In need of a justification to believe

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Es gibt Fideisten, die behaupten, für ihren Glauben an Gott keine vernünftigen Gründe angeben zu müssen. Sie haben ihre vernünftigen Gründe dazu! Denn ein Fideist braucht zwar keine vernünftigen Gründe für seinen Glauben anzugeben aber er nennt in der Regel immerhin ein paar vernünftige Gründe für seinen Glauben daran, dass er keine vernünftigen Gründe für seinen sonstigen Glauben anzugeben braucht.

Es gibt aber auch Kulturen, die vernünftigen Gründen im allgemeinen misstrauen – so wenigstens eine verbreitete Meinung. Ist diese Meinung wahr? So scheint es auf den ersten Blick! Griechisch-orthodoxe kommen z.B., so eine ebenfalls verbreitete Meinung, traditionell ohne Gottesbeweise aus. Was sage ich da? Sie halten Gottesbeweise für des Teufels Zeug – na ja, vom Gottesbeweis des Johannes von Damaskus abgesehen…

Es war ein Mainachmittag in meinem Erfurter Appartment im Amplonius-Haus. Sonnenschein, mittelalterliches Ambiente, Frühlingsmüdigkeit, ein historischer Anthropologe, ein Historiker und ich, über Kaffeetassen und DIN-A4-Blättern gebückt, versuchten einem dicken gemeinsamen Aufsatz eine endgültige Form zu verleihen, als Dittmar, der historische Anthropologe zu mir meinte:

Du kannst nicht von der Verwendung von Gottesbeweisen in verschiedenen Kulturen in einem Aufsatz über Kulturanthropologie schreiben, mein Lieber! Denn, wenn die Logik so etwas ist, wie du behauptest, dann ist sie eine natürliche Kapazität wie das mathematische Denken. Und die Verwendung von ähnlichen natürlichen Kapazitäten ist in verschiedenen Kulturen ungefähr gleich, sobald sie sich entwickelt haben. Es gibt keine russische und keine deutsche Mathematik und deshalb wird es auch keine griechischen und keine lateinischen Gottesbeweise geben.

In einer Weise gibt Dittmars Schilderung tatsächlich das wieder, was ich über Logik denke. Tatsächlich sind Gottesbeweise im griechischen, arabischen und lateinischen Sprachraum des Mittelalters bekannt, so wie es den Satz des Pythagoras in verschiedenen Kulturkreisen gab. Aber dann, warum sind Gottesbeweise nur im früher lateinischen Sprachraum verbreiteter, ausgeklügelter, wichtiger?

Um es allgemeiner auszudrücken: Warum lebt derjenige, der vernünftige Gründe zum Glauben braucht, mit größerer Wahrscheinlichkeit westlich der Adria?

Gottesbeweis

There are fideists who maintain that they don’t need to justify their believing in God. Of course, they have their reasons to think so. I mean, since they are fideists they don’t think that they have to give a rational account for what they believe, however they do occasionally give a rational account for believing that they don’t need to give a rational account for believing something else.

And there are whole cultures which mistrust rational accounts in general. At least this is a widespread opinion. Is this opinion true? So it seems! The Greek Orthodox, all of them or the mainstream, manage to believe in God without proofs for the existence of God – well, except for the proof authored by John of Damascus… In fact, they think that sophisticated proofs are a sign of disbelief.

It was a May afternoon in my appartment in downtown Erfurt. A bright sunlight, a medieval interior, drowsiness, a historical anthropologist, a historian and me, tried all together to give our common publication a final form without spilling the coffee or mixing the papers, when Dittmar, the historical anthropologist, told me:

You cannot discuss the use of proofs of the existence of God in a paper on cultural anthropology, dude! Because if logic is the thing you claim it to be, it is a natural capacity like mathematical thinking. And the use of mathematical thinking, once you develop it, is the same in every culture. There is no Russian and no German way to mathematics and this is why there’ll be no Greek and no Latin way to prove the existence of God.

In a way, what Dittmar said reflects exactly what I think about logic. Indeed, there are proofs for the existence of God in Greek, Arabic and Latin medieval sources, like the Pythagorean theorem is to be found in many cultures. But then why are proofs for the existence of God in the previously Latin part of Europe – and in what emerged out of it – more usual, more sophisticated, more important?

Generally: if those who need a rational account for what they believe in are more probably to be found from the Adriatic westwards, why is this so?

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Kant for your children again

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Auf- und Abrundungen sind wichtig fürs Lernen. Sie verleihen dem, was Kant das “Mannigfaltige” nannte, gemeinsame Züge; Züge wohlgemerkt, die das Mannigfaltige ursprünglich nicht hatte. Die Bevölkerung der BRD: achtzig Millionen Menschen. Die Bevölkerung Griechenlands: zehn Millionen Menschen. Richtig?

Leider Beides falsch: In Wirklichkeit liegen die exakten Zahlen in beiden Fällen um eine knappe Million höher.

Aber wie viel mehr kann doch der Schüler in der didaktischen Praxis memorieren und der Lehrer memorieren lassen, indem beide über den Daumen rechnen! Kant bemerkte auf Seite 114 der Originalausgabe seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht:

[D]er Kaiser von China [soll] eine Flotte von 9999 Schiffen haben, und man frägt sich bei dieser Zahl insgeheim: warum nicht noch eins mehr? obgleich die Antwort sein könnte: weil diese Zahl Schiffe zu seinem Gebrauch hinreichend ist; im Grunde aber ist die Absicht der Frage nicht auf den Gebrauch, sondern bloß auf eine Art von Zahlenmystik gestellt.

Was uns vorliegt, sind ungenaue – weil auf- oder abgerundete – Bilder der Realität in Form von mit Gewalt harmonisierten Informationen. Auf- und Abrunden ist wichtig fürs Verstehen von Zusammenhängen. Ohne dieses wären wir in einem mannigfaltigen Informationschaos verloren.

Genauso verhält es sich mit den Geschichten, die die Kinder lieben. Der Charakter der Personen und die Eigenschaften der Sachen sind klar umrissen und auf- oder abgerundet, so wie wir sie aus der byzantinischen oder der chinesischen Malerei kennen.

Kant for your children again

Rounding figures up or down is important for learning. It projects more and more common properties onto what Kant called the “manifold” – properties which are not really there. The population of Germany: eighty million people; of Greece: ten millions. Sounds accurate…

However, both figures are false. In reality the exact numbers exceed the two given figures by almost one million.

Eighty and ten millions are very easily memorizable numbers. Students prefer round numbers in order to memorize more. This is the reason why teachers also love round numbers. Kant remarked in his Anthropology from a Pragmatic Point of View (Robert Louden’s translation, pages 195-196 of the edition of the Prussian Academy):

[T]he emperor of China is supposed to have a fleet of 9999 ships, and on hearing this number we secretly ask ourselves, why not one more? Although the answer could be: “Because this number of ships is sufficient for his needs”; in reality the intent of the question is not focused on the needs, but rather merely on a kind of number mysticism.

What we possess are inexact images of reality: figures rounded up or down. Rounding up and down is important for the understanding of broad contexts. Without it we would be lost in a chaos of manifold information.

Characteristically, children love stories in which persons and things are outlined and, so to say, rounded up or down – like figures in Byzantine or Chinese paintings.