mindestens so tief wie die Abwertung der Habilitation an deutschen Unis nach der Einführung der Juniorprofessur. Mindestens so tief wie der Status derjenigen, die die klassische deutsche Unikarriereleiter erklommen haben, nach der 12-Jahre-Regel. Mindestens so tief wie das symbolische Kapital desjenigen Bundeskanzlers, der die PDs und apl-Profs ein Siebtel der deutschen Uni-LVs ohne jegliche Besoldung zu machen verdammte; des Menschen, der seinen belesensten Minister einen Kulturpudel nannte; desjenigen also, der hätte wissen sollen, dass die militante Antiintellektualität nicht zum politischen Profil seiner Partei gehört, sondern zu einer gaaaanz anderen…

Der ist 18 Jahre später schuld an dieser Entwicklung.

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There was two decades ago a German chancellor who was very proud of his working-class origin. But working-class pride was only one dimension of his political program. Another dimension was his militant anti-intellectualism, which, at least in Germany, should have made the working class a bit more cautious towards him. Anti-intellectualism, you see, had been a constraint of another ideology, not of the left.

Schroeder – does anyone remember the name? – used to call the one philosopher in his cabinet, the influential political philosopher Julian Nida-Ruemelin, “culture poodle”, referring to his curly hair. Rudeness, taken alone, is not a sign of anti-intellectualism. But then Schroeder promoted the assistant professorship of recent PhDs. OK, we swallowed this, but then he also prohibited universities to employ people with a second monograph for more than 12 years unless as professors. By doing this, he sent those who had climbed the traditional career ladder to unemployment at the age of 40 (while they continued teaching at the university without a salary!) while rendering the assistant professorships of the 30-year-olds to tenure-track professorships without a second monograph. As of today, one out of seven classes at German universities are conducted by people who climbed the classical German career ladder : PhD AND then second monograph, without earning one penny for this! They keep up the hope that some of the professorships not occupied by Schroeder’s youngsters will be theirs some day.

What I found today in the internet is appalling: obviously we have the first associate-professor posts for young PhDs. This slippery slope was deeper than even Schroeder’s anti-intellectualism.

Soritic problems in mereology

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Die philosophischen Probleme, über die du beim nächsten Spaziergang stolpern wirst, sind nicht vorauszusehen. Der Call for Papers ist draußen und plötzlich: diese Felder!

Homogen oder grob homogen nennen wir ein Ganzes, wenn es aus mehreren Teilen besteht. Ein Gerstenfeld ist homogen. Was ist aber mit drei oder vier Gerstenähren? Der Blick verlagert sich plötzlich auf die Unterschiede in den Details: hier die Grannen, da die Körner, oder? OK, aber fünf Gerstenähren? Sechs? Der Sorit liegt auf der Hand. Auch wenn wir eine Thematik im Call for Papers nicht erwähnten, würden wir (guido_imaguire[at]yahoo.com; gero[at]philori.de) gerne darüber lesen. Voraussetzung: Das Thema wird im HoM nicht behandelt.

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You can’t predict the philosophical issues you will come across in your next walk. The Call for Papers is issued and suddenly: these fields!

We call wholes (largely) homogeneous when their parts are many. But we don’t call them thus if the parts are few. A field of barley is homogeneous. But a bunch of two or three burley ears is a heterogeneous whole: here the awns, there the seeds. A bunch of four? Of five? The sorite is obvious. Even if we (guido_imaguire[at]yahoo.com; gero[at]philori.de) didn’t mention the or that issue in the Call for Papers, feel free to express your interest. The condition is: we didn’t discuss it in HoM.

Undetached horse parts

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Wie “nicht abgetrennte Teile eines Pferdes” auf Quinesisch heißt, weiß ich nicht. Ob “gava” das Präfix oder “gai” das Suffix sein soll…

Was mich aber nicht loslässt, ist der Gedanke, dass die Vorstellung des Pferdes, sobald wir von Teilen des Pferdes sprechen, aus gedanklich abgetrennten Teilvorstellungen bestehen muss, selbst wenn das Pferd nicht zerlegt ist. Sonst wären wir nicht in der Lage, von verschiedenen Teilen zu sprechen.

Das zeigt allerdings, dass die Unbestimmtheit der Übersetzung aus der Teilmenge der mereologischen Ausdrücke einer Sprache in die Teilmenge der mereologischen Ausdrücke einer anderen Sprache nicht besonders groß sein wird.

Die Alltagsmereologie interessiert mich letztlich. Guido Imaguire and ich haben einen Call for Papers für ein Handbook of Mereology 2 herausgebracht. Dieses soll auch ein paar Alltagsmereologie-Beiträge enthalten.

Wer alles verstanden hat und am CfP interessiert ist (und ein sehr gutes Englisch schreibt), bittschön!

Wer alles verstanden hat, aber am CfP nicht interessiert ist, bitte, nicht weggehen: hier ist vielleicht was für Sie.

Wer jetzt denkt, dass das alles wirres Zeug ist, muss doch nicht den ganzen Witz vermissen. Hier gibt’s Hintergrundinfos.

Wer schließlich auf der Leitung steht, gerne aber runter davon möchte, hier sind meine anderen Postings zum Thema.

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I have no idea how “undetached horse parts” is called in Quinese. Whether “gava” has to appear as a prefix or “gai” as a suffix.

But what I realise is that even when the horse is undetached in reality, a representation of a whole horse must be detached in some way if we are talking about horse parts. In our imagination.

Probably the indeterminacy of translation from the subset of mereological expressions of a language to the one of another language, is not that big.

I am very interested in folk mereology lately. Guido Imaguire and myself have released a call for papers for a sequel of the Handbook of Mereology – one that will comprise some folk-mereology stuff among others.

If you understood everything and are interested in the CfP, here it is.

If you understood everything but you’re not interested in the CfP, this could be for you.

If you lost me completely and don’t care about mereology, you don’t have to lose the whole “joke”. Here‘s some background.

If, finally, you lost me but you’re nevertheless interested, just read my other posts on the issue.

Under too many layers

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Die Nachrichten: Die Hagia Sophia soll wieder eine Moschee werden. Das gibt mir den Anlass, meine Assoziationen zur Kirche (sorry: zum Gebäude) zu schildern. Sie sind mehrbödiger als Baklava und folgende:

Zur Moschee wurde die Hagia Sophia zunächst 1453, als die Stadt (DIE Stadt – urbs) von osmanischen Truppen im Mai überrannt wurde. Zu der Zeit war sie eine römisch-katholische Kirche im Sinne der Kirchenunion von Ferrara-Florenz des Jahres 1439. Die Orthodoxen, diejenigen jedenfalls in der Stadt, die gegen die Union waren, haben sie 14 Jahre lang gemieden, bevor sie zur Moschee wurde. Sie spielten mit dem Gedanken, Hussiten zu werden, egal…

Noch vier Jahrhunderte vorher war in der Hagia Sophia der Philosophenmeister (“hypatos ton philosophon”), Johannes Italos, vom Unterricht am Konstantinopler Hofseminar feierlich suspendiert worden. Wegen Aristotelismus. Und wegen zuviel Logik im Unterricht, wie die Kaisertochter Anna Komnena in ihren Memoiren (Entschuldigung liebe Wertneutralität, wenn ich hinzufüge: schamlos) zugibt. Noch heute wird am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit in jeder orthodoxen Kirche der Welt das Anathema gegen die Philosophie wiederholt, das damals dort verlesen worden war. Ungefähr aus derselben Zeit stammt die Nestorchronik, welche die Christianisierung der Kiewer Rus unter Wladimir I. auf die Begeisterung der Kiewer Abgesandten in der Hagia Sophia zurückführt. Hoffentlich nicht während des o.g. Zeremoniells gegen Johannes Italos. Ein Dutzend Jahrzehnte später wurde die Kirche von den Kreuzrittern des Vierten Kreuzzugs geplündert.

Geplündert stand sie weiter, wie sie heute steht. Stehen sollte bald ihr Name, übrigens in der Landessprache als Fremdwort mit der neugriechischen Aussprache erhalten geblieben, auch für die kollektive Entität aller heiligen Menschen. Die göttliche Weisheit: Das sind wir. Dieser, ursprünglich russische, Volksglaube wäre ohne das Gebäude wahrscheinlich nicht entstanden. Auf diesen Glauben ist einer der wenigen Versuche zurückzuführen, aus der Orthodoxie eine moderne Konfession zu machen. Sergej Bulgakov, ein Wirtschaftswissenschaftler und einstiger Weggenosse Lenins, versuchte im Pariser Exil, der Kirche unserer Vorfahren eine christsozialistische Gestalt zu verleihen. Sophiologie nannte er die neue Doktrin. Die Gemeinschaft der Idioten ist weise. Das ist meinerseits nicht ironisch gemeint.

Ja, die Hagia Sophia ist eine grandiose Fortentwicklung des architektonischen Konzepts des Pantheons von Rom; einer Stadt würdig, die Neurom heißen wollte; und – trotz Johannes Italos – Symbol von Weltbürgerlichkeit. Der einstige Notre-Dame-Kanoniker Étienne Tempier, der als Bischof den Aristotelismus im Werk von Thomas von Aquin verurteilte, reicht nicht aus, um die Notre Dame zu blamieren. Die Hagia Sophia ist ebenso resistent gegen in ihr begangene Dummheiten. Das zum einen.

Zum anderen habe ich in keinem Museum der Welt so viele gelangweilte, geistig abwesende Besucher angetroffen, nach dem Motto: “Sie haben alle gesagt, zumal wir hier sind, müssen wir das besuchen. Groß ist es schon…” Oder kennen meine Leser etwa ein Museum in dieser Welt, wo die Kunstwerke nicht bewundert werden? Ich kenne eines: die Hagia Sophia. Das Augenmerk des “Ausstellers” fällt ja nicht auf die Kunst, sondern auf das historische Faktum der Eroberung. (Fremdländische Ansätze der auf Erwachsene abzielenden Museologie können mir vielleicht egal sein. Aber im Sinne der Museumspädagogik: Was ist das für eine Erziehung für die Kinder, die das Museum besuchen?)

Meine letzte Assoziation jetzt:

Es gibt überall zweckentfremdete Gebäude. Ein zweckentfremdetes Gebäude aber, wo der neue Nutzer jahrhundertelang außer Stande war, wenigstens über die Zerstörung hinwegzutäuschen; darüber zu glätten und zu polieren, so dass der Besucher nicht denken muss, dass die Zerstörung zum Stolz des neuen Nutzers gehört – ja, ich war schon in der Mezquita! – hatte ich nie gesehen. Bis ich die Hagia Sophia besuchte.

Und jetzt soll es eine wichtige Nachricht sein, dass sie wieder zur Moschee wird?

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What you see in the two last pictures are marble fencings of the empress’s gallery in the Hagia-Sophia church – oops, sorry: museum – oops again: mosque in Constantinople – oops…

Anyway, you get the idea… The new masters (“new” is more or less a façon-de-parler since they’ve been there since 1453) gouged out the Christian Symbols but left the destruction for everyone to see.

Some amount of destruction is there when you dedicate a building to another purpose than the one it originally served. The Mezquita of Córdoba is a handy example of a mosque that was rendered vice versa to a church with a vast change of the central part of the original structure. However, the new masters there did bother to make the destruction unseen, tried to embed a cathedral into the mosque without the malicious gesture: “Har, har, har: see what I did?” In the Hagia Sophia, the tidying up of the traces of the destruction didn’t happen in the last five-and-a-half centuries. Now, it will become a mosque again. This gives me the motivation to deploy my associations pertaining to the building. They have more layers than the baclava served outside it and are the following:

As I said, the Hagia Sophia was first rendered to a mosque in May 1453 when the Ottoman army conquered the city. When this happened it had been a Roman-Catholic church for 14 years, following the church union of Florence in 1439. The Orthodox, those at any rate who were against the union, have avoided the church and services given in it for a decade-and-a-half before it became a mosque.

Four centuries earlier, the Hagia Sophia had been the site of John Italos’s condemnation. John was an Italian-Norman logician who had the title of the master among the philosophers (“hypatos ton philosophon”). Accused by the emperor’s daughter Anna Comnena of too much Aristotle and logic in classroom, he was removed from office and ceremonially so in the greatest of all churches. Anna Comnena must have been a horrible student. In spite of everything, her style is not devoid of charm and I do have respect for a woman author in the Middle Ages. At the same time, it is disgraceful to make your dad, the emperor, fire the professor whose subject you failed. And then, for all of us, it is even more disgraceful to recite since then, every year on the first Sunday of the Great Lent, in every Orthodox church, for almost one thousand years now, the same anathema against philosophy that was released there and then.

It was the time when the Russian Primary Chronicle ascribed to the impressive church the decision of Vladimir I to have his subjects baptised according to the Byzantine rite. A church which was to be looted by the crusaders a century and something later.

This notwithstanding, its name, still preserved until today as a Greek loan, came up to stand also for the collective entity of all saints: wisdom is sanctity and sanctity is the mereological whole of us all. This, originally Russian, popular faith was arguably inspired by the church of the Holy Wisdom. When Sergey Bulgakov, the economist and philosopher, denounced his former comrades to Lenin’s great bitterness, and attempted from his Parisian parish to renovate Orthodoxy to be a more liberal denomination, he called the new doctrine sophiology – alluding to the aforementioned popular faith. Even if each of us is an idiot, we are wise when taken as a whole.

A bigger Pantheon in a city called New Rome and thereby a symbol of cosmopolitanism in spite of the John-Italos episode. If Étienne Tempier, the bishop of Paris who condemned the Aristoteliansm in Aquinas, is not enough to debase the Notre-Dame of whose chapter he had been the chancellor, then Hagia Sophia remains also undegraded in spite of the unpleasant episodes in it. On one hand…

On the other, in no other museum have I met so many bored people ticking off one more must-see from their tourist guide. Which is quite understandable since the focus of the Hagia-Sophia Museum is not on its art but on the historical event of the conquest. And, I mean, come on: even if I don’t care about the museological concepts in far countries, I am still concerned about the education they give to their children…

This is why I think that rendering the Hagia Sophia to a mosque is not the important news about it.

Collectively bounded rationality

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Am Anfang hat es mich erschreckt. Mit einem Schreiben vom 26. Mai informierte mich mein Krankenversicherer, dass meine Beiträge, fällig 11 Tage vorher, ausstünden. Hat die Bank nicht überwiesen? Wegen der Grenzschließung oder was? (Meine Bank ist nicht im selben Staat wie meine Versicherung) Habe ich einen Fehler beim Online-Banking gemacht? Wie konnte das passieren? Das in den ersten Sekunden. Dann überlegte ich aber: Wieso verlangen sie dann nur acht Euro? Mein Beitrag beträgt ja mehr als das Hundertfache.

Anrufen. Die Dame will die Details:

– Ja, von wann ist die Forderung?

– Vom 26.

– A, ja, hier sehe ich’s. Inzwischen ist das Geld eingetroffen. Aber am 15. war es noch nicht da.

– Was heißt “inzwischen”? Der 26. war gestern! Hat meine Bank denn erst heute überwiesen?

– Nein, am 16. Also nicht am 15. Die acht Euro sind ein Säumniszuschlag.

Ich erspare meinen Lesern die Fortsetzung einer Diskussion zwischen jemandem, der einen Punkt über soziale Pathologie bringen will, und einer Person im Call Center. Im Grunde ist es ungerecht, dass solche Diskussionen überhaupt stattfinden. Für die Leute im Call Center ungerecht und für basale Standards der Kommunikation ebenfalls ungerecht. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit größer, meine ehemaligen Philosophie-Masterstudenten im Call Center als etwa in einem Klassenzimmer zu treffen. Solange jedenfalls die Wirtschaft keinen Bedarf an Leuten meldet, die das Argumentieren gelernt haben. Demnach sollte und könnte ich gerade erst mit der Person im Call Center argumentieren und mit niemandem sonst.

Das Resümee ist, dass es seit 10 Tagen feststand, dass die Zahlung terminnah eingegangen war, als die Mahnung verfasst wurde. Eine Firma, die aus quasireligiösem Eifer Satisfactio im theologischen Sinn für eine geringfügige Verspätung verlangt und Strafgelder für symbolische Übertretungen verhängt, hätte auf keinem Markt, wo der homo oeconomicus agiert, eine Chance in einer Million, nicht pleite zu gehen – vorausgesetzt, es gibt kein Monopol und der Zahler – eben homo oeconomicus – bringt ein Mindestmaß marktrationalen Verhaltens auf. Wenn ich für ärztliche Dienstleistungen bezahle und nicht um die Dienstleistung, den innerweltlichen Poenitenten zu spielen, dann gehe ich zu jemandem, der mir die Dienstleistung ohne missionarische Allüren bezüglich meiner Zahlungsmoral bietet.

Aber wenn das Publikum es mit sich machen lässt? Wenn das Publikum es als moralisch gerechtfertigt ansieht, für das Scheitern an militärischer Termintreue Geld zu zahlen? Wenn das Publikum eines ist, das von Kind an kein Eis im Sommer aß, bevor das mit einer kalvinistischen Tugend verdient wurde? Na dann hast du ein Publikum, das keine Regeln und Fristen als Mittel zur Erfüllung von höheren Zielen ansieht, sondern allesamt als Selbstzwecke.

Dass der pietistische Fundamentalismus von Parareligiösen sich zu einer sozialen Haltung von Areligiösen säkularisierte, war wohl aus religionssoziologischer Sicht zu erwarten. Es sind nun die Kognitions- und die Wirtschaftswissenschaft gefordert – aber nach Thaler und Tversky sind sie auch auf einem guten Weg – die Übertretung von Rationalitätsstandards als vorherrschendes Verhaltensmuster zu beschreiben. Nach Webers Zweckrationalität gibt es nun viel zu tun in der Erforschung der Zweckirrationalität.

Repro of Grant Wood’s American Gothic in a typical middle-class interior; courtesy of otto.de (but do continue scrolling…)

Enough with scrolling

This letter of May 26 made me very concerned and surprised, at least in the beginning. I am supposed not to have paid my healthcare insurance? Did the bank not pay? Because of the border closure or something? (My bank is in one country, my insurance in another).

A due payment for 11 days? That is a long time. Did I commit a mistake while doing online-banking? 5 seconds passed…

Just a moment. Why do they demand only eight euros? My monthly contribution is more than one hundred times this!

Let’s call them. The lady wants me to indicate more precisely.

– What is the date of our reminder?

– May 26.

– Right, that’s it. You’ve paid your insurance in the meantime. You hadn’t on May 15 though.

– What do you mean “In the meantime?” When is the valuta day?

– May 16. Which is not May 15. You have to pay an eight-euros penalty for this.

I spare you the details of a discussion between someone who addresses social pathology and a person in the call center. It is unjust in a way to have such discussions. Unjust for the telephonist and unjust if you consider the basics of communication. From another point of view though, as long as people who had an academic training in argumentation are not needed in the job market, the probabilities to come across my master students in Erfurt are larger in the call centre than anywhere else. In that sense you can conduct rational discussions only with people in the call centre.

To make a long argument short, when the “reminder” was released, the payment had been made and acknowledged by the company that issued the “reminder”. Ten days ago. The justification of the penalty was not that I hadn’t paid but that I hadn’t had paid until a few hours after midnight of the day due. A company that charges a customer who pays huge amounts of money, eight euros for a delay of hours (essentially a delay of his bank abroad, but for the sake of argument let’s say that I should have predicted this delay), a delay, on top of everything, discovered ten days later, when everything had long been settled, has no chance of going bankrupt – given it’s not a monopoly and the customer has a minimum rationality. If my choice is between someone who gives me a product and someone who gives me the product plus demands a quasi-theological satisfaction due to militant Kalvinist fanaticism, I will choose the former. Do I pay in order to have the access to healthcare service or to play the role of a masochistic penitent?

Why don’t they get bankrupt though? I suppose because the customers are masochistic penitents – and gladly so… If your parents never bought you an ice cream just because you fancied one and asked them but only after your conforming with some of the things they considered virtuous, then you learn to consider everything in life a response to a military discipline. You learn to consider every rule and deadline as being for their own sake.

The transformation of pietist fundamentalism from a lunacy of the parareligious to a secularised attitude of the areligious is not surprising. After Weber’s efforts to understand means-end rationality, we have much to do in order to understand means-end irrationality. After Tversky and Thaler, cognitive and social scientists have made great progress in that.