Aristottgenstein

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Eine wichtige Tendenz in der Didaktik des Faches philosophische Logik seit den 50ern lautet, dass die Syllogistik unnötig zur Einführung in die Logik ist. Das war unter dem Einfluss von Carnap und später Quine in der damaligen Bundesrepublik der Fall. Selbst Konstruktivisten hatten diesem Verständnis der aristotelischen Logik nichts entgegenzusetzen. Paul Lorenzen meinte 1958, in seinem bahnbrechenden Aufsatz „Logik und Agon“, ausgerechnet Aristoteles hätte aus der Logik als Zweikampf ein Solospiel gemacht. Ich frage mich, wie Lorenzen die Sophistischen Widerlegungen 11 verstand. Aber dazu später.

Nicht anders war der Trend im Osten. Horst Wessel und Johannes Dölling begrüßten ihn 1980 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie 12, S. 1522, in ihrem Artikel „Erfahrungen mit dem Lehrprogramm für das Lehrgebiet Logik“:

Seit dem Herbstsemester 1973 wird der Logikunterricht für Studenten der Grundstudienrichtung Marxistisch-leninistische Philosophie an den Universitäten der DDR … nach einem vom Minister für Hoch- und Fachschulwesen bestätigten verbindlichen Lehrprogramm durchgeführt. Dieses Programm wurde von Lehrkräften der Universitäten Berlin, Leipzig und Halle ausgearbeitet, die über langjährige Erfahrungen in der Logiklehre für Philosophiestudenten verfügen. Schon bei seiner Konzipierung kam es zu einem fruchtbaren Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrenden … So waren sich alle Lehrkräfte darin einig, daß die Logik auch für Philosophiestudenten in ihrer modernen Gestalt gelehrt werden muß. Es wurde deshalb bewußt darauf verzichtet, einen Vorkurs über traditionelle Logik zu lehren.

Im Rückblick finde ich es ungerecht, dass die traditionelle Logik lange vernachlässigt blieb, da die moderne Logik die einzig wahre Form der Logik darstellen soll, aber ersterer gleichzeitig vorgeworfen wird, sie sei schuld an der Vorstellung, es gebe eine einzig wahre Logik a priori.

Gerade zu einer Zeit des Logikpluralismus muss, finde ich, immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die mittelalterlichen obligationes und selbst Aristoteles‘ Bemerkungen in den Sophistischen Widerlegungen 11 dahingehend, dass die Syllogistikregeln in der Dialektik analog zu den Regeln eines sportlichen Wettkampfs zu verstehen sind, zeigen, dass die philosophische Grammatik im Sinn von Sprachspielen anstatt sub specie aeternitatis ihren Anfang in der traditionellen Logik hat. Dazu nur noch kurz eine Bemerkung: Warum verstehen wir das Bindeglied „Spiel“ in Wittgensteins „Sprachspiel“ als Sprachkontext und nicht etwa als Wettkampf, wie Aristoteles‘ „agon“ in den Sophistischen Widerlegungen 11? Gerade wenn ich an Wittgensteins Bezugnahmen auf das Schachspiel in den Philosophischen Bemerkungen denke, erscheint mir diese Deutung sehr plausibel.

Ich darf an dieser Stelle auf den 5. Kongress zum logischen Viereck hinweisen, der im November auf der Osterinsel und wie immer vom Freund Jean-Yves Beziau und dem Kreis um die Zeitschrift Logica Universalis veranstaltet wird: Logikern, die zu den wenigen gehören, die von der traditionellen Logik immer noch neue Einsichten gewinnen und das zu sagen wagen.

Aristogenstein

Enough with scrolling

Since the 50s, in Germany it has been an important tendency in the didactics of the subject „Logic for philosophers“ to disregard syllogistics. This was the case in the Federal Republic under Carnap’s and later Quine’s influence. Even constructivists failed to support Aristotle in this respect. Paul Lorenzen, in his pioneering 1958-paper „Logic and Agon“, claims that of all people Aristotle had made a dull game of solitaire out of logic as an exciting duel. I can’t explain how Lorenzen understood Sophistical Refutations 11. I’ll return to this immediately.

In East Germany things haven’t been otherwise. Horst Wessel and Johannes Dölling hailed the trend in 1980 in an article titled „Lessons to Learn from the Syllabus for the Subject Logic“ published in the Deutsche Zeitschrift für Philosophie 12. There, on page 1522, they say:

Ever since the winter of 1973, students majoring in Marxist-Leninist Philosophy at the universities of the GDR have been learning logic … according to a syllabus accredited by the minstery to be used at institutes of higher and technical education. This syllabus was elaborated by the teaching staff of the universities of Berlin, Leipzig and Halle, scholars with long-time experience in teaching logic for philosophy students. The knowledge transfer between the teaching staff member was fruitful already in the preperation of the syllabus… They all agreed to teach also philosophy students only modern logic. A preparatory course in traditional logic was explicitly discarded.

Looking back, I find it unjust for traditional logic to be ignored because modern logic is allegedly the only true form of logic, whereas it’s traditional logic which is found guilty of the idea that there is a unique, a priori true logic.

At a time of logical pluralism, I think that one cannot understate the importance of the medieval obligationes. Neither can the importance of Sophistical Refutations 11 be understated, where Aristotle maintains that the rules of syllogistic are analogous to the rules of a sports discipline. These two examples show that a philosophical grammar with a plethora of language games instead of one-and-only reason sub specie aeternitatis has been founded by Aristotle and the medieval logicians. One more brief note in this context: in Wittgenstein’s „language games“, is there a special reason to understand „games“ in terms of linguistic contexts instead of a competition, like Aristotle’s „agon“ has to be understood in Sophistical Refutations 11? When I think how extensively Wittgenstein dwells on chess in the Philosophical Remarks, I cannot help myself wondering about this.

But now, let me recommend you the reason that made me make these thoughts: the 5th Congress on the Square of Opposition in Easter Island to take place next November. As always, it’s being organised by Jean-Yves Beziau, a good friend, together with the circle around the journal Logica Universalis. These are logicians who are not afraid to get their inspiration from traditional logic – and to admit so.

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20 years after or: Feuer im Foyer

Marx

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Im Herbst 1993, drei Jahre nach der Wiedervereinigung, kursierten in Berlin zwei verschiedene Ansichten über die Inschrift im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität. Es gab diejenigen, die sie als eine propagandistische Floskel eines Unrechtsregimes entfernen lassen wollten, wie z.B. der Philosophieprofessor an der HUB Volker Gerhardt, aber auch diejenigen, darunter der für Denkmalschutz Zuständige sowie die Präsidentin der Universität, die in der Inschrift eine schmerz- aber wertvolle Erinnerung sahen.

20 Jahre später prangt das Marx-Zitat immer noch im Foyer. Gibt’s vielleicht einen besseren Beweis dafür, dass es tolerierbar war?

Gerhardt widmete der Foyer-Debatte ein ganzes Buch mit dem Titel Eine angeschlagene These: Die 11. Feuerbach-These im Foyer der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin: Akademie Verlag, 1996. Eine seiner Pointen lautet, dass die Inschrift die Marx-Stelle aus den Thesen über Feuerbach nicht richtig wiedergebe: Bei Marx fehle das „aber“, was impliziere, dass Marx in der Interpretation und der Veränderung der Welt keinen Gegensatz gesehen habe. Das heißt, dass die Inschrift eine womöglich falsche Überinterpretation einer Marxschen These darstelle.

Mir ist nicht klar, wie sich diese Pointe zur Entscheidung der Debatte verhalten sollte. Der Wortlaut des Originals unterstützt beide Lesarten, sowohl die Lesart mit dem „aber“ als auch Gerhardts Meinung. Und solange in der DDR die Lesart mit dem „aber“ als diejenige angesehen wurde, die den Geist der 11. These bewahrte, ist die Inschrift durchaus eine echte marxistische Position. Was konsequenter Marxismus ist und was nicht, dafür ist nicht Marx zuständig. Marx selber kann beim Niederschreiben irgendeines Satzes schläfrig, nicht gut drauf, nicht voll dabei gewesen sein.

Wer kein Marxist ist, sollte für die Entfernung der Inschrift plädieren, nicht aber mit der Begründung, diese sei kein richtiger Marx. Mich stört sie – ob mit „aber“ oder ohne. Sie ist antiintellektuell, aktionistisch, sie betreibt Agitation.

During autumn 1993, three years after the reunification of Germany, there were two positions concerning the inscription in the entrance foyer of the main building of the Humboldt-University in East Berlin. The inscription, a quote from Marx’s Theses on Feuerbach:

The philosophers have only interpreted the world, in various ways; the point however is to change it.

were taken by some to be a propagandistic slogan of a dictatorship, by others it was seen as an unpleasant but educational part of the university’s history. The former, among them Volker Gerhardt, a philosophy professor, wanted to remove the inscription. The latter, among them the officer for monument protection and the president of the university, wanted to preserve it.

20 years later, the inscription can still be seen in the foyer. What else can be demanded in terms of a proof for the claim that it was tolerable in the first place?

Gerhardt wrote  on the foyer-debate a book titled: A Damaged Thesis: The 11th Thesis on Feuerbach in the Foyer of the Humboldt-University in Berlin, published in German by Akademie Verlag in 1996. One of the points Gerhardt makes pertains to the faithfulness of the quotation. In Marx there is no „however“ and this implies, the argument goes, that Marx didn’t see a discrepancy between interpreting and changing the world. In other words, the inscription in the foyer is a probably false interpretation of Marx’s 11th thesis.

I don’t understand how this point could be related to a decision of the debate 20 years ago. The original of the thesis supports both readings: a reading with a „however“ as well as a reading without it. But, and this is the important point, in East Germany the reading with a „however“ was obviously held to reflect the spirit of the 11th thesis. This makes the inscription in the foyer a Marxist position. You don’t ask Marx to tell you what is consistent Marxism and what isn’t. Marx himself could have been sleepy, tired, absent-minded when he wrote down the 11th thesis.

Those who are not Marxists should plead for the inscription to be removed, not however for the reason that it’s not the real Marx. The 11th thesis bothers me anyway, with or withouth a „however“. It is anti-intellectual, actionistic, it’s something that only an agitator would say.

Perdurantismus gegen Endurantismus

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Wenige Dinge sind für einen Philosophen so unsexy wie die Einsicht, ein Streit lasse sich nicht durch intellektuelle Anstrengung entscheiden.

Der Streit zwischen Perdurantisten und Endurantisten ist ein solcher Fall. Die Perdurantisten meinen, ich bestünde aus mereochronologischen Scheiben: einem S.G. des 27. Oktober, einem S.G. des 28. Oktober, einem S.G. des 29. Oktober… Die Endurantisten meinen dagegen, ich würde im Sinne meiner körperlichen Existenz existieren.

Warum dachte ich ausgerechnet jetzt daran? Nun ja, heute habe ich die Frage verneint, ob ich jemals in der DDR war.  Wohlgemerkt bin ich jetzt in der DDR – bzw. im ehemaligen Territorium des Staatsgebildes.

Ich meine, dass ich Recht habe, diese Frage zu verneinen. Wäre der Terminus „DDR“ als „Territorium der DDR“ zu verstehen, so hätte ich gesagt, dass ich jetzt und auch sonst mehrmals in der DDR gewesen bin. Da er aber im Sinne einer mereochronologischen Scheibe gemeint ist, war ich niemals in der DDR, weil ich Ostdeutschland erst nach 1990 besuchte.

Es gibt Termini, die der Perdurantismus besser analysiert (z.B. „DDR“) und andere, die der Endurantismus besser analysiert (z.B. „Dreieck“).

Mega Cam

For a philosopher, only very few things are so unsexy like realizing that some dispute is not decidable by thinking alone.

The dispute between perdurantists and endurantists is such a case. The former think that I consist of mereochronological slices: an S.G. of October 27th, an S.G. October 28th, an S.G. of October 29th, and so on… By contrast, endurantists think that my existence is my bodily being.

Why do I think of this now? Just because today I had to negate the question whether I’ve been in the GDR before. NB, I am in the former territory of the GDR now.

I’m justified to negate the question, I think. If the term „GDR“ were to mean „territory of the GDR“, i.e. East Germany, then I should say that I’ve been in the GDR and, in fact, that I’m there right now. But since the term refers to a mereochronological slice, I was never in the GDR.

There are terms which perdurantism analyses better (e.g. „GDR“) and terms which endurantism analyses better (e.g. „triangle“).

Red operators

Womackas am Strand

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Die Logik-Literatur in der DDR lässt mich an ein Wahrzeichen der DDR-Kulturproduktion denken: an Walter Womackas bekanntes Bild „Am Strand“. Die DDR-Logiker waren über die Entwicklungen im Westen gut informierte, scharfe Denker. Gleichzeitig waren sie auch auf etwas anderes scharf: auf die sehr selbstbewusste sowjetische Philosophie.

Man mag wie Lothar Kreiser (Logik und Logiker in der DDR: Eine Wissenschaft im Aufbruch, Leipziger Universitätsverlag, 2009) im nachhinein ideologiefreie Momente der DDR-Logik herausstreichen, oder wie Horst Wessel („Horst Wessel, der Logiker“ wie wir frech in unseren Studentenjahren sagten – den blöden Witz verstehen wohl jüngere Menschen, Gott sei Dank, nicht mehr) sich seiner Zusammenarbeit mit dem wichtigsten Dissidenten unter den sowjetischen Logikern, Alexander Alexandrowitsch Sinowjew, rühmen.

Tatsache bleibt aber, dass das epistemologische Grundmotiv der DDR-Logik durch die Sowjetphilosophie vorgegeben war. Mit dem „epistemologischen Grundmotiv“ meine ich diesen nichtklassischen Logizismus realsozialistischer Machart, wonach die Logik die historisch herausgebildeten Gesetze des Denkens beschreibe, für die aber die klassische Logik zu kurz käme (in diesem Punkt gelegentlich unter Verweis auf Hilbert oder Quine). Bereits bei Georg Klaus († 1974) ist diese Tendenz zu spüren – wobei gerade Klaus (Moderne Logik, Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1972 (6. Aufl.), 81) gegen die Naivität der Sowjetphilosophie giftete, alles bei Hilbert als Ausdrucksweisen seines Idealismus abzutun. Verliebt in die selbstherrliche und naive Partnerin blieben allerdings die DDR-Logiker bis zum Schluss.

Am 7. Oktober war der „Tag der Republik“ der DDR – der Geburtstag einer Toten sozusagen. An die Zeit vor ihrem Tod erinnern mich ein paar Bücher mit vergilbten Seiten, die ich als etwa Zwanzigjähriger für sehr billiges Geld erstand – bezeichnenderweise in der Athener Buchandlung, die von der griechischen Kommunistischen Partei betrieben wurde.

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East German logic during the times of the GDR reminds me of a „trade mark“ of East German cultural heritage: the well-known 1962-painting of Walter Womacka „On the Beach“. The East Germans were very well informed on the developments of their discipline in the West and keen logicians. At the same time they were keen in devotion to Soviet philosophy who was the dominant part of the partnership. This is what I say…

There are arguments against my claim. Lothar Kreiser (Logik und Logiker in der DDR: Eine Wissenschaft im Aufbruch, Leipziger Universitätsverlag, 2009) attempted to highlight elements of East German logic which were free of ideological indoctrination. And Horst Wessel (not to be confused with a criminal by the same name who was murdered already in 1930) had the honour of being a very close collaborator of the most important dissident among Soviet logicians, Alexander Alexandrowitsch Sinowjew.

However, the main epistemological assumption of East German logic was dictated by Soviet philosophy. With this, I mean a behind-the-iron-curtain non-classical logicism. A logicism which considered logic to explore and describe the historically emerging laws of thinking, for which however classical logic does not suffice – at least this was the assumption. Sometimes this point was accompanied by polemic passages against Hilbert or Quine. This line of thinking was already launched by Georg Klaus († 1974). In order to do justice to Klaus, I should add that he considered the rejection of Hilbert’s – allegedly „idealistic“ – conception of implication (Klaus, G, Moderne Logik, Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1972 (6th edition), p. 81) a naive tendency in Soviet philosophy. Notwithstanding her naiveté, East German logicians remained in love with Soviet philosophy until the end.

The national holiday of the GDR was on October 7th – a birthday of something which is already dead. I remember myself searching for bibliography from this alien falling star in a bookstore in Athens owned by the Communist Party of Greece – a fainting memory whose witnesses are some old books.