Intertextualities and failures

Scroll for English

Mit fünfzehn war ich ein Peanuts-Leser, erst viel später las ich Kafkas Vor dem Gesetz. So wird es vielen gegangen sein.

Kafkas Geschichte des Wartens vor einer Tür, die insgeheim nur einem bestimmten „Mann vom Lande“ geöffnet werden darf, was nie passiert, da dieser niemals Mut fasst und fragt, erinnerte mich damals Zwanzigjährigen sofort an Charlie Brown, dessen Herzklopfen vor der kleinen Rothaarigen lauter ist als seine Stimme. Die Ähnlichkeit ist frappierend: Wie Kafkas Charakter, so bringt es Charlie Brown nicht übers Herz, sein Glück einzufordern. Wie Kafka, so lässt auch Schulz den Leser wissen: „Das war seine Chance zum Glücklichwerden und er hat sie verpasst, weil er zu scheu war, den Mund aufzumachen“.

Ich schließe aus, dass Kafkas Kurzgeschichte Schulz‘ Vorbild war, was auch erklärt, warum die Literaturwissenschaft den Zusammenhang ignoriert. Sie interessiert sich ja für historische, bewusste Vorbilder als Intertextualitäten.

Dabei gibt es unabsichtliche Intertextualitäten: Sachen, die übereinstimmen, weil sie wahr sind. Eine wirklich strukturalistische Literaturwissenschaft soll sich mit ihnen beschäftigen und insofern ein Stück lang ahistorisch, philosophisch und anthropologisch werden.

In der Dialektik der Aufklärung ziehen Horkheimer und Adorno gegen den Ausdruck „I am a failure“ her, den sie gleichzeitig und dialektisch auf die Amerikaner beziehen. Dass beide Ikonen der Frankfurter Schule unmögliche Snobs waren, ist ja bekannt. Aber hier haben sie durch ihren Snobismus ein kafkisches Moment nicht erkannt. Durch ihren Snobismus zum Kulturproletariat herabgestürzt und Opfer ihrer eigenen Dialektik…

Enough with scrolling

I belong to this majority who read the Peanuts before Kafka’s Before the Law.

Kafka’s story is about a peasant who, unknowingly to him, is the only entitled to enter paradise – or something like it. At the end of a long waiting in the vestibule, the man is denied entrance since he spent too much time there without daring to ask for what was meant to be his and only his. This reminded me, back then a twenty-year-old, of Charlie Brown’s heartbeat that was louder than his voice whenever he saw the Little Red-Haired Girl. The Little Red-Haired enters this car – the reader doesn’t see so, but Snoopy describes the scene beside a speechless Charlie Brown – to never return again without ever getting the faintest idea about the existence of this boy named Charlie who…

I don’t think that Schulz had ever read Kafka. Strictly speaking, there’s no intertextuality between Charlie Brown and Kafka’s peasant.

But still, I can’t see why intertextualities must be genetically, historically connected. True feelings – e.g. of failure – are an ecumenical intertextuality. Truth itself is an intertextuality.

In their Dialectic of Enlightenment, Horkheimer and Adorno made fun of the American idiom – if it is one, at least so they claim – „I am a failure“. It is well known that the icons of Frankfurt-style Marxism had an extremely snob’s attitude towards popular culture. When snobby allures make one fail to see the Kafkaesque, I don’t know who has to be snobby at whom…

Victims of their own dialectic…

Advertisements

Performing the inevitable

Scroll for English

So viele Wege nach oben wie nach unten sah Heraklit. Die auf den ersten Blick mutige, weil empirisch während einer nicht zyklischen und nicht rekursiven Fahrt nachzuweisende Mutmaßung, stellt sich erst als wahr heraus, nachdem man reflektiert hat, dass jeder Weg nach oben bei Richtungswechsel automatisch einer nach unten ist – und umgekehrt. Ob du Heidegger oder Otto Mustermann bist: Auf der Rückfahrt vom Schwarzwald an den Rhein sind die früheren Steigungen der Hinfahrt jetzt eher Schanzen. Jede Schanze ist eine Steigung und zwar analytisch so.

Der Eingang (Lateinisch: janua) ins Jahr 2018 ist gleichzeitig der Ausgang aus dem Jahr 2017, das im Wesentlichen dasselbe wie jenes war. Herakliteer können hier einen Fall für die Einheit von Gegensätzen sehen. Ich habe nichts dagegen, solange man klarstellt, dass so verstandene Gegensätze Strukturen der Sprache sind.

Es öffnet sich die Tür. Zwei in ihren Teilen exakt eins zu eins passende Zeitsegmente sind damit vorbei und angebrochen respektive. Man pflegt wie ein Janus in einem Atemzug zu sagen: „Frohes Neues“ und „Gott sei dank ist es vorbei“.

The same procedure wird sich 365 Tage später wiederholen. „The same procedure as every year„.

Warum auch nicht? Wünsche und Grenzen sind performativ: nur dann der Fall, wenn man jene sagt und diese zieht.

Das Neujahr und seine Widersprüche sind eine rein sprachliche Sache.

Enough with scrolling

If you are a Heideggerian who travels from the heights of the Black Forest down to the river Rhine, you might find Heraclitus’s saying that there are as many ways up as down risky. Or contradictory since you’ve been only descending.

However, next time you’ll go to the mountains to celebrate the coming of the new year you’ll be ascending again – and this along the very same slopes. The Heraclitean saying is analytically true. The opposition in it is a matter of language: the simple fact that we have different and opposed words for one and the same trail. „Way up“ and „way down“.

The entrance (which Romans called janua) of the year 2018 is at the same time the exit from the year 2017. If you’re Heraclitean you can see here a case for the unity of opposites. As long as you know that this is only due to opposition in language, this is alright with me.

Behind the door there is a future time segment. In front of it, its mirror in the past. The door opens. You say „Happy new year“ and raise the glasses. „Thank God it’s over“ – glasses haven’t reached the lips yet.

You’ll repeat the procedure in 365 days.

Why not actually? Wishes and limits are performative: only the case if you tell them.

The new year and its contradictions are about language.

Echte Grundrechte und wer sie haben möchte

Scroll for English

So wie das Gesetz zur Geschlechtsselbstbestimmung hat kaum ein anderes Gesetz die griechischen Gemüter im ausgehenden Jahr erregt – und das, als hätten ausgerechnet Griechen mit schwindendem Einkommen, Schulden und offenen Heizölrechnungen keine anderen Sorgen.

Gemäß o.g. Gesetz ist es jeder und jedem – das Gendering in diesem Satz ist fast irrelevant – freigestellt, unabhängig von der Anatomie als männlich oder weiblich zu gelten, da das Geschlecht ein soziales Konstrukt sei – blablabla, so der Gesetzgeber. Damit ist für die Anerkennung einer Geschlechtsumwandlung kein operativer Eingriff vorausgesetzt.

Das Gesetz ist nicht das radikalste seiner Art. Kalifornien räumt Entsprechendes ein und nimmt sogar drei Geschlechter an. Manchmal auf diffuse und manchmal auf explizite Weise ist die Begründung solcher Regeln naturrechtlich: Es sei ein Grundrecht der Betroffenen, zu ihrer geschlechtsspezifischen Eigenheit stehen zu dürfen.

Aber abgesehen von der statistisch sowieso schwindenden Anzahl der Hermaphroditen dient die Bezeichnung „männlich“ oder „weiblich“ auf einem Ausweis der Wiedererkennung. Könnte etwa ein rothaariger, keltischer Hiphop-Enthusiast geltend machen, es sei sein Grundrecht, sich als afrostämmig auszugeben? Das wäre ein sehr breites Verständnis der Grundrechte.

Von einem solchen ging das Bundesverfassungsgericht aus, als es annahm, die Zulässigkeit gleichgeschlechtlicher Ehepartner folge aus GG Art 1 („Die Würde des Menschen ist unantastbar“). Ich frage mich, wieso das nicht über Geschwister oder Mönche oder Nonnen gelten soll. Ist ihre Menschenwürde etwa antastbar? Wohl nicht. Warum also die politische Entscheidung für oder gegen die Homo-Ehe, für oder gegen Geschlecht-als-Konstrukt auf eine Debatte über Grundrechte zurückführen? Ich antworte: Weil es opportun ist, einen vermeintlichen Grundsatz dafür verantwortlich zu machen, ferner etwaige konservative Rückschläge nicht zu riskieren und schließlich die Konservativen nicht als Wähler zu verlieren. Es läuft nach dem Motto: „Karlsruhe hat es doch gesagt, was soll die Politik groß machen?“ Meine Argumentationslinie hier entspricht in etwa einem Vortrag Peter Baduras in der Münchener Siemens-Stiftung anno 2015, in dem jener mich überzeugte, dass beim BVerfG ein Legitimationsdefizit vorliegt.

Die Zurückführung von jeglichen emanzipatorischen Rechten einer moralischen Minderheit auf Grundrechte erzeugt eine Inflation von absurden Grundrechten, die durch keine höhere, philosophische oder sonstige Begründung legitimiert sind. Sie erhärtet zudem den Rechtsrelativismus in puncto Grundrechte: Grundrechte wären demnach positives Recht, bloß etwas wichtigeres positives Recht für die Gesellschaft x.

Dem Thesenpapier des Moskauer Patriarchats über (eigentlich gegen) die Menschenrechte liegt eine solche Interpretation der Grundrechte zu Grunde. Wie will dagegen argumentieren, wer vermeintliche, inflationäre Grundrechte für parteipolitische Zwecke bereits usurpiert?

Das Problem ist hier die Legitimation liberaler Politik. Nach der Französischen Revolution punktet nichtkonservative Politik mit der Emanzipation von Minderheiten – im soziologischen, nicht im statistischen Sinn: der Proletarier, der Frauen, der Afrostämmigen usw. Die Liste ist zwar sehr lang, aber das Wirken liberaler Politik auch und, wenn nach und nach alle emanzipiert werden, mangelt es plötzlich an Minderheiten, die zu befreien wären. Damit vermisst der Liberale seine Legitimationsbasis, womit irgendwelche moralische Minderheit, die immer marginaler wird, entdeckt werden muss, die es zu entsklaven gilt…

Da kann ich nur die Ungeniertheit der marxistischen griechischen KKE beneiden. Ob es wirklich der Fall sei, dass das Parlament politisch und juristisch und philosophisch über Fälle debattiere, die nicht eher der Psychiatrie aufzubürden seien, hat sich die langjährige Generalsekretärin letzten Oktober gefragt, als obengenanntes Gesetz der Vouli vorgestellt wurde…

Ich halte die KKE für keine ernstzunehmende Partei und die Mitgliedschaft meines Großvaters in derselben ändert nichts daran. Ich habe noch das alte Taschenedition-Exemplar von Platons Symposion, die der Stalinist und Kriegsveteran an der Stelle, wo Alkibiades reinkommt, abgelegt hatte. Weiß Gott war der Opa ein guter Schütze mit großem Bart.

Nein, die KKE ist nicht ernstzunehmen. Aber die Bagatellisierung des Menschenrechte-Diskurses aus der Not heraus, irgendwo Unterdrückte zu finden, ist noch weniger ernstzunehmen.

Enough with scrolling

One of this year’s most debated laws in Greece was the endorsement to be considered male or female independently of any anatomical characteristics. As if Greeks with dwindling income and unpaid bills had had no other concerns.

It’s not the most radical law of its kind. The State of California admits additionally three genders. It has been a custom that the lawmaker’s rhetoric is in terms of natural justice: one that pertains to the fundamental, inalienable rights of the persons involved.

The German Constitutional Law Court backed their decision for same-gender marriage with, among other things, the first article of the German Constitution that declares human dignity to be not to be infringed upon. Why the same, allegedly fundamental right, does not apply for monks, nuns, siblings is a question that remains unanswered. I think that Peter Badura, the leading Bavarian expert on public law, is right when he deplores a legitimation deficit of the German Constitutional Law Court, especially when it, in order to back its rationale for same-sex marriage, utilises the concept of dignity in the German Constitution, NB, one that was shaped in 1949 when the Federal Republic of Germany was founded.

Well, dear reader, as you see I fail to reconstruct a consistent argument that would underlie the human-rights rhetoric behind the gender-as-social-construct discourse. There are chances that in Reykjavik there is a red-haired hip-hop enthusiast who phantasises to be Afroamerican. But is it this person’s natural right to have this stated on his ID card? I say no, but one can object, of course, that to every person sexual orientation is more important than musical taste.

OK, let’s accept this. If it is true that we find ourselves in our gender more than in our iPod, it is also true and essential for ID cards to make other people recognise us as the persons depicted in terms of our nonintentional features. And if what we show we are is not what the card is intended by us to state, the situation is grotesque to say the least…

But, what’s more: if we have to get down to the bedrock of fundamental rights whenever we want to emancipate a moral minority (alleged or real) we collaterally engage in the creation of inflationary rights for which there is no philosophical, religious or any other higher justification. If we, as a result, usurp inflationary human rights to do party politics we will not be able to argue against ultraconservatives who see in the human rights legal positivism that can be used when they need it and neglected when they don’t. Why, what else do we do?

The legitimacy of liberalism is here at stake. If, after the French Revolution, most liberal demands have been based on the need to emancipate someone: the working class, the Afroamericans, women etc., when you run out of minorities to be emancipated more than two centuries later, you must start being concerned about your political future. The most plausible thing is that, at the end, you will be emancipating moral minorities that are at the borderline between politics and neurosis.

Frankly: watching the debate in the Vouli, I felt tempted to applaud to something Aleka Paparriga said, the long-time Secretary General of the Greek Communist Party (KKE). Shouldn’t the parliament ask psychiatrists how they would consider people who need to say they have a female identity but feel alright with male genitals?

Of course, I don’t think that KKE is a serious political platform and the fact that my grandfather was a local politician under the aegis of this party makes things rather worse.

It’s a Stalinist party and one that propagates moral conservatism: I still have the copy of Plato’s Symposium that my grandfather, a veteran of three wars between 1914 and 1922 and a man with a very big moustache, closed never to open it again when he reached the point of Alcibiades‘ entry.

But how much better is the ridiculing of fundamental rights?

For what’s worth it…

Scroll for English

Monatelang gehe oder fahre ich am Schild vorbei und nur heute kommt es mir in den Sinn, auszusteigen und zu fotografieren. Nicht, weil mir irgendwas einleuchtete. Eine Information erhalte ich nach wie vor nicht – ich weiß doch, wo der eine Staat aufhört und wo der andere anfängt – aber als analytischer (von mir aus: halbanalytischer) Philosoph sollte man sich keine Gelegenheit entgehen lassen, ein paar elementare Dinge über Semantik zu sagen.

Was wollte der Beschmierer also verkünden? Meinte er, dass die Bundesrepublik Kompromisse in Richtung einer linken Politik macht? Oder wollte er vielmehr am liebsten von so einem Wappen begrüßt werden, wenn er von Kleinbasel aus in Richtung Freiburg fährt?

War es jemand, der an den vor ca. 170 Jahren an diesem Ort durch Gustav von Struve ausgerufenen sozialistischen Staat erinnern wollte?

Andererseits, wenn ich denke, dass Struves Soldaten auf dem Weg von Basel nach Karlsruhe von einem Armeekontingent mit weniger als einem Viertel ihrer Macht geschlagen wurden: War es eh‘ jemand, der an nichts, jedenfalls nicht an das erinnern wollte?

Das Klischee besagt, dass ein Bild mehr als tausend Worte wert wäre. Nun, über die genaue Anzahl der Wörter habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber die genaue Anzahl der Aussagen auf dem Schild – ausgenommen Aufkleber – ist sofort zu sehen: keine einzige.

Viele, darunter die deutsche Wikipedia, sehen in der Redewendung „Ein Bild ist tausend Worte wert“ die Behauptung, anhand eines Bildes ließen sich viele Sachen viel leichter zeigen, erkennen, erklären.

Na gut, vielleicht „zeigen“. Aber etwas, was so viel Gehalt enthält, dass ein Widerspruch entsteht, ist nicht zu erklären. Wir verstehen keine Bilder, sondern bestenfalls ihre Interpretationen. Von allein geben uns die Bilder zu viel Diffuses, zu wenig Konkretes.

Enough with scrolling

I’ve been passing past the site at the beginning of this post for months before I decided to stop and take a picture. Whatever the person who decorated the border sign with hammer and sickle wanted to say the message is not clear. I even doubt that there is one!

Was it someone who thinks that the Federal Republic of Germany makes too much compromises towards left politics? Was it someone who, in contrast, would prefer to see the depiction as the coat of arms of the country as you enter it from Switzerland? Was it someone who drew a hammer and sickle as a reminder to the socialist state Gustav von Struve and his troops proclaimed passing exactly this point in exactly this direction about 170 years ago? Was it nothing of the above? We’ll never know!

The modern proverb says that a picture’s worth one thousand words. It’s widely believed that this means that you can explain with a picture much more than you can explain with words. Well, I don’t know about the amount of words but one thing I know: a picture gives you so much information that, at the end, it gives you contradictory information. You can see pictures but you can’t understand them. What you understand is their interpretation. Or, rather: one of the interpretations.

Summer stories IV: Antigonus

Scroll for English

Es ist vielleicht die tragischste griechische Tragödie: Die Königstochter hat Sorgen, die weit über die Trauer um ihre beiden Brüder hinausgeht. Es ist, so denkt sie, bereits schwer zu ertragen, wenn zwei Geschwister einander töten, aber dem Befehl des Königs, der auf ihren Vater Ödipus folgte, nur der eine Bruder solle bestattet, der Leichnam des anderen möge dagegen von Geiern und Füchsen zerfleischt werden, kann sie nicht gehorchen. Sie häuft Erde über das Kadaver auf und ist bereit, für ihren Ungehorsam mit ihrem Leben zu bezahlen.

Sophokles’ Meisterwerk bietet einen Blick in den Querschnitt zwischen Politik und Ethik und wirft die Zuschauer in einen Dschungel voller Dilemmata.

Antigone, die Hauptgestalt und Titelgeberin, die „Elternvergeltende“, soll in Theben gelebt haben. Ein paar Kartoffelfelder und eine Autobahnbreit von dort entfernt liegt das Meer, das an dieser Stelle sehr eng ist – wegen der vorgelagerten Insel.

Die nordeuböische Bucht hatte ich an diesem letzten elften August zum dritten Mal im selben Jahr überquert. Die ersten beiden waren ferienbedingt. Das dritte Mal war darauf zurückzuführen, dass mein Vater am zehnten August zwar in Athen verstarb, allerdings nie aufgehört hatte, ein Nordeuböer zu sein, weshalb wir den Leichnam zu unserem Inseldorf transportieren ließen. Da waren wir also am Spätnachmittag des elften August, die ganze Trauergemeinschaft, wohlgemerkt an einem Freitagabend sehr kurz vor Mariä Himmelfahrt – und das erwähne ich nicht aus Gründen des Glaubens, sondern einzig und allein deshalb, weil vor Mariä Himmelfahrt Behörden, Unternehmen, alles dünn belegt ist.

Da kommt der Bestatter vorbei: tiefe Stimme, sechzig Jahre auf dem Buckel, sechzig tausend Bier im Bauch und – in diesem numerischen Zusammenhang muss ich aufatmen – nur drei offene Knöpfe am Karohemd. Er befindet: „Ausweis – OK; Erklärung über eine Leichnamsüberführung – OK; Gemeindepfarrer hast Du kontaktiert; gib mir nur noch die Steuernummer vom Papa…“

– Die – was?

– Die Steuernummer doch. Wie sollen wir ihn ohne seine Steuernummer bestatten?

Die Geschichte war älteren Datums, die Steuernummer-Masche allerdings neu. Schon vor 2009 hatte der griechische Staat Schwierigkeiten, aufgrund der Personalien eines Verstorbenen zu kontrollieren, ob Renten oder Zusatzrenten den Verwandten zukommen sollen und in welcher Höhe. Betrüger haben jahrelang die Rente verstorbener Großeltern und Eltern weiterkassiert. Dann kamen die Hilfspakete und die Bildzeitung, woraufhin die Republik Griechenland die Meldung der Steuernummer zur Bedingung für die Erteilung einer Bestattungsgenehmigung machte. Anhand der Steuernummer kann jetzt der Staat vorerst Renten und Dienstleistungen streichen. Etwaige bestehende Anrechte Hinterbliebener sollen neu angefochten werden – Neuantrag usw.

Alles sehr unfair und lästig natürlich: Auf einmal haben Witwen und Witwer keine Bezüge mehr, damit Axel Springer seiner Kundschaft nicht erzählen kann, wie glücklich der Nichtgrieche ist… Aber vorerst stresste mich der Umstand, dass mir an einem Freitagabend auf der Insel, kurz vor dem fünfzehnten August keiner sagen konnte, wie eine Nummer hieß, die ganz banal und unansehnlich auf zahllosen Dokumenten in vielen Schubladen und Ordnern in einer abgesperrten Wohnung eines Athener Vororts lag. Ratlos dachte ich, dass es ein Gesetz gibt, das das Umbringen von Bestattern verbietet, selbst wenn diese einem eine wichtige Information bis kurz vor der Bestattung nicht geben. Ein guter Freund und ausgerechnet einer, der mir das Austernsammeln beibrachte, hat noch dazu die eine Tochter des Typen geheiratet…

Killing him being out of question, musste ich meiner Rolle als Antigonus gerecht werden: gefangen in einer Situation, die Außergewöhnliches von mir verlangte, damit die unbestattete Leiche des Vaters unter die Erde dürfte – die Erde eines Landes, das seine größten Tragödien heute nochmal als Parodien erlebt. Der Sprachwitz klingt im Griechischen besser…

Die Telefongesellschaft war meine letzte Hoffnung.

– Guten Abend, ich bin der Sohn des Teilnehmers mit der Nummer 211…… Ich möchte wissen, wie die hinterlegte Steuernummer heißt.

– Sie endet auf 338.

– Nein, ich brauche sie ganz.

– Ich darf sie Ihnen nicht rausgeben.

– Wissen Sie, der Teilnehmer, mein Vater, ist seit gestern tot. Er kann aber nicht bestattet werden, bevor ich diese Nummer angebe. Ich bin auf Euböa. Die letzte Fähre ist bereits weg, also kann ich nicht nach Athen. Die Beerdigung soll morgen stattfinden.

– Nehmen Sie Papier und Stift.

Enough with scrolling

Perhaps the most tragic among Greek tragedies, Sophocles’ Antigone, leads you into an asylum of dilemmas and leaves you there. A daughter of king Oedipus, she is in the position to forget the pain that the mutual killing of her two male siblings caused, this however only for the reason that she will not obey to the new king’s order to leave the one brother unburied. She covers the corpse with earth to pay with her life for it.

Antigone was a native of Thebes in Boeotia, Greece, whence, a couple of potato fields and a highway further towards the seaside, the island of Euboea can be seen, across the narrow channel.

Being myself of Euboean descent, having property and family there, it’s a channel I know very well – more than even the Saronic Gulf where I grew up for the most part.

Normally, I cross the channel twice a year on board of ferry boats: one time to visit the island and one to leave it a week later.

The story I’m telling happened just after the third crossing this year. Unlike the two first occasions, it wasn’t in order to visit my father’s soil but rather in order to bury the former into the latter.

So, there I was, with many family members, islanders and migrants to Athens alike, and with the only one who really migrated about to be transported home to the island (in patria as the Latins who once possessed it said). Plausibly enough for the eve of a burial, the undertaker  – a guy with sixty years on his back and sixty thousand beers in his stomach but only three open buttons at his shirt – came with his check list.

It’s Friday. Afternoon. Before the Dormition.

Now, even if you have no experience of how things work or rather don’t work in Greece, you can imagine that on a Friday evening before the Feast of the Dormition, just about three or four people work in the entire country: hopefully an officer in the NATO headquarters in Larissa, one guy at the border to Albania, perhaps one guard or two in front of the parliament in Athens. I’m saying this because lighthouses are automatised and ships have GPS…

“Your dad’s ID card  – OK; declaration of transport for a corpse – here; you said you’ve talked with the priest; just give me your dad’s tax number”.

– What was that?

– Tax number. You can’t bury someone who hasn’t got a tax number.

According to Greek legislation, for a number of reasons it’s prohibited to kill undertakers who happen to remember their check list few hours before the ceremony. And if you have been friends with the person’s son in law, have dived for oysters and have drunk gallons of tsipouro together, it’s also morals that prohibits drastic measures.

Killing the undertaker being out of question, I had only one option: think!

And I thought that, knowing the prehistory of the Greek crisis, it was clear what the state intended. Since before 2009 they have had difficulties in controlling if a pension should be further paid after the death of the beneficiary and to what amount.  Fraudsters have been paid their grandparents’ benefits for years by simply leaving undisclosed their death towards the Greek taxation authority. Then the bailouts came and with them tabloids from Central Europe, the latter with sarcastic headlines that insinuated that a small number of cases would be representative. Of course, this is how tabloids normally exaggerate. And I usually do remain cool when their readers long to read about superlatives, be that Germany’s laziest gardener, Europe’s most useless academic, and different other topics full of bitterness, envy, ignorance or any set made of these three elements. But with an unburied family member in the backround, my coolness reached its end.

I had to think. And to find this number, at the time in some hundreds of documents in an Athens apartment, with the last ferry gone, and any one of my father’s acquaintances away from the city – to spend the feast of Dormition at the place their family came from; like, essentially, I did. I had to retrieve a number that would serve to stop my father’s pension, leave my mother broke behind, and make me re-apply the benefits for her, in order for tabloids to stop feeding their readers with sensational news supposed to make them feel happy for not being Greeks…

In the parody of the Greek tragedy I played (the parechesis sounds better in Greek) I was Antigonus: a son trying to bury his father and bear the disadvantage. I picked up the phone.

– Good evening, I am the son of the owner of the telephone number 211… My father had to give you his tax number when he signed for his telecommunications connection at your company.

– Good evening, that has to be the case, sir.

– May I have this number?

– Ahem… Well, it ends with 338.

– I need the whole number.

– I can’t give you this information.

– Please do! You see, the person, my father, is dead since yesterday. Tomorrow is the funeral. But there can be no funeral without the number. Right now I am in Northern Euboea where the funeral should take place, the number is in Athens and the last ferry boat has already gone!

– Then, sir, I would say, take a pen and a piece of paper.

Empty domain

Scroll for English

Moralisch habe ich dagegen nichts einzuwenden. Die schwarze Null war ein legitimes Ziel. Politisch war’s halt’ nicht meins.

Rationalitätstheoretisch wiederum finde ich sie ein ungeheures Bully-Gehabe: die damit einhergehende Andeutung, Nulldefizit wäre das Einzige, was rational erstrebenswert ist. Es ist die Rache der Engstirnigkeit gegen alle Goldenen Zeitalter, gegen alle Lorenzos de’ Medici, gegen alle Ludwigs von Bayern der Weltgeschichte.

Vor allem vergisst man leicht dabei, dass die Rationalität nicht unabhängig vom Gegenstandsbereich gilt. Es gibt keine Logik der leeren Gegenstandsbereiche, wie wir seit Aristoteles wissen und wie Mancosu unlängst wiederholt hat. 

Darüber werde ich aber erst nächsten Sommer in Vichy berichten. Vorerst zur sozialen Sache: Bevölkert man den Gegenstandsbereich mit rationalen Individuen ohne Loyalität zu etwas Abstraktem wie der Deutschland AG, würde die schwarze Null als rationales Ziel einer Politik ganz woanders stehen.

Mit einer von Menschen gebildeten Null verabschiedeten die Beamten des Bundesministeriums ihren bisherigen Minister vom Amt.

Enough with scrolling

The employees of the German Federal Ministry of Finance formed a zero to remind of what is thought to be their hitherto minister’s most important achievement.

You can’t consistently argue against Germany’s zero deficit policy on the basis of morality. Say what you want against it but it will remain a practically coherent target.

What I have to say against it, is on the basis of politics and rationality theory: this is where I see myself justified to think that the so-called black zero is bullying, the bully in question being the petty-bourgeois who like politicians telling them that all Golden Eras and all Lorenzos de’ Medici of this world have been obsolete.

And it’s even worse than this: the bully wants you to believe that things like the zero deficit are choice-theoretically neutral: valid from an absolute point of view.

As we know since Aristotle and as Mancosu has recently reminded, rationality is not independent of the domain of discourse. I shall talk about the topic next year in Vichy, France.

For now, let me just add something on a political facet of the issue: If you populate the domain of discourse with rational individuals who don’t share a loyalty towards something so abstract like the so-called “Germany SA” – which is admittedly rather difficult when your universe of discourse is Germany – then the “black zero” would be in a totally different order of preferences in terms of rational choice.

Deviants


Scroll for English

Im Elternhaus kann ich nicht umhin, meine sozialtheoretische Diagnose von vor zwei Jahren bestätigt zu sehen. Das Gruppenverhalten der griechischen Nation weist rationale Verhaltenszüge auf, weicht allerdings von Rationalitätsstandards in Kursbüchern ab.

(Ja, ich denke, dass es so etwas wie die abweichende Rationalität gibt, ohne aber ein Logikpluralist zu sein, denn die Abweichungen basieren auf Rationalitätslücken: meist selbstreferentiellen Kurzschlüssen).

Meine Zeugen sind etwa die Werften, die in den 80ern zumachten, weil die Gewerkschaft sie bestreikte, weil letztere hinter dem Firmengründer jemanden vermutete, der aus Angst vor einer streikbedingten Schließung schnell verschwinden würde…

(Die Masche funktionierte so: Ab 1981 wurden Schulden von Firmen gegenüber dem Fiskus mit einer gleichhohen Beteiligung des Staates in der Firma beglichen – automatisch! Hat die Gewerkschaft bei einem langen Streik die gewünschten Schulden herbeigeführt, war die Firma vom einen Tag auf den anderen staatlich; was gleichzeitig Firmengründer befürchteten; was sie gegenüber der Belegschaft suspekt machte; wodurch die Belegschaft erst recht streikte. Die Unausweichlichkeit der Selbstreferenz machte die Werft, in der mein Traumboot produziert wurde – Lambro 27: schnell, groß, zuverlässig – platt).

Mein Zeuge ist mein grotesker Fund von vorgestern: eine gestrandete Voodoo-Puppe. Wie kann das in einem Land als irrational gelten, wo Korruption und Misswirtschaft rhetorisch bekämpft werden – wo es also in Politik wie Magie um ein-und-dasselbe geht: Doing things with words?

(Gut, aber Mainstream-Rationalität ist das wohl auch nicht).

Mein Zeuge ist die Solidarität gegenüber Ganoven, die vom Wunsch motiviert war, wäre jemand selber Ganove, wäre der Ganove einem gegenüber solidarisch – wohlgemerkt, wenn man selber Ganove wäre, der tatsächliche Ganove ein unbescholtener Bürger.

(Letzteres ist meine o.g. Diagnose über das Scheitern der Kontrollen im Land seit 1980).

Im Alltag beobachtete Paradoxien machen jeden Griechenland-Aufenthalt zum unvergesslichen Erlebnis für den Logiker. Selbst meine alten, bei meiner Mutter liegengebliebenen Schallplatten, durch die ich mein vergangenes Selbst als einen halbfremden Jugendlichen wiederentdecke, kann ich cum grano salis als Prophezeiungen einer abweichenden Rationalität ansehen. Die Deviants hatten diesen Song: „Let‘s Loot the Supermarket“. Im Griechenland, in dem ich großgeworden bin, ging es um das „Looting“ von einem ganzen Land, in dem niemals, auch in der jüngsten Krise nicht, niemals also ein einziger Supermarkt geplündert wurde.




Enough with scrolling

While at my parents’ place I can’t help myself feeling justified to be the author of the essay “The Greek Miracle. Postmodernism, Collectivism and Deviant Rationality” (here a – sorry, only German – preview).

As I diagnosed there, the group behaviour of the entire Greek nation is rational but deviant.

(I do believe that there are deviations in rationality in terms of rationality gaps, mostly self-referential loops, but this without being a logical pluralist).

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. the shipyard that closed because of a strike meant to prevent the founder of the shipyard to take the money and to run – as he had good reasons to, since he was afraid that they would strike to prevent him to take the money and run as he had good reasons to, because he was afraid… etc.

(I fear that this sounds hermetic, so this is some background: after 1981, unpaid taxes of a company would automatically be matched with company shares of equal value owned by the state. I.e. your company could turn overnight to be a state company if you failed to pay your taxes, which you had every reason to fear – take the money and run! – if the state could manipulate the people who worked for you to strike. And they, of course, would rather strike if they feared that you feared enough to take the money and run. If nothing else, at least they would wake up as workers of a state-owned company. I’m the only person I know who can claim that the production of the only vehicle I’ve fancied in my life – a boat, Lambro 27, fast, big, reliable… – stopped because of self-reference!)

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. my grotesque finding of a voodoo doll at the beach the other day. You can’t call voodoo irrational in a country in which politics, like magic, is about doing things with words.

(But it’s not mainstream rationality either, isn’t it?)

I have witnesses for deviant rationality.

E.g. solidarity towards those who embezzled EU funds, going thus: “I wasn’t subsidised, but if I were, it could happen that I would embezzle EU funds”.

(And this is how the victims fraternised with those who made them victims. This case I analysed in the aforementioned essay two years ago).

Greece is a great country for experts of nonclassical logic to visit just because it has paradoxes that play a role in everyday life. And even when I rummage in my old books and records that I left behind at my parents’ decades ago, these old monuments that make my teen self appear as a half-stranger in my own eyes, today I interpret as witnesses of the paradoxes outside that door.

Take this LP of the Deviants – a hippie community that made music in Notting Hill, NB far away from the place I listened to this music and long before I could guess that some day I would argue that a thing like deviant rationality exists…

Well, they had this song titled: „Let‘s Loot the Supermarket“. Today I would say that, strangely enough, you can loot a whole country while still maintaining that looting a supermarket is a bad thing.

Books, magazines, records, newspapers – this house is full of memories. The country around it too.