Scrutinised

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Sir Roger Scruton ist tot. Meine mitteleuropäischen Leser – ehemalige Studenten, auch von meinem Scruton-Anscombe-Nagel-Sherrard-Seminar vor Jahren – werden sich die Augen reiben. Kann es sein, dass ich jemandes Tod trauere, der den akademischen Philosophiebetrieb aufgab, um sich der Fuchsjagd zu widmen? Der am Londoner Birkbeck College einzig und allein – und ausgerechnet – mit der italienischen Dame in der Mensa über Politik redete, da sie die einzige Konservative dort war? Der Ende des 20. Jh. – Hilfe! – Kantianer war?

Sagt, was ihr wollt! Für mich ist er der Autor von Sexual Desire und Ich trinke, also bin ich. Lebensbejahend wird er bleiben auch als toter Mann,

PS: Nicht, dass ich wirklich glauben würde, Begierde ließe sich zivilisieren. Bewundernswert sind allenfalls schon diejenigen, denen es gelingt, in der begehrten Person stets einen Selbstzweck zu sehen.

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I know what you will say about his quitting philosophy and going fox hunting instead, about his being unwilling to talk politics with any other person at Birkbeck but the Italian lady at the refectory – the only conservative person there if you excluded him – about Kantianism in late 20th century…

I know the leftist line of argument. For me, he is the author of Sexual Desire and of I drink therefore I am and stands for getting a life. You can still stand for getting a life after losing yours.

PS: To sort things out: I don’t really believe that there is some sort of ethical desire. But I do admire people who happen to desire without losing their Kantian character.

Beautiful panicking: a critique of ersatz religiosity

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Das Thema ist wichtig, keine Frage… Ob die darzubringenden Opfer effektiv sind oder bloß symbolisch, damit ideologisch, scheinreligiös – das ist die Frage. Wenn ich heute z.B. sage, eine kleine Kapelle in Köln-Mitte hätte genauso gut für Gottes Wohlgefallen gesorgt wie der riesige Kölner Dom, das ist nicht mit einer Absage an den Glauben gleichzusetzen. Würde ich aber mit einer Zeitmaschine in das Köln des 14. Jh. reisen, dann wäre ich gut beraten, meiner Skepsis am – erst recht damals – absurderweise großen Bauvorhaben nicht Ausdruck zu verleihen. Zu groß wäre die Gefahr, deshalb als Atheist, gar Hedonist abgestempelt zu werden.

Denn das 14. Jahrhundert hat wie das 21. eine Doktrin erfunden, welche die individuelle Rationalität dem Ästhetismus – koste es, was es wolle – zurückweichen ließ.

Das Schmelzen von Grönland-Eis verursache einen Meeresspiegelanstieg. Von mir aus. Aber wenn der betreffende Wert im Rahmen von ein paar Millimetern pro Jahrzehnt ist, wie kann der Ankauf von schwimmenden Häusern heute – nicht in 500 Jahren – nicht als Hysterie gelten?

Ein Satellitenbild der australischen Brände geht um… Ein Satellitenbild? Seit wann sind Satellitenbilder rötlich statt bläulich und stellen diachronische Aufnahmen von Ereignissen dar, zwischen denen Monate verstreichen? Seit wann ist Sydney eine Flamme?

Allen meinen naiven Mitbürgern, die bei ihrem Exodus aus dem religiösen Feld es gerade noch zur Ersatzreligion schafften, empfehle ich die Lektüre von Spektrum oder Bild der Wissenschaft; von irgendeiner Publikation jedenfalls, die auf Theorie, nicht auf Ikonen baut, geschweige denn auf manipulierten solchen.

Die Ikonen selber lassen wir in der Kirche.

Die Kirche im Dorf.

Denn wer wäre heute bereit, einen Kölner Dom oder irgendwelche anderen schönen Kollektivillusionen in Auftrag zu geben, an denen das Individuum zu Grunde geht?

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It is not that I do not see the issue. It is rather that I am not certain whether sacrifices are supposed to tackle it efficiently. Like a medieval inhabitant of Cologne who would say that the cathedral is way too big and doesn’t secure you of God’s love more than tens of small chapels. If you had entered a time machine and gone there to propagate this very reasonable view, your scepticism would have been considered a hubris. This is also my feeling when I say that I am not certain that sacrifices etc. Because I feel that I’m not allowed to doubt. Like I wouldn’t be allowed to doubt in medieval Cologne. Despite the disproportionately huge sacrifice. I mean, have you ever seen how ridiculously big this church is?

Like the 14th, the 21st century employs a doctrine designed to declare the priority of aestheticism over individual rationality.

“Greenland ice melting causes the rising of sea level by some millimetres per decade”. Do I believe that? In fact, I do. But when there are people buying boat houses now, not in 500 years, how could I fail seeing a hysterical reaction here?

The Australian fires caught on camera… On camera? Since when are pictures from space not blue but reddish? Since when is Sydney a bushfire? Since when are fires captured on camera represented in a diachronic picture?

My recommendation to all these naive people who, in their way out of the religious context only managed to reach environmentalism as surrogate religion, is: read Nature! Read the Scientific American. I mean, as long as your objective is a scientific worldview based on theory and not a dogma based on pictures.

Manipulated ones on top of that…

What givers do

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In Griechenland heißt die rotgewandete Popkultur-Heiligengestalt “Ay-Vassilis”. Das ergänzt sich gut, da Basilius, der legendäre Autor und Bischof von Cäsaria im 4. Jh., nach orthodoxer Tradition der Geschenkebringer ist. Da sein Namenstag der 1. Januar ist, werden die Kinder in den ersten Neujahrsmorgenstunden beschenkt. Allerdings erst wenn der nach ihm genannte Kuchen aufgeschnitten ist. Der Basilius-Kuchen ist heute einer mit einer einzigen Münze. Wer die Münze findet, kann sich als einziger freuen. Sehr ähnlich ist der schweizerische Brauch um den Dreikönigskuchen. Aber der ursprüngliche Sinn des Basiliuskuchens ist, dass jeder als Belohnung das bekommt, was er investiert hat – investiert in die Gemeinschaft, in die Liebe, egal wie: investiert. Deshalb – bei besonders wohlwollender Interpretation des Investitionswillens – gibt es die Bescherung für alle am 1. Januar.

Es hatte sich nämlich zugetragen, dass Basilius Wertgegenstände einer nicht genutzten Kollektivsteuerabgabe an die Spender zurückzugeben musste, allerdings keine Ahnung hatte, wer was gespendet hatte. Deshalb ließ er den gespendeten Schmuck in Brote stecken, die er an die Spender verteilen ließ. Da jeder idealerweise das zurückerhalten sollte, was er eingebracht hat, beträgt die Wahrscheinlichkeit des idealen Ausgangs bei n Spendern: 1/(n·(n-1)·(n-2)·…·2).

Das hat mein Leser wohl erraten: Durch Wunder bekam jeder Spender genau das Brot mit dem Gegenstand, den er gespendet hatte.

Erraten. Aber gut beraten werden keines Autors Leser sein, genau das aus einer Beziehung zu erwarten, was sie in dieselbe investierten. Einerseits weil das Investierte bei Liebenden mehr werden sollte; andererseits weil die Liebe nicht nach Gegenleistung verlangt, wie 300 Jahre vor Basilius von Cäsaria schon Paulus (1Kor13, 5) behauptete.

Ich kann meinen Lesern den Zins ihrer Investitionen für das Jahr 2020 wünschen. Es steht ihnen zu. Aber ermutigen, es zu verlangen, möchte ich sie nicht. Eine Ausnahme ist das, in der es nicht gut ist, das zu verlangen, was einem zusteht. Allerdings eine gut begründete: Wer nicht eingesehen hat, etwas zu schulden, wird zur Begleichung der Schulden bunte Papierstücke vorlegen.

Und der Basiliuskuchenbrauch? Soll er nicht symbolisieren, was dem Investor zurückgegeben werden muss? Soll diese Geste folgenlos bleiben?

Ach, der Basiliuskuchenbrauch! Dazu fällt mir ein Spruch eines Propheten ein, der ebenfalls vollbärtig und rotgewandet dargestellt wird. Ich zitiere den Anfang des Spruchs statt des häufig zitierten Endes:

Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.

In der Folge schließt der Autor (Karl Marx, Werke. Bd. 1, Dietz Verlag, Berlin, 1976, S. 378) seinen Gedanken im Sinne einer Metapher ab, wonach Religion wie ein billiges Schmerzmittel sei. Der Leser möge nach dem unglücklichen Wortlaut, der immer noch zu ständigen Missverständnissen durch in der Exegese Ungeübte führt, selber recherchieren.

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Greeks call Santa “Ay-Vassilis”. St Basil’s name day is on January 1st and this is why Greek kids wouldn’t expect presents before that. Like almost always, the reason for a Greek special lies in late antiquity. Saint Basil the Great’s high time as a legendary author and orator and bishop of Caesarea (today’s Kayseri in Turkey) was 17 centuries ago. Every Greek family around the world will commemorate him in the first hours of the new year when they’ll cut down the pieces of the vassilopitta. The “Basil-pie” (only accidentally reminiscent to piety) contains one coin. The one who happens to have it in her piece can reckon the rest of the year to be favourable towards oneself.

The beginning of the custom, however, was different. St Basil had to pay a collective tax for his city. And since he had no cash, he asked his flock to contribute with jewelleries. But for some irrelevant reason the taxmen did not appear, which left him possessing thousands of valuables which he had to return to the owners. But he had no idea who had contributed what! His idea – and one that definitely sounds crazy – was to put each piece of jewellery into exactly one bread roll and to deliver the bread to the citizens as a gift. Ideally, every citizen would have one bread roll with exactly her donation in, neither more nor less. For n donors who donate n items, the probability for each donor to be returned by chance her valuable item is 1/(n·(n-1)·(n-2)·…·2), which gets extremely low the higher the value for n becomes. This shows why the ideal fall, being the outcome of the story, is perceived to be a miracle.

Of course you guessed the end of the story as much as I enjoy telling it… However, it would not be very wise of you to expect the revenue of your investment to be equal with the latter. In fact, it is never so. If a lover gives to another lover (I use a Platonic terminology and consciously so) the sum of the given goods becomes more. You give them your presents, they give you their happiness by which they receive your presents, you give them your joy for their happiness… And then they give you their presents etc.

But not all givers and takers are lovers. Which is a situation Paul (1Co13, 5) describes by saying that love “seeketh not her own”. You will not receive your investment back and you must not have a problem with this.

It is, perhaps, an exception when you are not supposed to demand something you can rightfully call your own – the revenue of your love. An exception but a well justified one: those who would not notice that they have to give something in return unless you remind them, would rather repay with coloured paper. Do you really need this?

You may ask whether the vassilopitta is such a reminder though. To this, let me just quote the words of another bearded prophet who, like Santa and Ay-Vassilis, is also typically imagined in a red cassock. I am quoting the beginning of the very well known passage and omit the end that has invited so many misunderstandings by the unlearned public since it was written:

Religion is the sigh of the oppressed creature, the heart of a heartless world, and the soul of soulless conditions.

Yes, at least the Introduction of Marx’s Contribution to a Critique of Hegel’s Philosophy of Right is something one could read in the beginning of 2020.

After the vassilopitta and the presents maybe?

Ordo Euboeorum

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Wer jahrzehntelang Max Weber neben dem Bettkissen hatte, betrachtet verschiedene Formen der Askese als charakteristisch für bestimmte Religiositäten. Es ist ein Künstler, der mir die Idee gibt, dass Webers Verhältnis zwischen Askese und Religion umgedreht werden kann.

Jorgos Suras lernte ich vor drei Jahren kennen. Damals klingelte er an unserer Tür. Ob wir des Griechischen mächtig seien. Ruth war allein zu Hause. Wären ich oder die Kinder da, hätte er eine bedenkenlosere Antwort erhalten.

Den Rest der Diskussion hat mir Ruth telefonisch wiedergegeben. Herkommen tue er von einem kleinen Fischerdorf im Norden Euböas, Agiokampos. Nicht vom großen Agiokampos bei Larissa mit dem langen Sandstrand. Nein! Das sei ein kleines, zwei-hundert-Seelen-Agiokampos mit vielen kleinen Kiesbuchten auf der Insel Euböa. Ja, ja, die Küste und das Dörfchen kenne meine Frau, schließlich komme ihr Mann ebenfalls von dort, das Olivenöl in unserer Küche sei kein anderes bla-bla-bla… Er: “Spinn i'”; meine Frau ebenso…

Meinen Nachnamen hatte er nicht erkannt und nicht deshalb hatte er geklingelt, obwohl die Berührungspunkte vielzuviele waren. Mein Großvater war eine Zeit lang Bürgermeister der benachbarten Gemeinde und KP-Funktionär, sein Vater – allerdings – Letzteres. Unsere Grundstücke sind ein paar hundert Meter voneinander entfernt.

Aber ich habe seinen Nachnamen wiedererkannt. Ich wollte ihn kennenlernen. Damit habe ich seine Kunst kennengelernt.

Jorgos Suras ist ein säkularer Künstler, dessen Kunst allerdings nicht durch und durch profan ist. Er sieht das Religiöse als einen Spezialfall des Asketischen an. Seine Franziskaner- und orthodoxen Mönche stehen für unsere unmittelbaren atheistischen Vorfahren in der Verbannung der Makronissos; für unsere orthodoxen, eine Generation zuvor, während der langen Monate des gewollten und ungewollten Fastens; für unsere erzwungenermaßen katholischen im Mittelalter (Euböa war venezianisch…); für Entbehrung; für den Umgang mit Sehnsucht.

Meinen Lesern wünsche ich einen schönen dritten Advent.

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One of Max Weber’s substantial contributions to the understanding of religiosity was that he taught us to see asceticism of different forms as characteristic of various religions. An artist tries to show that this relationship between asceticism and religion can be reversed.

I first met Yorgos Souras three years ago – which is not a miracle if you move from the vicinity of Munich to the vicinity of Basel and Mulhouse and get to know Greek individuals there. But which is a miracle given the following circumstances. Ruth was alone at home, the bell rang and this man asked her if she was Greek or at least if she could speak the language. Usually, my wife answers the first question with a clear “no”, the second by saying “a bit”, a thing that rather disappointed the stranger who, however, wanted to speak about himself. He came from a small fishing village, a site rather than a village in the north of Euboea, called Agiocampos. Not the big Agiocampos with the wide sand beach near Larissa in mainland Greece. This is a tiny one of two hundred inhabitants and many small stony coves.

Our pieces of land there came out to be in a distance of some hundred yards from each other. Statistics is not Ruth’s and Yorgos’s specialty but they immediately recognised what an extraordinary coincidence this was. Had he recognized the surname? No, he hadn’t. Despite the fact, that is, that my grandfather had been a mayor of a neighbouring community and a member of the local Communist Party bureau. Which, the latter, his father had also been.

I recognised his surname alright. And I wanted to meet him. This is how I met his art.

Souras is a secular artist whose art is not definitely profane. He regards the religious moment as a special case of asceticism. His Franciscan and orthodox monks could be our parental atheists exiled in desert islands somewhere in the Aegean; they could be our ancestral orthodox during the long fasting periods and already fasting before them; they could be our volentes nolentes catholics in the Middle Ages (Euboea was a Venetian possession); they stand for deprivation and longing.

Zwischen Naumburg und Nizza

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Die Nietzsche-Ausstellung im Basler Historischen Museum dokumentiert Nietzsches Schaffen und Leben aus Basler Perspektive. Porträts Franz Overbecks, des treuen Freundes, Jacob Burckhardts, des geschätzten Kollegen, Teile aus Nietzsches Briefwechsel mit beiden, einen Armsessel, Privatdrucke des vierten Teils vom Zarathustra, und wieder Porträts von anderen Basler und Lörracher Freunden des Exzentrikers – das bekommt der Besucher unter anderem zu sehen.

Es fehlt die Geburt der Tragödie. Aber die Auswahl an Zitaten zeigt außer der herkömmlichen yalommäßigen Rezeption, dass bei Nietzsche eine durchaus interessante Sprachkritik und Skepsis schlummern. Es gibt wohl Menschen, die mehr als 200 Seiten konsistente Argumentation brauchen, um eine Diskussionsbasis zu haben, andere die mit Aphorismen zufrieden sind.

Nietzsche ist für letztere.

Wer in einem Schützengraben hockt, hat wohl keine Zeit für mehr als Aphorismen. Die Propaganda-Feldpostkarten des Zweiten Weltkrieges mit Nietzsche-Aphorismen waren mir unbekannt, aber ihre Ähnlichkeit mit den heutigen marktüblichen aphoristischen Karten ist frappierend. Selbst wenn der Inhalt der letzteren ein anderer ist: Wer kauft heute so etwas, wenn es keine Leute in Schützengräben gibt?

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The Nietzsche exposition at the History Museum in Basel presents documents of Nietzsche’s life and work from a Baloise viewpoint. The visitor will see portraits of Franz Overbeck, the devoted friend, of Jacob Burckhardt, the much admired colleague and one of the most prominent historians of ideas of the 19th century, parts of Nietzsche’s correspondence with these two, an armchair, a private imprint of Zarathustra’s fourth part, portraits again, this time of other friends whom Nietzsche had met in and around Basel.

No mention is made of the Birth of Tragedy. However, the Nietzsche quotations on screens and in movie clips show that Nietzsche’s reflections on language are more interesting than the contemporary perception of his work, mediated mainly by Irvin Yalom, could make one believe. There are intellects out there who need to read more than 200 pages of consistent argumentation before they start entertaining the ideas they discover there. Others are content having aphorisms.

Nietzsche is for the latter.

People in trenches mostly can’t afford reading long arguments even if they are intelligent enough and this is how some of Nietzsche’s aphorisms found their way to Third Reich’s propaganda postcards which soldiers sent back home. Aphoristic messages on postcards – certainly without a Nietzschean content anymore – are still popular in Germany. I reckon that our contemporaries who buy them do not send them home from inside trenches. And this is puzzling.

Oinops

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Ich lasse ein herbstliches Bild vom Ort, wo ich aufgewachsen bin – noch zeitnah zu meinem Posting zur Farbe Grelb – als Steilvorlage für ein paar Bemerkungen über die Farbe Blot fungieren.

Wie “khloron“, das die wörtliche Bedeutung “grasmäßig” und aus heutiger Sicht als gelb-oder-grün zu verstehen ist, ist Homers Bezeichnung für die Farbe des Meeres ebenfalls keine, die sich auf ein bestimmtes Kolorit, sondern eine, die sich auf eine Palette von Schattierungen der kolorierten Sache bezieht. Um eine möglichst treue Übersetzung des archaischen Adjektivs “oinops” zu geben, das Homer als Farbenangabe des Meeres verwendet, müssten wir heute nämlich den Neologismus “weinsichtig” schaffen. Homer hatte wohl solche Farbnuancen wie die von mir kürzlich vor der Küste am alten Waisenhaus in Vouliagmeni, Attika, aufgenommenen im Kopf.

Als Farbangabe wäre “oinops” heute wohl im Sinne von “blau-oder-rot” zu verstehen, was aber die Frage aufwirft, wieso sein Adjektiv für “blau” (denn er hat tatsächlich eines, das klassische “kyanoun“) auch Zeus’ schwarze Augenbrauen schmückt.

Es drängt sich folgende Frage auf: Wenn der Wein und das Meer oinopes bzw. blot bzw. blau-oder-rot, wenn ferner Zeus’ Augenbrauen blarz bzw. kyanoi bzw. blau-oder-schwarz sind, sind dann rot und schwarz Nuancierungen ein-und-derselben Farbe und Wein und Zeus’ Augenbrauen im Wesentlichen gleichfarbig? Wer diese Frage bejaht, muss Gladstones These oder deren Missinterpretation beipflichten: Die alten Griechen seien in einem Sinn farbenblind gewesen. Dabei war Gladstones These in Wirklichkeit nicht so stark. Sie wäre – ich gebe zu, mit Carnap im Hintergrund – fo: Die homerischen Farbennamen sind korrelative, keine klassifikatorischen Prädikate.

Wie “khloron“, zeugen die Adjektive “oinops” und “kyanoun” davon, dass die Farbennamen des klassischen und vorklassischen Griechisch sich auf ähnliche Nuancierungen zwischen – ungleichmäßig kolorierten – Dingen beziehen. Damit beziehen sie sich nicht auf Wellenfrequenzen des Sonnenlichts. Der Wein ist blot, Zeus’ Augenbrauen sind blarz. Dass wir sie heute auch rot und schwarz finden, lässt kein Problem mit der Induktionsbasis aufkommen. Mit anderen Worten bin ich blind gegenüber Goodmans Problem. Meine Blindheit kann ich als Begleiterscheinung meines Kantianismus ausgeben. Es gibt keine von Eigenschaften, d.h. von unseren Erfahrungsbegriffen losgelöste Induktionsbasis. Wer archaische Erfahrungsbegriffe hat, klassifiziert die Dinge anders als derjenige, der moderne Begriffe hat.

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Pictures from my last days in Attica shot only some weeks after my post on the colour grellow, give me a motivation to write on the colour bled.

Like “khloron“, literally “grasslike” and Goodmanwise yellow-or-green, “oinops“, Homer’s term for the colour of the sea, refers to various colours of a given object rather than to a certain sensual perception. A close translation for the archaic adjective would have been “wineish”. Homer had colours of the sea in mind like the ones I photographed at the coast of the old orphanage in Vouliagmeni. Unluckily, in contemporary English, “wineish” is understood as a specific shade of red rather than as every colour which wine appears to have in different light conditions – which would be a Homeric understanding.

What further baffles me is that the Homeric blue or “kyanoun” was not used to refer to the sea but to Zeus’s eyebrows instead.

Wine and the sea being in an archaic Greek oinopes, i.e. bled, i.e. blue-or-red, and Zeus’s eyebrows being kyanoi, i.e. bluck, i.e. blue-or-black, what prevents red and black from being nuances of one colour? If you answer here: nothing, then you are repeating something known as (a misinterpretation of) Gladstone’s position: the ancient Greeks were colourblind. Gladstone’s position should rather be understood to say that the Homeric terms for colours were correlative, not classificatory. My debt for the reformulation of Gladstone’s position is to Carnap’s terminology but this is of secondary importance.

Like “khloron“, the adjectives “oinops” and “kyanoun” designate a whole spectrum of colours of a given thing depending on the lighting, not sense perceptions. Wine is bled, Zeus’s eyebrows bluck. Today we also find these two things red and black respectively. I continue to be blind towards Goodman’s problem with induction. Induction is made on the basis of categories. If you have archaic categories, then wine is bled and Zeus’s eyebrows bluck. If you have modern categories, then the aforementioned things are red and black.

Khloron

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Wenn ich aufkläre, dass das alte Griechisch zwischen Gelb und Grün nicht unterschieden hat, sind die Reaktionen gemischt. Die einen fragen, wieso die Sprache diese in der mediterranen Farbpalette so sinnvolle Unterscheidung nicht traf, andere vermuten wiederum einen Zwischenfarbton als Hauptkategorie. Niemand vermutet aber eine Bestätigung des Induktionismus. Um das zu vermuten, muss man Altgriechisch erst mal können.

“Khloron” ist das altgriechische Wort, das grün oder gelb bedeutet. Die Farbe, welche die alten Griechen damit bezeichneten, ist, wenn überhaupt etwas im modernen Sinn, dann – frei nach Nelson Goodman – grelb. Wie Goodmans Farbennamen lässt die griechische Verwendung von “khloron” auch Immergrünes grelb sein. Mit anderen Worten muss etwas nicht als gelb beobachtet werden, um als “khloron” gelten zu können. Aus meiner Sicht eines Sprechers, der sowohl des Deutschen als auch des Altgriechischen mächtig ist, heißt das, dass ich Smaragde grün finde und gleichzeitig khlora. Ich finde beide Bezeichnungen in Ordnung.

Goodmans Rätsel rührt aber gerade davon her, dass die Zuweisung von Prädikaten wie khloron und grelb zu den Smaragden laut Induktion genauso berechtigt erscheint wie die Zuweisung des Prädikats grün, während das Humbug sei. Mein Rätsel vor dem Hintergrund des altgriechischen Gebrauchs von “khloron” ist, warum das ein Rätsel ist. Mit khloron war die Farbeigenschaft “grün bis Ende September oder bis Juni und dann gelb” im alten Griechisch lexikalisiert als die natürliche Folge der Kategorisierung in einer Sprache, die Farben nicht nach der Farbe benannte, sondern nach der Sache, die diese Farbe gelegentlich hatte. “Khloe” bedeutet im Griechischen “Gras”. Von hier bis zur Bedeutungsverschiebung des “khloron” als “grün oder gelb” war ein Katzensprung – und zwar einer, durch den das sogenannte “Neue Induktionsrätsel” sich als gegenstandslos entpuppt.

Es gibt sie, die Sprecher – Sprecher anderer Sprachen allerdings – die keine Probleme damit haben, die Grelbheit, die khlorotes herbstlicher Landschaften zu bewundern und damit keine Folgen für induktive Schlüsse sehen. Sprachwissen lässt im allgemeinen Sturheit und Selbstsicherheit überwinden, was auch für die analytische Philosophie gilt.

Auch im Herbst. Oder im Frühherbst. Oder am Anfang des Frühherbsts. Oder kurz nach Anfang des Frühherbstes. Man kann alle möglichen Zeitpunkte durchnehmen. Ein Problem für die Induktion kommt deshalb allein nicht auf.

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When I explain that the Ancient Greek had no predicates to express the difference between green and yellow, the reactions vary from bewilderment (“Such an important distinction for a people in a Mediterranean environment and still…”) to deconstructivist allures (“They probably considered the very rare intermediate shades to be the main category”). Nobody assumes a counter-example to Nelson Goodman’s “new riddle of induction”. Which is not a surprise if you consider how Greekless analytic philosophers nowadays are. In order for one to consider the mysteries of ordinary language, one has to master many of them. And to see even in Ancient Greek an ordinary language.

Since the etymology of khloron is the Greek word for “grass” (“Chloe” is still a fashionable girls’ name in UK and US) one needs to think of the named object to know: khloron means – to be precise green-until-October-or-June-and-then-yellow. It is only a stone’s throw from here to the meaning green-or-yellow, which is the reason why khlora things are green or yellow.

Nelson Goodman would translate “khloron” with “grellow”.

Goodman – I know this is prehistoric but did you really get over it? – sees a riddle there. No one would see something grellow in green grass in September. But the best inductive explanation of the grass’s being grellow would be given. Why is that? Aha, there is something wrong with induction!

Says Goodman! Which is bullshit because any person who is fit in Ancient Greek and English would tell you that it is perfectly alright to see grass as khloron (eo ipso grellow) and as green at the same time.

When analytic philosophers draw conclusions about ordinary language in general, they often forget that they do not master more than one ordinary language. Let alone the fact that only a diminishing minority sees in Ancient Greek an ordinary language. Eo ipso they lack elementary knowledge.

Let alone in autumn. Also in early autumn. Or shortly after early autumn. Take whichever time you want. A problem with induction will not arise. Not because of that.