Die Musik und die Botschaft

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Zu meiner Freisinger Zeit konnte sich noch die Sonntagsmessenherde im Dom an meiner Stimme ergötzen. Ebenfalls an den Stimmen des restlichen Chors natürlich, aber in dieser Erinnerung spielt allein meine Stimme eine Rolle.

Es war Winter, vielleicht 2006. Alle zweiten Tenöre bis auf mich hatten an dem Sonntag wunde Lungen, wunde Kehlen oder auch Seelen – jedenfalls musste ich mein Stimmfach allein vertreten.

Und es weiß doch jeder, der die Gesangspartitur von Carl Maria von Webers Messe in Es-dur kennt, dass die Verse des Credo “et ad spiritum sanctum dominum qui ex patre filioque procedit” von den zweiten Tenören allein gesungen werden. Ich muss jetzt eine musikalische Sünde beichten: Wenn die anderen zweiten Tenöre da waren, habe ich beim Wort “filioque” nie mitgesungen. Und das, um einer ekklesiologischen – andere würden sagen: dogmatischen – Sünde vorzubeugen. Wie hätte ich nur als orthodoxer Christ das Paradebeispiel päpstlicher Willkür legitimieren können?

Nun waren aber die anderen nicht da. Also musste ich an der Stelle solo singen und zwar entweder einen Affront im vollen Freisinger Dom wagen (“qui ex paa-aatre procedit” – womit jetzt ehrlich, liebe römisch-katholische und protestantische Leserschaft, das Versmaß endlich nicht verunstaltet wird) oder das “filioque” nach gewohnt papistischer Manier in den Vers hineinzwängen in einer Kirche und auf einem Berg, wo Ratzinger, damals tatsächlich Papst, noch als junger Dozent zu Hause gewesen war.

Ich entschied mich für Letzteres.

Ich entschied mich aber auch, zu Kostas Nikolakopoulos’ byzantinischem Chor zu wechseln, um mit dem eigenen Gewissen im Reinen zu sein. Kostas kannte ich in seiner Eigenschaft als Theologieprof an der LMU. Die byzantinischen Vierteltöne kannte ich auch, nachdem ich das erste Vierteljahrhundert meines Lebens in einem Land verbrachte, wo solche in jeder Kirche – gut, ich meine nicht die katholischen und nicht die evangelischen – gesungen sowie von jedem Handwerker bei der Arbeit gesummt werden – ebenfalls ausgenommen Katholiken und Protestanten. Die Entscheidung für den Wechsel musste allerdings noch etwas reifen – so orthodox bin ich auch nicht. Es musste sich zuerst zutragen, dass ich in einer Generalprobe in der Römer Santa Maria dell’ Anima falsch gesungen habe, da das Programm aus Geiz – kein günstiger Organist zur Verfügung – in letzter Minute gegen mir unbekannte a capella-Stücke ausgetauscht worden war. Ich: “Ihr Geizhälse”, die anderen: “Du nix vom Blatt lesen, du” – habe ich die Freisinger verlassen.

Für Kostas’ byzantinischen Chor, wo ein Organist sowieso nie benötigt wird. Denn nach dem Abmontieren der Orgeln in Konstantinopel des 13. Jh. durch die Kreuzritter singt in byzantinischen Chören die eine Chorhälfte (seit acht Jahrhunderten!) sowieso das, was von der linken Orgelhand gespielt werden sollte.

In einem byzantinischen Chor allerdings nicht falsch zu singen, kann sich – mir jedenfalls – als noch schwieriger erweisen denn das Singen prima vista bei irgendeinem Westmusikchor. So kam es auch. Denn bei all meinem Griechesein hatte ich mich nie darum gekümmert, wie die byzantinische Musik geschrieben wird. Ohne die moderne Musiknotation war ich aufgeschmissen. Ich habe Kostas’ Chor wieder verlassen. Ich musste zu lange üben. Ungefähr wie jemand, der Deutsch in indischer Schrift zu lesen versucht.

Meine damaligen Schwierigkeiten sind eher ein Grund, das nächste Konzert von Kostas’ Chor wärmstens zu empfehlen. Er ist ein mittelalterlicher Chor ohne Wenn und Aber: Einer, der die alte Notation verwendet; einer, der im Streit zwischen der griechischen und der anatolischen Interpetation für die anatolische optiert; einer, der vor jeder Probe, jeder Messe und jedem Konzert betet, die Darbietung möge gelingen. Dieser Chor ist echt.

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Normally, this blog recommends no concerts in Munich. No concerts period. But this is a special case.

While living in Freising and commuting between this Bavarian Canterbury and Erfurt (obviously a kind a German Northampton, i.e. a mediaeval university, dissolved, re-established in recent times), I used to sing in a choir with a mostly religious repertoire.

Singing religious repertoire in Freising is a very Roman-Catholic endeavour. The city is the seat of the archbishop of Munich, the abbey was founded by St. Corbinian in the 7th century, no less than the Pope Benedict XVI took here the first steps of his academic career as professor of theology in the not so remote times of the Freising Seminary.

Being myself neither a Roman-Catholic nor a Protestant, when we sang Carl Maria von Weber’s Mass in E-flat, during the Credo I refrained from singing the word “filioque” in the passus “et ad Spiritum Sanctum dominum qui ex patre filioque procedit“. I mean, forget all the dogmatics: how could I possibly sing what in my eyes and my ears is a symbol of Papal arbitrariness?

You might think that one voice more or less for this half of a second would never make a difference. This is what I also thought.

On this Sunday of the year 2006, I think, the cathedral was almost full as well as the chorus – almost full, that is, if you take it as a whole. But everybody who sang tenor 2 was ill. Everybody but me.

Now, I don’t know who among my readers has the vocal score of von Weber’s Mass in E-flat at home. In the extremely improbable case that you have it, open it and go to the end of the Credo. You will find out that the passage about the Holy Spirit is sung by the tenor 2 alone. This meant, of course, that absenteeism among the tenor-2 Fach compelled me to sing the passage as a solo. Volens nolens the soloist of the day, keeping silence for half a second because of the word “filioque” (my strategy until then) was not an option. There were exactly two options remaining. The one would be to sing “qui ex paa-aatre procedit” (if you ask me, artistically the more elegant option which preserves a metre badly strained by the addition “filioque“), the other was to sing the Roman-Catholic version as prescribed in the vocal score. Which I, finally, did.

This was one moment that made me think: “What the heck! If I were some agnostic I wouldn’t care. Since I care, I’m not agnostic after all and I’ll have to go to Kostas Nikolakopoulos’s Byzantine Choir in Munich”.

I knew Kostas as a professor of theology. And I knew the quarter tones of the Byzantine music for reasons of my socialisation in a country where quarter tones are sung in every church and murmured – sometimes more than that – by every worker in a construction site during work. Except of Roman-Catholic and Protestant institutions and individuals, of course.

Dogmatics was however not the sole and not the main reason I eventually joined Kostas’s choir. I’m not that pious! The definitive decision was during a rehearsal of my Freising choir in the Santa Maria dell’ Anima of Rome. The arranged organist lost his plane, there was someone there to cover him but he wanted – what else? – to be paid, the others said that we should sing a capella and save our money, I didn’t know the a-capella pieces they wanted to sing, the others growled that I had problems to sing at sight, I called them Scrooges…

In a Byzantine choir there’s no chance to have an organist who misses his plane. Since the 13th century, there has been no chance to have an organist period. This is when the crusaders looted Constantinople and took the organs with them. Since then the thought to equip a church with an organ hasn’t crossed any Orthodox Greek’s mind, the organist’s left hand being replaced by one half of the choir; the other half singing the canto.

My passage from Kostas’s choir was short. I had never imagined that the task to read music written with the Byzantine notation would be so demanding. It was like having to read a poem by Yates you have read hundreds of times but which someone wrote down in an Armenian transliteration.

I’m mentioning this to underline my recommendation to go to the Greek Orthodox Church at the metro station Nordfriedhof if you happen to be in Munich on November 23rd. This is a medieval choir without compromise. They use the old notation, they prefer the Anatolian to the Greek interpretation of the old music, they believe that praying before the concert helps. These guys are genuine.

Totgesagtes lebt länger #2

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Die plötzliche Kälte, die einen Teil der Schweiz wieder in Schnee verhüllte, macht wieder den Trachanas aktuell.

Wirklich aktuell ist ein egal wie legendäres Relikt der byzantinischen Küche wohl nie. Aber die Kälte legt die bulgurähnlichen Krümmel aus getrocknetem Ziegenmilch-und-Mehl-Porridge näher als sonst. Wer Ungarn und seine Küche kennt, kennt wohl das ähnlich klingende Tarhonya. Tarhonya ist nicht Trachanas, sondern es wird in gleicher Größe und Gestalt aus Nudelteig gemacht. Allerdings zeugt der Name von einem gemeinsamen Ursprung.

Wenn zwei verschiedene Sprachen verwandte Wörter für unterschiedliche Dinge haben, dann sind lexikalische Entlehnungen und Bedeutungsverschiebungen der Fall wie bei Pitta im Griechischen und Pizza im Italienischen. Wird dieselbe Sache dagegen unterschiedlich bezeichnet, kann höchstens von Kulturtransfer die Rede sein. Im Fall von Trachanas/Tarhonya haben wir Beides. Kulturtransfer war der Fall als die mittelalterlichen Ungarn den Trachanas höchstwahrscheinlich von oströmischen Soldaten adoptierten, worauf die Bedeutungsverschiebung folgte: Beibehalten wurde aus der ursprünglichen Bedeutung die Gestalt des Gebrösels, das Rezept wurde umgewandelt.

Ich sehe hinter der Beibehaltung des Terminus folgende Haltung der Sprecher des mittelalterlichen Ungarisch: Die Gestalt ist das Wesentliche (von mir aus das Wesentliche für dieses Gericht) der Originalteig aus Ziegenmilch sekundär.

Wenn es Leser dieser Zeilen gibt, die sich fragen, ob morphologische Eigenschaften als Teile des mereologischen Ganzen genommen werden können, dann kommt hier die Moral von der G’schicht’: Nicht nur können sie das, sondern sie können auch die essenziellen Teile sein!

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The sudden cold that covered much of Switzerland with snow in May, allowed me to have the original dish again: trachanas: wheat cooked in goat’s milk and dried and broken into bulgur size is a legendary historical fossil of Byzantine kitchen. Those familiar with Hungarian kitchen know the similarly looking and sounding tarhonya. Tarhonya is not trachanas. It is simply pasta in bulgur shape. But the name bears witness to a common origin.

When in different languages like here in Greek and in Hungarian, you have a similar name for something different, then it is a lexical loan and a semantic shift that you have – like when you compare the Greek pitta and the Italian pizza. When you have, in contrast, the same thing by different names, then you can have a cultural transfer. In the case of trachanas/tarhonya you have both phenomena: an original transfer when the medieval Hungarians adopted trachanas as it was used probably by Eastern Roman soldiers, followed by a semantic shift: they retained the form but replaced the recipe, which probably shows that they considered the form to be substantial, the dough as of secondary importance.

Just an idea for those who ask themselves if morphological properties can be considered to be parts of mereological wholes. Not only are they, but can also be essential parts of the whole.

Totgesagtes lebt länger #1

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Wer aus den Geisteswissenschaften kommt und Griechenland oder die Türkei besucht, merkt schnell, dass die Region voll mit Überbleibseln ist: Säulen von Vorgängerbauten, lexikalischen Fossilien und schließlich auch Elementen der antiken und byzantinischen Küche. Letztere habe ich recht spät wahrgenommen. Genau genommen habe ich erst durch die Lektüre von Andrew Dalbys Essen und Trinken im antiken Griechenland (übersetzt ins Deutsche von Kai Brodersen, eine Zeitlang unserem Präsidenten an der Erfurter Uni), später durch die Fortsetzung Tastes of Byzantium gelernt, die antike und mittelalterliche Küche in der heutigen nahöstlichen Küche zu erkennen. In letzterem Buch stellt Dalby die These auf, im 10. Jh. sei das Garum, die Sauce aus fermentierten Fischeingeweiden, im Westen vergessen worden, bis zum 16. Jh. sei es allerdings noch in Konstantinopel verkauft worden. Die Fortsetzung kenne ich von meiner Heimatinsel Euböa. Die Dorffrauen sagen dort “Garos” zur Feta-Salzlake, aus der sie einen Löffelvoll nehmen, um hier und da zu würzen. Das ist freilich ein nur lexikalisches Überbleibsel, da der alte Garos aus Fisch bestand. Die kulinarische mediterrane longue durée ging in Griechenland nach dem 16. Jh. offenbar zu Ende wie Dalby nahelegt. Übrig blieb eine Bedeutungsverschiebung.

Aber ist das Garum im Westen tatsächlich im 10. Jh. vergessen worden? Ausgerechnet aus dem norditalienischen Piedmont kommt Bagna cauda, die Fischsauce, die ich in einem Buch des legendären Antonio Carluccio fand – im Bild unten in einer den Kindern zuliebe abgewandelten Form.

Das Römische lebt vielerorts und unerahnt fort. Auch am Beispiel des Trachanas/Tarhana/Tarhonya kann man das sehen. Aber das ist das Thema für ein anderes Posting zu meinen alten winterlichen Gerichten.

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The unattractively coloured sauce is called bagna cauda. This is Piedmontese dialect and a surprise. The reasons:

If you’ve studied humanities, it’s Greece and Turkey where you find things reminiscent to the antiquity and the Middle Age: columns of a Hermes temple that stood there before the place was dedicated to St John, words you thought were new but in reality have survived the centuries, odours of ancient or medieval food coming out of people’s kitchens.

It lasted long until I learned to identify these last ones. It took me years of cooking and, the most important factor, finally reading Andrew Dalby’s Tastes of Byzantium. Here, Dalby claims that garum, the ancient Greek and Roman fish sauce made of fermented fish intestines, disappeared from west Mediterranean tables in the 10th century but in Constantinople remained in use until at least the 16th century. Now, as a child, I heard old Euboeans referring to the feta-cheese brine as “garos“. They used it is as garum alright, i.e. they seasoned every possible dish with it, but the fact is that the way from fish intestines to goat-cheese brine is one that you can’t fail to call a semantic shift.

Since recently though, I have had reasons to believe that the part of Dalby’s claim concerning the west Mediterranean is not accurate – at least not quite.

I found a recipe of the aforementioned and photographed bagna cauda in one of Antonio Carluccio’s books. For the sake of the kids I cooked it in a somehow finer version.

Roman kitchen survived longer than we think. This is also the case with trachanas/tarhana/tarhonya – and a topic of another posting about ancient and medieval winter dishes.

Polytechnites

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Lustig haben wir uns über ihn gemacht. Manche sagten, wir waren verwandt, aber das störte mich weniger, weil auf einer Insel jeder mit jedem verwandt ist.

Er hatte Aschenbecher mit all seinen Fertigkeiten ausdrucken lassen. Ein Logo prangte drauf und dann kam es:

Elektroinstallationen, Bewässerungstechnik, trockene Feigen, Bestattungen

Ich bin ihm im Endeffekt so ähnlich. Mein neuestes Buch, meine Habilarbeit, im Schnitt von Logikgeschichte, Ideengeschichte, Metaphysik kam vor ein paar Tagen raus.


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We were laughing at him. Some said he was my relative. I didn’t care because in an island you’re almost everyone’s relative.

He had ashtrays with his logo printed. And with every business he made ends meet with:

Electrical installations, irrigations, dried figs, funerals.

I’m so similar to him. My monograph to secure me the venia legendi, i.e. the right to professorial teaching in Central Europe, is at the interface of logic history, the History of Ideas and Metaphysics and was released few days ago.

Gagarin, seine Vorfahren und das Unwissen

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Jeden Morgen radle ich daran vorbei, am Sternenmenschen. Das stählerne Ungetüm selber ist nicht mein Geschmack, dafür die Inschrift: Sie ist multimedial insofern, als man sie nicht entziffern kann, es sei denn, man wechselt die Perspektive, versucht ein Stück hellen Hintergrund hinter die eingestanzten Buchstaben zu kriegen, um schließlich zu lesen, um was es da geht: Am zwölften April 1961 fuhr Jurij Aleksejewitsch Gagarin einmal ins Weltall und zurück.

Gagarin-Denkmäler begleiteten ständig meine Schritte in den ehemals sozialistischen Städten, wo ich teil meines Lebens verbrachte. Am Hallenser Sternenmenschen Ecke Vogelweide und Elsa-Brändström-Straße radle ich wie gesagt gegenwärtig jeden morgen vorbei. An der – sehr braven, unscheinbaren, langweiligen – Erfurter Gagarin Büste radelte ich bis Ende des Sommersemesters 2013 vorbei, während ich noch die Bude an der Dresdener Straße hatte. Jahrelang lebte mein Bruder  am Neubelgrader Bulevar Jurija Gagarina, wo er sich gegen meine urbanistischen Einwände bezüglich der Plattenbaustadt immun machen musste.

Daraus lernte ich: Auf unscheinbare Weise wurde Gagarin selten zelebriert. Normalerweise wurde er als ein sanguinischer, futuristischer Heros hingestellt.

Sanguinisch war auch der Humor von Gagarins – wenn man R.A. Klostermann glaubt, nicht nur – Namensvetter Iagaris, der Mitglied der byzantinischen Delegation auf dem Konzil von Ferrara/Florenz 1438-39 war. Ein Kardinal soll dem Bericht des Chronisten Silverster Syropoulos zu Folge die Kleriker der Ostkirche gefragt haben, was sie denn meinen, aus welchem Material würde Gott das Fegefeuer entstehen lassen. Die Frage klingt heute albern und sie klang in griechischen Ohren auch im 15. Jh. so, denn die Ostkirche war stets gegen die Fegefeuerlehre. Nichtsdestotrotz sollen die griechischen Kleriker nichts zu der Frage gesagt haben, wohl um ihre Gastgeber in Ferrara nicht zu brüskieren.

Und bloß einer der drei Iagaris-Brüder (Markos? Andronikos? Manuel?), allesamt keine Kleriker, soll, so Syropoulos jedenfalls, dem Fragesteller zugerufen haben: “Mit ein bisschen Geduld erfährst du das recht bald”.

Man kann natürlich nicht wissen, ob die adligen Konstantinopler Iagaris tatsächlich Vorfahren der adligen Russen unter dem Namen Gagarin waren, und ich halte auch die Frage für wenig bedeutsam. Jedenfalls werden die alten Iagaris als Sanguiniker hingestellt, denn verspielt ist der Humor des Sanguinikers. Den Sarkasmus würde ich dagegen cholerisch nennen, die Ironie melancholisch, die Wortspiele phlegmatisch.

Zurück zu Gagarin und sanguinischem Humor. Nach seinem Flug ins All vor 55 Jahren und ein paar Tagen wird Gagarin von Nikita  Chruschtschow, dem Ministerpräsidenten der UdSSR, gleichzeitig Generalsekretär der KPdSU, empfangen und befragt, ob er “da oben” Gott angetroffen hätte. Gagarin antwortet:

  • Ja, Genosse Nikita Sergejewitsch!
  • Das habe ich befürchtet Jurij! Ich befördere dich zum Oberst, aber ab sofort erzählst du allen, dass du Gott nicht gesehen hast.
  • Ich habe etwas Angst, dein Angebot anzunehmen, Genosse Generalsekretär. Schließlich ist es wahr, dass Gott existiert.
  • Halb so schlimm, Oberst Gagarin! Wenn du behauptest, Gott nicht gesehen zu haben, dann ist das kein Gegenbeispiel zur Behauptung “Gott existiert”. Vielleicht existiert er doch noch – bloß du hast ihn nicht gesehen. Du behauptest nur dein Unwissen!
  • Aber Genosse, ich verheimliche damit ein Gegenbeispiel zur Behauptung “Gott existiert nicht” und das ist viel schwerwiegender, als Unwissen zu behaupten. 

Ein paar Wochen später wird Gagarin vom Papst empfangen, der ihn dasselbe fragt. Aber nach der Unterredung mit Chruschtschow verneint Gagarin die Frage.

  • Für das Christenvolk wäre es aber so wohltuend, wenn du behaupten würdest, du hättest ihn gesehen, Jurij, mein Sohn. Ich weiß, so etwas wäre ein Gegenbeispiel zu eurer atheistischen Staatsdoktrin und gefährlich für dich. Ich würde viel Geld dafür geben. Leider habe ich nur eine Million Dollar, mein Kind.
  • Na ja, für eine Million kann ich wenigstens sagen, ich wüsste nicht, ob Gott existiert, weil ich ihn nicht gesehen habe. Das lässt noch offen, ob er existiert.
  • Aber das berichtest du ja bereits! Warum soll ich dir eine Million zustecken für etwas, was du sowieso sagst?
  • Das ist ein Schnäppchen, heiliger Vater! Der Genosse Chruschtschow zahlte mir das Zehnfache dafür.

Und die Moral von der G’schicht’?

Unwissen kann genauso teuer sein wie Wissen. Aber ist das nicht genau das, was Gagarins frecher Vorfahre angedeutet hat?
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The starman’s on my way every morning. Or should I say he stands in my way – in my way towards a nice beginning of the day. He’s monstrous, not my taste. But I’m fond of the inscription. From some point of view, it’s multi-media. Or rather from a plurality of points of view. In order to read it, you have to go to and fro in order to get a light-coloured surface as the background of the holes that form the letters. This can be the case for one word now, for the next word a few steps further. It’s not easy to read that it’s about the 12th of April 1961 and, after you read this you have to keep it in mind and to make some more steps and finally to read something about Yuri Gagarin, the first man in space.

I never failed to notice monuments of Gagarin whenever I’ve been spending some time in a former socialist city. This is, as I said, the case in Halle, at the corner between Vogelweide and Elsa Brändström Street. It was also the case in Erfurt until the end of the summer term 2013, when I had this place at the Dresdener Street. Every day I was riding my bike pass this too mainstream, too inconspicuous, too dull bust of Yuri Gagarin. And not to forget my brother’s flat in New Belgrade, at the Bulevar Jurija Gagarina where he learned how to be immune to my complains concerning the aesthetics of socialist urban planning.

Apparently, the Erfurt monument is an exception. The public presence of Gagarin was very rarely inconspicuous. They normally celebrated him as a sanguinic, futuristic hero.

Sanguinic was also the sense of humour of Gagarin’s ancestors – if we believe what R.A. Klostermann believes to be the case, that is – by almost the same name: Iagaris. In 1438-39 three members of this family, the noblemen Marc, Andronicus and Manuel, had been members of the Byzantine delegation at the Council of Ferrara/Florence. The chronist Silvester Syropoulos presents an episode in Ferrara between a cardinal and some member of the Iagaris clan who accompanied the Byzantine emperor: the cardinal asked about the Byzantines’ views about the material which God sets in fire to produce the purgatory. The question sounds silly today and it sounded silly in the ears of  the members of the Byzantine delegation back then. The Eastern Church disapproved the purgatory doctrine back then and the Orthodox Church still does today.

Nevertheless, the clerics of the East remained silent to avoid offending their western brothers. And only the unnamed member of the Iagaris clan, NB, no cleric, shouted: “With a little patience you’ll know the answer pretty soon”.

That the Iagaris clan from Constantinople were the ancestors of the Gagarins is only a conjecture and one that’s rather unimportant. At any rate, they were supposed to be as sanguinic as Yuri Alekseyevich. Sanguinic humour is playful. Sarcasm is rather for cholerics, irony for melancholics, and phlegmatics have the extraordinary ability to laugh when Charles Laughton refuses to move the muscles of his face.

Back to Gagarin and sanguinic humour: just after he returned to Earth, 55 years and a couple of days ago, Gagarin had to meet Khrushchev, the Soviet Union’s PM and the party’s Prime Secretary. Their dialogue:

  • Did you meet God up there, Yuri Alekseyevich?
  • As a matter of fact I did, Nikita Sergeyevich!
  • That’s bad news. I’ll give you the rank of a colonel if you maintain that you didn’t see Him.
  • Not that I’m not afraid, comrade Prime Secretary! After all God does exist!
  • I don’t think it’s dangerous Yuri. You’re not maintaining a counter-example to the statement “God exists”. You’re just maintaining your ignorance.
  • But I keep secret a counter-example to the statement “God doesn’t exist”. And this is much more than simply pretending ignorance.

Some days later, Gagarin meets the Pope who asks him the same question. Colonel  Gagarin replies:

  • I didn’t see God, your holiness.
  • What a pity, says the Pope. It would be a big relief to the Christians to know that He’s there. I’d pay much money to give them this joy. I know, it would be a counter-example to your atheist state doctrine and dangerous for you personally. Unfortunately, I’ve only one million dollars.
  • Let me see… For one million I can maintain without much risk that I didn’t see Him. This leaves room for Him to exist after all!
  • Son, why should I give you one million to maintain what you already maintain?
  • It’s a good deal and a good price, holy father! Comrade Khrushchev paid me ten times this amount for the same thing.

The lesson to learn from the story is that ignorance is sometimes as valuable as knowledge. But this is also what Gagarin’s sanguinic ancestor suggested.

Non in missa adversus philosophos

 

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Ruth, die Kinder und ich waren am gestrigen Orthodoxiesonntag nicht in der orthodoxen Kirche. Gott weiß, bin ich kein regelmäßiger Kirchenbesucher, aber diesmal hatte ich mehr Gründe als Bequemlichkeit.

Die Sache ist so: Die orthodoxe Kirche feiert am ersten Fastensonntag die Wiedereinführung der Ikonen im 9. Jh., aber auch ihre Ablehnung von verschiedenen philosophischen Lehren, die zwischen dem 11. und dem 14. Kh. im Umlauf waren.

Anathematisiert wurden gestern wie jedes Jahr an diesem Tag (ich beziehe mich dabei auf das Synodikon nach Guillards kritischer Ausgabe, Paris 1967)

Johannes Italos (11. Jh.), da er “die Realität der platonischen Ideen annahm”;

der Aristoteles-Kommentator Eustratios von Nizäa (11.-12. Jh.);

der Mathematiker und fideistischer Antithomist Barlaam von Seminara sowie Gregor Akindynos (14. Jh.), da sie meinten, eine Handlung könne zwar für Gott entweder eine wesentliche Eigenschaft oder Akzidens sein, aber da Gott keine Akzidenzien habe, dürfe nur Ersteres der Fall sein (die orthodoxe Theologie nimmt an, dass Gottes freie Handlungen weder zu Gottes Wesen gehören – wegen der Freiheit – noch seine Akzidenzien sein können);

die Thomas-Übersetzer Prochoros und Demetrios Kydones (14. Jh.).

An dem Tag sollen Philosophen, finde ich, der Messe fernbleiben. Mit der Familie in den Wald oder so. Es ist ja wie wenn die römisch-katholische Kirche die Pariser Verurteilungen von 1277 feiern würde. Nichts gegen den Palamismus der orthodoxen Kirche, aber Argumente werden mit Argumenten, nicht mit Anathemata bekämpft.

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Ruth, the kids and I didn’t go to the Orthodox church yesterday. God knows we attend Sunday services quite irregularly but yesterday there was a special reason for not attending. On the first Sunday of Great Lent the Orthodox Church celebrates the reintroduction of the icons in the 9th century. No issues there… And it also condemns several philosophical doctrines that were launched in Byzantium between the 11th and the 14th centuries. Big issues here…

And, yes, like in the last couple of centuries on this day, yesterday was the day (my reference is to the Synodikon in Guillard’s critical edition, Paris 1967) on which the anathema was proclaimed against

John Italos (11th c.) who “assumed the reality of Platonic ideas”;

Eustratios of Nicaea (11th-12th c. ) a commentator of Aristotle;

Barlaam of Seminara and Gregory Akindynos (14th c.) the former a fideist and an Antithomist and a mathematician, the latter a philosopher, both claiming that God’s actions are either essential or accidental properties of Him and therefore essential since God has no accidents (the Orthodox theology objected that free actions are not essential and cannot be accidents either since He has none);

Prochoros and Demetrios Kydones (14th c.), who translated Aquinas into Greek.

It’s not a church service for philosophers to attend. Go out for hiking, caving, sailing, anything… It’s as if the Roman-Catholic church had a mass to commemorate the condemnation of the year 1277!

I am sympathetic towards the Palamism of the Eastern Church, that’s not the point. But arguments against one’s viewpoint are to be refuted – in the best case, that is.

Refuted! Not anathematised!

5th World Congress on Universal Logic

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Die Philosophie der Logik lehrt unter anderem, was alle Logiken gemeinsam haben: Sie sind deduktiv abgeschlossene Satzmengen, die wir mit HIlfe von Axiomen und Schlussregeln konstruieren können. Das ist aber zu wenig. Es lässt z.B. auch völlig uninteressante und alberne Satzmengen als Logiken bezeichnen. Die universale Logik ist nicht nur eine Philosophie der Logik, sondern eine neue formale Teildisziplin, die Strukturen untersucht, welche verschiedenen Logiken gemeinsam sind.

Die universale Logik ist Jean-Yves Béziaus Kind. Und Jean-Yves bat mich, die Summer School und den 5. Weltkongress zur universalen Logik zu propagieren. Sie finden im dritten Drittel des Monats Juni in Istanbul statt. Seiner Aufforderung komme ich mit diesem Beitrag nach.

Jean-Yves mag es, sich in der Hagia Sophia zu präsentieren. Ich habe ihm, glaube ich, noch nicht gesagt, dass der einzige richtig kreative Logiker, der diese Kirche oft betrat, Johannes Italos im 11. Jh., zum Schluss ebendaselbst wegen seiner Philosophie zur Rechenschaft gezogen wurde – und glimpflich mit einer bloßen Amtsenthebung davonkam.

Hätte Johannes Italos seiner Zeit die Aussage vorgebracht, mit der sich Jean-Yves in seiner Webpräsenz schmückt, dann wäre er ganz schnell wieder der Liebling des Palastes und der Kaisertochter Anna Komnena gewesen, die ihn wegen seiner Vernunft rügte.

jean-yves beziau challenges Justinian

The most famous trial of a philosopher in Byzantium took place in the Hagia Sophia and condemned the philosophy of John Italos, the most creative logician in 10 centuries of Byzantine logic.Had John used in the trial the motto from Jean-Yves Béziau’s webpage, I doubt whether he would be condemned. I mean, Anna Komnena, the emperor’s daughter, thought that his reason was the only negative thing he had.

Unlike his colleague from the 11th century, Jean-Yves loves to stand in the Hagia Sophia. Now he also organizes the Summer School and the 5th World Congress on Universal Logic there. I mean, not directly in the Hagia Sophia – but in Istanbul.

The Universal Logic is a new discipline which investigates structures common in diverse logics. But it’s not philosophy of logic. What philosophy of logic teaches in this respect is not much: essentially the fact that a logic is a deductively closed set of sentences which we construct with the help of axioms and rules of inference. This, however, allows for uninteresting and silly sets of sentences to be called logics..

Since Universal Logic is his child, Jean-Yves wanted me to propagate his congress of the last third of June. And this is what I’m doing with this post.