Alltagseschatologie

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Griechische Jugendliche würden einen Telefonanruf durch die angebetete Person oder das Tor in der neunzigsten Minute, vielleicht nicht ohne Selbstironie eine „Auferstehung“ nennen. Nicht von ungefähr! Wer die ostkirchliche Rhetorik bezüglich Tod und Auferstehung verfolgt, wird feststellen, dass die alljährlich wiederkehrende Passion als A. Hinweis auf ein historisches Ereignis und als B. Allegorie für unser eigenes Golgatha und unsere eigene Überwindung desselben gilt.

In diesem Sinn sehe ich heuer keinen Link als angemessener an denn den, in dem Fairouz, die ehemals griechisch-katholische, später orientalisch-orthodoxe Muse Syriens, das Auferstehungstroparion ihres Landsmanns Romanus Melodus singt, das seit dem sechsten Jahrhundert die Orthodoxen und auch die Christen griechischen Ritus den ganzen Mai und vielleicht auch im April unter der Dusche zwar nicht, dafür aber in jeder Kirche, in der Einsamkeit ihrer Wohnungen oder etwa beim Arbeiten an einer nachhallenden Baustelle laut singen.

Auf die Auferstehung Syriens und auch auf die Freude unabhängig von Ländern und Zeiten!

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Fairouz, the originally Greek catholic, later orthodox Syrian diva sings in the above link her compatriot’s Romanos the Melodist’s Paschal troparion from the 6th century AD. If there were musical charts from 14 centuries, Christos anesti would be a springtime hit and an evergreen. Every priest has to sing it in the night of the Good Saturday. But also every construction site has echoed it if it only had the honour to host one semi-pious worker. Admittedly, this is not something you’d sing in the shower but it’s sung everywhere else.

For this year’s Easter, I don’t know of a better way to wish Syria’s and everyone’s Golgotha to come to an end than this.

I do this as an adherent of the Greek rite and an Orthodox Christian after all. For us, you see, the passion and the resurrection are not only about the historical events concerning Christ. They’re also about an everyday eschatology: about the little crucifixions and resurrections throughout the year: phonecalls of beautiful people, liberations from tyranny, goals in the ninetieth minute – really whatever!

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The passion: a thriller

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Es wird eine Zeit gegeben haben, als es sensationell war, dass der Butler der Mörder war. Die Zeiten haben sich geändert und die Suche nach Sensation hat die Krimiautoren dazu geführt, dass gerade derjenige, der über jeden Verdacht erhaben war, den Mord beging; später dazu, dass alle Verdächtigen gemeinsam den Mord begingen (Agatha Christies Mord im Orientexpress); dann bekamen wir es mit Ermittlern zu tun, die gleichzeitig die Mörder waren – aber der Leser erfuhr das am Ende; schliesslich mit Ich-Erzählern, die auf den letzten Seiten ihre Schuld beichteten. Umberto Eco schätzte, dass der einzige Krimi, der nie geschrieben wurde, derjenige ist, in dem der Leser den Mord begangen hat.

So ungefähr sehe ich die Passionsgeschichte im literarischen Sinn: Es gab irgendwann Götter, die sehr mächtig und unsterblich waren. Dann gab es allmächtige und unsterbliche Götter – aber konnten sie dann Schwäche empfinden? Und wenn sie es nicht konnten, was für eine Allmacht ist das überhaupt. Die Spätantike stilisierte Pan als einen sehr mächtigen und sterblichen Gott – wobei der Widerspruch sterblich-und-Gott bereits skandalös war.

In Jesus haben wir einen zwar unsterblichen aber sterbenden, allmächtigen Gott.

Von der einen Sensation zur nächsten…

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There were times when it was sensational to read that the butler commited the murder. Afterwards, thriller writers thought it funny to make the reader believe that the butler was the murderer to disclose finally that it was someone else – say, the wife… Agatha Christie made everyone change tastes in terms of suspects to reveal at the end of Murder on the Orient Express that the murder was commited by all suspects together. The literary trend to pass from one sensation to the next resulted to: narrators who confessed at the end of the book to have killed the victim, detectives who worked on the case and finally outed themselves as revengers, and the only murderer who has never appeared in thrillers is – to cite Umberto Eco – the reader or the spectator herself.

Roughly, this is also my understanding of the literary pattern behind the Passion: once there were gods mighty and immortal. They made place for gods who were almighty and immortal. Late antiquity saw in Pan a god who was mighty but mortal – not just a sensation but a straightforward contradiction, since a god is an „athanatos“, not a „thnetos“ – and, finally, in Jesus Christ an immortal, almighty God who managed to die a horrible death and to remain dead for three days.

You follow the chain from the one sensation to the next until the greatest…

Of arguments concerning and images depicting passion

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Vier Bücher würde ich für die Karwoche empfehlen. Richard Swinburnes The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras‘ Elements of Faith, Philip Sherrards Christianity and Eros und Kallistos Wares The Orthodox Way.

In diesen Empfehlungen gibt es etwas für fast jeden Geschmack: eine empirisch untermauerte Berechnung dessen, wie wahrscheinlich es ist, dass Jesus auferstanden ist (Swinburne); ein liberales Verständnis des Glaubens an die Auferstehung für Leser, die es nicht nötig haben, an eine physische Auferstehung zu glauben (Yannaras); eine ebenso liberale Verknüpfung von christlicher Liebe und Sexualität (Sherrard); schließlich eine allgemeine Einführung in die Orthodoxie vom vielleicht humorvollsten Kirchenmann der heutigen orthodoxen Kirche (Ware).

Meine Empfehlungen haben gemeinsam, dass die Autoren orthodoxe Christen sind; ebenso, dass ihre Werke nicht weihrauchlastig sind. Es überrascht mich selber, dass meine Autoren zu drei Vierteln britische, Oxforder Orthodoxe sind. So bin ich halt…

Andrej Tarkowskis „Opfer“ wäre meine Kino-Empfehlung. Das „Opfer“ ist ein mit Sherrards und Yannaras‘ Denkweise verwandter Film: Die Liebe ist körperlich, Maria braucht nicht Maria zu sein. Sie kann auch die in der Luft schwebende Haushaltshilfe des Nachbarn sein – und das ohne Ironie. Das ist so, weil der Tod und die Auferstehung viel alltäglicher sind, als man denkt.

Filme sind nicht da, um zu argumentieren, sondern um Bilder zu zeigen; gegebenenfalls Bilder schwebender Liebespaare.

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Andrei Tarkovsky’s „Sacrifice“ would be my DVD recommendation for the Holy Week. It has common elements with something which is a liberal trend in orthodox theology since the 1960s: Christian love is corporeal. Mary doesn’t need to be Mary. She can be the neighbour’s hovering household assistant – and this without irony. This is so because death and resurrection are more everyday phenomena than one thinks.

Movies are not there in order to provide arguments. They are there in order to show images. In this case, these are images of levitating lovers.

But I’m the kind of person who produces arguments rather than images. This is why I would like to recommend my readers who would be willing to take this recommendation four books for the Holy Week: Richard Swinburne’s The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras’s Elements of Faith, Philip Sherrard’s Christianity and Eros and Kallistos Ware’s The Orthodox Way.

My recommendations meet many tastes: there is something for those who love empirically corroborated calculations of the probability by which Jesus really resurrected (Swinburne); something for those who prefer a liberal understanding of the faith in resurrection and don’t need proofs for Jesus’s physically surviving his own death (Yannaras); something for those who see Christian love and sexuality as very closely connected (Sherrard); finally, something for those who would rather read a general introduction to Orthodoxy written by the perhaps most humorous orthodox metropolitan of our days (Ware).

My recommendations have in common that all authors are orthodox Christians. They also have in common that they’re not „frankincensed“. The fact that three out of four authors are British – orthodox Oxonians – must be a bit of surprise for my readers. It is also for myself, I assure you. But that’s me, I suppose…

Die Dialektik der Auferstehungsgeschichten

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Im Johannesevangelium wird die Passionsgeschichte mit der Auferstehung des Lazarus eingeleitet.

Ich kann mit Auferstehungsgeschichten leben. Was soll’s: Auferstehungsgeschichten sind ein bekanntes Muster spätantiker philosophischer Erzählungen: Lukian berichtet vom Glauben einiger seiner Zeitgenossen, dass der Zyniker Peregrinus Proteus sich durch ein göttlich machendes Feuer dem irdischen Leben entzogen hätte. Bei Eunapius findet sich eine Formulierung, die die Interpretation zulässt, Porphyrius wäre von Plotin aus dem Tod erweckt worden.

Was mir allerdings speziell an Lazarus‘ Auferstehungsgeschichte unpassend erscheint, ist, dass Jesus ausgerechnet seinen besten Freund zum Aushängeschild seiner Fähigkeit benutzte, Tote zum neuen Leben zu erwecken, statt irgendeinen ihm Unbekannten aus dem Jenseits zu holen. Es ist, wie wenn meine wichtigste Publikation in einer Zeitschrift erschienen wäre, die von meinem besten Freund herausgegeben würde.

Aber man kann natürlich entgegnen, auch die Tochter des Jairus habe er zum Leben erweckt, die ihm ja unbekannt war.

Trotzdem: Wie konnte nur Jesus – Gottes Sohn! – seinen besten Freund dazu verdonnern, gleich zweimal zu sterben? Das ist doch die schlimmste Strafe, die sich der griechische republikanische Politiker Nikolaos Plastiras denken konnte. Lange, nachdem dieser 1922 die frühere monarchistische politische Führung hatte hinrichten lassen, soll er gefragt worden sein, ob er etwas anders als damals tun würde, wenn er Gottes Macht gehabt hätte. Die Hoffnung einer von einer Läuterung zeugenden Antwort soll der ehemalige General mit der Erklärung zerstreut haben, er wolle die Hingerichteten zum Leben erwecken, damit er sie noch einmal hinrichten lassen könne.

Aber wirklich ad absurdum würden Auferstehungsgeschichten geführt werden, wenn sehr alte Menschen davon betroffen wären. Bei ihrem Alter müssten sie bald wieder sterben. Die Prozedur könnte wiederholt werden…

Die neoorthodoxe Theologie spricht ungern von einer wörtlich zu verstehenden Auferstehung. Aber das soll das Thema eines anderen Eintrags werden.

Hoi hex

In John’s gospel the raising of Lazarus stands immediately before the passion.

I can live with resurrection stories. There are late ancient resurrection stories which belong rather to the history of philosophy than to the history of religion. Lucian witnessed the self-immolation (or rather a failed stunt?) of the Cynic Peregrinus Proteus and reports about the faith of some of his contemporaries that the fire was Peregrinus’s way to deification. Eunapius describes an episode from Porphyry’s life in a way which allows for the interpretation that decades prior to his final death the Neoplatonic died temporarily in Sicily to be raised from the dead by his teacher Plotinus.

However, I’m uncomfortable especially with Lazarus‘ raising. Jesus shows his power by taking advance of his best friend’s death – in fact using his best friend as an instrument. This is as if my best publication had been in a journal edited by my best friend.

Of course there is the counter-argument that Jesus also raised Jairus‘ daughter, a girl with whom he had no acquaintance before.

But this gives me rather one more reason to feel uncomfortable about Lazarus‘ raising. How could Jesus – God’s son! – make his best friend die twice? This is the worst torment which the Greek republican politician Nikolaos Plastiras could imagine! Formerly an army general, Plastiras overthrew monarchy in 1922 and pulled the strings behind the execution of the monarchist political leadership which he thought responsible of a lost war and the expatriation of one-and-a-half million Greeks from Asia Minor. The legend says that many years later Plastiras was asked if he felt sorry about the executions and what he would do if he was given God’s powers. To which he replied that he would gladly raise the executed from the dead only to have the pleasure to sentence them anew to death.

This brings me to the next point: Resurrection stories can be absurd if the resurrected are highly aged. They would have to die soon after resurrection. And the procedure could be repeated…

The new orthodox theology prefers not to speak of a resurrection in the  literal sense. But I’d like to keep this topic for another posting.