Today’s category mistakes

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“Wie unverantwortlich! Es schneit!”

“Im Elsass sind die Farben abgeschafft worden”

“Der Schnee ist megaabsurd”

PS: Ich bin mir nicht so sicher, ob Marie Liebys “Είναι γελοίο” (griechisch für “Es ist lächerlich”) auf den Schnee angewandt ein Kategorienfehler ist. Jedenfalls verdanke ich ihr obiges Foto.

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“Irresponsibly enough, it’s snowing again”

“In Alsace colours are abolished”

“Snow is so absurd”

PS: I don’t know if Marie Lieby’s “Είναι γελοίο” (Greek for “It’s ridiculous”) is a category mistake if you refer to snow. I just want to say that the credit for the first picture goes to her.

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Mary revisited and reversed

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Weihnachten hat mit Grün und Rot zu tun und das ist ein Posting über diese Farben.

Zunächst eine kurze Einführung für Nichtphilosophen:

Mary, ein Genie der Neurobiologie, lebt seit den ersten Tagen ihres Lebens in einem dunklen Kerker im Halblicht. Optisch nimmt sie nur Graunuancen wahr. Ihr ist es zusätzlich gelungen, sich alles erdenkliche physiologische Wissen über Farbenwahrnehmung anzueignen. Würde sie etwas Neues über die Farben erfahren, wenn sie freigelassen würde und die Farben im Sonnenlicht sähe? Wenn ja, dann ist Farbenwahrnehmung nicht auf physikalistische Theorien reduzierbar, denn diese waren ihr bekannt, bevor sie die echten Farben als Qualia, als für sie erst mit ihrer Befreiung offenbarte, nicht auf Messdaten zurückführbare Beschaffenheiten entdeckte. Frank Jacksons berühmtes Gedankenexperiment soll zeigen, dass die Wahrnehmung sich nicht bei physikalistischen Beschreibungen erschöpft.

Als ich ein Kind war, hatten wir einen Schwarzweiß-Fernseher. Ich weiß noch, wie ärgerlich es war, wenn die Übertragung des Fußballspiels Athen gegen Piräus kurzerhand beschlossen war. Unsere in Grün gekleideten Athener Helden waren von der Schande des Sports in Rot nicht zu unterscheiden. Gegen Ende eines Spiels – ich muss 10 oder 11 gewesen sein – stellte ich fest, dass das Grün der Athener Trikots einen Tick dunkler auf dem Bildschirm zu sehen war als das Rot der anderen. Die letzten fünf Minuten des Spiels konnte ich leichter verfolgen. Hatte ich etwas Neues über die Farben Rot und Grün gelernt?

Wohl kaum. Aber wieso “wohl kaum”, wenn ich offensichtlich etwas über das Reproduzieren von Grün und Rot auf diesem Bildschirm gelernt habe? Nun ja, weil das damalige Fernsehgerät meiner Eltern offensichtlich keine natürlichen Bedingungen zur Beobachtung von Farben anbot.

Aber wer sagt, dass das Sonnenlicht solche Bedingungen anbietet?

Nein, ich denke nicht, dass es Qualia gibt. Was ich als Farbe sehe, ist Wissen über Sprache. Wenn wir, all diejenigen, die keine reduktionistischen Monisten sind, von den Qualia erwarten würden, unser Argument zu retten, wären wir selber schuld am Untergang desselben.

PS: Das Foto ist von einer Installation Haroon Mirzas.

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Christmas is mostly associated with the colours red and green. This is a posting on these colours.

A very short introduction for nonphilosophers first:

Mary, a neurobiology genius, is kept since the earliest days of her life as a prisoner in a dark cell where she can only perceive shades of grey. There, however, she has managed to acquire all available knowledge on colour perception. Now, would Mary learn something new once released to see how real red, green, yellow etc. looks like? If yes, then colour perception is not expressible in terms of our physical theories because Mary knows them all and learned something new nevertheless. If no, then colour perception can be fully described in terms of first level extensional predicates. This is the famous thought experiment by which Frank Jackson suggested that if Mary learned something new, reductionist monism (this is a  more fashionable name for “materialism”) doesn’t justify perceptions.

When I was a child we had a black-and-white TV set and I can remember myself watching a football match between Panathinaikos and Olympiakos. Our Athenian heroes had green shirts on, the punks from Piraeus red ones. Watching the game was difficult in cases you didn’t know whether the Athenian outer left crossed to our striker or to the opponents’ centre back. The grey tones were too similar to each other. It was only with careful examination that I realised that dark green is slightly darker than saturated red on a black-and-white TV set and it was only towards the end of the match that I had got familiar with distinguishing red from green as shades of grey.

Had I learned something new about colour perception? Probably not. I had only realised that the perception of a colour through an unnatural device is different from its perception through a natural device. There are unnatural devices of many kinds: coloured glasses, mirrors, TV sets. I believe, the only thing that makes you think that Mary would learn something new about, say, red once released, is the fact that you think sunlight is a natural setting for colour perception.

In a way, my perception was the reversed of Mary’s. A reversed Mary, one who never saw shades of grey and now sees black-and-white TV for the first time, learns to distinguish green from red as shades of grey but learns nothing about green or red.

I can’t see where the original Mary is different from this.

Of course, you can say that grey is objectively not red – consequently red is a quale. But if you use the word “objectively”, you start having difficulties to define colours as qualia.

As far as I can see, there are no qualia. Seeing colours is knowledge on language. Despite being an opponent of reductionism I will not miss qualia. If nonreductionism were to be rescued by qualia, the prospects of nonreductionism would be extremely bad anyway.

PS: The picture is from an installation by Haroon Mirza.

Die Farbe Weiß und die Weisheit

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Folgende Stelle aus dem Klagelied des gerösteten Schwans aus dem Codex Latinus Monacensis 4660, 53v-54r (d.h. Carmina Burana, Nr. 130) ist dem Publikum aus Carl Orffs Komposition bekannt:

Olim lacus colueram,             Einst bewohnte ich die Seen,

olim pulcher exsisteram,       einst war ich schön,

dum cygnus ego fueram.       als ich ein Schwan war.

Miser! Miser!                           Wie unglücklich bin ich

Modo niger                              jetzt, da ich schwarz

Et ustus fortiter!                       und stark geröstet wurde!

 

Eram nive candidior,               Heller war ich als der Schnee,

quavis ave formosior;               feiner als jedweder Vogel;

modo sum corvo nigrior.           nun bin ich dunkler als eine Krähe.

Lehtonen (Fortuna, Money and the Sublunear World, Helsinki 1995, p. 19) meint, dass das Klagelied des gerösteten Schwans eine Parodie darstellt. Aber eine Parodie von was? Das einzige, woran ich denken kann, ist ein Paradebeispiel der traditionellen Logik: “Alle Schwäne sind weiß”. Dieser als allgemeine Prämisse oft benutzte Satz hat eine interessante Vorgeschichte. In der Topik 120b39-40 schreibt Aristoteles, dass die weiße Farbe Schwänen zwar notwendig zukommt, dass die Schwäne allerdings nicht ihrem innersten Wesen nach weiß sind. In der Ersten Analytik 38a32, sagt Aristoteles, dass ein Schwan zwingend (“ex anankes”) weiß ist, während ein weißer Mensch dagegen nur kontingenterweise weiß ist (“endechetai einai leukon”). Aristoteles denkt hier wohl an “Aithiopes” und “Indoi”, Beispiele, die auch sonst im corpus Aristotelicum vorkommen, während er natürlich nie einen australischen schwarzen Schwan gesehen hatte. Ich denke, dass wir es hier mit zwei verschiedenen Notwendigkeitsbegriffen bei Aristoteles zu tun haben. Es gibt die Notwendigkeit, die wahren allgemeinen Urteilen zukommt, die Notwendigkeit von empirischen Fakten ohne Ausnahmen etwa, und eine, die in einer Definition berücksichtigt wird. Menschen sind weder nach dem ersten noch nach dem zweiten Sinn von Notwendigkeit weiß. Schwäne aber, so behauptet jedenfalls Aristoteles, seien im ersten, nicht allerdings im zweiten Sinne weiß.

Der mittelalterliche Autor des Klagelieds des gerösteten Schwans verstand allerdings Aristoteles anders – d.h. wenn es überhaupt stimmt, dass er eine Parodie zum Paradebeispiel der traditionellen Logik “Alle Schwäne sind weiß” schrieb, den er unzählige Male gehört haben muss, als er das Trivium studierte. Der Dichter versteht die Notwendigkeit im ersten und im zweiten Sinn als ein-und-dasselbe und zieht aus dem notwendigen Zukommen von weißer Farbe die Konsequenz, der Schwan müsste per definitionem weiß sein. Ergo, ein gerösteter Schwan ist kein Schwan mehr, sondern er war ein Schwan („cygnus fuerat“). Das erinnert an den Trugschluss, der heute als “No true Scotsman” bekannt ist: Schmecke einem kein Scotch, so sei man kein Schotte, sagt der eingefleischte schottische Patriot. Und wenn doch derjenige, dem kein Scotch schmeckt, Angus McManus heißt und in Edinburgh wohnt? Dann sei er kein echter Schotte. “Schotte” wird umdefiniert, damit sich die Äußerung des eingefleischten schottischen Patrioten stets bestätigt. Ähnlich soll gelten: Ist der Vogel schwarz, dann ist er kein Schwan – jedenfalls kein echter. “Alle Schotten lieben Scotch” und “Alle Schwäne sind weiß” werden als analytische Wahrheiten genommen – von Aristoteles, so jedenfalls unser Dichter.

Zusätzlich deutet der Dichter an, Aristoteles würde keinen lebendigen schwarzen Schwan brauchen, um Weiß nicht als notwendige Eigenschaft von Schwänen zu betrachten. Ein gerösteter Schwan hätte genügt.

An das Klagelied des Schwanes dachte ich letztlich, als ich das Wochenende nicht sehr weit weg von Benediktbeuren verbrachte, wo der Codex Buranus wiederentdeckt wurde. Es hat geschneit und geschneit und geschneit. Schnee ist weiß und Weiß ist keine notwendige Eigenschaft von Schnee. Das liegt nicht daran, dass Weiß eine Farbe ist. Rot kommt dem Purpurfarbstoff notwendig zu. Im Gegensatz dazu ist es nun mal eine Tatsache, dass es nichtweißen Schnee gibt

Gibt es ihn wirklich? Das Alltagsdeutsch geht von einer anderen Vorstellung aus, wenn es für den verdreckten Schnee von “Matsch”, nicht von “Schnee” spricht. Und doch spricht es von “gelbem Schnee”. Inkonsequent das Ganze, aber es scheint wenigstens im Deutschen zu gelten, dass schwarzer Schnee kein echter Schnee ist.

Das Klagelied des gerösteten Schwans ist, wie man sieht, sehr interessant für experimentalphilosophische Gedanken, insbesondere wenn es im Zusammenhang mit “No true Scotsman” interpretiert wird.

Stimmt es zudem, dass der Dichter des Klagelieds Aristoteles, wie ich meine, auf eine bestimmte Art verstanden hat, dann hat diese Art, Aristoteles zu verstehen, interessante metaphysische Implikationen. Wenn sich etwas nicht ändert, dann sind alle seine Eigenschaften notwendige Eigenschaften. Notwendige Eigenschaften kommen allerdings per definitionem zu, so jedenfalls wenn die Aristoteles-Interpretation des Dichters stimmt. Aber wenn der Perdurantismus Recht hat, hat eine mereochronologische “Scheibe” von mir unveränderte Eigenschaften, ja nur unveränderte Eigenschaften, die mir dann alle per definitionem zukommen.

Da aber laut thomistischer Theologie nur Gott das Wesen mit nur notwendigen Eigenschaften ist, das Wesen, das nur seine Essenz ist, muss der Perdurantismus falsch sein.

Ich habe keine mereochronologischen Scheiben. Vielleicht die Schneeflocken. Ich jedenfalls nicht.

Schnee

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The following citation from the Codex Latinus Monacensis 4660, 53v-54r (i.e. Carmina Burana, Nr. 130), belongs to the short list of the Carmina put in music by Carl Orff. My translation is rather free:

Olim lacus colueram,             Once upon a time I dwelt the lakes,

olim pulcher exsisteram,       once upon a time a handsome mate,

dum cygnus ego fueram.       at the time when I was a swan.

Miser! Miser!                           Alas, unlucky me!

Modo niger                              Now I am black

Et ustus fortiter!                       and strongly roasted!

 

Eram nive candidior,               I was brighter than snow,

quavis ave formosior;               nicer than any other bird;

modo sum corvo nigrior.           now I am darker than a raven.

Lehtonen (Fortuna, Money and the Sublunear World, Helsinki 1995, p. 19) understands the lament of the swan as an ironic parody. But a parody of what? The only thing I can think of is the very common example of traditional logic: “All swans are white”, often taken to be a general premise of a syllogism. The statement has a famous prehistory. In the Topics 120b39-40 Aristotle thought that whiteness, though a necessary quality of swans, does not belong to the essence of a swan. In Prior Analytics 38a32, Aristotle says that a swan is white necessarily (“ex anankes”), contrasting this to a human being who is contingently white (“endechetai einai leukon”), obviously with respect to the fact that there are human beings who are “Aithiopes” and “Indoi” – examples that occur here and there in the Aristotelian corpus. I believe that Aristotle has two different concepts of necessity in mind. The one is a concept of necessity that has the power of true general statements, the other is the necessity of the essential properties of an organism. For human beings it is neither in the first nor in the second sense necessary to be white. For swans, it is necessary to be white in the first sense, so Aristotle thought since he had never seen an Australian black swan, not however in the second.

The medieval author of the poem of the roasted swan, however, did not understand Aristotle in this manner – that is, if I’m correct to think that he is parodising the sentence “All swans are white” known to him from his time as a student of the trivium. The poet makes fun of Aristotle as insinuating that a roasted swan would not be a swan any more („cygnus fuerat“), in virtue of having lost its whiteness. An anti-Aristotelian joker, the poet uses an instance of the modern “No true Scotsman” fallacy: if you don’t like Scotch you’re not a true Scotsman even if your name is Angus McManus and you live in Edinburgh. And if the bird is black, it’s not a true swan. In other words he understands Aristotle to say that not only it’s necessary for a swan to be white but it’s also essential to it. He understands Aristotle as employing the “No true Scotsman” fallacy and as saying in effect that “All swans are white” is analytically true – anachronistically speaking.

Of course, Aristotle didn’t have to see a living nonwhite swan to be persuaded that whiteness is not a necessary property of swans. A roasted swan would be enough for this. And this is, I think, a further innuendo of the poem.

I thought about this old story since I spent the weekend in Bavaria, not far from the Benediktbeuren Abbey where the Codex Buranus was rediscovered, and it was snowing and snowing and snowing all these days. Snow is white and white is not essential to snow – or so I think. I mean, red is essential to red nail polish. But white is not essential to swans or snow.

However, colloquial German tends to use the word “Matsch” (≈ mud) for stained or tainted snow instead of the standard term “Schnee”. It does use the equivalent of “yellow snow” though when it’s about the spot where a dog urinated on the snow. Not very consistent but it does entail that black snow is not snow.

But apart of being interesting as a starting point for experimental philosophy vis-à-vis the “No true Scotsman” fallacy, the poem has interesting metaphysical implications also. During the time something doesn’t change, if perdurantism is true and every mereochronological slice of this something is an entity, all the properties of this entity are necessary. And if the poet’s joke is more than only a joke, every necessary property is essential to its bearer. But according to scholastic theology, it’s God who has only essential properties.

Which means that either this cannot be an accurate definition of God or perdurantism is false.