Undetached horse parts

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Wie “nicht abgetrennte Teile eines Pferdes” auf Quinesisch heißt, weiß ich nicht. Ob “gava” das Präfix oder “gai” das Suffix sein soll…

Was mich aber nicht loslässt, ist der Gedanke, dass die Vorstellung des Pferdes, sobald wir von Teilen des Pferdes sprechen, aus gedanklich abgetrennten Teilvorstellungen bestehen muss, selbst wenn das Pferd nicht zerlegt ist. Sonst wären wir nicht in der Lage, von verschiedenen Teilen zu sprechen.

Das zeigt allerdings, dass die Unbestimmtheit der Übersetzung aus der Teilmenge der mereologischen Ausdrücke einer Sprache in die Teilmenge der mereologischen Ausdrücke einer anderen Sprache nicht besonders groß sein wird.

Die Alltagsmereologie interessiert mich letztlich. Guido Imaguire and ich haben einen Call for Papers für ein Handbook of Mereology 2 herausgebracht. Dieses soll auch ein paar Alltagsmereologie-Beiträge enthalten.

Wer alles verstanden hat und am CfP interessiert ist (und ein sehr gutes Englisch schreibt), bittschön!

Wer alles verstanden hat, aber am CfP nicht interessiert ist, bitte, nicht weggehen: hier ist vielleicht was für Sie.

Wer jetzt denkt, dass das alles wirres Zeug ist, muss doch nicht den ganzen Witz vermissen. Hier gibt’s Hintergrundinfos.

Wer schließlich auf der Leitung steht, gerne aber runter davon möchte, hier sind meine anderen Postings zum Thema.

Enough with scrolling

I have no idea how “undetached horse parts” is called in Quinese. Whether “gava” has to appear as a prefix or “gai” as a suffix.

But what I realise is that even when the horse is undetached in reality, a representation of a whole horse must be detached in some way if we are talking about horse parts. In our imagination.

Probably the indeterminacy of translation from the subset of mereological expressions of a language to the one of another language, is not that big.

I am very interested in folk mereology lately. Guido Imaguire and myself have released a call for papers for a sequel of the Handbook of Mereology – one that will comprise some folk-mereology stuff among others.

If you understood everything and are interested in the CfP, here it is.

If you understood everything but you’re not interested in the CfP, this could be for you.

If you lost me completely and don’t care about mereology, you don’t have to lose the whole “joke”. Here‘s some background.

If, finally, you lost me but you’re nevertheless interested, just read my other posts on the issue.

Under too many layers

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Die Nachrichten: Die Hagia Sophia soll wieder eine Moschee werden. Das gibt mir den Anlass, meine Assoziationen zur Kirche (sorry: zum Gebäude) zu schildern. Sie sind mehrbödiger als Baklava und folgende:

Zur Moschee wurde die Hagia Sophia zunächst 1453, als die Stadt (DIE Stadt – urbs) von osmanischen Truppen im Mai überrannt wurde. Zu der Zeit war sie eine römisch-katholische Kirche im Sinne der Kirchenunion von Ferrara-Florenz des Jahres 1439. Die Orthodoxen, diejenigen jedenfalls in der Stadt, die gegen die Union waren, haben sie 14 Jahre lang gemieden, bevor sie zur Moschee wurde. Sie spielten mit dem Gedanken, Hussiten zu werden, egal…

Noch vier Jahrhunderte vorher war in der Hagia Sophia der Philosophenmeister (“hypatos ton philosophon”), Johannes Italos, vom Unterricht am Konstantinopler Hofseminar feierlich suspendiert worden. Wegen Aristotelismus. Und wegen zuviel Logik im Unterricht, wie die Kaisertochter Anna Komnena in ihren Memoiren (Entschuldigung liebe Wertneutralität, wenn ich hinzufüge: schamlos) zugibt. Noch heute wird am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit in jeder orthodoxen Kirche der Welt das Anathema gegen die Philosophie wiederholt, das damals dort verlesen worden war. Ungefähr aus derselben Zeit stammt die Nestorchronik, welche die Christianisierung der Kiewer Rus unter Wladimir I. auf die Begeisterung der Kiewer Abgesandten in der Hagia Sophia zurückführt. Hoffentlich nicht während des o.g. Zeremoniells gegen Johannes Italos. Ein Dutzend Jahrzehnte später wurde die Kirche von den Kreuzrittern des Vierten Kreuzzugs geplündert.

Geplündert stand sie weiter, wie sie heute steht. Stehen sollte bald ihr Name, übrigens in der Landessprache als Fremdwort mit der neugriechischen Aussprache erhalten geblieben, auch für die kollektive Entität aller heiligen Menschen. Die göttliche Weisheit: Das sind wir. Dieser, ursprünglich russische, Volksglaube wäre ohne das Gebäude wahrscheinlich nicht entstanden. Auf diesen Glauben ist einer der wenigen Versuche zurückzuführen, aus der Orthodoxie eine moderne Konfession zu machen. Sergej Bulgakov, ein Wirtschaftswissenschaftler und einstiger Weggenosse Lenins, versuchte im Pariser Exil, der Kirche unserer Vorfahren eine christsozialistische Gestalt zu verleihen. Sophiologie nannte er die neue Doktrin. Die Gemeinschaft der Idioten ist weise. Das ist meinerseits nicht ironisch gemeint.

Ja, die Hagia Sophia ist eine grandiose Fortentwicklung des architektonischen Konzepts des Pantheons von Rom; einer Stadt würdig, die Neurom heißen wollte; und – trotz Johannes Italos – Symbol von Weltbürgerlichkeit. Der einstige Notre-Dame-Kanoniker Étienne Tempier, der als Bischof den Aristotelismus im Werk von Thomas von Aquin verurteilte, reicht nicht aus, um die Notre Dame zu blamieren. Die Hagia Sophia ist ebenso resistent gegen in ihr begangene Dummheiten. Das zum einen.

Zum anderen habe ich in keinem Museum der Welt so viele gelangweilte, geistig abwesende Besucher angetroffen, nach dem Motto: “Sie haben alle gesagt, zumal wir hier sind, müssen wir das besuchen. Groß ist es schon…” Oder kennen meine Leser etwa ein Museum in dieser Welt, wo die Kunstwerke nicht bewundert werden? Ich kenne eines: die Hagia Sophia. Das Augenmerk des “Ausstellers” fällt ja nicht auf die Kunst, sondern auf das historische Faktum der Eroberung. (Fremdländische Ansätze der auf Erwachsene abzielenden Museologie können mir vielleicht egal sein. Aber im Sinne der Museumspädagogik: Was ist das für eine Erziehung für die Kinder, die das Museum besuchen?)

Meine letzte Assoziation jetzt:

Es gibt überall zweckentfremdete Gebäude. Ein zweckentfremdetes Gebäude aber, wo der neue Nutzer jahrhundertelang außer Stande war, wenigstens über die Zerstörung hinwegzutäuschen; darüber zu glätten und zu polieren, so dass der Besucher nicht denken muss, dass die Zerstörung zum Stolz des neuen Nutzers gehört – ja, ich war schon in der Mezquita! – hatte ich nie gesehen. Bis ich die Hagia Sophia besuchte.

Und jetzt soll es eine wichtige Nachricht sein, dass sie wieder zur Moschee wird?

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What you see in the two last pictures are marble fencings of the empress’s gallery in the Hagia-Sophia church – oops, sorry: museum – oops again: mosque in Constantinople – oops…

Anyway, you get the idea… The new masters (“new” is more or less a façon-de-parler since they’ve been there since 1453) gouged out the Christian Symbols but left the destruction for everyone to see.

Some amount of destruction is there when you dedicate a building to another purpose than the one it originally served. The Mezquita of Córdoba is a handy example of a mosque that was rendered vice versa to a church with a vast change of the central part of the original structure. However, the new masters there did bother to make the destruction unseen, tried to embed a cathedral into the mosque without the malicious gesture: “Har, har, har: see what I did?” In the Hagia Sophia, the tidying up of the traces of the destruction didn’t happen in the last five-and-a-half centuries. Now, it will become a mosque again. This gives me the motivation to deploy my associations pertaining to the building. They have more layers than the baclava served outside it and are the following:

As I said, the Hagia Sophia was first rendered to a mosque in May 1453 when the Ottoman army conquered the city. When this happened it had been a Roman-Catholic church for 14 years, following the church union of Florence in 1439. The Orthodox, those at any rate who were against the union, have avoided the church and services given in it for a decade-and-a-half before it became a mosque.

Four centuries earlier, the Hagia Sophia had been the site of John Italos’s condemnation. John was an Italian-Norman logician who had the title of the master among the philosophers (“hypatos ton philosophon”). Accused by the emperor’s daughter Anna Comnena of too much Aristotle and logic in classroom, he was removed from office and ceremonially so in the greatest of all churches. Anna Comnena must have been a horrible student. In spite of everything, her style is not devoid of charm and I do have respect for a woman author in the Middle Ages. At the same time, it is disgraceful to make your dad, the emperor, fire the professor whose subject you failed. And then, for all of us, it is even more disgraceful to recite since then, every year on the first Sunday of the Great Lent, in every Orthodox church, for almost one thousand years now, the same anathema against philosophy that was released there and then.

It was the time when the Russian Primary Chronicle ascribed to the impressive church the decision of Vladimir I to have his subjects baptised according to the Byzantine rite. A church which was to be looted by the crusaders a century and something later.

This notwithstanding, its name, still preserved until today as a Greek loan, came up to stand also for the collective entity of all saints: wisdom is sanctity and sanctity is the mereological whole of us all. This, originally Russian, popular faith was arguably inspired by the church of the Holy Wisdom. When Sergey Bulgakov, the economist and philosopher, denounced his former comrades to Lenin’s great bitterness, and attempted from his Parisian parish to renovate Orthodoxy to be a more liberal denomination, he called the new doctrine sophiology – alluding to the aforementioned popular faith. Even if each of us is an idiot, we are wise when taken as a whole.

A bigger Pantheon in a city called New Rome and thereby a symbol of cosmopolitanism in spite of the John-Italos episode. If Étienne Tempier, the bishop of Paris who condemned the Aristoteliansm in Aquinas, is not enough to debase the Notre-Dame of whose chapter he had been the chancellor, then Hagia Sophia remains also undegraded in spite of the unpleasant episodes in it. On one hand…

On the other, in no other museum have I met so many bored people ticking off one more must-see from their tourist guide. Which is quite understandable since the focus of the Hagia-Sophia Museum is not on its art but on the historical event of the conquest. And, I mean, come on: even if I don’t care about the museological concepts in far countries, I am still concerned about the education they give to their children…

This is why I think that rendering the Hagia Sophia to a mosque is not the important news about it.

Collectively bounded rationality

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Am Anfang hat es mich erschreckt. Mit einem Schreiben vom 26. Mai informierte mich mein Krankenversicherer, dass meine Beiträge, fällig 11 Tage vorher, ausstünden. Hat die Bank nicht überwiesen? Wegen der Grenzschließung oder was? (Meine Bank ist nicht im selben Staat wie meine Versicherung) Habe ich einen Fehler beim Online-Banking gemacht? Wie konnte das passieren? Das in den ersten Sekunden. Dann überlegte ich aber: Wieso verlangen sie dann nur acht Euro? Mein Beitrag beträgt ja mehr als das Hundertfache.

Anrufen. Die Dame will die Details:

– Ja, von wann ist die Forderung?

– Vom 26.

– A, ja, hier sehe ich’s. Inzwischen ist das Geld eingetroffen. Aber am 15. war es noch nicht da.

– Was heißt “inzwischen”? Der 26. war gestern! Hat meine Bank denn erst heute überwiesen?

– Nein, am 16. Also nicht am 15. Die acht Euro sind ein Säumniszuschlag.

Ich erspare meinen Lesern die Fortsetzung einer Diskussion zwischen jemandem, der einen Punkt über soziale Pathologie bringen will, und einer Person im Call Center. Im Grunde ist es ungerecht, dass solche Diskussionen überhaupt stattfinden. Für die Leute im Call Center ungerecht und für basale Standards der Kommunikation ebenfalls ungerecht. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit größer, meine ehemaligen Philosophie-Masterstudenten im Call Center als etwa in einem Klassenzimmer zu treffen. Solange jedenfalls die Wirtschaft keinen Bedarf an Leuten meldet, die das Argumentieren gelernt haben. Demnach sollte und könnte ich gerade erst mit der Person im Call Center argumentieren und mit niemandem sonst.

Das Resümee ist, dass es seit 10 Tagen feststand, dass die Zahlung terminnah eingegangen war, als die Mahnung verfasst wurde. Eine Firma, die aus quasireligiösem Eifer Satisfactio im theologischen Sinn für eine geringfügige Verspätung verlangt und Strafgelder für symbolische Übertretungen verhängt, hätte auf keinem Markt, wo der homo oeconomicus agiert, eine Chance in einer Million, nicht pleite zu gehen – vorausgesetzt, es gibt kein Monopol und der Zahler – eben homo oeconomicus – bringt ein Mindestmaß marktrationalen Verhaltens auf. Wenn ich für ärztliche Dienstleistungen bezahle und nicht um die Dienstleistung, den innerweltlichen Poenitenten zu spielen, dann gehe ich zu jemandem, der mir die Dienstleistung ohne missionarische Allüren bezüglich meiner Zahlungsmoral bietet.

Aber wenn das Publikum es mit sich machen lässt? Wenn das Publikum es als moralisch gerechtfertigt ansieht, für das Scheitern an militärischer Termintreue Geld zu zahlen? Wenn das Publikum eines ist, das von Kind an kein Eis im Sommer aß, bevor das mit einer kalvinistischen Tugend verdient wurde? Na dann hast du ein Publikum, das keine Regeln und Fristen als Mittel zur Erfüllung von höheren Zielen ansieht, sondern allesamt als Selbstzwecke.

Dass der pietistische Fundamentalismus von Parareligiösen sich zu einer sozialen Haltung von Areligiösen säkularisierte, war wohl aus religionssoziologischer Sicht zu erwarten. Es sind nun die Kognitions- und die Wirtschaftswissenschaft gefordert – aber nach Thaler und Tversky sind sie auch auf einem guten Weg – die Übertretung von Rationalitätsstandards als vorherrschendes Verhaltensmuster zu beschreiben. Nach Webers Zweckrationalität gibt es nun viel zu tun in der Erforschung der Zweckirrationalität.

Repro of Grant Wood’s American Gothic in a typical middle-class interior; courtesy of otto.de (but do continue scrolling…)

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This letter of May 26 made me very concerned and surprised, at least in the beginning. I am supposed not to have paid my healthcare insurance? Did the bank not pay? Because of the border closure or something? (My bank is in one country, my insurance in another).

A due payment for 11 days? That is a long time. Did I commit a mistake while doing online-banking? 5 seconds passed…

Just a moment. Why do they demand only eight euros? My monthly contribution is more than one hundred times this!

Let’s call them. The lady wants me to indicate more precisely.

– What is the date of our reminder?

– May 26.

– Right, that’s it. You’ve paid your insurance in the meantime. You hadn’t on May 15 though.

– What do you mean “In the meantime?” When is the valuta day?

– May 16. Which is not May 15. You have to pay an eight-euros penalty for this.

I spare you the details of a discussion between someone who addresses social pathology and a person in the call center. It is unjust in a way to have such discussions. Unjust for the telephonist and unjust if you consider the basics of communication. From another point of view though, as long as people who had an academic training in argumentation are not needed in the job market, the probabilities to come across my master students in Erfurt are larger in the call centre than anywhere else. In that sense you can conduct rational discussions only with people in the call centre.

To make a long argument short, when the “reminder” was released, the payment had been made and acknowledged by the company that issued the “reminder”. Ten days ago. The justification of the penalty was not that I hadn’t paid but that I hadn’t had paid until a few hours after midnight of the day due. A company that charges a customer who pays huge amounts of money, eight euros for a delay of hours (essentially a delay of his bank abroad, but for the sake of argument let’s say that I should have predicted this delay), a delay, on top of everything, discovered ten days later, when everything had long been settled, has no chance of going bankrupt – given it’s not a monopoly and the customer has a minimum rationality. If my choice is between someone who gives me a product and someone who gives me the product plus demands a quasi-theological satisfaction due to militant Kalvinist fanaticism, I will choose the former. Do I pay in order to have the access to healthcare service or to play the role of a masochistic penitent?

Why don’t they get bankrupt though? I suppose because the customers are masochistic penitents – and gladly so… If your parents never bought you an ice cream just because you fancied one and asked them but only after your conforming with some of the things they considered virtuous, then you learn to consider everything in life a response to a military discipline. You learn to consider every rule and deadline as being for their own sake.

The transformation of pietist fundamentalism from a lunacy of the parareligious to a secularised attitude of the areligious is not surprising. After Weber’s efforts to understand means-end rationality, we have much to do in order to understand means-end irrationality. After Tversky and Thaler, cognitive and social scientists have made great progress in that.

A language’s range and rage

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Ausnahmsweise fange ich – sehr klassisch heute, mitfühlend mit meinen beiden Protegés, die in ihren Ferien eine wohlstrukturierte Fünf-Kapitel-Arbeit schreiben lernen müssen – mit der These an: Orientalischer Sprachgebrauch hat unseren Sprachgebrauch im Westen Jahrtausende lang geprägt, aber das hört langsam auf. Damit wird die Sprache plump. Nicht nur trocken. Trockenheit ist nicht das Problem. Plump.

Orientalische Stilmittel im Westen sind bis zum heutigen Tag und größtenteils auf den Einfluss des Neuen Testaments zurückzuführen. Man macht eine Synekdoche mit dem lateinischen und dem hebräischen Namen des Apostels der Nationen, Saulus und Paulus, als wären diese Namen Träger des einen oder des anderen Glaubens; Berlin Tegel, um einen jüngst erschienenen Beitrag im Feuilleton der Süddeutschen zu erwähnen, ist ein Lazarus – will heißen wiederauferstanden, nachdem der Großflughafen Ewigkeiten auf sich warten ließ; Heuchler sind Gräber: außen weiß und geputzt, innen voller Verwesung. Überhaupt scheint Jesus ein Talent für aggressive Metaphorik und rhetorische Übertreibung gehabt zu haben.

Wenn ich Stilmittel wie Übertreibung und Metapher orientalisch nenne, dann will ich sie nicht ausschließlich auf das Griechischschreiben von bilingualen Syrern wie Johannes, Matthäus und Markus zurückführen. Noch vor dem Neuen Testament pflegten das Griechische und das Lateinische Übertreibungen und Metaphern. Wenn die hohen Erwartungen enttäuscht wurden, hieß es schon vor Christus: “Der Berg ging schwanger – geboren wurde eine Maus”. Orientalisch war die klassische Antike schon. Das Neue Testament ist aber sehr voll der Ironie und der Übertreibung.

Zum Beispiel Mt 8.22 & Lk 9.60 “Lass die Toten ihre Toten begraben” (im Neugriechischen heißt es übrigens immer noch “der Tote” in der Bedeutung: “der Untergegangene”; Paul Erdös nannte “Tote” alle seine Bekannten, die den aktiven Mathematikbetrieb an der Uni aufgegeben hatten).

Oder zum Beispiel frei nach Mt 23.24 “Guck einer an: Die Mücke kann er nicht im Rachen haben, das Kamel schluckt er aber so herunter” (über Leute, die ihre Prioritäten falsch setzen).

Ich verfolge die Debatten nach der Corona-Zeit: im Deutschen Bundestag, im Schweizerischen Nationalrat. Meistens eine kühle Technokratensprache. Das klingt beruhigend und nach Fortschritt in jemandes Ohren, der seine ersten Wahrnehmungen der politischen Sprache im Kalten Krieg machte, welcher wiederum in Sachen Sprache ja hitzig war.

Andererseits lässt die vorsichtige Sprache kein größeres Engagement hervorschimmern; kein Risiko, ungerecht und falsch zu sein statt nur falsch. Ich weiß auch als Blogger, dass Vorsicht und lauwarmes Gemüt weniger Feinde und eventuell sogar mehr Freunde macht als Polarisieren. Ich versuche mit der gesamten Ehrlichkeit meines Westlerseins, ein Langweiler zu sein.

Ob mir das gelingt, ist eine andere Sache. Denn das Neue Testament ist fast (fast…) meine Muttersprache.

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Summertime, cotton’s high, fish are jumping and students trying for the first time in their lives to write a structured text with thesis, history of the debate, method, evidence and conclusion.

For a change, let me also start in a classical manner: with the thesis: Oriental language has influenced our style in the West in millennia of world history. However, slowly but steadily language becomes blunt. Occidental so to say. By this I don’t mean precise or dry. I mean blunt.

This appears to be a long process. Biblical exaggeration and metaphor are not once and for all banished from media today. In the German ans Swiss press, which I happen to read on a regular basis (I read rather rarely US and British newspapers, only the headlines of the Greek and the French, and I am completely an ignorant of the rest) I do find metonymies of the Sauls (and the souls) who become Pauls; allegories of the old airport of Berlin as a resurrected Lazarus after the new airport has been unable to operate for ages; metaphors about the hypocrites as graves, clean and tidy from the outside but full of decay and ptomaine inside. These are expressions one can still use and hear or read in western media and if you want to make the case of Jesus as a mild comforter, you have the burden of proof of a rather unlikely claim.

These and like expressions I call oriental. They should not be restricted to the influence of bilingual Syrian writers like Mark, Mathew and John to the Greek style of late antiquity and subsequently to modern languages. Greek and Latin, you see, have been “oriental” long before they adapted Syrian style. E.g. when their expectations were disappointed, Greeks and Romans spoke of the mountain’s pregnancy with a mouse. But the New Testament is a locus classicus for rhetorical tropes:

Cf. Mt 8.22 & Lk 9.60 “Let the dead bury the dead” (in Modern Greek one still calls losers: “the dead”; infamously, Paul Erdös called “dead” all those who had given up maths at the university for some other job).

Following the Covid-19 debates in the two or three parliaments whose decisions have a direct impact in my life I must state that the language is a sober technocrats idiom, one that sounds reliable in someone’s ears whose first experiences of political language were in the Cold War – NB a hot one in terms of rhetoric.

At the same time, distanced language makes the speaker sound indifferent. Without a deeper engagement. Speakers who take the risk to be false do fulfill a minimum of rationality alright. But the ones who demand you to invest emotions along with your thoughts, are speakers who take the risk to be false and unjust. As a blogger I do know that I make less enemies and even more friends when I avoid polarizing. And I do try to be boring.

The reason I do not succeed in being so? I suppose that comes from the fact that the New Testament is almost (I said almost) my mother tongue.

Le collectivisme

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Lasst die Statuen stehen. Diese Menschen, die sie abbilden, können wohl auch wegen einer Tugend bewundert werden. Sie werden doch auch etwas anderes gewesen sein als Sklavenhalter.

Im Gegensatz zur bildenden Kunst, die so oder so interpretiert werden kann, huldigt ein Text, eine Inschrift, die ich letzte Woche beim Spazieren ganz nahe beim Bahnhof Basel SBB entdeckte, dem Tribalismus und, als wäre das nicht genug, konkretisiert sie auch die künstlerische Botschaft so, dass ich z.B. (die Person im bestimmten Körper) genauso heilig bin, wie das Kollektivwesen, dem ich angehöre.

Ich bezweifle, dass es Wandalentrupps mit Gips in der Hand gäbe, die solche Inschriften übertünchen würden, wenn K.R. Poppers methodologischer Individualismus das vorherrschende Paradigma der Geschichtswissenschaft wäre. Denn unsere (offenbar austroliberale) Lehrerschaft würde dann nur den Menschen beibringen, über die historischen Quellen zu reflektieren statt herzufallen. Mehr nicht.

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People all over the world were attacking statues that, in their eyes, depict white suprematism when I discovered this inscription while strolling through downtown Basel.

Although the inscription oozes with tribalism – frankly, I don’t want to be respected in virtue of being Greek and those who would see me thus would not see me after all – obviously no one bothers to vandalise it. Not only because K.R. Popper’s methodological individualism is not the leading paradigm in historiography. Also because individualists, an Austroliberal kind of people, want to teach you how to reflect on historical sources rather than to destroy them. NB, even if the source in question is a text, which unlike a piece of art, makes the tribalist message explicit.

The piece of art, normally a depicted person, can, after all, be taken to be exposed due to beauty or – there must have been one – virtue.

Opposition

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Die Debatte um die These, dass der Widerspruch ein bloß sprachliches Phänomen ist, das aus – in den Dingen an sich nichtvorhandenen – Dichotomien der Sprache entsteht, ist bekannt und ich werde sie heute nicht ansprechen.

Viel provokativer erscheint mir der gestrige Spaziergangseinfall: Jedweder Gegensatz ist nur sprachlich. Nicht zuletzt könnte auf dem Schild stehen: “Friss mich!”.

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Arguably, contradiction is only a linguistic device based on dichotomies in language that are nonexistent in reality. This is a well-known debate and I shall not address it here – not today.

What is more provocative is an aperçu after yesterday’s walk: any opposition is only linguistic. Note that the inscription above (“Do not feed” – meaning: the goats) could state anything else. Among others: “Eat me!”.

Ein praktischer Mensch

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LeserInnen dieses Blogs, die sich im landläufigen Sinn “praktische Menschen” zu sein rühmen, sollen sich nicht zu früh über den Titel freuen. Der Titel des “praktischen Menschen” ist mehr als peinlich.

Es war einmal die Erlinger-Kolumne im SZ-Magazin. Jeden Freitag. Mit Erlinger bestritt ich ein ganzes Jahr in Halle an der Saale den Unterricht der praktischen Philosophie. Es gab immer eine Frage der ethischen Kasuistik, die aus utilitaristischer und deontologischer Sicht beleuchtet wurde. Ich benutzte dabei oft Fragen, die Erlinger in Briefen und Emails von seinen LeserInnen bekam. Denn sie hatten eine Lebensnähe, die kein Gedankenexperiment je erreichen kann. Da es Erlinger – einem Philipps-Mann doch – in der Kolumne um die deduktive Logik der Präskription, nicht um induktive normative Ethik ging, hielt ich es im Unterricht für angebracht, eine tugendethische Sicht zu Erlingers deontologischer und utilitaristischer hinzuzufügen. Um viel mehr habe ich die Argumentation seiner Kolumne für die Ethikstunde nicht angereichert. Ein paar Namen meiner SchülerInnen in Halle weiß ich immer noch. Sie haben mir in diesem Lehrveranstaltungsformat stets die Zügel aus der Hand genommen, sie haben räsoniert, ohne die ganze Philosophiegeschichte zu kennen. Diese habe ich sehr selektiv in das Argument eingeflochten. So wie Erlinger in seine Kolumne. Oder wie die guten französischen Bac-Philosophie-Einführungen, wenn Sie verstehen, liebe Leserinnen und Leser…

“Meine Freundin ist blind. Ist es OK, wenn ich auf teures, buntes Geschenkpapier für die Weihnachtsbescherung verzichte?”. Oder: “Ich hatte eine außereheliche Eskapade. Jetzt ist alles vorbei und kein Thema mehr. Wir sind wieder glücklich miteinander und niemand weiß, was vorgefallen war. Bin ich verpflichtet, das Geheimnis zu lüften, wenn ich weiß, damit nur Übel anzurichten und Unglück zu stiften?”. Erlinger beleuchtete in seiner Kolumne die Sache aus der Sicht zweier Ethikschulen und gab Gründe für seine Vorliebe. Das Strategem ließ ich die jungen Menschen anwenden. Nach ein paar einführenden Stunden zu den drei Denkschulen, um die es mir ging, der utilitaristischen, der deontologischen sowie der Tugendethik, lernten sie es, die praktische Philosophie zu lieben.

Erlinger bin ich zu Dank verpflichtet. Das sollten auch meine damaligen Julianes und Juris und Chantales (ja, ja…) sein.

Dann hat Erlinger abgedankt. Die Erlinger-Kolumne wurde zu einer Adorján-Kolumne. Ich lese sie sehr selten. Denn statt der Diskussionen eines Themas der angewandten praktischen Philosophie bietet sie Klugheitsregeln. Letzten Freitag hat sie sich übertroffen. Ein Zeitgenosse stellt folgenden Sachverhalt dar: Aus Respekt (immerhin ein moralischer Beweggrund) wolle er ein Jugendbild des Opas irgendwo hängen. Dafür eignet sich ein Soldatenbild desselben – mit dem Nachteil eines Hakenkreuzes an der Uniform des Fotografierten. Das Überkleben des zeitgeschichtlichen Details komme aus ästhetischen Gründen nicht in Frage. Was tun?

Was für eine Steilvorlage für die Kolumne! Man kann über das Abwiegen von Moral und Ästhetik sprechen, ob das eine in das andere übergreift, ob wir die Interpretationshochheit unserer eigenen vier Wände haben sollen (“Ein lieber Mensch! Hat, halt’, in dieser Uniform gesteckt”…)

Man kann also Vieles vorschlagen. Was schlägt aber der praktische Mensch hinter der Kolumne vor? “Warum hängen Sie das Bild nicht in Ihrem Kleiderschrank auf?”

Sehr viele Menschen, auch solche, die nach eigenem Bekunden Philosophie betreiben, haben keine Ahnung von Philosophie. Noch mehr Menschen, insbesondere solche, die praktisch zu sein vorgeben, haben keine Ahnung vom Praktischen im eigentlichen Sinne des Prattein. Diese Ignoranz dient den Adorjáns dieser Welt als Freibrief, die Geduld ihres Schreibpapiers zu misshandeln. Wer darunter leidet, sind die Leute, die eine Ahnung haben. So viel Ahnung jedenfalls, um zu fühlen, dass die euphemistisch so genannten “praktischen Menschen” für gewöhnlich die Misologie, die Abneigung gegen philosophische Reflexion, für eine ihrer Tugenden halten.

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Don’t rejoice for today’s title if you’re happy to usually hail “practical solutions”. The post turns to be against you.

What is the New Yorker Magazine for New York and the Times Literary Supplement for London is for Munich the Süddeutsche Magazin. Not only because it is a supplement and a magazine at the same time but rather for the intellectual readership – although one with a national rather than social snobby attitude and a sympathy for theses bluntly put. But this is a cultural thing of a country as equalitarian and tribalist as Bavaria. Roughly, the analogy still holds.

Rainer Erlinger was the name of the person who wrote a column on applied ethics for the magazine. Erlinger have had some common references: he befriended for example the late professor Lothar Philipps (LMU Munich) whose classes on juridical rhetoric and informal logic I used to visit out of interest for example. But it doesn’t seem that I have ever met him. Much later, at a private high school in the German east, I had casuistry classes partly based on Erlinger’s format and, in fact, on the cases he was sent by readers to discuss. Firstly, they were closer to real life than any thought experiment could be. Secondly, he usually discussed the letters he received from the utilitarian point of view, then from the deontological. These were two of the schools I discussed in the beginning of the year (you always need some theory in the beginning), adding a third: virtue ethics. After the preliminaries, students were able to reason and decide themselves the given casuistic examples with the help of the three theories. I still remember this girl Juliane, and a boy named Juri who later made a great documentary on the street I lived in downtown Halle near the university and the opera. And also a couple of more names because they loved moral reasoning à la Erlinger.

“I have a friend who is blind. May I save money when I buy the wrapping paper for her Christmas present?” Or the next one: “I had an extramarital affair which is over now. Do I have a duty to disclose this towards my unsuspecting family with whom as for now I am very happy, knowing that I will make everyone unhappy including myself?”

Not so long ago, Erlinger stopped writing and an Adorján column replaced the Erlinger column. I read it very rarely because it is about what hoi polloi call practical solutions. I.e. it is not about the practical realm; it is not about praxis.

Last Friday Adorján managed to surpass herself. One of her readers writes to her about his grandfather whom he loved and whose (unique flattering?) picture as a young man, said reader would like to have on the wall. This is something you can do in other countries without having to tackle ethical issues. But if you’re German the chances of photographs of your grandfathers with swastikas on arms and berets are not small. The reader does not want to have the accessory in question covered on the picture. Allegedly for aesthetical reasons. Any solution?

In football, this is what you call a superb long ball. You can’t miss the target! Should ethics and aesthetics be made compatible? Do we have the authority to interpret (underestimate, overestimate) the symbols that happen to hang around in our house? (“He was a great chap. The uniform on the picture is only accidental”). And, of course, you can propose a host of changes of the reader’s mind. And what is Adorján’s practical solution? “Why don’t you hang the picture in your closet?”

Many people, among them people who occupy themselves with philosophy, have no idea of the discipline. Even more people who profess to prefer practical solutions have no idea what “practical” – meaning referring to “praxis” – means. It’s ignorance that makes the Adorjáns of this world maltreat the patience of the paper on which they write. As someone who has an idea, you suffer; suffer surrounded by people who treat “practical” as another word for misologistic.

Beat this!

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🇨🇭🇩🇪🇦🇹🇱🇮

Leser die denken: Aha, drei eingebürgerte Bundesbürger, die genpoolbedingt gut kommunizieren…

…sollen nochmal gucken.

Ich sage: Studenten, Studenten, Studenten und gleich drei Universitätslehrer, die gegenwärtig in Deutschland, den Vereinigten Staaten und der Schweiz sind, in ein-und-demselben Seminar.

Wer was gegen Online-Seminare sagen will, soll das überbieten können.

🇦🇺🇳🇿🇬🇧🇺🇸🇨🇦🇿🇦🇮🇪 etc.

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You’ll say: Three naturalised German university teachers who work together due to their origin and same genetic pool.

I’ll say: Students visiting a class with three teachers who currently teach in Germany, the US and Switzerland.

Before you despise online classes, beat this!

Epistemology of logic during a walk

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Es gibt unendlich viele Systeme der Logik. Manche sind redundant und uninteressant.

Notorischerweise gilt das etwa vom System, das aus der Regel besteht, aus p lasse sich p&p folgern, sowie aus einer Prämisse: Sagen wir pv~p. Dieses System lässt zum Überdruss Konkatenationen des principium exclusi tertii generieren. Man hat das Gefühl, es zu gut zu kennen.

Was eine Logik interessant macht, sind die Blicke, die sie hinter die langweilige Sichtblende erlaubt.

Deshalb glaube ich, dass die Universale Logik zum Teil Pragmatik sein soll.

Enough with scrolling

There are infinitely many systems of logic. Some are redundant and uninteresting like the one that consists of the rule of inference: p entails p&p, and of exactly one premise; say pv~p. This system generates concatenations of the Principle of Excluded Middle ad nauseam.

Others are thrilling… Why is that so? I suppose because with them you can discover something behind the boredom.

A Universal Logic has to be partly pragmatics.

Old books

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Alte Bücher führen oft zu interessanten Einsichten; zu nicht immer von Anfang an beabsichtigten. Ein Foulspiel, das gut im Spielverlauf war, muss nicht vorsätzlich gewesen sein.

Da ist, was ich jüngst entdeckte.

(Lorenzen hätte gejauchzt. Der Band war übrigens sein Zeitgenosse. Studenten auf den Straßen usw… Zeitgeist).

Enough with scrolling

More often than never, old books make one have interesting insights. Not always intended ones. Some fouls are not deliberate and are in spite of everything good for your game.

(The volume above was released about the time when Hintikka developed game semantics; students on the streets etc. Zeitgeist)