Alltagseschatologie

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Griechische Jugendliche würden einen Telefonanruf durch die angebetete Person oder das Tor in der neunzigsten Minute, vielleicht nicht ohne Selbstironie eine „Auferstehung“ nennen. Nicht von ungefähr! Wer die ostkirchliche Rhetorik bezüglich Tod und Auferstehung verfolgt, wird feststellen, dass die alljährlich wiederkehrende Passion als A. Hinweis auf ein historisches Ereignis und als B. Allegorie für unser eigenes Golgatha und unsere eigene Überwindung desselben gilt.

In diesem Sinn sehe ich heuer keinen Link als angemessener an denn den, in dem Fairouz, die ehemals griechisch-katholische, später orientalisch-orthodoxe Muse Syriens, das Auferstehungstroparion ihres Landsmanns Romanus Melodus singt, das seit dem sechsten Jahrhundert die Orthodoxen und auch die Christen griechischen Ritus den ganzen Mai und vielleicht auch im April unter der Dusche zwar nicht, dafür aber in jeder Kirche, in der Einsamkeit ihrer Wohnungen oder etwa beim Arbeiten an einer nachhallenden Baustelle laut singen.

Auf die Auferstehung Syriens und auch auf die Freude unabhängig von Ländern und Zeiten!

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Fairouz, the originally Greek catholic, later orthodox Syrian diva sings in the above link her compatriot’s Romanos the Melodist’s Paschal troparion from the 6th century AD. If there were musical charts from 14 centuries, Christos anesti would be a springtime hit and an evergreen. Every priest has to sing it in the night of the Good Saturday. But also every construction site has echoed it if it only had the honour to host one semi-pious worker. Admittedly, this is not something you’d sing in the shower but it’s sung everywhere else.

For this year’s Easter, I don’t know of a better way to wish Syria’s and everyone’s Golgotha to come to an end than this.

I do this as an adherent of the Greek rite and an Orthodox Christian after all. For us, you see, the passion and the resurrection are not only about the historical events concerning Christ. They’re also about an everyday eschatology: about the little crucifixions and resurrections throughout the year: phonecalls of beautiful people, liberations from tyranny, goals in the ninetieth minute – really whatever!

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Stên ekklêsia, K.P. Kavafis, 1912

Scroll for Sherrard’s/Keeley’s translation of C.P. Cavafy’s poem

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IN DER KIRCHE

Ich liebe die Kirche – ihre sechsfach geflügelten,

Cherubim, ihre silbernen Gefäße, ihre Leuchter,

Ihre Lichter, Ikonen und Kanzeln.

Wenn ich sie betrete, die Kirche der Griechen,

Mit dem Duft ihres Weihrauchs,

Den Gesängen und liturgischen Chören,

Der feierlichen Erscheinung der Priester,

In prächtige Gewänder gekleidet

Und mit dem ernsten Rhythmus ihrer Gesten,

Wird mein Geist von der Größe unseres Volkes erfüllt,

Vom Ruhm unseres Byzanz.

~~~~~~

Übersetzt v. Robert Elsie

Der nicht oströmische Leser wird meinen, dass das heutige Posting entgegen dem in diesem Blog Gewohnten nicht ökumenisch ist. Recht wird er haben. Eine oströmische Woche der Pönitenz in einem Jahr voll weltbürgerlichen Eifers wird doch verzeihlich sein.

Meine Dankbarkeit für die kurzzeitige Wandlung gilt der Basler Hagia-Sophia-Kirche.

Enough with scrolling

In the Passion Week, in the Orthodox Church there’s space for every one of Her scattered children. I chose Sherrard’s translation of Cavafic verse not only because of our common Euboean and Anglogreek identity – NB, the second property being one of the poet as well – but mainly because of the literary merit. Whereas… I’m not quite sure whether the two things, merit and being an Anglogreek, are really independent from each other.

IN CHURCH

I love the church: its labara,

its silver vessels, its candleholders,

the lights, the ikons, the pulpit.

Whenever I go there, into a church of the Greeks,

with its aroma of incense,

its liturgical chanting and harmony,

the majestic presence of the priests,

dazzling in their ornate vestments,

the solemn rhythm of their gestures—

my thoughts turn to the great glories of our race,

to the splendor of our Byzantine heritage.

Translated by Edmund Keeley/Philip Sherrard

Tribalism and vegetables

Arkas 1

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Eine wichtige These in Pierre Bourdieus einflussreichem Werk Die kleinen Unterschiede lautet, dass Binnengruppen (und im allgemeinen Gruppen) sich von Außenseitern dadurch unterscheiden, dass sie entweder Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen ziehen, die Außenseitern unsichtbar sind, oder die Gruppenzugehörigkeit von Kriterien abhängig machen, die von Außenseitern nicht kopierbar sind. Essensvorschriften können solche Kriterien sein.

Koscheres Essen ist eine solche Vorschrift. Nehmen wir das Verbot, ein Lamm in der Milch seiner Mutter zu kochen – der Milch also, die vielmehr des Lammes Nahrung denn des Lammes Sauce als unsere Nahrung sein sollte. Dass sich daraus im späteren Judentum das Verbot ergab, Kalbsschnitzel mit Feta als Beilage zu essen, verstehe ich als immer mehr und mehr verallgemeinerte – auch metaphorische – Interpretation des ursprünglich eng zu verstehenden Verbots durch Binnengruppen, die die Außenseiter schließlich entweder absorbierten oder verdrängten.

Das christlich-orthodoxe Fasten – bald erreicht es seinen Höhepunkt – ist ebenfalls eine Binnengruppen-Essensvorschrift im kultursoziologischen Sinn. Es fällt auf den ersten Blick auf, dass es zum Ausschluss von Juden maßgeschneidert ist. Gemüse ohne pflanzliches Fett zubereitet (Butter und Käse sind natürlich no-go) ist zwar OK für Juden, aber die Proteine-Lieferanten vieler Griechen, Russen, Melkiten usw. in der Fastenzeit – Krusten-, Weichtiere und Meeresfrüchte – schließt die jüdische Essensvorschrift aus. Abgesehen davon können beide Gemeinschaften nicht gemeinsam feiern, da Paskha mit Pessach nicht zusammenfallen darf.

So verstandener Tribalismus ist einerseits alles andere als „fein“, um bei Bourdieu zu bleiben, andererseits würde selbst der Versuch von Konversionswilligen, in die andere Gemeinschaft aufgenommen zu werden, an der Umsetzung von diätetischen Feinheiten misslingen. Die Zeit zu lernen, hätten die Konversionswilligen jedenfalls nicht. Schuld daran wäre der Tribalismus, der wahrscheinlich jede Heiratsmigrantin und jeden Heiratsmigranten zum Verlassen der Hölle bringen würde, bevor jene auf den Geschmack kämen bis ins exotische Paradies der Anderen hinein.

Gläubige stellen sich oft das Paradies als einen Ort vor, wo sie, selbstverliebte Heimatpatrioten, für ihre Lebensweise und Diät belohnt werden. Andersgläubige, Analytiker und Nouvelle-Cuisine-Leute würden keine Freude dort haben.

Arkas 2

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One of the basic statements in Pierre Bourdieu’s La difference is that ingroups (groups generally) distinguish themselves from outsiders along lines that, for outsiders, are invisible or by criteria that, for outsiders again, are impossible to copy. This can be also by means of religious prescriptions concerning food.

Take kosher cuisine. How comes that a prescription to avoid cooking a lamb in its own mother’s milk – NB, milk that was supposed to serve as the lamb’s food, not as a sauce to the lamb when the latter is your food – becomes the prescription not to have sheep’s feta as a side dish to a beef steak? I can only understand the process as an ongoing radicalisation that begins in an ingroup that uses no sheep’s butter (yes, it exists!) to cook a lamb, to end with the same ingroup’s using no dairy products in combination with any meat – and excluding the outgroups from the community altogether.

Christian-Orthodox fasting – soon to be on its peak – would be another example of ingroup-forming diet. It seems rather clear that the fasting prescriptions of the Eastern Church are tailored to exclude Jews: you may eat vegetables without any oil, let alone butter, and as a source of proteins you may take oysters, shrimps and octopuses – that are not kosher. Additionally, Orthodox Christians would postpone Easter if it would coincide with Jewish Passover, so that the communities would never celebrate at the same time.

Tribalism is not invisible, of course, but what follows is: any member of another community who is willing to convert, would find it very hard to copy the dietetic rules. Additionally, tribalism would make her or his life like hell. The newcomer would leave this hell before being able to conform to the complicated rules to lead to an alleged paradise.

Is what people hold to be paradise after all any more than a provincial place for narcissistic villagers? And would a person of another tradition, an analytic, a friend of nouvelle cuisine ever get the chance of having joy there? The questions are rhetorical.

Kleine Religionssoziologie des Fastens

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Sie bekamen die Krise, unsere Mütter und Großmütter und Tanten, wenn sie uns ausgerechnet zu dieser Zeit, kurz vor Ostern, mit einer leeren Schokoladenhülle in der Hand entdeckten. Unser Seelenheil stand auf dem Spiel und – was folgenschwerer wäre – ihr Ruf als Mütter und Großmütter und Tanten, die während der Fastenzeit keine Milchprodukte, keinen Fisch, kein Fleisch anbieten.

Die Schokoladenverpackung haben wir, damals bei Istiäa herumstreunende Kinder einer Großfamilie, von einem der ganz seltenen Sünder bekommen. Sünder aßen freilich ihren Schokoriegel allein. Der Schokoriegel war uns aber sowieso egal – wir wollten ja nicht das Fasten brechen. Es war uns genug, wenn wir unsere Eltern mit der Verpackung der Schokolade eines Fastensünders nerven durften.

Man kann wohl sagen, dass ich mit zehn, elf, zwölf die Fastenzeit nicht mochte. Das änderte sich spektakulär. Die Fastenzeit wurde in der Pubertät eine erstklassige Gelegenheit, um ohne Umschweife und Gewissensbisse Austern, Fischrogen, Seeigel und Oktopus als Wünsche für das Mittagessen zu äußern. Das hat zwar mit Verzicht zu tun, Verzicht auf Milchprodukte, Fleisch und Fisch, nicht allerdings mit Verzicht aufs Genießen. Als wir, die ehemalige Kinderschar, die mit einem leeren Schokoladenpapier in der Hand früher Fastensünde anzudeuten gepflegt hatte, gar entdeckten, wie gut der gekochte Löwenzahn oder die gekochte Bryonia schmeckt, wurde das Fasten zum Spaß.

Das Fasten als Verzicht aufs Genießen halte ich für eine masochistische Übung und den Masochismus für einen selbstreferentiellen Unsinn. Der richtige Masochist genießt es, den Hintern versohlt zu bekommen, und genau weil er es genießt, verzichtet er darauf. Aber dieser Verzicht bereitet dem Masochisten Lust, wohlgemerkt die Lust des Verzichts auf die Lust des Geschlagenwerdens bzw. die Lust des Nichtgeschlagenwerdens. Diese muss wohl mit Geschlagenwerden bekämpft werden, da es schließlich etwas Gutes ist, nicht geschlagen zu werden und der Masochist will den Schmerz usw. Es ist ein Widerspruch zu sagen, man verzichtet gern auf etwas, was man gern tut. Der Fastende, der um seiner Tugend Willen auf den Genuss verzichten will, sollte auf die Erfüllung seines Wunsches, tugendhaft zu sein, verzichten wollen – „Wer denke ich, wer ich bin, mit meiner Tugend zu protzen?“ – was einem Dialetheisten vielleicht Genuss bereitet, aber nicht jeder ist ein Dialetheist. Stopp! Habe ich gesagt „Genuss bereitet“?

Lange Rede, kurzer Sinn – halte ich das römisch-katholische Verständnis des Fastens als Verzicht auf Genuss für ein logisches Looping. Da logische Loopings im Sinn des Dialetheismus neuerdings hoffähig wurden, will ich das nicht anprangern. Aber eine Frage möchte ich doch noch stellen: Wie fühlt sich der Katholik dabei, der kein Dialetheist ist?

Der Orthodoxe befindet sich einerseits in einer leicht besseren, andererseits in einer viel schlechteren Lage. Ersteres, weil er fastet, ohne Tugenden an den Tag legen zu müssen (Garnelen, Austern, Wein – alles zulässig!). Letzteres, weil er fastet, ohne angeben zu können, warum… Und wieder Ersteres, weil er keine funktionale Legitimation für sein Fasten erdichten will, die letztendlich selbstreferentiell wäre. Der Katholik ist ein tugendhafter Mensch, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne einer Rationalitätslücke erlebt. Der Orthodoxe ist ein Poet, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne der Amoralität – obwohl nicht Immoralität – seines Handelns erlebt.

Der Katholik versucht sich in die Rolle der Legislative zu versetzen: „Übung zur Tugend wird die Begründung meines Fastens sein“. Der Orthodoxe ist die Exekutive. Das ist nicht automatisch schlecht. Sokrates trank sogar aus dem Schierlingsbecher, weil er sich nicht anmaßen wollte, die Legislative zu kritisieren.

Wenn ich beim Thema bin: Beim Saubermachen des Löwenzahns muss man freilich aufpassen, dass der Sammler nicht aus Versehen Schierling mitgepflückt hat. Außerdem sollte man eher im Wald pflücken und nicht auf dem Unicampus. Aber das versteht sich.

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We made them mad in case we held demonstratively chocolate wrapping paper in our hands just before Easter. And, yes, it’s this time of the year again – for the orthodox. Moms, grandmoms, aunts were worried about the salvation of our souls and – what was more serious – about their reputation as fasting-families-affirmative females. From our side, it was just a childish joke. We, the lads of the Gerogiorgakis-and-Agapitos clan – let’s call it a clan – of the glorious Istiaea municipality, didn’t belong to these lost souls who’d really buy a chocolate on Good Friday. We just spotted the sinners who ate chocolate while the church was full of people singing the 6th-century chants of the passion and asked them for the wrapping paper to shock our parents and grandparents. And the sinners gave us the wrapping paper with the contempt of the one who’s held a benefactor with peanuts.

No, we didn’t love Great Lent when we were children. The joy about the time without dairy products, without meat, without fish came only afterwards when we discovered how cool it was to dive into the cold waters for oysters and sea urchins and to ask the neighbor for lemons to eat them. Fasting is not about exercising extraordinary virtues. It’s rather about changing an attitude towards food. For a couple of weeks.

This is not the mainstream view. Most Christians see fasting as an exercise of virtues – for example against acrasy. But the struggle against acrasy can degenerate into masochism. Masochism can be stultifying. If you enjoy being spanked because it’s suffering, sooner or later you start prolonging the time until you’ll get spanked again because this is also suffering – you need to get spanked… And you end up enjoying the prolonging and, therefore you long not to prolong because this is also suffering etc. Avoiding what you enjoy in fasting is very similar to this. If you eat vegetables during Great Lent because you enjoy eating lamb, and you enjoy fasting, you have to end up not fasting because fasting is something you enjoy during Great Lend and you don’t want to enjoy during  Great Lent. This is alright if you’re a dialetheist and enjoy logical loopings. But – wait! – did I say enjoy loopings?

Anyway, I believe that most fasting Roman-Catholics fast for virtue. The orthodox are in a slightly better situation since their motive to fast is not virtue. I mean, eating oysters, caviar, gambas, octopuses while drinking raki is not exercising any particular virtue, is it? But the orthodox are, in a sense, also in a much worse situation than Roman-Catholics: giving an excuse for fasting – virtue – is at least an explanation even if it entails a rationality gap. Roman-Catholics are fasting rationalists who experience a surprise on the theoretical level. The orthodox are fasting poets who experience their own vice on the practical level as a blessing.

Roman-Catholics try to understand the legislation and to carry the responsibility: this is why we fast from luxury rather than anything else. The orthodox don’t even attempt to feel the role of the legislative. They rather feel they have to be the executive. This is OK, I think. Socrates drank the conium in order to show that you shouldn’t pretend you’re the legislative when you’re not.

Talking about Socrates: if you’re fasting the orthodox way, then do keep an eye open for conium when you’re cleaning the dandelion for the vegetable stew. And do find a less urban place to gather it than the university campus.

Ad quandam narrationem pictam commentarius sub titulo: Theologia oeconomiae artis annis Dei 1316 et 2016 (germanice et anglice)

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Das Szenario vorab: von George Soros angetrieben erreicht Yanis Varoufakis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Frankfurt am Main auf seinem Motorrad, um Mario Draghi nach Rom zu Disputationen über das thomistische Zinsverständnis zu verbannen, um in der EZB-Zentrale einen noch von der  Silvesterparty nicht voll einsatzfähigen Wolfgang Schäuble zu erpressen, schließlich um neuer EZB-Chef zu werden. In keynesianischer Allmacht wähnend lässt anschließend Yanis Geld, Geld und noch mehr Geld drucken, um es den Bürgern zu verteilen. Bloß mit der Korruption wird er nicht fertig, die zum Schluss das Projekt der Erhöhung der Staatsausgaben in eine große Party für die Superreichen verwandelt. Yanis tritt ab und zum zweiten Mal im Jahr 2016 wechselt die EZB ihren Kurs fundamental: diesmal vom byzantinischen Hesychasmus, der vorsieht, der Staat liefere und der Bürger bleibe apathisch, zum tibetischen Hesychasmus: der Bürger liefere, der Staat bleibe apathisch. Denn nach Yanis wird der Dalai Lama neuer EZB-Chef. Yanis findet dagegen Erleuchtung in einem buddhistischen Kloster.

So die Prognose der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fürs Jahr 2016 im Comic „Der Putsch“.

Jetzt im Ernst:

Für die Zinstheologie des Thomas von Aquin soll nicht Mario Draghi beraten, sondern meine Habilitationsschrift gelesen werden, die im Jahr 2016 bei Peter Lang herauskommt. Dort stelle ich unter vielen anderen Sachen einen Vergleich zwischen Sünden- und Zinsverständnis in lateinischen und griechischen mittelalterlichen Quellen her. Ich komme zu dem Schluss – aber zuerst, bitte, das Argument und meine Belege lesen! – dass das ostchristliche Verständnis von Gottes Allmacht es zuließ, dass letzterer Sünden wie Zinsen ohne Weiteres erlassen kann. Das westchristliche Verständnis von Allmacht ließ allerdings keinen Gott zu, der sich über seine eigenen Spielregeln hinwegsetzen kann, um Forderungen im Sinne von Buße oder Rückzahlungen zunichte zu machen, um Neuwerte per fiat zu erschaffen, um Geld zu drucken…

Da sich die Geister östlich und westlich der Adria nach wie vor über die Grenzen von „Allmacht“ scheiden, wird das Europa des Jahres 2016 – im Sinn der politischen Theologie jedenfalls – dem Europa des Jahres 1316 ähneln, als der griechische Gegenpart des Thomas von Aquin und großer Verfechter einer ruhig sich selbst aufhebenden Allmacht Gottes, Gregor Palamas, Erleuchtung in einem Kloster fand.

FAS Dez 2015

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The plot: George Soros persuades Yanis Varoufakis to jump on his bike and ride like a lightning all the way from Athens to Frankfurt where he blackmails Wolfgang Schäuble who looks wasted in the aftermath of a new year’s party, to expell Mario Draghi from the ECB. Draghi goes to Rome where he disputes with pope Francis and ex-pope Benedict on the Thomistic understanding of interest rates and Yanis succeeds him in the ECB to print money, money and more money to be distributed to the pure. However, Yanis underestimates corruption, which turns high public spending into a big party for the rich. Yanis resigns and the course of the ECB is changed for a second time in 2016 from Byzantine hesychasm (delivering state, citizens in apathy) to Tibetan hesychasm: delivering citizens, state in apathy. The Dalai Lama succeeds Yanis as the new head of the ECB and Yanis seeks illumination in a Buddhist monastery.

This is what the German weekly Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung predicts for 2016 in the Comic „Der Putsch“ (The Coup).

Reading „Der Putsch“ is great fun and it contains some insights into political theology. Of course, if you want to have a reliable source pertaining to Aquinas’s understanding of interest rates, you’ll not have to ask Draghi in 2016. You’ll be able to read my second monograph (i.e. Habilitationsschrift) that will be published in 2016 instead. Among other things, I compare there the understanding of sinning and generally „paying debts“ in Latin and Greek medieval sources. Whereas Christians in the East thought that God’s omnipotence can create values, devaluate valuables or cancel debts without restrictions, the West thought that God cannot cancel His own rules to make the poor rich or to relief debts. You have to read my argument and the documents first, of course, but this is the conclusion of the corresponding chapter in outline.

The Adriatic still divides two very different ways to understand power and this is why I think that 2016, at least as much as political theology is concerned, will resemble the year 1316: the year in which Gregory Palamas, Aquinas’s Byzantine rival, sought illumination in a monastery.

Solidarity

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Meine Lieblingszene in Tarkovskijs Nostalghia ist die Kerzenszene. In dieser versucht ein Mann eine angezündete Kerze von A nach B zu bringen, ohne dass das Feuer ausgeht. Die Szene ist dem Osterbrauch der Ostkirchen nachempfunden, bei dem das Auferstehungsfeuer von der Kirche nach Hause gebracht werden muss: Es ist bezeichnenderweise eine weiße Kerze wie die, welche am Abend des Karsamstags im Gebrauch sind, keine braune, wie die Kerzen des Karfreitags.

Um einen Mann als einen Sisyphus des Glaubens darzustellen, lässt Tarkovskij dessen Feuer mehrmals ausgehen, woraufhin der Mann erneut an den Ausgangspunkt muss, um es noch einmal zu versuchen. Den in meinen Augen wichtigsten Bestandteil des Brauchs ließ damit der Regisseur außer Acht: In Wirklichkeit läuft ein Orthodoxer mit seiner Kerze in der Nacht auf Ostern nicht allein, sondern er ist gleichzeitig mit anderen unterwegs, die genauso wie er von der Kirche nach Hause wollen. Deshalb kann jeder, der kein Feuer mehr hat, seine Kerze beim Unbekannten nebenan anzünden. Es ist ein solidarischer Brauch. Es hätte genauso ein antagonistischer sein können – wenn z.B. das eigenständige Überbringen des Feuers nach Hause ideell belohnt wäre wie etwa die Bergung des Epiphanie-Kreuzes durch den schnellsten Taucher – ein nichtsolidarisches Ritual ebenfalls der Ostkirchen.

Das Glaubensleben spiegelt unsere Moralvorstellungen wider. Da unsere Moralvorstellungen allerdings innere Widersprüche aufweisen, gibt es im Glaubensleben Symbole, die sowohl den rationalen Egoismus als auch die selbstlose Solidarität bejahen.

Kerzen

The candle scene is my favourite part of Tarkovsky’s Nostalghia. It shows a man who tries to carry a lit candle from A to B. The inspiration for the scene comes obviously from an Easter ritual of the Eastern Churches. You take the light of the resurrection from the church after the nocturnal Holy Saturday service and try to reach home with it. In the movie, it’s a white candle like the ones in use on Holy Saturday, not like the brown ones which one finds in Orthodox churches on Good Friday.

Now, Tarkovsky presents his hero as a Sisyphus of faith. For this reason, the candle is extinguished again and again for the hero to return to his starting point and try again. But the film director neglects in the film what is, at least in my eyes, the most important feature of the ritual in real life. When you run home in this one very special night of the year, you’re not alone. Other people leave, of course, the church with you. Therefore, when your candle is extinguished, you can light it again with the help of the others who have no extinguished candles – people you might never have met before in your life, but this is the ritual. It’s a ritual of solidarity. It could be an antagonistic, of course. An antagonistic ritual of the Eastern Church is the retrieving of the epiphany cross. The fastest swimmer and diver gets all the glory, the others get nothing.

Faith contains symbols which affirm rational egoism as well as symbols which affirm altruism. Nevertheless, not faith is to blame for ambiguity. Faith only reflects our morality.

The ethics of eating

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Die Herausforderung bestand darin, unsere israelischen Freunde, mit denen wir drei Jahre lang untrennbar waren, am Vorabend ihrer endgültigen Rückkehr nach Haifa mit einer möglichst traditionellen griechischen Kakavia und Retsina zu verabschieden. Es wurde ein langer und unvergesslicher Abend für uns Erwachsenen und auch für die Kinder.

Aber mir geht’s heute ums Essen: Das ursprüngliche Rezept so zu variieren, dass es koscher wurde (keine Garnelen, keine Krebse, keine Muscheln), war die leichte Aufgabe, die lediglich eine Kompromissbereitschaft auf christlicher Seite erforderte. Es gab freilich wie so oft in den letzten drei Jahren auch Kompromisse auf jüdischer Seite. Zum Beispiel würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, dass in der Schale mit dem Feta-Käse nie vorher Fleisch lag. Eigentlich könnte ich nicht schwören, dass das kein Schweinefleisch gewesen war…

Die philosophische Fachliteratur zum Thema Essen stellt einen besonderen Aspekt der Moralphilosophie dar. Vor nicht allzulanger Zeit sind z.B. folgende Werke erschienen: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. Sie besprechen u.a. Themen wie Nachhaltigkeit, Essstörungen und Tierrechte.

Ein Geflecht aus ethischen Positionen über Essgewohnheiten machen z.B. die Argumente für die moralische Überlegenheit des Vegetarismus aus. Wenn es keine klare Trennung gibt zwischen der Erfahrung eines Tiers und dem Bewusstsein beim Menschen, erscheint es wenigstens gerechtfertigt, dass Tiere nicht gegessen werden dürfen, wenn Menschen ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Diese Argumente können durch umwelttechnische und gesundheitliche Bedenken in Anbetracht auf die heutige Viehzucht untermauert werden.

Neben diesem säkularen und zeitgenössischen philosophischen Diskurs gibt es natürlich die zumeist genauso gut reflektierten und moralisch gerechtfertigten Essensvorschriften der alten philosophischen und religiösen Tradition. Koscheres Essen, Halal, christliches Fasten – in seinen verschiedenen Auffassungen in katholischer und orthodoxer Kirche – verleihen dem Gedanken Ausdruck, dass eine Reglementierung der Essgewohnheiten einen zum besseren Menschen macht – ja den Genuss erhöht. Ein anderer Bereich des Alltagslebens, in den die Relgion mit denselben Zielen eingreift, ist natürlich die Sexualität.

Einen Unterschied zwischen reflektierter Selbsteinschränkung beim Essen, „weil die Tiere ein Bewusstsein haben“ einerseits und aus göttlichen oder kirchlichen Vorschriften andererseits gibt es durchaus. Aber – und das ist eine große Lehre aus dem naturalistischen Fehlschluss – die Güte der Vorschriften ist nicht davon abhängig, was der Vorschreibende als Faktum betrachtet. Wenn sich die einen verpflichtet fühlen, kein Fleisch zu essen, weil die Tiere ein Bewusstsein hätten, fühlen sich die anderen verpflichtet, keine Garnelen zu essen, weil sie nicht koscher sind, oder in den ersten beiden August-Wochen vegan zu essen, weil die Muttergottes vor ihrer Himmelfahrt zwei Wochen lang gefastet hat. Säkulare, politische Bedenken vergrößern nicht die Rechtmäßigkeit einer modernen Essensvorschrift gegenüber den traditionellen Essensvorschriften der Religiösen.

Reflektiertes Essen kann eine große Freude und eine philosophische Tugend sein, zudem eine, die auf die Pythagoreer zurückgeführt werden kann. Auf gesellschaftlicher Ebene hat es allerdings bedenkliche Seiten. Wenn der Wille, dem anderen entgegenzukommen und auf das Eigene teilweise zu verzichten, nicht vorhanden ist, festigen die philosophisch oder religiös gerechtfertigten Essgewohnheiten eine Apartheid zwischen Gemeinden. Wer den eigenen Vorschriften zum moralischen Essen immer treu bleibt, kann Andersdenkende fast niemals zum Essen einladen – nicht jedenfalls, wenn diese ebenfalls dem Eigenen immer treu bleiben wollen. Insbesondere in bezug auf griechisch-orthodoxe und benachbarte jüdische Gemeinden am Mittelmeer musste ich in den letzten drei Jahren oft denken, dass viele Jahrhunderte diätetischer Vorschriften nur ein Ziel hatten: gegenseitige Einladungen unmöglich zu machen.

Der Wunsch, Berührungsängste abzubauen, macht die interrreligiöse Theologie immer wichtiger. Hier und da macht sich diese bereits bemerkbar.

Halal

Our Israeli friends left Germany to their home after three years of a very close friendship and we wanted to say our goodbyes with a Greek kakavia and white wine. To say it in advance, it became a long and unforgettable evening, for us and for the children.

Getting back to the food, modifying the traditional kakavia-recipe to make it kosher (avoid prawns, crabs and mussels) was an easy task and a compromise from the Christian side, of course, but, like so often in the three past years, there were compromises from the Jewish side as well: for example, I couldn’t swear that there had never been any meat in the salad plates where, among others, the feta cheese was placed. In fact, I couldn’t even swear that this meat hadn’t been pork…

The philosophy-of-food bibliography is a very special aspect of moral philosophy. Let me mention only two recent titles: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. The prevailing issues in this context are sustainability, eating disorders, animal rights.

To mention only one aspect of modern reflecting on our eating habits: moral vegetarians argue for the moral superiority of vegetarianism and they do have a point there if you consider that there is not a clear cut between an animal’s experience of the world and human consciousness, not to mention the environmental and health issues pertaining to our present practices of growing animals.

But, of course, there’s also a traditional philosophy of eating, interwoven with religious practices and different for every culture. Kosher or halal food, Christian fasting – in different shades for the Catholic and the Eastern Orthodox – are reflecting the idea that eating is an important realm of everyday life in which – for some reason – self-control makes you a better person and, in fact, makes you enjoy more. A further realm of this kind on which religions also focus, is, of course, sexuality.

Certainly, there is a difference in the importance of reflection between self-controlling because „animals have a consciousness“ and because of some divine or church prescription. But – and this is a great lesson from the naturalistic fallacy – you cannot call prescriptions better justified because of – what you consider to be – a fact. I conclude that, if the one is justified to avoid eating meat because animals have a consciousness, then the other is equally justified to avoid eating shrimps because they are not kosher or to have an essentially vegan diet in the two first weeks of August because Mother Mary fasted two weeks before her dormition. Those who eat according to secular, political concerns are not better off in justifying their diet than the religious.

Reflected eating can be a great joy and a philosophical habit which goes back to the Pythagoreans. But, on the social level, it has also dubious sides. Unless there is the will to make concessions, eating philosophically or religiously consolidates an apartheid between communities. Being always faithful to the ethical-eating premises of your own community means that you can almost never invite for lunch an outsider who wants to remain faithful to his own ethical-eating premises. In the case of communities like the Greek-Orthodox and the Jews who had been living next door for centuries around the Mediterranean, I had enough evidence in the last time to believe that dietetic prescriptions throughout the year were made just in order to make invitations for lunch impossible.

I think that the future trend to object to the reservations of the past will be the increasing importance of an interfaith theology. One can already see this trend evolving here and there.