Sapphic verse is today released by Island Records and other like labels

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Meinen Töchtern ist es manchmal peinlich, wenn ich ihre Lieblingsmusik mit Genuss und Enthusiasmus höre: Namika, Amy Winehouse, Indila. Allerdings können sie nichts anderes von einem Papa erwarten, der Gräzistik und Latinistik studierte.

Nach Jahrzehnten der Popmusiktexte voller: “Da, da, da, ich lieb’ dich nicht, du liebst mich nicht” oder “Ich fand in dir mein großes Glück, es war im Zug nach Osnabrück”, endlich bekommen wir eine Lyrik als Songtexte, die der eines Archilochos, einer Sappho und eines Anakreon ebenbürtig ist.

Zwischen den Zeilen von Amy Winehouses Einsamkeitsbeweinung in Back to Black höre ich Sapphos “Dedyke men ha selana”: Der Mond, die Pleiaden untergegangen, einsam im Bett, Mitternacht.

In I Wake up Alone gelingt Winehouse sogar ein neuer Einblick in die Selbstreferenz: Hauptsache, sagt sie, man denke nicht mehr lästig darüber nach, wie lästig man nachdenkt. Das Niveau poetischer Reflexion bei Winehouse, Namika und Indila lässt die antike Lyrik wiederauferstehen und alle Popmusik von den Beatles bis zu Nirvana verblassen.

Selbst die – zumindest bei Winehouse charakteristischen – Obszönitäten finde ich nicht fehl am Platz. Sie waren auch in der griechischen Lyrik üblich. Man denke an die Anacreontea oder an die Kölner Epode von Archilochos.

Die Generation meiner Kinder hat poetische Werke die viel besser als die plumpen Texte meiner Jugend sind. Klarerweise ist mein Enthusiasmus diesbezüglich genauso uncool wie das Beharren auf Oldies, aber wenigstens verrate ich dadurch die Lyrik nicht.

At last lyrics reminiscent to ancient lyricism…

I hear Sappho singing in the background “Dedyke men ha selana”: “The moon has set, the Pleiads too, it’s midnight and I’m alone in bed” when Amy Winehouse deplores her loneliness in Back to Black or in I Wake up Alone, where she, NB, also deplores the disadvantages of thinking about thinking. Emotions are, it seems, self-referential in the sense that they make one tortured from thinking about how torturous the thoughts are – which was far, far beyond the artistic capacity of the Beatles, the Stones, the Led Zeppelin and all the rest. Here, in Amy Winehouse’s, in Namika’s, in Indila’s work, it’s archaic lyricism resurrected.

Even the explicit adult lyrics – a distinctive feature of Winehouse’s poetry – were no exception in the Greek archipelago of the 6th c. BC. Think of the Anacreontic verses or of the Archilochean poem of the Cologne papyrus. Think of large parts of the Palatine Anthology. They are not more obscene than classical.

The generation of my children has access to a poetry much more qualitative than the one I had. Admiring this poetry can be uncool as much as it is to ignore it but, at least, it is true.

Dialektik der Ernährung

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Enthusiastische Äußerungen über Griechisches sind von mir nicht zu erwarten. Sie würden dem Griechen in mir den Anschein der Eitelkeit geben. Bei der folgenden Geschichte versuche ich, die Übertretung dieses meines Prinzips zu relativieren unter Hinweis auf die Eigenschaft der Reflexion, eine allgemeine menschliche, keine einzelkulturelle Kapazität zu sein. Aber der beschriebene Osterbrauch ist griechisch – kein Thema.

Nach der nächtlichen Ostermesse – die wir in der Nacht zum 2. Mai coronabedingt nicht besuchen konnten, aber das ist ein anderes Thema – beginnt das Eierklopfen. Wer am Ende ein ungebrochenes Ei hat, hat gewonnen – und ein Ei, das er nicht essen kann, weil es aufgehoben werden muss: das Gewinner-Ei. Die Verlierer, diejenigen also, deren Eier im Wettbewerb zerbrachen, verzehren dieselben.

Wer ist nun der Gewinner und wer der Verlierer?

Wenn es einen Sinn macht, das östliche Mittelmeer und das damit verbundene Gedankengut kennenzulernen, dann vordergründig deshalb, weil die Beziehung zum genannten Kulturkomplex mit der ständigen Aufforderung einhergeht: Denk mal nach. Hast du das gemacht? Gut! Jetzt überdenke, was du gerade gedacht hast…

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I hate being suspect of enthusiasm towards Greek culture. I hate it because it makes me look vain. The story to follow is one that pertains to logical reflection as a general human capacity, which could make believe that I do not violate my principles of never taking a specifically Greek stance. However, in what follows, it is a Greek custom I describe alright…

After the nocturnal Easter mass, one that this year we were unable to attend in the early hours of May 2nd due to the Covid-19 measures, but this is another story, each fellow’s easter egg is knocked against another’s easter egg. The many losers, i.e. the ones who, at the end of the contest, have a broken egg, may eat it. The one winner may not eat his egg since it survived the battle.

But then who’s the real winner and who’s the real loser?

A good reason to learn about the Eastern Mediterranean and its culture is probably what appears to be an underlying imperative in the latter: think! You did so? OK, now rethink!

Digital Easter

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Wegen der Corona-Maßnahmen trauern die Orthodoxen Kirchen heute weltweit um Gottes Tod – keine Bezugnahme auf Nietzsche intendiert; den orthodoxen Karfreitag meine ich – ohne Karfreitagsprozession und mit leeren Gotteshäusern, während die Uni Zürich eine befristete Assistenzprofessur ausschreibt, die dem Phänomen digitale Religionen gewidmet sein soll. Der Leser wird meinen: “Tja, OK, befristet…”.

Befristet hin oder her, wenn sie sie sechs Jahre lang zu finanzieren gedenken, muss ich nachgrübeln. Für die christliche Orthodoxie, die frühestens seit Maximus Confessor und spätestens seit Philip Sherrard die Beziehung zu Gott explizit als Eros bezeichnet und den echten Eros als göttlich, ist der digitale Gottesdienst im Vergleich zum echten, was das Sexting im Vergleich zur Liebe ist.

Covid19 könnte unser Religionsverständnis in eines verändern, bei dem der Schreibtisch zum Altar wird. Ein Computer überträgt einen per Webex eingeschalteten Gottesdienst. Keine Gerüche, keine Tränen, keine anderen, vielleicht mehr mitgenommenen Menschen, keine Liebe, keine Trauer. Es gibt durchaus Theologien, die unter diesem Wechsel ad absurdum geführt werden würden. Nicht zuletzt ist ein leeres Gotteshaus keine ecclesia, d.h. keine Versammlung.

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As Orthodox Churches worldwide mourn today God’s death – meaning Good Friday, no Nietzschean undertones here – mostly without the procession and with empty temples, I cannot help myself from thinking that this must be either an exception to be remembered as a grotesque situation after the Covid19-crisis, or, if it is supposed to last long, the end of Orthodoxy as a distinctive religiosity. For a church that since at least Maximus Confessor and since Philip Sherrard at the latest understands the relationship to God explicitly as “eros” and sexual love as divine, digital religious services are, as juxtaposed to religious services, what sexting is to love. Add to this another problem embedded in language: how can you call ecclesia, e.g. assembly, an empty temple?

The University of Zurich advertises a fixed-term post of an assistant professor on digital religions. In other words, they want to hire for six years someone whose main occupation will be the idea of your desk being an altar on which a computer set on a webex divine liturgy stands. I cannot imagine how the desk-as-altar idea could last six years without the whole concept of religion as we understand it today to become absurd.

Matrix in 1200 BC

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Eine der unangenehmen Auswirkungen der Coronazeit ist das Nichtreisenkönnen. Für andere wiegt es vielleicht nicht so sehr: Ob in Bielefeld oder in Salzburg, sind sie in Mitteleuropa, wo sie aufgewachsen sind, und die Oma kann man doch per Skype kontaktieren. Ich kann meine Mutter selbstverständlich auch per Skype kontaktieren. Wenn sie aber sagt “Bleib da, ich geh kurz Zitronen holen”, bin ich so lange nicht da gewesen, dass ich zunächst protestiere: “Ich bleibe doch nicht hier, bis du vom Supermarkt zurück bist”. Nein, zum Zitronenbaum will sie kurz.

Homer (Odyssee, IX, 102) lässt Odysseus seine Ithaker auf der Lotusinsel, wo es ihnen doch gut gefallen hat, davor behüten:

“Lotus essend den Tag der Heimkehr vergessen”.

Selbst der Lotus des ewigen Lebens neben der Göttin Kalypso ist Odysseus nicht genug, um diesen Tag zu vergessen. Er verlässt die Immerjunge für seine vierzigjährige und stets alternde Penelope (Odyssee VII, 256-258). Er ist ein Sterblicher und will das Geschenk des Auf-ewig-Gleichaltbleibens nicht einmal ausprobieren.

Das Leben in der Matrix oder als Gehirn im Tank ist angenehm. Der Wunsch, außerhalb der Simulation zu stehen, leuchtet trotzdem sofort ein.

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Restricted mobility is one of the most controversial measures of the Covid-19 time. Most people in Europe are not too far away from their origin, which makes the skype conversation with grandma devoid of nostalgia. I can also do so but when she says “Don’t go away, I’ll get some lemons” (meaning that she’ll go to the lemontree) having been away so long I have started understanding the sentence as saying that she’ll go to the supermarket.

In Homer (Odyssey, IX, 102) Odysseus takes his crew from the Lotus-eaters out of fear

“…that they would forget the day of return to their land if they eat lotus”.

Is it better not to forget if you cannot return anyway? For Homer yes.

Another Homeric episode to show why our own state is better than any other state qua our own is Odysseus’ preferring to return to his ageing-and-already-in-her-forties Penelope instead of staying with Calypso, a goddess who promises him the lotus, so to say, of eternal life (Odyssee VII, 256-258).

Life in the Matrix or as a brain in a vat is comfortable. But the wish to live out of the simulation is justified.

From a wild like Byron to a Byronlike Wilde

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Diese Tage vor 200 Jahren entfachten sich gleich drei bewaffnete Erhebungen gegen den Sultan und die Hohe Pforte: Eine auf dem Westbalkan, in einem Landstrich gegenüber Korfu, eine in Rumänien und eine auf der Peloponnes. Eine vierte, serbische, wurde mit der Ermordung ihres Anführers im Keim erstickt. Erfolgreich war nur die Revolution in Südgriechenland. Sie führte zur Gründung des Staates Griechenland. In all diesen Erhebungen waren griechische Offiziere in russischem Dienst die Drahtzieher. Die griechische Beteiligung ließ die Ideologie des wiederauferstandenen, klassischen Griechenland plausibel erscheinen, aber die Kulturgeschichte spricht eine andere Sprache: Die Revolutionen des Jahres 1821 wurden von einer an Voltaire und Napoleon orientierten Ideologie getragen. Die Romantiker und die Ästhetiker, das Zurückgreifen auf die Antike, das alles waren nachträgliche Legitimationsversuche. Mit Posen in griechischer Nationaltracht konnten Byron und Wilde nicht etwa die Geschichte umschreiben.

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Almost exactly 200 years ago, three plus one revolutions against the Sultan began: one in the Western Balkans, in the region opposite Corfu, one in Romania, one, finally, in Southern Greece. Only the last, which laid the foundations for the independence of Greece, proved successful. The attempt, finally, to incite a revolt in Serbia failed after the killing of the Serbian leader. The deep involvement of the Czar’s Greek officers and diplomats in these events made the ideology of the rebirth of classical Greece appear plausible. The cultural history of the Balkans, however, provides evidence that the ideological backing in the time of the events of spring 1821 in the Balkans referred rather to Voltaire and Napoleon than to Miltiades or Alexander the Great. Romantics and aestheticists saw an ancient spirit at work but this was a later construction. Byron’s and Wilde’s fustanellas did not influence history. They just gave a hint to its interpretation. A misleading one.

Meta-Pokern mit Kindern – und mit Erwachsenen

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Mit ganz genauen Plänen sind sie gekommen, unsere Jüngere und ihre Freundin: So viele gemeinsame Übernachtungen, das zum Essen, das zum Spielen, und du spielst mit.

Eine Bedingung – eine Fahrradtour – habe ich gestellt, aber im Grunde war ich mit dem Gesamtplan einverstanden. Das Kartenspiel, das sie spielen wollten, kannte ich zwar nicht, aber was sollte es…

Es stellte sich heraus, dass ich es gar nicht hätte kennen können. Es war ein von ihnen selber modifiziertes Spiel mit selbstgebastelten Karten. Es ließ sich damit gut spielen, gesetzt, man bluffte nicht. Nun wollten sie aber einen Erwachsenen – mich; welche Ehre! – zum Mitspielen haben. Nur: Erwachsene bluffen ja! Ständig dachte ich, bluffen zu müssen, denn schließlich sollen sie etwas fürs Leben lernen. Ihr Spiel geht allerdings ad absurdum, wenn man blufft. Also, doch nicht bluffen… Nichtbluffen bedeutete aus Erwachsenensicht, sich grundlos dumm zu stellen.

Und eben grundlos war das Sichdumstellen nicht! Ich wollte ja weiter mit den beiden spielen. Das war ein wichtiger Grund, auf meine Spitzfindigkeit nicht zu hören. Zugegeben fiel es mir anfangs schwer, wie ein Kind von der Reflexion über das Spielen – einer Erwachsenenmetaebene doch – zu abstrahieren. Aber irgendwann ging das gut. Im Spiel ging es ums Erraten. Wenn z.B. Greta erriet, dass ich die Karte XY hatte – damit müsste ich diese freilegen und das Spiel verlieren – sagte ich, statt zu bluffen: “Ja, ich habe sie”. Und verlor. Wohlgemerkt müsste ich nicht die Karte vorzeigen, die ich tatsächlich hatte. Das wäre ja, wie mit offenen Karten spielen. Es ging nur darum, zuzugeben, dass die Mitspielerinnen richtig erraten haben, nur falls sie das taten. Mit anderen Worten hatten die Mitspielerinnen, vorerst jedenfalls, keine Chance, einen Bluff zu entdecken.

Ich fasse zusammen: Die Kinder spielten auf einer einfachen Ebene: Kein Gedanke über Bluffs. Ich verzichtete auf die Metaebene des Bluffens. Allerdings verzichtete ich bewusst auf sie, um weiter spielen zu können, ohne das Spiel ad absurdum zu führen. Also ging ich über eine Meta-Metaebene auf kindliches Spielen ein.

Die Geschichte spieltheoretischer Ansätze – eine, die weit vor von Neumanns bekannten Vortrag in Göttingen am 7. Dezember 1926 zurückreicht – zeugt von Abstraktion auf die nächste Metaebene: von: “Was weiß ich über meine zulässigen Spielzüge?” über: “Was weiß der Gegenspieler über meine Überlegungen?” bis hin zu: “Was macht er, wenn er weiß, dass ich weiß, dass er weiß, dass ich weiß, wie ich spielen soll?” Schließlich zu: “Was macht er, wenn er weiß, dass ich weiß, dass er weiß, dass ich unter allen Umständen weiterspielen will?” Letztere Fragestellung entspricht der Logik des solidarischen Spielens, einer, die bereits David Hume im Gegenspiel antagonistischer Religionsgemeinschaften mit Hilfe von Bestechung herstellen wollte. Erwachsene brauchen Extras, um kindlich – oder kindisch – zu spielen.

Es ist wie beim Maskentragen: Die einen tragen eine Maske, weil sie Angst haben; andere tragen sie, weil erstere Angst haben; und andere wiederum haben keine Angst und auch keine Sympathie für Leute mit Angst, tragen sie aber trotzdem, weil alle – zu denen sie schließlich selber gehören – sie tragen.

Spielen zu wollen ist ein Bestandteil des Spielens, während man spielt.

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Their plans were very precise. “So many sleepovers. On the first day you’ll cook this, on the second that, this is the card game to play and these are the movies to watch”. I only insisted to have a bicycle ride at some point during the weekend but, generally, I agreed to everything.

“Oh, yes: and you’ll have to play along the card game with us”.

I didn’t know the game. Rather: no one knew it apart of them. They had used a game idea to design their own cards set, had spent a lot of time with coloured heavy-paper cards, simplified the rules. It was their game.

And it was playable. Under one condition: no bluffing. That is, bluffing was allowed and everything, at least there was no way to detect bluffing or to sanction it. But if you bluffed, the game became pointless and there was no reason to continue playing. This was confusing since adults have this meta-level of reflection upon their own playing, a meta-level that enables bluffing. And they wanted to play with an adult and this was me. It was the privilege of being their chosen one against my nature as a bluffer. The privilege was more important.

Guessing was essential for the game. When Greta guessed that the card I had was the Princess and I had the Princess, then I had to place this card on the table for everyone to see. Which is what I did. If you consider that, had I bluffed, no one would know that I had this card and no other, you may also feel compelled to ask how an adult can be a fool and play like this. My veracity (or foolness) was induced by the fact that continuing playing was a strong motivation.

I’m summing up: the girls played without afterthoughts. I had afterthoughts but did not employ them because – an after-afterthought – I wanted to continue the game.

Since von Neumann’s lecture in Göttingen on Dezember 7, 1926, the history of game theory is characterised by an ascent of levels: from “These are my moves”, to “These are his moves”, to “Knowing that he knows that I know that he knows that I know his moves, these are my moves”. Finally, you reach a level on which you say: “These are our moves if we are supposed to continue playing together”. The setting of game-theoretical solidarity is one that David Hume already discussed. Hume also discovered that bribing is a measure to reach this level of naïveté – one that is alien to adults with own interests.

Wearing masks is an activity related with these levels: there are those who wear masks because they are afraid; there are others who were a mask because the aforementioned are afraid. And, finally, there are those who wear a mask because everybody, a group of which they are evidently members themselves, wears a mask.

The will to play is a part of playing.

Prophetae post Christum

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Große Krisen gibt es anscheinend alle acht bis elf Jahre: 1962 Kuba, 1973 Ölkrise, 1983 AIDS, 1992 Bosnienkrieg, 2001 11. September, 2009 Eurokrise, 2020 Coronakrise. Wenn eine zwischen 2028 und 2031 kommt, werde ich behaupten können, es gewusst zu haben? Vor Ewigkeiten meinte mein alter Diplomarbeitsbetreuer – Theophilos Veikos hieß er, aus Nordgriechenland, Spezialgebiet Geschichtsphilosophie – man brauche wohl nur Zeit und Nerv zum Bezügeherstellen, damit alle Geschichte im Nachhinein als irgendeiner mathematischen Funktion unterliegend erscheint. “Funktion”… Eine Funktion ist eine Abbildung mit bestimmten Eigenschaften, die aber so billig zu haben sind, dass das Präfix “irgend” der springende Punkt ist. Das Hauptproblem, das Veikos – Gott möge ihn selig haben – ansprach, war die Beliebigkeit der Argumente, die “irgendeine” Funktion erfüllen. Warum habe ich oben nicht etwa den Zweiten Golfkrieg oder die Verstaatlichung von Renault durch Mitterand hinzugefügt? Dann wäre wohlgemerkt die Funktion auch eine andere.

Aber zurück zur Krise zwischen 2028 und 2031: Dem Hang zum “Ich habe es doch immer gewusst” im Nachhinein verdient nicht nur die kognitive Psychologie eine wichtige Einsicht, sondern auf ihn lässt sich der Erfolg mindestens zweier der wichtigsten Romane des 20. Jh. zurückführen. Ich meine damit Umberto Ecos Namen der Rose

und Foucaultsches Pendel.

Romane sind immer kohärent. Die Realität wohl auch. Wer allerdings ein kohärentes Narrativ für die heutige Situation findet, hat noch lange kein adäquates. Vielleicht ist das lediglich Romanstoff.

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Every eight to eleven years there is a big crisis – or so it seems: 1962 Cuba, 1973 the Oil Crisis, 1983 AIDS, 1992 war in Bosnia, 2001 9/11, 2009 Eurocrisis, 2020 Covid19. If there is, now, a crisis between 2028 and 2032, will I be able to say that I predicted it?

Ages ago, the professor who graded my teacher’s degree thesis – a Greek Macedonian, his name was Theophilos Veikos and his specialisation philosophy of history – wrote somewhere that with a little time and patience everyone can manage to make history appear like a case of a certain mathematical function.

A function is a mapping of a certain kind, and the big question, if any function would do, is what you choose to map into what. In my list above e.g. I did not include events like the Second Gulf War or Mitterand’s policies towards Renault. You may say: “Plausibly so”. But others could be of another opinion, obviously preferring eo ipso a different function.

Let me return to the future crisis between 2028 and 2031. The idea “Actually I knew that this would happen” in retrospect is a topic of psychology as much as it is an element of two of the most read novels of the 20th century: Umberto Eco’s Name of the Rose

and Foucault’s Pendulum.

Novels are always coherent. The reality is also arguably so. But if you happen to have a coherent narrative for the situation we are currently thrown in, this doesn’t need to be adequate. Chances are that you only have the material for a novel.

Being the others

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Das Abtun zyklischer und selbstbezüglicher Entscheidungen als Unsinn ist erleichternd. Einerseits… Andererseits ist es nicht gerade eine elegante Lösung, das Schwert zu ziehen – tja, was soll der Unsinn! – und den Knoten aufzuschneiden. Solange keine Berichte aus der Antike auftauchen, wonach Aristoteles seinem Schüler zu gordischen Lösungen riet, muss der Logiker um elegante Lösungen bemüht sein. Klar, man kann ad libitum eine Regel einführen nach dem Motto: Errichte nie eine Mautstation, die nur den Zweck hat, das Geld für ihre eigene Errichtung aufzutreiben,

und das Problem erscheint gelöst. Da kann zyklische Selbstbezüglichkeit nur in Comics passieren. Das ist im Grunde die Lösung entscheidungstheoretischer Paradoxien bei Quine, Spohn und Gaifman. Auf Verweise verzichte ich hier. Wer alles lesen will, der lese meinen Aufsatz in History and Philosophy of Logic 37 (2016), 101-113, wo ich aber auch zeige, dass die zyklische und selbstbezügliche Lösung nicht immer “Unsinn” ist.

Einen weiteren Beleg für die sehr gute Anwendbarkeit zyklischer und selbstbezüglicher Entscheidungsregeln möchte ich heute aus gegebenem Anlass politischer Natur bringen. Angenommen, ich bin ein Ministerpräsident und der Meinung – ich habe Epidemiologen und andere Experten konsultiert, ich habe eine empirische Evidenz – dass die Corona-Maßnahmen gelockert werden können. Aber ich weiß – bzw. meine zu wissen – dass alle meine Kollegen das anders handhaben und deshalb äußere ich mich gegen die Lockerung und gegen meine eigene Überzeugung. Das zeigt natürlich, dass ich besonnen bin und meinen Job als Ministerpräsident höchstwahrscheinlich behalten werde. Tun, was die anderen tun, ist eine Regel, die sich in diesem Fall bewährt.

Aber ist wirklich das die Regel? Wie ist es z.B., wenn die anderen sich ebenfalls gegen ihre Überzeugung ausdrücken, weil sie meinen, die aus ihrer Sicht anderen (deren einer ich wohlgemerkt bin!) würden die Corona-Maßnahmen verschärfen statt lockern? Die Regel ist in diesem Fall selbstbezüglich und zyklisch: Tue, was die anderen tun, bedeutet im Endeffekt: Tue, was du vorwegnimmst, dass die anderen vorwegnehmen, dass du vorwegnimmst, dass die anderen vorwegnehmen, dass du… usw.

Ein ähnliches Beispiel ist das des Aktienkäufers, dessen Gewinnstrategie darin besteht, stets rechtzeitig zu verkaufen, was die anderen verkaufen, und rechtzeitig zu kaufen, was die anderen kaufen. Wenn das die Regel auch der anderen ist, ist der Aktienkurs durch die Erwartung der Anleger von der Erwartung der Anleger bestimmt; nicht jedenfalls von Produktion und Effizienz. Sieht irgendjemand die Möglichkeit, solche Regeln rechtskräftig zu verbieten? Vielleicht mit dem Schwert? Dazu muss das geeignete Schwert erst erfunden werden.

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Cyclical self-reference generates decision-theoretical paradoxes. You can declare it to be nonsense and you finished. But do you really want this?

Since it’s extremely unlikely that long forgotten sources from antiquity will ever suggest that Alexander’s cutting the Gordian knot was due to Aristotle’s instructions, I feel justified thinking that logicians should prefer elegant solutions. No doubt, one can introduce a rule ad libitum to prohibit, say, tolls to pay off the installation of the tollbooth as their sole target.

Such rules are Quine’s, Spohn’s and Gaifman’s recommendation to get rid of paradox. (No references here, I’m afraid; read my article in History and Philosophy of Logic 37 (2016), 101-113 if you’re interested). But even if one introduces thousands of such rules, one is not justified to believe that cyclical self-reference will only happen in comics. Take the following thought experiment:

You are a politician. Say, a local prime minister of some German federal state. You’ve had consultations with epidemiologists, public health experts – in short: you have empirical evidence – to the effect of a new persuasion that the Corona measures must be gradually relaxed. At the same time, you know that your colleagues would rather sharpen the measures to conform with the very timid attitude of the wide public. Since you want to keep your post as a prime minister, you make claims towards sharpening the measures, NB against your inner conviction for the opposite. I.e. your rule to keep your job is to do what the others do.

Second thoughts, however, may exist as to whether this is really the rule you follow. What if the others follow (rather: think they follow – continue reading for the reasons I make this distinction) the same rule? Then, it is not their conviction to sharpen measures. Rather, they think it’s the others’ conviction – that includes you, of course – and this is why they make claims against the relaxing of measures against their own opinion. Just like you.

In other words, a generalised rule to do what others do, results to the rule: do what the others anticipate you to anticipate them to anticipate you to anticipate them … to do.

A similar example is that of the investor whose winning strategy is to timely buy what “the others” buy and to timely sell what “the others” sell. The more people act according to this rule, the more you have stock prices depending on the investors’ expectations of investors’ expectations instead of the the investors’ expectations of production and efficiency. And now draw the sword and prohibit such rules – ha, ha, ha…

Corpus sacrum

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Susanne war gerade mit ihrem Studium, ich mit der Promotion fertig, als sie mich in die Münchner Kunstakademie zur Vorstellung ihrer Abschlussarbeit eingeladen hat. Inmitten einer Umgebung von Installationen, wo die Hauptaussage war: “Habe ich dich jetzt genug schockiert?” stand Susannes (wie ich damals dachte) Ausdruck von Philhellenismus und Demut (ich muss vorweg sagen, dass ich ihre Absichten damals monströs missinterpretierte) in Form von Ikonenhäusern, wie man sie am Straßenrand in Griechenland immer wieder findet. Um den Unterschied zwischen griechischer Spenglerarbeit und Susannes Kunst festzustellen, musste ich das Türchen des Ikonenhauses aufmachen. Da betrachtete mich aus dem Gehäuse statt der Mutter Gottes mein Ebenbild aus einem an der Rückwand befestigten Spiegel. Ich habe mir keine Kerze angezündet. Erstens war ich überzeugt, dass sie es mir übel nehmen würde, andererseits wäre es eine Kerze zu Ehren jedes Besuchers, der reingucken würde.

14 Jahre später war ich gerade mit der Habilitation fertig, als Hans Joas in seinem gleichnamigen Werk die Sakralität der Person als einen Trend der Moderne entdeckte: Die Vergöttlichung, Unsterblichmachung jedes Einzelnen begann in der frühen Neuzeit, politisches Handeln zu legitimieren.

Da nun Joas damals im Begriff war, Erfurt zu verlassen, bot ich den Buchtitel als Hauptseminar an. Ich war und bleibe sehr überzeugt von der Hauptthese und den Argumenten im Buch.

An beide Bekannten musste ich in der Corona-Krise denken. Eine Verdeutlichung der Sakralität der Oma im Altenheim, die trotz ihrer Sünden, Vorerkrankungen und ihrer 95 Jahre nicht an Corona sterben soll, die besser wäre als die gegenwärtigen Maßnahmen, kenne ich nicht. Erst lange danach musste ich an der lieben Freundin von damals sowie am berühmten Kollegen Vordenker dessen erkennen, was jetzt um uns passiert.

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When Susanne finished her studies in art – it was the time I had finished my PhD thesis – she invited me to the presentation. The Munich Art Academy is an awkward place when the installations of the graduates are exhibited to ask you if you are enough shocked. Susanne’s work was an exception. Back then I thought that one point she made was philhellenism and that an attitude she expressed was humility. I was wrong in both interpretations. Susanne had manufactured a roadside ikonostasio as found everywhere in Greece. The difference of Susanne’s art from the usual sacral object was that, in her version, when you opened the small window, you found no icons but a mirror in it. The saint to venerate was yourself.

Fourteen years later – the book I had finished this time was my habilitation thesis – I was thinking about the issues to deal with in my social-philosophy class when I came across the work of my famous colleague, at the same time the person downstairs in the university’s guest house. I dedicated Hans Joas’s Sacredness of the Person the whole term for two reasons: the first was one of tactics: Joas was about to leave Erfurt and I wanted to give a signal, however small, that Weberian analysis rulez! The other was one of beliefs; my deep persuasion of Joas’s main thesis: the early modern period began to see a saint in every individual and this trend has become a tenet of the modern conception of humanity.

I have thought a lot on the two unequal but similarly pioneering works, Susanne’s shrine and Joas’s book, during the Corona Crisis. In the apprehension of each individual as sacred, I see established the policies of the last ten months – policies to ensure that in spite of his sins, his 95 years and his prehistory, John Doe will survive Corona as much as this depends on us.

Se tutto deve rimanere com’è, è necessario che tutto cambi

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Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss es sich ändern…

… gibt Graf Salina, der Hauptcharakter von Giuseppe Tommasi di Lampedusas Gattopardo, zu bedenken, wenn er erklärt, wieso ausgerechnet er, ein Adliger, für Garibaldi eintritt und die Ehe seines Neffen mit der niveaulosen Neureichentochter will.

Drei Pinien habe ich auf dem väterlichen Garten am Meer am Wochenende fällen lassen. Das tat weh. Die Pinienkerne dieser Bäume waren – mit Honig geträufelt – mein Frühstück mit zwölf, mein Snack zum Tsipuro mit achtzehn. Mein Garten auf Euböa ist kleiner als Conte Salinas Gut auf Sizilien, aber was ist daraus zu schließen? Soll der Verlust jetzt mehr oder weniger wehtun? Salina sagt, gar nicht solle er wehtun. Was sich ändert, bleibt uns erhalten.

Tatsächlich kommt das Meer langsam zur selben Zeit an den Zaun heran. Die Ägäis eroberte die Straße vor meinem Land. Deshalb war es wohl den Bäumen zu salzig und giftig unter den Wurzeln. Wie soll es kein Gewinn sein, wenn nun in Ermangelung der Straße die Küste so sein wird wie in vortouristischen Zeiten?

Ja, die Welt wird immer besser, indem sie eine reformierte alte bleibt. BBC 6, mein Lieblingssender, spielt Flying Microtonal Banana und Automation von King Gizzard and the Lizard Wizard, einer Band von australischen Kunsthistorikern und Politologen, die junge westliche Menschen für Lieder geschrieben in altertümlich orientalischen Hijaz- und Bayati-Tonleiter gewinnt.

Giuseppe Tommasi di Lampedusa ist mein Leuchtturm zum Ästhetikverständnis. Auch zum Politikverständnis. Alles bleibt wie es war, während es sich verändert. Vor dem Hintergrund der Ideengeschichte des 18. Jh. ist Emmanuel Macron Friedrich der Große, QAnon wiederum Emanuel Swedenborg. Nicht dass Emmanuel keine Fehler macht (wie jetzt PCR-Tests für EU-Bürger- wie unnötig!) und Emanuel seine inkohärenten Piepser nicht schreiben sollte. Aber das ist in etwa der schwindelerregende Abstand. Alles in allem bin ich voller Optimismus über die Prospekte des Mainstreams.

Die Pinien? Ich werde neue an ihrer Stelle wachsen lassen. Meinen Töchtern und den Leuten in meiner Nähe werden die Pinienkerne jedenfalls nicht fehlen. Die Krise geht vorbei. Was sage ich da? Sie ist vorbei; an uns vorbeigegangen, sobald wir sie akzeptierten.

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If all has to remain the way it is, then it has to change…

… maintains count Salina, the main character of Giuseppe Tommasi di Lampedusa’s Gattopardo, when he explains why he of all Sicilians, an aristocrat, supports Garibaldi as well as his nephew’s marriage with a new rich and unfortunately beautiful philistine.

Last weekend I succumbed to the felling of three of the pines of our property which is directly adjacent to the coast. Our land in Euboea is much smaller than count Salina’s property in Sicily, even much smaller that the relative size of the two islands makes you think. This doesn’t mean that Salina had more to lose. The pine nuts of these trees, sprinkled with honey, were my breakfast at the age of twelve and began to accompany my whisky some time later. Salina’s advice however is not to perceive changes as a loss.

And when I give it some thought, he is right. While salty water was slowly contaminating the roots of my poor pines from below, eo ipso the sea won the battle against the street in front of the garden and reached the fence. You might think that I might see the fence endangered. What count Salina’s eyes in me see, however, is a coast returned to its natural state before the arrival of tourism, of lanterns, of seaside promenades.

The world gets better and better remaining as it was through reform. BBC 6 has always been my favourite station but now they also play scales like hijaz and bayati with which my grandfather’s ears have been familiar but were thought to be out in western music. Well, Automation and Flying Microtonal Banana by King Gizzard and the Lizard Wizard are exactly bayati and hijaz without being out.

Giuseppe Tommasi di Lampedusa is my lighthouse when I sail out in aesthetics. Or politics. Everything remains existing as it changes. With the history of ideas of the 18th century in the background, Emmanuel Macron is Frederick the Great and QAnon is Emanuel Swedenborg. I am not contending that Emmanuel makes no mistakes (the obligatory PCR test for EU citizens – how unnecessary!) and Emanuel should not write his incoherent things. I am just saying that this is the gap. Oh yes, I am very optimistic about the prospects of the mainstream.

Well, the pine trees… I shall plant new ones. My daughters, generally people at my side, should understand “Get some pine nuts” as a suggestion to collect them, not to buy them. The crisis will be over. What am I saying? It is over. It was over as soon as we affirmed it.