Miss Behaviour

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Wörter wie “Fräulein”, “miss”, “despoinis” waren nie Bestandteil meines Idiolekts. Sie setzen voraus, unverheiratete junge Frauen wären aufgrund ihres Ungebundenseins anders wahrzunehmen als unverheiratete junge Männer. Der moralische Anspruch an eine Miss ist altmodisch. Ich gebrauche das Wort auch gegenüber meinen Töchtern, die 13 und 15 sind, nur selten; meistens als unseriöse Zierde, wenn das Lob nicht zu ernst werden darf.

“Misbehaviour” hat auch altmodische Allüren. “Misbehaviour” setzt voraus, das richtige Verhalten gebe es wirklich. Richard Thaler, dem Nobelpreisträger für Wirtschaft des Jahres 2017, ist zu verdanken, dass die Ökonomie und die Sozialpsychologie näher kamen, da er Fehlverhalten im Ökonomischen entdeckte. Er nannte das “misbehaving” in den 80ern, als rationales Verhalten noch generell als a priori deduktiv-monoton und konsistent aufgefasst wurde.

Ein solches Verständnis der Rationalität gilt heute als altmodisch. Heute gibt es Wissenschaftstheoretiker, die nichtmonotone Entscheidungsprozesse und inkonsistentes Verhalten nicht etwa für fehlgeschlagen im Sinne Thalers, sondern für rational unter gegebenen Bedingungen halten. Wenn sehr viele Menschen zum nächsten Supermarkt fahren, um beim Reis einen Euro zu sparen, niemand aber nochmal ins Auto steigt, um für eine Stereoanlage einen Euro zu sparen, dann ist das nicht etwa ein erwartetes Fehlverhalten des Menschen im Gegensatz zum homo oeconomicus im Sinne Thalers, sondern: das eine rational zum Kauf von Reis, das andere rational zum Kauf von Stereoanlagen. Dass Partner einander zum Geburtstag Sachen kaufen, die jeder für sich selber als nutzlosen Luxus abgetan hätte, ist plötzlich nicht inkonsistent, sondern in Ordnung für die gegebene Situation. Aus der einen, apriorischen Rationalität werden mehrere situative: eine Rationalität des Stereoanlagenkaufs, eine der jungen rote-Schuhe-Käuferin, eine des Löwenzahnverkäufers im Gegensatz etwa zum Kaninchenverkäufer. Die Grundlagenforschung im Sinne der nichtmonotonen Überzeugungsrevision und der Parakonsistenz ist eine, die auf den normativen (eigentlich nomologischen) Aspekt der Logik verzichtet und einer Fusion von Logik und empirischer Marktforschung zustrebt. Rational wäre demnach das, was die meisten in der gegebenen Situation tun. Wenn die meisten nichtmonotone Entscheidungsprozesse für rational halten, muss das OK sein: “Spinat ist da drin? Dann nehme ich was anderes. Hier? Feta? Ufff! Gibt’s nix Essbares? Und was ist in dem da drin? Feta und Spinat? Von dem zwei Stück, bitte”.

Lassen sich aber damit allgemeingültige Empfehlungen für Anleger, Marktstrategen, Ethiker formulieren? Wohl kaum. Wenn die moderne (eigentlich postmoderne) Belief-Revision-Theorie die Entscheidungstheorie zu beeinflussen anfängt, dann wird keiner der Marktstrategen oder Ethiker irgendeinem Anleger etwas Aussagekräftiges sagen können, nachdem sie nämlich an der Uni gelernt haben werden, dass die Wissenschaft nicht in der Lage ist, menschliches Verhalten vorauszusagen oder zu lenken (egal, was von beiden der Fall ist). Damit werden wir damit auf ein Niveau vor Adam Smith und David Ricardo zurückfallen…

Jedenfalls bekam ich am Freitag bunte Kleidung, vielversprechende Getränke und Leckerli zum Geburtstag. Unsere Töchter haben mir zwar zwei Artikel, die um ihres Selbst Willen geliebt werden sollen, solche allerdings, die entweder nichts oder sehr wenig kosteten. Moderne (eben postmoderne, parakonsistente, pluralistische) Wissenschaftstheoretiker würden sagen, dass unser Verhalten als Familie, auch das unserer Freunde größtenteils deduktiv-monoton und konsistent ist, aber dass das auch keine Rückschlüsse auf das Verhalten (sogar “auf die Rationalität”) anderer bieten sollte. Ich sage es anders: Wir müssen sparen und zwar nicht aus einer inneren Einstellung, sondern aus der Notwendigkeit heraus. Die Peano-Arithmetik, Ockhams Rasiermesser, die Mengenlehre, die Bivalenz sind Grundsätze des Sparens. Traditionelle Logiker und rationale Geschenkemacher haben das, was Miss Piggy ein “gift-giving gift” nennt.

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My idiolect doesn’t include words like “Fräulein”, “miss”, “despoinis”. These words presuppose an old-fashioned view on young females as juxtaposed to bachelors. I don’t use them towards my daughters who are 13 and 15 either, with the exception of moments I praise them wishing not to sound too serious.

“Misbehaviour” has also old-fashioned associations. Richard Thaler (Nobel Prize for economics in 2017) coined once as misbehaving (meaning: acting irrationally) your being likely to go to the next supermarket if rice there is 50 cents cheaper but not bothering to do so if they sell TV sets that are 50 cents cheaper; your not buying an item because it is useless luxury, one, however, which you buy for another member of your own family. Back in the 80s, when Thaler had the idea to bring economics and social psychology closer, rationality was generally understood as a priori deductive-monotonic and consistent. Therefore he thought that what enters economy with these cases is misbehaving or irrationality.

Today, quite a few philosophers of science consider nonmonotonic belief revision to be OK. “What’s in this? Spinach? No way, I hate spinach! In that? Feta-cheese? Disgusting! What’s in this one? Spinach and feta you say? Just give me two”. If many people think according to this scheme, you must learn to consider it rational, they’ll tell you. Modern (rather postmodern) belief revision theory assumes the existence of different “rationalities”. This is still no problem. But if pluralistic logic starts affecting other disciplines like economics and the latter starts tagging as “rational” whatever many people do, also what “misbehaving” Humans as opposed to professor Thaler’s Econs do, the traditionally normative (actually nomological) aspect of decision making will give way to a fusion of logic and social statistics in immensely many special situations. Should logical pluralism and paraconsistency enter the scene of decision making, what recommendations can ivestors expect from fund managers or ethicists alike? The answer is: none. If science is in the position to predict or to guide our behaviour, then we are after 300 years on a level Adam Smith und David Ricardo had left behind…

The biggest part of the presents last Friday, my birthday, consisted of things to wear, to eat and to drink. Only our daughters gave me things to be liked for their own sake – but again things that cost no or almost no money. Modern philosophers of science would say that the behaviour of my family and friends is grossly deductive-monotonic and consistent but this cannot be taken as an indication of other people’s behaviour (to “other people’s rationality” they would even say). I have another explanation: We have to save our money and this is not a disposition but a necessity. Peano arithmetic, Ockham’s razor, set theory, bivalence are economic principles. Classical philosophers and economists, also rational present makers have what Miss Piggy calls a “gift-giving gift”.

Kant und Corona

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Es gibt Errungenschaften, deren nur in runden Jubiläen gedacht wird. Es gibt auch solche, die ständig gefeiert werden können. Vor 235 Jahren und 9 Monaten erschien Kants (AA VIII, 33 ff.) Begriffsklärung der Aufklärung.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Der Ausgang einer aufgeklärten Gesellschaft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit hängt mit Mühe zusammen, denn

[h]abe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. (Kant, AA VIII, 35)

Einer breiten Öffentlichkeit ist es mittlerweile bewusst, dass es für jedes Buch andere Bücher gibt, wo etwas anderes steht; auch dass der Seelsorger keine unanfechtbare Autorität der angewandten Ethik ist. Mit anderen Worten weiß der durchschnittliche Europäer, sich in Sachen Ethik und Politik seines Verstandes zu bedienen.

Aber es ist ihm in der Regel nicht klar, warum die Ärzte ihm etwas vorschreiben. Es ist ihm auch nicht bekannt, dass die Bekämpfung einer Epidemie auf statistische Daten abzielt, nicht etwa Individuen im Blick hat. Mit Maßnahmen gegen die Verbreitung des neuen Corona-Virus wollen die Politik und die Ärzte die Allgemeinheit etwas tun lassen, wovon diese sehr wenig versteht. Wären wir in Sachen öffentliches Wohl so aufgeklärt gewesen, wie etwa in Sachen Religion, Ökologie und Waffenexporte, so wäre manch ein Missverständnis in der Corona-Krise vermieden worden.

Schulmedizinisch aufgeklärten Bürgern braucht z.B. nicht gesagt zu werden, wie andere in der Umgebung weniger gefährdet warden. Nicht Aufgeklärten erscheinen die Maßnahmen dagegen zusammenhanglos. Wer so wenig von der Sache versteht oder so ein Formalist ist, dass er um 7 in der Früh menschenseelenallein im Auditorium eine Maske trägt, belächelt nicht nur sich selbst, sondern hadert irgendwann gegen die Politiker.

Ja, es stimmt, dass ein Kantianer moralische Maximen aus Pflicht allein umsetzt. Aber Kantianer sind auch bemüht, mehr über die Legitimation und die Aufrichtigkeit der Maxime zu wissen.

Die Aufklärung hat uns säkularisiert; sie hat uns zu Kriegsgegnern und zu kritischen Lesern gemacht. Jetzt legt sie uns nahe, den Pschyrembel zu kaufen. Erstens ist das nicht schwierig, zweitens hilft es, echten Corona-Populismus von begründeter Rücksicht zu unterscheiden.

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Some achievements in the history of mankind are celebrated every century. Others are constantly present. 235 years and 9 months ago, Kant (“An answer to the question: What is enlightenment?”. In Mary J. Gregor (ed.). Practical Philosophy, The Cambridge Edition of the Works of Immanuel Kant. Cambridge University Press, 1999. pp. 11-12) defined enlightenment as:

…man’s leaving his self-caused immaturity. Immaturity is the incapacity to use one’s intelligence without the guidance of another. Such immaturity is self-caused if it is not caused by lack of intelligence, but by lack of determination and courage to use one’s intelligence without being guided by another. 

This is not without pains since, as Kant continues, having a book which contains the whole truth, a priest to represent your own conscience, a medical doctor to judge your habits (my italics; eating or non-eating habits: I conceive the word “diet” broadly, according to its original Greek usage), there is less labour.

The popularisation of science and the project of educating audacious citizens has made progress since then. Most Europeans know today that there are many books which are very likely to contain parts of the unique truth. Books to read, parties to vote, churches to visit, decisions to make which can all be granted by some sort of moral reasoning.

It is more difficult to have citizens who know, though, why the doctor insists them to do certain things. Citizens who understand why the notion of reducing some statistics in the context of an epidemic does not exclude all risks but simply reduces some; people of such a deep formalistic attitude that would make them feel obliged to wear a mask when alone in the auditorium at 7 am if public health regulations prescribe masks in the auditorium – such folks would eventually make fun of themselves and at the end condemn the regulations. An informed citizen doesn’t need to be told how not to endanger her fellow citizen’s life. A citizen without a considerable knowledge of mainstream medicine would be doomed to follow the rules ignoring their point and, eventually, neglect them as pointless.

I know: Kantians perform in the moral realm out of duty. But Kantians are also informed about the rationale behind the duty.

After Kant (and Voltaire and d’Alembert, and Rousseau…) the West has learned to get informed and to read critically. Now we must also buy Stedman’s Medical Dictionary. This is not difficult and it will teach one to tell populism from genuine care.

Forthcoming…

… in BankArchiv, Vienna

“Selbstverschuldet” (self-incurred) is an adjective known from Kant, of course. If you fail to draw your own conclusions from experience with your own reasoning, your immaturity is self-induced:

Categories and formal mistakes

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Das ist ein lustiger Kategorienfehler, habe ich gedacht. Denn man schreibt entweder “circa 20” oder aber “19”, “17,5” – was weiß ich – ohne “circa” dann.

Allerdings kann man auch so argumentieren: “Circa” ist ein Vagheitsoperator, weshalb alle nicht runden Zahlen in seinem Skopus formale, keine Kategorienfehler darstellen. Aber wenn man so argumentiert, sind alle Kategorienfehler von einem höheren Standpunkt betrachtet formale Fehler.

Die Formalitäten sind allerdings konventioneller Natur. Was die eine Syntax verbietet, lässt die andere zu. Schweizer könnten dann argumentieren, mit der Angabe 19 Minuten sei die Verspätung noch nicht mit höchster Genauigkeit angegeben. In der Schweiz dürfte man damit getrost sagen “ca. 19” statt “ca. 20”. Das sagt man ja auch. Zudem würde eine genau zwanzigminütige Verspätung des Zuges die Angabe 19 im Nachhinein gewissermaßen auch als vage erscheinen lassen.

Wenn diese schweizerische Art, “ungefähre” Angaben zu machen, berechtigt ist, dann bezieht sich die Vagheit nicht auf die Granularität unseres Messens, sondern auf eine Art “Wahrheitsnähe”.

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I wanted to share this funny category mistake with you: At Basel’s Swiss Station they announced that the train to the German Station (“Bad” stands for Baden, the neighbouring part of Germany, and should not be confused with the English lexis) has a delay of “about 19 minutes”. This is a delay I, for example, would indicate either as “about 20 minutes” or as “exactly 19 minutes” but never as “about 19 minutes”. “About”, “roughly” and the like demand indications in terms of rounded numbers.

However, one can make the case against my category-mistake claim, rather for a formal mistake, by arguing as follows: “about”, “roughly” and the like are vagueness operators not to have nonrounded numbers in their scope by the rules of syntax. Syntax, in its turn, is conventional. The one syntax prohibits things the other allows. And since the announcement about the 19 minutes “roughly” is in Switzerland, the Swiss can plead to follow their rules instead of anyone else’s. They can say that using an odd number does not make an indication exact. Or that if the train happens to arrive in exactly 20 minutes, the reference to 19 minutes “roughly” is not a mistake of any kind. 19 is, after all, close to 20 but not exactly 20.

If they are right, vagueness is not a matter of the granularity of our measurements but one of verisimilitude.

Overlapping regions and linguistic standards

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Es gab eine Zeit, als es Ferien und unproblematische Grenzübergänge gab.

Was ich letztes Jahr verstärkt besuchte, waren Regionen, wo kulturelle Überlappungen bestehen. Südtirol z.B. oder die Mäander des Südlichen Morawa. Gut, letztere sind zwar in einer Region, die nicht in einen Nord- und einen Südteil geteilt wurde, aber “Grdelička Klisura”, der Name des Tals des besagten und archaisch-unbegradigten südserbischen Flusses, bewahrt das byzantinische Wort für “Schlucht” in der Fremdsprache.

Solche Regionen besuche ich heuer nur noch virtuell auf dem Balkon. Dort las ich letztens Frege, um festzustellen, dass er in seiner Bezugnahme auf die “Losreißung Schleswig-Holsteins von Dänemark” in “Über Sinn und Bedeutung” nicht nur einen Beleg für den Unterschied zwischen Nominalausdruck und Nebensatz liefert, sondern auch ein altmodisches Verständnis der Geopolitik überlappender Regionen und fließender Sprachgrenzen.

Überlappung ist sehr wichtig für die Mereologie. Wenn die Mereologie wichtig ist, dann ist das wegen der Hoffnung – eher eine Hoffnung ist das nämlich – eine Rechenschaft darüber ablegen zu können, dass mein Schreibtisch und mein Ellenbogen sich nie überlappen, sehr wohl aber beide Tirols, beide Macedoniae, beide Schleswigs.

Im Sinne der Sprachpolitik werden solche geokulturellen Überlappungen verdrängt: Niemand sagt heute: “Tirol”, “Schleswig” oder “Makedonien” in der Bedeutung “sowohl Nord als auch Süd”. Die Politik sorgt erstaunlich schnell für die Verbreitung des normierten Ausdrucks: Südtirol, Schleswig-Holstein, Nordmakedonien.

Tja, es ist die Politik im Endeffekt, welche die Sprache in den gegebenen Beispielen sowie die in ihnen eingebettete Mereologie beeinflusst. Wenn etwas so Wabbriges wie die Politik sich als festes Werkzeug für beständige Änderungen unserer mereologischen Wahrnehmungen erweist, sehe ich nicht, wie das große Ziel einer adäquaten und axiomatisierten Mereologie erreicht werden kann.

Das sind allerdings meine diesjährigen Gedanken. Gedanken vom Balkon aus.

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There were times of uncomplicated travelling and border crossing. Last year I visited regions of cultural overlapping: an old German speaking mining site high in the mountains of Alto Adige, Italy as well as the maeanders of the Southern Morava in Southern Serbia. I enjoyed them because this is how rivers looked like centuries ago before human activity changed them, and because it forms the last canyon in Serbia on your way to Greece. This year I kill my time looking up the name of said canyon, “Grdelička klisura” in the encyclopaedia and finding out that it rescues the medieval Greek word for gorge in a foreign language. I love the historical overlapping of languages and identities.

I only have my books and my balcony this summer – no visits anywhere. But I am also the kind of guy who loves reading Frege’s examples on Schleswig-Holstein’s separation from Denmark on a balcony – so no big problem. I hardly find his remarks intriguing, rather I simply agree with him, when he says that the (temporal) meaning of the nominal expression: “after the separation of S-H…” is different than the (political) meaning of the secondary clause: “After S-H was separated…”. What nevertheless is intriguing is the old-fashionedness of his understanding of geopolitics of ethnically overlapping regions.

Overlapping is of great importance for mereology. If mereology is of some importance, then because it can give you – this is at least the hope – an account of why you cannot have an overlapping region of my desk and my elbow, but why historical regions like the two Tirols, the Macedonias, the two Schleswigs, regions that historically and geographically are closely connected, overlap in a nonproblematic way.

Language politics prefers a mereology of geographical entities with close ties that rather resemble my desk and my elbow. If you speak today about “Tirol” meaning not only Innsbruck but also Merano, you will be corrected. Schleswig is either South or North, either German or Danish. There is no Schleswig although there is a South Schleswig and a North Schleswig. Analogous is the case of Macedonia. You have the independent nation of North Macedonia whose language is a Bulgarian with many Serbocroatian words, and Greek Macedonia – more or less three quarters of Northern Greece. You hardly speak of Macedonia simpliciter these days.

Politics influences language and it influences the mereology embedded in it. And if something so fluffy and blurred influences mereology, I can’t see how the latter can be adequately axiomatised.

But who knows! Maybe next year, when my thoughts will not have emerged on the balcony, my opinion on this will change.

The most slippery, deepest slope ever!

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OK, mit den W1-Stellen für die Nachwuchswissenschaftler haben wir uns abgefunden. Dann kamen aber die Tenure-Track-W1-Stellen – natürlich entgegen jedem moralischen und juristischen Bedenken gegen Hausberufungen. Nun kommen schon W2-Stellen für Nachwuchswissenschaftler.

Dieser Slippery Slope ist sehr tief. Mindestens so tief wie die Abwertung der Habilitation an deutschen Unis nach der Einführung der Juniorprofessur. Mindestens so tief wie der Status derjenigen, die die klassische deutsche Unikarriereleiter erklommen haben, nach der 12-Jahre-Regel. Mindestens so tief wie das symbolische Kapital desjenigen Bundeskanzlers, der die PDs und apl-Profs ein Siebtel der deutschen Uni-LVs ohne jegliche Besoldung zu machen verdammte; des Menschen, der seinen belesensten Minister einen Kulturpudel nannte; desjenigen also, der hätte wissen sollen, dass die militante Antiintellektualität nicht zum politischen Profil seiner Partei gehört, sondern zu einer gaaaanz anderen…

Der ist 18 Jahre später schuld an dieser Entwicklung.

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There was two decades ago a German chancellor who was very proud of his working-class origin. But working-class pride was only one dimension of his political program. Another dimension was his militant anti-intellectualism, which, at least in Germany, should have made the working class a bit more cautious towards him. Anti-intellectualism, you see, had been a constraint of another ideology, not of the left.

Schroeder – does anyone remember the name? – used to call the one philosopher in his cabinet, the influential political philosopher Julian Nida-Ruemelin, “culture poodle”, referring to his curly hair. Rudeness, taken alone, is not a sign of anti-intellectualism. But then Schroeder promoted the assistant professorship of recent PhDs. OK, we swallowed this, but then he also prohibited universities to employ people with a second monograph for more than 12 years unless as professors. By doing this, he sent those who had climbed the traditional career ladder to unemployment at the age of 40 (while they continued teaching at the university without a salary!) while rendering the assistant professorships of the 30-year-olds to tenure-track professorships without a second monograph. As of today, one out of seven classes at German universities are conducted by people who climbed the classical German career ladder : PhD AND then second monograph, without earning one penny for this! They keep up the hope that some of the professorships not occupied by Schroeder’s youngsters will be theirs some day.

What I found today in the internet is appalling: obviously we have the first associate-professor posts for young PhDs. This slippery slope was deeper than even Schroeder’s anti-intellectualism.

Under too many layers

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Die Nachrichten: Die Hagia Sophia soll wieder eine Moschee werden. Das gibt mir den Anlass, meine Assoziationen zur Kirche (sorry: zum Gebäude) zu schildern. Sie sind mehrbödiger als Baklava und folgende:

Zur Moschee wurde die Hagia Sophia zunächst 1453, als die Stadt (DIE Stadt – urbs) von osmanischen Truppen im Mai überrannt wurde. Zu der Zeit war sie eine römisch-katholische Kirche im Sinne der Kirchenunion von Ferrara-Florenz des Jahres 1439. Die Orthodoxen, diejenigen jedenfalls in der Stadt, die gegen die Union waren, haben sie 14 Jahre lang gemieden, bevor sie zur Moschee wurde. Sie spielten mit dem Gedanken, Hussiten zu werden, egal…

Noch vier Jahrhunderte vorher war in der Hagia Sophia der Philosophenmeister (“hypatos ton philosophon”), Johannes Italos, vom Unterricht am Konstantinopler Hofseminar feierlich suspendiert worden. Wegen Aristotelismus. Und wegen zuviel Logik im Unterricht, wie die Kaisertochter Anna Komnena in ihren Memoiren (Entschuldigung liebe Wertneutralität, wenn ich hinzufüge: schamlos) zugibt. Noch heute wird am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit in jeder orthodoxen Kirche der Welt das Anathema gegen die Philosophie wiederholt, das damals dort verlesen worden war. Ungefähr aus derselben Zeit stammt die Nestorchronik, welche die Christianisierung der Kiewer Rus unter Wladimir I. auf die Begeisterung der Kiewer Abgesandten in der Hagia Sophia zurückführt. Hoffentlich nicht während des o.g. Zeremoniells gegen Johannes Italos. Ein Dutzend Jahrzehnte später wurde die Kirche von den Kreuzrittern des Vierten Kreuzzugs geplündert.

Geplündert stand sie weiter, wie sie heute steht. Stehen sollte bald ihr Name, übrigens in der Landessprache als Fremdwort mit der neugriechischen Aussprache erhalten geblieben, auch für die kollektive Entität aller heiligen Menschen. Die göttliche Weisheit: Das sind wir. Dieser, ursprünglich russische, Volksglaube wäre ohne das Gebäude wahrscheinlich nicht entstanden. Auf diesen Glauben ist einer der wenigen Versuche zurückzuführen, aus der Orthodoxie eine moderne Konfession zu machen. Sergej Bulgakov, ein Wirtschaftswissenschaftler und einstiger Weggenosse Lenins, versuchte im Pariser Exil, der Kirche unserer Vorfahren eine christsozialistische Gestalt zu verleihen. Sophiologie nannte er die neue Doktrin. Die Gemeinschaft der Idioten ist weise. Das ist meinerseits nicht ironisch gemeint.

Ja, die Hagia Sophia ist eine grandiose Fortentwicklung des architektonischen Konzepts des Pantheons von Rom; einer Stadt würdig, die Neurom heißen wollte; und – trotz Johannes Italos – Symbol von Weltbürgerlichkeit. Der einstige Notre-Dame-Kanoniker Étienne Tempier, der als Bischof den Aristotelismus im Werk von Thomas von Aquin verurteilte, reicht nicht aus, um die Notre Dame zu blamieren. Die Hagia Sophia ist ebenso resistent gegen in ihr begangene Dummheiten. Das zum einen.

Zum anderen habe ich in keinem Museum der Welt so viele gelangweilte, geistig abwesende Besucher angetroffen, nach dem Motto: “Sie haben alle gesagt, zumal wir hier sind, müssen wir das besuchen. Groß ist es schon…” Oder kennen meine Leser etwa ein Museum in dieser Welt, wo die Kunstwerke nicht bewundert werden? Ich kenne eines: die Hagia Sophia. Das Augenmerk des “Ausstellers” fällt ja nicht auf die Kunst, sondern auf das historische Faktum der Eroberung. (Fremdländische Ansätze der auf Erwachsene abzielenden Museologie können mir vielleicht egal sein. Aber im Sinne der Museumspädagogik: Was ist das für eine Erziehung für die Kinder, die das Museum besuchen?)

Meine letzte Assoziation jetzt:

Es gibt überall zweckentfremdete Gebäude. Ein zweckentfremdetes Gebäude aber, wo der neue Nutzer jahrhundertelang außer Stande war, wenigstens über die Zerstörung hinwegzutäuschen; darüber zu glätten und zu polieren, so dass der Besucher nicht denken muss, dass die Zerstörung zum Stolz des neuen Nutzers gehört – ja, ich war schon in der Mezquita! – hatte ich nie gesehen. Bis ich die Hagia Sophia besuchte.

Und jetzt soll es eine wichtige Nachricht sein, dass sie wieder zur Moschee wird?

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What you see in the two last pictures are marble fencings of the empress’s gallery in the Hagia-Sophia church – oops, sorry: museum – oops again: mosque in Constantinople – oops…

Anyway, you get the idea… The new masters (“new” is more or less a façon-de-parler since they’ve been there since 1453) gouged out the Christian Symbols but left the destruction for everyone to see.

Some amount of destruction is there when you dedicate a building to another purpose than the one it originally served. The Mezquita of Córdoba is a handy example of a mosque that was rendered vice versa to a church with a vast change of the central part of the original structure. However, the new masters there did bother to make the destruction unseen, tried to embed a cathedral into the mosque without the malicious gesture: “Har, har, har: see what I did?” In the Hagia Sophia, the tidying up of the traces of the destruction didn’t happen in the last five-and-a-half centuries. Now, it will become a mosque again. This gives me the motivation to deploy my associations pertaining to the building. They have more layers than the baclava served outside it and are the following:

As I said, the Hagia Sophia was first rendered to a mosque in May 1453 when the Ottoman army conquered the city. When this happened it had been a Roman-Catholic church for 14 years, following the church union of Florence in 1439. The Orthodox, those at any rate who were against the union, have avoided the church and services given in it for a decade-and-a-half before it became a mosque.

Four centuries earlier, the Hagia Sophia had been the site of John Italos’s condemnation. John was an Italian-Norman logician who had the title of the master among the philosophers (“hypatos ton philosophon”). Accused by the emperor’s daughter Anna Comnena of too much Aristotle and logic in classroom, he was removed from office and ceremonially so in the greatest of all churches. Anna Comnena must have been a horrible student. In spite of everything, her style is not devoid of charm and I do have respect for a woman author in the Middle Ages. At the same time, it is disgraceful to make your dad, the emperor, fire the professor whose subject you failed. And then, for all of us, it is even more disgraceful to recite since then, every year on the first Sunday of the Great Lent, in every Orthodox church, for almost one thousand years now, the same anathema against philosophy that was released there and then.

It was the time when the Russian Primary Chronicle ascribed to the impressive church the decision of Vladimir I to have his subjects baptised according to the Byzantine rite. A church which was to be looted by the crusaders a century and something later.

This notwithstanding, its name, still preserved until today as a Greek loan, came up to stand also for the collective entity of all saints: wisdom is sanctity and sanctity is the mereological whole of us all. This, originally Russian, popular faith was arguably inspired by the church of the Holy Wisdom. When Sergey Bulgakov, the economist and philosopher, denounced his former comrades to Lenin’s great bitterness, and attempted from his Parisian parish to renovate Orthodoxy to be a more liberal denomination, he called the new doctrine sophiology – alluding to the aforementioned popular faith. Even if each of us is an idiot, we are wise when taken as a whole.

A bigger Pantheon in a city called New Rome and thereby a symbol of cosmopolitanism in spite of the John-Italos episode. If Étienne Tempier, the bishop of Paris who condemned the Aristoteliansm in Aquinas, is not enough to debase the Notre-Dame of whose chapter he had been the chancellor, then Hagia Sophia remains also undegraded in spite of the unpleasant episodes in it. On one hand…

On the other, in no other museum have I met so many bored people ticking off one more must-see from their tourist guide. Which is quite understandable since the focus of the Hagia-Sophia Museum is not on its art but on the historical event of the conquest. And, I mean, come on: even if I don’t care about the museological concepts in far countries, I am still concerned about the education they give to their children…

This is why I think that rendering the Hagia Sophia to a mosque is not the important news about it.

Collectively bounded rationality

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Am Anfang hat es mich erschreckt. Mit einem Schreiben vom 26. Mai informierte mich mein Krankenversicherer, dass meine Beiträge, fällig 11 Tage vorher, ausstünden. Hat die Bank nicht überwiesen? Wegen der Grenzschließung oder was? (Meine Bank ist nicht im selben Staat wie meine Versicherung) Habe ich einen Fehler beim Online-Banking gemacht? Wie konnte das passieren? Das in den ersten Sekunden. Dann überlegte ich aber: Wieso verlangen sie dann nur acht Euro? Mein Beitrag beträgt ja mehr als das Hundertfache.

Anrufen. Die Dame will die Details:

– Ja, von wann ist die Forderung?

– Vom 26.

– A, ja, hier sehe ich’s. Inzwischen ist das Geld eingetroffen. Aber am 15. war es noch nicht da.

– Was heißt “inzwischen”? Der 26. war gestern! Hat meine Bank denn erst heute überwiesen?

– Nein, am 16. Also nicht am 15. Die acht Euro sind ein Säumniszuschlag.

Ich erspare meinen Lesern die Fortsetzung einer Diskussion zwischen jemandem, der einen Punkt über soziale Pathologie bringen will, und einer Person im Call Center. Im Grunde ist es ungerecht, dass solche Diskussionen überhaupt stattfinden. Für die Leute im Call Center ungerecht und für basale Standards der Kommunikation ebenfalls ungerecht. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit größer, meine ehemaligen Philosophie-Masterstudenten im Call Center als etwa in einem Klassenzimmer zu treffen. Solange jedenfalls die Wirtschaft keinen Bedarf an Leuten meldet, die das Argumentieren gelernt haben. Demnach sollte und könnte ich gerade erst mit der Person im Call Center argumentieren und mit niemandem sonst.

Das Resümee ist, dass es seit 10 Tagen feststand, dass die Zahlung terminnah eingegangen war, als die Mahnung verfasst wurde. Eine Firma, die aus quasireligiösem Eifer Satisfactio im theologischen Sinn für eine geringfügige Verspätung verlangt und Strafgelder für symbolische Übertretungen verhängt, hätte auf keinem Markt, wo der homo oeconomicus agiert, eine Chance in einer Million, nicht pleite zu gehen – vorausgesetzt, es gibt kein Monopol und der Zahler – eben homo oeconomicus – bringt ein Mindestmaß marktrationalen Verhaltens auf. Wenn ich für ärztliche Dienstleistungen bezahle und nicht um die Dienstleistung, den innerweltlichen Poenitenten zu spielen, dann gehe ich zu jemandem, der mir die Dienstleistung ohne missionarische Allüren bezüglich meiner Zahlungsmoral bietet.

Aber wenn das Publikum es mit sich machen lässt? Wenn das Publikum es als moralisch gerechtfertigt ansieht, für das Scheitern an militärischer Termintreue Geld zu zahlen? Wenn das Publikum eines ist, das von Kind an kein Eis im Sommer aß, bevor das mit einer kalvinistischen Tugend verdient wurde? Na dann hast du ein Publikum, das keine Regeln und Fristen als Mittel zur Erfüllung von höheren Zielen ansieht, sondern allesamt als Selbstzwecke.

Dass der pietistische Fundamentalismus von Parareligiösen sich zu einer sozialen Haltung von Areligiösen säkularisierte, war wohl aus religionssoziologischer Sicht zu erwarten. Es sind nun die Kognitions- und die Wirtschaftswissenschaft gefordert – aber nach Thaler und Tversky sind sie auch auf einem guten Weg – die Übertretung von Rationalitätsstandards als vorherrschendes Verhaltensmuster zu beschreiben. Nach Webers Zweckrationalität gibt es nun viel zu tun in der Erforschung der Zweckirrationalität.

Repro of Grant Wood’s American Gothic in a typical middle-class interior; courtesy of otto.de (but do continue scrolling…)

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This letter of May 26 made me very concerned and surprised, at least in the beginning. I am supposed not to have paid my healthcare insurance? Did the bank not pay? Because of the border closure or something? (My bank is in one country, my insurance in another).

A due payment for 11 days? That is a long time. Did I commit a mistake while doing online-banking? 5 seconds passed…

Just a moment. Why do they demand only eight euros? My monthly contribution is more than one hundred times this!

Let’s call them. The lady wants me to indicate more precisely.

– What is the date of our reminder?

– May 26.

– Right, that’s it. You’ve paid your insurance in the meantime. You hadn’t on May 15 though.

– What do you mean “In the meantime?” When is the valuta day?

– May 16. Which is not May 15. You have to pay an eight-euros penalty for this.

I spare you the details of a discussion between someone who addresses social pathology and a person in the call center. It is unjust in a way to have such discussions. Unjust for the telephonist and unjust if you consider the basics of communication. From another point of view though, as long as people who had an academic training in argumentation are not needed in the job market, the probabilities to come across my master students in Erfurt are larger in the call centre than anywhere else. In that sense you can conduct rational discussions only with people in the call centre.

To make a long argument short, when the “reminder” was released, the payment had been made and acknowledged by the company that issued the “reminder”. Ten days ago. The justification of the penalty was not that I hadn’t paid but that I hadn’t had paid until a few hours after midnight of the day due. A company that charges a customer who pays huge amounts of money, eight euros for a delay of hours (essentially a delay of his bank abroad, but for the sake of argument let’s say that I should have predicted this delay), a delay, on top of everything, discovered ten days later, when everything had long been settled, has no chance of going bankrupt – given it’s not a monopoly and the customer has a minimum rationality. If my choice is between someone who gives me a product and someone who gives me the product plus demands a quasi-theological satisfaction due to militant Kalvinist fanaticism, I will choose the former. Do I pay in order to have the access to healthcare service or to play the role of a masochistic penitent?

Why don’t they get bankrupt though? I suppose because the customers are masochistic penitents – and gladly so… If your parents never bought you an ice cream just because you fancied one and asked them but only after your conforming with some of the things they considered virtuous, then you learn to consider everything in life a response to a military discipline. You learn to consider every rule and deadline as being for their own sake.

The transformation of pietist fundamentalism from a lunacy of the parareligious to a secularised attitude of the areligious is not surprising. After Weber’s efforts to understand means-end rationality, we have much to do in order to understand means-end irrationality. After Tversky and Thaler, cognitive and social scientists have made great progress in that.

A language’s range and rage

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Ausnahmsweise fange ich – sehr klassisch heute, mitfühlend mit meinen beiden Protegés, die in ihren Ferien eine wohlstrukturierte Fünf-Kapitel-Arbeit schreiben lernen müssen – mit der These an: Orientalischer Sprachgebrauch hat unseren Sprachgebrauch im Westen Jahrtausende lang geprägt, aber das hört langsam auf. Damit wird die Sprache plump. Nicht nur trocken. Trockenheit ist nicht das Problem. Plump.

Orientalische Stilmittel im Westen sind bis zum heutigen Tag und größtenteils auf den Einfluss des Neuen Testaments zurückzuführen. Man macht eine Synekdoche mit dem lateinischen und dem hebräischen Namen des Apostels der Nationen, Saulus und Paulus, als wären diese Namen Träger des einen oder des anderen Glaubens; Berlin Tegel, um einen jüngst erschienenen Beitrag im Feuilleton der Süddeutschen zu erwähnen, ist ein Lazarus – will heißen wiederauferstanden, nachdem der Großflughafen Ewigkeiten auf sich warten ließ; Heuchler sind Gräber: außen weiß und geputzt, innen voller Verwesung. Überhaupt scheint Jesus ein Talent für aggressive Metaphorik und rhetorische Übertreibung gehabt zu haben.

Wenn ich Stilmittel wie Übertreibung und Metapher orientalisch nenne, dann will ich sie nicht ausschließlich auf das Griechischschreiben von bilingualen Syrern wie Johannes, Matthäus und Markus zurückführen. Noch vor dem Neuen Testament pflegten das Griechische und das Lateinische Übertreibungen und Metaphern. Wenn die hohen Erwartungen enttäuscht wurden, hieß es schon vor Christus: “Der Berg ging schwanger – geboren wurde eine Maus”. Orientalisch war die klassische Antike schon. Das Neue Testament ist aber sehr voll der Ironie und der Übertreibung.

Zum Beispiel Mt 8.22 & Lk 9.60 “Lass die Toten ihre Toten begraben” (im Neugriechischen heißt es übrigens immer noch “der Tote” in der Bedeutung: “der Untergegangene”; Paul Erdös nannte “Tote” alle seine Bekannten, die den aktiven Mathematikbetrieb an der Uni aufgegeben hatten).

Oder zum Beispiel frei nach Mt 23.24 “Guck einer an: Die Mücke kann er nicht im Rachen haben, das Kamel schluckt er aber so herunter” (über Leute, die ihre Prioritäten falsch setzen).

Ich verfolge die Debatten nach der Corona-Zeit: im Deutschen Bundestag, im Schweizerischen Nationalrat. Meistens eine kühle Technokratensprache. Das klingt beruhigend und nach Fortschritt in jemandes Ohren, der seine ersten Wahrnehmungen der politischen Sprache im Kalten Krieg machte, welcher wiederum in Sachen Sprache ja hitzig war.

Andererseits lässt die vorsichtige Sprache kein größeres Engagement hervorschimmern; kein Risiko, ungerecht und falsch zu sein statt nur falsch. Ich weiß auch als Blogger, dass Vorsicht und lauwarmes Gemüt weniger Feinde und eventuell sogar mehr Freunde macht als Polarisieren. Ich versuche mit der gesamten Ehrlichkeit meines Westlerseins, ein Langweiler zu sein.

Ob mir das gelingt, ist eine andere Sache. Denn das Neue Testament ist fast (fast…) meine Muttersprache.

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Summertime, cotton’s high, fish are jumping and students trying for the first time in their lives to write a structured text with thesis, history of the debate, method, evidence and conclusion.

For a change, let me also start in a classical manner: with the thesis: Oriental language has influenced our style in the West in millennia of world history. However, slowly but steadily language becomes blunt. Occidental so to say. By this I don’t mean precise or dry. I mean blunt.

This appears to be a long process. Biblical exaggeration and metaphor are not once and for all banished from media today. In the German ans Swiss press, which I happen to read on a regular basis (I read rather rarely US and British newspapers, only the headlines of the Greek and the French, and I am completely an ignorant of the rest) I do find metonymies of the Sauls (and the souls) who become Pauls; allegories of the old airport of Berlin as a resurrected Lazarus after the new airport has been unable to operate for ages; metaphors about the hypocrites as graves, clean and tidy from the outside but full of decay and ptomaine inside. These are expressions one can still use and hear or read in western media and if you want to make the case of Jesus as a mild comforter, you have the burden of proof of a rather unlikely claim.

These and like expressions I call oriental. They should not be restricted to the influence of bilingual Syrian writers like Mark, Mathew and John to the Greek style of late antiquity and subsequently to modern languages. Greek and Latin, you see, have been “oriental” long before they adapted Syrian style. E.g. when their expectations were disappointed, Greeks and Romans spoke of the mountain’s pregnancy with a mouse. But the New Testament is a locus classicus for rhetorical tropes:

Cf. Mt 8.22 & Lk 9.60 “Let the dead bury the dead” (in Modern Greek one still calls losers: “the dead”; infamously, Paul Erdös called “dead” all those who had given up maths at the university for some other job).

Following the Covid-19 debates in the two or three parliaments whose decisions have a direct impact in my life I must state that the language is a sober technocrats idiom, one that sounds reliable in someone’s ears whose first experiences of political language were in the Cold War – NB a hot one in terms of rhetoric.

At the same time, distanced language makes the speaker sound indifferent. Without a deeper engagement. Speakers who take the risk to be false do fulfill a minimum of rationality alright. But the ones who demand you to invest emotions along with your thoughts, are speakers who take the risk to be false and unjust. As a blogger I do know that I make less enemies and even more friends when I avoid polarizing. And I do try to be boring.

The reason I do not succeed in being so? I suppose that comes from the fact that the New Testament is almost (I said almost) my mother tongue.

Le collectivisme

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Lasst die Statuen stehen. Diese Menschen, die sie abbilden, können wohl auch wegen einer Tugend bewundert werden. Sie werden doch auch etwas anderes gewesen sein als Sklavenhalter.

Im Gegensatz zur bildenden Kunst, die so oder so interpretiert werden kann, huldigt ein Text, eine Inschrift, die ich letzte Woche beim Spazieren ganz nahe beim Bahnhof Basel SBB entdeckte, dem Tribalismus und, als wäre das nicht genug, konkretisiert sie auch die künstlerische Botschaft so, dass ich z.B. (die Person im bestimmten Körper) genauso heilig bin, wie das Kollektivwesen, dem ich angehöre.

Ich bezweifle, dass es Wandalentrupps mit Gips in der Hand gäbe, die solche Inschriften übertünchen würden, wenn K.R. Poppers methodologischer Individualismus das vorherrschende Paradigma der Geschichtswissenschaft wäre. Denn unsere (offenbar austroliberale) Lehrerschaft würde dann nur den Menschen beibringen, über die historischen Quellen zu reflektieren statt herzufallen. Mehr nicht.

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People all over the world were attacking statues that, in their eyes, depict white suprematism when I discovered this inscription while strolling through downtown Basel.

Although the inscription oozes with tribalism – frankly, I don’t want to be respected in virtue of being Greek and those who would see me thus would not see me after all – obviously no one bothers to vandalise it. Not only because K.R. Popper’s methodological individualism is not the leading paradigm in historiography. Also because individualists, an Austroliberal kind of people, want to teach you how to reflect on historical sources rather than to destroy them. NB, even if the source in question is a text, which unlike a piece of art, makes the tribalist message explicit.

The piece of art, normally a depicted person, can, after all, be taken to be exposed due to beauty or – there must have been one – virtue.