Language makers

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Generell bin ich nicht gegen Neologismen. Sie sind jedenfalls besser als der philologistische Versuch, auf Biegen und Brechen irgendeinen Terminus aus der Tradition zu finden, der genau die Idee schon immer ausdrückte. Peter Simons‘ Termini truthbearer und truthmaker fand ich z.B. immer gut. Sie geben einem eine suggestive Sprachkonvention zur Unterscheidung zwischen Aussagen als Zeichen und Bezeichnetem von Aussagen.

Aber diese neue Mode mit dem daraus abgeleiteten Verb „I truthmake“, „you truthmake“, „he/she/it truthmakes“ wird mich noch umbringen. Gegenstände erfüllen Prädikate – wissen wir seit vielen Jahrzehnten – wodurch die Prädikation gegebenenfalls wahr wird.  Das sage ich, um eventuell ahistorischen Übersetzern dieses Unfugs ins Deutsche den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Der historische Analphabetismus der Peer-Review-Unkultur droht, aus der akademischen Philosophie eine Disziplin zu machen, die sich in ihrem Jargon erschöpft. Der Umstand, dass der Zeitgenosse den Jargon beherrscht, wird wichtiger als was er zu sagen hat, ja sogar wichtiger als was der Jargon selber besagt. Hier waren wir vor Jahrzehnten, noch vor dem Aufkommen der analytischen Philosophie. Es war hier schon damals nicht gut und es ist keinen Deut besser geworden.


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Normally, I wouldn’t oppose to a neologism just because it’s new. In order to believe that a term from the tradition expresses always what you wanted to say with a neologism, you must support the philosophia perennis, and I don’t. Take Peter Simons‘ truthmakers and truthbearers: what a great way to distinguish the sign from that for which it stands – at least if you describe events!

However, this new fashion to make a verb out of it („I truthmake, you truthmake, he/she/it truthmakes“) will lead me to the grave. Folks, since Tarski we call this „satisfaction of a predicate by an individual“, alright? Sometimes satisfying individuals make a proposition or a sentence true, i.e. there is a true interpretation. Read some book that’s older than three years!

But my main point against this neologism is: it’s only a fashion. Fashions of this kind make analytical philosophy a kind of scholarship that consists in mastering and using a jargon. The jargon becomes more important than what you have to say, the peer/reviewer of the journal will give a good report by simply reading diagonally your paper and finding out that you do use the jargon, a jargon that you understand and the guy to whose paper yours is a reply and a couple of folks also understand including the reviewer.

If this is what became out of analytic philosophy, then it was pointless for Moore and Russell to start this emancipating movement against spooky metaphysics in the first place. We’re back into it…

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Summer stories III: being unable to make peace


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Das ist die dritte Folge – oder besser Anregung- aus dem vergangenen Sommer.

Müde waren wir, als wir die lockerste Grenze, die Grenze an der es keinen Stau und keine Stempel gibt – jedenfalls auf dieser Strecke – hinter uns gelassen hatten. Auf leichter Böschung rollten wir Richtung Autobahnkreuz Thessaloniki und von dort aus nach Südgriechenland. Heiße Luft durchs Fenster, ein paar Schlaglöcher, weniger als wenige Kilometer nördlicher, alberne Witze im Radio. Lustige Leute, ganz klar.

Egal wie fest man aufs Gaspedal drückte – auch das war klar – wäre die Fähre nicht mehr zu erreichen, also warum nicht eine Übernachtung in Nordgriechenland dazwischen legen? Die Wahl in solchen Fällen in den Vorjahren war zwischen Kalampaka und Ampelakia.

Diesmal wollte ich nach Litochoro.

Am Fuß des Olymp gelegen, ist Litochoro das, was man von einem Bergmarkt erwartet: größer als das pittoreske Ampelakia, weltlicher als die Meteoraklöster oberhalb von Kalampaka; und archäologisch interessanter, dachte ich, der ich zwei Töchter habe, die genau wissen, wer Gandalf im Herrn der Ringe ist, aber Schwierigkeiten bekommen, zwischen Alpha und Lambda auf einer klassischen Stele zu unterscheiden. Ich meine keine Stellen, sondern Stelen: antike, aufrecht stehende, beschriftete Steinplatten oder -blöcke.

Also übernachteten wir dort nach einem Abend mit Unterkunftsuche, mit Feigenbaumgeruch in der Nase über Brücken über Sturzbächen, mit einem zornigen Olymp, der einen Platzregen hereinbrechen ließ, wodurch auch die Dorfstraßen zu solchen Sturzbächen wurden.

Am nächsten Morgen, Frühstück im Hotel – „nein, ich bin Grieche, ohne Zucker, sonst nichts, die Kinder vielleicht“ – absurde Diskussionen am Nebentisch – „die Achtzigerjahre waren die besten in der Geschichte dieses Landes“ – gingen wir die wirklich besten Jahre in der Geschichte, jedenfalls dieses Landstrichs besuchen: Das Zeitalter zwischen Caesar und Hadrian…

Dion war nach den dort entdeckten Grabstelen eine Stadt mit einer gemischten römisch-griechischen Bevölkerung. Latein und Griechisch wurde in den Straßen Dions gleich oft gesprochen und das soll bereits eine wichtige Erkenntnis sein. Denn erstens zeugt Dion davon, dass die römischen Kolonisten nördlich des Peneios-Tals keine rein römische Siedlung gründeten. Zweitens zeigt es, dass die Nachbarn dieser Römer – ich wiederhole: nördlich des Peneios-Tals – Griechisch sprachen, weil („obwohl“ hätten jetzt die Leute aus dem Land mit den vielen Schlaglöchern gesagt, von dem aus wir am vorigen Tag nach Griechenland eingereist waren) sie Makedonier waren. Ende der wichtigen Erkenntnisse.

Im Museum… Die Kinder versuchen, besonders gelangweilt zu wirken. Sie haben es eilig, über das Peneios-Tal nach Thessalien zu kommen, auf die Fähre, auf die Insel! Süden! Basta!

Sie finden einen Verbündeten: den langjährigen Ausgrabungsleiter von Dion, Dimitrios Pandermalis, der in einem Video im Medienraum des Museums gerade erklärt, was die wichtigen Erkenntnisse aus seinem Dion sind: Die alten Makedonier haben den nördlichen Nachbarn zum Trotz Griechisch gesprochen.

Gut, Pandermalis hatte ich als einen Unipolitiker gekannt, der seiner Ehefrau eine W2-Professur ein Jahr nach ihrer Promotion verschaffte. Dass er an Dions spektakulärstem Fund vorbei: der ältesten (und rekonstruierbaren!) Orgel der Geschichte, ein nationales Disneyland zum Trotz einer modernen Nation machen würde, die trotz ihrer Bulgarophonie das – offenbar! – Unglück hat, „makedonisch“ zu heißen, hätte ich von ihm erwarten sollen. Ich bin zu wohlwollend gewesen.

Die Überreste der antiken Orgel warten geduldig im Museum von Dion bei Litochoro auf ein anderes Griechenland: Auf eines, das alberne Animositäten hinter sich lässt und lieber Kinder erzeugt, die experimentierlustig um eine – wahrscheinlich sehr leicht herzustellende – Rekonstruktion des antiken Instruments mit den alten Lauten spielen; auf eines, das endlich museumspädagogisch mit Kindern arbeitet und nicht ideologisch mit Erwachsenen.

In den Hallen des Museums von Dion stellte ich mir die Laute einer rekonstruierten Hydraulis und Kinder vor, die den Umgang mit schrägen Tonleitern aus der Antike üben.

Zukunftsmusik wäre das, die aus der Vergangenheit käme…

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This is the third story of a series about last summer.

Tired and full of plans, we crossed the last and easiest border of our route: the border of no seals and no jams after which you’re on your way to the Thessaloniki junction and from there to the south.

But being still in the north – at least of that country – we knew that we had no chance to catch the last ferry. So, why not spend one more night and some of the next day before Olympus?

The situation wasn’t new. For years now we’ve been dividing the last „etappe“, the one that starts when we set off in Belgrade, Kalampaka and Ampelakia being our options for a short stay in between.

This time I opted for Litochoro, the town where those who hike to the peak of Olympus usually stay. It’s bigger than Ampelakia, more secular than Kalampaka. And it’s near the archaeological site of Dion. I mean, nothing against YouTube and Lord of the Rings and other educational backgrounds but when you have mine, finding out that your daughters have difficulties to distinguish between an alpha and a lambda when trying to decipher an ancient Greek inscription, is bitter. Any possibility that Gandalf’s grave has a Greek inscription?

We spent the evening and the night in this mountainous town near the sea. Figue trees, an angry Olympus, stormy weather. All of a sudden, streets became canals and canals became rivers.

Hotel breakfast. Absurdities at the tables around us (- „I was the director of the Telecommunications Company in Trikala in the 80s“ – „Wow, the whole country’s prime time for ages“) which is OK if you’re talking about everyday situations but not if you’re talking about the most strange decadence of a nation for possibly most of the Western civilisation…

I eventually got over this and took family to visit the archaeological park that probably epitomises the real prime time of the region not only for centuries but for millennia: the administrations between Caesar and Hadrian…

If judged by its inscriptions, Dion was a city inhabited by people of Greek and Latin language. I do believe that it’s an important piece of information about the ancient world to know that Roman settlers in Northern Greece would rather mingle into their cultural environment. But the museum has more important things to exhibit than the plain fact of this cohabitation. I mean, come on, Romans in Rome sought a Greek education for their children. By which logic would Romans in Northern Greece not do so?

Talking about children: while I was thinking about what I was seeing, Marta and Margareta did their best to appear bored. They saw in this a chance to make their parents get into this car with them and cross the tunnel that unites the Greek region of Macedonia with Thessaly, cross the plains, take the ferry boat… And they found an ally in this.

Dimitrios Pandermalis, an archaeologist and professor at the Aristotelian University of Thessaloniki, talked from the screen of the multi-media room of the museum. He had been directing the excavation of the site for ages and resumes: „The findings document the Greekness of the region“. Well…

What you have and your kids also have then, is an archaeological park that affirms the historically multicultural character of the region, plus a museum whose most important exhibit is the oldest organ of history (a hydraulic one) and there is an expert there who sees the usefulness of this whole bulk in demonstrating towards Slavic Macedonians that Classical Macedonia was graecophone. I mean, what did you expect in the first century BC? Posters with a content like: „Funeral service for uncle Milorad, on Monday the bla-bla, in deep grief etc.“?

I know, my fellow Greeks were irate because of Slavic Macedonian attempts to reinterpret the fact that, reportedly, Alexander the Great’s officers spoke an idiom incomprehensible to soldiers from Southern Greece, viz. to reinterpret it as saying that Macedonians spoke a language that corresponded more to today’s Slavic Macedonian (a Bulgarian with some lexical Serbisms) than to Classical Greek. Every Greek archaeologist who loves his job would try to use this animosity to get on with his job, advance his position at the university etc. Pandermalis loves his job enough to use Greek resentments towards the FYR of Macedonia in order to get his projects funded; loved politics enough to use his social capital in order to be elected an MP, loved his wife enough to lobby her a professorship one year after her PhD…

Talking about love: My kids are sceptical towards museums but love music. A playable reconstruction of the hydraulis would make them spend hours there and learn much about ancient Greek music – well, generally about music. It’s really the next thought that comes to mind when you have a finding of this quality and one you can really reconstruct. For now one can see the reconstruction – i.e. in principle- in the museum on a piece of paper.

To make this thought come true is a project that presupposes another Greek state and society. One whose priorities are ecumenical; one that places making museums invite and excite experimenting children of every nation a priority that is higher than Balkan animosities.

Summer stories II: Normalité

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Das ist die zweite Geschichte aus einer Reihe zu Anregungen, die mir die vergangenen Sommerferien gaben.

Der Typ konnte Griechisch, womit er wohl die Grammatik und die Semantik der Sprache gemeint hätte. Würde er sein Griechisch verbessern, würde er sich um eine Erweiterung seiner Grammatik- und Semantikkenntnisse bemühen. Dabei ist einer der wichtigsten Wundpunkte der Kommunikation zwischen anders Sozialisierten die Pragmatik.

Er fragt, „ob das normaler Diesel“ sei. Zikaden im Hintergrund, sausende Autos Richtung Saloniki. Der Tankwart versteht das als eine Frage dahingehend, ob der in Frage kommende Treibstoff einer Norm überhaupt entspricht oder völlig abnormal ist. Es war selbstverständlich ein Treibstoff, der einer Norm entsprach. Einer EU-Norm doch, was soll die Frage? Also beteuert das der Tankwart gegenüber dem misstrauischen – so denkt er – Westler.

Im Idiom des letzteren heißt allerdings „normal“: herkömmlich, von alters her bekannt, auch – günstig. Zu spät stellt er fest, den teureren Diesel zu tanken.

Das klingt nach einer misslungenen Kommunikation auf der Ebene der Semantik, oder? Der Grieche versteht „normal“ anders als der Nichtgrieche. „Normal“ ist in beiden Sprachen nicht austauschbar.

Das wäre, denke ich, der falsche Eindruck. Überlegen wir, was sich auf der Pragmatikebene abgespielt hat: Der Tankwart wusste nicht, dass er es mit keiner überheblich-postkolonialen Frage zu tun hatte; und dem Philhellenen war es nicht klar, dass der Tankwart pragmatisch gesehen von einer anderen Art Kommunikation ausging.

Oft wird verkannt, dass die Pragmatik ein Bestandteil des Systems Sprache ist. Zwar steht sie nicht im Duden, aber im Duden oder beim Babiniotis stehen sowieso keine Idiolekte und keine Ratschläge zur politischen Korrektheit.

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This is the second story of a series about last summer.

The guy was using Greek – I mean after all… He obviously mastered parts of the grammar and the syntax of the language that enabled him to communicate.

Surely, if he were to improve his  Greek usage, he would try to enhance these parts. Unknown to him, however, it’s pragmatics that will make a trick on him.

He asks if this is „normal diesel“. The employee suspects the question to be a post-colonial insinuation. Of course it’s a diesel according to a norm. It’s an EU norm. „Yes, it’s normal“.

By „normal“, people sometimes mean what they’re used to. And, since it’s not the financial or the intellectual elite that see their everyday habits as ecumenical norms, one understands that „normal diesel“ in this sense is cheap diesel. And this was not what this foreigner with knowledge of Greek got. On the contrary…

A failure in communication is often due to semantics: you understand the words in a way different from the way your opposite understands them. And this seems to be such a case. However, you wouldn’t say that Webster or Oxford define things „normal“ as „things one is used to if one is raised a working-class boy from the suburbs“.

I suppose that Webster and Oxford and Babiniotis, all define „normal“ in like ways. Which would be why the semantics of „normal“ is not the issue of my story. The Greek employee of the gas station and this philhellenic customer of his simply miscalculated the pragmatics. The former didn’t know that the question wasn’t a post-colonial irony and the latter didn’t realise that the employee was assuming that the communication was about politics, not about social habits.

Aesoponomics

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Die klassische Fabel von der Ameise und der Zikade vermittelt eine volkswirtschaftliche Lehre.

Die fleißige Ameise verbringt den Sommer in Mühe und Sorge, um einen unbesorgten Winter zu verbringen – genau die Zeit, zu der die Zikade, die den Sommer in lässigem Gesang und Künstlergrhabe feierte, sich an die Ameise um Hilfe wendet – und diese nicht erhält.

Die Moral von der G’schicht sollte sein, dass wir in guten Zeiten für die schlechten vorsorgen sollen. Im Sommer für den Winter, bei der guten Konjunktur für die schlechte.

Was ich aus der Geschichte herauslese, ist jedoch, dass Kapital und Arbeit wichtiger sein sollen als Gesang. Gesang ist freilich auch Arbeit, allerdings, so eine Prämisse der Geschichte, eine sozial nicht notwendige.

Es fühlt sich komisch an zu lesen, zu hören, zu lehren, ohne die freien Künste, die brotlosen, hätten wir keine Demokratie, keine Menschenrechte, keine Sinngebung für unser Leben, weil nur in und aus ihnen klar wird, wie so etwas geht. Trotz allem: sozial nicht notwendig.

Wenn aber das Wichtigste, was wir haben, Demokratie, Freiheit, Gesang usw., die Kunst von volkswirtschaftlichen Zikaden ist, unbezahlten Denkern und Künstlern, die Volkswirtschaft aber auf dieser Kunst basiert, kann es sein, dass die Volkswirtschaft eine Form des Schmarotzens an der Kunst darstellt? Wie jeder Schmarotzer tötet sie den Träger, kann aber ohne einen nicht überleben.

Nach und nach sterben die Zikaden – noch in diesem Sommer, gutes Wetter hin oder her. Ameisen zerteilen sie und tragen die Stücke fort.

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I can’t help myself thinking that Aesop’s classical fable of the ant and the grasshopper (in fact a cicada) entails a lesson to learn in terms of economics and not of ethics.

Industrious and restless, the ant spends the whole summer currying supplies for the winter. The cicada (I’ll rather stick with the classical dramatis personae) sings and plays music instead. With no supplies for the winter, the cicada seeks help from the ant while the first snow’s falling, to receive none.

This is supposed to teach you that you have to be prudent and not enjoy or entertain while you can enjoy every joy and entertain any thought, exotic or not. And this for the reason that you have to prepare the time of no joy and of no entertainment: winter as opposed to summer, recession as opposed to growth or you name it.

I have another reading of the story and one that, as I said, has no moral constraints. Obviously, the story tells us that capital and labour are superior to singing. Singing is also labour of course, however one that, if the story is right, is socially not necessary.

The strange thing is that we often read, hear, write and teach ourselves that the free, non lucrative arts give the human kind its humanity. Without them no democracy could be designed, no freedom practiced,  and it would be illegitimate to inquire into the meaning of life. How can something that enables these things be socially not necessary? How can it be that artists and thinkers, the people who are historically responsible for the search for democracy, freedom etc. are cicadas?

But, to stick with the Greeks: you don’t ask yourself about where to find a lion’s trace if you already see the lion. Musicians, writers, teachers of literary style, normally, are cicadas, we see it every day. The economic system that is based upon their ideas is a parasite on them: it can’t sustain itself without a host: the ideas, and it kills the host. Parasites usually do so.

Cicadas don’t have to wait for the first snow to die. In fact, they die already in the summer. Ants cut the body in pieces and carry it away.

Macro(n)economics

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Ausnahmsweise schreibe ich heute nicht in meiner Eigenschaft als Philosoph, sondern in meiner Eigenschaft als Fabrikantensohn, was – so die Hoffnung – ganz besonders zu philosophischer Reflexion befähigt.

Als Griechenland der damaligen EG beitrat, hieß es, griechische Firmen hätten wegen ihrer niedrigen Fixkostenstruktur sehr gute Chancen, auf dem gemeinsamen Markt gut als Zulieferer von Einzelteilen deutscher oder französischer Industrieprodukte wegzukommen.

Es kam, wie wir heute wissen, anders. Man kann die fehlende Infrastruktur und die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen schuldig machen, auch die griechische unternehmerfeindliche Politik der 80er Jahre, schließlich dieselbe Politik, die die EU-Integrationsfonds zu einer Freibierveranstaltung zweckentfremdete, aber wo bleibt bei dieser Argumentation der vermeintliche Vorteil wegen der sehr niedrigen Fixkosten?

Mein Vater versuchte seinerzeit, mit sehr niedrigen Preisen auf dem EU-Markt Fuß zu fassen. Das war just die Zeit, als seine italienischen Konkurrenten den griechischen Markt eroberten. Die italienische Ware war schön, aber nicht gerade billig. Der springende Punkt war, dass Italienern, geschweige denn Deutschen, das zugetraut wurde, wozu mein Vater die prospektiven Kunden verzweifelt überzeugen wollte: nicht recycelten Kunststoff zu robusten Lebensmittelbehältern zu verarbeiten und eine große Produktpalette für lange Jahre zu liefern.

Aber: Würden Sie beim Griechen Kunststoffprodukte kaufen? Ich schon, denn in meinem Hinterkopf ist der Grieche nicht automatisch Schäfer oder Kellner. Im Grunde genommen kenne ich wenige griechische Schäfer und Kellner, ich selber bin keiner und mein Vater war’s auch nicht.

Was ich damit meine, ist, dass ich nicht sicher bin, ob nationale Stereotypen keine Rolle auf dem gemeinsamen europäischen Markt spielen. Für die Marktwirtschaft sind nationale Stereotypen natürlich irrational, also dürfte es sie bei der rationalen Entscheidung nicht geben. Man kauft dort ein, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten ist.

Allerdings sind simple Rationalitätsannahmen in sozialen Sachen oft nicht adäquat. Auf dem Markt haben wir eine eingeschränkte Rationalität. Und selbst eine eingeschränkte Rationalität im Sinne eines nichtkooperativen Spiels findet auf tatsächlichen Märkten nicht statt, sondern das Spiel ist kooperativ. Mit anderen Worten gibt’s Leute, die bei jemandem kaufen würden, der ihnen ähnlich ist, statt bei jemandem, der ihnen unähnlich ist, obwohl sie damit Geld verlieren. Das braucht nicht irrational zu sein, wenn die Angst vor dem Anderssein den Gewinn aus niedrigen Fixkosten überwiegt. Geld und Rationalität hören auf, das Thema zu sein, wenn die Ängste sich ankündigen.

Die EU basiert auf simplen Rationalitätsannahmen; auf solchen, die nationale Stereotypen und Ängste unterschätzen – unbewusst oder bewusst. Ersteres ist Illusion, Letzteres Betrug.

Der neue französische Präsident ist ein Philosoph ersten Ranges aus guter Stube, der mit einer Fabrikantentochter verheiratet ist.  Fabrikantenkinder sind dazu fähig, philosophisch zu denken, und Philosophen lieben die Wahrheit. So die Hoffnung.

Denn die Wahrheit ist mit Illusion und Betrug unvereinbar.


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This is a posting by SG, the son of an industrialist. This is the same person as SG the philosopher and the hope was – and remains – that being the one facilitates being the other.

This distant time when Greece joined the back-then EEC, I remember my father claiming that Greek fixed costs, being very low, would predestine Greek industry to evolve to, essentially, a supply industry of the big industrial nations that would become the new partners. Greece was a country whose closest ties were to its geographical neighbours.

In the decades to come, these neighbours came closer and closer to Greece – the iron curtain fell, the civil war in Lebanon ended, Libya ceased to be a renegade – Greece, however, opened trenches to them – was obliged to follow Brussels‘ directives and joined the euro – to make itself inaccessible to its old friends without finding new ones. My father’s plastics never found their way to a Volkswagen’s console or a Gillette razor’s button.

My father thought – and still thinks – that, on the Greek side,  missing infrastructures and the eighties, when the Greek state was utterly hostile to entepreneurship, were the causes that doomed his prediction to fail. But these two factors do not substantially affect his initial argument concerning low fixed costs. Did he do his job improperly?

He didn’t. On the contrary, for years and years he desperately attempted to export his goods at a time when Italian plastics conquered the Greek market with prices that were higher than his. They were funnier and had a better design alright. They weren’t his league. But what about a down-market league?

Well, I believe that he didn’t get the chance he deserved and would have got if he tried to enter the Russian, Turkish or Israeli market instead of the German or Dutch. How can you persuade people to buy your plastics if they associate you with fishing and goat cheese?

What I mean is that I can’t discard the suspicion that my father’s prediction came to fail along the lines of stereotypes.

Stereotypes shouldn’t have a chance when juxtaposed to a cost-benefit analysis you may say.

And I’ll be tempted to say that this is only theory. When people say „only theory“, they take theory to be too abstract to depict reality. When a philosopher says so, he means that this theory is simply inadequate.

Mainstream rational-choice theory appears to be adequate in terms of individuals who prefer to maximize their utility.
  
But in the context of a market, individuals often act in terms of bounded rationality. And in terms of the European common market they often act in terms of a cooperative game: in a case of doubt – doubt triggered by national bias – they would take into consideration to earn less provided they won’t have to communicate out of the box. This doesn’t need to be irrational if the fear to meet an exotic partner is bigger than the expected  revenue. We’re not talking about money here. We’re talking about fears…

The EU is based on simplistic assumptions concerning rationality and ones that neglect national stereotypes and fears – subconsciously or consciously. Neglecting stereotypes subconsciously is self-deception. Neglecting stereotypes consciously  is simply deception.

The new French president is a philosopher married to an industrialist’s daughter. And, as I said, the hope is that industrialists can think philosophically and philosophers love truth.

And truth is incompatible with deception and self-deception.

Can he do the math?

Die offene Gesellschaft, ihre Feinde und deren Feinde

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Es war vor 14 Jahren, als ich einen Sammelband mit dem oben genannten Titel herausgeben wollte. Der Verleger war gefunden (Papasissis, Athen), der Anlass ebenso (das damals nahende 60-jährige Jubiläum von Poppers Buch), die Sprache und der Teilaspekt auch (Griechisch und griechisch), die Autoren ebenfalls: Die Liberalen-Ikone Andreas Andrianopoulos, der griechische Mr-Applied-Ethics Giorgos Papagounos, der Wissenschaftstheoretiker und Universitätspolitikmacher Petros Gemtos, der Mitsotakis-Biograph und Popperianer Nedis Dimitrakos und meine Wenigkeit wären die Feinde der Feinde. Yanis Varoufakis, damals enger Freund und nach wie vor postmoderner Solidaritätstheoretiker und Spieltheoriekritiker, hatte mir einen Text als Feind der Feinde der Feinde versprochen. Ein ganz junger Kerl, ein Georg-Simmel-Experte, dessen Namen ich nicht mehr weiß (er hat am Deree College Athen gelehrt), entpuppte sich als Syriza (damals hieß es Syn) und erkundigte sich zuerst bei seinem geistigen Papa, um schließlich abzusagen, bevor er eine künftige Laufbahn unter Parteiobhut gefährdet.

Von den vielen Texten habe ich keinen einzigen erhalten und das ist symptomatisch für ein Land, in dem Liberale so wenig sind, dass man denken könnte, sie wären keine echten Personen, sondern Schauspieler, die eine Meinungsvielfalt vorgaukeln.

Aber heute geht es mir um Deutschland. Es ist klar, es gibt Länder, die liberaler sind als das Land meiner Vorfahren. Sie sind freier. Das heißt aber nicht, dass sie offene Gesellschaften sind. Die offene Gesellschaft steht und fällt mit der sozialen Mobilität.

Das ist der Grund, aus dem ich die Behauptung des ersten Bürgermeisters Hamburgs anlässlich der G20-Gipfel-Krawalle, ein paar Autonome täten der offenen Gesellschaft Abbruch, unerhört finde. Wenn etwas geschädigt wurde, dann war es sein Image. Aber einen Kulturkrieg, dem er zu Opfer gefallen wäre, sehe ich nicht. Erstens ist die deutsche Gesellschaft gar keine offene im Sinne Poppers. „Offen“ bedeutet eine Absage an den Tribalismus, nicht viele Tribalismen nebeneinander im Multikultikontext. Die offene Gesellschaft ist kein buntes Gemisch, sondern eine Farbenblindheit – eine segensreiche, wie ich denke.

Olaf Scholz ist peinlich: Er hält offenbar die offene Gesellschaft für eine rhetorische Zierde, die man für jedes emanzipatorische Ziel benutzt, und zwar an jeder Wirklichkeit vorbei. Um beim Thema Popper zu bleiben: In der gesamten deutschen akademischen Welt nach dem Krieg findet sich kein einziger Mensch mit fremdländischem Hintergrund, der das wäre, was etwa Quassim Cassam oder – sir! – Karl R. Popper in Großbritannien bedeuten. Deutschlands Alibi-Ausländer sind typischerweise Profs für Finnougristik, Orthodoxe Theologie und sonstige Orchideen. Wenn’s möglich wäre, wären die Profs für Antarktis-Studien Pinguine.

Scholzens Ich-sprech’s-wie-beim-Niesen-aus: „offene und freie Gesellschaft“ – also, diese Floskel ist zugegeben nicht gefährlich, allerdings doof ohne Ende. Die offene Gesellschaft hat nichts mit Toleranz und „Ach, wie offene Leute“ zu tun.

Hier ist etwas Literatur dazu. Der zweite Band eignet sich besonders für halbgebildete Linke oder Halblinke.

Ich warne! Von vorne sieht’s man nicht, aber es ist dick:


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„Read this if you don’t know what an open society is“ is my advice to Hamburg’s mayor. He appears to use the term as a rhetorical decoration of anything emancipatory or good. He suggested the other day that the riots during  the recent G20 summit were an offence to the open society. And, quite recently, he called same-sex marriage a triumph of the (German) open society (a link to his tweet in German you can find in the German part of this posting).

Scholz is an ignorant.

A free society is, no doubt, a good thing. But an open society is quite another thing – albeit a good one too. The German society is arguably free. And it’s definitely not open. It’s too tribalist and social mobility in it is minimal. You can’t find one single person in German academia who would have a function similar to that of Quassim Cassam or – talking about open society – Popper. Of course, you do have foreigners in academia: mostly in departments like Slavic Languages, Orthodox Theology and the like. In fact, Germans would speak about „the foreigner“ when talking about a person whose parents were naturalised. Let alone about me – a man who became a citizen ten years ago. One of my four habilitation referees wrote in his report that my German is not sufficient for professorial duties: too analytic in style. A continental philosopher, of course, and probably an idiot too. I wouldn’t mind if he wrote this stuff after a long night reading Nietzsche, about Otto, the candidate around the corner. But it has another aftertaste if one writes it about someone with my name. The faculty considered to re-examine or to ignore him. They decided to ignore him but my feeling about my being a foreigner in Germany remains: it’s a biological accident. And, certainly, idiomatic, native German usage doesn’t help.

Fourteen years ago I wanted to publish a collection of articles that never appeared. I had found a publisher (Papazissis, Athens), the justification (the back then upcoming sixtieth anniversary of Popper’s Open Society), the special issue (Greece and the desiderate of an open society), the language (Greek), the title („The Open Society, Its Enemies and Their Enemies“), the authors.

I was promised a contribution by Andreas Andrianopoulos, a Chicago School politician, one by the Greek Mr-Applied-Ethics Giorgos Papagounos, one by Petros Gemtos, a philosopher of science and a man into university politics, one by Nedis Dimitrakos, a critical rationalist emeritus, whatever this means, and Mitsotakis-senior biographer. These were the people who, along with me, were to play the role of the enemies of the enemies. Yanis Varoufakis, back then a friend, and another guy whose name I forgot (he taught at Deree College Athens and was a Georg-Simmel scholar) were to play the role of the enemies of the enemies of the enemies. The latter turned out to be engaged at Syriza (back then they called it Syn) and asked his patron early enough to avoid damaging a career under the aegis of the party: he „had to decline“.

From the many promised contributions, there was not a single one I received. This is probably symptomatic for a country so devoid of a liberal spirit that one is tempted to think that the few Greek liberals are in reality actors who want to make believe that the country has a pluralistic political culture.

There are many reasons to make me see the German political culture as much more liberal than the Greek. Still, I would call Germany a society that is free – period. To be open, you see, it takes more than going to eat Italian gelato or Turkish kebab.

Analogieschluss

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Die Wissenschaftshistoriker sind sich darüber uneinig, warum alte Theorien verworfen werden. Eine unheilige Allianz aus Marxisten und Positivisten meinte früher, neue Theorien wären erfolgreicher gewesen. Die Popperianer meinen, es reicht zum Wandel, wenn die alten Theorien falsifiziert wurden. Die Kuhnianer und ein paar andere sehen die alten Theorien als Opfer eines Gesinnungswandels von Binnengruppen aus Querdenkern an.

Das aus der Vogelperspektive.

Wenn’s um konkrete Ereignisse geht, sind sich alle – na gut, fast alle, schließlich sind Positivisten und Marxisten besonders hoffnungslose Fälle – einig, dass das Neue am Anfang oft zunächst nicht so gut funktioniert wie das Alte. Kolumbus meinte, gleich mehrere Breitengrade weiter südlich zu sein, weil er unbedingt einen Kompass benutzen wollte. Kopernikus‘ Idee war unausgereift: Das ptolemäische System deckte einfach viel mehr Einzelfälle ab. Evolutionstheoretisch zu erklären, wieso der Vorgänger des Flügels einen Überlebensvorteil für den Organismus darstellte, ist schwerer als eine teleologische Erklärung.

Trotzdem bleibt die Investition ins Neue bestehen als etwas, was von ad-hoc-Hypothesen und Hypokrisie befreit.

Ich denke daran ein paar Tage nach den britischen Wahlen.



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Historians of science don’t agree on the reasons to make a scientific community abandon a theory to embrace another. Positivists and Marxists thought that this is the case when the later theory explains more and it’s verified. Popperians think that it’s enough when the old theory is falsified. Kuhn and others believe that the shift is a complex social procedure akin to religious conversion.

Where most of them agree upon – forget Positivists and Marxists: too stubborn – is that the new theory often works worse that the old one: Columbus thought he was way further in the south because he insisted using a compass; Copernicus didn’t cover many details that Ptolemaeus did; and Darwin couldn’t explain how not fully functioning wings emerge to make a difference for the survival of an organism only much later – anyway he couldn’t explain this as easily as a teleological explanation manages to do.

We simply invest into anything new bound to stop ad-hocness and hypocrisy.

These are my thoughts on the latest British elections.