Brothers of invention

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Nachdem sich die Philosophen jahrhundertelang in der Rolle des Entdeckers, nicht des Erfinders gefallen haben, ist die Zeit reif für die erste philosophische Erfindung der Weltgeschichte. Sie geht aufs Konto der Besucher meiner Philosophie-Ethik-Stunde. Es ist die Schere des Barbiers aus Russells Paradoxie, der nur die und all diejenigen rasiert, die sich nicht selber rasieren (d.h. wenn er sich nicht rasiert, dann rasiert er sich – und umgekehrt).

Die Schere ist unserem Barbier angemessen, denn sie muss ausgeschnitten werden, damit sie gebraucht wird, und sie muss gebraucht werden, um ausgeschnitten zu werden.

(Ist der Joke rüber oder sind die einzigen, die darüber lachen können, meine Schüler und ich?)


Enough with scrolling

What you see above are the scissors of Russell’s barber, the man who shaves only and all those who don’t shave themselves and consequently shaves himself if and only if he doesn’t.

A student from my class constructed the scissors to fit to the needs of the legendary barber. You’ve cut off the scissors to use them if and only if you’ve used them to cut them off.

This is a premiere in the history of philosophy. For centuries now philosophers have discovered things but invented nothing – until my students managed to fruitfully make the step from philosophical discovery to philosophical invention.

(OK, I hope that the joke’s not too silly).

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Against the decline of historical knowledge in philosophy

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Bei einem Routinebesuch in der Kaserne der Engelscharen musste Gott feststellen, dass seine Botschafter ein vernachlässigbares Theologiewissen haben. Er hat sofort die nötigen Schritte eingeleitet, dass sich das ändert. Ein paar Theologieprofessoren aus dem Paradies haben schnell einen Studienplan erarbeitet. Die Fächer waren zwar nicht modularisiert – keine Zeit und der Bologna-Prozess war sowieso nach ihrer Zeit – aber die Kurse begannen schnell.

Unter den Dozenten war ein altmodischer Dogmatikprofessor, der seine ersten Sitzungen den traditionellen Gottesbeweisen widmete: von Anselm, von Thomas von Aquin, von Descartes… Nach ein paar Wochen gab er seinen Studenten die Hausaufgabe, selber einen Beweis des Daseins Gottes zu erarbeiten. Am nächsten Tag kamen alle mit Fotos.

Im Gegensatz zum alten Professor wäre David Lewis eher begeistert, wenn ihm jemand eine voll funktionsfähige Zeitmaschine präsentieren würde statt über die Möglichkeit der Zeitreise zu argumentieren. Eine Zeitmaschine wäre nicht nur für Lewis, sondern auch für jeden Philosophiehistoriker eine höchst erfreuliche Errungenschaft. Denn die Disziplin befindet sich unverdient in einer bedrückenden Lage. Immer mehr Philosophen erklären seit anfang des 20. Jahrhunderts, als dieser Trend begann, stolz zu sein, wenn sie keine zwei Brocken Philosophiegeschichte nacheinander reimen können. Sie ignorieren die Vorgeschichte der Themen, die sie untersuchen, sie erfinden aufs neue das Rad oder sie haben keine Chance festzustellen, dass es längst ein Gegenbeispiel zu ihrer Hauptaussage gibt.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, konstruierte ich einen Zeittransporter. Es funktioniert wie jeder stinknormale Star-Trek-Transporter mit dem Unterschied, dass er auch Zeitreisen ermöglicht.

Mit meinem Transporter besuchte ich Bertrand Russell, eine dieser Autoritäten, die von den Leuten hochgehalten werden, die stolz darauf sind, die Philosophiegeschichte zu ignorieren. Russell selber hatte bemerkenswerte philosophiehistorische Kenntnisse und einige sehr interessante Seiten seines Gesamtwerks sind der Philosophiegeschichte gewidmet. Er gab mir eine Nachricht für all diejenigen, die die Worte „Great Dead Philosophers“ mit Verachtung aussprechen. Die Nachricht besagt: „Ich bin genauso wenig tot wie Kant oder Aristoteles“.

– Das kann aber so interpretiert werden, dass ihr alle tot seid! entgegnete ich.

– Selbst in diesem Fall ist es ein Trugschluss ad hominem, unsere Argumente als weniger wertvoll zu betrachten, nur weil wir tot sind! sagte er.

Bertrand and Stamatios

The joke goes like this: during a routine visit in the angels‘ headquarters, God found out that his personell has poor knowledge of theology. Embarassed over this fact, he commanded them to take some theology classes. He mobilized some old theologians who happened to be in paradise and the lessons began.

Among the instructors, there was this old-fashioned professor of dogmatics who started his lectures with the traditional proofs of God’s existence: Anselm’s, Aquinas’s, Descartes’… After a couple of weeks he gave his students as a homework to attempt to give a proof of God’s existence on their own. To his great disappointment, on the next day the students supplied him with photos.

Unlike the old professor, David Lewis would be rather excited if someone would present him a full functioning time machine instead of arguing for the possibility of time travel. Constructing a time machine would be a rewarding task not only to enchant Lewis. It would be the right thing to do in order to make a trend in philosophy undone – one which the discipline doesn’t deserve. The trend began in the early 20th century when more and more philosophers declared to be proud of ignoring the prehistory of the issues they were investigating – with the result that, sometimes, they reinvented the wheel, some other times they didn’t realize that the history of philosophy had already provided a counter-example for their thing.

To make this deplorable trend undone I constructed a time transporter. It works just like a normal spaceship-Enterprise transporter with the difference that it beams you not only across space but also across time.

With the help of my transporter, I visited Bertrand Russell, one of the thinkers considered to be a great authority to most people who are proud of ignoring the history of philosophy today. Russell himself had a remarkable knowledge of the history of philosophy and dedicated some quite interesting pages of his oeuvre to the subject. He gave me a message for all those who utter the words „Great Dead Philosophers“ with contempt. The message reads: „I’m not dead any more than Kant or Aristotle“.

– This could be interpreted to say that you’re all dead after all! I replied.

– But even in this case, it’s a fallacy ad hominem to think that our arguments are less valuable because we’re dead, said he.

Verliebt aber null Gunstbezeugungen

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In die Metaphysik verliebt zu sein, beklagte sich 1766 Immanuel Kant, ohne dass ihn seine Angebetete ihrerseits mit Gunstbezeugungen ermutigte. Wohl nicht das einzige Beispiel. Bertrand Russell wird man mit Recht eine Liebesbeziehung zur Logik nachsagen können.

Ich bin skeptisch gegenüber dieser Metapher: „Ich bin in meine Disziplin verliebt“ – obwohl ich durchaus selber davon betroffen bin. Bei mir ist es eine polyamore Beziehung: Sowohl die Metaphysik als auch die Logik haben’s mir angetan.

Skeptisch! Weil es ja nur eine Metapher ist, die nichts anderes bedeutet als einen Sprachmissbrauch zu Zwecken der Übersteigerung. „Ich bin in die Metaphysik und in die Logik verliebt“ bedeutet nichts anderes als: „Ich schreibe und lese sehr gern Werke über Metaphysik und Logik“. Es wäre ja lächerlich, wenn meine Frau deswegen eifersüchtig wäre oder wenn ich deshalb ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie hätte.

So gibt es z.B. – wie Kant genau wusste – nur selten Gunstbezeugungen seitens einer Disziplin, in die man verliebt ist, und selbst wenn es diese gibt, sind sie nicht von der Art, die das Familienleben stören würden.

Während ich aber an meiner Steuererkärung arbeite, ist die alljährliche Einsicht wieder da: Bestimmt gibt es Leute, die sehr gerne ihre Steuererklärung machen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sie nach meiner Art sagen könnten: „Ich bin in meine Steuererklärung verliebt“. Nicht in jede Gewinn bringende Tätigkeit kann man verliebt sein.

Wenn ich die Metaphysik und die Logik einerseits, die Steuererklärung andererseits miteinander vergleiche, dann weiß ich genau: In beide ersteren kann man sich verlieben. Letztere kann man wegen der Steuerbegünstigungen höchstens gern zu machen lernen – na ja, vielleicht…

In einem anderen Leben…

Logik und Finanzen

Immanuel Kant wasn’t much younger than I am now when he complained in 1766 that he was in love with metaphysics. His problem was that he didn’t receive any signs of favour from the side of his beloved. He’s not the only example. Who would fail to notice Bertrand Russell’s love affair with logic?

I’m suspicious towards the metaphor: „I’m in love with my discipline“. I mean, I’m in love myself with metaphysics and logic – no problem there, regardless of the fact that it’s a polyamorous situation.

My suspicion is due to my attitude towards metaphors altogether. Metaphors are linguistic usurpations which we use in order to exaggerate. „I’m in love with metaphysics and logic“ means nothing but: „I fancy writing and reading metaphysics and logic“. It would be ridiculous if my wife were jealous because of this as much as it would if I felt guilty.

Like Kant, I know that this is not a love in which my beloved disciplines would give me signs of their love in return. And even if they would, these wouldn’t be of the kind that would threaten our family life.

But still, it is love. While I work on my tax declaration I think that there are definitely people who like working on their tax declaration. But I cannot imagine them saying that they’re in love with their tax declaration.

You can fall in love with metaphysics and logic without receiving anything in return but never fall in love with the tax declaration despite tax return.