Gottlob Frege und Christian Morgenstern

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“Der Morgenstern ist der Abendstern” lautet Gottlob Freges unsterbliches Beispiel, das verdeutlicht, warum die Gleichsetzung bedeutungsgleichher aber sinnungleicher Ausdrücke wichtig ist: Im Gegensatz zum trivialen Satz “Der Morgenstern ist der Morgenstern” ist die Gleichsetzung von Morgenstern und Abendstern informativ. Ersteres ist in bezug auf alles der Fall, was “Morgenstern” heißt. Letzteres ist etwa für den Planeten Venus der Fall, nicht aber für Menschen, die “Morgenstern” heißen.

Bereits der frühe Februar kündigt schüchtern den Frühling an. Die Wolken lassen den Blick immer mehr durch. Das ist kein Themawechsel, denn vor Kurzem hat mir der milde, ausgehende Winter vor Augen geführt, dass Freges Beispiel schlecht gewählt ist. Der Winter und eine Tochter, die heute abend fragte:

– Papa, was ist dieses Licht?

– Der Abendstern.

Obwohl ich nun die Information besitze, um von der Sinnungleichheit von “Morgenstern” und “Abendstern” abzusehen, fiele mir unter keinen Umständen ein, meiner Tochter “der Morgenstern” zu antworten! Der Grund: “Morgenstern” und “Abendstern” sind in Wirklichkeit gar nicht bedeutungsgleich. Sie bezeichnen zwei völlig verschiedene Dinge: verschiedene “Zeitscheiben” des Planeten Venus; “Scheiben”, die nicht miteinander gleichgesetzt werden können. Das ist ein Fall für den Perdurantismus

Es sei denn, man verstellt sich, nicht zu merken, dass die Zeit vergeht. Es gibt dazu einen ebenso wie das Fregesche Beispiel unsterblichen Trick Christian Morgensterns:

Es gibt ein sehr probates Mittel,

die Zeit zu halten am Schlawittel:

Man nimmt die Taschenuhr zur Hand

und folgt dem Zeiger unverwandt.

Fregestern

Since Gottlob Frege we know that the main difference between “Phosphorus is Phosphorus” and “Phosphorus is Hesperus”, NB the fact that the former statement is uninformative whereas the latter contains information, is due to the fact that “Phosphorus” and “Hesperus” have the same reference but different meaning.

Clear skies and some glimpses of the spring were February’s presents to the Bavarian weather this year. I’m not changing the subject! Without clear skies our elder daughter wouldn’t have asked me a few hours ago this evening:

– What’s this light, dad?

– It’s Hesperus.

Of course, the information to make me see Venus in Phosphorus and in Hesperus is available to me. I.e., since I know that every time I perceive Phosphorus I perceive the planet Venus and every time I perceive Hesperus I perceive the planet Venus, I have a serious reason to disregard the difference in meaning of the two terms. However, for nothing in the world would I reply to my daughter that the light was Phosphorus. The reason for this is that “Phosphorus” and “Hesperus” haven’t an identical reference after all. “Phosophorus” and “Hesperus” are two completely different things. The former is the planet Venus in the mornings and only in the mornings. The latter is the planet Venus in the evenings and only in the evenings. Phosphorus and Hesperus are totally different time parts (slices) of the planet. They are a case for perdurantism

Frege’s example wasn’t a good choice!

Of course, you can pretend that you didn’t notice that “Phosphorus” and “Hesperus” denote time parts because you never notice that time passes. Christian Morgenstern, the poet whose name is the German word for “Phosphorus” (but not the German word for “Hesperus”) introduced a trick for this. A trick as immortal as Frege’s example. Here it is:

There’s a quite reliable mode,

To grab time by the throat:

With pocket watches you exercise

to turn the watch counter-clockwise.

“Was er damit meinte, das weiß doch nur er…”

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“Meanings ain’t in the head” hat einer der größten lebenden Philosophen einst geschrieben, um uns fast alle zu überzeugen, während er seine Meinung wieder änderte. Irgendwann habe ich ihn getroffen. Er war externer Gutachter in einem Berufungsverfahren, hat sich für mich eingesetzt aber das war in einem Department, das vielzuviele sonstige – nennen wir sie – Sensitivitäten hatte. Dort, auf Zypern, damals lehrte er in Tel Aviv, hat er mir zwischen Tür und Angel gesagt, dass Kants Philosophie die Hauptinspiration seiner Meinungsänderung bezüglich “meaning” war. Meanings are in the head after all…

Das gefiel mir. Nicht wegen Kant, sondern überhaupt. Und es gefällt mir immer noch. Dafür, dass das, was wir meinen, im wesentlichen mental ist, gibt es alltägliche Beispiele.

Die Knesset beschloss z.B. vor ein paar Tagen, die Bagatellisierung  nationalsozialistischer Symbole und des Wortes “Nazi” unter Strafe zu stellen. Will man den Holokaust als Höchstmaß menschlicher Brutalität im Gedächtnis bewahren, dann kommt man nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass die Eigennützigkeit und Derbheit des Vermieters diesen noch zu keinem Nazi macht.

Man darf also weiterhin das Wort “Nazi” benutzen, um  Menschen zu bezeichnen, denen begründetermaßen Nazitum unterstellt werden kann, andernfalls aber nicht. Es scheint aber, als wäre meine Bereitschaft, ernsthaft zu argumentieren, jemand sei ein Nazi, ausschlaggebed dafür, ob ich das Wort mit gutem Grund benutze – nach diesem neuen Gesetz jedenfalls…

Einen Parallelfall stellt die Darbietung der Melodie “Wuidschütz Jennerwein” in Deutschland dar. Sie steht nicht unter Strafe, während die sehr ähnliche Melodie des Horst-Wessel-Lieds natürlich nicht gespielt, gepfiffen oder sonst noch produziert werden darf. Da aber die Melodien sehr ähnlich sind, müsste der Ankläger die Absicht eines Angeklagten dokumentieren können, nach dem Nazi-Lied und nicht nach der Tegernseer Volksweise zu pfeifen.

Die Anklage käme damit nicht weiter. Aber wir, die wir im Alltag wohl wissen, wer, wie Wörter benutzt und Melodien pfeift, betrachten wohl das Gemeinte als den Inhalt des Kopfes desjenigen, der es so und nicht anders meint.

Der Grieche sagt: Wer, wie, was gemeint hat, das wisse “Gott und die Seele dessen“, der es gemeint hat: “ho Theos kai he psyche tou“.

I like this short movie. It’s food for thought. Kantian food for thought.

One of the greatest living philosophers wrote forty years ago: “Meanings ain’t in the head”. He persuaded almost everyone while, in fact, he was changing his mind. Ten years ago he tried to help me get this job in Cyprus – back then he taught in Tel Aviv – but the department had certain other priorities so to say…  Anyway, since he considered me to be a Kantian (which was accurate back then and is accurate still now in a way) he told me that his main inspiration in his change of mind was Kant’s philosophy. Meanings are in the head after all…

I liked this. I still like it. Not only because of Kant, I mean. Meanings which are essentially mental are an everyday experience, I think.

Take the decision of the Knesset a few days ago. In order to stop the inflationary use of Nazi symbols and the word “Nazi”, they made it a legal offence to use them without serious reason. That is, you can still call someone a Nazi if you can make the case that he is one, but being greedy and coarse doesn’t make a rent-raising landlord a Nazi from alone.

But being able to make the case that someone is a Nazi is a mental thing.

I see a parallel in playing a folk song which is very well known in the Alpine countryside between Salzburg and Munich. In Germany, it’s permitted to play, whistle, produce the melody of “Wuidschütz Jennerwein“, but you may not produce by any means the melody of the Nazi march known as “Horst-Wessel-Lied”, whose melody is very similar. If a barrister wanted to make the case that someone whistled to the one and not to the other, then he should know the intention of the accused.

Which would be a mental thing again.

Greeks say: What someone meant is known only by “God and the soul of the man“, who meant it: “ho Theos kai he psyche tou“.

I conclude that considering meanings to be in the head does justice to an everyday intuition, not only to sophisticated, Kantian arguments.

Propria

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Ein Ristretto an der coolen, Budapester Magyar útca…

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…muss wach machen. Diesmal war er unangenehm ernüchternd, zumal er am Ende einer Führung mit vielen Highlights der ungarischen Geschichte kam, darunter mit der Angabe, dass der erste ungarische König István hieß.

Systematische Beiträge zur Semantik der Eigennamen habe ich niemals geleistet. Historisch habe ich aber stets die These vertreten, dass es in den natürlichen Sprachen keine Eigennamen gibt. Zwar gibt es Namen, die wir “Eigennamen” nennen, wie “Ägäis”, “Peter”, “Kunigunde” usw., aber diese deuten auf Eigenschaften des ersten Namensträgers hin: “Meer des Aigeus”, “Steinharter”, “Sippenwehrhafte”. Bei den späteren Namensträgern handelt es sich um Anwärter des Ruhms eines früheren Namensträgers.

Diese These habe ich historisch in einer sehr kurzen Arbeit zu untermauern versucht, die ich zusammen mit dem damals Saarbrückener Sprachwissenschaftler Andreas Schorr schrieb: “Kulturkontakt auf dem Balkan”, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. Insbesondere beziehen wir uns dabei auf mittelalterliche Namen, u.a. auf die Namensgebungs-Etikette des serbischen mittelalterlichen Adels, dessen Angehörige, so jedenfalls die Vermutung, in Anlehnung an die Urbedeutung des griechischen Namens “Stephanos” (= der Bekränzte; der Gekrönte) “Stefan” hießen.

Dabei maßen wir dem Umstand, dass viele Mitglieder der serbischen mittelalterlichen Königsfamilie auch “Uroš” hießen, nicht die gebührende Bedeutung bei. Den Namen “Uroš” trugen sie eindeutig in Anlehnung an die ungarische mittelalterliche Aristokratie. “Stefan Uroš” war der Doppelname gleich mehrerer serbischer Monarchen. Aber dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch der Name “Stefan” in Anlehnung an den ersten König Ungarns István I. gegeben wurde und nicht wie Andreas und ich im Artikel vermuteten in bezug auf die griechische Bedeutung von “Stephanos”. Die mit dem Doppelnamen “Stefan Uroš” intendierte Assoziation diente nicht “römischer Zivilisiertheit”, wie wir schrieben, sondern der Identifikation mit einer ungarischen Erfolgsgeschichte. Pure Eigennamen sind im serbischen mittelalterlichen Adel weiterhin nicht zu finden. Insofern stimmt die These. Sie war aber nicht richtig untermauert.

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A ristretto-coffee at the cool Magyar útca of Budapest raises the pulse but in this case it made me very thoughtful after a sightseeing with many basics of Hungarian history – among others with the information that the name of the first Hungarian king was István.

I have made no systematic contributions to the semantics of proper names. Historically, however, I have been maintaining an original position which says that natural language has no proper names. There are, of course, names like “the Aegean Sea”, “Peter”, “Cunigunde”, which we call “proper”. But these are allusions to properties of the first bearer of the name: “Sea of Aegeus”, “stone-hard”, “the-clan’s-defensible-one”. The subsequent bearers of such names do nothing but insinuate that they are equal to the first bearers.

I tried to corroborate this historical position in a very short article which I wrote together with the linguist Andreas Schorr, back then at the University of Saarland: “Kulturkontakt auf dem Balkan”, in: Borgolte et al., Mittelalter im Labor, Berlin: Akademie Verlag, 2008, 390-391. We focused on medieval names, among others on names of the medieval Serbian aristocracy. We thought that most of them were called “Stefan” in order to allude to the Greek meaning of the name “Stephanos” (= the crowned).

However, both Andreas and I didn’t pay attention to the fact that many members of the royal family in medieval Serbia were named “Uroš”. This was due to a strong influence they received from the Hungarian aristocracy. Some kings of the medieval Serbian state had the following two names: “Stefan Uroš”. But “István”, the name of the first Hungarian king, is a Hungarian form of “Stefan”. Thus, unlike what Andreas and I maintained in the aforementioned article, it seems quite plausible that the name “Stefan” wasn’t given to allude to the Greek meaning of the word but, like “Uroš”, to a Hungarian success story.

Of course, if the name “Stefan” was a way of a king to say: “I am as good as the first Hungarian king was”, it is still not a genuine proper name. But our argument for this wasn’t correct.