Intertextualities and failures

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Mit fünfzehn war ich ein Peanuts-Leser, erst viel später las ich Kafkas Vor dem Gesetz. So wird es vielen gegangen sein.

Kafkas Geschichte des Wartens vor einer Tür, die insgeheim nur einem bestimmten „Mann vom Lande“ geöffnet werden darf, was nie passiert, da dieser niemals Mut fasst und fragt, erinnerte mich damals Zwanzigjährigen sofort an Charlie Brown, dessen Herzklopfen vor der kleinen Rothaarigen lauter ist als seine Stimme. Die Ähnlichkeit ist frappierend: Wie Kafkas Charakter, so bringt es Charlie Brown nicht übers Herz, sein Glück einzufordern. Wie Kafka, so lässt auch Schulz den Leser wissen: „Das war seine Chance zum Glücklichwerden und er hat sie verpasst, weil er zu scheu war, den Mund aufzumachen“.

Ich schließe aus, dass Kafkas Kurzgeschichte Schulz‘ Vorbild war, was auch erklärt, warum die Literaturwissenschaft den Zusammenhang ignoriert. Sie interessiert sich ja für historische, bewusste Vorbilder als Intertextualitäten.

Dabei gibt es unabsichtliche Intertextualitäten: Sachen, die übereinstimmen, weil sie wahr sind. Eine wirklich strukturalistische Literaturwissenschaft soll sich mit ihnen beschäftigen und insofern ein Stück lang ahistorisch, philosophisch und anthropologisch werden.

In der Dialektik der Aufklärung ziehen Horkheimer und Adorno gegen den Ausdruck „I am a failure“ her, den sie gleichzeitig und dialektisch auf die Amerikaner beziehen. Dass beide Ikonen der Frankfurter Schule unmögliche Snobs waren, ist ja bekannt. Aber hier haben sie durch ihren Snobismus ein kafkisches Moment nicht erkannt. Durch ihren Snobismus zum Kulturproletariat herabgestürzt und Opfer ihrer eigenen Dialektik…

Enough with scrolling

I belong to this majority who read the Peanuts before Kafka’s Before the Law.

Kafka’s story is about a peasant who, unknowingly to him, is the only entitled to enter paradise – or something like it. At the end of a long waiting in the vestibule, the man is denied entrance since he spent too much time there without daring to ask for what was meant to be his and only his. This reminded me, back then a twenty-year-old, of Charlie Brown’s heartbeat that was louder than his voice whenever he saw the Little Red-Haired Girl. The Little Red-Haired enters this car – the reader doesn’t see so, but Snoopy describes the scene beside a speechless Charlie Brown – to never return again without ever getting the faintest idea about the existence of this boy named Charlie who…

I don’t think that Schulz had ever read Kafka. Strictly speaking, there’s no intertextuality between Charlie Brown and Kafka’s peasant.

But still, I can’t see why intertextualities must be genetically, historically connected. True feelings – e.g. of failure – are an ecumenical intertextuality. Truth itself is an intertextuality.

In their Dialectic of Enlightenment, Horkheimer and Adorno made fun of the American idiom – if it is one, at least so they claim – „I am a failure“. It is well known that the icons of Frankfurt-style Marxism had an extremely snob’s attitude towards popular culture. When snobby allures make one fail to see the Kafkaesque, I don’t know who has to be snobby at whom…

Victims of their own dialectic…

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Dialektik

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Die Dialektik feierte letztlich große Erfolge. Vor allem die Graham Priest zugeschriebene (und in Wirklichkeit von Asenjo/Tamburino entwickelte) „Logik der Paradoxien“, aber auch die Arbeiten da Costas und anderer machten uns einen Wahrheitswert bekannt, der als Mischung von wahr und falsch zu verstehen ist.

Dabei vergessen wir, dass die marxistisch und hegelianisch motivierte Dialektik durch und durch unvorstellbar war: Falsches in der unvermischten Wahrheit, Wahres in der puren Falschheit.

Den Dialetheismus betrachte ich als   einen harmlosen entfernten Verwandten dieser älteren Misologie, die bekanntlich George Orwell als solche kenntlich machte.

Gestern fand ich wieder nach Jahren in einer alten Anthologie eines der Gedichte Helmut Heissenbüttels. Es wirkt wie aus einem anderen Jahrhundert.

Das Gute daran: Nicht nur wirkt es so. Es ist es auch…

ENOUGH WITH SCROLLING

In the past decades, dialectics has been celebrating success after success. Graham Priest’s „Logic of Paradox“ (in fact launched by Asenjo/Tamburino),  da Costa’s contributions to the discussion as well as those of others, made us understand dialectics as dealing with a truth value that is a glut of true and false.

Still, anyone who reads after decades Helmut Heissenbüttel’s poem Negative Dialectics 1 can recall that the Hegelian and Marxist dialectics was different. It wasn’t about certain sentences (like, say, „This sentence is false“) supposed to be true-and-false without being only-true and without being only-false. It was about

Negating while affirming.

Affirming while negating while affirming.

Negating while affirming while negating while affirming

How can it be?

It was Orwellian. Dialetheism is only a harmless distant relative thereof.