Zwischen Naumburg und Nizza

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Die Nietzsche-Ausstellung im Basler Historischen Museum dokumentiert Nietzsches Schaffen und Leben aus Basler Perspektive. Porträts Franz Overbecks, des treuen Freundes, Jacob Burckhardts, des geschätzten Kollegen, Teile aus Nietzsches Briefwechsel mit beiden, einen Armsessel, Privatdrucke des vierten Teils vom Zarathustra, und wieder Porträts von anderen Basler und Lörracher Freunden des Exzentrikers – das bekommt der Besucher unter anderem zu sehen.

Es fehlt die Geburt der Tragödie. Aber die Auswahl an Zitaten zeigt außer der herkömmlichen yalommäßigen Rezeption, dass bei Nietzsche eine durchaus interessante Sprachkritik und Skepsis schlummern. Es gibt wohl Menschen, die mehr als 200 Seiten konsistente Argumentation brauchen, um eine Diskussionsbasis zu haben, andere die mit Aphorismen zufrieden sind.

Nietzsche ist für letztere.

Wer in einem Schützengraben hockt, hat wohl keine Zeit für mehr als Aphorismen. Die Propaganda-Feldpostkarten des Zweiten Weltkrieges mit Nietzsche-Aphorismen waren mir unbekannt, aber ihre Ähnlichkeit mit den heutigen marktüblichen aphoristischen Karten ist frappierend. Selbst wenn der Inhalt der letzteren ein anderer ist: Wer kauft heute so etwas, wenn es keine Leute in Schützengräben gibt?

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The Nietzsche exposition at the History Museum in Basel presents documents of Nietzsche’s life and work from a Baloise viewpoint. The visitor will see portraits of Franz Overbeck, the devoted friend, of Jacob Burckhardt, the much admired colleague and one of the most prominent historians of ideas of the 19th century, parts of Nietzsche’s correspondence with these two, an armchair, a private imprint of Zarathustra’s fourth part, portraits again, this time of other friends whom Nietzsche had met in and around Basel.

No mention is made of the Birth of Tragedy. However, the Nietzsche quotations on screens and in movie clips show that Nietzsche’s reflections on language are more interesting than the contemporary perception of his work, mediated mainly by Irvin Yalom, could make one believe. There are intellects out there who need to read more than 200 pages of consistent argumentation before they start entertaining the ideas they discover there. Others are content having aphorisms.

Nietzsche is for the latter.

People in trenches mostly can’t afford reading long arguments even if they are intelligent enough and this is how some of Nietzsche’s aphorisms found their way to Third Reich’s propaganda postcards which soldiers sent back home. Aphoristic messages on postcards – certainly without a Nietzschean content anymore – are still popular in Germany. I reckon that our contemporaries who buy them do not send them home from inside trenches. And this is puzzling.

Oinops

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Ich lasse ein herbstliches Bild vom Ort, wo ich aufgewachsen bin – noch zeitnah zu meinem Posting zur Farbe Grelb – als Steilvorlage für ein paar Bemerkungen über die Farbe Blot fungieren.

Wie “khloron“, das die wörtliche Bedeutung “grasmäßig” und aus heutiger Sicht als gelb-oder-grün zu verstehen ist, ist Homers Bezeichnung für die Farbe des Meeres ebenfalls keine, die sich auf ein bestimmtes Kolorit, sondern eine, die sich auf eine Palette von Schattierungen der kolorierten Sache bezieht. Um eine möglichst treue Übersetzung des archaischen Adjektivs “oinops” zu geben, das Homer als Farbenangabe des Meeres verwendet, müssten wir heute nämlich den Neologismus “weinsichtig” schaffen. Homer hatte wohl solche Farbnuancen wie die von mir kürzlich vor der Küste am alten Waisenhaus in Vouliagmeni, Attika, aufgenommenen im Kopf.

Als Farbangabe wäre “oinops” heute wohl im Sinne von “blau-oder-rot” zu verstehen, was aber die Frage aufwirft, wieso sein Adjektiv für “blau” (denn er hat tatsächlich eines, das klassische “kyanoun“) auch Zeus’ schwarze Augenbrauen schmückt.

Es drängt sich folgende Frage auf: Wenn der Wein und das Meer oinopes bzw. blot bzw. blau-oder-rot, wenn ferner Zeus’ Augenbrauen blarz bzw. kyanoi bzw. blau-oder-schwarz sind, sind dann rot und schwarz Nuancierungen ein-und-derselben Farbe und Wein und Zeus’ Augenbrauen im Wesentlichen gleichfarbig? Wer diese Frage bejaht, muss Gladstones These oder deren Missinterpretation beipflichten: Die alten Griechen seien in einem Sinn farbenblind gewesen. Dabei war Gladstones These in Wirklichkeit nicht so stark. Sie wäre – ich gebe zu, mit Carnap im Hintergrund – fo: Die homerischen Farbennamen sind korrelative, keine klassifikatorischen Prädikate.

Wie “khloron“, zeugen die Adjektive “oinops” und “kyanoun” davon, dass die Farbennamen des klassischen und vorklassischen Griechisch sich auf ähnliche Nuancierungen zwischen – ungleichmäßig kolorierten – Dingen beziehen. Damit beziehen sie sich nicht auf Wellenfrequenzen des Sonnenlichts. Der Wein ist blot, Zeus’ Augenbrauen sind blarz. Dass wir sie heute auch rot und schwarz finden, lässt kein Problem mit der Induktionsbasis aufkommen. Mit anderen Worten bin ich blind gegenüber Goodmans Problem. Meine Blindheit kann ich als Begleiterscheinung meines Kantianismus ausgeben. Es gibt keine von Eigenschaften, d.h. von unseren Erfahrungsbegriffen losgelöste Induktionsbasis. Wer archaische Erfahrungsbegriffe hat, klassifiziert die Dinge anders als derjenige, der moderne Begriffe hat.

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Pictures from my last days in Attica shot only some weeks after my post on the colour grellow, give me a motivation to write on the colour bled.

Like “khloron“, literally “grasslike” and Goodmanwise yellow-or-green, “oinops“, Homer’s term for the colour of the sea, refers to various colours of a given object rather than to a certain sensual perception. A close translation for the archaic adjective would have been “wineish”. Homer had colours of the sea in mind like the ones I photographed at the coast of the old orphanage in Vouliagmeni. Unluckily, in contemporary English, “wineish” is understood as a specific shade of red rather than as every colour which wine appears to have in different light conditions – which would be a Homeric understanding.

What further baffles me is that the Homeric blue or “kyanoun” was not used to refer to the sea but to Zeus’s eyebrows instead.

Wine and the sea being in an archaic Greek oinopes, i.e. bled, i.e. blue-or-red, and Zeus’s eyebrows being kyanoi, i.e. bluck, i.e. blue-or-black, what prevents red and black from being nuances of one colour? If you answer here: nothing, then you are repeating something known as (a misinterpretation of) Gladstone’s position: the ancient Greeks were colourblind. Gladstone’s position should rather be understood to say that the Homeric terms for colours were correlative, not classificatory. My debt for the reformulation of Gladstone’s position is to Carnap’s terminology but this is of secondary importance.

Like “khloron“, the adjectives “oinops” and “kyanoun” designate a whole spectrum of colours of a given thing depending on the lighting, not sense perceptions. Wine is bled, Zeus’s eyebrows bluck. Today we also find these two things red and black respectively. I continue to be blind towards Goodman’s problem with induction. Induction is made on the basis of categories. If you have archaic categories, then wine is bled and Zeus’s eyebrows bluck. If you have modern categories, then the aforementioned things are red and black.

Khloron

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Wenn ich aufkläre, dass das alte Griechisch zwischen Gelb und Grün nicht unterschieden hat, sind die Reaktionen gemischt. Die einen fragen, wieso die Sprache diese in der mediterranen Farbpalette so sinnvolle Unterscheidung nicht traf, andere vermuten wiederum einen Zwischenfarbton als Hauptkategorie. Niemand vermutet aber eine Bestätigung des Induktionismus. Um das zu vermuten, muss man Altgriechisch erst mal können.

“Khloron” ist das altgriechische Wort, das grün oder gelb bedeutet. Die Farbe, welche die alten Griechen damit bezeichneten, ist, wenn überhaupt etwas im modernen Sinn, dann – frei nach Nelson Goodman – grelb. Wie Goodmans Farbennamen lässt die griechische Verwendung von “khloron” auch Immergrünes grelb sein. Mit anderen Worten muss etwas nicht als gelb beobachtet werden, um als “khloron” gelten zu können. Aus meiner Sicht eines Sprechers, der sowohl des Deutschen als auch des Altgriechischen mächtig ist, heißt das, dass ich Smaragde grün finde und gleichzeitig khlora. Ich finde beide Bezeichnungen in Ordnung.

Goodmans Rätsel rührt aber gerade davon her, dass die Zuweisung von Prädikaten wie khloron und grelb zu den Smaragden laut Induktion genauso berechtigt erscheint wie die Zuweisung des Prädikats grün, während das Humbug sei. Mein Rätsel vor dem Hintergrund des altgriechischen Gebrauchs von “khloron” ist, warum das ein Rätsel ist. Mit khloron war die Farbeigenschaft “grün bis Ende September oder bis Juni und dann gelb” im alten Griechisch lexikalisiert als die natürliche Folge der Kategorisierung in einer Sprache, die Farben nicht nach der Farbe benannte, sondern nach der Sache, die diese Farbe gelegentlich hatte. “Khloe” bedeutet im Griechischen “Gras”. Von hier bis zur Bedeutungsverschiebung des “khloron” als “grün oder gelb” war ein Katzensprung – und zwar einer, durch den das sogenannte “Neue Induktionsrätsel” sich als gegenstandslos entpuppt.

Es gibt sie, die Sprecher – Sprecher anderer Sprachen allerdings – die keine Probleme damit haben, die Grelbheit, die khlorotes herbstlicher Landschaften zu bewundern und damit keine Folgen für induktive Schlüsse sehen. Sprachwissen lässt im allgemeinen Sturheit und Selbstsicherheit überwinden, was auch für die analytische Philosophie gilt.

Auch im Herbst. Oder im Frühherbst. Oder am Anfang des Frühherbsts. Oder kurz nach Anfang des Frühherbstes. Man kann alle möglichen Zeitpunkte durchnehmen. Ein Problem für die Induktion kommt deshalb allein nicht auf.

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When I explain that the Ancient Greek had no predicates to express the difference between green and yellow, the reactions vary from bewilderment (“Such an important distinction for a people in a Mediterranean environment and still…”) to deconstructivist allures (“They probably considered the very rare intermediate shades to be the main category”). Nobody assumes a counter-example to Nelson Goodman’s “new riddle of induction”. Which is not a surprise if you consider how Greekless analytic philosophers nowadays are. In order for one to consider the mysteries of ordinary language, one has to master many of them. And to see even in Ancient Greek an ordinary language.

Since the etymology of khloron is the Greek word for “grass” (“Chloe” is still a fashionable girls’ name in UK and US) one needs to think of the named object to know: khloron means – to be precise green-until-October-or-June-and-then-yellow. It is only a stone’s throw from here to the meaning green-or-yellow, which is the reason why khlora things are green or yellow.

Nelson Goodman would translate “khloron” with “grellow”.

Goodman – I know this is prehistoric but did you really get over it? – sees a riddle there. No one would see something grellow in green grass in September. But the best inductive explanation of the grass’s being grellow would be given. Why is that? Aha, there is something wrong with induction!

Says Goodman! Which is bullshit because any person who is fit in Ancient Greek and English would tell you that it is perfectly alright to see grass as khloron (eo ipso grellow) and as green at the same time.

When analytic philosophers draw conclusions about ordinary language in general, they often forget that they do not master more than one ordinary language. Let alone the fact that only a diminishing minority sees in Ancient Greek an ordinary language. Eo ipso they lack elementary knowledge.

Let alone in autumn. Also in early autumn. Or shortly after early autumn. Take whichever time you want. A problem with induction will not arise. Not because of that.

Graecum etsi legitur

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Egal wie man diese Art Gebäude nennt, die Bezeichnung ist ein griechisches Lehnwort. Was eigenartig ist, denn die griechische galt am Ostmittelmeer zu der Zeit, als die Kirchen “kyriaká” (= Herrenhäuser) bzw. “ekklêsíai” (= Versammlungen) benannt wurden, als eine notorisch religionskritische, philosophische Kultur.

Wenn man allerdings an die profane Nachwirkung des Christlichen denkt, in Bereichen wie etwa die Menschenrechte (Bartolomé de las Casas, Francisco de Vitoria) und die Aufklärung (Jean-Jacques Rousseau), ist das Oxymoron einer areligiösen Frömmigkeit, eines athenischen Jerusalem, genau der europäische kulturelle Rahmen.

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Whether you use Germanic or Romanic terms for them, you call churches after Greek loan words. E.g. “kyriaká” (= houses of the Lord, whence the word “church”) or “ekklêsíai” (= assemblies, whence the Romanic terms). And this despite the fact that at the time when these word loans were launched, Greekness was considered to be the most philosophical, indeed an areligious culture of the Mediterranean.

However, one only needs to consider how profane the greatest achievements of Christian thought on the social level are (the human rights after Bartolomé de las Casas and Francisco de Vitoria, the Rousseauist version of the Enlightenment), to realise that the oxymoron of an areligious piety, the Athenian Jerusalem, corresponds to the European context.

Rebecca Horn

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Wer Texte schreiben will, statt Kunst zu machen (hier am Beispiel von Werken Rebecca Horns, gegenwärtig im Basler Tinguely-Museum zu sehen), sollte Texte schreiben. Die Konzeptkunst ist selbstverleugnend.

Im Gegensatz zur Konzeptkunst steht die kantische Kunst, d.h. dekorative Kunst, die nur wegen unseres Wohlgefallens und keines Interesses am Objekt bewundert wird. Die kantische Kunst widerspricht sich: Niemand bewundert das Unattraktive.

Die Kunst, die die meisten kennen, befindet sich in der Mitte – genau der Stelle also, die Horn nicht kennt.

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After a visit of the Rebecca Horn exhibition at the Tinguely Museum in Basel, Switzerland:

Artists who would rather like to write texts, should rather write texts.

In the antipodes of conceptual artists you have the Kantians, i.e. artists who try to depict objects in which the spectator is desinterested albeit aesthetically satisfied. To disable interest in a human body, Kantians would rather depict human bodies that do not appeal to one’s libido. However, this invites a contradiction. Who would be satisfied from something explicitly unattractive?

The art most people know lies in the middle between conceptual and Kantian art. Horn avoids this spot.

Auguste mena kai thee…

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… se senane orkizomaste,

pali tou chronou na mas vreis

sto vracho na philiomaste.

schrieb Odysseas Elytis Anfang der Siebzigerjahre (frei in etwa: “Dir, Augustus, Monat und Gott, / schwören wir, wie wir müssen, / auch nächstes Jahr am Felsen zu sein, / um uns nochmals zu küssen”).

Nicht nur für Belletristik und Küsse an Meeresfelsen, sondern auch für Sachbücher eignet sich die Muße des August. Unlängst machte etwa das Börsenblatt des deutschen Buchhandels auf die neue, von Ludger Jansen und mir herausgegebene Reihe, aufmerksam.

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Augustus, month and god,

to thee we solemnly vow

next year beside the crags again

to kiss just like now.

Elytis wrote these verses in the early seventies. They can mislead you to think that the moments of leisure in August are only for the belles lettres and for open-air kisses.

An extra reading option is given in the recent recommendation of the first title of the new series I edit together with Ludger Jansen by the periodical publication of the German bookstores association.

Twelve pentagons

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Es gibt solche, die Pentagondodekaeder in der Natur faszinierend finden, weil Platon in Timaios 55c dem Universum ihre Form zuschreibt.

Es gibt wiederum welche, die eine Annäherung geometrischer Regelmäßigkeit in der Natur unabhängig davon faszinierend finden, vor allem weil Formalistenpedanterie: “Ach was, der Definition entsprechen sie genauso wenig wie alles andere” bei ihnen nicht so leicht über die Lippen kommt. S.C. Kleene hatte in seiner Einführung in die Metamathematik Recht, die Platoniker, die Intuitionisten und die Formalisten als drei verschiedene Mathematikergeschlechter zu erachten. Im Gegensatz zum Platonismus ist der Formalismus nicht von dieser Welt.

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There are people who like the pentagonal dodecahedra because of Plato’s reference to them as the shape of the universe in Timaeus 55c.

Found in nature, they are fascinating anyway because every formalist would find it didactically difficult to say that they hardly match the definition. In his Introduction to Metamathematics, Stephen Cole Kleene distinguished between formalists, intuitionists and Platonists as three different mathematical nations. Garnets show that he was right. Formalists are alien to this world. Platonics are not.