What’s in a name

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Seit Jahrzehnten behaupte ich, dass die griechischen Reaktionen auf die Gründung der Republik Makedonien an der griechischen Nordgrenze keiner Kritik standhalten. Ich bleibe dabei. Hätte der griechische Staat konsequent „Südliches“ oder „Griechisches Makedonien“ zur eigenen Region Makedonien gesagt, gäbe es keine Verwechslung und vor allem keine Kränkung des Volkes zwischen Gevgelija und Kumanovo, das sich selbstverständlich „makedonisch“ nennen würde.

Dazu eine Geschichte. Den Anfang dazu erzählte mir vor nicht langer Zeit Miša Arsenijević, weltweit bekannter analytischer Philosoph und Logiker und ehemals Dekan der Belgrader philosophischen Fakultät.

Während der deutschen Besatzung Belgrads kam eines Tages ein deutscher Soldat in Georg Ostrogorskis Büro. Der Byzantinologe will den Grund des Besuchs wissen, worauf der Soldat den Professor bittet, zur Kommandantur mitzukommen. Ostrogorski fängt natürlich an, Szenarien im Kopf zu spinnen, wie das sich abzeichnende Verhör wird wohl aussehen können. Mittlerweile kommen er und sein Begleiter in der Kommandantur an, wo sich ein Wehrmachtoffizier vorstellt, der sagt, während seines letzten Heimaturlaubs habe er an einem Tisch mit einem ihm unbekannten Herren gesessen, der, als er erfahren habe, dass der Offizier in Belgrad stationiert sei, darum gebeten habe, dem berühmten Kollegen Ostrogorski einen Sonderdruck seines letzten Artikels zu übergeben.

Erleichtert und mit interessanter Lektüre beschenkt kam der gebürtige Russe in sein Büro zurück. Hier hört Mišas Geschichte auf.

Für einen, der Russland auf der Flucht vor den Bolschewisten verließ, war es nicht das Nächstgelegene, in der Wahlheimat Jugoslawien Kommunist zu werden. Gerade das hat Ostrogorski wider Erwarten getan, gewiss mit einem Überbleibsel der Angst dieses Tages in der Belgrader Wehrmachtzentrale in den Knochen. Regimetreu sein. Er heiratet eine Doktorandin – ein ethisches Thema hier, ohne Zweifel, aber nicht heute – und ehemalige Partisanin, eine Makedonierin. Er macht Karriere. Seine Schriften werden instrumentalisiert in der Propaganda des jugoslawischen Bundes der Kommunisten und der griechischen KP für ein unabhängiges Makedonien. Makedonien sei in Byzanz einig gewesen, so müsse es heute werden. Über die Grenze liegt allerdings ein monarchistisches Griechenland. Das NATO-Mitglied will kein vereintes Makedonien. Byzanz war einmal. Es war das Land der Oströmer. Jetzt gibt’s jedoch Nationalstaaten. Wer im griechischen Makedonien Griechisch als Zweitsprache benutzt, wandert aus. Ins jugoslawische Makedonien.

Die Ostrogorskis bekommen von Belgrad aus diesen Exodus nur über die Medien mit. Und sie bekommen Kinder. Die Tochter Tatjana wird Mathematikerin. Und Polyglottin: Serbokroatisch, Russisch, Englisch, Französisch. Am klassischen Gymnasium lernt sie Altgriechisch und Latein (fast ein Wunder, dass sie Mathematikerin wurde…) und leicht wird es ihr dort auch noch gefallen sein, weil die Mutter, Fanula Papazoglu, mit der Tochter Neugriechisch spricht. Kein Makedonisch, kein Aromunisch…

Die (republik-) makedonische Identität Mitte des 20. Jh. beruhte auf der bewussten Entscheidung, nicht Grieche, Serbe, Bulgare zu sein, obwohl man auch das hätte geltend machen können, wenn man wollte. Ganz unabhängig von der ruppigen Gangart Griechenlands gegenüber den Bilangues war das nicht…

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The Greek Republic’s reaction to the establishment of the Republic of Macedonia to its north I have found ridiculous since decades. If the Greek Republic consistently called „Greek“ or „Southern Macedonia“ its part of the region, there would be no confusion and the people between Gevgelija and Kumanovo wouldn’t be humiliated by being asked to chose another ethnonym.

Instead of a theoretical analysis, I have a story that Miša Arsenijević told me, a world known analytic philosopher and logician and a former dean of the Faculty of Philosophy at the University of Belgrade.

During the German occupation of Belgrade, a German soldier came to visit George Ostrogorski in his office. An expert on the Byzantine state and economy, Ostrogorski was very anxious to know more about the reason of this visit. The soldier himself knew not more than that he had been ordered to accompany the professor to the headquarters of the Wehrmacht. While the two were walking through downtown Belgrade, the professor tried to think of different scenarios of what he predicted to be an interrogation, when, at the destination, a German officer introduced himself to start talking about his last days off duty in Germany where he had met someone who, hearing where the officer was stationed, gave him an offprint of his last article for the famous Ostrogorski to read.

Relieved and with a gift, the Russian born intellectual was happy to return to his office immediately after. This is the end of Miša’s story.

For someone who had left Russia fleeing the Bolsheviks‘ rule, it wasn’t the most likely thing to do to join the communists in the adopted country. But this is what Ostrogorski did after the war, surely not without a second thought on what anxiety does with you if you are thought to be not loyal in an authoritarian state. He married a Macedonian PhD candidate – an ethical issue here, of course, but not today’s topic – who had been a member of Tito’s partisans. He made a gorgeous career notwithstanding the instrumentalisation of his works for the cause of one and undivided Macedonia – a Titoist and a Greek communists‘ goal back then. I don’t need to mention how fierce the Kingdom of Greece was being against this slogan by, say, 1950. Eventually, those who spoke Greek as their second, not as their first language, left the Greek part of Macedonia to the northern part, the Yugoslav federate state by the same name.

In Belgrade, these were things to sadden the Ostrogorskis. But life went on, and kids were born to them, talented kids on top of everything. Their daughter Tatjana learned many languages: Serbocroatian with friends, Russian with dad, English and French at school. At the high school she learned Ancient Greek and Latin (it was a miracle after all that this woman became an important mathematician!) with which she had not major problems since the language she spoke with her mother, her father’s former PhD candidate Fotula Papazoglu, was Modern Greek. No Macedonian, no Aromanian…

Macedonian (meaning the Republic’s, not the Greek region’s) identity in the mid-20th century has been subsequent to a choice many people made to be no Greeks, no Serbs, no Bulgarians, although they could have been counted anything between the three. This choice wasn’t always independent of the Greek treatment of bilinguals…

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Proud of her

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Ich weiß, dass ich meiner Tochter eine christliche Zuversicht nahelegen soll. Aber gleichzeitig bin ich Grieche. Deshalb bin ich auch auf Nichtchristliches stolz.

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My daughter says that life’s not just. I know that I have to give her a Christian education. But I’m also happy for every piece of Greekness in her…

Classical and bounded rationality in one and the same action

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Für heute habe ich ein kleines Beispiel für die unsichtbare Hand. Auch dafür, dass es zwei unsichtbare Hände gibt, von denen die eine nicht weiß, was die andere tut.

Wer in der Nordwestschweiz lebt und arbeitet, wird gut beraten sein, viele Waren in Deutschland und Frankreich einzukaufen. Fisch, Wein und Käse vom französischen Supermarkt sind in Preis und Qualität unerreichbar für die schweizerische und deutsche Konkurrenz. Die Franzosen sind bei solchen Produkten ein Kennerpublikum und die Ware ist entsprechend.

Für Elektronik und Baumaterialien gibt es keine Alternative zu Deutschland.

Verhalten sich aber die Nordwestschweizer so, dann sind sie oft in Läden, wo die schweizerischen Sachen, die sie brauchen, viel teurer sind als zu Hause. Sie trotz allem dort, im Ausland um die Ecke, wo sie teurer sind, zu kaufen, nur weil die Lust fehlt, noch einen Halt nach dem Zoll einzulegen, zeugt von eingeschränkter Rationalität – während die Nordwestschweizer wohlgemerkt nur deshalb im ausländischen Laden sind, da sie klassisch rational sind. Welcher Volkswirt würde denn ahnen, dass sich schweizerische Produkte in Deutschland von Schweizern gekauft werden?

Spätestens wenn der Volkswirt die schweizerische Abteilung des Baumarktes auf deutschem Boden besucht, weiß er, warum die Wirtschaftswissenschaft kein Zweig der Mathematik ist, sondern empirische Sozialwissenschaft. Rationalitätslücken sind mathematisch schwer zu erschließen.

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This is an example for the invisible hand. Or, rather, for two invisible hands neither of which knows what the other does.

If you work and live in the northwest of Switzerland, it is classically rational to go to Germany or France for shopping. In France you get fish and wine and cheese in a quality and prices that German and Swiss discounters can’t (and will never have the know-how to) compete. In Germany it’s electronics and construction materials that no neighbour will offer.

But by doing so, you go to a place where Swiss products are more expensive than at home. Buying them there because you don’t have the nerve to make one more stop on your way home after the state borders is boundedly, restrictedly rational if not irrational. Who would imagine that this would happen to individuals in a context that demonstrates classical rationality? There’s no way an economist would predict this.

Well, just visit the Swiss section of German shops at the border. I’d say they know better.

„Sprache im öffentlichen Raum“

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Von irgendeinem Teufel geritten schreibt das Institut für Deutsche Sprache eine Stelle für „Sprache im öffentlichen Raum“ aus.

Ob sie wissen, dass es keine private Sprache gibt? Aber selbst ohne Wittgenstein ist die Formulierung albern… Selbst wenn damit gemeint ist „Sprache mit Ausnahme von Smalltalk, Tisch- und Selbstgesprächen“, bleibt der Aufgabenbereich – anders kann ich’s nicht sagen – doof.

Egal… Wer sich berufen fühlt, bittschön

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The people at the Institute for German Language of the Leibniz Association didn’t have to be occupied with Wittgenstein’s private-language argument to feel how silly it is to advertise a fellowship on „Language in the public realm“.

I mean, forget about the impossibility of private language! Even if you translate the subject into „language with the exception of soliloquies and chatting“ it’s still silly!

Janus annum circinat

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Dass Janus das Jahr zur Wende bringt, ist nicht ohne Weiteres klar. Normalerweise verbinden wir mit ihm einen Neuanfang. Das ist nicht besonders klug. Auch bei den besten Neujahrsbeschlüssen fangen wir nicht bei Null an. Die Wende ist ein Richtungswechsel, kein Neuanfang.

Punkt, Spiel und Partie also für den Codex Latinus Monacensis 4660, Lied 56: „Janus bringt das Jahr zur Wende“.

Dass wir trotzdem von Neuanfang reden, hat immerhin eine Berechtigung. Janus ist das geeignetste Symbol für die Veränderung des Gleichbleibenden und den Dialetheismus. Bei einer contradictio in terminis kann von mir aus von einem Beginn des Neuen ohne das Ende des Alten die Rede sein. Wer einwendet, dass die Realität frei von Widersprüchen ist, dem würde ich auch Recht geben. Dass es einen ersten Januar gibt, ist ein Teil unserer Sprache, nicht der Realität.

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Janus curves the year. What a strange verse! Not only linguistically. We mostly associate new beginnings with him, not curves.

Otherwise, new beginnings and new year’s resolutions are overestimated. We never begin at point zero. We just (wish to) change. And a change is a turn, a curve, not a beginning.

Game, set and match go to the Codex Latinus Monacensis 4660, carmen 56: „Janus curves the year“.

I would tolerate „new beginning“ talk whatsoever. Janus is a symbol for the change of something that remains the same and for dialetheism. When the symbol itself invites contradiction, there’s not much to prevent you from seeing a beginning of the new even if the old still remains. You can say that reality is free of contradiction, of course, but Janus and January are parts of language, not of reality.

Surprise #4: Berlin Woody

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Zwei Autoren habe ich insgesamt schätzen gelernt, die nach einem Philosophiestudium Standup-Comedians (und Vieles sonst) geworden sind und mich (und sonst viele) zu ihren begeisterten Lesern machten. Der eine war Woody Allen. Der andere, viele Jahre später, Marc-Uwe Kling. Sie sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wer kann z.B. so einen Dialog geschrieben haben?

– Wo hast du denn das her? Ich hab’s gesucht! Das ist doch mein MP3-Player!

– Ach, „mein“, „dein“, das sind bürgerliche Kategorien…

Woody Allen, sagen Sie? Im Film Bananas? Falsch! Es ist Kling! Ich entdeckte ihn erst 2018 als den Autor der Känguru-Apokryphen, herausgekommen bei Ullstein und eigentlich Nachschlag zu seiner großen Känguru-Trilogie, die er 2006 zu publizieren anfing. Der erzählerische Rahmen geht in etwa so: Der Ich-Erzähler, explizit als der Autor auszumachen, lebt in einer Berliner WG mit einem Känguru, das

  • beim Vietkong mitgemacht haben und
  • weiterhin radikalisierter Maoist sein will;
  • Schnappspralinen liebt;
  • kalte Bouletten aus dem Kühlschrank auch;
  • nie das Bad putzt;
  • nie für den Haushalt aufkommt;
  • ständig riskiert, ohne sichtbaren ideologischen Gewinn von der Polizei auseinandergenommen zu werden;
  • ständig nervige linkslastige Bemerkungen gegen den Mitbewohner loslässt, die die Welt kein Bisschen besser machen und das Miteinander auch nicht;
  • auf seine Prinzipien aus kleinlichen Gründen wie Schnappspralinen oder Bouletten verzichtet.

Kurz gesagt ist Klings Känguru der Inbegriff des linken Populismus.

Die Geschichten sind noch viel mehr. Sie strotzen vor

– Selbstreferenzialität: Das Känguru will nicht, dass der Autor die Geschichten aufschreibt, also stürzt es sich auf diesen „und versu…“ – der Satz bricht ab, da der Versuch anscheinend gelingt.

– Entscheidungstheorie: Was ist die rationale Handfigur im regellosen Schnick-Schnack-Schnuck, wo offengelassen wird, was die Spieler mit den Fingern zeigen? Dino? Meteorit? Gar schwarzes Loch?

– Philosophie: Damit die Autokorrektur das Wort „Dialektik“ nicht ständig verunstaltet, empfiehlt es sich, „Denken“ zu schreiben, was sich als die einzig richtige Interpretation von Hegels Philosophie herausstellt.

Auf die Verfilmung der Geschichten bin ich gespannt.

PS: Namikas Foto oben hat wenig mit Kling oder Kängurus zu tun. Allerdings verkörpern sowohl Namika als auch Kling das, was ich „neudeutsch“ nenne. Normalerweise bin ich alles andere als voll des Lobes für das „Neudeutsche“. Dieses Posting ist eine Ausnahme.

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There are two authors who drew my (and many others‘) attention as philosophers who became stand-up comedians (and much more) and wrote philosophical jokes. The one is Woody Allen. Marc-Uwe Kling whose work I’ve encountered only this year (Kangaroo’s Apocryphal Doctrines, Ullstein, 2018) is the second. In the meanwhile, I have bought his Kangaroo Trilogy (Berlin, 2006 ff.). In many ways he resembles Allen.

The scenery of Kling’s short stories is a flat in downtown Berlin, inhabited by the author and a kangaroo. This last character is reminiscent of Woody Allen’s desolate Marxists in Bananas or the piece Viva Vargas: ready to forget what they profess to fight for if you give them a burger or Black-Forest-kirsch pralines. The author is (supposed to be) a looser or at least one who can’t say no when the kangaroo settles himself in his flat without asking, when the kangaroo is rude to police officers, when the kangaroo denies to do his part in the household. No psychoanalysis, no Jewish background – it’s not a copy of Allen’s themes, just a return to philosophy and how you’re still helpless with your whole knowledge and your whole political awareness after you’ve met the ones who would rather mock them, usurp them, ridicule them. Yes, you can say that Kling loves reflexion but in his short stories, reflexion and philosophy reach their limits quite fast:

– Do you have to be rethinking about everything?

– I do!

– Well, then I’d say do rethink about the following: Fuck you!

In other cases, the reason to entertain reflexion threatens to be selfish:

– Where do you have this from? I’ve been looking for it everywhere! It’s my MP3 player!

– „Mine“, „thine“ pffff! Bourgeoise categories!

Self-reference is one more characteristic of Kling’s stories. In one case, the kangaroo tells the author to stop writing down their stories, the author is busy with writing down exactly what the kangaroo urges him to refrain from in that very moment, which causes the kangaroo to stand up, attack him and „to try to seiz…“ – the sentence stops there.

You also find decision theory in Kling: which is the best tactic when you play an „open“ version of stone-paper-scissors (i.e. a version of the game not restricted to stone, paper and scissors)? Do you show the other a dinosaur? A meteorite falling on the earth? A black hole?

And there’s much philosophy also. The author needs to text a friend about Hegelian dialectics but the autocorrection disallows the word „dialectics“. However the kangaroo proposes that he writes „thought“ instead. After the author does so, he and the kangaroo agree that this is the right interpretation of this word in Hegel anyway…

I can’t wait to see the movie!

Dyscalculia and Kripkenstein and Christmasstein

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Ich liebe Weihnachten.

Hassen tue ich nur die Art, wie es begangen wird. Ich fühle mich fehl am Platz oder eben in der Zeit, wenn ich Ende Dezember weiter nachdenke, wo es zum Brauchtum gehört, das Negieren des Denkens besonders vehement zu üben.

Dem neuen Trend, Dyskalkulie als ein klinisches Bild zu umreißen, kann ich durchaus Gutes abgewinnen. Nicht dass ich die Dyskalkulie für einen physischen Defekt halte. Eher für einen philosophischen Hang zur Skepsis. Aber bei jedem philosophischen Knacks verringert es den Stress, wenn man externalisiert, wenn man sagen kann: „Das bin nicht ich, sondern das Daimonion“ – so frei nach Sokrates.

Bei den Dyskalkulie-Betroffenen ist ein skeptisches Daimonion am Werk. Es diktiert als Fortsetzung der Reihe:

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sowohl diese:

⏹⏺🔼⏹⏺🔼⏹⏺🔼

als auch diese:

⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹

Dyskalkulie-Betroffene ändern die Regeln, weil sie keine präzise Regel erkennen. Aber so spielen Kinder die ganze Zeit. Selbst Erwachsene sind nicht in der Lage, sich in die Lage eines Autisten hineinzuversetzen, der bei einer einminütigen Verspätung des Zuges aggressiv wird. „Die einminütige Verspätung ist keine Verspätung“ sagen Sie? Das ist eindeutig nicht wohlkalkuliert!

Es ist eine sehr wichtige Lektion aus Wittgensteins Spätphilosophie, dass jedes Regelverständnis ein Verständnis für die Art vorausssetzt, wie die anderen die Regel verstehen. Das ist zirkulär. Man kann argumentieren, dass diese Lektion nicht Wittgensteins Intention war, nur Saul Kripkes Interpretation der Spätphilosophie Wittgensteins. Das macht die Lektion nicht weniger wichtig.

Meine Lektion habe ich auch gelernt mit dem Ergebnis, dass ich insbesondere an Weihnachten Sympathie für die Dyskalkulie hege. Denn ich habe Dysfestie – so nenne ich sie jedenfalls. Ich verstehe nicht, wieso wir etwas feiern, was wir weniger und weniger – OK, ich verstehe das vielleicht – bis  militanterweise antiintellektuell und bis ins Knochenmark feindlich begehen.

Frohe Weihnachten allerseits!

PS: Das Gemälde von Nikephor Lytras Ta Kalanda (1872 – ungefähr zu übersetzen als „Das Kalendenlied“) schildert einen griechischen Weihnachtsbrauch und steht unter dem Einfluss der Münchener akademischen Schule. Als jahrzehntelang Münchener und als jemand, der immer noch den Brauch begeht, fühle ich mich Lytras an diesen Tagen sehr nah.

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I love Christmas.

I only hate the way it’s typically celebrated. When I continue thinking during Christmas time, I feel like being a phoney just in the time of the year in which thinking is mostly disallowed.

Defining dyscalculia as something that is clinically diagnosed serves as a means to reduce the stress and to externalise. A Socratic person with dyscalculia can say something to the effect of: „It’s not me, it’s the demon who causes my failure to do a number of things concerning numbers“. Although I don’t think that dyscalculia is a handicap in the sense of dyslexia, I’m very positive towards the new trend to see it as an obsession in the broadest meaning of the word.

However, I don’t think that dyscalculia has a physical grounding. Rather a philosophical. People with dyscalculia are sceptics who can do nothing about it.

Take the sequence:

⏹⏺🔼⏹

Do you continue it thus:

⏹⏺🔼⏹⏺🔼⏹⏺🔼?

Or thus:

⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹?

Here, the rule is not clear. But, in a way similar to this, no rule is clear and this is why one has to use imagination in every rule following. To me dyscalculia appears to be akin with playing games by rules that you feel inclined to slightly modify in the process. This is the way kids usually play games and the reason even we as adults can’t feel empathy for an autistic person who gets aggressive because the train had a one-minute delay. „One minute is not a delay“ I hear you saying. This appears to be a dyscalculous approach.

Kripke showed that a very basic lesson to learn from Wittgenstein’s late philosophy is that, in order to understand a rule, it is essential to understand how the rule is to be understood – which is a circular thing… It is argued that this lesson wasn’t Wittgenstein’s intention but even so, the lesson is there.

Having learned my lesson, I appear to have empathy for people with dyscalculia in a certain way: I have dysfestia – if I may call it thus. I don’t understand how comes that we celebrate something we cared less and less and less about – OK, maybe I understand that – to finally not care about it at all and militantly so.

Merry Christmas everybody!

PS: The painting is Nicephorus Lytras’s Ta Kalanda (1872), a masterpiece in the manner of the Munich School depicting a Greek Christmas custom.