Göttingen 1926

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Es gibt keinen besonderen, externen Grund – etwa ein Jubiläum oder etwas Ähnliches – aus dem ich plötzlich auf das zurückgreife, was am von David Hilbert geführten Institut in Göttingen anno 1926 passierte. Wegen der in Zusammenarbeit mit Hellmuth Milde nach und nach entstehenden Sachen las ich wieder von Neumanns Startschuss der Spieltheorie vom Jahr 1926, den er als damals junger Forschungsassistent bei Hilbert losließ, und außerdem finde ich es wieder verjüngend – ein gezieltes Déjà-vu sozusagen – nach Jahrzehnten als Mittagspausenlektüre meine damalige Einführung in die Prädikatenlogik zu lesen: Hilberts und Ackermanns Grundzüge natürlich… Auf dem Sofa – und wer mich näher kennt, kennt auch die Stelle und die Zeit. Die Grundzüge entstanden 1926. Ob Hilbert, von Neumann und Ackermann auf einem gemeinsamen Sofa saßen und bei einem Käffchen arbeiteten, während sie die Geschicke der Wissenschaft prägten, interessiert mich. Denn historisch gesehen ist das Aufeinandertreffen eines Platon, eines Speusippos und eines Aristoteles selten.

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For no other reasons than some papers to be written with Hellmuth, I read again von Neumann’s ancestral paper on the Theory of Games – written and first presented in Göttingen in 1926. Additionally, it gives me a sense of rejuvenation to read Hilbert’s and Ackermann’s Grundzüge during the midday break – now, for those readers of this blog who see me every day: on the sofa, where else? It was my introduction to predicate logic as a 20-years old, you see…

Like von Neumann’s paper, Hilbert’s and Ackermann’s classic was written in Göttingen in 1926. I fancy imagining the three of them on the same sofa with a coffee. I find the picture remarkable. Historical situations which resemble having Plato, Speusippus and Aristotle on one and the same spot are very rare.

Ignorabimus

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Der halblateinische Satz stammt von David Hilbert, dem Mathematiker, der Anfang des 20. Jh. die Agenda der Mathematik diktieren wollte:

In der Mathematik gibt es kein Ignorabimus

Will sagen, in der Mathematik gibt es keine Probleme, die ungelöst bleiben werden, obwohl alles vorhandene Hintergrundwissen offen liegt.

Hilbert meinte, dass die Mathematik dem Alltagsgefühl entgegensteht, alles verfügbare Wissen erschlossen zu haben, ohne zu nützlichen Resultaten je kommen zu können. Dass sich aber selbst in der Mathematik ähnlich wie im Alltag verhalten kann, wissen wir seit Gödels Unvollständigkeitssatz: Mathematische Wahrheiten ohne Beweisverfahren gibt es genauso gut wie den Verlust von Socken ohne vernünftige Erklärung über ihren Verbleib. Zwar würde ein Platonist oder ein anachronistischer Hilbert-Revisionist meinen, dass die Mathematik und das Problem der einzelnen Socken nichts miteinander zu tun haben, da das Schicksal der verlorenen Socken nur auf Zufall beruht, während in der Mathematik nichts dem Zufall unterliegt.

Aber dass die unbewiesenen mathematischen Wahrheiten diese und keine anderen sind, ist in einem Sinn auch zufällig. Wenn es in einem Sinn notwendig wäre, dass die-und-die Wahrheiten nicht beweisbar sind, dann ließe sich anhand von anderen Wahrheiten erklären, dass diese zwar Wahrheiten sind, die aber ohne Beweis bleiben müssen. Infolge dessen hätte es somit eine Ableitung dieser Sätze gegeben, was gegen die Annahme ist, dass sie ohne Beweis sind.

Analog dazu gibt es keine Erklärung dafür, warum das Sockenmonster gerade diese Socken fraß.

Hilbert und Socken

The semi-Latin quote is typically associated with David Hilbert’s ambition to set the agenda of mathematics in the early 20th century:

In mathematics there is no ignorabimus

Hilbert trusted that in mathematics there will be no problems bound to remain unsolved after all background knowledge will have been available to us.

Mathematics was for Hilbert a discipline which opposed to the everyday experience of no useful results despite much knowledge. However, since Goedel’s incompleteness theorem we know that there are unproven mathematical truths just like there are unexplainably missing socks. A Platonist or an anachronistic Hilbert revisionist would say, of course, that mathematics and the problem of single socks are different since there is not a fate of a missing sock: socks are missing accidentally. In mathematics there is nothing accidental – at least so they would say.

Notice, however, that the fact that this and this are unproven mathematical truths is also accidental. If it were not, then there would be some mathematical truths which would explain why the unproven mathematical truths are truths but unproven. But this would, of course, be to prove them against the assumption that they are unproven.

Analogously, there is no explanation for the fact that, of all socks, the sock monster ate these-and-these.