Language makers

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Generell bin ich nicht gegen Neologismen. Sie sind jedenfalls besser als der philologistische Versuch, auf Biegen und Brechen irgendeinen Terminus aus der Tradition zu finden, der genau die Idee schon immer ausdrückte. Peter Simons‘ Termini truthbearer und truthmaker fand ich z.B. immer gut. Sie geben einem eine suggestive Sprachkonvention zur Unterscheidung zwischen Aussagen als Zeichen und Bezeichnetem von Aussagen.

Aber diese neue Mode mit dem daraus abgeleiteten Verb „I truthmake“, „you truthmake“, „he/she/it truthmakes“ wird mich noch umbringen. Gegenstände erfüllen Prädikate – wissen wir seit vielen Jahrzehnten – wodurch die Prädikation gegebenenfalls wahr wird.  Das sage ich, um eventuell ahistorischen Übersetzern dieses Unfugs ins Deutsche den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Der historische Analphabetismus der Peer-Review-Unkultur droht, aus der akademischen Philosophie eine Disziplin zu machen, die sich in ihrem Jargon erschöpft. Der Umstand, dass der Zeitgenosse den Jargon beherrscht, wird wichtiger als was er zu sagen hat, ja sogar wichtiger als was der Jargon selber besagt. Hier waren wir vor Jahrzehnten, noch vor dem Aufkommen der analytischen Philosophie. Es war hier schon damals nicht gut und es ist keinen Deut besser geworden.


Enough with scrolling

Normally, I wouldn’t oppose to a neologism just because it’s new. In order to believe that a term from the tradition expresses always what you wanted to say with a neologism, you must support the philosophia perennis, and I don’t. Take Peter Simons‘ truthmakers and truthbearers: what a great way to distinguish the sign from that for which it stands – at least if you describe events!

However, this new fashion to make a verb out of it („I truthmake, you truthmake, he/she/it truthmakes“) will lead me to the grave. Folks, since Tarski we call this „satisfaction of a predicate by an individual“, alright? Sometimes satisfying individuals make a proposition or a sentence true, i.e. there is a true interpretation. Read some book that’s older than three years!

But my main point against this neologism is: it’s only a fashion. Fashions of this kind make analytical philosophy a kind of scholarship that consists in mastering and using a jargon. The jargon becomes more important than what you have to say, the peer/reviewer of the journal will give a good report by simply reading diagonally your paper and finding out that you do use the jargon, a jargon that you understand and the guy to whose paper yours is a reply and a couple of folks also understand including the reviewer.

If this is what became out of analytic philosophy, then it was pointless for Moore and Russell to start this emancipating movement against spooky metaphysics in the first place. We’re back into it…

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The act and the art of the optative

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Mein Geburtstag ist einmal im Jahr. Viel zu oft… Der einzige Genuss, den ich diesem Tag abgewinnen kann, ist die Fröhlichkeit derer, die mich beglückwünschen. Ich habe nichts gegen das memento mori, aber das memento senectutem finde ich nervig.

Zusätzlich finde ich die Bedeutung der sprachlichen Äußerungen für Wünsche kompliziert. Schon in meiner Zeit als Student irritierte mich die arrogante Ablehnung gegen Wünsche, die ein Professor für politische Philosophie an der Universität Ioannina immer wieder äußerte. Beim Anblick seiner Gestalt im Korridor überlegte ich jedes Mal, ob ich ihm „guten Morgen“ habe sagen sollen oder nicht. Denn, wenn ich begrüßt hatte und er gutgelaunt war, verkündete er in marxistischer Selbstgefälligkeit, Wünsche wie „guten Morgen“, „herzlichen Glückwunsch“ usw. seien Überbleibsel einer primitiven Weltanschauung, die meinte, mit der Kraft der Wörter könnten wir jemandem Gutes tun. Wer an Wünschen ein Gefallen hat, so die Andeutung, kann gleich an Zauberei und jede Scharlatanerie glauben. Unter anderem war es der vulgäre Materialismus dieses Professors, der mich zur Lektüre von Austins How to Do Things with Words brachte. Bei Austin fand ich die Bestätigung meiner Vermutung, dass Wörter Wunder wirken – zwar nicht im Sinn der Psychokinese, jedenfalls aber im Sinn eines Einflusses auf das Netzwerk von Überzeugungen, die für unsere Lebenswelt immerhin wichtig sind. Wenn ich jemandem „guten Morgen“ sage, äußere ich damit, selbst wenn ich keine Lust habe, der genannten Person etwas Gutes zu tun, einen Willen, auf eine bestimmte Art verstanden zu werden: als eine gesellige, um Harmonie bemühte Person. Kaum sage ich dem unangenehmen Zeitgenossen „herzlichen Glückwunsch“ und er „vielen Dank“, signalisiert dieser Smalltalk für uns und für die Umstehenden eine Einstellung, die schließlich sozial wirksam ist.

Tief in meiner analytischen Venunft schlummern trotzdem die Bedenken. Wünschen soll gewiss eine mögliche-Welten-Semantik zu Grunde gelegt werden, und zwar eine, deren Zugangsrelation wie in der deontischen Logik irreflexiv ist. Der Grund: Es macht keinen Sinn, sich zu wünschen, was man bereits hat. Man wünscht sich ein glückliches neues, kein glückliches vergangenes Lebensjahr.

Aber die Sache ist viel komplizierter als die deontische Logik. Während es in der deontischen Logik durchaus passieren kann, dass ein moralisches Gebot befolgt wird (es gibt ein paar gute Menschen auf der Erde, Pessimismus hin oder her), beim Wünschen ist es sogar falsch, wenn das Gewünschte gerade zufällig der Fall ist! Mit anderen Worten kann ich mir oder anderen nur etwas wünschen, von dem ich annehme, dass es nicht der Fall ist. D.h. ich kann den altgriechischen Modus Optativus oder einen beliebigen Wunschoperator der modernen Sprachen verwenden (z.B. „Es möge…“), nur um Sätze zu bilden, von denen ich weiß oder mit gutem Grund annehme, dass sie nicht zutreffen („…Respekt vor dem Anderssein künftig in der Welt walten“) – jedenfalls noch nicht zutreffen.

Allerdings gibt es Sachverhalte, die weder der Fall noch wünschenswert sind. Etwa, dass das Gras rot wäre. Nun ist die Negation des Satzes „Das Gras ist rot“ wahr und deshalb ist der Sachverhalt, dass das Gras nicht rot wäre, ebenfalls nicht wünschenswert. Liebe Leser – ich weiß nicht, ob Sie folgen! – nicht alles, was ich mir nicht wünsche, ist so, dass ich mir sein Komplement wünsche! In einer optativen Logik brauchen wir einen Indifferenzoperator. Es ist echt vertrackt, die innere Logik der Wunschäußerung zu entwerfen. Die Differenzen zwischen ihr und der deontischen Logik sind nicht zu unterschätzen.

Dass Wünsche einen Sinn ergeben, weiß ich. Welchen Sinn sie ergeben – da muss ich diesen Faden weiter spinnen. Allen, die mir zum Geburtstag gratulierten, möchte ich wünschen, die fertig gesponnenen Gedanken mal zu lesen zu bekommen. Oder ein Glas Wein mit mir zu trinken, wenn das früher realisierbar ist.

Und nun die nicht mehr realisierbare Version meines Arguments. Austin starb, bevor ich geboren wurde. Aber da sind wir wieder beim Thema Geburtstag…

Austin revised

What you see above is a wish physically impossible to fulfil. Austin died before I was born. And this is the topic of this posting: my birthday a few days ago. Or, rather, the point of departure of the topic, in many ways.

My birthday is once a year, which is too often. The only thing I can enjoy about this is the happiness of those who send or tell me their wishes. Nothing against the memento mori. A memento senectutem, however, is unpleasant.

What adds to the problem is that I find the meaning of wishing complicated. When I was younger – much younger – the appearance of this professor of Political Philosophy at the end of this corridor in Ioannina always spoiled my day. I was unsure whether I had to say „good morning“ to him or not. Saying „good morning“ was a matter of manners. However when I did so and he was in this arrogant mood, he used to make a remark: wishes like „I wish you happiness“ or „good morning“ are a relic of the primitive weltanschauung which involved the view that words have the power to do things. What he suggested is that those who like wishes and the like can without much pains believe in wizzards and charlatans. It was this professor’s vulgar materialism which made me read Austin’s How to Do Things with Words. I read Austin’s book as a corroboration of my hypothesis that words can do miracles. No miracles like those in alleged cases of psychokinesis. But kind of, like when words influence a net of beliefs that turn out to be essential for our material living. When I say „good morning“, even if in the depths of my soul I don’t want to say „good morning“ to this nasty person, I express the intention to be understood in a certain way by this person and by all the others. I give hints to the result of being seen as a extroverted person who seeks for harmony. Tell them „good moring“ and listen to them saying „good morning“ to you and make yourself a part of a social experiment which is effective from the very first moment.

Yet, my analytic mind is full of doubts. the semantics that is adequate to wishing must be a Kripke semantics. One with an accessibility relation which is irreflexive, like in deontic logic. The reason for this is that it’s meaningless to wish to have had what I already had or have. It’s a happy new year we wish to each other, not a happy past year.

Despite its resemblance to deontic logic in this point, wishing is much more complicated than anything you know from logic. Deontic logic allows for moral rules to be kept in this world from time to time (there are some good folks on the planet after all, notwithstanding your pessimism…). However, when we wish things, we presuppose that they are not the case. The optative mood in Ancient Greek or the corresponding operator in modern languages (e.g. „There may…“) can be used only to form sentences (e.g. „… be a future in which people respect difference“) which I know or suppose not to be the case – at least not yet.

And there are more differences from deontic logic. There are events, for example, that are neither the case nor wished. „The gras becomes red“ describes such an event. But then we cannot wish the gras to become green because the gras is green and we cannot wish it to become non-green because it’s just alright when it’s green. Which drives us to the following desiderate when an optative logic is at stake: we need an indifference operator.

Yes, designing a logic of wishing is a difficult task. Until this job is done, we’ll know that wishes do make sense since Austin’s classical work is there to remind us this already, but we’ll have to analyse this sense. I wish all dear people who sent me their wishes for my birthday to have the opportunity to read a full analysis of optatives and I wish myself to be the author. Or, alternatively, I would wish them to have a glas of wine with me soon – whatever comes first…

Opening the black box

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Und schon wieder habe ich den Flugschreiber entdeckt.

Der Flugschreiber heißt „black box“ auf Englisch und Verhaltenspsychologen nennen auch die Seele „black box“, meinend: das Undurchsichtige. Letzteres wäre die falsche Assoziation. Mit dem Titel des heutigen Beitrags meine ich eher das Gegenteil. Erinnerungen an liebe Verstorbene sind bei mir wie das Auffinden des Flugschreibers nach einem Flugzeugabsturz im Sinne, dass mir alles viel durchsichtiger, strukturiert, in seiner rechten Ordnung vorkommt. Hier die Witze, da die Bitterkeit, hier die politischen Überzeugungen, da das Persönliche. Das ist mir ein paarmal passiert – ich sehe nicht ein, warum ich schon jetzt Freunde für immer verlieren soll – und es passiert abermals mit meinen Erinnerungen an Hans Burkhardt, der vor einer Woche plötzlich verstarb.

Doppelpromoviert als Mediziner und Philosoph, an der LMU Modalontologie und Leibniz lehrend, in Mereologie publizistisch tätig, für mich war Hans zunächst fachlich, später auch als Freund unersetzlich.

Medizin hatte er im München der 50er Jahre studiert, Philosophie bei Bocheński im Fribourg der 60er. Später schloss er sich dem Erlanger Institut für Philosophie an und verbrachte lehrreiche (in jedem Sinn des Wortes) Jahre just zu der Zeit, als der Erlanger Konstruktivismus weltweit bekannt und von München aus bekämpft wurde. Menschen, die ich in meinen Studentenjahren als graue Eminenzen und lebende Legenden las, waren seine Lehrer oder seine Kommilitonen oder er selber.

Skurrile Geschichten über diese Menschen erzählte er gern, wenn er mal seine Blackbox öffnete: Es waren die Geschichten mit Bocheński in der Rolle des Helden als schrulliger Dominikaner in seinem VW-Bus vor der NATO-Zentrale oder in seiner Mönschskutte im Gespräch mit sowjetischen Diamat-Philosophen. Dann waren die Geschichten mit Paul Lorenzen in der Hauptrolle eines Umwerters aller Werte. Lorenzen, der von Hans mit den Worten zitiert wurde: „Hier machen wir Geometrie, nicht Philosophie“. Warum das ein Witz war, erforderte Insiderwissen. Aus dem Lorenzen-Deutsch wohlwollend übersetzt hieß nämlich diese Aussage so etwas wie: „Hier machen wir konstruktivistische Grundlagen der Wissenschaft, nicht Mystik“. Aber wer Hans kannte, wusste, wie er das Lorenzen-Deutsch verstand. Etwa so: „Hier machen wir konstruktivistisches Abrakadabra, nicht Grundlagen der Wissenschaft“.

Aus den Erlangern war Hans in den späten Jahren nur Wilhelm Kamlah gegenüber noch wohlgesonnen. Kamlah war Wissenschaftstheoretiker und Religionshistoriker – „ein besserer Religionshistoriker als Wissenschaftstheoretiker“. Wie Kamlah, so lehrte auch Hans bis ins hohe Alter. Und wie Kamlah, so respektierte auch Hans die kritisch überdachte Theologie.

Freilich verbesserte die Sympathie für Kamlah nicht das Urteil des Logizisten und Ontologen für den Erlanger Konstruktivismus. Als ich meinen Artikel „The Byzantine Liar“ publizierte, scherzte er, auf die Idee habe man kommen müssen, konstruktivistische Ansätze zur Logik in „byzantinisch“ umzutaufen, um sie lesenswerter zu machen. Es störte ihn an der konstruktivistischen Wissenschaftstheorie die Vermengung von Epistemischem, Heuristischem und Assertorischem – so wie man so etwas von einem Münchener erwartet.

Münchener Linientreue kann ihm aber ebensowenig attestiert werden. „Schelling-Nachfolger“ nannte er scherzhaft die Leute, die nach den 90ern seine Münchener Kollegen waren, wohl wissend, dass das erstens Sprachanalytiker erzürnt; zweitens Schellingianer ebenso, wenn Sprachanalytiker damit gemeint sind.

Wenn du dein ganzes Leben über den Kausalitätsbegriff schreibst und im Vortrag ganz nebenbei zugibst, du weißt nicht, was die Kausalität ist, dann ist das kein Fall des persönlichen Versagens. Es ist ein Fall der schlechten Philosophie.

Hans erforschte, was Erfolgschancen hatte: Mereologische und ontologische Begrifflichkeiten wie „Grenze“ oder „Essenz“ in ihrer Anwendung auf den Organismus und unser Verständnis davon.

– Weißt du, warum es unzählige körperliche Krankheiten gibt, aber unter den Psychosen nur die Schizophrenie und die Depression?

– …

– Schäm‘ dich! Die wichtigste Literatur dazu hast du bereits gelesen und weißt es trotzdem nicht.

– Freud?

– Ach wo! Thomas von Aquin! Die Seele ist einfacher als alles andere. Im Vergleich zum Körper hat sie eben eine einfachere Struktur.

Ich weiß nichts über die Struktur eines Flugschreibers. Ich vermute ein relativ einfach gebautes Gerät, damit es nach einem Absturz intakt bleibt. Ich meine das im Anschluss an Francisco Suárez, der meinte, die Einfachheit der Seele sei ein Indiz für ihre Unsterblichkeit.

Wenn es nicht Hansens Einfluss gewesen wäre, hätte ich nie Suárez gelesen.

hans-burkhardt

I recovered the black box once again.

Now, if you have to think of the behaviorists‘ black-box metaphor for the psyche, this is the wrong association. It’s rather the opposite I mean. Like in the black box after a plane crash, whenever I think of a dear person who passed away, my memories are clear, structured, ordered like a documentary – unlike other memories that is. Here the jokes, there some bad feelings, here politics, there private matters. It has happened a couple of times with my memories of friends after their death – I’m not already in an age in which I would be supposed to start losing friends for ever, am I? – and this is the way I think of past moments with Hans Burkhardt who passed away last Saturday.

Hans was a PhD. in medicine and a PhD in in philosophy, taught at the University of Munich (LMU) modal ontology and Leibniz and published on mereology. All this made him indispensable in my eyes – as a scholar intially, as a friend eventually.

He studied medicine in the 50s in Munich and philosophy in the 60s in Fribourg with Bocheński. Later, in a period very crucial for the positon of the Erlangen constructivism worldwide, for its rivalry with Munich, in a period in which he learned a lot – in every sense of the word – he joined the Lorenzen institute. People whom I read as a student as living legends or éminences grises were his teachers or his colleagues or himself.

He loved tellings stories about these eminent people whenever he opened his black box. Stories about Bocheński as the strange Dominican monk in his Volkswagen bus in front of the NATO headquarters in Brussels or discussing in his cassock with Soviet dialectical materialists. Then, there were the stories about Paul Lorenzen as a revaluator of all values, being quoted with the following words: „We’re doing geometry here, not philosophy“. This was meant to be a joke from Hans’s side. In Lorenzen’s usage namely the benevolent translation of these words would be: „We’re doing constructivist grundlagen here, not mysticism“. Knowing Hans, however, you knew how he translated Lorenzen’s dictum: „We’re doing constructivist hocus pocus here, not grundlagen„.

In the late years of his criticism against the Erlangen program, he had some respect for Wilhelm Kamlah. Kamlah was a philosopher of science and a historian of religion – „better in the role of a historian of religion than in the role of a philosopher of science“. Like Kamlah, Hans taught until very late in his life. And, again like Kamlah, he was sympathetic towards a self-critical theology.

But even when he expressed a sympathy for Kamlah, Hans was too much of a logicist and an ontology scholar to have a positive judgment towards the Erlangen program. When I published my paper titled „The Byzantine Liar“ his joke was that it’s a perfidious idea to rename constructivist approaches to logic „Byzantine“ in order to make them worthier to be read. What annoyed him in the constructivist philosophy of science was the mixing of epistemic, heuristic and assertoric elements – just like any scholar from Munich is supposed to be.

It would be the wrong impression, however, to say that he toed the line of the Munich institute, to which he moved only in the 90s. He called his Munich colleagues „successors of Schelling“ – the joke makes analytic philosophers angry; and it also makes idealists angry when they know that you also mean analytic philosophers by it.

When you occupy yourself for your whole life with causality only to say in passing that you don’t know what causality is, then no personal failure is the issue. In that case, only bad philosophy is the issue.

Hans investigated questions which had in his mind chances to be solved. Lately he was obsessed about mereological and ontological notions like „limit“ or „essence“ as applied on living organisms and our understanding thereof.

– Do you know why we have a very large number of infections but only two kinds of a psychosis: schizophrenia and depression?

– …

– Shame on you! You’ve read all the essential literature on the matter and you still don’t know.

– Freud?

– What are you talking about? Thomas Aquinas! The soul is more simple than anything else. It’s simply of a simpler structure than the body.

I know nothing about the structure of a black box. I assume that it’s a rather simply structured instrument in order for it to remain useful after a plane crash. My analogy to this would be Francisco Suárez’s view that the simplicity of the soul makes it reasonable to assume that it is immortal.

If it weren’t for Hans’s influence, I’d never have read Suárez in my life.

Zombies cannot fall in love

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Ich fand den Ausdruck „verliebte Zombis“ witzig und wollte darüber etwas schreiben. Aber daraus ist etwas über wahre Liebe geworden – was allerdings zum Frühling und zu den Frühlingsgefühlen passt.

Mito bekrijo, den legendären Starogradski-Song aus den 70ern, habe ich unzählige Male gehört. Der interessierte Leser findet nach dem englischen Text weiter unten einen youtube-Link dazu. Jedes Mal, wenn ich ihn höre, mache ich mir dieselben Gedanken über die Bedeutung der wahren Liebe – ich muss zugeben, dass ich den Song zuerst hörte, nachdem ich eine philosophische Grundausbildung gehabt hatte.

Im Titel des Songs erfahren wir, dass der Typ trinkt, was das Zeug hält – er ist ein „bekrija“. In der ersten Strophe erfahren wir, dass sie auf ihn wartet. In der dritten Strophe erfahren wir, dass er gerade dann trinkt, was das Zeug hält, wenn er sie ignoriert, indem er mit Freunden ausgeht. Im Refrain erfahren wir, dass sie ihm ihr Herz geben und nach seiner alten Mutter gucken will…

Songtexte beschreiben fiktive Situationen. Aber Fiktionen können informativ sein. Z.B. können wir daraus lernen, wie Durchschnittsmenschen das Wort „Liebe“ benutzen. Die Ergebenheit der jungen Frau erhöht ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie ihre Gefühle kundgibt. Statt zu sagen: „Das ist doch lächerlich“ (das wäre doch einen Gedanken wert, wenn die Liebe etwas gewesen wäre, was bei Vorliegen bestimmter Bedingungen erklärbar wäre), tendieren wir eher die Äußerung der Gefühle der Dame gerade deshalb als glaubwürdig einzuschätzen, weil sie extrem ist. Offensichtlich erwarten wir dabei, auf keine Erklärung der Liebe der jungen Frau bei Vorliegen bestimmter Bedingungen zu stoßen. Vielmehr denken wir, dass wahre Liebe bedingungslos ist.

Mit anderen Worten behauptet die Dame im Song nicht, ihn zu lieben, weil bla-bla-bla. Im Gegenteil macht sie ihre Gefühle dadurch glaubhaft, dass sie beteuert, dass sie ihn liebt, obwohl bla-bla-bla – obwohl die Bedingungen für eine vernünftige Beziehung also nicht vorliegen.

Wenn der Song die Bedeutung der wahren Liebe aus Sicht des Durchschnittsmenschen widerspiegelt, dann ist die wahre Liebe nicht kausal bestimmt und die kausale Bestimmung („Ich liebe dich, weil du so reich bist!“; „Ich liebe dich, weil du so nett bist!“; „Ich liebe dich, weil du so ’ne Barbie bist“) hat nichts mit wahrer Liebe zu tun.

Ich komme endlich zu den Zombis: Philosophische Zombis sind kausal durchgängig bestimmte, physische Handlungssubjekte – Körper ohne Geist. Wenn aber die wahre Liebe nicht kausal bestimmt ist, können sich Zombis nicht verlieben. Dass sie Sex haben können, ist dabei irrelevant.

Das ist kein Argument für den Dualismus, sondern nur ein Argument dafür, dass der Dualismus in unserer sprachlich vermittelten Auffassung von mentalen Zuständen verankert ist – selbst in einem Fall wie die sexuelle Liebe, in der das Mentale vordergründig über eine Körperfunktion zum Ausdruck kommt und sei diese nur das Herzklopfen.

 

ENOUGH WITH SCROLLING

 

I wanted to write something about zombies in love because I thought that the topic is fun but I ended up with a piece on the meaning of love – which fits into spring and its fever.

I have listened to Mito bekrijo, the legendary starogradsko song from the 70s, many million times. And every time I hear it I make the same thoughts on the meaning of love – I confess that I heard the song for the first time after I had received a basic training in philosophy.

In the title we learn that the guy drinks like hell – he’s a „bekrija“. In the first stanza we learn that she’s waiting for him to come. In the third stanza we learn that he drinks like hell while hanging out with friends and ignoring her. And in the refrain we learn that she wants to give him her heart and to look after his old mother…

Of course, song lyrics describe only fictions, but these fictions can be informative. For example they can be informative about the meaning of the word „love“. The girl’s dedication to someone who doesn’t deserve it, increases her reliability when she expresses her feelings. Instead of saying: „This is not serious“ (which would be justified in a way if love were something which should be explained on the basis of certain conditions), we rather tend to say: „This is very serious“. Obviously, we don’t expect love to be explained on the basis of any conditions. By contrast we appear to think that real love is conditionless.

Back to the song: She doesn’t say that she loves him because bla-bla-bla. Rather, she becomes reliable by saying that she loves him despite bla-bla-bla – that is although the conditions to feel comfortable about him are not fulfilled.

If the song reflects the meaning of real love like real people understand the word, real love is not causally determined and anything causally determined („I love you because you’re so rich!“; „I love you because you’re so kind!“; „I love you because you’re so Barbie!“) is not real love.

Let’s go to zombies at last: given that love is causally not determined, since zombies are totally causally determined physical agents – bodies without a soul – they cannot feel love – at least in the way in which real people understand the word „love“. They can still make love but this is irrelevant.

Far from being an argument for dualism, this is an argument for how embedded dualism is in our comprehension of the mental – even in a case like sexual love in which the mental is closely connected with a function of the body.

Don’t get me wrong, I mean the heartbeat.

Karlheinz Deschner und die analytische Philosophie

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Jedes Mal, wenn ich bei der Zugfahrt von Erfurt in Richtung Nürnberg an Haßfurt vorbeifahre, denke ich an Karlheinz Deschner, der dort lebte. Das werde ich weiterhin tun, nachdem er nicht mehr dort oder sonstwo lebt.

Analytische Apologeten wie Richard Swinburne und Alvin Plantinga sind äußerst selten. Die majoritäre Haltung der analytischen Philosophie war seit Russells und Carnaps Zeiten die Skepsis gegenüber der Metaphysik, insbesondere gegenüber religiös motivierter Metaphysik.

Auch die Epigonen des Wiener Kreises blieben dieser Linie treu. Wolfgang Stegmüllers Rezension von John L. Mackies Wunder des Theismus stellt nach 176 Seiten (!) abschließend fest, dass “ die uns bekannten monotheistischen Religionen auf einer für sie unverzichtbaren Existenzannahme beruhen, die vermutlich falsch ist“ (W. Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Bd. IV, Stuttgart: Kröner, 1990, 518). Aber Stegmüller war ein Philosoph. Er interessierte sich für die Existenzfrage, konnte aber nicht wissen, ob die monotheistischen Religionen in ihrer geschichtlichen Ausgestaltung inkonsistent sind.

Einen Nachweis, jedenfalls einen Teilnachweis dafür, dass theologischer Anspruch und „Kriminalgeschichte“ des Katholizismus unvereinbar sind, glaubte er wohl bei Deschner zu finden. Jedenfalls soll Karlheinz Deschner nach Wolfgang Stegmüllers Worten „der bedeutendste Kirchenkritiker des [20.] Jahrhunderts“ gewesen sein.

Auch andere analytische Philosophen waren von Deschners Arbeiten angetan, so z.B. der Popper-Schüler Hans Albert, dessen Rücken auf dem Foto unten mit dem Kirchenkritiker abgelichtet wurde.

Offene Atheisten gab es in der Gesellschaft der genannten Religionskritiker nicht. Rationalisten sind fast nie offene Atheisten. Um es auf English auszudrücken, stellt der Atheismus eine lose-lose situation dar: Denn entweder gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht. Wenn der Atheist Recht darin hat, dass es keinen Gott und kein Leben nach dem Tod gibt, dann ist er nicht mehr da, um seinen Sieg zu genießen, wenn seine Überzeugung verifiziert wird, denn die Verifikation seiner Überzeugung ist sein Tod. Und wenn er Unrecht hat, dann existiert er nur weiter, um seine Niederlage einzugestehen. Die Situation des Theisten ist die umgekehrte win-win situation: er überlebt seine Niederlage nicht, genießt aber seinen Sieg.

Ich weiß nicht, was ich hoffen soll: Ist es besser, wenn Deschner seit letztem Dienstag irgendwelche Bewusstseinszustände hat, oder müsste ich ihm lieber die Existenzlosigkeit wünschen?

Deschner_Albert

Whenever my train passes through Haßfurt I think of Karlheinz Deschner who lived there. I’ll continue to think of him after he doesn’t live there anymore – after he doesn’t live anywhere…

Analytics are almost never apologists. People like Richard Swinburne and Alvin Plantinga are in the minority. The vast majority of analytic philosophers has been since Russell’s und Carnap’s times skeptical against metaphysics, let alone religiously motivated metaphysics.

The epigons of the Vienna Circle remained faithful to this line of thought. Wolfgang Stegmüller’s review of John L. Mackie’s Miracle of Theism concludes after 176 pages (!) that „the monotheistic religions with which we are familiar are irresolvably connected with the assumption that God exists as their basis – an assumption probably false.“ (W. Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Bd. IV, Stuttgart: Kröner, 1990, 518). Stegmüller was a philosopher. He was interested in the question about God’s existence but he didn’t know whether the monotheistic religions were inconsistent in any other respect.

In Deschner’s work, however, Stegmüller appeared to discover the indications he needed that the theology and the „criminal history“ of catholicism are in deep disagreement. The philosopher named the man from Haßfurt „the most important church critic of the [20th] century“.

Stegmüller was not the only analytic philosopher who was enthusiastic about Deschner’s work. The man whose back can be seen on the picture above while he’s discussing with the church critic is Sir Karl Popper’s disciple Hans Albert.

However, there were no open atheists in the club of the critics of religion whom I just mentioned. Rationalists are almost never open atheists. They know that atheism is a lose-lose situation. Because either there is an afterlife or there is no such thing. But if the atheist is right in his rejection of an afterlife he will not be there to enjoy his victory since the verification of his rejection of an afterlife is his death. But if he is wrong, he will be there only to acknowledge his defeat. By constrast, the theist’s is a win-win situation: he does not survive his defeat but enjoys his victory.

I’m not quite certain what would be the best thing to wish to Deschner after last Tuesday. Should I wish him to have some states of consciousness or rather to be inexistent?

Опасност, филозофиjа

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Ich fasse mich kurz, denn ich muss heute zwei Vorträge halten: Einen über Menschenrechte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung hier in Belgrad und eine über das Krokodilsparadox am Fachbereich für Philosophie der Belgrader Universität. Ich hoffe, durch kritische Bemerkungen von Miloš Arsenijević und seinen Kollegen, meine spieltheoretische Analyse des κροκοδειλίτης verbessern zu können.

Wenn ich wieder in München bin, schreibe ich einen Eintrag über Praxis-Schule und Begriffsanalyse. Über die jugo-analytische Philosophie sozusagen…

ENOUGH WITH SCROLLING!

I have to be brief since I have two lectures to deliver today: one on human rights at the Konrad-Adenauer-Stiftung here in Belgrade and one on the crocodile paradox at the Department of Philosophy. Definitely, the one or the other critical remark by Miloš Arsenijević and his colleagues will help me improve the paper on the game-theoretical analysis of the κροκοδειλίτης.

When I’m back in Munich, I’ll post something on the Praxis School and analytic philosophy – a Yugo-analytic posting so to say…

Die Zeit Nr. 25

Morgen ist zwar bereits die Nr. 26 am Kiosk, aber ich wollte nicht die Gelegenheit verpassen, eine Woche nach dem Erscheinen der Philosophie-Beilage in der Zeit Nr. 25 ein paar Zahlen zu nennen.

Zeit 25 2013

Die Autoren der Einzelbeiträge über Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe, Lüge, Toleranz usw. haben folgende Verpflichtungen im Sinn einer fachlichen Tradition:

10 sind Kontinentalphilosophen

3 sind eindeutig analytische Philosophen (Martha Nussbaum, Julian Nida-Rümelin und Michael Sandel)

2 sind in der Nähe der analytischen Philosophie aber im Wesentlichen „bündnisfrei“ (aber man könnte Manfred Frank als Überläufer in die analytische Philosophie betrachten – in diesem Fall sollten die Zahlen entsprechend korrigiert werden).

3 sind Soziologen

Einer ist Psychoanalytiker.

Angesichts der Tatsache, dass die analytische Philosophie heute auch in Deutschland den Mainstream bildet – jedenfalls keine minoritäre Richtung – finde ich diese Zahlen sehr charakteristisch. Sie entsprechen keiner zufälligen Präferenz der Zeitung, meine ich. Vielmehr spiegeln sie die Tendenz der meisten analytischen Philosophen wider, sich Alltagsthemen zu verschließen. Dabei möchte ich mich selber davon gar nicht freisprechen. Heute schrieb ich z.B. an einem Text über die Möglichkeit der Existenz körperloser selbstbewusster Wesen. Ich meine, ich verneine ihre Existenz aber trotzdem…

Klar haben die meisten Kontinentalphilosophen zu Themen wie Liebe, Menschenwürde usw. viel mehr zu sagen. Sie wollen jedenfalls viel mehr sagen.