Realità aperta

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Strauß und Fahrkarte auf Entwerteautomat würde das Bild heißen, wenn es eine Installation wäre.

Da es sich aber dabei um kein Kunstobjekt handelt, entzieht sich die Geschichte dahinter jeder Interpretation ohne Kausalbeziehungen. Wer hat den Blumenstrauß gekauft? Für wen? Warum lässt ihn diese Person samt Karte zurück, dass jeder samt Strauß nach Liestal kann?

Das dürfte eine traurige Geschichte sein. Zum Glück weiß ich nichts darüber.

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Enough with scrolling

If the picture above showed an installation, the title would be Flowers and Ticket on Stamping Machine.

Since it is not a piece of art though, any attempt to understand must be by means of causation. Who bought the flowers? For whom? Why does this person leave the flowers and a ticket to the neighbouring canton behind?

I believe that the story behind this gesture is a sad one. Fortunately, I don’t know more.

Vom Münchner Hauptbahnhof und von Blau: Ulrich Blau

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Kurzbesuch in München. Nach Jahren. Die Zentralhalle des Hauptbahnhofs – abgerissen. Endlich! Diese Fassade erinnerte mich an schlechte Momente meines Lebens.

Privation ist der Fall, wenn etwas vermisst wird. Es ist kein Fall der Privation, wenn etwas einfach nicht da ist. Offenbar vermisse ich die Zentralhalle nicht. Allerdings vermisse ich irgendeine Zentralhalle, denn ohne Zentralhalle gibt es z.B. weniger Geschäfte und einen schlechteren Zugang zu den Gleisen. Nun ist es bei den Negationen so: Wenn keine Zentralhalle da ist, dann ist die alte auch nicht da. Bei den Privationen ist diese Implikation nicht gegeben: wenn ich irgendeine Zentralhalle vermisse, muss ich nicht unbedingt die alte vermissen.

Habe ich gerade ein Gegenbeispiel zu Blaus Dreiwertiger Logik der Sprache entdeckt? Wenn ich Recht hier habe, ist die Privation nicht einfach eine “innere Negation” im Sinne Blaus. Trotzdem halte ich Blau für den wichtigsten Münchner Logiker seit Wilhelm von Ockham natürlich… Keine Frage.

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Paid a flying visit to Munich, years after we left. The main building of the Central Station, iconic in its functional facelessness, torn down. I’m so happy they did this. I associated this facade with bad memories.

You are deprived of something only if you miss it. Not simply if it is not there. Obviously then, I am not deprived of the main building of Munich Central. But I did miss the shops and the easy access to the trains when I entered the station from the side. In negative sentences there is an implication here: if there’s not any main building, then the old one is not there either. In privative sentences things seem different: if I am deprived of a main building, I am not eo ipso deprived of the old one.

Is this a counter-example to Blau’s Three-valued Logic of Language? If so, pace Blau, privation is not simply an “inner negation”. Blau remains the most important logician of Munich since Occam, so he can manage the little scratch.

Digital matchmakers

Scroll for English until after the pic. This time the posting is a lungo, not a ristretto.

Wenn ich die Dating- und Partnerschaftsapps wie Tinder, Lovoo, Bumble, Parship etc. erst nach langem Zögern thematisiere, dann ist es wegen der Diskussionsanregungen von Freundinnen und Freunden, die diese nutzen. Ich dachte, dass sie es mir übelnehmen, wenn ich hier Sachen aus unseren persönlichen Gesprächen preisgebe, was schlecht für die Freundschaft wäre. Ein Irrtum, bei dem ich drei Jahre lang verweilte. Jetzt denke ich anders. Sie sollen es mir ruhig übelnehmen.

Eine Online-Bekanntschaftsherstellung erfolgt über die Angabe von Eigenschaften: “Brünette, 45jährig, finanziell abgesichert usw.”, im Grunde also nicht anders als die Bekanntschaftsanzeigen in einer Zeitung oder im Dorf durch den Kuppler (“Ich kann mir vorstellen, dass ihr ein passendes Paar wärt von dem her, was sie will und was du willst”), allerdings mit größeren Möglichkeiten zum Eruieren, zum Herstellen von möglichst großen mengentheoretischen Schnitten der Vorlieben zweier beliebiger Personen im Bereich der mehrstelligen Kombinatorikrechnung, mit Fotos usw.

Fotos sind natürlich etwas, was in den Spalten einer Zeitung nur zu teuer wären, aber sind sie wirklich nützlich? Meine Leserschaft sollte versuchen, ein Foto von mir im Internet zu finden, wo ich müde aussehe. Ich behaupte, dass es keines gibt. Mehr Daten viel billiger also, aber der Date ist deshalb nicht unbedingt empfehlenswerter. Mehr Daten ermöglichen hier und da einen “Persönlichkeitstest”. Die Lächerlichkeit der Behauptung allein, ein paar Fragen könnten die “Persönlichkeit” beleuchten, muss zwar diejenigen als Nutzer abschrecken, die ein halbwegs seriöses Psychologiestudium hinter sich haben, aber diese Zielgruppe ist wohl sehr klein. Es bleibt aus Sicht der Logik der Sache, dass die Nutzer höchstens Eigenschaften angeben, die das eigene Selbstbild wiedergeben, das also, was man selber sein will (aber: ich würde bezweifeln, dass “Grieche” oder “blond” genaue Angaben sind; geschweige denn “kinderlieb” oder “humorvoll”); gleichzeitig das, worauf man denkt, Wert zu legen. Dabei hätte ich von den Eigenschaften meiner Frau viele schon damals als unerwünscht angegeben – bloß im Nachhinein haben sie mich gereizt. Gewiss, nicht die ideale Beziehung und Ehe, allerdings eine, die ein Vierteljahrhundertlang hielt.

Aber es gibt wohl Menschen, die gerade für die Ehe eher Ruhe als Leidenschaft und Herausforderung schätzen und letztere lieber ohne Bindung suchen. Würde ich für solche Gemüter die Partnerschaftsonlinedienste nicht als eine gute Alternative bezeichnen? Ich meine, außerhalb des Klosterlebens und im Sinne behaltend, dass “Lebenspartner” eine Teilmenge von “Sexualpartner” ist?

Nun, auch nicht! In sehr vielen Situationen ist stichhaltiges Schließen nichtmonoton. Rote Schuhe finde ich etwa toll, Sportschuhe auch, aber mit roten Sportschuhen kann man mich jagen. Es ist vorstellbar, dass jemand ein mundartliches Deutsch beim Partner als erwünscht angibt und ebenso eine explizite Sprache im Bett, aber die Verbindung von Mundart und Liebesgeflüster als abtörnend empfindet. Der Tinder- oder Parship-Algorithmus würde nun im Sinne der klassischen, monotonen deduktiven Logik vielzuviele mundartliche Dirtytalker rausspucken, sobald der Nutzer “Mundart” und “Dirty Talk” als prinzipiell erwünscht angibt. Frage also: Selbst wenn ich nicht die große Leidenschaft für die Andere oder den Anderen haben will, sondern ein einfaches Erlebnis oder Leben mit irgendeiner Person mit vorgegebenen Eigenschaften: Kann ich eine im Sinne des monotonen Schließens entstandene Treffermenge als nützlich ansehen? Wohl kaum.

Praktische Menschen würden mir hier entgegnen: “Du musst die Leute sowieso daten, treffen, erleben”. Ja, wunderbar; das weiß ich natürlich selber. Wenn jedoch die erhoffte Erhöhung der Chancen, den Richtigen oder die Richtige kennenzulernen, nicht aufgrund des monotonen Schließens gewährleistet werden kann, warum soll ich’s bei einer deduktiv-monoton entstandenen Datenbasis erst überhaupt versuchen? Um einen Kompromiss auf dieser schlechten Basis zu machen? Warum nicht auf irgendeiner anderen Basis?

Abgesehen von der Zuverlässigkeit des Eigenschaftenangebens für die Eingrenzung der Kandidatenmenge, sind sehr große Zweifel daran zu hegen, ob Eigenschaften in Sachen Liebe (naja: “wahre Liebe” wie man sagt) überhaupt aussagekräftig sind. Vielleicht begreift die Liebe – bekanntlich blind – nur individuelle Eigenschaften, Tropen also, und keine Eigenschaften im traditionellen Sinn. Manuelas betörender Blick, wenn sie sagt “Meinst du das ernst?” kann mich bei Adele stören. Nach allgemeinem Verständnis ist es nicht die Kombination von Eigenschaften, in was man sich verliebt, sondern der Träger derselben – d.h. es gibt, so eine versteckte Annahme, wenn man von Liebe spricht, einen Träger, eine quidditas. Indem ich das außer Acht lasse, lasse ich mich auf Dates per Kupplerapp ein, bei denen die Kandidatenmenge aus Adeles und nicht aus Manuelas besteht.

Ich bezweifle nicht, dass Kupplergeschäfte gut funktionieren können. Ich bezweifle, dass sie der philosophischen Grammatik des Wortes “Liebe” genügen. Mein Hauptzeuge ist die zugrundeliegende Logik und Ontologie: die Nichtmonotonität unserer Gedankengänge und die Tropen.

Heirate die Frau, nicht was ihr eigen ist

war ein altgriechisches Sprichwort. Heute wird es im Neugriechischen nicht mehr benutzt, weil der altgriechische Imperativ für “heirate” im Neugriechischen obszön ist. Tja, “gamei” bedeutet im heutigen Griechisch “Hab’ Geschlechtsverkehr”. Ich würde jedenfalls das Sprichwort unter der neuen Bedeutung weiter gelten lassen.

Ein weiterer Grund gegen die digitalen Kuppler ist eine Klugheitsangelegenheit: Im sehr wahrscheinlichen Fall, wo die Nutzer deshalb auf die Liebessucherdatenbanken zurückgreifen, weil sie analog, in der wahren Welt, in ihrer Umgebung, Gefühle für eine Person haben, die diese nicht erwidert, oder auch einfach Gefühle, die aus Zaghaftigkeit heimlich bleiben, sind beide über Parship etc. Verliebten nur des anderen zweite Wahl; eine in der Not gemachte auch noch. Das ist moralisch nicht verwerflich natürlich, aber die Frage ist, ob man so etwas will. Wie gesagt: eine Frage der Klugheit, nicht der Moral.

Bei unter solchen Voraussetzungen gewonnenen Emotionen von “Liebe” zu reden, ist jedenfalls ein Kategorienfehler.

Aber Halt! Wer bin ich, so ein harsches Urteil zu treffen? Platon stellt im Symposion die Liebe von Eigenschaften einer Klasse von Personen versus Liebe zu dieser einzigartigen Person als die sokratische Haltung. Also dürfte mein Urteil nur für solche Charaktere gültig sein, die Aristophanes’ und Diotimas Genealogien der Liebe ebendaselbst einleuchtender finden: Unerwartet trifft es dich; grundlos auch; sie oder er ist sogar nicht “dein Typ” aber trotzdem: Es gibt was Unerklärliches. Aber was soll’s: wer den Weg zum Glück über Online-Dienste fand, wird sich nicht fragen, ob es das Glück ist. Vielleicht war es nur Glück und keine Planung, aber wer trotzdem das Glück fand, hat keinen Zweifel daran, glücklich zu sein. Sichverlieben ist kein Neujahrsvorsatz. Wer sich tatsächlich verliebt, weiß, ob es der Eros ist oder die Zahl 2019 von hinten fotografiert…

(Ich habe wirklich lange gezögert, das zu posten…)

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It was late in the year 2018 when I had for the first time a discussion on Tinder, Lovoo, Bumble, Parship with friends who used these services. On my way home I was bewildered from the New Year’s decoration in this little French community. It seemed to match the conversation I had just had. I made a picture. Certainly, it wasn’t really the Greek word “eros” but rather the back then new year, which – ridiculously! – had been my contention in the conversation: falling in love is not a matter of a new year’s resolution, let alone one to be facilitated by social media specialised in dating. Back then, I knew only about Parship from its billboards in German train stations: “Fall in love using Parship”. I held this to be a category mistake and I still think so. I have hesitated three years to write this posting. Friends could be offended. Now I made up my mind: they should…

Social media to look for an important other or a sexual partner (the former is, of course, a subcase of the latter) are essentially like traditional matchmaking (“From what I know about you both, you’d be a very good couple”) or like personal ads (“Brunette, 45, good looking, independently wealthy, seeks correspondence…” etc). The possibilities to impress e.g. by adding extra data like pictures, are obviously much bigger now than in previously three lines of a newspaper column, but the idea is the same old one. What is new is only the amount of data. Nevertheless, more data doesn’t mean more enjoyable dates. I see the point with checking pictures, but, come on, do you believe that my pictures on the internet are not an extra selection? I have a challenge for you: try to find one in which I look tired! Big data makes it also possible to offer a personality test, like some sites do, to make matching appear as one on the background of a deeper agreement of characters. But let’s face it: the contention that not only a Mickey-Mouse app but any questionnaire would give you reliable predictions about anyone’s personality is ridiculous to everyone who has had one or two classes of psychology. Obviously this target group is so small that business can continue neglecting it.

The users will mention properties of which they think to be important features of themselves, also what they content to be the demanded features of eligible candidates. But properties as criteria will most probably fail. Is “Greek” a precise property? Is “blond” one? And if these are vague, imagine what happens with properties like “children-loving” or “humorous”. Besides, what we think important for us, is not always what proves to be important. Many of my wife’s properties I found interesting in the course of experimenting and I wouldn’t have indicated them as desirable if back in 1996 it had been possible to contact women via matchmaking platforms. Not the ideal relationship and marriage maybe, but one of a quarter of a century.

However, perhaps one should consider dating apps as an option for those who dislike challenge. Maybe they are Stoics, maybe they cover their need for adventure otherwise. What about them?

Well, the dating apps are arguably not good even for them. In many situations, sound inferring is nonmonotonic. The fact that I generally like red shoes and I also generally like tennis shoes, doesn’t mean that I like red tennis shoes.

The deductive-monotonic algorithm of Tinder and Parship etc. however would present me many pairs of red tennis shoes as long as I enter “red” and “tennis shoes” as generally desirable. Loving Texas and loving dirty talk is not necessarily loving dirty talk in Texan dialect. Obviously and ridiculously, however, every deductive-monotonic algorithm would recommend you Texan dirtytalkers once you indicate Texas and dirty talk as generally desirable. This poses the following question: if I don’t search for the big passion and the immortal love for otherness but simply convenience instead, convenience supposed to be secured if standard properties apply, are the platforms in question at least useful? Well, I dare say not even that. Granted I don’t look for the person who’ll make the formidable showdown in my life but rather someone who incorporates certain properties, how can I, a person whose reasoning is eventually nonmonotonic, trust a hit list brought about by monotonic-deductive inference?

Practical people will object here that dating a person is what is decisive for flirting and further interaction, not the recommendation of the person by the algorithm. One meets the candidate after all, spends time together before a relationship is possible. Which, of course, goes without saying. My argument is not that it is impossible to fall in love with someone recommended to fall in love with. Rather, my claim is that hoping to raise the chances of a good match by using standard properties is a false hope if your statistical basis is a selection made by deductive-monotonic inference. If your reasoning is nonmonotonic anyway, which is something you know from experience, why do you take the machine’s and not any other basis?

Independently of the efficiency of methods for restricting reasonably the number of candidates eligible for a viable relationship or an exciting adventure, it is doubtful if properties are suitable to determine eligibility. At least eligibility concerning love and desire. Or, as people say, “true love”. Arguably, love, being obviously blind, regards only individual properties, i.e. tropes. It’s not about green or brown eyes in general. It is about her eyes. It’s not about this or that shape but about her shape whatever it is like, whatever its changes, whatever the imperfection. Loving is when the imperfection is the standard because it’s her imperfection. And it is when the imperfection even fails to be the standard because other women could have the same imperfection, but you don’t love them because of this. You only love her. Generally, being in love with people is not about loving their qualities. It’s about loving them or: their quidditas. Beauty is in the eye of the beholder.

I don’t doubt that online mating can function. What I doubt is that it corresponds to the philosophical grammar of the word “love”. Tropes theory is one of my major witnesses.

Marry the woman, not her property

was an ancient Greek proverb. Today it’s not used after the ancient Greek imperative for “marry” came to mean an f-word. I’d use the proverb also in this meaning. And I take “property” to mean also: features.

Apart of my logician’s objections to online mating, I have also what you could call a common sense objection of a proud lover: it is very probable that the person you finally end up with via Tinder etc. had in your first dates dreams towards someone analogously, nondigitally but, say because of shyness, unavailability etc. these dreams remained unfulfilled to make Tinder etc. the alternative – well then you’re most definitely a second choice. Or one made out of lack of other alternatives. Now, this is really not the philosopher speaking: who wants to be this? It is not only a mistake to talk of love in this context. It is a category mistake. There is no love felt perforce.

All this sounds admittedly harsh and when I re-read what I wrote I think that I am unjust to people who have a certain understanding of love, and a legitimate one. In Symposium, Plato discusses love of properties of a whole class of persons as the Socratic ideal and as juxtaposed to love of this one person. My judgment is valid only for those who love like Aristophanes and Diotima. Love strikes. Unexpectedly. No reason why. She’s the one. He’s the one.

It wasn’t so in your case? You planned to fall in love with a person with given qualities? And you succeeded in this? I would say that you owe your happiness to chance, not to the app or to your planning. But at the end of the day, it doesn’t matter what made you happy. If you really feel happy, happiness leaves you no doubt. The happy ones shouldn’t care about what made them happy.

Probably it is the unhappy who entertain thoughts about doubts and reasons.

Wining and whining – the French way

For those who are about to celebrate…

Für solche, die feiern werden…

…there are the serious French wine tags (what, where, when, by whom – Aristotelian categories allowed only):

…gibt es die seriösen französischen Etiketten (was, wo, wann, durch wen – nur aristotelische Kategorien drauf):

Then you have the ones of which you don’t know if they’re really serious. I mean, the surname of this Alsatian producer means “horny” in German and these people really speak a German dialect at home:

Dann gibt es diejenigen, die ernst aussehen, aber, naja… Es kann schließlich sein Nachname sein, aber ein Elsässer sollte eigentlich das Gespür haben. Was soll’s:

Then you get Voltairian wines:

Dann gibt’s Weine nach Voltaire:

Bayesian wines:

Wissenschaftstheoretische Weine mit Bezug auf Carnaps Divisionsprinzip:

Britney-Spears wines:

Weine ohne zugrundeliegende Kausalitätstheorie:

Judith-Butler wines:

LGBT Ardeche und Umland e.V.:

Et finalement:

Contra classicos

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Wenn es einfacher ist, den Preis eines Baguettes als den einer Immobilie zu wissen, dann gelang es den Klassikern nicht, das Phänomen Preisbildung restlos zu erklären. Ich gebe zu, dass das Consequens gewagt ist, aber meine Leserschaft soll bedenken: Sollte das Antecedens wahr sein – welche Person, die noch halbwegs vernünftig ist, kann es anzweifeln? – dann gibt es Preise, die gezahlt werden, weil es ein Preisschild gibt und der Kunde keine Lust hat, wegen Peanuts zu feilschen.

Wenn dem so ist, dann geht dem Kauf z.B. eines Baguettes ein Element des Glaubens voraus, das es beim Hauskauf nicht gibt, wo man eher einen Experten fragt und dann noch einen und dann trotzdem feilscht. Im Fall des Baguettekaufs beruht das Zusammenfallen von Angebot und Nachfrage auf keiner expliziten Verhandlung und kann nicht restlos analysiert werden, es sei denn, eingeschränkte Rationalität und nichtmonotones Schließen und jedenfalls ökonomisches Fehlverhalten werden in die Analyse miteinbezogen.

D.h. man muss Herbert Simon, Richard Thaler etc. lesen.

Dass ein Baguettekauf in einem elsässischen Dorf eine entscheidungstheoretische Einsicht nach sich zieht, ist nicht selbstverständlich.

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Buying my baguette in the next French village was this time a matter of philosophical interest.

If it’s easier – as the advertisement on that bag insisted – to know the price of your baguette than to know the price of your real estate, then classical economists failed to describe pricing accurately. I admit that the consequent is bold, but consider that if the antecedent is true – I believe that no sane person would doubt it – then there are prices which are paid because there is a tag, because no one has the nerve to quarrel over cents etc. If so, then there is an element of faith in buying a baguette and one that doesn’t exist when buying a real estate is at stake. In the latter case, you let experts estimate the value of the real estate and – still – you bargain and ask one more expert etc. In other words: buying a baguette is not a matter of negotiation whereas buying a house is such a matter. If I’m right in this, then the coincidence of demand and supply does not determine pricing restlessly.

A restless description of pricing is something to be done only if bounded rationality, nonmonotonic reasoning and, generally, economic (mis-) behaving is taken into account. Herbert Simon, Richard Thaler etc…

Nasreddin Gero

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Am 25. September, meinem Geburtstag, beglückwünschen mich viele mit dem Zusatz, alle meine Träume oder Wünsche mögen in Erfüllung gehen. Ich pflege zu antworten, auch die Hälfte meiner Träume würde mich zum glücklichsten Menschen auf dem Planeten machen.

Das ist nicht ohne eine stillschweigende Bezugnahme auf den bekannten Nasreddin-Hodscha-Witz, wonach dieser geträumt haben soll, einen Käufer für seinen dahinsiechenden Esel gefunden zu haben, einen noch dazu, der ganze fünf Goldstücke dafür anbot, woraufhin aber Nasreddin Hodscha in dreister Überschätzung zehn verlangte.

– Fünf gebe ich dir!

– Zehn will ich aber!

Plötzlich wacht der ehrwürdige Nasreddin auf, um festzustellen, dass er nur geträumt hat. Das Gesicht auf das Kissen nochmal drückend, schließt er die Augen nochmal und sagt: “Was soll’s, gib mir fünf…”

Dem Witz geht wahrscheinlich wie sehr vielen anderen Nasreddin-Hodscha-Witzen eine Vorlage in der altgriechischen Witze-Sammlung Philogelos voraus. Das kann leicht nachgewiesen werden, aber ich habe im Moment nicht die Zeit, im Philogelos zu suchen.

Dieselbe Pointe sehe ich in Kants Witz über den ontologischen Gottesbeweis: Der Begriff von hundert wirklichen Talern ist genau derselbe, wie dieser von hundert möglichen Talern (KrV, AA III, S. 401, 22-3). Bloß machen die hundert möglichen nicht reicher.

Andererseits trachte ich in meinen Träumen nicht nach Geld, sondern nach Sachen, die realisiert sind, sobald man an sie glaubt. Ich wünsche mir etwa Ausgewogenheit. Warum wird das nicht verwirklicht?

Offenbar, weil auch Gefühle, Gedanken usw. nicht durch-und-durch intentional sind, sondern eine äußerliche Komponente besitzen. Man kann sich nicht alles einreden. Das wäre ja ein Witz: sich Ausgewogenheit einzureden, um sofort ausgewogen zu sein; sich einen Affekt einzureden, um diesen zu haben. Im Endeffekt zählen auch in der Gefühlswelt nur die echten Taler. Gerade in der Gefühlswelt kann man die unechten zwar ausgeben, aber machen wir uns nichts vor: Es gibt so etwas wie die echte Liebe, um nur ein Beispiel zu nennen.

In der analytischen Philosophie wird zu wenig über die Liebe geschrieben. Ich bin froh, in Ruben Schneider den Herausgeber eines Sammelbandes bei Philosophia Verlag (München) gefunden zu haben. Wenn er den Band zu einem meiner nächsten Geburtstage vorlegt, wird das auch einer der fünf Taler sein.

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On September 25, my birthday, many think that they have to wish that all my dreams may come true. Normally I thank them but add that even half of my dreams would make me the happiest man on this planet – and most probably on other planets too.

In the background of my joke there is the following Nasreddin Hodja story: the wittiest of all imams dreams of arguing with a man who wants to buy his old, ill donkey. Absurdly – but it’s a dream in the middle of the night – the man offers five gold liras for the useless animal – an offer which Nasreddin rejects to audaciously bargain:

– I want ten!

– I’m giving you five!

In the middle of the argument, Nasreddin wakes up to realise that it was just a dream. Disappointed, he presses his face against the pillow, closes his eyes and compromises: “OK, OK, I’ll take five”.

Very probably, the oriental joke is owed to one contained in the late ancient Greek humour anthology Philogelos. Although I could easily offer evidence for this, I won’t. I have no time, I don’t feel like it… Not for a blog posting.

Nasreddin’s gimmick is a famous one in the history of philosophy. Kant ridiculed the ontological argument by pointing out that the concept of one hundred real thalers is exactly the same as the concept of one hundred possible ones (Critique of Pure Reason, AA III, p. 401, 22-3). The obvious disadvantage of the possible thalers is that they won’t make you any richer.

Being a philosopher, I always thought that it’s easier to fulfil dreams concerning intentionality as opposed to such about material goods. Consequently, my dreams are not about thalers but about things you have, if you persuade yourself that you have them. If you think you are balanced, you are balanced. If you think you’re full of love, then you are full of love.

However, the intentionality trick doesn’t work when you want to fulfil the most important wishes in life. Why not, you may ask. I suppose that the reason is because thoughts, emotions etc. are more external and material than we think. One cannot invent one’s own emotions. If you’re honest, you can’t persuade yourself to be balanced or loving. At least not if by this you mean what folk psychology would tag as really balanced or really loving.

In analytic philosophy, love is a surprisingly unloved subject. I did something against this: I found in Ruben Schneider the volume editor of a collection of original articles on every aspect of love to be published in Philosophia Munich’s series Basic Philosophical Concepts, of which I am the editor-in-chief. If Ruben manages to submit the volume on one of my birthdays in the next couple of years, it will be one of these five thalers.

https://youtu.be/PHdU5sHigYQ

La teoria dei giochi sotto le stelle del jazz

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Es ist verblüffend, wie beständig die Aktienmärkte das Geschehen dort als Glücksspiel statt als Gesellschaftsspiel modellieren, um die Anleger und uns, den Rest, immer wieder auf die Nase fallen zu lassen.

Statt hinter Kursschwankungen die Erwartung zu sehen, durch Voraussicht des Verhaltens der anderen, eigene Gewinne zu maximieren, sehen sie ein russisches Roulette. Sie prädestinieren damit das Anlegen von Geld dazu, tatsächlich ein russisches Roulette zu sein.

Paolo Conte umschreibt in Gioco d’azzardo umgekehrt ein typisches Spiel des Verhaltensrisikos (“Was wird sie tun, wenn ich das tue, falls sie etwas anderes tut?”) als Glücksspiel. Immerhin: Er sieht beide Elemente vorhanden.

Conte hat seinerzeit Jura studiert, weshalb ihm ein spieltheoretisches Grundverständnis zugetraut werden kann. Auch so ist es nicht ungerecht, wenn Mourad Mekhail, Hellmuth Milde und ich die Einsicht des Liedermachers bei den Ökonomen vermissen.

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Surprisingly, for decades, economists model what happens in stock markets as a lucky game rather than as a parlour game. “Surprisingly” because in stock markets the expectation is to achieve higher revenues due to prediction of other players’ behaviour.

However, what economists see in stock markets is Russian roulette. This could be the reason why stock markets are really a Russian roulette.

In Gioco d’azzardo, Paolo Conte describes love, a typical game of behavioural risk (What will she do if I do something knowing what she’ll do) as a game of luck. Which shows that, much more wisely than mainstream risk management, he sees some games as having both elements: chance and behavioural risk.

Conte was a barrister before he became a jazz composer. He must have a certain understanding of game theory. Even so, it is not unjust of Mourad Mekhail, Hellmuth Milde and myself (sorry, only in German) to deplore the failure of economists to have the grasp of games which the musician has.

An everyday understanding of tropes

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Ich schätze, dass manche meiner Leser die Tropen, individuelle Eigenschaften, als einen sehr ausgeklügelten Nominalismus verstehen, Ausgeburten aus den Köpfen ausgeflippter Experten. Dabei sind die Tropen sehr alltäglich, wie mir Erich Fried (1921-1988) in diesem Gedicht klarmacht:

Ich lese das,

was du schreibst

von deinen schlechten Eigenschaften.

Gut schreibst du,

aber das kann mich

nicht trösten darüber,

dass alle diese

deine schlechten Eigenschaften

so weit weg sind von mir,

denn ich will sie

ganz nahe haben.

Und wenn ich versuche

einzeln an sie zu denken

– deine schlechten Eigenschaften, wie du sie aufgezählt hast –

dann wird mir bang

und ich finde,

ich muss mich zusammenreissen,

damit meine guten

deine schlechten

noch halbwegs wert sind.

Der Dichter liebt nicht etwa Schärfe, Unsicherheit, Provoziertheit par tout. Er liebt ihre schlechten Eigenschaften, weil sie eben ihre sind: ihre Schärfe, ihre Unsicherheit, ihre Provoziertheit. Ihre Tropen.

Passend dazu finde ich ein Foto der Frau mit den Tropen, der nicht unbedeutenden Bildhauerin Catherine Boswell (1936-2015). Ihre Anziehungskraft zu Fried war wohl noch ein Trope: niemand zieht an wie irgendjemand sonst.

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There are definitely some among my readers who think that tropes, i.e. individual properties, are an intellectualist nominalistic, posh concept for only a few madcaps. The Austrian-born poet Erich Fried (1921-1988) can show you why tropes reflect a very everyday understanding of properties.

I’m reading

what you write

about your bad qualities.

You have a good writing style

but this can’t console me over the point

that all these bad qualities you have

are so far away from me.

I want them to be

close to me, you see.

And when I try

to think of them one by one

– your bad qualities as you listed them –

I am concerned

and feel

under pressure

to make my good qualities

at least half as valuable

as your bad ones.

The poet doesn’t love bad qualities, say: sharpness, insecurity, and he doesn’t love provoking natures absolutely. He only loves her sharpness, her insecurity, her provoking nature. Because they are hers. Her tropes.

The picture is one of Catherine Boswell (1936-2015), the woman with the tropes who was one of huge attraction (another trope, no one attracts like any one else) to Fried.