Kant und Corona

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Es gibt Errungenschaften, deren nur in runden Jubiläen gedacht wird. Es gibt auch solche, die ständig gefeiert werden können. Vor 235 Jahren und 9 Monaten erschien Kants (AA VIII, 33 ff.) Begriffsklärung der Aufklärung.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Der Ausgang einer aufgeklärten Gesellschaft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit hängt mit Mühe zusammen, denn

[h]abe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. (Kant, AA VIII, 35)

Einer breiten Öffentlichkeit ist es mittlerweile bewusst, dass es für jedes Buch andere Bücher gibt, wo etwas anderes steht; auch dass der Seelsorger keine unanfechtbare Autorität der angewandten Ethik ist. Mit anderen Worten weiß der durchschnittliche Europäer, sich in Sachen Ethik und Politik seines Verstandes zu bedienen.

Aber es ist ihm in der Regel nicht klar, warum die Ärzte ihm etwas vorschreiben. Es ist ihm auch nicht bekannt, dass die Bekämpfung einer Epidemie auf statistische Daten abzielt, nicht etwa Individuen im Blick hat. Mit Maßnahmen gegen die Verbreitung des neuen Corona-Virus wollen die Politik und die Ärzte die Allgemeinheit etwas tun lassen, wovon diese sehr wenig versteht. Wären wir in Sachen öffentliches Wohl so aufgeklärt gewesen, wie etwa in Sachen Religion, Ökologie und Waffenexporte, so wäre manch ein Missverständnis in der Corona-Krise vermieden worden.

Schulmedizinisch aufgeklärten Bürgern braucht z.B. nicht gesagt zu werden, wie andere in der Umgebung weniger gefährdet warden. Nicht Aufgeklärten erscheinen die Maßnahmen dagegen zusammenhanglos. Wer so wenig von der Sache versteht oder so ein Formalist ist, dass er um 7 in der Früh menschenseelenallein im Auditorium eine Maske trägt, belächelt nicht nur sich selbst, sondern hadert irgendwann gegen die Politiker.

Ja, es stimmt, dass ein Kantianer moralische Maximen aus Pflicht allein umsetzt. Aber Kantianer sind auch bemüht, mehr über die Legitimation und die Aufrichtigkeit der Maxime zu wissen.

Die Aufklärung hat uns säkularisiert; sie hat uns zu Kriegsgegnern und zu kritischen Lesern gemacht. Jetzt legt sie uns nahe, den Pschyrembel zu kaufen. Erstens ist das nicht schwierig, zweitens hilft es, echten Corona-Populismus von begründeter Rücksicht zu unterscheiden.

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Some achievements in the history of mankind are celebrated every century. Others are constantly present. 235 years and 9 months ago, Kant (“An answer to the question: What is enlightenment?”. In Mary J. Gregor (ed.). Practical Philosophy, The Cambridge Edition of the Works of Immanuel Kant. Cambridge University Press, 1999. pp. 11-12) defined enlightenment as:

…man’s leaving his self-caused immaturity. Immaturity is the incapacity to use one’s intelligence without the guidance of another. Such immaturity is self-caused if it is not caused by lack of intelligence, but by lack of determination and courage to use one’s intelligence without being guided by another. 

This is not without pains since, as Kant continues, having a book which contains the whole truth, a priest to represent your own conscience, a medical doctor to judge your habits (my italics; eating or non-eating habits: I conceive the word “diet” broadly, according to its original Greek usage), there is less labour.

The popularisation of science and the project of educating audacious citizens has made progress since then. Most Europeans know today that there are many books which are very likely to contain parts of the unique truth. Books to read, parties to vote, churches to visit, decisions to make which can all be granted by some sort of moral reasoning.

It is more difficult to have citizens who know, though, why the doctor insists them to do certain things. Citizens who understand why the notion of reducing some statistics in the context of an epidemic does not exclude all risks but simply reduces some; people of such a deep formalistic attitude that would make them feel obliged to wear a mask when alone in the auditorium at 7 am if public health regulations prescribe masks in the auditorium – such folks would eventually make fun of themselves and at the end condemn the regulations. An informed citizen doesn’t need to be told how not to endanger her fellow citizen’s life. A citizen without a considerable knowledge of mainstream medicine would be doomed to follow the rules ignoring their point and, eventually, neglect them as pointless.

I know: Kantians perform in the moral realm out of duty. But Kantians are also informed about the rationale behind the duty.

After Kant (and Voltaire and d’Alembert, and Rousseau…) the West has learned to get informed and to read critically. Now we must also buy Stedman’s Medical Dictionary. This is not difficult and it will teach one to tell populism from genuine care.

A small town in Germany

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John le Carrés Roman unter dem eher hämischen Titel, der auch meine heutige Überschrift ist, bezog sich auf Bonn, die damalige Bundeshauptstadt. Karlsruhe, der Sitz des Bundesverfassungsgerichts, hat ungefähr die Einwohnerzahl von Bonn – insofern…

Professor Peter Baduras Position, dass das Bundesverfassungsgericht die unsichtbare Linie zwischen Verfassungsschutz und nichtlegitimiertem Eingriff in das politische Geschäft überschreitet, dies gar für oppositionelle Zwecke lenkt, ist politisch einem Konservatismus zuzuordnen, in dem sich normalerweise eingebürgerte Neudeutsche wie der Verfasser dieser Zeilen nicht zurechtfinden. Wie zu oft aber fungierte nun das Bundesverfassungsgericht durch sein Urteil gegen die Corona-Anleihen wie eine elitäre Institution, die den im Grundgesetz geäußerten kollektiven Willen als etwas ganz anderes überinterpretiert denn die Summe aller individuellen Willensäußerungen. Genau genommen als das Gegenteil des intuitiven Rechts in einem Text aus den späten 40ern. Wie beim Kruzifix-Urteil. Und wie bei der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Mit anderen Worten sagt das Bundesverfassungsgericht: “O, Bürgerinnen und Bürger, eure Intuition von Recht und Unrecht, von solidarisch und unsolidarisch im Grundgesetz ist falsch. Ich verkünde euch somit, was die Idee dahinter schon immer und zeitlos war, ohne dass ihr es begreifen konntet. Wie denn auch…”

Was das Bundesverfassungsgericht versucht, das Ummodeln der Gesellschaft, hat die Aufklärung schon einmal vorgemacht. Allerdings weiß ich nicht, ob die von Voltaire, Rousseau, Lessing und Kant propagierte Modernisierung erfolgreich wäre, wenn diese Friedrich den Großen im Keller von Sanssouci eingekerkert hätten, um in seinem Namen Gesetze zu erlassen. Die Funktion des Volkstribuns ist eine andere als die des Censors. Das ist um so klarer in der heutigen Zeit, je mehr der deutsche Censor, das Bundesverfassungsgericht, sich als antieuropäischer Tribun forciert.

Einer der beliebtesten Verse des wohl umstrittensten Literaturnobelpreisträgers lautet: “Du brauchst nicht den Wetterdienst, um zu entscheiden, woher der Wind weht”.

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The spy novel A Small Town in Germany was meant to refer to Bonn, back then the federal capital. Bonn has the same population as Karlsruhe, the seat of the German Constitutional Court, which is what made me reinterpret John le Carré’s sarcasm.

If I’m sarcastic towards them, then they must have done wrong, you may think, the judges of the German Constitutional Court. Well, for a number of years, they have been doing things wrong. In a nutshell: they have been interpreting the collective will expressed in the German constitution to say something quite different than the sum of the individuals’ volition. If I were to paraphrase how it occurs to me, here’s the message: “Dear people, your fathers gave their will an expression after the war, and you think that the justice defined by their will would be the things intuitively understood to be just in our state. Well, often they are the opposite things”. This is a bite too big to swallow of course. How could one possibly interpret a text written in the late 40s to imply directly same-sex marriage or that crosses are not allowed in school classes? Well, this is what the German Constitutional Court has been doing. Now, they prohibit the Bundesbank to buy Corona bonds. This is not constitutional law any more rather than aprioristic metaphysics.

If I’m right in my arguments, the judges in Karlsruhe have been doing wrong. However, maybe I’m wrong. In every interpretation there is some margin of error, you may say, and it’s my opinion against theirs. And after all, they’re the experts, aren’t they?

Well, yes, but this is not my only issue after all. By seeing the German Constitutional Court to cross the line from interpreting law to enforcing oppositional policies (NB without a democratic legitimacy) I see myself accepting professor Badura’s criticism of the Court. A Badura-like conservative is not something you expected yourself to end up being if you’re a naturalised German. Otherwise, you don’t need a weatherman to tell which way the wind blows.

The German Constitutional Court will say, of course, that they are not weathermen rather than Germany’s present-day John Lockes. But since they also do politics (lacking a mandate) they are William of Orange at the same time. I don’t know if I would still read John Locke today if he had happened to be William of Orange. In ancient Rome, a censor couldn’t be a tribune of the plebs.

Clausura

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Man nehme zwei kommunizierende Gefäße und nenne das eine “Deutschland”, das andere “Schweiz”. Oder “Frankreich”.

Die Gefäße enthalten eine homogene Flüssigkeit. Kleine Flocken schwirrlen in etwa gleicher Häufigkeit in ihnen. Nennen wir diese Flocken etwa “Kowidneunzehn” (den Namen habe ich frei erfunden).

Und jetzt sagt jemand: “Am besten machen wir die Verbindung zu. Nicht dass das eine Gefäß voller wird als das andere!”

Alle sehen das ein…

Zwischen den Dörfern Riehen in der Schweiz und Stetten in Deutschland gibt es ein Waldstück, einen Korridor schweizerischen Staatsgebietes tief ins deutsche, wo selbst im Zweiten Weltkrieg Leute in die Schweiz geflüchtet sind.

Ich kenne das Gebiet gut. Als deutscher Bürger mit schweizerischen Papieren kann ich diese Grenze auch legal überschreiten – kein Thema… Aber für einen Spaziergang, wenn ich Mathe- und Physikuntauglichkeit entfliehen will, eignet sich die Stelle gut.

Mal schauen, ob die Klausuren im April stattfinden können.

PS: Die Bundeskanzlerin ist bekanntlich promovierte Chemikerin und ehemals Forscherin der Akademie der Wissenschaften der DDR – fällt mir gerade ein… Wie konnte die Grenzschließung doch passieren? Wo die Leute doch sowieso zu Hause bleiben!

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Take two communicating vessels and name the one “Germany” and the other “Switzerland”. Or “France”.

Let the vessels contain a homogeneous fluid. There are tiny silvery flakes that whirl around in the vessels. Name them – sayyyy – “Covidnineteen” (strange name, huh?). The two vessels have the same amount of flakes per volume unit.

If you heard someone saying: “I propose the connection between the vessels to be closed in order to prevent the flakes here to be more than the flakes there”, how would you react? Moreover, how would you react if you realized that everyone around you hails the proposal?

Between the villages Riehen in Switzerland und Stetten in Germany, there is a forest in which a small corridor of Swiss territory “enters” like an appendix into Germany. In the Second World War there were people who managed to enter the corridor and arrive safely in Basel.

I know the spot quite well. Being a German citizen with a permit to work and live in Switzerland, I will not need to pass the border illegally. However, the spot is very convenient for a walk meant to escape for a few moments decisions irrespective of any understanding of maths or physics…

PS: Considering that the chancellor is a PhD in chemistry and a former fellow of the Academy of Sciences of the GDR, how could the borders closure possibly happen?