Totgesagtes lebt länger #2

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Die plötzliche Kälte, die einen Teil der Schweiz wieder in Schnee verhüllte, macht wieder den Trachanas aktuell.

Wirklich aktuell ist ein egal wie legendäres Relikt der byzantinischen Küche wohl nie. Aber die Kälte legt die bulgurähnlichen Krümmel aus getrocknetem Ziegenmilch-und-Mehl-Porridge näher als sonst. Wer Ungarn und seine Küche kennt, kennt wohl das ähnlich klingende Tarhonya. Tarhonya ist nicht Trachanas, sondern es wird in gleicher Größe und Gestalt aus Nudelteig gemacht. Allerdings zeugt der Name von einem gemeinsamen Ursprung.

Wenn zwei verschiedene Sprachen verwandte Wörter für unterschiedliche Dinge haben, dann sind lexikalische Entlehnungen und Bedeutungsverschiebungen der Fall wie bei Pitta im Griechischen und Pizza im Italienischen. Wird dieselbe Sache dagegen unterschiedlich bezeichnet, kann höchstens von Kulturtransfer die Rede sein. Im Fall von Trachanas/Tarhonya haben wir Beides. Kulturtransfer war der Fall als die mittelalterlichen Ungarn den Trachanas höchstwahrscheinlich von oströmischen Soldaten adoptierten, worauf die Bedeutungsverschiebung folgte: Beibehalten wurde aus der ursprünglichen Bedeutung die Gestalt des Gebrösels, das Rezept wurde umgewandelt.

Ich sehe hinter der Beibehaltung des Terminus folgende Haltung der Sprecher des mittelalterlichen Ungarisch: Die Gestalt ist das Wesentliche (von mir aus das Wesentliche für dieses Gericht) der Originalteig aus Ziegenmilch sekundär.

Wenn es Leser dieser Zeilen gibt, die sich fragen, ob morphologische Eigenschaften als Teile des mereologischen Ganzen genommen werden können, dann kommt hier die Moral von der G’schicht‘: Nicht nur können sie das, sondern sie können auch die essenziellen Teile sein!

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The sudden cold that covered much of Switzerland with snow in May, allowed me to have the original dish again: trachanas: wheat cooked in goat’s milk and dried and broken into bulgur size is a legendary historical fossil of Byzantine kitchen. Those familiar with Hungarian kitchen know the similarly looking and sounding tarhonya. Tarhonya is not trachanas. It is simply pasta in bulgur shape. But the name bears witness to a common origin.

When in different languages like here in Greek and in Hungarian, you have a similar name for something different, then it is a lexical loan and a semantic shift that you have – like when you compare the Greek pitta and the Italian pizza. When you have, in contrast, the same thing by different names, then you can have a cultural transfer. In the case of trachanas/tarhonya you have both phenomena: an original transfer when the medieval Hungarians adopted trachanas as it was used probably by Eastern Roman soldiers, followed by a semantic shift: they retained the form but replaced the recipe, which probably shows that they considered the form to be substantial, the dough as of secondary importance.

Just an idea for those who ask themselves if morphological properties can be considered to be parts of mereological wholes. Not only are they, but can also be essential parts of the whole.

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Avicenna Anglicus

Just released: The أل مدخل, Avicenna’s commentary to Porphyry, translated into English by Allan Bäck (Kutztown University).

My part was much less than my mirrored face on a black, smooth cover can make you believe.

Kalo Paskha

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Ausgerechnet heute spiele ich den advocatus diaboli bzw. Quinei (Ich latinisiere mal Willard Van Orman Quine als „Villardus de Ormano Quineus“). Ein Außenstehender hätte heute Morgen bei uns in der Großfamilie keine Möglichkeit gehabt herauszufinden, wer welchem Glauben anhängt. Wir haben Vertreter aller drei großen christlichen Konfessionen. „Frohe Ostern“ benutzten also heute meine Frau, ihre Schwester und deren Mann in dem Sinne: Heute ist Ostern, also freut Euch; die Kinder und ich dagegen in dem für Ostchristen am Palmsonntag typischen Sinn: Auf das große Fest nächsten Sonntag sollen wir uns gut vorbereiten.

Da wir alle den Wunsch als etwas sehr Natürliches für den heutigen Tag akzeptierten und weitergaben, gibt unser Verhalten Quine (Word and Object ist der Ort, wo er die Theorie ausführlich darstellt), Recht, wenn er meint, unsere Äußerung (ich wiederhole: „Frohe Ostern“) sei in allen Fällen heute Morgen gleichbedeutend gewesen, jedenfalls bis die Westchristen der Familie Capuccini bestellten, während der Ostchrist sich in der Fastentugend des Ristretto übte – die Kinder trinken natürlich keinen Kaffee.

Allerdings wurde nach Quines Ansatz die Äußerung „Frohe Ostern“ heute in der Früh bei uns gleich gemeint, während sie klarerweise nicht von allen gleich verstanden wurde. Wir wissen ja voneinander, dass für die einen Ostern heute ist, während es für die anderen erst in einer Woche gefeiert wird.

Quine hätte wohl hier gesagt, die Bedeutung habe nichts damit zu tun, wie die Leute etwas meinen oder verstehen.

Bei Aussagen könnte ich da ein Auge zudrücken. Aber bei Optativen?

Letztlich polemisiere ich sehr gegen stimulus meaning. Ich finde den Ansatz La-Mettrie-mäßig und fühle mich gerade vor Ostern stets veranlasst, ihn zu hinterfragen.

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Of all days, today I’ll be devil’s advocate. In fact Quine’s.

Today in the morning, outsiders would be clueless about which member of our clan is an adherent to which faith. As a group of representatives of all three of the major Christian denominations we wished each other a Happy Easter. Protestants and Catholics, my wife, her sister, my brother-in-law, wished so in the moment speakers of German typically say „Frohe Ostern„: on Easter. The kids and I however wished so on the day the Orthodox wish „Happy Easter“: on Palm Sunday, which, for us, is also today! On Easter, the Orthodox never say „Happy Easter“. They say „Christ is risen“ instead.

But since our behaviour was quite agreeing in using the words „Frohe Ostern“ and in taking them as the most natural thing to say today, Quine’s argument would be (open his Word and Object for details) that we all meant the same thing until we started to order: the Occidentals cappuccino, one still fasting Oriental espresso – the kids do not drink coffee.

But how can we mean the same thing when we don’t understand the same thing? Quine would say that what words mean is not how people understand what they say.

I grant this view when it pertains to statements. But when it pertains to optatives?

Lately, I’m very critical towards Quine’s stimulus meaning. It appears to me as an account on zombie language, on language of agents without mental states. In the time before Easter it seems less tenable than in the rest of the year.

Stimulus meaning and self-reference

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Nachdem ich 1993 in München nach einem Semester als Zuhörer von Davidsons Seminar zum Wahrheitsbegriff kein Anhänger der Stimulus-Meaning-Theorie geworden bin, werde ich es wohl nie werden. Nicht, dass ich ihr etwa jede Relevanz absprechen würde. Sie ist schon relevant, allerdings nicht für die Semantik als Teilbereich der Logik.

Viele Beispiele kann ich anführen, eines ist aber frisch: Die Buchstaben „b.s.l.“ an der Tafel sind eine übliche Abkürzung von Waldorflehrern für: „Bitte, stehen lassen“. Freche – sehr freche – Schüler tendieren dazu, die drei Buchstaben als selbstreferentiell zu verstehen, wischen also alles außer denselben ab. Wer es richtig macht, obwohl es ihn reizt, Lehrer zu reizen, macht das wegen des Stimulus-Meaning: Der Lehrer wird sich aufregen und kann unangenehm werden. Spätestens die Konsequenzen lassen die Schüler einsehen, dass die Selbstreferenz normalerweise keine intendierte Interpretation einer Zeichenreihe ist.

Aber so verinnerlichte Semantik basiert auf der Pragmatik, insbesondere auf der Ungleichheit der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Nun ist die Pragmatik fürwahr eine wichtige Disziplin, allerdings kein Teil der Logik.

Deshalb kann auf der Stimulus-Meaning-Theorie keine Wahrheitstheorie basieren.

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Not having been a convert to the stimulus theory of meaning in 1993, while attending Donald Davidson’s Munich lectures, is proof enough that I am never going to be. A convert I mean.

I do not claim the stimulus theory of meaning to be unimportant. I only doubt its relevance for semantics.

Well, I have doubted this since ages but now I have a new example. Teachers of Waldorf-Steiner schools in German-speaking countries use the abbreviation „b.s.l.“ to indicate that this figure on the blackboard has to remain there („Bitte, stehen lassen“ meaning „Please, let [it] stand [there]“).

Fortunately rather rarely, obnoxious students wipe out the whole blackboard leaving the three letters alone standing there. By this, they interpret „b.s.l.“ as self-referential. Here, I will not bother to analyse their semantic setting and set of mind. Much more important is to me what the others think: the ones who eventually do not commit to self-reference although they would love to commit the crime. Probably they have learned from stimuli that an angry teacher can be nasty enough to give them a bad mark. The consequences make them realise that self-reference is normally not the intended interpretation of signs.

Their learning is based on pragmatics, mainly on the inequality of the relationship between teachers and students. Pragmatics is important alright but not a part of logic.

This is why I do not hold the stimulus-meaning theory to be suitable as a foundation of a theory of truth.

Sophistici elenchi 166a23-32

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Obiges Foto schoss ich vor einem Monat an der Avenue des Champs Élysées. Ich wollte es mit Hinblick auf den Trugschluss des Brunnenvergiftens posten. Mittlerweile denke ich, dass ein Spruch auf dem gelben Transparent vielmehr eine Instanz des Kompositionstrugschlusses ist. Ich erkläre mich:

Dass ein Arbeitnehmerverband das Gesetz des Stärkeren befürwortet, ist möglich – allerdings nicht zwingend. Es erscheint ferner, dass ein Teil des Wahrens von Eigeninteressen biologistischen Suprematismus nahelegt. Gilt das aber flächendeckend? Auch etwa für das Urheberrecht? Erfinder sind intelligent. Intelligenter als andere jedenfalls. Man könnte meinen, Patentschutz würde die weniger Intelligenten benachteiligen. Wäre das plausibel? Meine Antwort darauf ist: nein. Während wir uns einig sind darüber, dass das Gesetz des Stärkeren angewandt auf die sozialen Sachen ein zivilisatorischer Rückschritt wäre, ist es nicht vernünftig anzunehmen, dass jeder Schutz von Interessen eines Stärkeren Sozialdarwinismus darstellt. Wäre das so, dann würden wir zustimmen, wenn der Vorstandsvorsitzende der Münchner Löwen Schiedsrichter einer Partie des FC Bayern gegen Sechzig sein möchte. Aber wenn unser Rechtsgefühl das zuließe, wäre dann der TSV München 1860, nicht der FCB der Stärkere! Es ist, wie man sieht, petitio principii anzunehmen, dass jede und nur die Wahrung eines Interesses eines Stärkeren das Gesetz des Stärkeren bestätigt, denn es desavouiert denjenigen, der – egal wie – Recht bekommt. Entweicht man der petitio-Falle und sieht Recht und Stärke als gründlich verschiedene Sachen, sieht man ein, dass der Arbeitnehmerverband nicht deshalb sozialdarwinistisch ist, weil es ihn gibt. Vielleicht gibt es ja eine moralisch vertretbare Wahrnehmung von Interessen! Aber selbst wenn ein Arbeitnehmerverband seine Macht ausnutzt, ist dieses von mir aus unmoralische Handeln gleich zivilisationsverneinend? Das behauptet jedenfalls das gelbe Transparent. Da es nichtzwingende Teilfacetten zu Merkmalen des Ganzen erhebt, ist das Transparent ein Fall des Kompositionsfehlschlusses.

Bei dem Wortschwall und dem Nahelegen eines unsäglichen Verbrechens vergiftet das Transparent außerdem den Brunnen, selbst wenn es nicht ad hominem ist.

Die Gelben Westen kommen aus dem Westen, weil dort alles Emanzipatorische gedeiht. Das erste Tageslicht kommt allerdings aus dem Osten. Versteht man das wörtlich, so ist der Grund dafür die Rotation des Planeten gegen den Uhrzeigersinn. Metaphorisch kommt man nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass Aristoteles im Osten zu Hause war.

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These are two pictures I made last month at the Champs-Élysées.

I had thought that I should be needing them for a post on the poisoning-the-well fallacy. A clue why I had thought so, you can get if you focus on the lengthy yellow banner depicted in the upper picture. There, you can see what the Yellow Vests think of France’s main employer organisation: they accuse them of propagating might-makes-right and of supporting a civilisationary regression eo ipso.

First of all, it is question begging to say that all and only those things that safeguard interests of the mightier make might make right. I have an example for the last claim: should Liverpool FC accept Fulham’s CEO to be the referee in their next match against Fulham FC? If no, Liverpool will very probably win and remain mighty but the Robin Hoods out there will complain that it was might that made right in this case because you can have bias to help the weak – at least they’ll say so. But if by this argument you let Fulham’s CEO do the job, it is Fulham who will be the mighty after all, so the Robin Hoods will have to support Liverpool instead – which is absurd. „This redistribution of wealth was trickier than I thought“ says John Cleese in a legendary sketch. The only way to escape the question-begging trap of considering all and only the ones who are right as social Darwinists, is to see justice as something in its own right, as something that is independent of might, even in case it lets the mighty prevail. Despite the Robin-Hood analogy I shall avoid reference to Nottingham Forest instead of Fulham – mainly because the Greek oligarch who owns this club has been repeatedly accused of manipulation for his Greek club. There, in Greece, it is him who is the mighty and it is might-makes-right after all. But, of course, no one knew this in advance. In order to give rise to rumours, he had to do things other than just insist on his right. So, even if the Yellow-Vests claim is not the question-begging „Might makes right and right is might“ but rather „Some mighty can manipulate justice“, even then it doesn’t go without an argument that France’s employers associations are of this kind. You see, even if it’s not ad hominem, the slogan poisons the well since it makes believe that the sin you commit as a rich lobbyist is much bigger than the sin in which you would be inclined to indulge: it’s a slogan that denounces every little sin as a civilisationary setback.

Above all however, the slogan I photographed is an instance of the fallacy of composition. Let me explain this point: The Yellow Vests target at an association that could under circumstances take actions to make might make right but they understand the association as actually saying that might does make right. And they read this as Darwinism, which is not necessarily the case even if the employers association acts selfishly.

Aristotle, Sophistici elenchi 166a, analyses the case without residues! Which is astonishing!

Maths imitates nature

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Der Konstruktivismus geht davon aus, dass wir mathematische Gegenstände konstruieren, indem wir Merkmale der Anschauung abziehen – etwa kleine Fransen, Unebenheiten… Der Platonismus dagegen sieht in den mesoskopischen Gegenständen hinzugefügte Merkmale – etwa Fransen und Unebenheiten – von wahrgenommenen mathematischen Gegenständen. Entgegen dem Mainstream, der lehrt, der Konstruktivismus sei eine Form des Formalismus, der Platonismus dagegen eine Form des Logizismus, sehe ich immer mehr Ähnlichkeiten zwischen Konstruktivismus und Platonismus. Denn, was heißt hier „dagegen“? Beide, Konstruktivismus und Platonismus, sind metaphysische Positionen, die von Dingen sprechen. Dagegen – hier zu Recht so – spricht der echte Formalist nicht von Gegenständen, sondern von Beschreibungen.

Ein Schneesturm bei starkem Westwind über Mittelschwaben oder sonstwo kann Beeindruckendes in puncto Philosophie und Didaktik der Mathematik zeigen.

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Constructivism assumes that we construct mathematical objects taking away characteristics of perception: irregularities, bumps… In contrast, Platonism sees in mesoscopic objects nothing but mathematical objects with some perceived extras like irregularities and bumps. Despite heavy contrast there are more similarities between these two metaphysical views than one might think. The mainstream view is that constructivism is a school of formalism and Platonism a school of logicism. I do not share this view. Like Platonism, constructivism assumes that mathematical objects are real while formalism proper would rather speak of descriptions than of objects.

It is remarkable what a snowstorm and strong winds in Middle Swabia or somewhere else can demonstrate in the philosophy and didactics of mathematics.

Cold cults / Kalte Kulte

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Nur weil ich das Buch in meinem letzten Posting nannte: Papaioannous Plädoyer in Ideologie froide für einen nicht orthodoxen Marxismus mit Bezugnahme – ausgerechnet- auf Marx und Engels ist hochgradiger performativer Widerspruch.

Die gibt es, die Menschen, die kalt um Wärme werben, ja die ihre Kälte als die Hauptursache ansehen, warum es warm werden soll. Der Versuch erscheint mir sinnlos. Trotzdem lese ich weiter. Denn trotz des Kälteeinbruchs im März, kommt der Frühling sicher.

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Just because I mentioned the book in my last post: Papaioannou’s plea, expressed in his Ideologie froide, for a non orthodox Marxism with reference – of all things – to Marx and Engels is a far as one can get committing performative contradiction.

These people who ask for warmth with some cold justification, even the people who ask for warmth as a medicine against their own frigidity – well, they exist. I don’t see their point. I continue reading. The spring comes however capricious the March may be.