Green religion

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Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung wurde von Suhrkamp mit einem Nachwort von Robert Habeck, Bundesvorsitzendem der Grünen, neuverlegt. Soweit die publizistische Nachricht. In einem vom Verlag produzierten Interview-Video (s. unten), sind sich Robert Habeck und Simone Miller einig, dass Jonas’ Umweltimperativ (“Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden”) sich an Kants kategorischen Imperativ anschließt.

Kants kategorischer Imperativ fordert einzig und allein, dass jede Regel des moralischen Handelns verallgemeinert werden kann. Somit genügt die logische Konsistenz, um eine Regel ob ihrer Tauglichkeit als moralisches Gesetz zu überprüfen. Ein Auftragsmörder, der gegen den kategorischen Imperativ handelt, will, dass das moralische Mordverbot greift, wenn er selber umgebracht werden sollte, er relativiert ihn aber, wenn er jemanden umbringen soll. Also hat er entweder eine partikuläre Maxime, die sich also nicht als verallgemeinertes (moralisches) Gesetz gelten kann, oder er sagt, er hätte ein allgemeines Gesetz, hat er aber in Wirklichkeit keines.

Nach Kant lässt sich der Unterschied zwischen Moral und Unmoral auch ohne die Dienste eines Moralpredigers sofort erkennen. Kants Imperativ predigt nicht, sondern ist ein logisches Prinzip der praktischen Vernunft.

Zu Jonas jetzt: Die kantisch anmutende Etikette “Imperativ” deutet an, es gäbe im Umweltimperativ eine rein logische Dringlichkeit; der erhobene Zeigefinger wäre der des Logikers und nicht des Predigers. Die Sache mit der Umwelt ist aber nicht so einfach. Es lässt sich nicht schnell mit Ausweis logischer Konsistenz allein sagen: Das ist eine umweltmäßig verbotene Handlung. Wenn der Eingriff in die Umwelt keinen Diebstahl fremden Eigentums, keine Freiheitsberaubung, keine Körperverletzung, kurz: keinen direkten Affront gegen Menschen darstellt, wird die Funktion des kantischen Imperativs, mit minimalen Mitteln der Rationalität aufrechterhalten zu sein, nicht gegeben sein. Jonas’ Begriff Verantwortung entspricht einer Ethik des Herzens, nicht der Vernunft.

Darüber hinaus ist Jonas’ Imperativ konsequentialistisch: Er mahnt von den Folgen unserer Handlung her.

Predigt, Herz, an die Folgen denken: Das ist der Kontext religiöser Ethik. Wer nun aufgrund dieser Merkmale der jonasschen Ethik die Grünen als die religiöseste aller Parteien betrachtet, wird Kopfschütteln ernten: “Null Ahnung, oder? Es ist die Union doch, die…”

Es ist, ob gut oder schlecht, nicht die Union.

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Hans Jonas’ s book The Imperative of Responsibility, in English from the University of Chicago Press (1984) but in German from the legendary liberal Suhrkamp Verlag, is now reprinted by the German publisher with an epilogue by Robert Habeck, leader of the German Green Party.

These were the bookstore news. They are coming with some insights. In a promotional video of a really demanding discussion between Habeck and Simone Miller of the publishing house, Jonas’s “environmental imperative” (“Act so that the result of your actions is compatible with the sustainment of genuine human life on earth”) is being connected to Kant’s categorical imperative.

Kant’s categorical imperative (“Act only in accordance with that maxim through which you can at the same time will that it become a universal law”) is a principle whose validity is based on the idea of logical consistency. A contract killer opposes to it if he only wishes not to be killed himself. I.e. he acts according to a maxim which he cannot will that it become a general law. Kantian morality is traceable without moralism. What you need is a moral attitude of avoiding contradiction.

Jonas’s imperative is not of the same kind. Rather, it is an order of moral sentiment, one passionately preached for by its author and today’s environmentalists.

I must add: a consequentialist order of moral sentiment. The opposition to Kant’s practical philosophy could not be greater.

In other words, Jonas’s imperative is of one kin with religious preaching.

If you ask me which German party I see as the most religious in its rhetoric, then I’ll answer: the Green Party. You will have probably expected me to say: the Christian Democrats.

Well, no…

However, I’m not sure whether a religious attitude is good for politics.

Ökoaskese

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Auf den ersten Blick erscheint es sympathisch, das Anliegen, nichts Überregionales zum Essen zu kaufen, auch nicht nach Übersee zum Urlaub zu fliegen. Beides erhöhe die CO2-Emissionen. Erste Hintergedanken kommen erst, wenn man bedenkt, dass dieses Anliegen niemals wegen des Transports (bzw. Exports) von Industrieprodukten laut wird, sondern immer wegen des Transports (wohlgemerkt Imports) von Agrargütern und Dienstleistungen.

Noch mehr Hintergedanken kommen auf, wenn man bedenkt, dass Agrarprodukte und die Dienstleistung Tourismus dort produziert werden, wo Industrieprodukte nicht produziert werden und umgekehrt.

Der Religionsersatz Ökologie ist keineswegs neu. Dazu müsste er im Sinn der Religionssoziologie und -wissenschaft einen Geist ausdrücken, der einen erstmals auftretenden Idealtypus darstellt. Aber hier ist ja der Geist der alte protektionistische Frühkapitalismus von Industrienationen. Webersche, protestantisch-innerweltasketische Momente treten dabei gehäuft auf.

Ich finde das mehr als nur altmodisch.

Frühling ist in der Luft – was soll’s… Ich will mich genausowenig darüber auslassen wie die deskriptive Ebene verlassen…

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The arguments in favour of these two closely interconnected desiderates: to avoid travels by plane and to buy food only from the region in which one lives, sound sound. The main premise is the reduction of carbon-dioxide emissions.

I hope though that the arguments in favour of train travels and apples will start appearing fishy to you as they did to me once you recall that the desiderates are directed against the transport (i.e. import) of exotic food and services like tourism, never against the transport (NB an export) of industrial goods.

And they’ll even smell fishier once you keep in mind that the former are typically produced where the latter are not produced and vice versa.

Ecology, in its evolvement as a religious ersatz, has, as one sees, features of a Weberian inner-worldly asceticism reminiscent of protestant ethics that is by no means a new ideal type. It wouldn’t be the first time protectionist capitalism has religious and ideological allures.

But while only few days remain for April to come, it’s foolish to grouse and to depart from the descriptive level. Or isn’t it?

Impatientes adversus impatientem

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Das indische Springkraut (Impatiens glandulifera) hat in den Isarauen, wie immer gegen Ende August, eine prächtige Präsenz. Dabei hat es heftige Gegner: Menschen, die wegen der außerordentlichen Verbreitung des Neophyts besorgt sind, zertreten die Pflanzen.

Die Frage ist: besorgt um was? Um die Verdrängung der Brennnessel? Ich selber bin mehr der Brennnessel zugeneigt als dem indischen Springkraut: Nicht zuletzt sind die Brennnesselblätter die Hauptzutat der Brennnesselpitta

Wie ich aber immer wieder beim Pflücken von Brennnesselblättern feststelle, ist die indische Pflanze trotz ihrer Verbreitung nicht in der Lage, die ebenfalls reichen Brennnesselbestände der Isarauen zu gefährden.

Also, um was sind die Leute besorgt? Vielleicht um das ästhetische Bild einer idealisierten bayerischen Natur so um das frühe 19. Jahrhundert herum: vor der Einführung des indischen Springkrauts (aber unbedingt nach der Einführung der Kastanie und der Gemüseampfer)?

Ästhetisches Empfinden und die Bewahrung einer Kulturlandschaft betrachte ich zwar generell als berechtigte Anliegen. Es ist mir auch klar, dass nicht jeder, der gegen die Verbreitung einer Pflanze aus ästhetischen Gründen ist, auch gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus ästhetischen Gründen wäre.

Ich kann trotzdem nicht umhin, bei einer Idealisierung eines Heimatbildes ein slippery slope zu befürchten, das sich auf das Vorherrschen ästhetischer Urteile in der Migrationsproblematik auswirken würde.

Literatur (nicht zu Pflanzen, sondern zum Umgang mit Anderssein in bezug auf Menschen):

M. Dummett (2001), On Immigration and Refugees.

K.R. Popper (1945), Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, Kap. 9.

Springkraut

Every August, the impatiens glandulifera celebrates triumphs in the riverbanks of the Isar, the river which flows through Munich – in spite of its enemies: these people who destroy the plants out of fear of the invasive neophyte.

It’s true that the impatiens glandulifera competes against nettles with big success. And I have to say that I’m more for nettles than for the Himalaian plant. This nettle pitta recipe is my main reason for this.

Still, whenever I go to the riverbanks to collect nettles and although there would surely have been more nettles if the impatiens glandulifera weren’t there, I fail to see how the presence of nettles could be substantially threatened in the ages to come.

So, what are people really afraid of? My suspicion is that they cannot stand losing the aesthetic image of an idealized Bavarian flora which stems from the 19th century: before the invasion of the impatiens glandulifera (but after the introduction of the chestnut tree and the monk’s rhubarb).

Of course, I do see some point in aesthetics and cultural traditions and I’m aware of the fact that those who are against neophytes for aesthetical reasons wouldn’t be necessarily against immigrants for aesthetic reasons.

However, I cannot help myself fearing that the idealized image of a homeland can bring about a slippery slope argument – aesthetic judgments in the topic of immigration.

Bibliography (not on plants, rather on dealing with otherness in reference to humans):

M. Dummett (2001), On Immigration and Refugees.

K.R. Popper (1945), The Open Society and Its Enemies, Vol. 1, ch. 9.