Wine and drugs and Aristotle

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Von Platons Symposion bis Roger Scrutons Ich trinke, also bin ich legt die Philosophiegeschichte eine Zuneigung zum Wein an den Tag. Das mag zu erwarten sein. Die Philosophie nahm ihren Anfang in Athen und Athen ist ohne Wein undenkbar. Mein euböischer Opa – wohl kein direkter Nachfahre athenischer Kolonisten auf der Insel, aber immerhin ein Abkömmling venetokretischer Siedler – war auf seinen Wein sehr stolz. Die Hauptsorte für Opas Wein war die attischte aller Traubensorten: Savvatianó. Savvatianó mussten zwei Jahrzehnte nach Großvaters Tod auch die Weinreben sein, die mein Vater auf dem Vorhof der Markopulo-Fabrik pflanzen ließ. Die Kunststofffabrik mit Savatianó-Trauben auf dem Vorhof inmitten einer riesigen Ebene voller Savvatianó-Pflanzen – Markopulo ist Attikas Weingegend par excellence – war ein Ort, wo im September die Kunststoffproduktion nicht im Vordergrund stand.

Anders als Kunststoff, war die Ideenproduktion, wie ich schnell in meiner akademischen Laufbahn entdeckte, mit Wein besser vereinbar. Die Oberseminare von Theophilos Veikos, einem Marxisten, an der Uni Athen gingen stets in einer Taverne in Kaisariani zu Ende. Die dortigen Gespräche übertrafen um Einiges den offiziellen Teil an Qualität. In München war es bei Andreas Kemmerling nicht anders: Das Oberseminar wurde jede Woche bei Mario – „Gargiulo – siziliano“ – fortgesetzt, für die letzte Sitzung des Semesters kamen die Weine in die Ludwigstraße 31 herein und wurden während der Sitzung aufgemacht. Gewissermaßen auf die Fortsetzung der schönen Sitte stößt, wer das Institut für den letzten Gastvortrag vor Weihnachten besucht.

Wer der Droge Alkohol nicht abgeneigt ist, kann doch keine Argumente gegen andere Drogen haben, oder? Wenigstens nicht gegen alle! So kann man wohl vermuten.

Weit verfehlt. Den Konsum von sämtlichen Drogen verurteile ich aufs Schärfste. Außer von Alkohol. Das ist zum Teil kulturell, nehme ich an. Wein hat in meinem Hinterkopf mit Philosoph, Poet, Liebhaber zu tun; mit Platon, Athenaeus, Jesus. Mit etwas jedenfalls zwischen Athen und Jerusalem. Cannabis dagegen, geschweige denn Opiate, assoziiere ich mit Rembetes aus Afyon (der Name bedeutet im Türkischen „Opium“) bestenfalls mit Thomas De Quincey. Der literaturgeschichtliche Unterschied ist nicht klein.

Ein tiefer gehendes Argument habe ich auch. Ich habe es bereits angedeutet: Beim Weintrinken kann man weiterhin geregelt, diszipliniert und mit einem aristotelischen Erkenntnisethos diskutieren – sogar geistig präsenter und geistreicher als vorher. Nüchterner fast, insbesondere wenn man nach altgriechischer bzw. modernserbischer oder -kroatischer Art trinkt: gewässert. Erst nach dem dritten oder vierten Glas wird es etwas schwieriger mit der Logik. Cannabis macht den Geist dagegen von Anfang an stumpf.

Ende eines März war’s. Beginnender Frühling in Langadas in Nordgriechenland. Mariä Verkündigung, Kasernenausschmückung mit Bildern von Helden des Unabhängigkeitskrieges in Fustanella und gewaltigen Schnurbärten und große Militärparade in Saloniki. Immer, wenn die Offiziere weg waren, blieb eine ganze Menge Arbeit für mich. An dem Tag musste ich eine Liste der noch verbleibenden Urlaubstage pro Kompanie erstellen und nebenher die Taugenixe der eigenen Kompanie im Auge behalten, die keine Vorzeigeexemplare für die Parade und ergo in der Kaserne geblieben waren. Es klingelt das Telefon:

– Baretti-Kaserne, Bereich S1.

– Ja, Gerogiorgakis, mein Junge, ich bin’s.

– Herr Kommandant, zu Befehl (man muss das mit einer Mischung aus Langeweile, Müdigkeit und doch einer gewissen Ehrfurcht aussprechen – nicht zu großer Ehrfurcht, sonst ist es kitschig).

– Jaaaa, es war schön; sehr schön… Jedenfalls bin ich mit dem General da, der wiederum mit dem Minister lange geplaudert hat… (eine lange Pause, etwas Unangenehmes will er mir sagen) Du, in so vierzig Minuten sind wir zu dritt da, du weißt, der General hat mich dem Minister vorgestellt wegen vorbildliche Einheit bla-bla-bla. Guck, dass ich das Gesicht nicht verliere. Saubere Klos, keine Pornohefte unter den Matratzen, das Übliche. Nicht zu viel. … Wart‘ mal, wieso bist du im Büro? Solltest du nicht in deiner Kompanie sein? Egel, also, Gero (das heißt gleichzeitig „Alter“ auf Griechisch), vierzig Minuten, OK?

Die Kompanie! Den ganzen Tag hatte ich natürlich im Büro zu tun… Ich brachte die zweihundert Meter hinter mich, um sofort festzustellen, dass die Rosensträucher nicht begossen waren. Der Stubendienst hockte in der Vorhalle.

– Warum bist du hier und nicht drinnen?

– Ich gucke nach den Waffen.

– Quatsch! Ausgerechnet du.

Skoulas nannte niemand nach seinem Nachnamen. Man nannte ihn „den Pianisten“, weil er einer war. Sein Bezug zu seiner G3 war sehr kritisch. Das Ding war an Stellen verrostet, der Besitzer hatte keine Ahnung oder keine Lust, das in Ordnung zu bringen. In den Schießübungen hieß es, auch hinter ihm sei es unsicher…

Erst recht vor ihm. Ob in den Schießübungen oder beim Aufmachen der Tür in die Stube. Der Qualm war dickflüssig.

Ich machte die Fenster auf. Schlaffe Gesichter ließen meine Schimpfkanonade über sich prasseln. Ich wurde laut und lauter, selbst lauter als es in der Infanterie Usus ist. Ich nahm viel Luft in meine Sängerlungen auf und ließ voller Entsetzen mein ganzes Volumen den Raum füllen, meine Enttäuschung kundgebend. Aber es war zwecklos. Zombies wären präsenter. Ich ging raus. Wenigstens die Rosen begießen. Ich nahm den Schlauch – das weiß ich noch.

Plötzlich stand Skoulas neben mir: „Feldwebel, lass jemanden die Rosen gießen, der nicht bekifft aussieht. Und überhaupt, die Rosen, nicht das Pflaster“. Ich überließ ihm die Rosen und ging unter die Dusche.

Aus diesem kleinen Abenteuer (meiner einzigen Berührung mit Cannabis) weiß ich: Wenn die geistige Präsenz das Kriterium sein, dann ist etwas Wein ein Segen. Denn die Logik ist ein Agon und Wein macht tapfer. Die kleinste Menge jeder anderen Droge dagegen ist chemischer Epikureismus.

Der Minister und seine Gefolgschaft ließen sich an dem Tag nicht blicken. Gott sei Dank war irgendwas in diesen vierzig Minuten dazwischen gekommen.

Jedenfalls hat sie niemand registriert.

Enough with scrolling

From Plato’s Symposium to Roger Scruton’s I Drink therefore I Am, the history of philosophy bears witness of oenophilia. Since philosophy, the discipline and the life form, began in Athens and Athens is unthinkable without wine, this is to be expected. My Euboean grandfather, no direct descendant of Athenian colonists, nevertheless one of Venetocretan settlers on the island, much appreciated the Attica variety savvatianó for his grape mixture – Greeks love wine made of various varieties. Savvatianó had to be the variety my father cultivated two decades after grandpa’s death in the yard of his plastics factory. It was in between the biggest savvatianó monoculture of the universe – almost a reason to be happy there was a factory there. September though was a month in which producing polyethylene tupperware wasn’t the main task of my father’s workers.

Unlike plastics, ideas were easier to produce while engaged in wine production or consumption. Theophilos Veikos’s, a Marxist’s, master class at the UoA always continued discussion in a tavern in Kaisariani. Andreas Kemmerling’s candidates‘ seminar at the LMU continued at Mario’s pizzeria – the guy came from Sicily and his surname was Gargiulo, which sounded at least as exotic as „gavagai“, alright… For the last session of the term we didn’t have to go to Mario since the wine was delivered in the classroom to be consumed there during the session. The custom is still alive and one can participate to a softer version of it (less stuff to drink, more to eat) by simply visiting the last invited lecture of the institute before Christmas.

People affirming some consumption of alcohol cannot be totally negative towards other drugs – one may think. Finally, they’re all drugs, isn’t it?

I must say, this is the way it is. They’re all drugs. But I have two arguments to underline my claim that alcohol is philosophically kosher whereas anything else is not. The first is cultural, historical. The second is, let’s say, deeper.

I happen to associate wine with the properties of being a philosopher, a poet, a lover. In other words with Plato, Athenaeus, Jesus. Anyway, something between Athens and Jerusalem. But I associate cannabis, let alone opiates with rembetes from Afyon (the word means opium) in Athens in the 30s. Thomas De Quincey would be a more literary association but the level doesn’t get much higher than that.

I have one more argument against drugs, despite my plea against abstinence.

When you drink wine you remain in a sense sober for the first two or three glasses, let alone when you drink it the ancient Greek or the modern Serbian or Croatian way, i.e. watered. And it’s only after this level that you get problems in applying rules of Aristotelian syllogistic. With drugs other than wine you say farewell to conversation and its rules from the very beginning.

It was the beginning of the spring, the day of Annunciation, the commemoration of the revolution. The barracks were empty. Tall guys and those who had nothing very important to do participated to the big military parade in Thessaloniki. Weirdos and workaholics had remained back.

On this day I had to make a list of days off but not taken yet. And, of course, I had to keep an eye on the ones who had remained. I was concentrated to the former task when the phone rang.

– Baretti-Barracks, S1.

– Yes, Gerogiorgakis, my boy, it’s me.

– At your orders commander (when you say this, it must be with a mixture of respect and habit as to not sound an old-fashioned, too-many-movies guy).

– Well, it was beautiful like always, you missed something, I’m telling you. Ah, what I wanted to tell you is, well … I’m here with the general who’s been talking with the minister. OK? So, the general introduced me, „what an extraordinarily performing unit“ and stuff, you get the point, isn’t it? In forty minutes we’ll be with you because the minister expressed the wish to visit an „extraordinarily performing unit“ on an off-duty day. Take care that nothing embarrassing comes up. So, Gero (this means „old man“ and this is how he abbreviated my surname when he wanted to show he trusted me), I leave it to you. Clean toilets, no porn under the matrasses, no rifles around. Not too much – usual stuff. By the way, why do I find you at the office and not with the platoon? Anyway, till later.

The platoon… I walked the couple of hundred yards to them. They hadn’t watered the roses in the morning, I immediately noticed. The attendant was in the foyer.

– Why are you sitting here? Why aren’t you with the others?

– Checking the rifles.

– Are you kidding me?

Skoulas hated rifles. His own was rusty, his interest for this competed with his inability to use the weapon and it was said that in shootings you weren’t secure even behind him. We called him „the pianist“ because he was one.

I opened the door to „the others“. The smoke was like a heavy-metal band stage show. Zombies who had to be my platoon looked at me with a mixture of apathy and antipathy. I started to give the information, upset, frustrated, struggling for fresh air of which this room provided little. I opened the window and went out to water the roses. Suddenly, Skoulas stood next to me and requested to water the flowers himself. Apparently, I didn’t happen to pour water on the soil but on the pavement instead. I went for a shower.

No, you can’t really say that I’ve tried cannabis. But this unpleasant story taught me that, unlike wine, cannabis makes one unable to make arguments – or to argue! Logic being a struggle, an agon, I think that philosophical culture correctly discriminates cannabis and hails wine.

The minister and the general and the commander didn’t drop by, by the way. At least nobody noticed them.

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