Lovin’ and analyzin’

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Benni Andrae, der neuerdings Philosophia Verlag übernahm, wird nicht müde zu betonen, dass die Sprachanalyse sich außerstande zeigt, Texte zu produzieren, die für das Leben eines Individuums relevant sind. Die analytische Philosophie bleibt gelehrt, in manchen Fällen genial als Instrument zur Entdeckung der Grenzen der Erkenntnis oder des Entscheidens, aber ihre praktische Anwendung in beiden Bedeutungen des Wortes “praktisch” (auf die Frage “Was soll ich tun” antwortend sowie nützlich) ist zweifelhaft.

Dazu imstande wäre sie allerdings durchaus. Es sind eher die Peer-Review-Kultur und die neopositivistische Erbsünde, die sie davon abhalten, eine Anleitung zum Glück oder zu weniger Unglück zu sein.

Ausnahmen sind vorhanden. Hier gibt es etwa ein analytisches Argument, wonach Tinder und Elitepartner vertraut werden soll, wenn sie eine Person als die bessere Wahl suggerieren denn eine andere. Hier wiederum ist mein Argument für die Behauptung, dass Dating-Apps genauso zu vertrauen sind wie das Würfelwerfen oder die Intuition. Die grundlegende Annahme hierzu lautet, dass die Schlussfolgerung, die zu einer Entscheidung führt, im echten Leben oft nichtmonoton ist.

Darüber hinaus habe ich ein neues Argument, wonach das Aufeinandertreffen von Personen per Dating-App höchstwahrscheinlich unpassende Paare erzeugt.

Wenn Frauen mit Blick auf die externen Qualitäten der Kandidaten die Datenbank nach Männern durchforsten, die jünger sind als sie selber (ich weiß Jungs: Das tut weh!) und Männer mit Blick auf die externen Qualitäten der Kandidatinnen die Datenbank nach Frauen durchforsten, die ebenfalls jünger sind als sie selber (die Damen können hämisch sagen, die Männer täten gut daran, erfahrene Frauen zu wählen, die bei einem Herzinfarkt Ruhe bewahren und Hilfe holen, aber die Häme ändert die Tatsache nicht), dann besteht eine absolute Sicherheit, dass Männer wie Frauen mit höchstens ihrer zweiten…

…dritten…

…vierten…

Wahl vorliebnehmen. Oder mit einer noch niedrigeren.

Beweis: Es ist eine analytische, jedenfalls eine mathematische Wahrheit, dass niemand jünger als irgendein jüngerer “Seelenverwandter” oder irgendeine andere jüngere Person sein kann.

Außerdem stellt der Versuch, die Eigenschaften einer Person zu lieben, einen Kategorienfehler dar. Die “Liebe” von Eigenschaften (etwa Reichsein, Fleischigelippenhaben, Tranquilité) ist kein legitimer Gebrauch des Wortes “Liebe”. Liebhaber im durch Jahrtausende tradierten Sinn des Wortes lieben auch die Imperfektionen und Laster der geliebten Person. Wir lieben natürlich die Tugenden auch, was uns zum Glauben verleiten kann, dass wir vordergründig die Tugenden der geliebten Person lieben. Das Wort “vordergründig” ist hier hervorzuheben. Denn vordergründig lieben wir die Person.

Dem zu Folge sollte man unabhängig von den Eigenschaften daten. Und zwar ohne die Dating-Apps.

Es gibt sie, die lebensverändernde Sprachanalyse. Man muss ihr nur eine Chance geben.

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Benni Andrae of Philosophia Publishers deplores the fact that analytic philosophy, despite providing erudite or brilliant analysing of the limits of knowledge or decision making, normally remains irrelevant for the way individuals conduct their lives. It almost never gives one practical advice – and I mean “practical” in both senses of the word: towards happiness and useful.

In fact, analytic philosophy would be fully capable of supporting happiness and rationality in everyday life. For a series of reasons, however – the peer-review culture, the neopositivistic background which is, alas, still existent – it normally doesn’t.

E.g. here is an analytic argument for you to trust Tinder and Elitepartner when they suggest you to accept a person as a soulmate because their algorithm says so, and, in contrast, here is my argument that you could trust them as much as your intuition towards the girl or the boy you met in the supermarket, since decision-making is nonmonotonic.

And I even have a new argument that dating sites are totally crap! Here it is:

Women seeking (let’s face it guys!) for a younger lover in virtue of external properties and men seeking (you’re not alone, ladies!) for a younger piece of flesh in their beds also in virtue of external properties, results to no matches unless someone opts for a second…

…third…

…fourth…

…etc…

choice.

You see, it’s an analytic, indeed a mathematical truth that you can’t be younger than your younger “soulmate”.

Additionally, loving a person’s properties is a category mistake. “Loving” properties (“Has money”; “Has fleshy lips”, “Enables tranquility” etc.) is not a legitimate usage of the word “loving”. Because, obviously, one loves even the vices and imperfections of the beloved. Trivially, one also loves the virtues of the beloved too, which could mislead you to think that you love primarily the virtues. “Primarily” is here the crucial word. Well, primarily the lover loves the person. Virtues are abstract concepts. You don’t love abstract concepts, do you?

Which, in its turn, means that you should meet persons independently of their properties. Without the dating apps.

As you see, there is a life-changing linguistic analysis. It only has to be given a chance.

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Such a perfect sec

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Leonidas Pantelides, der sehr bekannt als Diplomat ist und genauso bekannt als Philosoph zu sein verdient, macht die Natur der Zeit durch González-Torres’ Installation Perfect Lovers deutlich. Die Zeit ist das gemeinsame Uhrticken und das Uhrticken auf dieselbe Sekunde. González-Torres wollte mit seiner Installation kein Sinnbild für die Zeit, sondern eines für die Liebe schaffen. Salopp ausgedrückt, reicht es nicht, wenn die Liebenden eine halbe Stunde nach dem Mittagessen Lust verspüren. Wenn sie zu verschiedenen Zeiten essen, finden sie nicht zueinander.

Irgendwann geraten die Uhren der Installation aus dem Rhythmus. So wie tatsächliche Liebhaber auch. Es gibt Tobi Wongs Replik der Installation von González-Torres, wo die Uhren mit der Atomuhr des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums synchronisiert sind. Es gibt auch Cerith Wyn Evans’ Version für untreue Paare.

Leonidas P., der Freund, der Denker, hat Recht. Die Uhren sind sinnbildlich für die Zeit, nicht für die Liebe. Gleichzeitigkeit ist um so mehr garantiert, je mehr Uhren nebeneinander funktionieren. Für den Begriff Liebe ist allerdings meine concept-art-Version von Perfect Lovers die repräsentativste. Zu finden ist sie nach dem englischen Text, der hierauf folgt.

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Leonidas Pantelides, a well-known diplomat who deserves at least equal fame as a philosopher, gladly uses González-Torres’s installation Perfect Lovers to explain the nature of time. Time is a pace of ticking, and the ticking of the same second. González-Torres‘s intention was to symbolise love, not time. A blunt example would be lust. Lovers may have it thirty minutes after lunch, but if they had lunch in different moments, they are not lovers of one another.

At some point, one of the clocks of the installation gets off the pace. Which is something that can happen between lovers too. Tobi Wong’s replica of González-Torres‘s installation is synchronised with the atomic clock of the US defense ministry. Cerith Wyn Evans made a version for unfaithful partners.

Leonidas P., the friend, the thinker, is right, you see. The more clocks you have, the more certain you can be for having the correct time. But I have my own concept-art installation, in fact a version of González-Torres‘s, to depict love. Here you are:

Jean le logicien

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Als ich im Psychologiestudium Piaget gelesen habe, war es mir wie wohl jedem klar, dass er die kognitive Entwicklung in den Mittelpunkt stellt; dass er jede andere Entwicklung als Vorübung zum abstrakt-logischen Denken auffasst. Eine sensomotorische Intelligenz attestiert er z.B. elf Monate alten Säuglingen, wenn sie ihr verstecktes Spielzeug wiederfinden, wofür sie sowohl ein Kissen als auch ein darunter liegendes Tuch entfernen. Alles gut, dann ist wohl das folgerichtige Denken für die Sprache grundlegend und nicht umgekehrt, obwohl es wie die Sprache irgendwann feinjustiert und kultiviert werden muss.

Etwas wird mir allerdings erst jetzt klar: Dass Piaget vielmehr das Logische als einen genetischen Plan der Natur im Menschen betrachtet. Die Logik wäre genetisch bedingt. Als Zwanzigjährigem hat mir wohl die logische Übung gefehlt, um zu sehen, dass diese Schlussfolgerung umstritten ist. Wie habe ich es mir damals vorgestellt? Die Logik ist ein universelles Regelwerk und der Mensch hat sich im Zuge der Evolution so gebildet, um diesem Regelwerk zu entsprechen? Zum Glück so? Wahrscheinlich so etwas…

Nach den neuesten Entwicklungen der parakonsistenten Logik, auch der Beobachtung, dass nichtmonotone Entscheidungsprozesse mehrheitsfähig sind, ist jede Verankerung der Logik im genetischen Bauplan des Menschen heute indiskutabel.

Unser Bauplan gibt in der Regel Ende der Pubertät das vor, was wir heute klassische Logik nennen. Aber es gibt Unregelmäßigkeiten in der Welt sowie Menschen, die über den Tellerrand des Bauplans gucken.

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In much earlier days, as a student of psychology, I used to read Piaget to understand him like anyone else, I suppose. As someone who saw cognitive development as the main tenet of being human. Every other development serves the final emerging of abstract logical thinking. E.g. Piaget sees in an eleven-months-old’s rediscovery of a hidden toy which is under a cloth under a cushion (the baby has to remove two things to find the toy) a sensomotor intelligence.

Only now, however, I realise that Piaget saw himself as a scholar of logic too. And as one who saw classical logic as a genetically determined blueprint of the human mind; one that is more basic than language; one however which, like language, has to be fine-tuned and cultivated.

As a tween, I probably lacked the logical training to show me that Piaget’s thesis is highly debatable. What was my idea of it? Logic is a universal system and homo sapiens have discovered it as their evolutionary advantage? Phew, that was close, otherwise we wouldn’t be human beings? Probably something like this.

After the newest developments of paraconsistent logic and the discovery that a majority of individuals often classically misbehave by following nonmonotonic or boundedly rational patterns of thinking, a grounding of logic in our genetic blueprint cannot be taken seriously.

Our blueprint might result to a classically logical thinking at some point in adolescence, but the exceptions are many and there are people who think out of the box exploring these exceptions.

Detention

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Es ist bitter, hinter Gittern zu sitzen.

Noch bitterer ist es allerdings, aus Angst festzustehen, etwas nass zu werden.

Meine Entwicklungspsychologie-Lehrveranstaltung an der Alanus Hochschule, Campus Mannheim, wird unter anderem dem Begriff des emotionalen Gepäcks und seinem Ursprung im Kindesalter Rechnung tragen.

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Being imprisoned because you are behind bars, is bitter.

Being imprisoned out of fear to be a bit wet, is much more bitter.

Among others, my classes in developmental psychology at Alanus University, Mannheim Campus, are to give an account of the concept of emotional baggage and its origin in childhood.

Una furtiva lagrima

The case of Donizetti appropriated by Loizos:

…as well as the case of Mozart appropriated by Hatzidakis:

…show that for Greeks in the 70s, their pop tears appeared to be classical tears. Which is maybe a case for music without boundaries. Or a case for postmodernism. Or a case for plagiarism. Or a case for cultural transfer.

There are many ways you can understand a Greek’s passion to expropriate or to appropriate. In the Odyssey, Autolykos, Odysseus’ grandfather, is praised (praised!) to be the best of mankind in stealing. I suppose that there are issues of nationality there.

Arguably though, passion simpliciter has no nationality.

La première et la dernière fois

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Man weiß immer, wann es das erste Mal war. Niemals allerdings, wann es das letzte Mal sein wird, solange futura contingentia betroffen sind.

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We always know when it was the first time. But almost never when it’ll turn out to be the last, as long as the event in question is a future contingent.

The most important titles

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Einen Magister in Geschichte hat er, ferner den Mut zu zeigen gehabt, dass die Liebe wichtiger als Konventionen und die öffentliche Meinung ist; das nordgriechische Kloster liebt er, das ich für das Paradies auf Erden halte, seine Großmutter väterlicherseits war, Höfling hin oder her, bereits eine orthodoxe Nonne.

Ich bin natürlich kein Monarchist geworden. Wenn die staatsmännische Haupttugend allerdings à la Machiavelli darin besteht, einfach da zu sein, dann verkörpert Charles III. bereits jetzt, ohne irgendwas gemacht zu haben, bloß durch seine Existenz, eine Emanzipation, die viele Nichtkonservative nicht zu fordern wagen.

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He is an MA in history, he had the courage to show that love is more important than conventions and publicity, he is fond of the Northern Greek monastery that I believe to be a paradise on Earth. Already his paternal grandmother was an orthodox nun in spite of every protocol.

I didn’t become a monarchist, of course. But if the statesman’s main role is – Machiavellistically – just to exist, to just be there, Charles III already, without doing anything, incorporates an emancipation which many nonconservatives do not dare request for themselves.

Romanticism as ecstasy. The one you buy, not the one your heart gives you.

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Sie ruft an, unsere Ältere, um mir ihre letzte Entdeckung zu zeigen. Es ist Sonntag, 10 Uhr vormittags, ich bin unrasiert und muss feststellen, dass Mortimers Buch vielversprechend klingt. Die Romantik war, um Marx aus einem anderen Kontext zu übertragen, “das Gemüt einer herzlosen Welt”, ohne allerdings die religiösen Allüren. Naja… Nicht ganz ohne. Die Romantik ist eine quasireligiöse Projektion einer vermeintlichen Ekstase auf Menschen, die sich einerseits im marxistischen Sinn prostituieren mussten, andererseits es gern hätten, dass der Teil ihres Lebens ohne Prostitution doch noch dasjenige ist, das zählt.

Mit der verklärenden Funktion der Romantik im Hinterkopf ist es sehr gut, über das echte Leben des georgianischen Zeitalters zu lesen.

Die Erwartung einer Belohnung nach dem Leben ist mit Marx sehr gut verständlich. Ein billiges Opiumersatz fürs Volk. À la Marx lässt Mortimer einen einsehen, dass die Romantik ein Ecstasyersatz für diejenigen war, die ein billiges Leben führen mussten.

Byron kam vor fast genau zwei Jahrhunderten nach Griechenland, um sich unglücklich zu verlieben und schließlich als Verteidiger des revoltierten Missolonghi zu verhungern. Er hat am eigenen Leib gespürt, dass das berechtigende Leben dasjenige ist, das man lebt; nicht dasjenige, dass man gelebt hätte, wenn…

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When our eldest daughter calls me to tell me about her last discovery it’s Sunday, 10 am CET. I’m not shaved. As she describes it to me, Mortimer’s book is a promising read. Romanticism is, to cite Marx in another context: “the heart of a heartless world”, but without the religious element. Not quite… Romanticism is a quasi religious projection of an alleged life that people who prostituted themselves (in Marx’s sense) failed to get.

Bearing this in mind, if you read about what real life was like in Georgian England can be sobering.

You can understand your expectation of an afterworld when you read Marx. A cheap surrogate for opium for simple people who sell themselves. Mortimer would be an author to make one understand romanticism: A cheap surrogate of ecstasy for those who preferred to live a predictable life instead of being really ecstatic.

Byron came to Greece two centuries ago to fall in desperate and unreturned love and to fall – period – in Mesolongi. There at the latest he must have noticed that it’s the life that you live that counts, not the one you would have lived if…

Wahrnehmung und Erfahrung

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Erfahrung ist das Gemeinsame einer Anzahl von Wahrnehmungen plus Vorkenntnisse. Was das Letzte anbetrifft: Ich gehe davon aus, dass dieser Baum für mich völlig andere Assoziationen hervorruft als für meine Leserschaft.

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You experience the common elements of your perceptions plus your preconceptions. Concerning that last: I take it that this tree bears memories for me that it doesn’t for you.

The summer gave and the summer has taken away

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Noch eine eigene Übersetzung. Es ist Sommer, es ist vorbei. Odysseas Elytis (Literaturnobelpreis 1979), Alles mit dem Sommer hinweggerafft, aus dem Zyklus Die Rhos des Eros (1973):

ALLES MIT DEM SOMMER HINWEGGERAFFT

Alles mit dem Sommer hinweggerafft:

zerzaustes Haar an den Meereswellen;

Termin um eins, uns zu gesellen.

Alles mit dem Sommer hinweggerafft:

die schwarzen Augen, am Hals ein Tuch,

und die Kapelle mit dem Gebetsbuch.

Alles mit dem Sommer hinweggerafft:

die halben Worte, die verschluckten;

die Bootssegel, die missglückten.

In Schaum und Spritzern und Meeresalgen

raffte er alles hinweg und fegte

den Schwur, der im Wind erbebte.

Alles mit dem Sommer hinweggerafft,

auch unsere Hände, einander in Haft.

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One more translation of my own. It’s summer. It’s over. Odysseas Elytis (Nobel prize for literature 1979), The Summer Has Taken It All away, from the poetry collection The Rhos of Eros (1973):

THE SUMMER HAS TAKEN IT ALL AWAY

The summer has taken it all away,

Your windswept hair at the waves of the sea,

Our date at one, you and me.

The summer has taken it all away,

Your black eyes and the scarf to fit,

The little chapel, the candle we lit.

The summer has taken it all away,

Us, hand in hand, going astray.

The summer has taken it all away,

The half words, those which rather faded,

The boat sails, deteriorated.

From the spray of the foam and the algae

It took everything, as it were,

The oaths that trembled in the air.

The summer has taken it all away,

Us, hand in hand, going astray.