Being the others

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Das Abtun zyklischer und selbstbezüglicher Entscheidungen als Unsinn ist erleichternd. Einerseits… Andererseits ist es nicht gerade eine elegante Lösung, das Schwert zu ziehen – tja, was soll der Unsinn! – und den Knoten aufzuschneiden. Solange keine Berichte aus der Antike auftauchen, wonach Aristoteles seinem Schüler zu gordischen Lösungen riet, muss der Logiker um elegante Lösungen bemüht sein. Klar, man kann ad libitum eine Regel einführen nach dem Motto: Errichte nie eine Mautstation, die nur den Zweck hat, das Geld für ihre eigene Errichtung aufzutreiben,

und das Problem erscheint gelöst. Da kann zyklische Selbstbezüglichkeit nur in Comics passieren. Das ist im Grunde die Lösung entscheidungstheoretischer Paradoxien bei Quine, Spohn und Gaifman. Auf Verweise verzichte ich hier. Wer alles lesen will, der lese meinen Aufsatz in History and Philosophy of Logic 37 (2016), 101-113, wo ich aber auch zeige, dass die zyklische und selbstbezügliche Lösung nicht immer “Unsinn” ist.

Einen weiteren Beleg für die sehr gute Anwendbarkeit zyklischer und selbstbezüglicher Entscheidungsregeln möchte ich heute aus gegebenem Anlass politischer Natur bringen. Angenommen, ich bin ein Ministerpräsident und der Meinung – ich habe Epidemiologen und andere Experten konsultiert, ich habe eine empirische Evidenz – dass die Corona-Maßnahmen gelockert werden können. Aber ich weiß – bzw. meine zu wissen – dass alle meine Kollegen das anders handhaben und deshalb äußere ich mich gegen die Lockerung und gegen meine eigene Überzeugung. Das zeigt natürlich, dass ich besonnen bin und meinen Job als Ministerpräsident höchstwahrscheinlich behalten werde. Tun, was die anderen tun, ist eine Regel, die sich in diesem Fall bewährt.

Aber ist wirklich das die Regel? Wie ist es z.B., wenn die anderen sich ebenfalls gegen ihre Überzeugung ausdrücken, weil sie meinen, die aus ihrer Sicht anderen (deren einer ich wohlgemerkt bin!) würden die Corona-Maßnahmen verschärfen statt lockern? Die Regel ist in diesem Fall selbstbezüglich und zyklisch: Tue, was die anderen tun, bedeutet im Endeffekt: Tue, was du vorwegnimmst, dass die anderen vorwegnehmen, dass du vorwegnimmst, dass die anderen vorwegnehmen, dass du… usw.

Ein ähnliches Beispiel ist das des Aktienkäufers, dessen Gewinnstrategie darin besteht, stets rechtzeitig zu verkaufen, was die anderen verkaufen, und rechtzeitig zu kaufen, was die anderen kaufen. Wenn das die Regel auch der anderen ist, ist der Aktienkurs durch die Erwartung der Anleger von der Erwartung der Anleger bestimmt; nicht jedenfalls von Produktion und Effizienz. Sieht irgendjemand die Möglichkeit, solche Regeln rechtskräftig zu verbieten? Vielleicht mit dem Schwert? Dazu muss das geeignete Schwert erst erfunden werden.

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Cyclical self-reference generates decision-theoretical paradoxes. You can declare it to be nonsense and you finished. But do you really want this?

Since it’s extremely unlikely that long forgotten sources from antiquity will ever suggest that Alexander’s cutting the Gordian knot was due to Aristotle’s instructions, I feel justified thinking that logicians should prefer elegant solutions. No doubt, one can introduce a rule ad libitum to prohibit, say, tolls to pay off the installation of the tollbooth as their sole target.

Such rules are Quine’s, Spohn’s and Gaifman’s recommendation to get rid of paradox. (No references here, I’m afraid; read my article in History and Philosophy of Logic 37 (2016), 101-113 if you’re interested). But even if one introduces thousands of such rules, one is not justified to believe that cyclical self-reference will only happen in comics. Take the following thought experiment:

You are a politician. Say, a local prime minister of some German federal state. You’ve had consultations with epidemiologists, public health experts – in short: you have empirical evidence – to the effect of a new persuasion that the Corona measures must be gradually relaxed. At the same time, you know that your colleagues would rather sharpen the measures to conform with the very timid attitude of the wide public. Since you want to keep your post as a prime minister, you make claims towards sharpening the measures, NB against your inner conviction for the opposite. I.e. your rule to keep your job is to do what the others do.

Second thoughts, however, may exist as to whether this is really the rule you follow. What if the others follow (rather: think they follow – continue reading for the reasons I make this distinction) the same rule? Then, it is not their conviction to sharpen measures. Rather, they think it’s the others’ conviction – that includes you, of course – and this is why they make claims against the relaxing of measures against their own opinion. Just like you.

In other words, a generalised rule to do what others do, results to the rule: do what the others anticipate you to anticipate them to anticipate you to anticipate them … to do.

A similar example is that of the investor whose winning strategy is to timely buy what “the others” buy and to timely sell what “the others” sell. The more people act according to this rule, the more you have stock prices depending on the investors’ expectations of investors’ expectations instead of the the investors’ expectations of production and efficiency. And now draw the sword and prohibit such rules – ha, ha, ha…

Corpus sacrum

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Susanne war gerade mit ihrem Studium, ich mit der Promotion fertig, als sie mich in die Münchner Kunstakademie zur Vorstellung ihrer Abschlussarbeit eingeladen hat. Inmitten einer Umgebung von Installationen, wo die Hauptaussage war: “Habe ich dich jetzt genug schockiert?” stand Susannes (wie ich damals dachte) Ausdruck von Philhellenismus und Demut (ich muss vorweg sagen, dass ich ihre Absichten damals monströs missinterpretierte) in Form von Ikonenhäusern, wie man sie am Straßenrand in Griechenland immer wieder findet. Um den Unterschied zwischen griechischer Spenglerarbeit und Susannes Kunst festzustellen, musste ich das Türchen des Ikonenhauses aufmachen. Da betrachtete mich aus dem Gehäuse statt der Mutter Gottes mein Ebenbild aus einem an der Rückwand befestigten Spiegel. Ich habe mir keine Kerze angezündet. Erstens war ich überzeugt, dass sie es mir übel nehmen würde, andererseits wäre es eine Kerze zu Ehren jedes Besuchers, der reingucken würde.

14 Jahre später war ich gerade mit der Habilitation fertig, als Hans Joas in seinem gleichnamigen Werk die Sakralität der Person als einen Trend der Moderne entdeckte: Die Vergöttlichung, Unsterblichmachung jedes Einzelnen begann in der frühen Neuzeit, politisches Handeln zu legitimieren.

Da nun Joas damals im Begriff war, Erfurt zu verlassen, bot ich den Buchtitel als Hauptseminar an. Ich war und bleibe sehr überzeugt von der Hauptthese und den Argumenten im Buch.

An beide Bekannten musste ich in der Corona-Krise denken. Eine Verdeutlichung der Sakralität der Oma im Altenheim, die trotz ihrer Sünden, Vorerkrankungen und ihrer 95 Jahre nicht an Corona sterben soll, die besser wäre als die gegenwärtigen Maßnahmen, kenne ich nicht. Erst lange danach musste ich an der lieben Freundin von damals sowie am berühmten Kollegen Vordenker dessen erkennen, was jetzt um uns passiert.

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When Susanne finished her studies in art – it was the time I had finished my PhD thesis – she invited me to the presentation. The Munich Art Academy is an awkward place when the installations of the graduates are exhibited to ask you if you are enough shocked. Susanne’s work was an exception. Back then I thought that one point she made was philhellenism and that an attitude she expressed was humility. I was wrong in both interpretations. Susanne had manufactured a roadside ikonostasio as found everywhere in Greece. The difference of Susanne’s art from the usual sacral object was that, in her version, when you opened the small window, you found no icons but a mirror in it. The saint to venerate was yourself.

Fourteen years later – the book I had finished this time was my habilitation thesis – I was thinking about the issues to deal with in my social-philosophy class when I came across the work of my famous colleague, at the same time the person downstairs in the university’s guest house. I dedicated Hans Joas’s Sacredness of the Person the whole term for two reasons: the first was one of tactics: Joas was about to leave Erfurt and I wanted to give a signal, however small, that Weberian analysis rulez! The other was one of beliefs; my deep persuasion of Joas’s main thesis: the early modern period began to see a saint in every individual and this trend has become a tenet of the modern conception of humanity.

I have thought a lot on the two unequal but similarly pioneering works, Susanne’s shrine and Joas’s book, during the Corona Crisis. In the apprehension of each individual as sacred, I see established the policies of the last ten months – policies to ensure that in spite of his sins, his 95 years and his prehistory, John Doe will survive Corona as much as this depends on us.

Kant über die Abwägung moralischen Schadens beim Kinderimpfen

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Ob Kant (wie im in der Akademieausgabe, Bd. XV, S. 975 edierten Manuskript aus dem Nachlass) weiterhin die “moralische Waghalsigkeit” bei der Pockenimpfung für Kinder als größer bezeichnet hätte denn die physische Gefahr, an Pocken zu sterben, wenn er die heutigen Daten gehabt hätte, fragt sich in diesem hervorragenden Artikel Ingo Arzt, um gleich seinen Unmut über das Abbrechen des Originalmanuskripts zu äußern.

Was kann ich anderes beitragen als eine Fortsetzung des Manuskripts im Sinne des Königsbergers?

Denn so viel ist über die höchste moralische Gefahr bei der Übernahme von Verantwortung für Unmündige zu sagen: Diese besteht darinnen, andere, vornehmlich Kinder, mit guten Absichten in Lebensgefahr zu bringen. Allerdings kömmt es, wie ich in der Kritik der praktischen Vernunft und sonstwo Gelegenheit hatte darzulegen, bei der Beurteilung sittlichen Handelns nicht auf die Absicht des Handelnden an. Mithin ist bei gelungener Kinderimpfung zwar die physische Gefahr überwunden, wenngleich die moralische Anmaßung bestehen bleibt, falls der Arzt nicht genau wusste, ob das Versprechen des Heils die unmündige Person an demselben sterben lässt. Das Kriterium für die moralische Zulässigkeit des Impfens darf freilich auch nicht sein, ob es wahrscheinlicher erschien, an Pocken zu sterben, als die Impfung zu überleben. Denn wie wahrscheinlicher muss der Tod sein, um die moralische Verantwortung übernehmen zu können, einem ahnungslosen Kinde etwas eventuell Schädliches einzuimpfen? Die moralische Gefahr, das Gebot des Schutzes von Leben zu überschreiten, kann nur eine künftige Wissenschaft gewährleisten, die so gut wie sicheren Schaden mit so gut wie sicheren Maßnahmen abwendet.

Hätte Kant den abgebrochenen Satz so fortgesetzt, dann hätte er sich in eine gefährliche Nähe beim Utilitarismus herangewagt, an eine ihm vollends fremde Moralphilosophie, die Nutzen und Schaden gegenüberstellt. Vielleicht musste er abbrechen, weil er feststellte, wie fremd ihm das Kosten-Nutzen-Denken ist. Falls so, dann bricht das Manuskript eben deshalb ab, weil Kant plötzlich klar wurde, dass eine Auseinandersetzung mit den Gefahren der Medizin ohne Kosten-Nutzen-Denken unmöglich ist.

Wenigstens sind wir inzwischen im Besitz der künftigen Wissenschaft.

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In a manuscript from the nachlass (so-called AA-Edition of the Royal Prussian Academy of Sciences and successor institutions, Vol. XV, p. 975) Kant reckons that the moral recklessness of vaccinations of children against pox is more serious than the physical risk of the children. Ingo Arzt presents the passage in this outstanding piece of journalism (sorry, only in German) to ask himself whether Kant would still think so if he had our contemporary data and to express his annoyance because the passage breaks off in the middle of a sentence.

This is, to my mind, a natural continuation of what Kant would have written if he had not been interrupted, fallen asleep – whatever:

The most serious moral hazard towards minors can be determined as a situation in which you exploit your responsibility towards them by endangering their lives with good intentions. Since, on one hand, as I had the opportunity to show in my Critique of Practical Reason and elsewhere, intention is not the criterion to judge moral acting, in this case, even if a vaccination is successful, then the physical hazard is overcome, however the moral hazard in form of presumptuousness remains, unless the physician knew that that the promise of healing will not be rather killing. Since, on the other hand, the criterion of the moral value of giving a child a possibly dangerous medicine is also not probability – because how much more probable must a child’s death due to illness be than death due to the medicine, in order for the pretension of the self-proclaimed healer to know better to be legitimised? – the moral hazard to violate the duty to protect a child’s life can only be minimized by a future science which can rightfully claim to avert almost certain dangers with almost certain therepies.

This continuation of Kant’s line of argument concerning duty and responsibility vis-à-vis risky therapies for children would have made the philosopher of Koenigsberg approach utilitarianism – a school of thought alien to him. After all, maybe it was not an interruptive guest from downstairs or the extra glass of wine that made Kant stop writing, but rather the sudden insight that in pondering the pros and cons of medical treatment one has to calculate costs and benefits, which is as denying Kantian ethics as anything.

At least we possess in the meanwhile this one future science…

In contradiction for good

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Legenden haben den Nachteil, falsch, aber den Vorteil, griffig und didaktisch geeignet zu sein, wenn es darum geht, eine abstrakte Idee zu vermitteln. Ohne die Apfelbaum-Legende wäre Newtons Analyse der Schwerkraft weniger interessant. In Oscar Wildes Geist (es sei die Natur, welche der Kunst nacheifert, und nicht umgekehrt) steht so ein Baum heute noch im Innenhof von Trinity College in Cambridge. Niemanden scheint es zu bekümmern, dass er nachträglich gepflanzt wurde, denn, wer lässt sich eine schöne Geschichte durch die Wahrheit zerstören? Romeos und Julias Balkon in Verona sowie das Haus von Sherlock Holmes an der Londoner Baker Street, Hausnummer 221b, sind weitere Fälle, in denen sich die Kulturgeschichte an Legenden anpasste.

Sollte die Logik des Widerspruchs irgendwann eine nützliche und alltäglich präsente Disziplin werden, dann wären nicht Heraklit, Hegel, Vasiliev oder Priest ihre popularisierten Multiplikatoren, sondern vielmehr folgende Legende wäre eine gute Werbung für sie (Vorsicht: die Geschichte, die folgt, ist im Kern ein Fake!)

Es war der 20. Juni des Jahres 2012, ein Mittwoch. Jon Michael Dunn, Informatikprofessor an der Indiana University Bloomington, schaute auf die Uhr. Seit drei Stunden – dunkel war es draußen, als er begann – arbeitete er sehr konzentriert, Kopfhörer an den Ohren, in seinem Gastzimmer im dritten Stock des Marienklosters im nordböhmischen Haindorf. Um acht wollte er Schluss machen. Es war natürlich ein Jammer, ohne ein ausformuliertes Paper nach Europa für die Konferenz zu reisen, aber nie war es anders: Ende des Semesters hatte er nie Zeit. Andererseits: halb so schlimm! Er würde nicht den neuesten Schrei der Forschung vorstellen und für Tschechien wäre das trotzdem neu. Drei Stunden haben gereicht und er hatte sogar Zeit, die Wallfahrtskirche noch vor der Konferenzsitzung zu besuchen. Gerade mit seiner Krawatte beschäftigt, sah er Rauch vom Türenschlitz in den Raum reinkommen. Er ging ans Fenster. Heiße Luft kam ihm entgegen. Die Klostermensa unter seinen Füßen brannte. Wieder schnell an die Tür. Er machte auf. Zwei Feuerwehrmänner waren just angekommen, denn Herr Professor sei der einzige, der nicht unten sei. Jon hatte drei Optionen, um sein Leben zu retten: Es gab einen Korridor geradeaus vor seiner Tür, einen weiteren nach links, schließlich einen nach rechts. Überall gab es viel Rauch und selbst die Feuerwehrmänner waren sich uneinig. Der eine wies ihn nach links und nur nach links; der andere nach rechts und nur nach rechts. Der Logiker ertappt sich dabei, dankbar für den Widerspruch zu sein. Denn wenigstens haben beide Feuerwehrmänner einen von drei Korridoren ausgeschlossen. Hätten sie stattdessen gar keine Meinung geäußert, hätte er sich mit 33,333-prozentigen Überlebenschancen anfreunden müssen. Jetzt errechnete er sich – immerhin – 50%.

Im Konferenzraum stellte Jon fest, dass die Tasche mit dem Paper oben geblieben war. Aber das war ihm gerade egal. Ohne Manuskript sprach er vor einem verblüfften Publikum über die Vorzüge widersprüchlicher Informationen gegenüber dem Informationsmangel. Sein Vortrag und damit die Paradoxie der zwei Feuerwehrmänner sollte legendär werden.

Es gibt ein paar wahre Aussagen in dieser Geschichte. Jon Dunn ist ein emeritierter Professor von Indiana Bloomington und das Paper ist (jedenfalls halb-) legendär. Der Rest – ein Brand im alten Gemäuer des Haindorfer Marienklosters etwa – sollte eine künftige Legende werden, um der Öffentlichkeit den Wert des Widerspruchs vor Augen zu führen.

Da ich nicht nur aus der Logik, sondern auch aus der Psychologie komme, bin ich am (sehr kleinen!) Schnitt beider Gebiete interessiert. Mein obiger, “ge-fake-ter” Bericht der Logica-Konferenz 2012 kann nicht wahr sein. Echte gestresste Leute tendieren angesichts widersprüchlicher Daten dazu, alle Daten abzulehnen, statt das Gute aus dem Widerspruch herauszufiltern. Sie würden aus dem Fenster springen, den Korridor gegenüber nehmen, denn – so die traditionelle Logik – ex falso quodlibet. Man denke etwa an den Absturz von Birgenair, Flug 301 am 6. Februar 1996, auch von Air France 447 am 1. Juni 2009, als widersprüchliche Cockpit-Daten die Piloten dazu verleiteten, allen Daten zu misstrauen, gleichzeitig zu versuchen, alle korrigieren zu wollen, obwohl das gegensätzliches Handeln erforderte. Ex falso quodlibet.

Misstrauen vor dem Hintergrund widersprüchlicher Äußerungen ist, was die Corona-Krise bisher erzeugte. Um aus der Sackgasse des lahmmachenden Widerspruchs zu kommen, müssen wir uns vom Ex falso quodlibet verabschieden, damit von der klassischen Logik. Denn eines zeigen unsere derzeitigen Widersprüche klar: Maßnahmen, die auf die Sozialhygiene des 19. Jahrhunderts maßgeschneidert sind, können zwar der Wahlkampftaktik des Kandidaten dienen, sind aber aus dem Standpunkt empirischer Wissenschaft unhaltbar. Wenn diese Lehre aus dem Widerspruch und der Zerissenheit der Gesellschaft gezogen wird, werden wir über das Ex falso quodlibet hinweg einen Schritt näher zum Ex falso contra charlatanismum gemacht haben.

Damit werden wir der Demokratie einen Dienst erwiesen haben.

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Urban myths have the disadvantage to be false but the advantage to be didactically suitable to make you memorize an idea. Isaac Newton’s analysis of gravitation would be far less interesting without the apple-tree story. In the spirit of Oscar Wilde’s aphorism “nature imitates art” you can find the alleged apple tree today at Trinity College, Cambridge, one that was planted later, of course. Similar cases are Romeo’s and Julia’s balcony in Verona and Sherlock Holmes’s house at London’s Baker Street 221b. Cases in which cultural history faked evidence for urban myths and fictions are not frequent, but at least existing.

If the logic of contradiction, i.e. the logic which embraces contradiction instead of abolishing it, ever becomes a useful and everyday endeavour, then, this is at least my persuasion, the urban myth of applied contradiction will not be one with Heraclitus or Hegel as its main character. It will not even pertain to Nikolai Vasiliev’s imaginary logic in the early 20th century or Graham Priest’s almost legendary monograph In Contradiction (1987). I believe that it will be an urban myth around Jon Michael Dunn, the man who launched the Two Firemen Paradox. What follows could be the urban myth of the future science of applied contradiction (Attention! What follows is a fake story!)

It was June 20, 2012, a Wednesday, when Jon, a computer science professor from Indiana University Bloomington, looked at the clock. It was 8 am. He had been working for three hours in his third-floor room, at the Hejnice Monastery of Nord Bohemia in the Czech Republic, very concentrated with his headphones on. He hadn’t prepared himself sufficiently for his lecture later in the same morning. He never had time to work for conferences at the end of the summer term with all these students tests and assignments. Otherwise, it was old stuff he wanted to lecture about. “They’ll have probably never heard something about this”. It would be enough if he worked from 5 to 8 am. He would even have time to make a walk in visit the church  before the session. He took his headphones off, put his paper in the bag and went to the mirror to wear his tie when he saw smoke entering his room from under the door. He went to the window where he was taken by surprise by hot air coming from under his feet. The refectory second floor just underneath was burning. He ran and opened the door where he saw two firemen. “We are looking for you, professor! All the others went downstairs!” Jon stood for some seconds in front of his door undecided about which of the three full-of-smoke corridors would be more secure for him to leave the wing of the medieval building. The one fireman pointed to the right corridor and said: “Only through this corridor, sir”. The other fireman pointed to the left corridor and said the same words. But none of the two pointed to the third corridor which stretched straight ahead in front of him. Jon, a professor of logic, was relieved to have a 0.5 instead of 0.3333 probability to survive.

In the conference room, he was observing the fireworkers packing their tools and preparing to leave the site. He realised that his own tools, his bag with the conference paper, was lost in the fire. He didn’t care much though. He had decided to give a lecture on the topic “Contradictory Information Can be Better than nothing: The Paradox of the Two Firefighters”. The paper soon became legendary under the catchy subtitle.

The myth above includes only few true sentences. Jon Dunn is a professor emeritus of Indiana Bloomington and the paper is legendary but the rest is a legend. There was never a fire in the Hejnice abbey – but it would be a nice idea to fake some traces for the next generations of pilgrims not only to Virgin Mary but also to the site of the crucial event that will have lead to the science of applied contradiction.

If you have had some training in psychology before doing logic, you can probably immediately tell why my account of the 2012 Logica Conference is meant to make up an urban myth and cannot be true. Whenever real stressed people are confronted with contradictory information, they will not try to sort out the good thing out of it, e.g. “Do not take the corridor in front of you”. They will rather tend to dismiss all information as rubbish. What comes to my mind in this respect are the crashes of Alas Nacionales flight 301 on February 6th, 1996, and of Air France flight 447 on June 1st, 2009, where contradictory data made the pilots mistrust all data they had and at the same time try to correct all the contradictory data they mistrusted anyway. Ex falso quodlibet.

Mistrust concerning everything with contradictory data in the background is what the Covid-19 crisis generated. We will have done a service to our democracies if we manage to concentrate on what this contradiction teaches independently of our stance for or against masks, confinement etc: that the historical movement of Social Hygiene in 19th-century Germany, one that propagated social attitudes under the pretense of measures against cholera and tuberculosis, was false.

Above, I added the picture of the main exponent of Social Hygiene in today’s Germany, at the same time a man with the ambition to run for chancellor with the conservatives: the Bavarian prime minister.

And there is one more thing to infer from contradiction: It is not ex falso quodlibet. It is rather ex falso contra charlatanismum.

2020 – the directors’ cut

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Dieser Eintrag ist nicht philosophischer Natur. Das ist eine gute Sache. Schließlich sind viele meiner Leser keine professionellen Philosophen.

Nach der englischen Version habe ich zwei Videoclips und sechs Bilder eingefügt, die an solchen meiner Tage des Jahres 2020 geschossen wurden, die von einem Filmregisseur hätten gestaltet sein können.

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This is not a philosophical post, which is probably a good thing since not all of my readers are professional philosophers.

If certain of my days in the year 2020 had been directed by film directors, then these would have been the days and the directors:

Apr 11: Marc Forster

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Apr 30: Woody Allen

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June 25: Jules Dassin

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June 27: Emir Kusturica

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July 7: Andrei Tarkovsky

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Aug 16: Wim Wenders

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Dec 4: Francis Ford Coppola

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Dec 12: Théo Angelopoulos

Applied spooky metaphysics

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Zweige der analytischen Philosophie wie die angewandte Ethik oder die Experimentalphilosophie werden als modern und zukunftsweisend wahrgenommen. Dass eine Art Magie aber noch lieber angewandt wird als die philosophische Reflexion, daran denkt der Analytiker nicht. Es sei denn, er ist ein orthodoxer Christ und hat viel Philosophiegeschichte studiert.

Jeden Sonntag bekräftigen viele Christen durch ihre Teilnahme am Sakrament der Kommunion ihren Glauben daran, dass durch ein Wunder Wein in Blut Christi verwandelt wird. Dass der echte Christus mit Fleisch und Blut in der Messe präsent ist, um dort verzehrt zu werden, wurde bereits im frühen Christentum zunächst unreflektiert geglaubt. Johannes von Damaskus, Mönch und Aristoteliker des 8. Jh., meinte, die Wandlung entziehe sich als Wunder jeder Reflexion. Die gängige theologische Meinung war aber, dass die Wandlung im Rahmen einer aristotelischen Metaphysik der Substanz des Weins, nicht etwa seinen Akzidenzien gilt. Kommunionswein schmeckt nach Wein auch nach der Wandlung. Jahrhunderte später deutete Wilhelm von Ockham die Wandlung als Akt der Namensgebung um. Man nennt diesen Wein eben Blut – so Ockham. Die Traditionellen blieben auch nach Ockham stark. Als Petrus von Ailly im 15. Jh. Jan Hus auf den Scheiterhaufen steigen ließ, war Hussens Lehre, gewandelt in Blut werde der Wein in seiner Substanz, mit ein Grund für die Verurteilung.

Eine Zuspitzung der traditionellen Lehre ist die Praxis der orthodoxen Kleriker, die in Corona-Zeiten weiterhin die Kommunion aus einem Kelch, mit einem einzigen Kelchlöffel erteilen, da – so die Behauptung – Speichelreste des Vortrinkers im Blut Christi nicht viral wären. Speichelreste in einer Flüssigkeit, die nicht Speichel ist, sind Akzidenzien. Es ist insofern fast ein Wunder, dass sich die Traditionellen in einer zu starken These verfingen, die sie gar nicht brauchen, um das Dogma zu verteidigen.

Innerhalb von ein paar Wochen waren nun der Tod des Metropoliten von Montenegro und des Belgrader Patriarchen infolge des Corona-Virus die pressewirksamen Indizien, dass magisches Denken des 1. Jh. nicht dazu geeignet ist, biochemische Eigenschaften zu beschreiben. Sonderbar ist das weitere Faktum, dass beide betagten Männer heute höchstwahrscheinlich das politische Leben Montenegros und Serbiens weiter mitbestimmen würden, hätten sie Aristoteles oder Ockham als ihre angewandten Metaphysiker ausgewählt. Aristoteles und Ockham kannten zwar das Fach Biochemie nicht, aber ihre Ontologie widerspricht nicht der empirischen Wissenschaft. Auch das ist ein kleines Wunder. Aristotelische und nominalistische Ontologie sind dermaßen alt…

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Applied ethics and experimental philosophy are considered new and shiny in analytic philosophy. Most analytics are however not aware of the fact that the first applied branch of the discipline was spooky metaphysics ages ago – and nowadays too. Well, maybe they guess so, if they’re orthodox Christians and have studied some history of philosophy.

The historical fact is that many Christians receive the Holy Communion on Sunday thinking that, miraculously, Jesus Christ is present at this moment in their church to be ingested in form of bread and wine – or rather not-anymore-bread-and-wine. The dogma of the rendering of bread and wine into Christ’s flesh and blood was launched already in early Christianity, unreflectedly in the beginning. Once more reflected and erudite believers turned their attention to it, they had to admit that it escaped reflection. Typically this is the case with John of Damaskus, a monk and Aristotelian of the 8th century. In an Aristotelian setting, it turned out that what the Latins called “transsubstantiatio” would work only if the miracle was supposed to concern only the essence of bread and wine leaving the accidental properties uninfluenced: Communion wine tastes always of wine. In the 14th century, William of Ockham proposed to understand the change of the material as an act of renaming: we call this specific wine from now on blood. Traditionalists remained solid also after Ockham. In the 15th century Peter of Ailly accused Jan Hus of taking the “thingy” substance of bread to be literally changed – and opened the way to Jan Hus’s burning at the stake.

The Holy Communion, as practised today by many orthodox, from one cup and with one spoon (i.e. cochlear) is at the pinnacle of the traditional doctrine. It presupposes that no viral rests of the saliva of the others can endanger your health when you take the Communion. Considering that the presence of viral saliva in a liquid which is per se not saliva is an accident, the traditionalists needn’t get entangled in a thesis that is too strong and not even necessary to defend dogma – but they do nevertheless.

In only few weeks, two deaths, Amphilochius’s, the metropolitan’s of Montenegro, and Irenaeus’s, the patriarch’s of Serbia, following a Covid-19 infection, shows the broad public that 1st-century spooky metaphysics is inadequate. Aristotelian and nominalistic, Ockhamian, ontology, would be, which is a little miracle. Just imagine how old these theories are…

Beat this!

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🇨🇭🇩🇪🇦🇹🇱🇮

Leser die denken: Aha, drei eingebürgerte Bundesbürger, die genpoolbedingt gut kommunizieren…

…sollen nochmal gucken.

Ich sage: Studenten, Studenten, Studenten und gleich drei Universitätslehrer, die gegenwärtig in Deutschland, den Vereinigten Staaten und der Schweiz sind, in ein-und-demselben Seminar.

Wer was gegen Online-Seminare sagen will, soll das überbieten können.

🇦🇺🇳🇿🇬🇧🇺🇸🇨🇦🇿🇦🇮🇪 etc.

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You’ll say: Three naturalised German university teachers who work together due to their origin and same genetic pool.

I’ll say: Students visiting a class with three teachers who currently teach in Germany, the US and Switzerland.

Before you despise online classes, beat this!

Covidean cognitive states

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Der Zug fährt in schweizerisches Territorium und lässt Deutschland und die Maskenpflicht hinter sich. Allerdings fühlt sich keiner der Passagiere frei, die Maske abzunehmen. Das tun sie erst beim Aussteigen, wenn sie auch in Deutschland die Maske abgenommen hätten. Sonst hätten sie das Maskentragen zu einer formalen Konvention gemacht, was sie nicht wollen.

Die umgekehrt fahrenden Fahrgäste steigen in der Schweiz meistens ohne Maske ein, da dort die Maske in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht Pflicht ist. Wohl aus dem bereits erwähnten Grund (“Keine bloß formale Konvention”) gibt es keinen, der exakt den Moment nutzt, wenn der Zug Deutschland erreicht, um die Maske anzulegen. Ob’s bei der Bekämpfung von kognitiver Dissonanz viel hilft, ohne Maske einzusteigen, aber mit Maske auszusteigen und wenigstens so zu tun, als wäre das nicht wegen der Staatsgrenze gewesen, weiß ich nicht. Das tun sie jedenfalls.

Das Land, das er verlässt, trägt der Passagier eine Zeitlang mit. Die akute kognitive Dissonanz der Art: Der Zug ist virulent bei der Fahrt von Deutschland in die Schweiz bis zur Grenze, weniger so umgekehrt, auch bis zur Grenze wird konsequent umgangen.

Kognitive Dissonanz sollte freilich beim Vergleich beider Fahrtrichtungen auftauchen. Von Deutschland in die Schweiz ist der Zug anscheinend virulenter als umgekehrt. Dass sich die Passagiere je nach Fahrtrichtung anders verhalten, ist natürlich ein Paradox, denn alle Individuen tendieren zur Umgehung von kognitiver Dissonanz. Dadurch aber, dass die dissonanten Verhaltensweisen (nicht zuletzt bleibt die Maske in der Fahrt Deutschland-Schweiz länger dran als zurück) zeitlich entfernt sind, vergleichen die Individuen das eigene Verhalten in die eine und in die andere Richtung nicht direkt.

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As the train passes the state borders from Germany to Switzerland, it underlies suddenly the legislation of the state it enters, i.e. Switzerland. And since Germany prescribes a face mask in public transport but Switzerland does not, passengers may feel free to remove their masks. No one does. They will do so once they disembark on Swiss soil, i.e. in a situation where they would remove the mask also in Germany. Otherwise, they would jeopardise their wearing a mask on the train to make it a solely formal convention.

In the reverse direction, when passengers embark the train in Switzerland to go to Germany, they wear no masks since this is not required in Switzerland. Upon passing the state borders the train underlies suddenly the legislation of Germany. But no one puts the mask on at exactly this moment. They do so a bit earlier or a bit later. Probably they want to make believe that the conventional state borders do not determine their behaviour. I don’t know if by doing so they jeopardise face mask wearing less, but this is what they do. The legal system of the state in which people have been in the last hours follows them for a while. Otherwise they would be subject to cognitive dissonance. How comes, they would ask themselves, that until the state borders infection is improbable if you don’t wear a mask but becomes probable immediately after the state borders?

The cognitive dissonance does, however, emerge when one compares the behaviour from Germany to Switzerland to the behaviour in the reverse direction. When they come from Germany heading to Switzerland they wear the mask longer because, apparently, the train is an environment is too virulent to take a risk. But when they leave Switzerland to go to Germany the same environment is seemingly not so virulent. I mean they embark without a mask. The direction cannot be said to make a difference in the human heads here. Or can it?

Cognitive dissonance is mostly avoided by individuals, says science, which makes what I just described here a paradox. But since you can never travel into both directions at the same time, cognitive psychology prevails again: cognitive dissonance is avoided by individuals when the dissonant states are temporally close and directly compared.

Transsubstantiatio et transpropertatio

https://philori.files.wordpress.com/2014/09/amper-isar.jpg

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Die griechisch-orthodoxe Gemeinde in der Schweiz, deren Münchensteiner Sophienkirche ich sehr unregelmäßig besuche, feiert seit Anfang der Corona-Krise keine Gottesdienste. Es ist eine Kirche, wo die Heilige Kommunion typischerweise in beiderlei Naturen und zwar mit einem Kelch und mit einem Löffel gefeiert wird.

Selbst wenn es nicht offen gesagt wird, ist dieser Umstand, die Aussetzung der Gottesdienste, die ratio cognoscendi der Überzeugung, dass der Löffel und der Kommunionswein Covid-19 übertragen kann und dass diese Gefahr unverhältnismäßig groß ist gemessen am Gewinn.

Gerade habe ich allerdings über die Eucharistie im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung gesprochen. Da ist bereits ein Punkt, an dem mir viele orthodoxe Christen etwas anhaben würden. Sie würden wahrscheinlich hinzufügen, dass der Kommunionswein keine Krankheiten übertragen kann, nachdem es in Blut Christi gewandelt wurde. Sie würden diesen Ausdruck vor dem üblichen “Transsubstantiation” bevorzugen. Noch übermorgen, am orthodoxen Ostersonntag, würden sie an der Ostermesse teilnehmen und aus einem Kelch mit einem Löffel das Blut Christi zu sich zu nehmen.

Jüngst gab es in Nordserbien sowie in Georgien Fälle, in denen sich die Herde während der Sonntagsmesse außerhalb der Kirche aufhielt, um der Ansteckungsgefahr durch das neue Coronavirus vorzubeugen, allerdings aus einem Kelch und mit einem Löffel Leib und Blut Christi zu sich nahm, als der jeweilige Pfarrer auf den Kirchhof kam. Wahrscheinlich dachten sie, dass es sich bei der Verwandlung der Kirche ins Paradies um eine Metapher handelt, bei der Wandlung des Brotes und Weines in Leib und Blut Christi aber um etwas Physisches. Die Republik Griechenland – das muss ich an dieser Stelle wohl sagen – erlaubte Gottesdienste nur während der Karwoche und das durch den Gemeindepfarrer und ein Chormitglied allein hinter verschlossenen Türen. Es ist eine archetypische orthodoxe Beschuldigung gegen die Westkirchen, dass letztere eine Hostie ohne Eigengeschmack dem Hausbrot vorziehen, um nicht in Versuchung zu kommen, aus den verbliebenen Broteigenschaften wie die Konsistenz und der Geschmack zu schließen, es wäre immer noch Brot, was man zu sich nimmt. Da die Orthodoxen offenbar sehr erfolgreich die sekundären Eigenschaften des Kommunionsbrotes verdrängen, denken sie, dass das keinem sonst gelingen würde, wenn das Brot etwas – sagen wir – säuerlich wäre.

Im Gegensatz zur orthodoxen Haltung: “Es ist kein Brot, es ist kein Wein, es ist nichts von dieser Welt, also werde ich dadurch auch nicht krank” tendieren philosophisch ausgebildete Katholiken zum Nominalismus. Der Trope “Blutchristihaftes” wird immer in der Messe per Umbenennung um einen singulären Kelch Wein angereichert. Wer sich darüber im Klaren ist, wie konservativ das Phänomen Sprache ist, dem erscheint es kaum weniger wundersam, wenn alle auf einmal sowohl ihre Sprache als auch ihr Benehmen an eine Umbenennung anpassen. Aber die Umbenennung schützt einen nicht vor Infektion.

Vor Jahren pflegte ich folgendes Spiel zu spielen, immer wenn ich mit meinen Töchtern auf Fahrrädern unterwegs die Mündung der Amper in die Isar erreichte. Ich erhob meinen rechten Arm – meine Töchter waren noch im Alter, wo sie das witzig fanden – und verwandelte magisch die Isar in die Amper und die Amper in die Isar. Ab sofort war der jeweilige Fluss der andere. Natürlich blieb der linke Fluss – angenommen wir gucken nach Norden – derjenige, der von Dachau kam, der rechte derjenige, der von München und Freising kam – keine Frage! In der Paläogeographie ist es stets das Wasser, das bestimmt, um welchen Fluss es sich handelt, nicht das Flussbett. So blieb z.B. vor Millionen von Jahren ein Teil der Ur-Donau nördlich der Aare trocken. Es war ursprünglich ein Donau-Flussbett. Dass später die Wutach in dieses Flussbett hineingeflossen ist, so dass sie ihren Lauf dramatisch wechselte, bringt die Geologen nicht in Verlegenheit. Vorher Wutach – nachher Wutach, auch wenn die Richtung jetzt eine andere ist, im Flussbett eines vormals anderen Flusses.

Die Orthodoxen verstellen sich, dass die Metaphysik der Namensgebung auch anders sein könnte: am Beispiel bei der Eucharistie. Es ist ein sehr starker metaphysischer Glaube, was hinter der orthodoxen Position steckt und dem Nominalismus eines Denkers trotzt, der lange Zeit an der Isar lebte: Wilhelm von Ockham. Ein gesundheitsgefährdender Glaube in Zeiten von Epidemien ist er auch noch.

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Presently, the Greek Orthodox community of Switzerland whose church of Holy Wisdom in Basel I irregularly visit, has dispensed all services in the aftermath of Covid-19. It is a church that typically practices the Holy Communion from one single cup, with one spoon.

If you do the math you will infer that in times of an epidemic, the parish believes that the – obviously existing – risk to be infected from the Holy Communion is disproportionate to the spiritual benefit – and fairly so.

Some Orthodox however would not only consider it sacrilegious to speak of the Eucharist in terms of a cost-benefit analysis. They would also say that communion wine is not virulent as a consequence of its being rendered to blood of Christ. They would go to church and partake in the Holy Communion with one spoon without realising the risk.

In recent cases in Northern Serbia and in Georgia, the corresponding parishes avoided entering the church out of fear of infection, however they did partake in the Holy Communion from one cup and with one spoon when the priest sought his people outside, in the churchyard. They presumably thought that the transformation of the church into the kingdom of God during the mass is symbolic while the transformation of wine to Christ’s blood is a natural, physical process. To prevent similar situations, the Hellenic Republic allows services to take place during the Corona crisis only in the Holy Week and this behind closed doors, only with one priest and one choir member. Let me just mention here that there are Orthodox who blame Roman-Catholics of preferring consecrated wafers to everyday bread because the latter allegedly reminds of the properties remaining there as before the consecration. Since the properties remaining there is the very idea which the Orthodox repress – and this very successfully – they think that everyone else has issues with it.

In contrast, learned Roman Catholics often come up with a nominalist understanding of the Holy Communion: communion wine is, they’ll tell you, the blood of Christ in the sense that the trope “blood-of-Christ-like” is enhanced with a new individual – a cup of wine. After the transsubstantiation, they’ll tell you, the properties of the wine are remaining because transsubstantiation is only an act of renaming. Ergo, you can be infected.

Years ago, my daughters and I played a game – if you want to call it a game – whenever we journeyed with our bikes along the riverbanks of the Isar until its confluence with the Amper. Reaching the point – the girls were young enough to find this witty back then – I used to raise my right hand and made the one river be the other. But even after I renamed the rivers, the one to the left when we looked northwards was the one whose waters came from Dachau, the one to the right was the one which came from Freising and Munich. I had not changed this, of course. I am informed that in palaeogeography, when a riverbed is dried off and another river finds its way through it, it is the waters, i.e. the new river, which determines which river this is.

The Orthodox pretend during the Eucharist that this could be otherwise. This is a strong metaphysical belief, of course, and a much stronger one than the nominalism launched in Christian faith by a person who was actually very familiar to the river Isar: William of Ockham. But if you are an Orthodox in times of an epidemic, this issue of the philosophy of language can cost you your health.

 

Gigantes gigantum humeris insidentes

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In einem wohl unübertrefflichen Beispiel von Bescheidenheit bezeichnete sich Isaac Newton als einen Zwerg auf den Schultern von Riesen; als einen also, dem in seiner kleinen Statur nur deswegen sein Weitblick gelang, weil er sich auf viel wichtigere Wissenschaftler stützte.

Der Ausdruck ist seit der Antike ein geflügeltes Wort. Dabei vergisst man die Giganten, die, ohne auf andere Giganten gestiegen zu sein, nicht die Differenz gemacht hätten.

Einen Januartag des Jahres 1766 – Januar sind auch die Fotos dieses Postings entstanden – bekam der deutsche Bacon-Übersetzer und sehr wichtige Mathematiker Johann-Heinrich Lambert in Mulhouse einen Brief, in dem er das größte Genie Deutschlands genannt wurde.

Der Absender war Immanuel Kant.

Mulhouse, Frankreich überhaupt und unsere französischen Freunde, vermisse ich seit der ersten Stunde der Grenzschließung. Es ist schlimm…

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In a probably unparalleled case of modesty, Isaac Newton referred to himself as a dwarf standing on the shoulders of giants.

The ancient expression can make one forget giants who managed to see more than their predecessors only because they happened to step on the shoulders of other giants.

In January 1766 – it was in January when I shot these pictures – Johann-Heinrich Lambert of Mulhouse/France, the German translator of Francis Bacon’s Novum Organum and an extraordinary mathematician, received a letter in which he was called Germany’s greatest genius.

The letter was sent to him from a Prussian town near the east frontier to Russia and signed by a man named Immanuel Kant.

I have been missing Mulhouse/France and our French friends since the closure of the borders. I wish the Covid-19 crisis to take an end…