Polytechnites

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Lustig haben wir uns über ihn gemacht. Manche sagten, wir waren verwandt, aber das störte mich weniger, weil auf einer Insel jeder mit jedem verwandt ist.

Er hatte Aschenbecher mit all seinen Fertigkeiten ausdrucken lassen. Ein Logo prangte drauf und dann kam es:

Elektroinstallationen, Bewässerungstechnik, trockene Feigen, Bestattungen

Ich bin ihm im Endeffekt so ähnlich. Mein neuestes Buch, meine Habilarbeit, im Schnitt von Logikgeschichte, Ideengeschichte, Metaphysik kam vor ein paar Tagen raus.


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We were laughing at him. Some said he was my relative. I didn’t care because in an island you’re almost everyone’s relative.

He had ashtrays with his logo printed. And with every business he made ends meet with:

Electrical installations, irrigations, dried figs, funerals.

I’m so similar to him. My monograph to secure me the venia legendi, i.e. the right to professorial teaching in Central Europe, is at the interface of logic history, the History of Ideas and Metaphysics and was released few days ago.

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Gagarin, seine Vorfahren und das Unwissen

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Jeden Morgen radle ich daran vorbei, am Sternenmenschen. Das stählerne Ungetüm selber ist nicht mein Geschmack, dafür die Inschrift: Sie ist multimedial insofern, als man sie nicht entziffern kann, es sei denn, man wechselt die Perspektive, versucht ein Stück hellen Hintergrund hinter die eingestanzten Buchstaben zu kriegen, um schließlich zu lesen, um was es da geht: Am zwölften April 1961 fuhr Jurij Aleksejewitsch Gagarin einmal ins Weltall und zurück.

Gagarin-Denkmäler begleiteten ständig meine Schritte in den ehemals sozialistischen Städten, wo ich teil meines Lebens verbrachte. Am Hallenser Sternenmenschen Ecke Vogelweide und Elsa-Brändström-Straße radle ich wie gesagt gegenwärtig jeden morgen vorbei. An der – sehr braven, unscheinbaren, langweiligen – Erfurter Gagarin Büste radelte ich bis Ende des Sommersemesters 2013 vorbei, während ich noch die Bude an der Dresdener Straße hatte. Jahrelang lebte mein Bruder  am Neubelgrader Bulevar Jurija Gagarina, wo er sich gegen meine urbanistischen Einwände bezüglich der Plattenbaustadt immun machen musste.

Daraus lernte ich: Auf unscheinbare Weise wurde Gagarin selten zelebriert. Normalerweise wurde er als ein sanguinischer, futuristischer Heros hingestellt.

Sanguinisch war auch der Humor von Gagarins – wenn man R.A. Klostermann glaubt, nicht nur – Namensvetter Iagaris, der Mitglied der byzantinischen Delegation auf dem Konzil von Ferrara/Florenz 1438-39 war. Ein Kardinal soll dem Bericht des Chronisten Silverster Syropoulos zu Folge die Kleriker der Ostkirche gefragt haben, was sie denn meinen, aus welchem Material würde Gott das Fegefeuer entstehen lassen. Die Frage klingt heute albern und sie klang in griechischen Ohren auch im 15. Jh. so, denn die Ostkirche war stets gegen die Fegefeuerlehre. Nichtsdestotrotz sollen die griechischen Kleriker nichts zu der Frage gesagt haben, wohl um ihre Gastgeber in Ferrara nicht zu brüskieren.

Und bloß einer der drei Iagaris-Brüder (Markos? Andronikos? Manuel?), allesamt keine Kleriker, soll, so Syropoulos jedenfalls, dem Fragesteller zugerufen haben: „Mit ein bisschen Geduld erfährst du das recht bald“.

Man kann natürlich nicht wissen, ob die adligen Konstantinopler Iagaris tatsächlich Vorfahren der adligen Russen unter dem Namen Gagarin waren, und ich halte auch die Frage für wenig bedeutsam. Jedenfalls werden die alten Iagaris als Sanguiniker hingestellt, denn verspielt ist der Humor des Sanguinikers. Den Sarkasmus würde ich dagegen cholerisch nennen, die Ironie melancholisch, die Wortspiele phlegmatisch.

Zurück zu Gagarin und sanguinischem Humor. Nach seinem Flug ins All vor 55 Jahren und ein paar Tagen wird Gagarin von Nikita  Chruschtschow, dem Ministerpräsidenten der UdSSR, gleichzeitig Generalsekretär der KPdSU, empfangen und befragt, ob er „da oben“ Gott angetroffen hätte. Gagarin antwortet:

  • Ja, Genosse Nikita Sergejewitsch!
  • Das habe ich befürchtet Jurij! Ich befördere dich zum Oberst, aber ab sofort erzählst du allen, dass du Gott nicht gesehen hast.
  • Ich habe etwas Angst, dein Angebot anzunehmen, Genosse Generalsekretär. Schließlich ist es wahr, dass Gott existiert.
  • Halb so schlimm, Oberst Gagarin! Wenn du behauptest, Gott nicht gesehen zu haben, dann ist das kein Gegenbeispiel zur Behauptung „Gott existiert“. Vielleicht existiert er doch noch – bloß du hast ihn nicht gesehen. Du behauptest nur dein Unwissen!
  • Aber Genosse, ich verheimliche damit ein Gegenbeispiel zur Behauptung „Gott existiert nicht“ und das ist viel schwerwiegender, als Unwissen zu behaupten. 

Ein paar Wochen später wird Gagarin vom Papst empfangen, der ihn dasselbe fragt. Aber nach der Unterredung mit Chruschtschow verneint Gagarin die Frage.

  • Für das Christenvolk wäre es aber so wohltuend, wenn du behaupten würdest, du hättest ihn gesehen, Jurij, mein Sohn. Ich weiß, so etwas wäre ein Gegenbeispiel zu eurer atheistischen Staatsdoktrin und gefährlich für dich. Ich würde viel Geld dafür geben. Leider habe ich nur eine Million Dollar, mein Kind.
  • Na ja, für eine Million kann ich wenigstens sagen, ich wüsste nicht, ob Gott existiert, weil ich ihn nicht gesehen habe. Das lässt noch offen, ob er existiert.
  • Aber das berichtest du ja bereits! Warum soll ich dir eine Million zustecken für etwas, was du sowieso sagst?
  • Das ist ein Schnäppchen, heiliger Vater! Der Genosse Chruschtschow zahlte mir das Zehnfache dafür.

Und die Moral von der G’schicht‘?

Unwissen kann genauso teuer sein wie Wissen. Aber ist das nicht genau das, was Gagarins frecher Vorfahre angedeutet hat?
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The starman’s on my way every morning. Or should I say he stands in my way – in my way towards a nice beginning of the day. He’s monstrous, not my taste. But I’m fond of the inscription. From some point of view, it’s multi-media. Or rather from a plurality of points of view. In order to read it, you have to go to and fro in order to get a light-coloured surface as the background of the holes that form the letters. This can be the case for one word now, for the next word a few steps further. It’s not easy to read that it’s about the 12th of April 1961 and, after you read this you have to keep it in mind and to make some more steps and finally to read something about Yuri Gagarin, the first man in space.

I never failed to notice monuments of Gagarin whenever I’ve been spending some time in a former socialist city. This is, as I said, the case in Halle, at the corner between Vogelweide and Elsa Brändström Street. It was also the case in Erfurt until the end of the summer term 2013, when I had this place at the Dresdener Street. Every day I was riding my bike pass this too mainstream, too inconspicuous, too dull bust of Yuri Gagarin. And not to forget my brother’s flat in New Belgrade, at the Bulevar Jurija Gagarina where he learned how to be immune to my complains concerning the aesthetics of socialist urban planning.

Apparently, the Erfurt monument is an exception. The public presence of Gagarin was very rarely inconspicuous. They normally celebrated him as a sanguinic, futuristic hero.

Sanguinic was also the sense of humour of Gagarin’s ancestors – if we believe what R.A. Klostermann believes to be the case, that is – by almost the same name: Iagaris. In 1438-39 three members of this family, the noblemen Marc, Andronicus and Manuel, had been members of the Byzantine delegation at the Council of Ferrara/Florence. The chronist Silvester Syropoulos presents an episode in Ferrara between a cardinal and some member of the Iagaris clan who accompanied the Byzantine emperor: the cardinal asked about the Byzantines‘ views about the material which God sets in fire to produce the purgatory. The question sounds silly today and it sounded silly in the ears of  the members of the Byzantine delegation back then. The Eastern Church disapproved the purgatory doctrine back then and the Orthodox Church still does today.

Nevertheless, the clerics of the East remained silent to avoid offending their western brothers. And only the unnamed member of the Iagaris clan, NB, no cleric, shouted: „With a little patience you’ll know the answer pretty soon“.

That the Iagaris clan from Constantinople were the ancestors of the Gagarins is only a conjecture and one that’s rather unimportant. At any rate, they were supposed to be as sanguinic as Yuri Alekseyevich. Sanguinic humour is playful. Sarcasm is rather for cholerics, irony for melancholics, and phlegmatics have the extraordinary ability to laugh when Charles Laughton refuses to move the muscles of his face.

Back to Gagarin and sanguinic humour: just after he returned to Earth, 55 years and a couple of days ago, Gagarin had to meet Khrushchev, the Soviet Union’s PM and the party’s Prime Secretary. Their dialogue:

  • Did you meet God up there, Yuri Alekseyevich?
  • As a matter of fact I did, Nikita Sergeyevich!
  • That’s bad news. I’ll give you the rank of a colonel if you maintain that you didn’t see Him.
  • Not that I’m not afraid, comrade Prime Secretary! After all God does exist!
  • I don’t think it’s dangerous Yuri. You’re not maintaining a counter-example to the statement „God exists“. You’re just maintaining your ignorance.
  • But I keep secret a counter-example to the statement „God doesn’t exist“. And this is much more than simply pretending ignorance.

Some days later, Gagarin meets the Pope who asks him the same question. Colonel  Gagarin replies:

  • I didn’t see God, your holiness.
  • What a pity, says the Pope. It would be a big relief to the Christians to know that He’s there. I’d pay much money to give them this joy. I know, it would be a counter-example to your atheist state doctrine and dangerous for you personally. Unfortunately, I’ve only one million dollars.
  • Let me see… For one million I can maintain without much risk that I didn’t see Him. This leaves room for Him to exist after all!
  • Son, why should I give you one million to maintain what you already maintain?
  • It’s a good deal and a good price, holy father! Comrade Khrushchev paid me ten times this amount for the same thing.

The lesson to learn from the story is that ignorance is sometimes as valuable as knowledge. But this is also what Gagarin’s sanguinic ancestor suggested.

Non in missa adversus philosophos

 

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Ruth, die Kinder und ich waren am gestrigen Orthodoxiesonntag nicht in der orthodoxen Kirche. Gott weiß, bin ich kein regelmäßiger Kirchenbesucher, aber diesmal hatte ich mehr Gründe als Bequemlichkeit.

Die Sache ist so: Die orthodoxe Kirche feiert am ersten Fastensonntag die Wiedereinführung der Ikonen im 9. Jh., aber auch ihre Ablehnung von verschiedenen philosophischen Lehren, die zwischen dem 11. und dem 14. Kh. im Umlauf waren.

Anathematisiert wurden gestern wie jedes Jahr an diesem Tag (ich beziehe mich dabei auf das Synodikon nach Guillards kritischer Ausgabe, Paris 1967)

Johannes Italos (11. Jh.), da er „die Realität der platonischen Ideen annahm“;

der Aristoteles-Kommentator Eustratios von Nizäa (11.-12. Jh.);

der Mathematiker und fideistischer Antithomist Barlaam von Seminara sowie Gregor Akindynos (14. Jh.), da sie meinten, eine Handlung könne zwar für Gott entweder eine wesentliche Eigenschaft oder Akzidens sein, aber da Gott keine Akzidenzien habe, dürfe nur Ersteres der Fall sein (die orthodoxe Theologie nimmt an, dass Gottes freie Handlungen weder zu Gottes Wesen gehören – wegen der Freiheit – noch seine Akzidenzien sein können);

die Thomas-Übersetzer Prochoros und Demetrios Kydones (14. Jh.).

An dem Tag sollen Philosophen, finde ich, der Messe fernbleiben. Mit der Familie in den Wald oder so. Es ist ja wie wenn die römisch-katholische Kirche die Pariser Verurteilungen von 1277 feiern würde. Nichts gegen den Palamismus der orthodoxen Kirche, aber Argumente werden mit Argumenten, nicht mit Anathemata bekämpft.

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Ruth, the kids and I didn’t go to the Orthodox church yesterday. God knows we attend Sunday services quite irregularly but yesterday there was a special reason for not attending. On the first Sunday of Great Lent the Orthodox Church celebrates the reintroduction of the icons in the 9th century. No issues there… And it also condemns several philosophical doctrines that were launched in Byzantium between the 11th and the 14th centuries. Big issues here…

And, yes, like in the last couple of centuries on this day, yesterday was the day (my reference is to the Synodikon in Guillard’s critical edition, Paris 1967) on which the anathema was proclaimed against

John Italos (11th c.) who „assumed the reality of Platonic ideas“;

Eustratios of Nicaea (11th-12th c. ) a commentator of Aristotle;

Barlaam of Seminara and Gregory Akindynos (14th c.) the former a fideist and an Antithomist and a mathematician, the latter a philosopher, both claiming that God’s actions are either essential or accidental properties of Him and therefore essential since God has no accidents (the Orthodox theology objected that free actions are not essential and cannot be accidents either since He has none);

Prochoros and Demetrios Kydones (14th c.), who translated Aquinas into Greek.

It’s not a church service for philosophers to attend. Go out for hiking, caving, sailing, anything… It’s as if the Roman-Catholic church had a mass to commemorate the condemnation of the year 1277!

I am sympathetic towards the Palamism of the Eastern Church, that’s not the point. But arguments against one’s viewpoint are to be refuted – in the best case, that is.

Refuted! Not anathematised!

5th World Congress on Universal Logic

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Die Philosophie der Logik lehrt unter anderem, was alle Logiken gemeinsam haben: Sie sind deduktiv abgeschlossene Satzmengen, die wir mit HIlfe von Axiomen und Schlussregeln konstruieren können. Das ist aber zu wenig. Es lässt z.B. auch völlig uninteressante und alberne Satzmengen als Logiken bezeichnen. Die universale Logik ist nicht nur eine Philosophie der Logik, sondern eine neue formale Teildisziplin, die Strukturen untersucht, welche verschiedenen Logiken gemeinsam sind.

Die universale Logik ist Jean-Yves Béziaus Kind. Und Jean-Yves bat mich, die Summer School und den 5. Weltkongress zur universalen Logik zu propagieren. Sie finden im dritten Drittel des Monats Juni in Istanbul statt. Seiner Aufforderung komme ich mit diesem Beitrag nach.

Jean-Yves mag es, sich in der Hagia Sophia zu präsentieren. Ich habe ihm, glaube ich, noch nicht gesagt, dass der einzige richtig kreative Logiker, der diese Kirche oft betrat, Johannes Italos im 11. Jh., zum Schluss ebendaselbst wegen seiner Philosophie zur Rechenschaft gezogen wurde – und glimpflich mit einer bloßen Amtsenthebung davonkam.

Hätte Johannes Italos seiner Zeit die Aussage vorgebracht, mit der sich Jean-Yves in seiner Webpräsenz schmückt, dann wäre er ganz schnell wieder der Liebling des Palastes und der Kaisertochter Anna Komnena gewesen, die ihn wegen seiner Vernunft rügte.

jean-yves beziau challenges Justinian

The most famous trial of a philosopher in Byzantium took place in the Hagia Sophia and condemned the philosophy of John Italos, the most creative logician in 10 centuries of Byzantine logic.Had John used in the trial the motto from Jean-Yves Béziau‘s webpage, I doubt whether he would be condemned. I mean, Anna Komnena, the emperor’s daughter, thought that his reason was the only negative thing he had.

Unlike his colleague from the 11th century, Jean-Yves loves to stand in the Hagia Sophia. Now he also organizes the Summer School and the 5th World Congress on Universal Logic there. I mean, not directly in the Hagia Sophia – but in Istanbul.

The Universal Logic is a new discipline which investigates structures common in diverse logics. But it’s not philosophy of logic. What philosophy of logic teaches in this respect is not much: essentially the fact that a logic is a deductively closed set of sentences which we construct with the help of axioms and rules of inference. This, however, allows for uninteresting and silly sets of sentences to be called logics..

Since Universal Logic is his child, Jean-Yves wanted me to propagate his congress of the last third of June. And this is what I’m doing with this post.

Mapping, classes, functions, icons 78 years after

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Gestern vor 78 Jahren wurde der Mathematiker und Theologe Pawel Florenskij nach einem Schauprozess bei Sankt Petersburg hingerichtet. In diesem Semester leite ich ein Seminar zu seinem Werk und in der gestrigen Sitzung ging es um seine Ansichten zur Malerei, insbesondere zu den byzantinischen und altrussischen Ikonen.

Eine Ikone ist für Florenskij eine Abbildung einer erlebten Realität. Bei der Abbildung kommt es nicht auf Realitätstreue an, sondern es kommt einzig und allein darauf an, welche Funktion mit der Abbildung Ausdruck findet. Der Naturalismus ist dabei nur eine von vielen Möglichkeiten.

Das Thema passte zum Gedenktag. Florenskij ist mittlerweile selber eine Ikone geworden.

In der Quellsprache, dem Griechischen, benutzt man allerdings das Wort „Ikone“ niemals metaphorisch, bezogen auf eine Person. Ikonen sind im griechischen (und im altrussischen) Sinn Darstellungen, die niemals mit dem Abgebildeten zusammenfallen.

Schon wieder ist es spät geworden und ich muss die morgige Vorlesung zu Theodor von Studion und seinen sic-et-non Argumenten gegen die Ikonoklasten vorbereiten – so ein Zufall aber…

Deshalb höre ich jetzt mit diesem Beitrag auf und klicke ein anderes Icon an.

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78 years before yesterday, Pavel Florensky, the Russian mathematician and theologian was executed near Saint Petersburg after a show trial. Yesterday, my Florensky class was dedicated to Florensky’s views on painting, particularly to Byzantine and Old Russian  icons. For Florensky, an icon is a map of a perceived reality. A map is not supposed to be faithful to the original. The mapping is only supposed to represent a certain function. Naturalism is only one of many options.

The topic was very suitable for the anniversary. Florensky himself has become an iconic figure.

In the language, however, from which the word „icon“ originates, i.e. in Greek, „icon“ never refers metaphorically to a person. An icon in the Greek (and the Old Russian) sense of the word is a map which never coincides with the mapped thing.

But now it’s late and I have to prepare tomorrow’s lecture on Theodore Studite’s sic-and-non arguments against the iconoclasts – an unbelievable coincidence. I’m hurrying up to post this and to click on another icon.

Modus fallens

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In diesem Blog habe ich bereits ein paar Mal auf Nasreddin Hodschas Geschichten hingewiesen. Einige geben den Anschein, als wäre ein mittelalterlicher Logiker am Werk, der mit ulkigen Geschichten über Grundlagen der traditionellen Logik aber auch über insolubilia lehrt. So ist die Geschichte vom faulen Imam eine Einsetzungsinstanz des klassischen Dilemmas – eines in der Antike und auch in Byzanz sehr oft benutzten Folgerungsschemas. In diesem Fall ist die Anwendung des Schemas eine paradoxe, ja eine sophistische, aber der Schüler kommt auch so auf seine Kosten.

Die Fassung der Lügnerparadoxie aus Samarkand, auf die ich ebenfalls in diesem Blog hingewiesen habe, ist natürlich ein berühmtes insolubile. Wie ich an geeigneter Stelle gezeigt habe, wurden die insolubilia im oströmischen Reich bereits im 11. Jh. besprochen (eine lange Funkstille zwischen dem 4. und dem 11. Jh.!), im Westen etwas später. Aber auch die samarkandische Fassung der Lügnerparadoxie, in der ja Timur Lenk erwähnt wird, und infolge dessen aus dem 15. Jh. stammen dürfte, ist recht alt und basiert mit Sicherheit auf einer älteren Vorlage.

Ich habe von einem „mittelalterlichen Logiker“ gesprochen. Die mittelalterliche Logik ist ein weites Feld. Die traditionelle Verortung des Hauptcharakters der Geschichten, Nasreddin Hodscha, im 13. Jh. im türkischen Akşehir zur Zeit der Rum-Seldschuken fällt mit dem Aufstieg der byzantinischen Logik in der Folge der Kreuzrittereinfalls zusammen (Manuel Holobolos in Konstantinopel/Istanbul und Nikephor Blemmydes in Nikaia/Iznik waren die wichtigsten Autoren). Die dem griechischen „authentes“ entlehnte Bezeichnung „effendi“, mit der Nasreddin im Uigurischen bekannt ist, spricht ebenfalls für eine westasiatische, seldschukische Herkunft, wenn nicht aller, dann wohl der meisten Geschichten. Die arabische Logik aus der Zeit zwischen dem 9. und dem 12. Jh. läge als Einfluss geographisch nahe, zeitlich allerdings nicht so. Wenn allerdings selbst altgriechische Fabeln mit Nasreddin-Geschichten amalgamieren, schließe ich den Einfluss der arabischen Logik auf das Nasreddin-Erzählgut nicht aus. Nicht nur das, sondern ich habe Peter Adamson davon überzeugt, Nasreddin eine seiner nächsten Podcast-Episoden zur arabischen Philosophie zu widmen. Ich erwähne es noch einmal, damit er es nicht vergisst.

Und jetzt die Geschichte, die ich meinen Kindern alle paar Tage erzähle, weil sie sie in der letzten Zeit sehr witzig finden – gleichzeitig ein hervorragendes Beispiel für die Tücken des Modus Ponens, wenn die Prämissen unüberlegt sind:

Nasreddin erwartete Besuch von seinen Töchtern und ihren Familien, hatte aber keinen so großen Topf, um für alle zu kochen. Er fragte also den Nachbarn, der den größten Topf im Dorf hatte, ob er ihm seinen Topf leihen konnte. Der Nachbar tat das gern und war um so erfreuter, als er nach zwei Tagen nicht nur seinen eigenen großen Topf, sondern auch ein Töpfchen dazu bekam. „Dein Topf hat sein Kind zur Welt gesetzt, während er bei uns war“, erklärte Nasreddin.

Wochen später bat Nasreddin seinen Nachbarn erneut um den ungewöhnlich großen Topf. Dieser willigte erneut ein, wunderte sich aber, als er Tage später sein Gefäß nicht zurückbekam. Also ging er selber zu Nasreddin, um den Topf zurückzufordern. Nasreddin hat ihm aber mit der traurigsten Miene der Welt angekündigt, sein Topf sei leider gestorben.

„Was ist das für ein Quatsch?“ empörte sich der Nachbar. „Wie kann ein Topf sterben“. Um die Antwort zu bekommen: „Alles, was gebiert, muss auch mal sterben, mein lieber!“

Analogie

In this blog, I have repeatedly drawn attention to Nasreddin Hodja  and his stories. Some of them look as if a medieval logician wanted to introduce his public to traditional logic and to some insolubles. The story of the lazy imam is, for example, a version of the classical dilemma – a very popular inference rule in antiquity and in Byzantium. The rule is applied in a fallacious way, but the disciple gets the idea.

The Samarkand version of the Liar Paradox to which I have also referred is, of course, a famous insoluble. I have shown in a peer-reviewed article that the insolubles were discussed in the Eastern Roman Empire already in the mid-11th century after a very long pause between the early Christian discussions of the semantic paradoxes and the second millenium. The scholastics started to discuss them one generation later. The Samarkand version which refers to Tamerlane who died in 1405 is also old and based with certainty on an earlier tradition.

When I’m talking about a „medieval logician“ I’m, of course, well aware of the fact that this is a vast field. The traditional localization of the Nasreddin stories in the Seljuk Akşehir (Turkey) coincides with the flourishing of Byzantine logic in the aftermath of the fourth crusade in the early 13th century, Manuel Holobolos in Constantinople/Istanbul and Nikephor Blemmydes in Nikaia/Iznik being the most important authors of works in logic in the region for this period. Also the Uygur name for Nasreddin, the Graecism „effendi“ (< authentes) is an indication for a West Asian, Seljuk origin of the Nasreddin stories. Most places in which the Arab medieval production of logic emerged (if you forget Andalusia) are almost as near to Anatolia as the Byzantine cities. Of course, Arabic logic flourished between the 9th and the 12th century, which seems to be early. But if you consider that the Nasreddin stories contain ancient Greek fables, I would consider the influence of Arabic logic on the Nasreddin stories to be quite probable. Not enough with this, I persuaded Peter Adamson to dedicate one of his next podcast-episodes on Arabic philosophy to Nasreddin. I’m mentioning this so that he won’t forget.

Finally, I want to tell you one more Nasreddin story. My daughters find this particular story very funny and demand to hear it every two or three days. At the same time, it’s a story which shows that modus ponens can be very tricky if you have not paid attention which premises you accept:

Nasreddin expected to receive his daughters with their families for dinner. Alas, he had no pot which would be big enough to make food to serve ten or twelve people. But his neighbour had one – the biggest pot in the whole town. Nasreddin asked the neigbour who lent him the pot. Now, imagine the neighbour’s surprize to receive not only his pot in return, but also a small pot in addition. „While being with us, your pot gave birth to a baby“ explained Nasreddin.

Weeks later Nasreddin asked his neighbour again if he could have the big pot again. The neighbour was happy to help but days passed and Nasreddin did not appear to return the big pot. So the neighbour decided to go to Nasreddin and demand his pot back. Nasreddin opened the door and announced to his neighbour with the saddest face in the world that the big pot died unexpectedly while being in Nasreddin’s house. The neighbour got angry and protested:

– This is nonsense! How can a pot die?

– All those who are able of giving birth have to die one time or another, my friend! was Nasreddin’s answer.

Aristoteles in narthecibus

Aristoteles Lite oder Narthex

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Aristoteles ist im Freskenzyklus byzantinischer Kirchen zwar keine gewöhnliche Erscheinung aber durchaus vertreten. Die seltenen Abbildungen des Philosophen sind dann im Narthex, im Vorraum der Kirche zu finden, der früher den noch Ungetauften vorbehalten war. Aristoteles galt als ein ungetaufter Zeuge des künftigen Kommens des Heilands – so die Interpretation.

Gerade diese Interpretation macht die Sache interessant. Aristoteles wird nicht abgebildet, weil die Theologie des Johannes von Damaskus etwa ohne ihn undenkbar wäre, sondern wegen folgenden ihm zugeschriebenen Zitats:

Unaufhaltsam ist die Natur von Gottes Geburt, worin das Wesen seines Wortes liegt

Aristoteles erscheint im Narthex byzantinischer Kirchen stets mit einer Schriftrolle bei der Hand, auf der dieses Zitat steht (manchmal auch mit Turban auf dem Kopf – keine Ahnung warum; vielleicht um seine Eigenschaft als Ungläubiger zu unterstreichen?)

Nun gibt es viele Schwierigkeiten mit diesem Zitat. Erstens gibt es das in mehreren Versionen, aber keine dieser Versionen kommt gleich zweimal vor. Sie sind alle einzigartig. Hier ist die Syntax, da die Verbform anders, dort kommt ein Wort hinzu…

Zweitens kommt das Zitat in keinem der heute als echt angesehenen Werke von Aristoteles vor. Es ist in verschiedenen frühmittelalterlichen Sammlungen von Sprüchen der „Weisen“ zu finden.

Nicht genug damit, wird das Zitat in solchen Sammlungen nicht ausschließlich Aristoteles zugeschrieben. Chilon und Thukydides erscheinen gelegentlich ebenfalls als dessen Autoren. Dass es in den echten Werken von Thukydides nicht vorkommt, brauche ich aber wohl nicht zu erwähnen…

Sicher ist, dass Aristoteles seine Stellung im Narthex verdient. Dass er sie aus dem falschen Grund hat, gleicht einem Sieg eines Fussballteams mit Hilfe eines umstrittenen Elfmeters, nachdem ihm drei reguläre Tore wegen angeblicher Abseitsposition verwehrt worden sind.

PS: Über philologische Hinweise bezüglich des Zitats würde ich mich freuen.

In very rare cases, one can find Aristotle among the frescoes in the narthex of Byzantine churches – i.e. in the entrance area which was traditionally reserved for those who were not baptized yet. Like them, Aristotle was – of course – not baptized but witnessed the coming of the saviour – at least so the argument goes.

This argument makes the frescoes in question very interesting. The theology of John of Damascus would be impossible without Aristotle but this is not the reason for Aristotle’s presence in the narthex. Aristotle is pictured holding a parchment with the following passage:

The nature of god’s birth which bears the essence of his word, is inexorable

The passage is problematic in many respects. To begin with, there are many versions thereof, none of which is like the next. Here the syntax, there the verb form is different, words are added and so on…

Besides, the passage does not occur in the genuine works of Aristotle. One can find it only in various early medieval anthologies of prophecies of „the wise“.

As if this were not enough, the passage is in some cases attributed to other authors: Chilon and Thucydides for example. Needless to say, it is not a genuine Thucydides passage either.

Definitely, Aristotle deserves his position in the narthex. Probably he owes it to the false reason. Aristotle’s being there for the depicted passage is like winning with a ghost penalty a game in which the referee disallowed you previously three regular goals.

PS1: I would be happy to receive philological hints about the passage.

PS2: I would be happy to receive hints from art historians about Aristotle’s turban. Is it supposed to show that he was an infidel after all?