Nature morte

Wassermelone

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Samenlose Früchte fortpflanzungsunfähiger Pflanzen gehören zum Sortiment der großen Discounter. Eine Gefahr, die ich bei ihrer Verbreitung sehe, ist, dass sie bald einen Besuch bei der Kunsthalle Hamburg nötig machen, damit unsere Kinder anhand eines Stilllebens Ruoppolos aus dem 17. Jh. feststellen können, wie richtige Wassermelonen aussehen.

Eine andere Gefahr ist, dass die einst natürliche Fortpflanzung, seit Jahrtausenden die Grundlage der landwirtschaftlichen Produktion, mit dem Einsatz fortplanzungsunfähiger Pflanzen über den Handel abgewickelt wird. Kommt der Handel nicht zustande, dann ist die Produktion nicht gewährleistet. Das macht den Bauern in einem bisher unbekannten Ausmaß von anderen Wirtschaftszweigen abhängig.

Appelle an die Konsumenten, solche Waren zu boykottieren, werden nicht funktionieren. Genmanipulierte Wassermelonen schmecken wassermelonig – ja wassermeloniger als echte. Wenn sie auch noch günstig sind, wird sie der Konsument kaufen.

Als einziges Instrument gegen diesen Trend betrachte ich die Kategorien- und die Definitionslehre, die seit Jahrzehnten von Patentanwälten mit Erfolg genutzt werden, um geistiges Eigentum zu schützen. Es gibt einen Grund zu fordern, dass nicht-fortpflanzungsfähige Pflanzen wenigstens per definitionem anders heißen sollen, als die Pflanzen, von denen sie abstammen. Sie sind ja Mutanten, die keine gleichartigen Pflanzen hervorbringen können.

Neue Sprachregelungen könnten den Konsumenten davon abhalten, nicht fortpfanzungsfähige Waren zu kaufen und als Ansporn für den Anbau traditioneller Arten dienen, die die relative Unabhängigkeit des Bauern gewährleisten.

Einen analogen Fall, in dem die Welt mit einer geschickter Kategorisierung geändert werden kann, stellt der brauchtumsbedingte Transport von Verstorbenen aus Nairobi in das jeweilige Stammesgebiet. Gegen diesen, Übernachtungskosten für die ganze Trauergesellschaft nach sich ziehenden Transport, der Familien an den Rand des finanziellen Ruins treibt, riet seinerzeit der Philosoph Henry Odera Oruka der kenianischen Regierung, bestimmte Parzellen auf den Friedhöfen von Nairobi als Stammesgebiete umzudefinieren. Die Maßnahme wäre natürlich rational und hätte gute Chancen, akzeptiert zu werden.

Sie stellt sich gar nicht, die Frage, ob die Philosophie nützlich ist. Vielmehr stellt sich die Frage, ob Juristen oder Politiker gewillt sind, der Philosophie eine Chance zur Ausarbeitung praktischer Lösungen zu geben.

Kenyan farmer

Seedless fruit can be bought almost in every discounter. A danger which I can immediately deplore is the necessity to go to the Hamburg Art Gallery in order to show the kids Ruoppolo’s still life painting from the 17th century so that they have an image of how a real watermelon has to look like.

Another danger is that natural reproduction, since thousands of years a fundamental process for agricultural production, is mediated through commerce if plants cannot reproduce themselves. This makes the farmer dependent on other sectors of economy to a hitherto unknown extent.

Appeals to consumers to refrain from buying fruit from hybrids which cannot guarantee reproduction will almost surely not work. Seedless watermelons are very tasty and if they are cheap as well, there is no way for the majority of consumers to listen to these appeals.

I rather see the solution in a clever application of the parts of logic which concern definitions and categories. For decades, patent attorneys use these parts of logic in order to serve their clients. It is justified, I think, to demand plants which cannot reproduce themselves not to be called by the same name as the plant they come from – by definition. Certainly, they are mutants.

A new linguistic convention concerning these plants and their fruits would make some consumers rethink if they really want to buy the commodity. Therefore, the new linguistic convention which will ensure that seedless watermelons will be seen as belonging to a different category than natural watermelons, will be an incentive for farmers to cultivate the traditional plants and retain some relative independence.

An analogous case in which philosophy could help change the world by way of new definitions and reapplication of old categories is the custom of certain ethnic groups of Kenya to transport their dead to their ancestral territories when they die in Nairobi or, generally, far from “home”. The custom involves covering the transport and the expenses of mourners from Nairobi and threatens to ruin the family of the dead. To put an end to this, Henry Odera Oruka proposed certain areas in Nairobi cemeteries to be redefined as part of the territories of the ethnic groups. This reasonable measure would have chances to be accepted, or, at least, to make things easier for those who cannot afford the expenses.

The question is not whether philosophy is useful. The question is rather whether politicians and law experts would be willing to give philosophy a chance to prove its usefulness.

Kenyan funeral

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Logic and culture

ENGLISH TEXT FOLLOWS

Kultur besteht in der Manipulation von Symbolen nach bestimmten Regeln.
Logik ebenso.
<>~<>
Logic is manipulation of symbols according to rules.
Just like culture in general.

Aristoteles, Oscar Wilde und der Himmel über München

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Drei Münchener Gotteshäuser habe ich heute fotografiert: die Synagoge, bei der ein Kinderfest stattfand, den Alten Peter auf dem Weg zur U-Bahn, schließlich die griechisch-orthodoxe Allerheiligenkirche, in deren Nähe ich immer einen Parkplatz finde.

Nicht nur ist jedes dieser Gotteshäuser repräsentativ für die jeweilige Kultur und Religionsgemeinschaft, sondern heute war auch der Himmel darüber jeweils alttestamentlich, der Lüftlmalerei zuzuordnen oder wie einem maritimen Gemälde von Konstantinos Parthenis entnommen.

Oscar Wilde kehrte auf seine charakteristische Art eine These von Aristoteles um, als er meinte, die Natur ahme die Kunst nach. Cum grano salis ergibt der Spruch Sinn auch außerhalb von Wildes typischer Spitzfindigkeit. Denn es gibt Fälle, in denen die Natur nur deshalb wahrgenommen wird, weil sie mit Kulturellem assoziiert wird.

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I spent the whole day in downtown Munich today and made some pictures of three places of worship: of the synagogue (the St. Jakob’s Square is a great place for children to play), of the “Old Peter” (in fact Munich is what evolved around this church), finally of the Greek-Orthodox All Saints’ church, where I always find a place to park the car.

Each of these buildings is very representative of the culture and religious community in question. The distinctive thing today was that the sky was also representative of the three cultures: biblical over the synagogue, akin to Bavarian folk art over the “Old Peter”, and as if it were taken out of one of Constantine Parthenis’s maritime paintings over the All Saints’ church.

To put it in Oscard Wilde’s words: “Nature imitates art”.

Inverting the terms of a common place was very characteristic of Oscar Wilde and this is how Wilde modified the Aristotelian dictum: “Art imitates nature”. If you consider that there are cases in which we perceive nature only because we associate it with culture, you will probably understand why Wilde’s version makes perfectly sense to me.

 

 

In need of a justification to believe

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Es gibt Fideisten, die behaupten, für ihren Glauben an Gott keine vernünftigen Gründe angeben zu müssen. Sie haben ihre vernünftigen Gründe dazu! Denn ein Fideist braucht zwar keine vernünftigen Gründe für seinen Glauben anzugeben aber er nennt in der Regel immerhin ein paar vernünftige Gründe für seinen Glauben daran, dass er keine vernünftigen Gründe für seinen sonstigen Glauben anzugeben braucht.

Es gibt aber auch Kulturen, die vernünftigen Gründen im allgemeinen misstrauen – so wenigstens eine verbreitete Meinung. Ist diese Meinung wahr? So scheint es auf den ersten Blick! Griechisch-orthodoxe kommen z.B., so eine ebenfalls verbreitete Meinung, traditionell ohne Gottesbeweise aus. Was sage ich da? Sie halten Gottesbeweise für des Teufels Zeug – na ja, vom Gottesbeweis des Johannes von Damaskus abgesehen…

Es war ein Mainachmittag in meinem Erfurter Appartment im Amplonius-Haus. Sonnenschein, mittelalterliches Ambiente, Frühlingsmüdigkeit, ein historischer Anthropologe, ein Historiker und ich, über Kaffeetassen und DIN-A4-Blättern gebückt, versuchten einem dicken gemeinsamen Aufsatz eine endgültige Form zu verleihen, als Dittmar, der historische Anthropologe zu mir meinte:

Du kannst nicht von der Verwendung von Gottesbeweisen in verschiedenen Kulturen in einem Aufsatz über Kulturanthropologie schreiben, mein Lieber! Denn, wenn die Logik so etwas ist, wie du behauptest, dann ist sie eine natürliche Kapazität wie das mathematische Denken. Und die Verwendung von ähnlichen natürlichen Kapazitäten ist in verschiedenen Kulturen ungefähr gleich, sobald sie sich entwickelt haben. Es gibt keine russische und keine deutsche Mathematik und deshalb wird es auch keine griechischen und keine lateinischen Gottesbeweise geben.

In einer Weise gibt Dittmars Schilderung tatsächlich das wieder, was ich über Logik denke. Tatsächlich sind Gottesbeweise im griechischen, arabischen und lateinischen Sprachraum des Mittelalters bekannt, so wie es den Satz des Pythagoras in verschiedenen Kulturkreisen gab. Aber dann, warum sind Gottesbeweise nur im früher lateinischen Sprachraum verbreiteter, ausgeklügelter, wichtiger?

Um es allgemeiner auszudrücken: Warum lebt derjenige, der vernünftige Gründe zum Glauben braucht, mit größerer Wahrscheinlichkeit westlich der Adria?

Gottesbeweis

There are fideists who maintain that they don’t need to justify their believing in God. Of course, they have their reasons to think so. I mean, since they are fideists they don’t think that they have to give a rational account for what they believe, however they do occasionally give a rational account for believing that they don’t need to give a rational account for believing something else.

And there are whole cultures which mistrust rational accounts in general. At least this is a widespread opinion. Is this opinion true? So it seems! The Greek Orthodox, all of them or the mainstream, manage to believe in God without proofs for the existence of God – well, except for the proof authored by John of Damascus… In fact, they think that sophisticated proofs are a sign of disbelief.

It was a May afternoon in my appartment in downtown Erfurt. A bright sunlight, a medieval interior, drowsiness, a historical anthropologist, a historian and me, tried all together to give our common publication a final form without spilling the coffee or mixing the papers, when Dittmar, the historical anthropologist, told me:

You cannot discuss the use of proofs of the existence of God in a paper on cultural anthropology, dude! Because if logic is the thing you claim it to be, it is a natural capacity like mathematical thinking. And the use of mathematical thinking, once you develop it, is the same in every culture. There is no Russian and no German way to mathematics and this is why there’ll be no Greek and no Latin way to prove the existence of God.

In a way, what Dittmar said reflects exactly what I think about logic. Indeed, there are proofs for the existence of God in Greek, Arabic and Latin medieval sources, like the Pythagorean theorem is to be found in many cultures. But then why are proofs for the existence of God in the previously Latin part of Europe – and in what emerged out of it – more usual, more sophisticated, more important?

Generally: if those who need a rational account for what they believe in are more probably to be found from the Adriatic westwards, why is this so?

Diversität

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Je mehr sich die postcolonial studies an den philosophischen Fakultäten etablieren, desto fester lastet der Druck auf den Schultern klassisch gesinnter Universitätslehrer von altehrwürdigen Fächern, ihren Wissensanspruch zu relativieren. Um es mit den Worten des Erfurter Professors für Islamkunde Jamal Malik auszudrücken: “Was ist, wenn ich die Geltung Ihrer westlichen Rationalität anzweifle, Herr Kollege?”

Die Frage ist viel netter als man denkt – selbst wenn sie am Ende meiner Lehrveranstaltung vor einer Tafel voller logischer Symbole gestellt wird. Denn Maliks Nachdruck gilt stets dem Ausdruck “Herr Kollege”.

Trotz humorvollen Umgangs und offener Zuneigung sehe ich etwas Explosives, wenn fachliche Präferenzen als Kulturunterschiede interpretiert werden. Denn die Kultur hat etwas Unzugängliches. Man kann sie schlimmstenfalls nicht mitteilen. Sie ist eine Lebensform, ein “harter Fels, an dem sich mein Spaten zurückbiegt” (Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 217). Akademische Debatten sollten dagegen auf Durchsichtigkeit und ausnahmsloser Mitteilbarkeit basieren.

Gewiss wäre es ein performativer Widerspruch von Seiten eines Postkolonialen, den “Westler” zum Umdenken zu bewegen; ihn für sich zu gewinnen. Denn der “Westler” hört nur auf “westliche” Argumente und diese kann ihm der Postkoloniale nicht anbieten, ohne selber “Westler” zu werden. Der Postkolonialismus verlangt Diversität.

Der Westen kommt ihm entgegen. Aber was der Westen mit “Diversität” meint, gleicht eher der Inklusion. Denn der “Westler” sieht keinen performativen Widerspruch im Versuch, Dissens im Sinn “westlicher” Rationalität zu formulieren.

Inklusion entspricht allerdings nicht immer den Wünschen des Inkludierten. Ich habe ein persönliches Beispiel dafür: Teil meines Wehrdienstes verbrachte ich auf Syros, einer griechischen Insel mit römisch-katholischer Bevölkerungsmehrheit. Nach langen Jahren der Unterdrückung der Katholiken durch den griechischen Staat befand ich mich dort zu einer Zeit – der ich Langlebigkeit wünsche – in der Kirchen und Staat bemüht waren, beide Gemeinden zu einem Leben miteinander hinzuführen. Also wurde der Truppe im Sinne einer Inklusionsmaßnahme befohlen, gemeinsam die Messe zu besuchen – die orthodoxe, versteht sich… Es gab katholische Kameraden, die von ihrem Recht auf Diversität sprachen, das durch die Inklusionsmaßnahme verletzt worden sei. Überrascht war ich dadurch nicht.

Unlängst habe ich versucht, ein paar von Maliks Studenten für mein Gottesbeweise-plus-induktive-Logik-Seminar zu gewinnen. Es gibt schließlich auch gute Inklusionsmaßnahmen, die Diversität zulassen. In diesem Kontext lautet die wichtigste Frage nicht, ob wir unterschiedlich sein wollen, sondern wie unterschiedlich wir sein wollen.

Quiz für die Leser: Welcher ist der katholische und welcher der orthodoxe Stadtteil von Syros und was sind die Unterschiede auf den ersten Blick?

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Postcolonial studies have a sting: The more they get established in the humanities, the more they force mainstream teachers of sacrosanct subjects to relativize their positions. Jamal Malik, the Islam expert of the University of Erfurt, says: “Suppose I contest your western rationality, dear colleague!”

Even if the remark is made after my class in front of a blackboard full of logical symbols, I still feel comfortable. The reason is that his emphasis is always on “dear colleague”.

Despite humour and open sympathy I do see something explosive when preferences in theory are interpreted as differences in culture. Culture has an ineffable element like Wittgenstein’s form of life: the “bedrock ” against which “my spade turns”(Philosophical Investigations, § 217). Debates in academia should be transparent and open to communication.

But I’m not sure if a postcolonial scholar would care whether I understand him or not. I even suspect that he would see attempts to persuade “westerners” as performative contradictions. “Westerners” are supposed to listen to “occidental” arguments and arguing in this way would make a postcolonial scholar a “westerner” himself. Postcolonialism demands diversity.

And this is what it gets in the “West”. However, what the “West” calls “diversity” is rather another word for inclusion. It is namely no performative contradiction for the “westerner” to formulate dissent in terms of “western” rationality.

Inclusion is fine if you want to be included. However, this is not always the case. I would like to mention a personal example. I spent some time during my military service in Syros, a Greek island with a Roman-Catholic local majority and an Orthodox local minority. I happened to be there not long after the end of a deplorable era in which the Catholics had been suppressed and exposed to assimilation pressure. But since now the two churches and the Greek state help the communities get over the traditional trenches, we, the troops of the island, were ordered to attend the mass together – of course the Orthodox one… Some Catholic brothers in arms (and in Christo) murmured about their right to diversity which the inclusion policies had offended. I wasn’t surprised.

I’ve tried to convert some of Malik’s students to attend my seminar on inductive logic and proofs on the existence of God. I thought that there are kinds of inclusion which do allow for diversity after all. In our context, the most important question is not whether we want to be different. The most important question is how much different we want to be.

I have a quiz for my readers: which is the catholic and which is the orthodox quarter (see image above) and which are the apparent differences?

Maskerade

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Die Philosophen mögen normalerweise die Nacktheit: Sie mögen die nackte Wahrheit entdecken, die Struktur der Realität bloßlegen, das Beiwerk der Sprache auf primitive Ausdrücke reduzieren.

Der Fasching widerspricht dem Nacktheitsgedanken. Schlimmer noch legt er nahe, du wärst, was du trägst.

Der in Griechenland nicht unbedeutende Essayist Christos Malevitsis hatte mir in einem persönlichen Gespräch in den 80ern in Athen gesagt, dass er Theater und Philosophie als zwei Zweige griechischer Kultur ansah, die in der Antike entgegengesetzt waren, bevor sie in der christlichen Liturgie und im modernen Theater vereint wurden.

Das schließt nicht aus, dass es ein Theater gibt, das hartnäckig unphilosophisch bleibt. Der Fasching erscheint als ein sehr guter Kandidat für diese Rolle.

Fasching

Normally, philosophers affirm nakedness: they love the naked truth; they reveal the structure of reality; they reduce misleading expression to primitive, low-order language.

Carnival contradicts the idea of nakedness. And what’s worse is that in carnival you are supposed to believe that the others are what they’re dressed as.

In a personal communication in the 80s in Athens, the Greek essayist Christos Malevitsis had told me that he considered philosophy and theatre to be two domains of Greek culture which were contrary in antiquity to be united in the Christian liturgy and in modern theatre.

This would not exclude that there is a theatre which remains unphilosophical. Carnival appears to be a very good candidate for this role.

Fail better!

Le grand duc

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“Fail better!”, die Aufforderung, auf bessere Art zu versagen, ist ein Zitat Samuel Becketts aus einer seiner letzten Prosaarbeiten, “Worstward ho!” – Auf zum Schlechtesten!

Lustigerweise ist “Worstward ho!” ein ironischer Hinweis auf Charles Kingsleys Karibik-Seefahrer-Roman Westward ho! – Auf zum Westen! “Lustigerweise”, weil der Westen Verschlechterung und Versagen typischerweise dämonisiert.

Mein Münchener Professor im Fach Sozialpsychologie, Dieter Frey, bestand seinerzeit darauf, dass zukunftsorientierte Organisationen im Westen sich eine östliche Fehlerkultur aneignen sollten (zur Umsetzung einer Fehlerkultur in deutschen Unternehmen vgl. die Vorschläge Freys in diesem Dokument, S. 24 f.). Obwohl Frey aus der experimentellen Sozialpsychologie kam, waren seine Seminare stets sehr philosophisch. Über Karl Poppers Ansichten zum Irrtum als nützliche Quelle von Lernen und über Adornos Verblüffung über den amerikanischen Spruch “I am a failure” haben wir uns da unterhalten.

Adorno und Popper waren allerdings jüdische Kinder eines Mitteleuropa, das noch nicht westlich war. Das heutige Mitteleuropa hat gelernt, den Irrtum als Hindernis statt als Chance zur Effizienz zu betrachten.

Gerade heute klagte z.B. die Musiklehrerin meiner Töchter, dass ihre meisten Schüler es nicht ertragen, wenn sie falsch spielen. Ich schließe aus, dass sie meine Töchter in diese Gruppe einbezog. Jedenfalls hat mich ihre Bemerkung an bestimmte Situationen in einem katholischen Kirchenchor erinnert, wo die zwei Tenöre links und rechts staunten, was ich denn da gesungen habe; das D sei letztendlich punktiert gewesen! Als ich dann für ein paar Monate zu einem byzantinischen Kirchenchor gewechselt hatte, staunte ich über die Überbetonung der seelischen Ruhe beim Interpretieren gegenüber der körperlichen Übung, aber vielmehr staunte ich über die unwestliche Art, mit der beide Chorhälften mit der Musik umgingen nach dem Motto: Fehler sind kein Bestandteil der Interpretation; sie sind ein Bestandteil der Komposition. Diese Einstellung war in der Ungenauigkeit der Notation verankert.

Der neueste Trend in byzantinischen Chören lautet – habt Ihr’s erraten? – die alte Musiknotation der Ostkirche in westliche Noten zu transkribieren.

“Fail better!” is a quote from Samuel Beckett’s “Worstward ho!”, one of his last stories and a parody of Charles Kingsley’s Westward ho! What makes the parody funny for me is that the West demonizes failure.

Dieter Frey, a professor of social psychology whose lectures I visited while a student at the University of Munich, insisted that organisations in the west should learn from the Orientals to allow for mistakes. His being a representative of experimental social psychology notwithstanding, Frey was very interested in philosophy. In his sessions we talked about Karl Popper’s views on error as a source of learning as well as about Adorno’s bewilderment by the American expression: “I am a failure”.

Adorno and Popper were Jewish persons from a non westernized Central Europe. Today, however, Central Europe has learned to consider error rather a threat than a chance for efficiency.

An everyday example would be that the music teacher of my daughters complained today that most of her pupils cannot stand playing out of tune. There are two things to say about this: Her remark is certainly not true of my daughters. But it reminded me of some situations in this catholic choir, the tenors on my left and on my right not believing that I had failed to notice that a certain note was dotted. After I moved to a Byzantine choir I was astonished by the importance of tranquility there (we prayed in the beginning of the rehearsals!) but especially I admired the way they were discussing about the music. They appeared to think that errors weren’t involved in the interpretation – but this only for the reason that they were involved already in the composition! The imprecise Byzantine music notation was obviously one of the reasons for this remarkable attitude.

The state-of-the-art Byzantine choir transcribes the Byzantine music notation into Western.