Abbild

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Selbst das banalste Abbild der Realität ist bereits Konvention. Manchmal muss die Stelle auf dem Abbild schattiert sein, der kein Schatten im Vorbild entspricht, damit die leuchtende Stelle im Vorbild als nicht schattierte Stelle abgebildet werden kann. Auch das getreueste Abbild beruht somit auf Abstraktion. Pavel Florenskij hat bereits früh im 20. Jh. darauf hingewiesen. Wittgenstein kam erst später auf die Einsicht, dass es die Sprache und ihre Regeln mehr sind, die die Abbildung bestimmen, als das Original.

À propos Florenskij: Alexandr Deinekas Studium an der WChuTeMas-Hochschule fällt zum Teil mit Florenskijs Wirken ebendort zusammen. Kann es sein, dass der große Malermeister der Sowjetunion Schüler eines Pfarrers war?

Meine vorübergehende Antwort ist, dass die byzantinischen Elemente in Deinekas Kunst für diesen Gedanken sprechen.

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The most trivial mapping of reality is based on convention. Take for example shading: often you have to darken spots on the picture whose corresponding spots in the original aren’t dark. This is a conventional way to emphasise shiny vertices next to these conventionally darkened spots. Thus, the most faithful mapping is nothing but convention. Pavel Florensky pointed this out already early in the XXth century – earlier anyway than Wittgenstein’s late philosophy.

– „Why are you mapping this so?“

– „I know the conventions“

sounds late Wittgensteinian, is nevertheless rather early Florenskian.

Talking about Florensky: Alexandr Deineka’s studies at the WChuTeMas art studios partly coincide with Florensky’s teaching there. How probable is it for a celebrated Soviet painter to be an orthodox priest’s, philosopher’s and logician’s student in the subject art theory?

When I think of the Byzantine elements in Deineka’s art, it’s rather probable.

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The hard problem

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Das „Hard Problem“ wird schwer erst durch die Möglichkeit der Verdoppelung: der Teilnahme von zwei Individuen an ein-und-demselben Selbst. Plakativ wird das in Daniel Dennetts Gedankenexperiment „Where Am I“ vorgeführt.

Molières und von Kleists Amphitryon, Letzterer gerade auf der Basler Bühne genial inszeniert, haben etwas vom Hard Problem: Amphitryon-Zeus weiß alles, was Amphitryon weiß.

Allerdings ist Amphitryons Eifersucht eine andere als Amphitryon-Zeus‘ Eifersucht. Ersterer ist einfach nur gehörnt. Letzterer möchte für sich selbst geliebt werden und nicht, weil er sich als jemand anders ausgeben kann.

Nicht alles, was wir sind, besteht in Wissen und Monitoring von eigenen Geisteszuständen. Von Kleist wusste das klarer als die analytischen Philosophen.

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The „hard problem“ becomes hard out of the possibility of duplication: two individuals have one-and-the-same self. Daniel Dennett tackles the related issues in his thought experiment „Where Am I“.

Molière’s and von Kleist’s Amphitryon – the last one you can presently enjoy in a gorgeous, creative, inspiring performance in Basel – are reminiscent to the hard Problem: Amphitryon-Zeus knows exactly what Amphitryon knows.

However, Amphitryon’s jealousy is different than Amphitryon-Zeus‘ jealousy. The former is simply a cuckold. The latter, however, suffers from being loved not for himself but because he can transform himself to someone else.

Not everything we are is to be reduced to cognitive states and monitoring thereof. Von Kleist knew that much clearer than contemporary analytical philosophers do.

Natural stultification

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Müde bin ich.

Müde…

Der Inhalt von Heften der heute nicht mehr erscheinenden Zeitschrift Kognitionswissenschaft flimmert unkontrolliert vor meinem geistigen Auge. Und das nach drei Espressi.

Die halbe Nacht habe ich nämlich neben DAI verbracht. Der/die/das DAI ist, wenn man dem Text des Tanguely-Museums glauben sollte, ein

von Jonathan O’Hear, Timothy O’Hear, Martin Rautenstrauch entwickelter und auf der Philosophie von Foofwa d‘Imobilité beruhender Roboter mit künstlicher Intelligenz. DAI soll erlernen zu tanzen und schliesslich eine gewisse stylistische Autonomie entwickeln. DAI wird durch die Stadt Genf, den Kanton Genf, Pro Helvetia Schweizer Kulturstiftung, die Fondation Nestlé pour l’Art, das Centre culturel suisse de Paris und die Fondation ImpactIA unterstützt.

Da ist natürlich vielzuviel versprochen. DAI soll „lernen“ wie seine/ihre Umgebung aussieht (das – – jö, sooo häärzig’s – Gendering kommt von den Begleittexten des Museums), um sich zu entscheiden, wie er/sie/es tanzt.

Spaß bei Seite (oder eben nicht): Wenn es bei der künstlichen Intelligenz darauf ankommt, wie ein Roboter anhand eines Algorithmus basierend auf umgebungsrelevanten Informationen, Bewegungen ausführt, die nicht im Sinne eines Zufallsgenerators sind, dann war es eine Entscheidung des Sofas, auf dem ich gesessen habe, nicht aufzustehen und zu schreien, wenn total übernächtigte Museumsgäste DAIs abgesteckten Bereich durchquert haben.

Ein Sofa macht so etwas nämlich nicht und wer will beweisen, dass das Sofasein keine im Sofa eingebettete Information ist.

Eingebettet hin oder her: Ein Bett habe ich gebraucht, als Familie und Freunde die Nacht zum Tag machend im Museum herumsprangen. Sie liefen wie die Gedanken in meinem Kopf: Die Kognitionswissenschaft – seit Jahrzehnten dicht; die GAP – ein Binnengruppenverein; und wer braucht überhaupt die analytische Philosophie, wenn es darum geht, die Wahrheit davon abzuhalten, uns die schöne Geschichte zu vermasseln?

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I feel tired.

Tired after three espressos.

Tired because I spent half-a-night with DAI.

DAI ist, if you believe the text of the Tinguely Museum,

a robot with artificial intelligence developed by Jonathan O’Hear, Timothy O’Hear, and Martin Rautenstrauch, based on the choreographical philosophy of Foofwa d’Imobilité. DAI is meant to learn to dance and ultimately develop a certain stylistic autonomy.

Now, I do deplore the lack of philosophical reflection on the topic: journals and societies of academic philosophers become esoteric platforms where self-assured PhD candidates choose arbitrary thought experiments to elaborate on marginal comments to the work of their friends…

…which results to no philosophical analysis or criticism of ideology, morality or anything vital!

During this self-desintegration of analytical philosophy, artists employ a concept of artificial intelligence that could make yesterday’s visitors at the Tanguely Museum think that machine persons are already constructed. Add the fact that their mental abilities during a museums‘ night are not at their best, to get a fuller picture…

The way I understood it, DAI is supposed to be collecting information that makes it perform movements that are not by chance.

If this is intelligent, then the sofa beside DAI where I almost fell asleep is intelligent as well. I mean, the sofa didn’t scream to half asleep visitors that they weren’t supposed to enter DAI’s realm. Sofas don’t do that normally. And who can argue that the fact that sofas don’t do so is a piece of information embedded in the sofa’s intelligence and this is the reason the sofa behaves in a sofa-like manner?

Talking about embedding: rather than than a sofa, what I needed yesterday in the Museums‘ Night was a bed.

Family and friends ran around and the wine the lady in this atelier had offered was not enough to make me forget how teenager- and petty-bourgeois-like academic philosophy today is. And how free the public feels not to let truth spoil a nice story.

As an aftermath of the state of philosophy, I suppose…

Razionalità ristretta

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Der Kaffee kommt nicht immer als kurzer Brauner. Die Rationalität dagegen, die wir uns als Verbraucher religiösen Gedankenguts gönnen, kommt stets zu kurz.

Wäre es anders, dann würden wir sämtliche Heiligen drohen – wohlgemerkt in neoliberaler Manier – zur Konkurrenz zu gehen, immer wenn es uns schlecht ginge.

Das tun wir nicht. Denn im Glauben geht es nicht um Nutzen, sondern um Wahrheit. Der Glaube an eine Wahrheit restringiert offenbar entscheidungstheoretische Rationalität.

Vorerst trage ich dieser Einsicht Rechnung, indem ich mich von den großen Gestalten meiner Jugend umgeben lasse und die balinesische Göttin ins Treppenhaus verbanne.

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This blog names only the ristretto but there are innumerable ways to drink your coffee. . However, when it comes to religious faith, there is no alternative to restricted rationality.

If it were otherwise, you would threaten all saints of Christianity that you’ll get the product from another supplier who appears to be competitive whenever the Christian service fails to meet your needs. No one does so…

I suppose that the reason for this, is that in faith, not utility but truth is at stake. Believing that a teaching is true restricts decision-theoretical rationality.

This is why I banished a Bali goddess out of my office.

The Catholic, the Protestant and the Orthodox

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Die gegenwärtig im Kunstmuseum Basel beherbergte Ausstellung ist großartig – und zwar auch wenn damit „big art“ zu übersetzen wäre. Sie ermöglicht das Nebeneinander von Zurbarans fromm-katholischem Agnus Dei, einem Symbol aus einem Widerstreben heraus dagegen, Christus zwischen Karfreitag und Ostern als eine geschundene Leiche zu betrachten, neben Hans Holbein des Jüngeren Abbildung eben dieser geschundenen Leiche. Holbein, selber ein radikaler Reformierter, malte sein berühmtes Bild Anfang des 16. Jh. in einem Basel, das sich gerade seines Bischofs entledigt hatte.

Der Bilderantagonismus zwischen Katholizismus und Reformertum könnte um eine orthodoxe Wahrnehmung ergänzt werden. Ich fülle diese Lücke:

»All diese Bilder hier«, sagte [Rogoshin], »hat mein verstorbener Vater auf Auktionen gekauft, das Stück zu einem oder zwei Rubel, er liebte so etwas. Ein Sachverständiger hat sie alle hier besichtigt, er sagte, es sei Schund; aber dieses hier, das Bild über der Tür, das ebenfalls für zwei Rubel gekauft ist, von dem sagte er, es sei kein Schund. Noch zu Lebzeiten meines Vaters fand sich jemand, der ihm dafür dreihundertundfünfzig Rubel bot, und Iwan Dmitrijewitsch Saweljew, ein Kaufmann, der ein großer Liebhaber solcher Dinge ist, der ist bis auf vierhundert hinaufgegangen und hat in der vorigen Woche meinem Bruder Semjon Semjonytsch schon fünfhundert geboten. Aber ich habe es für mich behalten.«

»Das ist ja… das ist ja eine Kopie nach Hans Holbein«, sagte der Fürst, der nun Zeit gehabt hatte, das Bild genauer zu betrachten, »und obwohl ich kein großer Kenner bin, scheint es mir doch eine vorzügliche Kopie zu sein. Ich habe dieses Bild im Ausland gesehen und kann es nicht vergessen. Aber… was hast du denn? …«

[…]

»Hör mal, Lew Nikolajewitsch«, fing Rogoshin wieder an, nachdem er einige Schritte gemacht hatte, »ich wollte dich schon längst fragen: glaubst du an Gott oder nicht?«

[…]

»Dieses Bild betrachte ich immer gern«, murmelte Rogoshin nach kurzem Stillschweigen, als hätte er seine Frage wieder vergessen.

»Dieses Bild betrachtest du gern?« rief der Fürst, von einem plötzlichen Gedanken überrascht. »Dieses Bild? Aber beim Anblick dieses Bildes kann ja mancher Mensch seinen Glauben verlieren!«

»Ich verliere ihn auch«, war Rogoshins überraschende, bestätigende Antwort.

Dostojewskij, Der Idiot, Teil II, Kap. 4.


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It’s a great exhibition, the one hosted at the Kunstmuseum Basel at the moment. It allows for Zurbaran’s symbolic Agnus Dei, a symbol out of the fear to depict Jesus as a devastated corpse, to stand next to Hans Holbein the Younger’s depiction of this corpse. Hans Holbein painted it in the early-16th-century Basel, in a city that had expelled its bishop.

The pictorial „agon“ between the Catholic and the Reformed could have been accompanied by the Orthodox commentary:

„My father picked up all these pictures very cheap at auctions, and so on“, said [Rogozhin]; „they are all rubbish, except the one over the door, and that is valuable. A man offered five hundred roubles for it last week“.

„Yes, that’s a copy of a Holbein“, said the prince, looking at it again, „and a good copy, too, so far as I am able to judge. I saw the picture abroad, and could not forget it – what’s the matter?“

[…]

„Lev Nikolaevich“, said Rogozhin, after a pause, during which the two walked along a little further, „I have long wished to ask you, do you believe in God?“

[…]

„That picture! That picture!“ cried Myshkin, struck by a sudden idea. „Why, a man’s faith might be ruined by looking at that picture!“

„So it is!“ said Rogozhin, unexpectedly.

Dostoyevsky, The Idiot, Part II, Chapter 4.

Tractatus 5.6

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Die Grenzen

seiner Sprache

liegen nicht

bei den Grenzen

seiner Haut

schreibt Wolfram Malte Fues in seiner Gedichtsammlung SkalpeSkalpelle (Allitera: München, 2016). Kathrin Wächter kommentiert mit der unten teilweise abgebildeten Zeichnung.

Unsere Welt ist jedenfalls umfangreicher als der Inhalt unserer Haut. Damit auch unsere Sprache. Es gibt keine Privatsprache.

Nichts ist privat. Alles ist öffentlich. Den Blicken ausgesetzt.

A propos privat: Haben die Wittgensteinianer unter den Lesern das Gefühl, dass der späte Wittgenstein im frühen enthalten ist?

kathrin-wachter

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The limits

of his language

are not near

the limits

of his skin

These are Wolfram Malte Fues’s verses from the poetry volume SkalpeSkalpelle (Allitera: Munich, 2016). The drawing above is Kathrin Wächter’s commentary to the obviously Wittgensteinian theme.

Having a capacity much greater than our skin, our language enables also our world to transgress the limits of our bodies. There is no private language.

Nothing is private. Everything is public. Everybody is watching.

Talking about privacy: Don’t Wittgenstein scholars of this post get the impression that the late Wittgenstein is contained into the Tractatus?

Philosophy students in the year 1966

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Gerade eben fotografierte ich ein Gemälde, dessen Figuren mich seit Jahren mit ihren Augen verfolgen, wenn ich unterwegs im Lehrgebäude 1 auf dem Erfurter Campus bin: Lutz Godes „Studenten“.

Ich mag’s. Es ist nicht gerade was ich mir unter sozialistischer Realismus vorstellte, als ich hierher kam. Oft habe ich mich gefragt, wer unter diesen Figuren ein Philosophiestudent sein könnte. Die Frage ist gewiss a-historisch, da die Pädagogische Hochschule Theodor Neubauer (Gode malte das Ensemble im Jahr 1966) eine Ausbildungsstätte für Lehrer war, weshalb es keine Philosophiestudenten im heutigen Sinn hatte. Allerdings war die Philosophie im Schullehrplan der DDR viel wichtiger als in den Lehrplänen der heutigen Bundesrepublik – also warum nicht? Zwar ging es dabei um Marxismus, aber die Marxisten waren immer sehr bereit Lehren aus der Philosophiegeschichte zu ziehen, was immerhin eine Kenntnis von Philosophiegeschichte voraussetzt.

Da ist z.B. dieser junge Mann, der so aussieht, als sollte aus ihm ein Experte der normativen Ethik werden. Eine junge Dame ist mehr an Sartre interessiert als am Kommilitonen, der wie Thomas Metzinger aussieht und ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Elke Brendel, oder jemand, die wie Elke Brendel mit einer anderen Frisur aussieht, steht nicht weit weg von diesen beiden.

Schließlich ist da eine Figur, die wie meine Mutter aussieht. Bloß ihr Körper ist nicht exakt deckungsgleich mit dem Körper, den meine Mutter im Jahr 1966 hatte, als sie hochschwanger mit mir war.

ENOUGH WITH SCROLLING

I just took a picture of a painting which accompanies me for years when I’m in Building 1 of the Erfurt campus: Lutz Gode’s „Students“.

I fancy it. It’s not what you expect a socialistic-realism painting to be. I’ve been thinking which figures are philosophy students – which is probably an a-historical question since the back-then „Pädagogische Hochschule Theodor Neubauer“ (Gode painted it in 1966) was a college of education in which a student could gain a teacher’s degree, not an MA in philosophy. But, again, philosophy was more essential for the GDR than it is for Germany today. Of course, this was Marxism, but, once again, Marxists were always eager to learn some history of philosophy.

I have identified someone who looks like he’s going to be a normative ethics expert. I mean, if not him, then who else? (I just gave you a wink)

Then, there is this girl who’s interested more in Sartre than in the young man who looks like Thomas Metzinger and tries to draw her attention; and another girl who looks like Elke Brendel lest the hairdressing. And there’s one more girl who looks like my mother – however not like my mother’s body looked like in 1966 because back then she was pregnant with me.