Matrix in 1200 BC

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Eine der unangenehmen Auswirkungen der Coronazeit ist das Nichtreisenkönnen. Für andere wiegt es vielleicht nicht so sehr: Ob in Bielefeld oder in Salzburg, sind sie in Mitteleuropa, wo sie aufgewachsen sind, und die Oma kann man doch per Skype kontaktieren. Ich kann meine Mutter selbstverständlich auch per Skype kontaktieren. Wenn sie aber sagt “Bleib da, ich geh kurz Zitronen holen”, bin ich so lange nicht da gewesen, dass ich zunächst protestiere: “Ich bleibe doch nicht hier, bis du vom Supermarkt zurück bist”. Nein, zum Zitronenbaum will sie kurz.

Homer (Odyssee, IX, 102) lässt Odysseus seine Ithaker auf der Lotusinsel, wo es ihnen doch gut gefallen hat, davor behüten:

“Lotus essend den Tag der Heimkehr vergessen”.

Selbst der Lotus des ewigen Lebens neben der Göttin Kalypso ist Odysseus nicht genug, um diesen Tag zu vergessen. Er verlässt die Immerjunge für seine vierzigjährige und stets alternde Penelope (Odyssee VII, 256-258). Er ist ein Sterblicher und will das Geschenk des Auf-ewig-Gleichaltbleibens nicht einmal ausprobieren.

Das Leben in der Matrix oder als Gehirn im Tank ist angenehm. Der Wunsch, außerhalb der Simulation zu stehen, leuchtet trotzdem sofort ein.

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Restricted mobility is one of the most controversial measures of the Covid-19 time. Most people in Europe are not too far away from their origin, which makes the skype conversation with grandma devoid of nostalgia. I can also do so but when she says “Don’t go away, I’ll get some lemons” (meaning that she’ll go to the lemontree) having been away so long I have started understanding the sentence as saying that she’ll go to the supermarket.

In Homer (Odyssey, IX, 102) Odysseus takes his crew from the Lotus-eaters out of fear

“…that they would forget the day of return to their land if they eat lotus”.

Is it better not to forget if you cannot return anyway? For Homer yes.

Another Homeric episode to show why our own state is better than any other state qua our own is Odysseus’ preferring to return to his ageing-and-already-in-her-forties Penelope instead of staying with Calypso, a goddess who promises him the lotus, so to say, of eternal life (Odyssee VII, 256-258).

Life in the Matrix or as a brain in a vat is comfortable. But the wish to live out of the simulation is justified.

From a wild like Byron to a Byronlike Wilde

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Diese Tage vor 200 Jahren entfachten sich gleich drei bewaffnete Erhebungen gegen den Sultan und die Hohe Pforte: Eine auf dem Westbalkan, in einem Landstrich gegenüber Korfu, eine in Rumänien und eine auf der Peloponnes. Eine vierte, serbische, wurde mit der Ermordung ihres Anführers im Keim erstickt. Erfolgreich war nur die Revolution in Südgriechenland. Sie führte zur Gründung des Staates Griechenland. In all diesen Erhebungen waren griechische Offiziere in russischem Dienst die Drahtzieher. Die griechische Beteiligung ließ die Ideologie des wiederauferstandenen, klassischen Griechenland plausibel erscheinen, aber die Kulturgeschichte spricht eine andere Sprache: Die Revolutionen des Jahres 1821 wurden von einer an Voltaire und Napoleon orientierten Ideologie getragen. Die Romantiker und die Ästhetiker, das Zurückgreifen auf die Antike, das alles waren nachträgliche Legitimationsversuche. Mit Posen in griechischer Nationaltracht konnten Byron und Wilde nicht etwa die Geschichte umschreiben.

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Almost exactly 200 years ago, three plus one revolutions against the Sultan began: one in the Western Balkans, in the region opposite Corfu, one in Romania, one, finally, in Southern Greece. Only the last, which laid the foundations for the independence of Greece, proved successful. The attempt, finally, to incite a revolt in Serbia failed after the killing of the Serbian leader. The deep involvement of the Czar’s Greek officers and diplomats in these events made the ideology of the rebirth of classical Greece appear plausible. The cultural history of the Balkans, however, provides evidence that the ideological backing in the time of the events of spring 1821 in the Balkans referred rather to Voltaire and Napoleon than to Miltiades or Alexander the Great. Romantics and aestheticists saw an ancient spirit at work but this was a later construction. Byron’s and Wilde’s fustanellas did not influence history. They just gave a hint to its interpretation. A misleading one.

Meta-Pokern mit Kindern – und mit Erwachsenen

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Mit ganz genauen Plänen sind sie gekommen, unsere Jüngere und ihre Freundin: So viele gemeinsame Übernachtungen, das zum Essen, das zum Spielen, und du spielst mit.

Eine Bedingung – eine Fahrradtour – habe ich gestellt, aber im Grunde war ich mit dem Gesamtplan einverstanden. Das Kartenspiel, das sie spielen wollten, kannte ich zwar nicht, aber was sollte es…

Es stellte sich heraus, dass ich es gar nicht hätte kennen können. Es war ein von ihnen selber modifiziertes Spiel mit selbstgebastelten Karten. Es ließ sich damit gut spielen, gesetzt, man bluffte nicht. Nun wollten sie aber einen Erwachsenen – mich; welche Ehre! – zum Mitspielen haben. Nur: Erwachsene bluffen ja! Ständig dachte ich, bluffen zu müssen, denn schließlich sollen sie etwas fürs Leben lernen. Ihr Spiel geht allerdings ad absurdum, wenn man blufft. Also, doch nicht bluffen… Nichtbluffen bedeutete aus Erwachsenensicht, sich grundlos dumm zu stellen.

Und eben grundlos war das Sichdumstellen nicht! Ich wollte ja weiter mit den beiden spielen. Das war ein wichtiger Grund, auf meine Spitzfindigkeit nicht zu hören. Zugegeben fiel es mir anfangs schwer, wie ein Kind von der Reflexion über das Spielen – einer Erwachsenenmetaebene doch – zu abstrahieren. Aber irgendwann ging das gut. Im Spiel ging es ums Erraten. Wenn z.B. Greta erriet, dass ich die Karte XY hatte – damit müsste ich diese freilegen und das Spiel verlieren – sagte ich, statt zu bluffen: “Ja, ich habe sie”. Und verlor. Wohlgemerkt müsste ich nicht die Karte vorzeigen, die ich tatsächlich hatte. Das wäre ja, wie mit offenen Karten spielen. Es ging nur darum, zuzugeben, dass die Mitspielerinnen richtig erraten haben, nur falls sie das taten. Mit anderen Worten hatten die Mitspielerinnen, vorerst jedenfalls, keine Chance, einen Bluff zu entdecken.

Ich fasse zusammen: Die Kinder spielten auf einer einfachen Ebene: Kein Gedanke über Bluffs. Ich verzichtete auf die Metaebene des Bluffens. Allerdings verzichtete ich bewusst auf sie, um weiter spielen zu können, ohne das Spiel ad absurdum zu führen. Also ging ich über eine Meta-Metaebene auf kindliches Spielen ein.

Die Geschichte spieltheoretischer Ansätze – eine, die weit vor von Neumanns bekannten Vortrag in Göttingen am 7. Dezember 1926 zurückreicht – zeugt von Abstraktion auf die nächste Metaebene: von: “Was weiß ich über meine zulässigen Spielzüge?” über: “Was weiß der Gegenspieler über meine Überlegungen?” bis hin zu: “Was macht er, wenn er weiß, dass ich weiß, dass er weiß, dass ich weiß, wie ich spielen soll?” Schließlich zu: “Was macht er, wenn er weiß, dass ich weiß, dass er weiß, dass ich unter allen Umständen weiterspielen will?” Letztere Fragestellung entspricht der Logik des solidarischen Spielens, einer, die bereits David Hume im Gegenspiel antagonistischer Religionsgemeinschaften mit Hilfe von Bestechung herstellen wollte. Erwachsene brauchen Extras, um kindlich – oder kindisch – zu spielen.

Es ist wie beim Maskentragen: Die einen tragen eine Maske, weil sie Angst haben; andere tragen sie, weil erstere Angst haben; und andere wiederum haben keine Angst und auch keine Sympathie für Leute mit Angst, tragen sie aber trotzdem, weil alle – zu denen sie schließlich selber gehören – sie tragen.

Spielen zu wollen ist ein Bestandteil des Spielens, während man spielt.

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Their plans were very precise. “So many sleepovers. On the first day you’ll cook this, on the second that, this is the card game to play and these are the movies to watch”. I only insisted to have a bicycle ride at some point during the weekend but, generally, I agreed to everything.

“Oh, yes: and you’ll have to play along the card game with us”.

I didn’t know the game. Rather: no one knew it apart of them. They had used a game idea to design their own cards set, had spent a lot of time with coloured heavy-paper cards, simplified the rules. It was their game.

And it was playable. Under one condition: no bluffing. That is, bluffing was allowed and everything, at least there was no way to detect bluffing or to sanction it. But if you bluffed, the game became pointless and there was no reason to continue playing. This was confusing since adults have this meta-level of reflection upon their own playing, a meta-level that enables bluffing. And they wanted to play with an adult and this was me. It was the privilege of being their chosen one against my nature as a bluffer. The privilege was more important.

Guessing was essential for the game. When Greta guessed that the card I had was the Princess and I had the Princess, then I had to place this card on the table for everyone to see. Which is what I did. If you consider that, had I bluffed, no one would know that I had this card and no other, you may also feel compelled to ask how an adult can be a fool and play like this. My veracity (or foolness) was induced by the fact that continuing playing was a strong motivation.

I’m summing up: the girls played without afterthoughts. I had afterthoughts but did not employ them because – an after-afterthought – I wanted to continue the game.

Since von Neumann’s lecture in Göttingen on Dezember 7, 1926, the history of game theory is characterised by an ascent of levels: from “These are my moves”, to “These are his moves”, to “Knowing that he knows that I know that he knows that I know his moves, these are my moves”. Finally, you reach a level on which you say: “These are our moves if we are supposed to continue playing together”. The setting of game-theoretical solidarity is one that David Hume already discussed. Hume also discovered that bribing is a measure to reach this level of naïveté – one that is alien to adults with own interests.

Wearing masks is an activity related with these levels: there are those who wear masks because they are afraid; there are others who were a mask because the aforementioned are afraid. And, finally, there are those who wear a mask because everybody, a group of which they are evidently members themselves, wears a mask.

The will to play is a part of playing.

Prophetae post Christum

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Große Krisen gibt es anscheinend alle acht bis elf Jahre: 1962 Kuba, 1973 Ölkrise, 1983 AIDS, 1992 Bosnienkrieg, 2001 11. September, 2009 Eurokrise, 2020 Coronakrise. Wenn eine zwischen 2028 und 2031 kommt, werde ich behaupten können, es gewusst zu haben? Vor Ewigkeiten meinte mein alter Diplomarbeitsbetreuer – Theophilos Veikos hieß er, aus Nordgriechenland, Spezialgebiet Geschichtsphilosophie – man brauche wohl nur Zeit und Nerv zum Bezügeherstellen, damit alle Geschichte im Nachhinein als irgendeiner mathematischen Funktion unterliegend erscheint. “Funktion”… Eine Funktion ist eine Abbildung mit bestimmten Eigenschaften, die aber so billig zu haben sind, dass das Präfix “irgend” der springende Punkt ist. Das Hauptproblem, das Veikos – Gott möge ihn selig haben – ansprach, war die Beliebigkeit der Argumente, die “irgendeine” Funktion erfüllen. Warum habe ich oben nicht etwa den Zweiten Golfkrieg oder die Verstaatlichung von Renault durch Mitterand hinzugefügt? Dann wäre wohlgemerkt die Funktion auch eine andere.

Aber zurück zur Krise zwischen 2028 und 2031: Dem Hang zum “Ich habe es doch immer gewusst” im Nachhinein verdient nicht nur die kognitive Psychologie eine wichtige Einsicht, sondern auf ihn lässt sich der Erfolg mindestens zweier der wichtigsten Romane des 20. Jh. zurückführen. Ich meine damit Umberto Ecos Namen der Rose

und Foucaultsches Pendel.

Romane sind immer kohärent. Die Realität wohl auch. Wer allerdings ein kohärentes Narrativ für die heutige Situation findet, hat noch lange kein adäquates. Vielleicht ist das lediglich Romanstoff.

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Every eight to eleven years there is a big crisis – or so it seems: 1962 Cuba, 1973 the Oil Crisis, 1983 AIDS, 1992 war in Bosnia, 2001 9/11, 2009 Eurocrisis, 2020 Covid19. If there is, now, a crisis between 2028 and 2032, will I be able to say that I predicted it?

Ages ago, the professor who graded my teacher’s degree thesis – a Greek Macedonian, his name was Theophilos Veikos and his specialisation philosophy of history – wrote somewhere that with a little time and patience everyone can manage to make history appear like a case of a certain mathematical function.

A function is a mapping of a certain kind, and the big question, if any function would do, is what you choose to map into what. In my list above e.g. I did not include events like the Second Gulf War or Mitterand’s policies towards Renault. You may say: “Plausibly so”. But others could be of another opinion, obviously preferring eo ipso a different function.

Let me return to the future crisis between 2028 and 2031. The idea “Actually I knew that this would happen” in retrospect is a topic of psychology as much as it is an element of two of the most read novels of the 20th century: Umberto Eco’s Name of the Rose

and Foucault’s Pendulum.

Novels are always coherent. The reality is also arguably so. But if you happen to have a coherent narrative for the situation we are currently thrown in, this doesn’t need to be adequate. Chances are that you only have the material for a novel.

Being the others

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Das Abtun zyklischer und selbstbezüglicher Entscheidungen als Unsinn ist erleichternd. Einerseits… Andererseits ist es nicht gerade eine elegante Lösung, das Schwert zu ziehen – tja, was soll der Unsinn! – und den Knoten aufzuschneiden. Solange keine Berichte aus der Antike auftauchen, wonach Aristoteles seinem Schüler zu gordischen Lösungen riet, muss der Logiker um elegante Lösungen bemüht sein. Klar, man kann ad libitum eine Regel einführen nach dem Motto: Errichte nie eine Mautstation, die nur den Zweck hat, das Geld für ihre eigene Errichtung aufzutreiben,

und das Problem erscheint gelöst. Da kann zyklische Selbstbezüglichkeit nur in Comics passieren. Das ist im Grunde die Lösung entscheidungstheoretischer Paradoxien bei Quine, Spohn und Gaifman. Auf Verweise verzichte ich hier. Wer alles lesen will, der lese meinen Aufsatz in History and Philosophy of Logic 37 (2016), 101-113, wo ich aber auch zeige, dass die zyklische und selbstbezügliche Lösung nicht immer “Unsinn” ist.

Einen weiteren Beleg für die sehr gute Anwendbarkeit zyklischer und selbstbezüglicher Entscheidungsregeln möchte ich heute aus gegebenem Anlass politischer Natur bringen. Angenommen, ich bin ein Ministerpräsident und der Meinung – ich habe Epidemiologen und andere Experten konsultiert, ich habe eine empirische Evidenz – dass die Corona-Maßnahmen gelockert werden können. Aber ich weiß – bzw. meine zu wissen – dass alle meine Kollegen das anders handhaben und deshalb äußere ich mich gegen die Lockerung und gegen meine eigene Überzeugung. Das zeigt natürlich, dass ich besonnen bin und meinen Job als Ministerpräsident höchstwahrscheinlich behalten werde. Tun, was die anderen tun, ist eine Regel, die sich in diesem Fall bewährt.

Aber ist wirklich das die Regel? Wie ist es z.B., wenn die anderen sich ebenfalls gegen ihre Überzeugung ausdrücken, weil sie meinen, die aus ihrer Sicht anderen (deren einer ich wohlgemerkt bin!) würden die Corona-Maßnahmen verschärfen statt lockern? Die Regel ist in diesem Fall selbstbezüglich und zyklisch: Tue, was die anderen tun, bedeutet im Endeffekt: Tue, was du vorwegnimmst, dass die anderen vorwegnehmen, dass du vorwegnimmst, dass die anderen vorwegnehmen, dass du… usw.

Ein ähnliches Beispiel ist das des Aktienkäufers, dessen Gewinnstrategie darin besteht, stets rechtzeitig zu verkaufen, was die anderen verkaufen, und rechtzeitig zu kaufen, was die anderen kaufen. Wenn das die Regel auch der anderen ist, ist der Aktienkurs durch die Erwartung der Anleger von der Erwartung der Anleger bestimmt; nicht jedenfalls von Produktion und Effizienz. Sieht irgendjemand die Möglichkeit, solche Regeln rechtskräftig zu verbieten? Vielleicht mit dem Schwert? Dazu muss das geeignete Schwert erst erfunden werden.

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Cyclical self-reference generates decision-theoretical paradoxes. You can declare it to be nonsense and you finished. But do you really want this?

Since it’s extremely unlikely that long forgotten sources from antiquity will ever suggest that Alexander’s cutting the Gordian knot was due to Aristotle’s instructions, I feel justified thinking that logicians should prefer elegant solutions. No doubt, one can introduce a rule ad libitum to prohibit, say, tolls to pay off the installation of the tollbooth as their sole target.

Such rules are Quine’s, Spohn’s and Gaifman’s recommendation to get rid of paradox. (No references here, I’m afraid; read my article in History and Philosophy of Logic 37 (2016), 101-113 if you’re interested). But even if one introduces thousands of such rules, one is not justified to believe that cyclical self-reference will only happen in comics. Take the following thought experiment:

You are a politician. Say, a local prime minister of some German federal state. You’ve had consultations with epidemiologists, public health experts – in short: you have empirical evidence – to the effect of a new persuasion that the Corona measures must be gradually relaxed. At the same time, you know that your colleagues would rather sharpen the measures to conform with the very timid attitude of the wide public. Since you want to keep your post as a prime minister, you make claims towards sharpening the measures, NB against your inner conviction for the opposite. I.e. your rule to keep your job is to do what the others do.

Second thoughts, however, may exist as to whether this is really the rule you follow. What if the others follow (rather: think they follow – continue reading for the reasons I make this distinction) the same rule? Then, it is not their conviction to sharpen measures. Rather, they think it’s the others’ conviction – that includes you, of course – and this is why they make claims against the relaxing of measures against their own opinion. Just like you.

In other words, a generalised rule to do what others do, results to the rule: do what the others anticipate you to anticipate them to anticipate you to anticipate them … to do.

A similar example is that of the investor whose winning strategy is to timely buy what “the others” buy and to timely sell what “the others” sell. The more people act according to this rule, the more you have stock prices depending on the investors’ expectations of investors’ expectations instead of the the investors’ expectations of production and efficiency. And now draw the sword and prohibit such rules – ha, ha, ha…

Corpus sacrum

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Susanne war gerade mit ihrem Studium, ich mit der Promotion fertig, als sie mich in die Münchner Kunstakademie zur Vorstellung ihrer Abschlussarbeit eingeladen hat. Inmitten einer Umgebung von Installationen, wo die Hauptaussage war: “Habe ich dich jetzt genug schockiert?” stand Susannes (wie ich damals dachte) Ausdruck von Philhellenismus und Demut (ich muss vorweg sagen, dass ich ihre Absichten damals monströs missinterpretierte) in Form von Ikonenhäusern, wie man sie am Straßenrand in Griechenland immer wieder findet. Um den Unterschied zwischen griechischer Spenglerarbeit und Susannes Kunst festzustellen, musste ich das Türchen des Ikonenhauses aufmachen. Da betrachtete mich aus dem Gehäuse statt der Mutter Gottes mein Ebenbild aus einem an der Rückwand befestigten Spiegel. Ich habe mir keine Kerze angezündet. Erstens war ich überzeugt, dass sie es mir übel nehmen würde, andererseits wäre es eine Kerze zu Ehren jedes Besuchers, der reingucken würde.

14 Jahre später war ich gerade mit der Habilitation fertig, als Hans Joas in seinem gleichnamigen Werk die Sakralität der Person als einen Trend der Moderne entdeckte: Die Vergöttlichung, Unsterblichmachung jedes Einzelnen begann in der frühen Neuzeit, politisches Handeln zu legitimieren.

Da nun Joas damals im Begriff war, Erfurt zu verlassen, bot ich den Buchtitel als Hauptseminar an. Ich war und bleibe sehr überzeugt von der Hauptthese und den Argumenten im Buch.

An beide Bekannten musste ich in der Corona-Krise denken. Eine Verdeutlichung der Sakralität der Oma im Altenheim, die trotz ihrer Sünden, Vorerkrankungen und ihrer 95 Jahre nicht an Corona sterben soll, die besser wäre als die gegenwärtigen Maßnahmen, kenne ich nicht. Erst lange danach musste ich an der lieben Freundin von damals sowie am berühmten Kollegen Vordenker dessen erkennen, was jetzt um uns passiert.

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When Susanne finished her studies in art – it was the time I had finished my PhD thesis – she invited me to the presentation. The Munich Art Academy is an awkward place when the installations of the graduates are exhibited to ask you if you are enough shocked. Susanne’s work was an exception. Back then I thought that one point she made was philhellenism and that an attitude she expressed was humility. I was wrong in both interpretations. Susanne had manufactured a roadside ikonostasio as found everywhere in Greece. The difference of Susanne’s art from the usual sacral object was that, in her version, when you opened the small window, you found no icons but a mirror in it. The saint to venerate was yourself.

Fourteen years later – the book I had finished this time was my habilitation thesis – I was thinking about the issues to deal with in my social-philosophy class when I came across the work of my famous colleague, at the same time the person downstairs in the university’s guest house. I dedicated Hans Joas’s Sacredness of the Person the whole term for two reasons: the first was one of tactics: Joas was about to leave Erfurt and I wanted to give a signal, however small, that Weberian analysis rulez! The other was one of beliefs; my deep persuasion of Joas’s main thesis: the early modern period began to see a saint in every individual and this trend has become a tenet of the modern conception of humanity.

I have thought a lot on the two unequal but similarly pioneering works, Susanne’s shrine and Joas’s book, during the Corona Crisis. In the apprehension of each individual as sacred, I see established the policies of the last ten months – policies to ensure that in spite of his sins, his 95 years and his prehistory, John Doe will survive Corona as much as this depends on us.

Se tutto deve rimanere com’è, è necessario che tutto cambi

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Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss es sich ändern…

… gibt Graf Salina, der Hauptcharakter von Giuseppe Tommasi di Lampedusas Gattopardo, zu bedenken, wenn er erklärt, wieso ausgerechnet er, ein Adliger, für Garibaldi eintritt und die Ehe seines Neffen mit der niveaulosen Neureichentochter will.

Drei Pinien habe ich auf dem väterlichen Garten am Meer am Wochenende fällen lassen. Das tat weh. Die Pinienkerne dieser Bäume waren – mit Honig geträufelt – mein Frühstück mit zwölf, mein Snack zum Tsipuro mit achtzehn. Mein Garten auf Euböa ist kleiner als Conte Salinas Gut auf Sizilien, aber was ist daraus zu schließen? Soll der Verlust jetzt mehr oder weniger wehtun? Salina sagt, gar nicht solle er wehtun. Was sich ändert, bleibt uns erhalten.

Tatsächlich kommt das Meer langsam zur selben Zeit an den Zaun heran. Die Ägäis eroberte die Straße vor meinem Land. Deshalb war es wohl den Bäumen zu salzig und giftig unter den Wurzeln. Wie soll es kein Gewinn sein, wenn nun in Ermangelung der Straße die Küste so sein wird wie in vortouristischen Zeiten?

Ja, die Welt wird immer besser, indem sie eine reformierte alte bleibt. BBC 6, mein Lieblingssender, spielt Flying Microtonal Banana und Automation von King Gizzard and the Lizard Wizard, einer Band von australischen Kunsthistorikern und Politologen, die junge westliche Menschen für Lieder geschrieben in altertümlich orientalischen Hijaz- und Bayati-Tonleiter gewinnt.

Giuseppe Tommasi di Lampedusa ist mein Leuchtturm zum Ästhetikverständnis. Auch zum Politikverständnis. Alles bleibt wie es war, während es sich verändert. Vor dem Hintergrund der Ideengeschichte des 18. Jh. ist Emmanuel Macron Friedrich der Große, QAnon wiederum Emanuel Swedenborg. Nicht dass Emmanuel keine Fehler macht (wie jetzt PCR-Tests für EU-Bürger- wie unnötig!) und Emanuel seine inkohärenten Piepser nicht schreiben sollte. Aber das ist in etwa der schwindelerregende Abstand. Alles in allem bin ich voller Optimismus über die Prospekte des Mainstreams.

Die Pinien? Ich werde neue an ihrer Stelle wachsen lassen. Meinen Töchtern und den Leuten in meiner Nähe werden die Pinienkerne jedenfalls nicht fehlen. Die Krise geht vorbei. Was sage ich da? Sie ist vorbei; an uns vorbeigegangen, sobald wir sie akzeptierten.

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If all has to remain the way it is, then it has to change…

… maintains count Salina, the main character of Giuseppe Tommasi di Lampedusa’s Gattopardo, when he explains why he of all Sicilians, an aristocrat, supports Garibaldi as well as his nephew’s marriage with a new rich and unfortunately beautiful philistine.

Last weekend I succumbed to the felling of three of the pines of our property which is directly adjacent to the coast. Our land in Euboea is much smaller than count Salina’s property in Sicily, even much smaller that the relative size of the two islands makes you think. This doesn’t mean that Salina had more to lose. The pine nuts of these trees, sprinkled with honey, were my breakfast at the age of twelve and began to accompany my whisky some time later. Salina’s advice however is not to perceive changes as a loss.

And when I give it some thought, he is right. While salty water was slowly contaminating the roots of my poor pines from below, eo ipso the sea won the battle against the street in front of the garden and reached the fence. You might think that I might see the fence endangered. What count Salina’s eyes in me see, however, is a coast returned to its natural state before the arrival of tourism, of lanterns, of seaside promenades.

The world gets better and better remaining as it was through reform. BBC 6 has always been my favourite station but now they also play scales like hijaz and bayati with which my grandfather’s ears have been familiar but were thought to be out in western music. Well, Automation and Flying Microtonal Banana by King Gizzard and the Lizard Wizard are exactly bayati and hijaz without being out.

Giuseppe Tommasi di Lampedusa is my lighthouse when I sail out in aesthetics. Or politics. Everything remains existing as it changes. With the history of ideas of the 18th century in the background, Emmanuel Macron is Frederick the Great and QAnon is Emanuel Swedenborg. I am not contending that Emmanuel makes no mistakes (the obligatory PCR test for EU citizens – how unnecessary!) and Emanuel should not write his incoherent things. I am just saying that this is the gap. Oh yes, I am very optimistic about the prospects of the mainstream.

Well, the pine trees… I shall plant new ones. My daughters, generally people at my side, should understand “Get some pine nuts” as a suggestion to collect them, not to buy them. The crisis will be over. What am I saying? It is over. It was over as soon as we affirmed it.

Oleat!

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Die UBS erhebt neuerdings Negativzinsen für sehr Reiche, die keinen Baukredit bei der Bank haben. Etwas überinterpretiert, kommt das dem Spruch des realexistierenden Sozialismus gleich, Geld arbeite nicht (warum soll es also automatisch mehr bringen?)

Ist das aber überinterpretiert oder eher verharmlost? Negativzinsen bedeuten sogar Wertverlust, was mindestens seit Kaiser Vespasian als absurd abgetan wird, manchmal mit dessen Worten: Pecunia non olet – Geld stinkt nicht, selbst wenn es mit dreckigen Arbeiten verdient wurde. Die UBS könnte einen Paradigmenwechsel einleiten.

Andererseits sind die Negativzinsen ein banaler Hinweis darauf, dass die Bank auf die Deflation mit einem Agio für Arbeit, für Investitionen reagiert. Was will man mit sich anhäufenden trägen, sehr wertvollen Geldsummen machen, die deshalb von allen gehalten werden? Kann man sie essen?

Bei einer Inflation vermindert sich das Vermögen. Bei einer Deflation im Endeffekt dann auch, wenn Negativzinsen am Ende des Weges stehen. Also vermindert sich das Vermögen immer. Das ist ein Paradox, dessen Namen ich nicht kenne. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass dieses Paradox gerade passiert, obwohl ich es passieren sehe. Dies ist wiederum ein Metaparadox, dessen Namen ich kenne: Moores Paradox.

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UBS, the Swiss bank, introduces negative interest rates for the very rich – unless they have their mortgage loan with the bank.

With some poetic freedom, this is what the slogan of real socialism claimed: Money does not work (so, why ought interest to be paid?)

I gave this some thought though, to doubt that this freedom is poetic. Since emperor Vespasian (and this is a long time!) we have the ultimate expression of how absurd is the thought that the value of money would diminish: “Money does not stink” – Pecunia non olet, even if it was earned in filthy business. It is rather accurate to say that UBS changes that.

The bank would probably tell you that negative interest rates trivially apply to the fact that in times of deflation, labour is more important than capital since everybody keeps their too-valuable money but also realise they cannot eat it. So, why not introduce a premium for labour?

If this is how they think, the situation is paradoxical: in an inflation capital melts away. In a deflation sometime too by the introduction of negative interest rates. So, capital diminishes. Seeing that a paradox is the case but not believing what you see is another paradox: Moore’s paradox.

Kant über die Abwägung moralischen Schadens beim Kinderimpfen

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Ob Kant (wie im in der Akademieausgabe, Bd. XV, S. 975 edierten Manuskript aus dem Nachlass) weiterhin die “moralische Waghalsigkeit” bei der Pockenimpfung für Kinder als größer bezeichnet hätte denn die physische Gefahr, an Pocken zu sterben, wenn er die heutigen Daten gehabt hätte, fragt sich in diesem hervorragenden Artikel Ingo Arzt, um gleich seinen Unmut über das Abbrechen des Originalmanuskripts zu äußern.

Was kann ich anderes beitragen als eine Fortsetzung des Manuskripts im Sinne des Königsbergers?

Denn so viel ist über die höchste moralische Gefahr bei der Übernahme von Verantwortung für Unmündige zu sagen: Diese besteht darinnen, andere, vornehmlich Kinder, mit guten Absichten in Lebensgefahr zu bringen. Allerdings kömmt es, wie ich in der Kritik der praktischen Vernunft und sonstwo Gelegenheit hatte darzulegen, bei der Beurteilung sittlichen Handelns nicht auf die Absicht des Handelnden an. Mithin ist bei gelungener Kinderimpfung zwar die physische Gefahr überwunden, wenngleich die moralische Anmaßung bestehen bleibt, falls der Arzt nicht genau wusste, ob das Versprechen des Heils die unmündige Person an demselben sterben lässt. Das Kriterium für die moralische Zulässigkeit des Impfens darf freilich auch nicht sein, ob es wahrscheinlicher erschien, an Pocken zu sterben, als die Impfung zu überleben. Denn wie wahrscheinlicher muss der Tod sein, um die moralische Verantwortung übernehmen zu können, einem ahnungslosen Kinde etwas eventuell Schädliches einzuimpfen? Die moralische Gefahr, das Gebot des Schutzes von Leben zu überschreiten, kann nur eine künftige Wissenschaft gewährleisten, die so gut wie sicheren Schaden mit so gut wie sicheren Maßnahmen abwendet.

Hätte Kant den abgebrochenen Satz so fortgesetzt, dann hätte er sich in eine gefährliche Nähe beim Utilitarismus herangewagt, an eine ihm vollends fremde Moralphilosophie, die Nutzen und Schaden gegenüberstellt. Vielleicht musste er abbrechen, weil er feststellte, wie fremd ihm das Kosten-Nutzen-Denken ist. Falls so, dann bricht das Manuskript eben deshalb ab, weil Kant plötzlich klar wurde, dass eine Auseinandersetzung mit den Gefahren der Medizin ohne Kosten-Nutzen-Denken unmöglich ist.

Wenigstens sind wir inzwischen im Besitz der künftigen Wissenschaft.

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In a manuscript from the nachlass (so-called AA-Edition of the Royal Prussian Academy of Sciences and successor institutions, Vol. XV, p. 975) Kant reckons that the moral recklessness of vaccinations of children against pox is more serious than the physical risk of the children. Ingo Arzt presents the passage in this outstanding piece of journalism (sorry, only in German) to ask himself whether Kant would still think so if he had our contemporary data and to express his annoyance because the passage breaks off in the middle of a sentence.

This is, to my mind, a natural continuation of what Kant would have written if he had not been interrupted, fallen asleep – whatever:

The most serious moral hazard towards minors can be determined as a situation in which you exploit your responsibility towards them by endangering their lives with good intentions. Since, on one hand, as I had the opportunity to show in my Critique of Practical Reason and elsewhere, intention is not the criterion to judge moral acting, in this case, even if a vaccination is successful, then the physical hazard is overcome, however the moral hazard in form of presumptuousness remains, unless the physician knew that that the promise of healing will not be rather killing. Since, on the other hand, the criterion of the moral value of giving a child a possibly dangerous medicine is also not probability – because how much more probable must a child’s death due to illness be than death due to the medicine, in order for the pretension of the self-proclaimed healer to know better to be legitimised? – the moral hazard to violate the duty to protect a child’s life can only be minimized by a future science which can rightfully claim to avert almost certain dangers with almost certain therepies.

This continuation of Kant’s line of argument concerning duty and responsibility vis-à-vis risky therapies for children would have made the philosopher of Koenigsberg approach utilitarianism – a school of thought alien to him. After all, maybe it was not an interruptive guest from downstairs or the extra glass of wine that made Kant stop writing, but rather the sudden insight that in pondering the pros and cons of medical treatment one has to calculate costs and benefits, which is as denying Kantian ethics as anything.

At least we possess in the meanwhile this one future science…

Nije votka rakija

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Der Silvester eignet sich für hochgradig Geistiges – einerseits an Vergangenheits- und Zukunftsreflexionen, andererseits für mit Salzmandeln Begleitetes. Letzteres ist in einem bestimmten Sinn sehr konservativ. Man erwartet von einem Südslawen eine Neigung zur Šljivovica, zum Zwetschgen-Schnaps also, mehr als zur Lozovača, dem Trauben-Schnaps. Umgekehrt präferieren Südfranzosen, Italiener und Griechen Treberschnäpse, ob mit oder ohne Anis versetzt, und, um den Kreis zu schließen, habe ich im Schwarzwald und in der Schweiz durchaus Zwetschgenwasser entdeckt, aber wenn ich die Einheimischen vor die Wahl stelle, werden sie das Quittenwasser vom Bauern nebenan trinken. Auch keinen Vodka, auch keinen Arak.

“Es ist nicht Vodka die Rakija” spiele und singe ich gelegentlich – aber wenn, dann gern – seit ich etwa zwanzig war. Sieben Akkorde, einfaches Fingerstyle. Der jugoslawische Song war damals neu, zwar nicht das Natürlichste, was ein durch-und-durch griechischer Student der Nationalen Capodistria Universität in Athen zu singen pflegte, aber im Text – er verlässt die russische Geliebte; er stellt sich vor, was sie gerade macht; er kann nicht über den Gedanken hinweg; selbst die Briefmarke mit Lenins Bildnis auf dem Abschiedsbrief macht ihn fertig – schwingt ein für mich doch natürlicher Gedanke mit: “Der Südländer in mir, die Rakija also, lässt sich nicht ändern”.

Da Beides, “rakija” und “votka bulk terms, Massenbegriffe sind, ohne über- oder untergeordnet zu sein (Ersteres kann im Serbokroatischen auch als Oberbegriff aller Destillate verstanden werden, bloß aller einheimischen, was den Vodka sowieso ausschließen würde), ist zunächst für den Nichtmuttersprachler schwer zu unterscheiden, welches das von Momčilo Bajagić intendierte Prädikativ und welches das Satzsubjekt ist. Anders wäre es mit einem Gattungsbegriff, etwa: “harmlos”. Ob mit “Die Rakija ist nicht harmlos” oder mit “Nicht harmlos ist die Rakija” weiß der Hörer genau, welcher Terminus Satzsubjekt und welcher das Prädikativ ist. Aber in “Nije votka rakija” stehen Rakija und Vodka nebeneinander als Spezies. Dass Rakija kein Vodka ist, ist also keine Gegenprädikation, sondern eine Ungleichung. So verstanden, sollte die Syntax egal sein. Dass Rakija nicht Vodka sei, ist gleichbedeutend damit, dass Vodka nicht Rakija sei.

Meinste! Wenn Bajaga sagt: “Nije votka rakija”, dann meint er wohl, er, als per analogiam von der Sonne Šumadijas (eigentlich Slavoniens) gezuckerte Rakija, sei zu wenig Vodka, um im Norden zu bleiben. Würde er stattdessen singen: “Nije rakija votka”, dann würde er meinen, nicht er sei zu sehr Balkanese, sondern die Perle, die er zurücklässt, sei zu sehr Vodka, um in den Süden mitzufahren. Der Song hätte einen völlig anderen Sinn, geschweige denn Probleme mit dem Reim. Denn, was reimt sich mit “votka“? Egal! (Wie man sieht hat’s bereits im Yugorock gegolten: “A bottle of vodka’s still lodged in my head and some blonde gave me nightmares, think that she’s still in my bed as I dream about movies they won’t make of me when I’m dead…”)

Jedenfalls können die Terme einer Ungleichung zum Zweck der Hervorhebung vertauscht werden. Die Ungleichung behält ihre Bedeutung bei, aberdas Augenmerk des Sprechers gilt dem Satzsubjekt. Es besteht hier eine bestimmte Ähnlichkeit mit der Arithmetik an Waldorfschulen. Nicht “3+2=5”, sondern “5=3+2” soll die didaktisch zuträgliche Formel sein. Es ist nicht trivial, so zu denken. Das Gleichheitszeichen hat in diesen Ausdrücken jeweils eine andere Bedeutung. Im ersten Fall ist es eine (gesättigte) Funktion, die ausgedrückt wird, im zweiten eine Relation. Die zwischen Nord und Süd ist auch eine Relation – eine dysfunktionale. Aber das führt jetzt zu weit.

Ähnlich wie bei den Summen, die fünf ergeben, ist der Ausdruck: “Einen Beerenschnapps” eine Funktion, deren Argumente Zwetschgen oder Trauben sein können und der Wert “Rakija” sein muss. Eine Relation dagegen ist der Ausdruck: “Ob Šljivovica, oder Lozovača, Hauptsache Beeren…”

Der Leser wird sich fragen, was ich gerade trinke. Na ja: anders genannten Lozovača. Am Ende des Tages, auch des Jahres, bleibe ich ein Grieche. Dabei: die Šljivovica ist seit gestern aus.

Einen guten Rutsch ins neue Jahr, liebe Leserin, lieber Leser, egal was Sie trinken und aus welcher Himmelsrichtung Sie kommen. Später wird das mit der Himmelsrichtung wieder schwer und wer aus dem Norden oder aus dem Süden kommt, wird sich einem Test unterziehen müssen, und, wenn er in Quarantäne bleiben muss, werden “nicht mal alle Briefträger Russlands diesen Kummer austragen können”.

Ich weiß nicht, ob die Einschränkungen der Mobilität uns im Jahr 2021 begleiten werden. Aber das Jahr 2020 war fast wie eine Zeitreise dreieinhalb Jahrzehnte zurück.


Enough with scrolling

The New Year’s Eve goes together with high spirits – the ones you demonstrate with your attitude as well as the others which you accompany with snacks. The latter are in a particular sense conservative. Most Southern Slavs do prefer the šljivovica, a plum spirit, to lozovača, made of grapes, which the Southern French, Italians and Greeks, whether with or without anis, prefer to quince spirit, a very popular one in Switzerland and the Black Forest. This closes the circle of conservatism and this circle has to close and reopen since the clip above is one of a Balkan rock musician named Momčilo Bajagić.

I’ve played and sung in different occasions “Rakiya isn’t vodka” since I was twenty. Seven accords, simple finger style. It wasn’t the most common thing in the world to sing Yugorock if you were an Athenian and a student at the National Capodistria University, but it was a new song back then, most of my mates had no idea that after the northern borders there was a culture and a vivid one, and the text urges – he leaves a Russian girl back in Russia; he can’t help wondering what she’s doing now; even the stamp with Lenin’s face on the envelope of his farewell note is hard to take… – “The southerner in me, rakiya so to say, won’t be a vodka”.

Rakija” and “votka are bulk terms. Both are specific. In Serbocroatian, you can use “rakija” as a generic term of every spirit of 40% vol and above, but here this is not the case. Vodka – definitely a true counter-predication – is not a kind of rakiya. Further, the fact that rakiya is not vodka is definitely a true inequation, and by this alone – another true inequation – vodka is not rakiya.

For a non native speaker it’s not clear what the predicative and what the grammatical subject is in “Nije votka rakija“. I’d have no difficulties if the one term were an adjective and thus unambiguously the generic one. E.g.: “harmless”. But here the point is not whether vodka or rakiya belong to the set of harmful things. The point is that the one is not the other. You may think that it’s unimportant how you express this thought, whether by saying “Vodka is not rakiya” or “Rakiya is not vodka”.

But nope! It’s not unimportant! When Bajaga says: “Nije votka rakija“, what he means per analogiam, is that he, a person spoiled by the sun and landscape of Šumadija (in fact Slavonia but let’s leave the details out) is too much rakiya to pretend to be vodka. (That was ages before the lyrics “a bottle of vodka’s still lodged in my head and some blonde gave me nightmares, think that she’s still in my bed as I dream about movies they won’t make of me when I’m dead…”)

If he had sung instead: “Nije rakija votka“, then he wouldn’t have meant that he’s too much of a Balkan guy. It would be the lady instead who would have been too much of a Russian to follow him to Belgrade. This would have entailed even greater problems! I mean, find a word that rhymes with “vodka”…

As one sees, the terms of an inequation can be interchanged to achieve an emphasis. It’s like elementary arithmetic in Waldorf-Steiner schools: Never write: “3+2=5”. Write: “5=3+2” instead. You might say that the two expressions are trivially equivalent. They’re not! In the first case the equality sign equates a (saturated) function to its value. In the second it’s a relation, not a function that is expressed. (Probably you know from your experience that relations are often dysfunctional but this has nothing to do with what I just said.)

You may ask yourself what I’m drinking. Well, in essence, a lozovača. In Greek we don’t call it thus but the essence is what counts. At the end of the day and of the year I’m Greek alright. Plus, I have no šljivovica anymore and didn’t go to the supermarket.

I wish my readers a happy new year independently of what they drink and where they come from. After the beginning of the new year things will worsen. Those who go from here to there will have to make a test and if they stay in quarantine “not even all the postmen of Russia will be able to carry the weight”.

2020 was a year that, in terms of mobility, came right out of the 80s. 2021 will not be of much difference. Let’s take this positively. Time travel can be rejuvenating, I suppose.