Notre – et leur – Dame

Scroll for English after this Latin text and my German comments to it

Similitudo [fundamenti fidei et aedificii] attendi quantum ad duo: scilicet quantum ad ordinem, quia fundamentum praecedit alias partes; et etiam quantum ad virtutem fundamenti, quia fundamentum totum aedificium sustentat: quorum utrumque per similitudinem in fide invenitur: quia ipsa omnibus aliis naturaliter prior est, et aliae in ipsa firmantur.

Als Thomas von Aquin, damals noch angehender sententiarius in Paris, obige Worte in lib. 3, distinctio 23, quaestio 2, art. 5, ad 2, seines Sentenzenkommentars schrieb, war die Notre-Dame in unfertigem Zustand, ungefähr so wie heute, nach dem gestrigen Feuer.

Ob die Analogie zwischen Tiefbau für die Statik und Grundlagen des Glaubens, die der doctor angelicus hier zieht, noch im Fall des Notre-Dame-Brandes gilt, bin ich mir unsicher.

Die Pariser Kathedrale steht zwar noch, also bleibt auch der Glaube beschädigt aber erhalten. Doch welcher Glaube? Was man zu Notre Dame seit gestern in den Medien liest, sind unbeholfene Erläuterungen des Wertes der Kirche mit Bezug auf jährliche Besucherzahlen und auf Kultur (welche genau in einer multikulturellen Stadt?) – Bezugnahmen, die auch die traditionell antiklerikale Presse durchaus zu machen weiß.

Ich finde die Erwähnung dieser 13 Millionen Touristen im Jahr fehl am Platz, weil sie eine chronische Entweihung der Kathedrale als ihren inneren Sinn erscheinen lässt. Als ich zuletzt die Notre-Dame besuchte, lief der Abendgottesdienst. Das Mittelschiff und die Versammlung waren abgetrennt, begafft, mit Fotokamera-Geräuschen gestört; belagert von uns, Touristen, und unseren leeren Augen. Wenig anders als sich ein Christ in der Hagia Sophia fühlt: geschundenes Christentum. In anderen Ländern, ich denke dabei an Italien und Griechenland, ist während des Gottesdienstes keine Besichtigung möglich.

Trotz des offenbaren Unwissens des weiten Publikums darüber, was das im Innersten ist, was Präsident Macron “einen brennenden Teil von uns selbst” nannte, gibt es im säkularen Teil der französischen Gesellschaft einen Funken des Kulturkatholizismus. OK, nächstes Thema…I know, what follows is Latin but this is where speakers of English should begin reading

Similitudo [fundamenti fidei et aedificii] attendi quantum ad duo: scilicet quantum ad ordinem, quia fundamentum praecedit alias partes; et etiam quantum ad virtutem fundamenti, quia fundamentum totum aedificium sustentat: quorum utrumque per similitudinem in fide invenitur: quia ipsa omnibus aliis naturaliter prior est, et aliae in ipsa firmantur,

says Thomas Aquinas in his Commentary on Lombard’s Sentences, lib. 3, distinctio 23, quaestio 2, art. 5, ad 2.

The Notre-Dame stood there when St. Thomas, still a young scholar in Paris, wrote these words – still unfinished as it is again since yesterday’s fire.

However, it is unclear to me in which extent Aquinas’s analogy between the foundation of the faith on one hand and the fundament of the building that survives damages on the other holds in respect to the public’s reactions to the fire that destroyed a part of the Notre-Dame of Paris yesterday. The first words one has been able to read in the media since yesterday, is about the millions of tourists visiting the cathedral and its being iconic for culture (which one, I ask myself: France is a big multicultural country). As if the tourists who have constantly desecrated the cathedral, had been its justification…

I visited the Notre-Dame two months ago. The vesper was being celebrated. The middle ship with the body of the church was divided from us, empty-eyed tourists, who were talking loudly and strolling around. I didn’t quite feel where the difference from the Hagia Sophia lay, the Byzantine cathedral today. The feeling was: Christianity disdained. In Italy and Greece it is impossible to do sight-seeing during the liturgy.

Nevertheless, in the whole ignorance of the big public for what president Macron called “a burning part of ourselves” a kind of secular catholicism survives even on the front pages of the part of the French press that is traditionally anticlerical. Strange…

Ökoaskese

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Auf den ersten Blick erscheint es sympathisch, das Anliegen, nichts Überregionales zum Essen zu kaufen, auch nicht nach Übersee zum Urlaub zu fliegen. Beides erhöhe die CO2-Emissionen. Erste Hintergedanken kommen erst, wenn man bedenkt, dass dieses Anliegen niemals wegen des Transports (bzw. Exports) von Industrieprodukten laut wird, sondern immer wegen des Transports (wohlgemerkt Imports) von Agrargütern und Dienstleistungen.

Noch mehr Hintergedanken kommen auf, wenn man bedenkt, dass Agrarprodukte und die Dienstleistung Tourismus dort produziert werden, wo Industrieprodukte nicht produziert werden und umgekehrt.

Der Religionsersatz Ökologie ist keineswegs neu. Dazu müsste er im Sinn der Religionssoziologie und -wissenschaft einen Geist ausdrücken, der einen erstmals auftretenden Idealtypus darstellt. Aber hier ist ja der Geist der alte protektionistische Frühkapitalismus von Industrienationen. Webersche, protestantisch-innerweltasketische Momente treten dabei gehäuft auf.

Ich finde das mehr als nur altmodisch.

Frühling ist in der Luft – was soll’s… Ich will mich genausowenig darüber auslassen wie die deskriptive Ebene verlassen…

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The arguments in favour of these two closely interconnected desiderates: to avoid travels by plane and to buy food only from the region in which one lives, sound sound. The main premise is the reduction of carbon-dioxide emissions.

I hope though that the arguments in favour of train travels and apples will start appearing fishy to you as they did to me once you recall that the desiderates are directed against the transport (i.e. import) of exotic food and services like tourism, never against the transport (NB an export) of industrial goods.

And they’ll even smell fishier once you keep in mind that the former are typically produced where the latter are not produced and vice versa.

Ecology, in its evolvement as a religious ersatz, has, as one sees, features of a Weberian inner-worldly asceticism reminiscent of protestant ethics that is by no means a new ideal type. It wouldn’t be the first time protectionist capitalism has religious and ideological allures.

But while only few days remain for April to come, it’s foolish to grouse and to depart from the descriptive level. Or isn’t it?

Chance et coïncidence ou: Zufall und Zufall

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Vorletzte Woche bestellte ich bei abebooks zwei Bücher von Kostas Papaioannou. Das eine ist sein Buch über orthodoxe Ikonen, denn der griechische, halbgriechische, was-auch-immer Pariser Achtundsechziger muss zu Wort kommen in meinem Philosophie-Beitrag für das Handbook zum Orthodoxen Christentum, das bei Kohlhammer erscheinen soll. Ein Marxist entdeckt die Orthodoxie – ein paar Paragraphen muss ich ihm schon widmen.

Das andere Buch bestellte ich ohne die Absicht, darüber zu schreiben. Es ist Papaioannous Abrechnung mit dem orthodoxen Marxismus. Zweimal Orthodoxie und Papaioannou, Bankdaten eingegeben, abgeschickt… Wann, von wem die Bestellungen haben zugeschickt werden sollen, habe ich nicht behalten.

Dann kam das Wochenende: Faschnachtsferien.

Ferien sind längere Zeiten, die man ohne die Kollegen aushalten soll, was nicht gut ist. Wir, ein paar einheimische und adoptierte Elsässer, beschlossen also, gleich am ersten Feriendienstag essen zu gehen. Genau genommen haben die einheimischen die adoptierten entführt. Bis zur Ankunft wusste ich nicht, wohin die Fahrt ging und bei der Ankunft stellte ich fest, dass ich den Ort nicht kannte.

Rouffach ist einen, ja mehrere Besuche wert wegen der Kirche, wegen der Störche, wegen des Restaurants Caveau de Haxakessel. Der Muskat passte hervorragend zu den Weinbergschnecken, der Spaziergang Richtung Weinberge kam an einem Salon de thé mit Schnecken vorbei… Lange Rede, kurzer Sinn war ich voll des Lobes für dieses Rouffach.

Zu Hause angekommen stelle ich fest, dass Papaioannous Ideologie froide untertags geliefert worden war. Auf der Rückseite der Versandtasche eine Rouffacher Anschrift.

“Welcher Zufall” sagen die deutschen Freunde, “quelle coïncidence” die französischen.

Zufälle sind Ereignisse mit kleinen Wahrscheinlichkeitgraden. Es erscheint aber unmöglich, im Fall des Rouffacher Buches diesen Grad zu bestimmen. Das Problem haben ihrerzeit Keynes und Ramsey festgestellt. Die relative Häufigkeit des Ereignisses, zum ersten Mal ein Buch von Papaioannou von Rouffach zu bekommen just am Tag, an dem der Empfänger erstmals dort war, um Weinbergschnecken zu essen, schätze ich als praktisch gleich null. Gesucht werden soll also eher die relative Häufigkeit des Aufeinanderfolgens zweier weiter gefasster Ereignisse. Ist sie diejenige des Ereignisses, von allen Orten Frankreichs (der Welt?) ausgerechnet von dort etwas zu bekommen, wo man zufällig war? Kommt der epistemische Umstand hinzu, am Rande mitbekommen zu haben, es gebe eine Buchhandlung an einem Ort namens Rouffach, egal wo in Frankreich und das vergessen zu haben? Selbst wenn das zu beantworten wäre: Die Tatsache, ausgerechnet dort zu sein, von wo man etwas bekommt, ist eine umgangssprachliche Wendung von der nicht bekannt ist, welcher Zuordnung von Funktionswerten zu welcher Funktion sie am ehesten entspricht – und zwar egal, ob diese Werte Häufigkeiten oder Grade der Bereitschaft sind, etwas zu glauben.

Wie man sieht, ist es nicht leicht, von Zufall zu sprechen, weil sich dann die Frage aufdrängt, wie groß der Zufall ist. Aber man kann von Koinzidenz sprechen. Eine Koinzidenz ist nicht zu erklären und das ist gut so. Dass es etwa eine Koinzidenz gewesen wäre, als Christi Jünger dermaßen stark an die Auferstehung glaubten, dass sie bereit waren, ihr Leben lieber zu verlieren, als sie zu leugnen, würde den ganzen Wind aus dem Segel eines sehr mächtigen Arguments Swinburnes nehmen und das obwohl damit nicht gesagt worden wäre, dass es wahrscheinlich war, dass sie an eine Auferstehung glaubten. Von einem extremen Zufall dagegen zu reden, macht erst auf diese Jünger aufmerksam. Denn Zufälle sind schwer und meistens bayesianisch erklärbar und das ist manchmal nicht gut so, weil kompliziert.

Ich unterstelle Carnap, Chancen als einen wissenschaftlichen, quantitativen Begriff mit einem Wahrscheinlichkeitsgrad beziffern zu wollen, weil er in seinem deutschen Hinterkopf das Wort “Zufall” hatte, den Latinismus “Koinzidenz” dagegen als klassifikatorischen, vorwissenschaftlichen Begriff verwarf.

Trotzdem ist der vorwissenschaftliche Begriff im Fall des Rouffacher Buches besser zu gebrauchen. Es bleibt eine Frage, ob er auch im Fall der Einstellung der Jünger die bessere Option ist.

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Two weeks ago, I ordered in abebooks two books by Kostas Papaioannou. The one was his book on orthodox icons. I thought that the Greek-French Marxist should be dedicated a couple of paragraphs in my contribution on philosophy in an orthodox Christian context in the Handbook of Orthodox Christianity to be published by Kohlhammer. Leftist guy in the late-60s Paris discovers the confession of his parents – it does sound appealing. The other book was Papaioannou’s j’accuse of orthodox Marxism. Two books concerning two different meanings of orthodoxy by one author, two bookstores whose names I forgot in the next second, bank data, off we go, what’s next?

Few hours later, I had even forgotten I had ordered the books. The next day was the beginning of the carnival holidays.

Holidays are rather long periods of time to be spent without colleagues and this is not always a good thing. We managed to reduce the damage by having this “colleagues and wine and escargots” thing: Alsatians by birth take out the faculty’s Alsatians by adoption to a place the former choose and the latter are left in the dark about until arrival.

Rouffach turned out to be worth a visit, or rather many visits because of its cathedral, its storks, the restaurant Caveau de Haxakessel. The muscat was a perfect fit to the escargots, the walk towards the vineyards came by a salon de thé… Long story short, I was enthusiastic about the place named – what’s it’s name again? Oh, yes – Rouffach.

Back home I see an envelope on my desk. I unpack Papaioannou’s Ideologie froide out of it, proceed to dump the envelope when I realise that it had been sent to me from the place I just returned from: Rouffach.

Welcher Zufall” say the German friends, “quelle coïncidence” the French.

A “zufall” (pronounced: “tsu-fall” with an “all” like in “alley”) is an unlikely event. Unlikely events have low grades of probability. In the case of the Rouffach book it is impossible though to calculate this grade in a way that is accurate and raises no doubts concerning its adequacy. As Keynes and Ramsey found out ages ago, the relative frequency of the event won’t do. For one thing, if one describes the event to be an individual fact (e.g. the fact of being sent from Rouffach a book by Papaioannou on the day you’ve been there for your first time to eat escargots), the chances equal zero. If the relative frequency is the one of a fact more loosely described (e.g. to receive a book sent to you from all places – of France? of the globe? – to where you unknowingly have been taken), the question arises whether epistemic states enter the calculation, e.g. the fact that I had forgotten about the order when I visited Rouffach.

Having been there on the day you receive a book from there is an expression in ordinary language and you don’t know which formal expression depicts the thought best. You can have relative frequencies or grades of willingness to accept betting odds as values of the function the formal expression expresses but the difficulty remains as long as you understand coincidence as chances.

If you simply understand it as coincidence though, all the humbug vanishes.

Imagine Richard Swinburne’s argument that the disciples as direct witnesses of Jesus’s appearances after His death must have been persuaded that it was Jesus who came to them because otherwise they wouldn’t be sacrificing themselves instead of denying Jesus. Since he understands the chances of the disciples to act in this certain way as odds, he takes them to be very low, from which he, by Bayes’s law, infers that Jesus’s appearances must have been difficult to deny. Now, take “chances” here to mean “coincidence”. The whole magic disappears. Coincidences are just individual events following other individual events for no reason and no betting odds.

Carnap saw chance as “zufall“: a scientific, quantitative concept. It appears that coincidence, the prescientific classificatory concept, fits better to express events like the Rouffach book. The big question is if it is also good enough for the disciples’ attitude towards Jesus’s resurrection.

Philosophia theologica – mox ventura

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Die neue Reihe des Philosophia-Verlags mit einem Teilschwerpunkt analytische Theologie wird bald nach etwas Wohlfeilen am ersten Band eingeweiht. Meine Aufgabe ist hier erledigt, nur noch Layout-Fragen bleiben übrig; auch Verhandlungen darüber, ob Dudens kleingeschriebenes “christlich” zu wenig ist.

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Like everything in Philosophia Publishers it will be a series with German and English monographs. The first book – forthcoming after minor corrections, my job is done – just happened to be in German.

From my side, there will be an interest to have analytic theology in the series. Stay tuned!

Proud of her

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Ich weiß, dass ich meiner Tochter eine christliche Zuversicht nahelegen soll. Aber gleichzeitig bin ich Grieche. Deshalb bin ich auch auf Nichtchristliches stolz.

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My daughter says that life’s not just. I know that I have to give her a Christian education. But I’m also happy for every piece of Greekness in her…