Ad quandam narrationem pictam commentarius sub titulo: Theologia oeconomiae artis annis Dei 1316 et 2016 (germanice et anglice)

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Das Szenario vorab: von George Soros angetrieben erreicht Yanis Varoufakis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Frankfurt am Main auf seinem Motorrad, um Mario Draghi nach Rom zu Disputationen über das thomistische Zinsverständnis zu verbannen, um in der EZB-Zentrale einen noch von der  Silvesterparty nicht voll einsatzfähigen Wolfgang Schäuble zu erpressen, schließlich um neuer EZB-Chef zu werden. In keynesianischer Allmacht wähnend lässt anschließend Yanis Geld, Geld und noch mehr Geld drucken, um es den Bürgern zu verteilen. Bloß mit der Korruption wird er nicht fertig, die zum Schluss das Projekt der Erhöhung der Staatsausgaben in eine große Party für die Superreichen verwandelt. Yanis tritt ab und zum zweiten Mal im Jahr 2016 wechselt die EZB ihren Kurs fundamental: diesmal vom byzantinischen Hesychasmus, der vorsieht, der Staat liefere und der Bürger bleibe apathisch, zum tibetischen Hesychasmus: der Bürger liefere, der Staat bleibe apathisch. Denn nach Yanis wird der Dalai Lama neuer EZB-Chef. Yanis findet dagegen Erleuchtung in einem buddhistischen Kloster.

So die Prognose der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fürs Jahr 2016 im Comic „Der Putsch“.

Jetzt im Ernst:

Für die Zinstheologie des Thomas von Aquin soll nicht Mario Draghi beraten, sondern meine Habilitationsschrift gelesen werden, die im Jahr 2016 bei Peter Lang herauskommt. Dort stelle ich unter vielen anderen Sachen einen Vergleich zwischen Sünden- und Zinsverständnis in lateinischen und griechischen mittelalterlichen Quellen her. Ich komme zu dem Schluss – aber zuerst, bitte, das Argument und meine Belege lesen! – dass das ostchristliche Verständnis von Gottes Allmacht es zuließ, dass letzterer Sünden wie Zinsen ohne Weiteres erlassen kann. Das westchristliche Verständnis von Allmacht ließ allerdings keinen Gott zu, der sich über seine eigenen Spielregeln hinwegsetzen kann, um Forderungen im Sinne von Buße oder Rückzahlungen zunichte zu machen, um Neuwerte per fiat zu erschaffen, um Geld zu drucken…

Da sich die Geister östlich und westlich der Adria nach wie vor über die Grenzen von „Allmacht“ scheiden, wird das Europa des Jahres 2016 – im Sinn der politischen Theologie jedenfalls – dem Europa des Jahres 1316 ähneln, als der griechische Gegenpart des Thomas von Aquin und großer Verfechter einer ruhig sich selbst aufhebenden Allmacht Gottes, Gregor Palamas, Erleuchtung in einem Kloster fand.

FAS Dez 2015

Enough with scrolling

The plot: George Soros persuades Yanis Varoufakis to jump on his bike and ride like a lightning all the way from Athens to Frankfurt where he blackmails Wolfgang Schäuble who looks wasted in the aftermath of a new year’s party, to expell Mario Draghi from the ECB. Draghi goes to Rome where he disputes with pope Francis and ex-pope Benedict on the Thomistic understanding of interest rates and Yanis succeeds him in the ECB to print money, money and more money to be distributed to the pure. However, Yanis underestimates corruption, which turns high public spending into a big party for the rich. Yanis resigns and the course of the ECB is changed for a second time in 2016 from Byzantine hesychasm (delivering state, citizens in apathy) to Tibetan hesychasm: delivering citizens, state in apathy. The Dalai Lama succeeds Yanis as the new head of the ECB and Yanis seeks illumination in a Buddhist monastery.

This is what the German weekly Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung predicts for 2016 in the Comic „Der Putsch“ (The Coup).

Reading „Der Putsch“ is great fun and it contains some insights into political theology. Of course, if you want to have a reliable source pertaining to Aquinas’s understanding of interest rates, you’ll not have to ask Draghi in 2016. You’ll be able to read my second monograph (i.e. Habilitationsschrift) that will be published in 2016 instead. Among other things, I compare there the understanding of sinning and generally „paying debts“ in Latin and Greek medieval sources. Whereas Christians in the East thought that God’s omnipotence can create values, devaluate valuables or cancel debts without restrictions, the West thought that God cannot cancel His own rules to make the poor rich or to relief debts. You have to read my argument and the documents first, of course, but this is the conclusion of the corresponding chapter in outline.

The Adriatic still divides two very different ways to understand power and this is why I think that 2016, at least as much as political theology is concerned, will resemble the year 1316: the year in which Gregory Palamas, Aquinas’s Byzantine rival, sought illumination in a monastery.

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Nasreddin Endoxodja

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Hier und hier und hier habe ich meine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass die Geschichten des Nasreddin Hodscha von einer mittelalterlichen turksprachigen Logiktradition zeugen. Oft sind Tricks mit endoxa – plausiblen Meinungen, die in Ermangelung von ersten Prinzipien als Prämissen von Argumenten gelten können – die Pointe von ein paar eher gesellschaftskritischen Geschichten Nasreddins.

Der mobile Backofen ist eine solche Geschichte: Nasreddin baute einen Holzofen in seinem Garten, als ein Passant seine Verwunderung darüber ausdrückte, dass die Öffnung gegen Osten war. „Die Nachmittagssonne wird dich blenden, wenn du am Ofen bäckst“.

Nasreddin erschien das überzeugend. Er riss also den Ofen nieder und fing aufs Neue an, als der nächste Passant zu ihm rief: „Bist du von Sinnen, die Öffnung nach Norden zu bauen? Der kalte Nordwind im Rücken wird dir gerade bei der Hitze an Brust und Gesicht unglaublich unangenehm“. Also baute Nasreddin zum dritten Mal den Ofen auf, als dem nächsten Passanten die Öffnung nach Westen nicht gefiel. Habe denn Nasreddin nicht daran gedacht, dass die Morgenbrote just zur Zeit aus dem Ofen kommen, wenn die blendende Sonne aufgeht?

Nasreddin blieb nur eines übrig: Die Öffnung nach Süden zu bauen. Das tat er auch, als der nächste Passant ihn darauf aufmerksam machte, dass der Nordwind den Rauch ins Haus wehen wird.

Also fing Nasreddin zum fünften Mal an, den Ofen zu bauen – auf seiner Schubkarre…

Einander bekämpfende endoxa thematisiert Aristoteles in den Sophistischen Widerlegungen 183 b 1-6. Er sieht die Lösung in der Entscheidung für das endoxotaton unter den endoxa, d.h. für die plausibelste unter den plausiblen Meinungen. Selbst Aristoteles hatte aber keine feste Meinung über die plausiblen Meinungen. In der Topik 159 b 4-6 scheint er anzunehmen, dass die Negation eines endoxon (einer plausiblen Meinung) ein adoxon (eine unplausible Meinung) sein muss. Nasreddin entscheidet sich (fast hätte ich hier „deshalb“ geschrieben), die Lehre, die den Umgang mit endoxa behandelt, die Dialektik also, ad absurdum zu führen.

Einen Sonderfall bilden unerschütterliche Topoi. Das schildert die Geschichte des versteckten Esels:

Ein Nachbar bittet Nasreddin darum, ihm seinen Esel zu leihen. Da Nasreddin seinen Esel nicht leihen will, gibt er an, er hätte seinen Esel bereits geliehen, als der Esel im ungünstigsten Moment aus dem Stall zu schreien anfängt. Den erbosten Nachbarn versucht Nasreddin mit der Frage umzustimmen: „Glaubst du meinem Esel oder mir?“ Der Umstand, dass „Eselsgeschrei aus dem Stall, also Esel im Stall“ ein unerschütterlicher Topos ist, macht jede Überlegung über die Glaubwürdigkeit des Behauptenden obsolet. Im dargelegten Fall wird der Nachbar keine Schwierigkeiten damit gehabt haben, die Negation des Topos als ein adoxon zu erkennen.

Plaristotleddin

Here and here and here, I’ve expressed my thought that the Nasreddin-Hodja stories are witnesses to a turkic medieval tradition of logic. Tricks with endoxa – plausible opinions which can be useful as premises of arguments if no first principles are available – are the point of a couple of Nasreddin stories that pertain to social criticism.

The mobile oven is a story of this kind: Nasreddin built a wood-fired oven in his yard to be criticized by a passer-by that the oven’s frontside being towards the east he would be blinded every afternoon by the setting sun.

The argument persuaded Nasreddin. He destroyed the oven and constructed another one whose frontside looked to the north. The next passer-by wondered how Nasreddin failed to realize that everyone who would work at the oven in the winter, would feel the cold from the northwind on her back in an exceptionally unpleasant manner because of the heat on her face. There was an argument also against the new oven whose frontside was to the west. Baking bread rolls on a holiday morning would be a torture at sunrise.

Only one option remained: an oven with a frontside to the south – and Nasreddin took it. But of course – the next passer-by was quite sure about it – the northwind would carry the smoke into the house.

Subsequently, Nasreddin started his fifth attempt to construct his oven – this time on his wheelbarrow…

Conflicting endoxa are an issue already since Aristotle. In the Sophistical Refutations 183 b 1-6 Aristotle saw a solution in deciding for the endoxotaton among the endoxa, i.e. for the most plausible opinion among the plausible opinions. But he doesn’t appear to be quite certain about his solution since in the Topics 159 b 4-6 he maintains that the negation of an endoxon is an adoxon – viz. unacceptable. Nasreddin’s way out of the riddle is to lead ad absurdum the whole dialectic, the doctrine supposed to teach us how to deal with endoxa.

Topoi form a special case as one can see in the story of the hidden donkey:

A neighbour asks Nasreddin to lend him his donkey. Nasreddin prefers to lie to him: „I’m terribly sorry, dear friend, my brother-in-law has borrowed the donkey“. In this moment the donkey that was all the time in the stable a few feet away, starts to bray, the neighbour gets angry over Nasreddin’s lie, and Nasreddin protests: „You’d rather believe my donkey than me?“ Of course, since „If a donkey brays in the stable then a donkey’s in the stable“ is a topos, every thought on Nasreddin’s reliability compared to the donkey ’s is obsolete. In this case, the neighbour shouldn’t have any problems to realize that the negation of a topos is an adoxon.

Tetralemma

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Das Tetralemma (griechisch für „vierfache Annahme“) ist eine Position, die in der buddhistischen Logik ihren Ursprung hat. Sie sieht vor, dass eine Aussage wahr oder falsch oder wahr-und-falsch oder weder-wahr-noch-falsch ist. Welch eine logische Häresie!

Lauter nichtklassische Logiker, die ich schätze, haben eher spät in ihrer Karriere angefangen, über das Tetralemma zu reflektieren: Ulrich Blau, Matthias Varga von Kibéd und Graham Priest.

Solche Fälle steigern meine Lust, mein Projekt über nichtmonotones Denken bei der Revision von religiösen Überzeugungen doch noch auszuführen, allerdings mit konvertierten Logikern als Testgruppe! Statt lange Fragebögen zu verfassen, die mittelbar auf die Nichtmonotonität ihres Denkens bei ihrer Konversion zugunsten der buddhistischen Logik schließen lassen, kann man Logikern eine einzige Frage stellen: „War Ihre Konversion das Resultat nichtmonotonen Denkens?“ – Ja/Nein. Da die Logiker wissen, um was es dabei geht, hätte ich kaum was zu tun.

Aber was mache ich, wenn sie anfangen mit „ja-und-nein“ und „weder-ja-noch-nein“ zu antworten?

nagarjuna

The tetralemma (Greek for „four-fold assumption“) is a position which originates from Buddhist logic and consists in assigning a statement the value true, or the value false, or the value true-and-false or the value neither-true-nor-false. What a logical heresy!

Nonclassical logicians of great reputation, among them Ulrich Blau, Matthias Varga von Kibéd und Graham Priest, started to reflect on the tetralemma at a rather late stage in their career.

Such cases make me think again whether I would like to carry out my project on nonmonotonic reasoning in the revision of religious beliefs after all. This time I would take logicians as my test group – logicians who converted to Buddhist logic for example. Instead of preparing long questionnaires in order to find out if they converted on the basis of nonmonotonic reasoning, I only need to ask logicians one single question: „Did you convert by using nonmonotonic reasoning?“ – Yes /No. Since they know what this is all about, my job would be much easier.

But what would I do if they would start to answer: „yes-and-no“ and „neither-yes-nor-no“?

It takes two

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Ob man Trost in der Philosophie findet oder nicht, ist wohl nicht von einem allein abhängig. Erstens muss die Philosophie eine trostspendende sein und zweitens muss einem der Trost, den sie spendet, nicht albern vorkommen – vgl. dazu das Poster unten, das mich letztes Mal im Prenzlauer Berg stutzig machte.

Aber selbst reflektierter philosophischer Trost ist schwach; viel schwächer jedenfalls als Trost, der in einer Beziehung mit einer wirklichen Person ausgesprochen wird.

Sowieso…

Universum

When it’s about finding consolation in philosophy, it definitely takes two: the philosophy and yourself. If the consolation is silly like the one which the poster of my picture propagates somewhere in Berlin:

The universe loves and helps you

the only way to find consolation is by being silly yourself. Or to find another philosophy which consoles minds which are not silly. But I claim that even this philosophy will not contain words as consoling as the ones which are spoken in a relationship with a real person – instead, say, of a relationship with the whole universe.

Red operators

Womackas am Strand

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Die Logik-Literatur in der DDR lässt mich an ein Wahrzeichen der DDR-Kulturproduktion denken: an Walter Womackas bekanntes Bild „Am Strand“. Die DDR-Logiker waren über die Entwicklungen im Westen gut informierte, scharfe Denker. Gleichzeitig waren sie auch auf etwas anderes scharf: auf die sehr selbstbewusste sowjetische Philosophie.

Man mag wie Lothar Kreiser (Logik und Logiker in der DDR: Eine Wissenschaft im Aufbruch, Leipziger Universitätsverlag, 2009) im nachhinein ideologiefreie Momente der DDR-Logik herausstreichen, oder wie Horst Wessel („Horst Wessel, der Logiker“ wie wir frech in unseren Studentenjahren sagten – den blöden Witz verstehen wohl jüngere Menschen, Gott sei Dank, nicht mehr) sich seiner Zusammenarbeit mit dem wichtigsten Dissidenten unter den sowjetischen Logikern, Alexander Alexandrowitsch Sinowjew, rühmen.

Tatsache bleibt aber, dass das epistemologische Grundmotiv der DDR-Logik durch die Sowjetphilosophie vorgegeben war. Mit dem „epistemologischen Grundmotiv“ meine ich diesen nichtklassischen Logizismus realsozialistischer Machart, wonach die Logik die historisch herausgebildeten Gesetze des Denkens beschreibe, für die aber die klassische Logik zu kurz käme (in diesem Punkt gelegentlich unter Verweis auf Hilbert oder Quine). Bereits bei Georg Klaus († 1974) ist diese Tendenz zu spüren – wobei gerade Klaus (Moderne Logik, Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1972 (6. Aufl.), 81) gegen die Naivität der Sowjetphilosophie giftete, alles bei Hilbert als Ausdrucksweisen seines Idealismus abzutun. Verliebt in die selbstherrliche und naive Partnerin blieben allerdings die DDR-Logiker bis zum Schluss.

Am 7. Oktober war der „Tag der Republik“ der DDR – der Geburtstag einer Toten sozusagen. An die Zeit vor ihrem Tod erinnern mich ein paar Bücher mit vergilbten Seiten, die ich als etwa Zwanzigjähriger für sehr billiges Geld erstand – bezeichnenderweise in der Athener Buchandlung, die von der griechischen Kommunistischen Partei betrieben wurde.

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East German logic during the times of the GDR reminds me of a „trade mark“ of East German cultural heritage: the well-known 1962-painting of Walter Womacka „On the Beach“. The East Germans were very well informed on the developments of their discipline in the West and keen logicians. At the same time they were keen in devotion to Soviet philosophy who was the dominant part of the partnership. This is what I say…

There are arguments against my claim. Lothar Kreiser (Logik und Logiker in der DDR: Eine Wissenschaft im Aufbruch, Leipziger Universitätsverlag, 2009) attempted to highlight elements of East German logic which were free of ideological indoctrination. And Horst Wessel (not to be confused with a criminal by the same name who was murdered already in 1930) had the honour of being a very close collaborator of the most important dissident among Soviet logicians, Alexander Alexandrowitsch Sinowjew.

However, the main epistemological assumption of East German logic was dictated by Soviet philosophy. With this, I mean a behind-the-iron-curtain non-classical logicism. A logicism which considered logic to explore and describe the historically emerging laws of thinking, for which however classical logic does not suffice – at least this was the assumption. Sometimes this point was accompanied by polemic passages against Hilbert or Quine. This line of thinking was already launched by Georg Klaus († 1974). In order to do justice to Klaus, I should add that he considered the rejection of Hilbert’s – allegedly „idealistic“ – conception of implication (Klaus, G, Moderne Logik, Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1972 (6th edition), p. 81) a naive tendency in Soviet philosophy. Notwithstanding her naiveté, East German logicians remained in love with Soviet philosophy until the end.

The national holiday of the GDR was on October 7th – a birthday of something which is already dead. I remember myself searching for bibliography from this alien falling star in a bookstore in Athens owned by the Communist Party of Greece – a fainting memory whose witnesses are some old books.

Dionysius Areopagita und Mereologie

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Die Orthodoxen Kirchen, die den gregorianischen Kalender benutzen, feierten heute Dionysius Areopagita. Die geehrte Person soll Richter im Athen des 1. Jh. gewesen sein, ferner einer der wenigen Zuhörer von Paulus‘ Predigt auf dem Areopag, der sich zum Christentum bekehren ließ, erster Athener Bischof UND Autor einer Reihe von Werken über negative Theologie.

Dabei ist seit der Renaissance bekannt, dass der anonyme (eher „pseudonyme“) Autor dieser Werke ein Proklos-Schüler war, der im 5.-6. Jh. lebte. Trotzdem lassen die orthodoxen Heiligenviten den Bischof des 1. Jh. immer noch mit dem Autor verschmelzen, der vier Jahrhunderte später lebte.

Das ist verständlich. Pseudo-Dionysius war ein sehr einflussreicher Autor – eine Art spätantiker L.E.J. Brouwer, der dachte, dass die Angabe dessen, was ein Ding nicht sei, nicht nach sich ziehe, was dieses sei. Wie die Intuitionisten glauben, dass die Definition  ‚X = der größte Primzahlzwilling und wenn es den nicht gibt 1‘ weder eine ganze Zahl definiert noch es verfehlt, eine zu definieren, so dachte Pseudo-Dionysius, dass Gott das Sein weder zu- noch abzusprechen ist.

Offensichtlich wäre Dionysius ohne das Schrifttum von Pseudo-Dionysius eine viel langweiligere Person. Deshalb wird am 3. Oktober die mereologische Summe beider Personen gefeiert. Religion kann eigenartig sein…

Das heutige Foto ist ein etwas ungewöhnlicher Blick auf den Areopag, den Athener Felsen, wo Dionysius seine Karriere begann, fotografiert von mir vor ein paar Wochen.

Zum 3. Oktober wollte ich ursprünglich etwas über das Fach Logik in der DDR schreiben. Aber vielleicht passt so ein Eintrag besser zum 7. Oktober, dem „Tag der Republik“…

Areopag2

The Orthodox churches in which the Gregorian calendar is in use commemorated today Dionysius the Areopagite. The commemorated person is supposed to have been a judge in the 1st-century Athens, one of the very few attendants of Paul’s Areopagus sermon who converted to christianity, the first bishop of Athens AND the author of a series of works whose most distinctive topic is negative theology.

As is well established since early modern times, the author of the works was a disciple of Proclus who lived in the 5th and 6th century. However, the orthodox biographies of Dionysius even today make the 1st-century bishop „merge“ with the Neoplatonic Christian author four centuries later.

Pseudo-Dionysius was a very influential author, a kind of late ancient L.E.J. Brouwer. One who thought that saying what something is not, does not tell us what it is. Like the intuitionists believe that the definition ‚X = the greatest prime number belonging to a pair of twin prime numbers and if this does not exist 1‘ neither defines nor fails to define an integer, Pseudo-Dionysius thought that being is neither assigned to God nor fails to be assigned to Him.

Obviously, a Dionysius without the writings of Pseudo-Dionysius would be a much more boring person. What is commemorated on October 3rd is the mereological sum of two persons. Religion can be strange…

Today’s picture is a rather unusual view on the Athenian rock of Areopagus, where Dionysius began his career, as seen by me a couple of weeks ago.

I initially thought of writing something on logic in the GDR for today – the Day of German Unity. But perhaps this would be a better topic for October 7th, the GDR national holiday instead.

Athens and Samarkand

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Der Gegensatz zwischen Athen und Jerusalem, der Philosophie und dem Glauben, ist seit Tertullian ein Topos der religiösen Literatur. Der Gegensatz zwischen Athen und Samarkand könnte ein Topos der politischen Literatur sein, aber um einen solchen geht es mir hier nicht. Vielmehr liegt es mir daran, auf ein philosophisches Rätsel aus Samarkand hinzuweisen, das gewöhnlich mit dem antiken Griechenland verbunden wird. Ich finde die Samarkand-Version sehr lehrreich und gewissermaßen vorteilhaft.

Nasreddin Hodscha, dem legendären Gelehrten und Witzbold des Ostens soll zu Ohren gekommen sein, dass Tamerlan einen Galgen an einem der Tore Samarkands aufgestellt und befohlen hat, an diesem Galgen sollen nur und alle Lügner gehängt werden. Prompt begibt sich Nasreddin zum besagten Tor bzw. Galgen. Auf die Frage der Wache, was er denn dort suche, antwortet er: „Ich bin gekommen, um gehängt zu werden“. Ein Wächter erwidert befremdet: „Du lügst“.

Wenn Nasreddin lügt, dann muss er gehängt werden. Aber dann ist er tatsächlich gekommen, um gehängt zu werden, was heißt, dass er nicht lügt. Aber wenn er nicht lügt, wird er nicht gehängt. Also lügt er – usw. usf.

Mir erscheint dieses Paradox eine gute Antwort an diese Leute, meistens Mathematiker, die meinen, dass die semantischen Paradoxien einfach Widersprüche sind. Offensichtlich aber kommt im Austausch zwischen Nasreddin und der Wache kein Widerspruch vor.

In Samarkand hatte man also zu und nach Tamerlans Zeit eine Ahnung von Logik, deren Überlieferung immer noch lehrreich ist. Und in Athen gab es Moscheen, deren Überreste man heute noch fotografieren kann.

Athens Mosque

The opposition between Athens and Jerusalem, Philosophy and faith, has been a very usual topic of religious letters since Tertullian. An opposition between Athens and Samarkand could be a topic in politics but I am not raising this now. I rather intend to draw attention to a philosophical puzzle from Samarkand, one which, however, is much more usually associated with ancient Greece. I think that the version from Samarkand is useful and has some advantages.

The story says that Nasreddin Hodja, the wise and funny protagonist of many oriental stories, heard that Tamerlane ordered that only and all liars should die at the gallows standing at a certain gate of Samarkand. Nasreddin went there to be asked by the guard what was his reason for being there. Nasreddin’s answer was: „I came to be hanged“. The guard assumed: „You are lying“.

If Nasreddin lies, then he must be hanged. But then he really came to be hanged. In this case he does not lie. But if he does not lie, he is not there to be hanged. But then he did lie to the guard after all and has to be hanged – etc. etc.

This paradox is, I think, a good counter-argument to all these logicians, mostly mathematicians, who think that the semantic paradoxes are contradictions. However, no contradiction occurs in the discussion between Nasreddin and the guard.

In Tamerlane’s time and afterwards there was in Samarkand some logic scholarship whose tradition can still be useful. At about the same time in Athens mosques started to be built whose remainings can still be photographed today.