Realità aperta

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Strauß und Fahrkarte auf Entwerteautomat würde das Bild heißen, wenn es eine Installation wäre.

Da es sich aber dabei um kein Kunstobjekt handelt, entzieht sich die Geschichte dahinter jeder Interpretation ohne Kausalbeziehungen. Wer hat den Blumenstrauß gekauft? Für wen? Warum lässt ihn diese Person samt Karte zurück, dass jeder samt Strauß nach Liestal kann?

Das dürfte eine traurige Geschichte sein. Zum Glück weiß ich nichts darüber.

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Enough with scrolling

If the picture above showed an installation, the title would be Flowers and Ticket on Stamping Machine.

Since it is not a piece of art though, any attempt to understand must be by means of causation. Who bought the flowers? For whom? Why does this person leave the flowers and a ticket to the neighbouring canton behind?

I believe that the story behind this gesture is a sad one. Fortunately, I don’t know more.

Vom Münchner Hauptbahnhof und von Blau: Ulrich Blau

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Kurzbesuch in München. Nach Jahren. Die Zentralhalle des Hauptbahnhofs – abgerissen. Endlich! Diese Fassade erinnerte mich an schlechte Momente meines Lebens.

Privation ist der Fall, wenn etwas vermisst wird. Es ist kein Fall der Privation, wenn etwas einfach nicht da ist. Offenbar vermisse ich die Zentralhalle nicht. Allerdings vermisse ich irgendeine Zentralhalle, denn ohne Zentralhalle gibt es z.B. weniger Geschäfte und einen schlechteren Zugang zu den Gleisen. Nun ist es bei den Negationen so: Wenn keine Zentralhalle da ist, dann ist die alte auch nicht da. Bei den Privationen ist diese Implikation nicht gegeben: wenn ich irgendeine Zentralhalle vermisse, muss ich nicht unbedingt die alte vermissen.

Habe ich gerade ein Gegenbeispiel zu Blaus Dreiwertiger Logik der Sprache entdeckt? Wenn ich Recht hier habe, ist die Privation nicht einfach eine “innere Negation” im Sinne Blaus. Trotzdem halte ich Blau für den wichtigsten Münchner Logiker seit Wilhelm von Ockham natürlich… Keine Frage.

Enough with scrolling

Paid a flying visit to Munich, years after we left. The main building of the Central Station, iconic in its functional facelessness, torn down. I’m so happy they did this. I associated this facade with bad memories.

You are deprived of something only if you miss it. Not simply if it is not there. Obviously then, I am not deprived of the main building of Munich Central. But I did miss the shops and the easy access to the trains when I entered the station from the side. In negative sentences there is an implication here: if there’s not any main building, then the old one is not there either. In privative sentences things seem different: if I am deprived of a main building, I am not eo ipso deprived of the old one.

Is this a counter-example to Blau’s Three-valued Logic of Language? If so, pace Blau, privation is not simply an “inner negation”. Blau remains the most important logician of Munich since Occam, so he can manage the little scratch.

The mereology of words

Seen mereologically, words often enable multiple readings. This for example:

Or this:

You even don’t have to worry about the Liar Paradox if you see the sentence “I am lying” mereologically”. “I am” – NB a part of the Liar Sentence – is always true when uttered or used, so the sentence “I am lying” is false since one of its mereological readings (“I am”) is true.

I’m not joking. Gordian problems have to be solved in a Gordian way.

Digital matchmakers

Scroll for English until after the pic. This time the posting is a lungo, not a ristretto.

Wenn ich die Dating- und Partnerschaftsapps wie Tinder, Lovoo, Bumble, Parship etc. erst nach langem Zögern thematisiere, dann ist es wegen der Diskussionsanregungen von Freundinnen und Freunden, die diese nutzen. Ich dachte, dass sie es mir übelnehmen, wenn ich hier Sachen aus unseren persönlichen Gesprächen preisgebe, was schlecht für die Freundschaft wäre. Ein Irrtum, bei dem ich drei Jahre lang verweilte. Jetzt denke ich anders. Sie sollen es mir ruhig übelnehmen.

Eine Online-Bekanntschaftsherstellung erfolgt über die Angabe von Eigenschaften: “Brünette, 45jährig, finanziell abgesichert usw.”, im Grunde also nicht anders als die Bekanntschaftsanzeigen in einer Zeitung oder im Dorf durch den Kuppler (“Ich kann mir vorstellen, dass ihr ein passendes Paar wärt von dem her, was sie will und was du willst”), allerdings mit größeren Möglichkeiten zum Eruieren, zum Herstellen von möglichst großen mengentheoretischen Schnitten der Vorlieben zweier beliebiger Personen im Bereich der mehrstelligen Kombinatorikrechnung, mit Fotos usw.

Fotos sind natürlich etwas, was in den Spalten einer Zeitung nur zu teuer wären, aber sind sie wirklich nützlich? Meine Leserschaft sollte versuchen, ein Foto von mir im Internet zu finden, wo ich müde aussehe. Ich behaupte, dass es keines gibt. Mehr Daten viel billiger also, aber der Date ist deshalb nicht unbedingt empfehlenswerter. Mehr Daten ermöglichen hier und da einen “Persönlichkeitstest”. Die Lächerlichkeit der Behauptung allein, ein paar Fragen könnten die “Persönlichkeit” beleuchten, muss zwar diejenigen als Nutzer abschrecken, die ein halbwegs seriöses Psychologiestudium hinter sich haben, aber diese Zielgruppe ist wohl sehr klein. Es bleibt aus Sicht der Logik der Sache, dass die Nutzer höchstens Eigenschaften angeben, die das eigene Selbstbild wiedergeben, das also, was man selber sein will (aber: ich würde bezweifeln, dass “Grieche” oder “blond” genaue Angaben sind; geschweige denn “kinderlieb” oder “humorvoll”); gleichzeitig das, worauf man denkt, Wert zu legen. Dabei hätte ich von den Eigenschaften meiner Frau viele schon damals als unerwünscht angegeben – bloß im Nachhinein haben sie mich gereizt. Gewiss, nicht die ideale Beziehung und Ehe, allerdings eine, die ein Vierteljahrhundertlang hielt.

Aber es gibt wohl Menschen, die gerade für die Ehe eher Ruhe als Leidenschaft und Herausforderung schätzen und letztere lieber ohne Bindung suchen. Würde ich für solche Gemüter die Partnerschaftsonlinedienste nicht als eine gute Alternative bezeichnen? Ich meine, außerhalb des Klosterlebens und im Sinne behaltend, dass “Lebenspartner” eine Teilmenge von “Sexualpartner” ist?

Nun, auch nicht! In sehr vielen Situationen ist stichhaltiges Schließen nichtmonoton. Rote Schuhe finde ich etwa toll, Sportschuhe auch, aber mit roten Sportschuhen kann man mich jagen. Es ist vorstellbar, dass jemand ein mundartliches Deutsch beim Partner als erwünscht angibt und ebenso eine explizite Sprache im Bett, aber die Verbindung von Mundart und Liebesgeflüster als abtörnend empfindet. Der Tinder- oder Parship-Algorithmus würde nun im Sinne der klassischen, monotonen deduktiven Logik vielzuviele mundartliche Dirtytalker rausspucken, sobald der Nutzer “Mundart” und “Dirty Talk” als prinzipiell erwünscht angibt. Frage also: Selbst wenn ich nicht die große Leidenschaft für die Andere oder den Anderen haben will, sondern ein einfaches Erlebnis oder Leben mit irgendeiner Person mit vorgegebenen Eigenschaften: Kann ich eine im Sinne des monotonen Schließens entstandene Treffermenge als nützlich ansehen? Wohl kaum.

Praktische Menschen würden mir hier entgegnen: “Du musst die Leute sowieso daten, treffen, erleben”. Ja, wunderbar; das weiß ich natürlich selber. Wenn jedoch die erhoffte Erhöhung der Chancen, den Richtigen oder die Richtige kennenzulernen, nicht aufgrund des monotonen Schließens gewährleistet werden kann, warum soll ich’s bei einer deduktiv-monoton entstandenen Datenbasis erst überhaupt versuchen? Um einen Kompromiss auf dieser schlechten Basis zu machen? Warum nicht auf irgendeiner anderen Basis?

Abgesehen von der Zuverlässigkeit des Eigenschaftenangebens für die Eingrenzung der Kandidatenmenge, sind sehr große Zweifel daran zu hegen, ob Eigenschaften in Sachen Liebe (naja: “wahre Liebe” wie man sagt) überhaupt aussagekräftig sind. Vielleicht begreift die Liebe – bekanntlich blind – nur individuelle Eigenschaften, Tropen also, und keine Eigenschaften im traditionellen Sinn. Manuelas betörender Blick, wenn sie sagt “Meinst du das ernst?” kann mich bei Adele stören. Nach allgemeinem Verständnis ist es nicht die Kombination von Eigenschaften, in was man sich verliebt, sondern der Träger derselben – d.h. es gibt, so eine versteckte Annahme, wenn man von Liebe spricht, einen Träger, eine quidditas. Indem ich das außer Acht lasse, lasse ich mich auf Dates per Kupplerapp ein, bei denen die Kandidatenmenge aus Adeles und nicht aus Manuelas besteht.

Ich bezweifle nicht, dass Kupplergeschäfte gut funktionieren können. Ich bezweifle, dass sie der philosophischen Grammatik des Wortes “Liebe” genügen. Mein Hauptzeuge ist die zugrundeliegende Logik und Ontologie: die Nichtmonotonität unserer Gedankengänge und die Tropen.

Heirate die Frau, nicht was ihr eigen ist

war ein altgriechisches Sprichwort. Heute wird es im Neugriechischen nicht mehr benutzt, weil der altgriechische Imperativ für “heirate” im Neugriechischen obszön ist. Tja, “gamei” bedeutet im heutigen Griechisch “Hab’ Geschlechtsverkehr”. Ich würde jedenfalls das Sprichwort unter der neuen Bedeutung weiter gelten lassen.

Ein weiterer Grund gegen die digitalen Kuppler ist eine Klugheitsangelegenheit: Im sehr wahrscheinlichen Fall, wo die Nutzer deshalb auf die Liebessucherdatenbanken zurückgreifen, weil sie analog, in der wahren Welt, in ihrer Umgebung, Gefühle für eine Person haben, die diese nicht erwidert, oder auch einfach Gefühle, die aus Zaghaftigkeit heimlich bleiben, sind beide über Parship etc. Verliebten nur des anderen zweite Wahl; eine in der Not gemachte auch noch. Das ist moralisch nicht verwerflich natürlich, aber die Frage ist, ob man so etwas will. Wie gesagt: eine Frage der Klugheit, nicht der Moral.

Bei unter solchen Voraussetzungen gewonnenen Emotionen von “Liebe” zu reden, ist jedenfalls ein Kategorienfehler.

Aber Halt! Wer bin ich, so ein harsches Urteil zu treffen? Platon stellt im Symposion die Liebe von Eigenschaften einer Klasse von Personen versus Liebe zu dieser einzigartigen Person als die sokratische Haltung. Also dürfte mein Urteil nur für solche Charaktere gültig sein, die Aristophanes’ und Diotimas Genealogien der Liebe ebendaselbst einleuchtender finden: Unerwartet trifft es dich; grundlos auch; sie oder er ist sogar nicht “dein Typ” aber trotzdem: Es gibt was Unerklärliches. Aber was soll’s: wer den Weg zum Glück über Online-Dienste fand, wird sich nicht fragen, ob es das Glück ist. Vielleicht war es nur Glück und keine Planung, aber wer trotzdem das Glück fand, hat keinen Zweifel daran, glücklich zu sein. Sichverlieben ist kein Neujahrsvorsatz. Wer sich tatsächlich verliebt, weiß, ob es der Eros ist oder die Zahl 2019 von hinten fotografiert…

(Ich habe wirklich lange gezögert, das zu posten…)

Enough with scrolling

It was late in the year 2018 when I had for the first time a discussion on Tinder, Lovoo, Bumble, Parship with friends who used these services. On my way home I was bewildered from the New Year’s decoration in this little French community. It seemed to match the conversation I had just had. I made a picture. Certainly, it wasn’t really the Greek word “eros” but rather the back then new year, which – ridiculously! – had been my contention in the conversation: falling in love is not a matter of a new year’s resolution, let alone one to be facilitated by social media specialised in dating. Back then, I knew only about Parship from its billboards in German train stations: “Fall in love using Parship”. I held this to be a category mistake and I still think so. I have hesitated three years to write this posting. Friends could be offended. Now I made up my mind: they should…

Social media to look for an important other or a sexual partner (the former is, of course, a subcase of the latter) are essentially like traditional matchmaking (“From what I know about you both, you’d be a very good couple”) or like personal ads (“Brunette, 45, good looking, independently wealthy, seeks correspondence…” etc). The possibilities to impress e.g. by adding extra data like pictures, are obviously much bigger now than in previously three lines of a newspaper column, but the idea is the same old one. What is new is only the amount of data. Nevertheless, more data doesn’t mean more enjoyable dates. I see the point with checking pictures, but, come on, do you believe that my pictures on the internet are not an extra selection? I have a challenge for you: try to find one in which I look tired! Big data makes it also possible to offer a personality test, like some sites do, to make matching appear as one on the background of a deeper agreement of characters. But let’s face it: the contention that not only a Mickey-Mouse app but any questionnaire would give you reliable predictions about anyone’s personality is ridiculous to everyone who has had one or two classes of psychology. Obviously this target group is so small that business can continue neglecting it.

The users will mention properties of which they think to be important features of themselves, also what they content to be the demanded features of eligible candidates. But properties as criteria will most probably fail. Is “Greek” a precise property? Is “blond” one? And if these are vague, imagine what happens with properties like “children-loving” or “humorous”. Besides, what we think important for us, is not always what proves to be important. Many of my wife’s properties I found interesting in the course of experimenting and I wouldn’t have indicated them as desirable if back in 1996 it had been possible to contact women via matchmaking platforms. Not the ideal relationship and marriage maybe, but one of a quarter of a century.

However, perhaps one should consider dating apps as an option for those who dislike challenge. Maybe they are Stoics, maybe they cover their need for adventure otherwise. What about them?

Well, the dating apps are arguably not good even for them. In many situations, sound inferring is nonmonotonic. The fact that I generally like red shoes and I also generally like tennis shoes, doesn’t mean that I like red tennis shoes.

The deductive-monotonic algorithm of Tinder and Parship etc. however would present me many pairs of red tennis shoes as long as I enter “red” and “tennis shoes” as generally desirable. Loving Texas and loving dirty talk is not necessarily loving dirty talk in Texan dialect. Obviously and ridiculously, however, every deductive-monotonic algorithm would recommend you Texan dirtytalkers once you indicate Texas and dirty talk as generally desirable. This poses the following question: if I don’t search for the big passion and the immortal love for otherness but simply convenience instead, convenience supposed to be secured if standard properties apply, are the platforms in question at least useful? Well, I dare say not even that. Granted I don’t look for the person who’ll make the formidable showdown in my life but rather someone who incorporates certain properties, how can I, a person whose reasoning is eventually nonmonotonic, trust a hit list brought about by monotonic-deductive inference?

Practical people will object here that dating a person is what is decisive for flirting and further interaction, not the recommendation of the person by the algorithm. One meets the candidate after all, spends time together before a relationship is possible. Which, of course, goes without saying. My argument is not that it is impossible to fall in love with someone recommended to fall in love with. Rather, my claim is that hoping to raise the chances of a good match by using standard properties is a false hope if your statistical basis is a selection made by deductive-monotonic inference. If your reasoning is nonmonotonic anyway, which is something you know from experience, why do you take the machine’s and not any other basis?

Independently of the efficiency of methods for restricting reasonably the number of candidates eligible for a viable relationship or an exciting adventure, it is doubtful if properties are suitable to determine eligibility. At least eligibility concerning love and desire. Or, as people say, “true love”. Arguably, love, being obviously blind, regards only individual properties, i.e. tropes. It’s not about green or brown eyes in general. It is about her eyes. It’s not about this or that shape but about her shape whatever it is like, whatever its changes, whatever the imperfection. Loving is when the imperfection is the standard because it’s her imperfection. And it is when the imperfection even fails to be the standard because other women could have the same imperfection, but you don’t love them because of this. You only love her. Generally, being in love with people is not about loving their qualities. It’s about loving them or: their quidditas. Beauty is in the eye of the beholder.

I don’t doubt that online mating can function. What I doubt is that it corresponds to the philosophical grammar of the word “love”. Tropes theory is one of my major witnesses.

Marry the woman, not her property

was an ancient Greek proverb. Today it’s not used after the ancient Greek imperative for “marry” came to mean an f-word. I’d use the proverb also in this meaning. And I take “property” to mean also: features.

Apart of my logician’s objections to online mating, I have also what you could call a common sense objection of a proud lover: it is very probable that the person you finally end up with via Tinder etc. had in your first dates dreams towards someone analogously, nondigitally but, say because of shyness, unavailability etc. these dreams remained unfulfilled to make Tinder etc. the alternative – well then you’re most definitely a second choice. Or one made out of lack of other alternatives. Now, this is really not the philosopher speaking: who wants to be this? It is not only a mistake to talk of love in this context. It is a category mistake. There is no love felt perforce.

All this sounds admittedly harsh and when I re-read what I wrote I think that I am unjust to people who have a certain understanding of love, and a legitimate one. In Symposium, Plato discusses love of properties of a whole class of persons as the Socratic ideal and as juxtaposed to love of this one person. My judgment is valid only for those who love like Aristophanes and Diotima. Love strikes. Unexpectedly. No reason why. She’s the one. He’s the one.

It wasn’t so in your case? You planned to fall in love with a person with given qualities? And you succeeded in this? I would say that you owe your happiness to chance, not to the app or to your planning. But at the end of the day, it doesn’t matter what made you happy. If you really feel happy, happiness leaves you no doubt. The happy ones shouldn’t care about what made them happy.

Probably it is the unhappy who entertain thoughts about doubts and reasons.

Weihnachtsgeschenke II: Indeterminismus und angewandte Ethik

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Die Entwicklungshilfeorganisation Helvetas erinnert heuer daran, dass moralisches Handeln im allgemeinen und Weihnachtsspenden im Besonderen in einem deterministischen Rahmen sinnlos wären.

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Helvetas is an independent development aid organisation whose current ad reminds donors that moral agency in general and more precisely donating don’t make sense in a deterministic setting.

They do so by pointing out that being born a woman in a country where women are discriminated is accidental and it makes sense to do something to prevent accidents.

Contra classicos

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Wenn es einfacher ist, den Preis eines Baguettes als den einer Immobilie zu wissen, dann gelang es den Klassikern nicht, das Phänomen Preisbildung restlos zu erklären. Ich gebe zu, dass das Consequens gewagt ist, aber meine Leserschaft soll bedenken: Sollte das Antecedens wahr sein – welche Person, die noch halbwegs vernünftig ist, kann es anzweifeln? – dann gibt es Preise, die gezahlt werden, weil es ein Preisschild gibt und der Kunde keine Lust hat, wegen Peanuts zu feilschen.

Wenn dem so ist, dann geht dem Kauf z.B. eines Baguettes ein Element des Glaubens voraus, das es beim Hauskauf nicht gibt, wo man eher einen Experten fragt und dann noch einen und dann trotzdem feilscht. Im Fall des Baguettekaufs beruht das Zusammenfallen von Angebot und Nachfrage auf keiner expliziten Verhandlung und kann nicht restlos analysiert werden, es sei denn, eingeschränkte Rationalität und nichtmonotones Schließen und jedenfalls ökonomisches Fehlverhalten werden in die Analyse miteinbezogen.

D.h. man muss Herbert Simon, Richard Thaler etc. lesen.

Dass ein Baguettekauf in einem elsässischen Dorf eine entscheidungstheoretische Einsicht nach sich zieht, ist nicht selbstverständlich.

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Buying my baguette in the next French village was this time a matter of philosophical interest.

If it’s easier – as the advertisement on that bag insisted – to know the price of your baguette than to know the price of your real estate, then classical economists failed to describe pricing accurately. I admit that the consequent is bold, but consider that if the antecedent is true – I believe that no sane person would doubt it – then there are prices which are paid because there is a tag, because no one has the nerve to quarrel over cents etc. If so, then there is an element of faith in buying a baguette and one that doesn’t exist when buying a real estate is at stake. In the latter case, you let experts estimate the value of the real estate and – still – you bargain and ask one more expert etc. In other words: buying a baguette is not a matter of negotiation whereas buying a house is such a matter. If I’m right in this, then the coincidence of demand and supply does not determine pricing restlessly.

A restless description of pricing is something to be done only if bounded rationality, nonmonotonic reasoning and, generally, economic (mis-) behaving is taken into account. Herbert Simon, Richard Thaler etc…

Names, appellative and proper

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In diesem Blog habe ich bereits für Russells Theorie der Eigennamen plädiert, nach der die letzteren nichts als Abkürzungen von Kennzeichnungen sind. Z.B. ist ein “Kirschbaumplatz”, wie dieser nahe dem englischen Swindon, einer, wo ein Kirschbaum steht oder wenigstens stand.

Diese Ansicht ist vor allem von Saul Kripke in Frage gestellt worden, der u.a. darauf hinwies, dass jeder Platz so benannt werden kann, ohne einen Bezug zu Kirschbäumen. Ich denke bei solchen Fragen stets an die Platonstraße in der Innenstadt von Rhodos. Was hat Platon mit einem von den Kreuzrittern geprägten Ambiente zu tun? Trotz solchen historischen Lächerlichkeiten sind Straßen und Plätze rigide designiert – d.h. keine andere Straße und kein anderer Platz kann dabei gemeint sein.

Kripkes Einwand ist ernstzunehmen. Der hier abgebildete Platz nahe dem englischen Swindon hatte einmal Kirschbäume, was wohl heißt, dass sein Name ursprünglich als Appelativum gemeint war. Ohne Kirschbäume und nachdem niemand mehr gewusst hatte, dass Kirschbäume da standen, war der Name wohl ein Eigenname.

Die Frage ist nun: Wie fungiert der Name des Platzes, nachdem es dort wieder ein ganz junger Kirschbaum steht? Man kann sagen: manchmal als ein Appellativum, wenn er so verstanden wird, manchmal wiederum als starrer Designator, als Eigenname à la Kripke also, wenn er wiederum anders verstanden wird. Aber kann man wirklich so argumentieren? Kann man mit anderen Worten in den Psychologismus flüchten?

Russell kam in den 20ern oft an Swindon vorbei, als er mit seiner damaligen Ehefrau Dora Black zwischen London und Cornwall pendelte. Die Funktion eines Namens kann nicht zwischen Eigenname und Appellativum pendeln. Ich denke daher, dass Eigennamen konsistenterweise als Abkürzungen von Kennzeichnungen anzunehmen sind. Platon hat mit der Innenstadt von Rhodos zwar tatsächlich nichts zu tun. Man könnte vielleicht im Nachhinein eine Büste des Philosophen dort aufstellen, um Russell (und Platon) einen Dienst zu erweisen. Die Ortschaft Calne nahe Swindon weist den Weg.

From this blog, I’ve already had the opportunity to plead for Russell’s view on proper names. According to this, proper names are abbreviations of definite descriptions. E.g. a Cherry Tree Court is one on which a cherry tree stands or stood.

Saul Kripke questioned this view. Every court, square etc. can be named thus irrespective whether they have cherry trees or not. You can name a square in Athens, Greece: Aurora Square. People will know where it is and will mostly not confuse it with other squares, which is what proper names are about. The name will designate rigidly. In the medieval city of Rhodes there is a Plato Street…

Kripke’s objection is reasonable. Near Swindon, UK, there is a square called “Cherry Tree Court”. For years devoid of cherry trees, now the municipality endowed it with one. Obviously then, for years “Cherry Tree Court” functioned as a Kripkean proper name.

The question for me is whether the name of the square is an appellative or a Kripkean proper name after someone planted a cherry tree.

You can say: sometimes as an appellative whenever this is how it is understood, and sometimes as a proper name, whenever this is how it is understood. Alas, this is psychologism.

Russell used to pass frequently by Swindon in the 20s when he and his wife Dora, née Black, commuted between London and Cornwall. The nature of a name does not commute between proper and appellative though. This is why I think that proper names are abridged definite descriptions. Of course, it can never be bad, if the municipality of Rhodes erects a statue of Plato at its Plato Street. The communal administration of Calne, near Swindon has the know-how of Russellian solutions in philosophy of language.

A natural thing: failing to draw conclusions

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Vor vielen Jahren verblüffte Paul Grice mit einem Beispiel eines Sprechakts, das zu kompliziert daherging, um mit Mitteln der Analyse formaler Sprachen angegangen zu werden, gleichzeitig sehr alltäglich war. Ich gebe es in vereinfachter Form wieder: Es ist spät abends, Grice liest etwas Spannendes, als seine Frau plötzlich aus dem Schlafzimmer hustet, so wie sie immer hustet, wenn sie ihn glauben lassen will: “Ich weiß, mein teurer Paul, dass du weißt, dass das nicht der Husten einer Kranken ist, aber gerade deswegen setze ich ihn ein, damit du gleich einsiehst, dass ich so tue, als ob, weil ich mir vernachlässigt vorkomme”.

Was Grice weiß, ist, dass seine Frau nicht krank ist. Was Frau Grice weiß, ist, dass Grice weiß, dass sie nicht krank ist. Was Grice weiß, ist, dass seine Frau weiß, dass er weiß, dass sie nicht krank ist – usw. usf.

In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, dass Grice trotz allem zu ihr läuft und so tut, als wüsste er nicht, was dieser Husten ist. Das ist albern! Wieso passiert es?

Grices Erklärung für diese erstaunliche Wendung lautet, dass seine Frau letztendlich trotz allem ihre Meinung klar mitteilte, weil “meinen” in den natürlichen Sprachen eine sehr komplexe Situation darstellt.

Das Thema war sehr modisch in den 70ern und 80ern. Andreas Kemmerling, der die nicht seltene Eigenschaft hatte, eine Zeit lang mein Doktorvater zu sein (ich wechselte vier Stück, bevor ich meine Diss schließlich einreichte), bestritt, wenn nicht eine ganze, so mindestens eine halbe Karriere mit einem Aufsatz, in dem er zu der Einsicht gelangte, nach der vierten Iteration sei es unklar, was Grice und seine Frau wissen würden.

Kemmerling ist natürlich ein cooler Typ und man konnte ihm allein deshalb fast alles lassen. Aber ich denke, dass “Meinen” trotzdem eine viel einfachere Bedeutung hat. Hier ist ein Gedankenexperiment, das ich zur Bekräftigung meiner Behauptung anführen möchte:

Einem ehrlichen, moralisch integren jungen Mann (nennen wir ihn Jack) ist eine junge Frau (nennen wir sie Jenny) sympathisch, die er aber nicht belagert, weil sie, sagen wir, die Freundin eines Freundes ist. Immerhin zeigt er ihr, ehrlich wie er ist, seine Sympathie. Die ahnungslose Jenny fragt Jack in einem Moment, in dem die beiden allein unterwegs sind, warum er nervös ist. Jack ist, wie gesagt, ehrlich; grundsätzlich jedenfalls.

Opfert nun Jack seine Ehrlichkeit seiner Integrität oder umgekehrt seine Integrität seiner Ehrlichkeit? Die moralische Intuition spricht für Ersteres. D.h. er wird stets behaupten, er sei gar nicht nervös. Er wird lieber als Lügner erscheinen wollen! Das wird peinlich für ihn. Als ein Hypokrit wird er da stehen.

Trotzdem wird er bestreiten, nervös zu sein. Jenny wird das nicht hinterfragen. Wenn Jenny – angenommen – weiß, dass Jack seine Nervosität nie geleugnet hätte, wäre diese nicht suspekt, und auch weiß, dass er nervös ist, wird sie wohl denken müssen, dass etwas Suspektes vorliegt. Trotzdem weiß Jenny nicht alle Implikationen ihres Wissens. Sagt Jack: “Ich bin gar nicht nervös”, so steht sie auf der Leitung. Wissen ist nicht geschlossen unter Implikation. Das erscheint paradox, denn Wissen standardweise geschlossen unter Implikation ist. Aber im Alltag gibt’s kein logisches Allwissen.

Dieser Umstand allein lässt das Gricesche Beispiel auch als kein Wunder erscheinen. Paul geht zu ihr, bevor er nachgedacht hat, ob das für beide albern ist.

Zum Glück! Sonst wäre jeder Versuch, Bedürfnis zu signalisieren, ohne Schwäche zu signalisieren, albern. Mit schlimmen Erfolgen für Paare.


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Quite a few years ago, Paul Grice launched a new way to understand “meaning” with a thought experiment that was too complicated to be analysed with formal tools of analysis, at the same time depicting an everyday communication. It’s late in the evening. Grice is reading something exciting when his wife coughs in the typical way she coughs when she insinuates: “I know, dear Paul, that it is clear to you that this is not the coughing of an ill person but what else can I do to make you see that I feel neglected, without making you believe that I’m ill and also without losing my pride?“

By assumption then, Grice knows that his wife is not ill and Mrs. Grice knows that Mr. Grice knows that she is not ill. And since he knows his wife well enough, Mr. Grice knows that Mrs. Grice knows that he knows that she’s not ill. Because – come on now! – the point is to make him stop reading this book. Etc…

Putting all this together, it is surprising that Paul interrupts his reading to go to the bedroom.

Grice’s explanation of this, was that in spite of regress his wife manages to send a meaningful message he understands. After all, in ordinary language, meaning corresponds to a very complex state of mind.

This is in the meanwhile old stuff. Not as old as Plato but, at least to analytic philosophers, so mainstream that it gets boring. And, I think, false. I’m inclined to analyse “meaning” – also “meaning” in a loop – in a much simpler manner.

Take this young and honest man of moral integrity (call him Jack) who’s in love with his best friend’s wife (call her Jenny). Since he’s honest, he’ll show her his admiration. But since he has a sense of moral integrity he will refrain from making any advances towards her. At a lonely moment, however, Jenny asks Jack why he seems to be nervous. Will Jack sacrifice his integrity for his honesty or vice versa his honesty for his integrity? There is a moral intuition for the latter. But how can the answer “I’m not nervous” not sound hypocritical?

Yet, even if Jenny knows that if Jack didn’t like her he wouldn’t deny his obvious nervousness and she also knows that he’s nervous, she does not necessarily reflect to know that ergo he likes her.

Therefore, of course, Jack will say that he’s not nervous and Jenny will not question this. Knowledge (at least her knowledge) is not closed under implication. Of course, the standard view in epistemic logic is that knowledge is closed under implication. But this does not mean that Jenny is constantly reflecting on what she knows. Therefore she is not aware of all the implications of her knowledge.

This is also why Grice goes to his wife. He doesn’t have the nerve to draw all the conclusions from the regress to decide that going to her would be silly.

Fortunately so. Otherwise every attempt to show need without showing weakness would appear silly with fatal consequences for couples.

An everyday understanding of tropes

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Ich schätze, dass manche meiner Leser die Tropen, individuelle Eigenschaften, als einen sehr ausgeklügelten Nominalismus verstehen, Ausgeburten aus den Köpfen ausgeflippter Experten. Dabei sind die Tropen sehr alltäglich, wie mir Erich Fried (1921-1988) in diesem Gedicht klarmacht:

Ich lese das,

was du schreibst

von deinen schlechten Eigenschaften.

Gut schreibst du,

aber das kann mich

nicht trösten darüber,

dass alle diese

deine schlechten Eigenschaften

so weit weg sind von mir,

denn ich will sie

ganz nahe haben.

Und wenn ich versuche

einzeln an sie zu denken

– deine schlechten Eigenschaften, wie du sie aufgezählt hast –

dann wird mir bang

und ich finde,

ich muss mich zusammenreissen,

damit meine guten

deine schlechten

noch halbwegs wert sind.

Der Dichter liebt nicht etwa Schärfe, Unsicherheit, Provoziertheit par tout. Er liebt ihre schlechten Eigenschaften, weil sie eben ihre sind: ihre Schärfe, ihre Unsicherheit, ihre Provoziertheit. Ihre Tropen.

Passend dazu finde ich ein Foto der Frau mit den Tropen, der nicht unbedeutenden Bildhauerin Catherine Boswell (1936-2015). Ihre Anziehungskraft zu Fried war wohl noch ein Trope: niemand zieht an wie irgendjemand sonst.

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There are definitely some among my readers who think that tropes, i.e. individual properties, are an intellectualist nominalistic, posh concept for only a few madcaps. The Austrian-born poet Erich Fried (1921-1988) can show you why tropes reflect a very everyday understanding of properties.

I’m reading

what you write

about your bad qualities.

You have a good writing style

but this can’t console me over the point

that all these bad qualities you have

are so far away from me.

I want them to be

close to me, you see.

And when I try

to think of them one by one

– your bad qualities as you listed them –

I am concerned

and feel

under pressure

to make my good qualities

at least half as valuable

as your bad ones.

The poet doesn’t love bad qualities, say: sharpness, insecurity, and he doesn’t love provoking natures absolutely. He only loves her sharpness, her insecurity, her provoking nature. Because they are hers. Her tropes.

The picture is one of Catherine Boswell (1936-2015), the woman with the tropes who was one of huge attraction (another trope, no one attracts like any one else) to Fried.

Göttingen 1926

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Es gibt keinen besonderen, externen Grund – etwa ein Jubiläum oder etwas Ähnliches – aus dem ich plötzlich auf das zurückgreife, was am von David Hilbert geführten Institut in Göttingen anno 1926 passierte. Wegen der in Zusammenarbeit mit Hellmuth Milde nach und nach entstehenden Sachen las ich wieder von Neumanns Startschuss der Spieltheorie vom Jahr 1926, den er als damals junger Forschungsassistent bei Hilbert losließ, und außerdem finde ich es wieder verjüngend – ein gezieltes Déjà-vu sozusagen – nach Jahrzehnten als Mittagspausenlektüre meine damalige Einführung in die Prädikatenlogik zu lesen: Hilberts und Ackermanns Grundzüge natürlich… Auf dem Sofa – und wer mich näher kennt, kennt auch die Stelle und die Zeit. Die Grundzüge entstanden 1926. Ob Hilbert, von Neumann und Ackermann auf einem gemeinsamen Sofa saßen und bei einem Käffchen arbeiteten, während sie die Geschicke der Wissenschaft prägten, interessiert mich. Denn historisch gesehen ist das Aufeinandertreffen eines Platon, eines Speusippos und eines Aristoteles selten.

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For no other reasons than some papers to be written with Hellmuth, I read again von Neumann’s ancestral paper on the Theory of Games – written and first presented in Göttingen in 1926. Additionally, it gives me a sense of rejuvenation to read Hilbert’s and Ackermann’s Grundzüge during the midday break – now, for those readers of this blog who see me every day: on the sofa, where else? It was my introduction to predicate logic as a 20-years old, you see…

Like von Neumann’s paper, Hilbert’s and Ackermann’s classic was written in Göttingen in 1926. I fancy imagining the three of them on the same sofa with a coffee. I find the picture remarkable. Historical situations which resemble having Plato, Speusippus and Aristotle on one and the same spot are very rare.