Ein praktischer Mensch

Scroll for English

LeserInnen dieses Blogs, die sich im landläufigen Sinn “praktische Menschen” zu sein rühmen, sollen sich nicht zu früh über den Titel freuen. Der Titel des “praktischen Menschen” ist mehr als peinlich.

Es war einmal die Erlinger-Kolumne im SZ-Magazin. Jeden Freitag. Mit Erlinger bestritt ich ein ganzes Jahr in Halle an der Saale den Unterricht der praktischen Philosophie. Es gab immer eine Frage der ethischen Kasuistik, die aus utilitaristischer und deontologischer Sicht beleuchtet wurde. Ich benutzte dabei oft Fragen, die Erlinger in Briefen und Emails von seinen LeserInnen bekam. Denn sie hatten eine Lebensnähe, die kein Gedankenexperiment je erreichen kann. Da es Erlinger – einem Philipps-Mann doch – in der Kolumne um die deduktive Logik der Präskription, nicht um induktive normative Ethik ging, hielt ich es im Unterricht für angebracht, eine tugendethische Sicht zu Erlingers deontologischer und utilitaristischer hinzuzufügen. Um viel mehr habe ich die Argumentation seiner Kolumne für die Ethikstunde nicht angereichert. Ein paar Namen meiner SchülerInnen in Halle weiß ich immer noch. Sie haben mir in diesem Lehrveranstaltungsformat stets die Zügel aus der Hand genommen, sie haben räsoniert, ohne die ganze Philosophiegeschichte zu kennen. Diese habe ich sehr selektiv in das Argument eingeflochten. So wie Erlinger in seine Kolumne. Oder wie die guten französischen Bac-Philosophie-Einführungen, wenn Sie verstehen, liebe Leserinnen und Leser…

“Meine Freundin ist blind. Ist es OK, wenn ich auf teures, buntes Geschenkpapier für die Weihnachtsbescherung verzichte?”. Oder: “Ich hatte eine außereheliche Eskapade. Jetzt ist alles vorbei und kein Thema mehr. Wir sind wieder glücklich miteinander und niemand weiß, was vorgefallen war. Bin ich verpflichtet, das Geheimnis zu lüften, wenn ich weiß, damit nur Übel anzurichten und Unglück zu stiften?”. Erlinger beleuchtete in seiner Kolumne die Sache aus der Sicht zweier Ethikschulen und gab Gründe für seine Vorliebe. Das Strategem ließ ich die jungen Menschen anwenden. Nach ein paar einführenden Stunden zu den drei Denkschulen, um die es mir ging, der utilitaristischen, der deontologischen sowie der Tugendethik, lernten sie es, die praktische Philosophie zu lieben.

Erlinger bin ich zu Dank verpflichtet. Das sollten auch meine damaligen Julianes und Juris und Chantales (ja, ja…) sein.

Dann hat Erlinger abgedankt. Die Erlinger-Kolumne wurde zu einer Adorján-Kolumne. Ich lese sie sehr selten. Denn statt der Diskussionen eines Themas der angewandten praktischen Philosophie bietet sie Klugheitsregeln. Letzten Freitag hat sie sich übertroffen. Ein Zeitgenosse stellt folgenden Sachverhalt dar: Aus Respekt (immerhin ein moralischer Beweggrund) wolle er ein Jugendbild des Opas irgendwo hängen. Dafür eignet sich ein Soldatenbild desselben – mit dem Nachteil eines Hakenkreuzes an der Uniform des Fotografierten. Das Überkleben des zeitgeschichtlichen Details komme aus ästhetischen Gründen nicht in Frage. Was tun?

Was für eine Steilvorlage für die Kolumne! Man kann über das Abwiegen von Moral und Ästhetik sprechen, ob das eine in das andere übergreift, ob wir die Interpretationshochheit unserer eigenen vier Wände haben sollen (“Ein lieber Mensch! Hat, halt’, in dieser Uniform gesteckt”…)

Man kann also Vieles vorschlagen. Was schlägt aber der praktische Mensch hinter der Kolumne vor? “Warum hängen Sie das Bild nicht in Ihrem Kleiderschrank auf?”

Sehr viele Menschen, auch solche, die nach eigenem Bekunden Philosophie betreiben, haben keine Ahnung von Philosophie. Noch mehr Menschen, insbesondere solche, die praktisch zu sein vorgeben, haben keine Ahnung vom Praktischen im eigentlichen Sinne des Prattein. Diese Ignoranz dient den Adorjáns dieser Welt als Freibrief, die Geduld ihres Schreibpapiers zu misshandeln. Wer darunter leidet, sind die Leute, die eine Ahnung haben. So viel Ahnung jedenfalls, um zu fühlen, dass die euphemistisch so genannten “praktischen Menschen” für gewöhnlich die Misologie, die Abneigung gegen philosophische Reflexion, für eine ihrer Tugenden halten.

Enough with scrolling

Don’t rejoice for today’s title if you’re happy to usually hail “practical solutions”. The post turns to be against you.

What is the New Yorker Magazine for New York and the Times Literary Supplement for London is for Munich the Süddeutsche Magazin. Not only because it is a supplement and a magazine at the same time but rather for the intellectual readership – although one with a national rather than social snobby attitude and a sympathy for theses bluntly put. But this is a cultural thing of a country as equalitarian and tribalist as Bavaria. Roughly, the analogy still holds.

Rainer Erlinger was the name of the person who wrote a column on applied ethics for the magazine. Erlinger have had some common references: he befriended for example the late professor Lothar Philipps (LMU Munich) whose classes on juridical rhetoric and informal logic I used to visit out of interest for example. But it doesn’t seem that I have ever met him. Much later, at a private high school in the German east, I had casuistry classes partly based on Erlinger’s format and, in fact, on the cases he was sent by readers to discuss. Firstly, they were closer to real life than any thought experiment could be. Secondly, he usually discussed the letters he received from the utilitarian point of view, then from the deontological. These were two of the schools I discussed in the beginning of the year (you always need some theory in the beginning), adding a third: virtue ethics. After the preliminaries, students were able to reason and decide themselves the given casuistic examples with the help of the three theories. I still remember this girl Juliane, and a boy named Juri who later made a great documentary on the street I lived in downtown Halle near the university and the opera. And also a couple of more names because they loved moral reasoning à la Erlinger.

“I have a friend who is blind. May I save money when I buy the wrapping paper for her Christmas present?” Or the next one: “I had an extramarital affair which is over now. Do I have a duty to disclose this towards my unsuspecting family with whom as for now I am very happy, knowing that I will make everyone unhappy including myself?”

Not so long ago, Erlinger stopped writing and an Adorján column replaced the Erlinger column. I read it very rarely because it is about what hoi polloi call practical solutions. I.e. it is not about the practical realm; it is not about praxis.

Last Friday Adorján managed to surpass herself. One of her readers writes to her about his grandfather whom he loved and whose (unique flattering?) picture as a young man, said reader would like to have on the wall. This is something you can do in other countries without having to tackle ethical issues. But if you’re German the chances of photographs of your grandfathers with swastikas on arms and berets are not small. The reader does not want to have the accessory in question covered on the picture. Allegedly for aesthetical reasons. Any solution?

In football, this is what you call a superb long ball. You can’t miss the target! Should ethics and aesthetics be made compatible? Do we have the authority to interpret (underestimate, overestimate) the symbols that happen to hang around in our house? (“He was a great chap. The uniform on the picture is only accidental”). And, of course, you can propose a host of changes of the reader’s mind. And what is Adorján’s practical solution? “Why don’t you hang the picture in your closet?”

Many people, among them people who occupy themselves with philosophy, have no idea of the discipline. Even more people who profess to prefer practical solutions have no idea what “practical” – meaning referring to “praxis” – means. It’s ignorance that makes the Adorjáns of this world maltreat the patience of the paper on which they write. As someone who has an idea, you suffer; suffer surrounded by people who treat “practical” as another word for misologistic.

Phthinousa euthyne

Scroll for English

Was im Titel dieses Postings nach Zungenbrecher klingt, ist der griechische Ausdruck für “schwindende Verantwortung”. Es ist ein Ausdruck, der mir gefällt und jedenfalls zeigt, was der nächste und der übernächste Bürokrat gegenüber der Bildung in einer aufgeklärten Gesellschaft im Stande ist aufzubringen. Gleichzeitig ist mein heutiger Titel fast der Name des jahrzehntelang führenden bayerischen Experten für frühkindliche Pädagogik.

Keinen besseren Titel hatte ich für meine Gedanken zu Schulen, die de jure privat sein sollen, de facto allerdings Träger von nationalen Ideologien sind, die schließlich wie Staaten im Staat fungieren. Das neueste Beispiel für solche liefern die Verhandlungen der BRD und der Türkei für die Einrichtung dreier Schulen im Bundesgebiet, deren Pädagogik und Personal nicht den deutschen Bildungsministerien unterstehen sollen.

Solange eine Privatschule frei zur Auswahl von Methoden, Lehrmitteln und Lehrern ist, solange auch Eltern eine echte Wahl haben, ihre Kinder diese oder jene Schule besuchen zu lassen, kann es, denke ich, keine Einwände gegen Schulen dieser oder jener Couleur geben. Was aber die Presse bisher über die o.g. Verhandlungen berichtet, ist die Anerkennung von Schulabschlüssen nichtfreier und nur pro Forma privater türkischer Schulen, die faktisch dem Bildungsminister eines anderen Staates unterstehen werden. Das verurteile ich politisch als einen Rückschritt hinter die Werte der Aufklärung und der offenen Gesellschaft.

Damit mir jetzt keine typisch griechische Haltung gegenüber dem Staat Türkei unterstellt wird, möchte ich lieber über die doch ganz ähnliche Situation der griechischen Schulen in Bayern bis in den 90ern sprechen.

Franz-Josef Strauß war offenbar der Meinung, dass die Griechen in Bayern nicht ganz Ausländer sind. Ich war mein halbes Leben in oder bei München wohnhaft – ich muss es also wissen. Schulen, Kirchen, öffentliches Auftreten und Wahrnehmen vor allem der Münchner Community ergaben seit Mitte des 19. Jh. eine münchengriechische Mischidentität. Sie feierte (wie sie immer noch feiert) den Maler Nikephor Gyzis, den Mathematiker Konstantin Caratheodory, den Musikwissenschaftler Theasyboulos Georgiades, den Biologen Wassilios Fthenakis als ihre herausragendsten Mitglieder über die Jahrzehnte. Sie beging (wie sie immer noch begeht) die Karfreitagsprozession zwischen Odeons- und Marienplatz, bevor sie Ostern in der Salvatorkirche feiert, ein paar hundert Schritte von der Frauenkirche entfernt. Sie spielte (wie sie immer noch spielt) Musik in der Innenstadt. Auch Mischkulturen in München können nicht umhin, den Hang Bayerns zu einem tiefen Konservatismus zu bejahen. Gyzis war ein Vertreter der akademischen Schule der Malerei; Caratheodory Münchner Lehrstuhlinhaber für Mathematik zwischen 1924 und 1944. Kein Nazi. Aber bestimmt ein stiller, vielleicht verbissener Bourgeois.

À propos verbissen: Vor dem genannten Hintergrund ließ Franz-Josef Strauß die griechischen Schulen seinerzeit griechisch sein, in einer Grauzone zwischen griechischem staatlichem Bildungswesen und bayerischem Privatschulgesetz. Wenn die Leute doch gefühlt nicht ganz Ausländer sind… Bloß: Bayerische Privatschulen waren sie nie wirklich. Der griechische Staat hatte die absolute Kontrolle über sie. Als Schulalternative zur “deutschen” Schule keine ganz schlechte Idee, inmitten doch eines von biologischem Determinismus geprägten Systems, in dem die Zahl der Abiturienten einen konstanten Prozentsatz auf die Gesamtbevölkerung ausmachen musste. Das ging sogar aus Sicht der bayerischen Regierung gut, bis Papandreous Sozialisten in Griechenland an die Macht kamen. Plötzlich entdeckte der vorgenannte Professor Fthenakis, ein Genetiker und Pädagoge, dass die griechischen Schulen zwar griechisch bleiben aber endlich selbstverwaltet werden sollten. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch den ganzen Politmüll, den der griechische Vitamin-B-Lehrer aus der Heimat mit sich brachte.

Damals arbeitete ich fürs Griechische Haus Westend und, da wir einen kirchlichen Träger hatten, fühlten wir uns unabhängig genug, alle guten Ideen für eine neue abzulehnen: griechische Geographie, Geschichte und Sprache als Wahlfächer an den bayerischen weiterführenden Schulen. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch, dass die CSUler d’accord waren mit der Ghettoisierung ihrer griechischen, fast einheimischen Exotik, solange diese CSU-lastig blieb. Unsere Propaganda gegen die Pläne von Fthenakis (eine, eigenständige griechische Privatschule) sowie gegen die Pläne der griechischen Sozis (eine, vom griechischen Staat kontrollierte Schule) wären allerdings nutzlos gewesen, hätten sich die Anwohner der entstehenden griechischen Schule (“Palladion” war der angedachte Name) nicht beschwert wegen zu vieler Griechen in der Nachbarschaft usw. Die Bauarbeiten in Berg am Laim zogen sich endlos hin, irgendwann wurde nicht mehr gebaut. Als ein Zaun verschwand, sah sich die Stadt München verpflichtet – ergo legitimiert – den Rohbau abzureißen, was nach zwanzigjährigem Hin-und-her vor ein paar Tagen geschah. Wie so oft in der Politik ergibt sich das Gute aus dem Kampf des Bösen gegen das Böse – was natürlich ein kantischer und aufklärerischer Gedanke ist.

Die Schule wird immer eine fehlerbehaftete Institution sein, die – aufklärerisches Gedankengut hin oder her – Indoktrination betreibt. Nur viele, alternative, echt freie Privatschulen, die ausnahmslos wahre Optionen für die Eltern sind, würden die Wahlfreiheit garantieren, die dem aufklärerischen Gebot entgegenkommt, jeder wähle seinen Lehrer. Ideologisch stark gefärbte Minderheitenschulen würden ohne vom Staat geförderte Alternativen (sprich freie Privatschulen) alles aushöhlen, was Deutschland seit Lessings und Kants Zeit gelernt hat. Ist ein ABC der politischen Bildung zu viel verlangt von der deutschen Bürokratie?

Bedenkt man die neuesten Geschehnisse in (Vorsicht! – nicht München jetzt…) Mannheim, offenbar!

Enough with scrolling

The tongue twister in the title is Greek for “diminishing responsibility”. I like this expression because it shows what happens when bureaucrats manage ideals of philosophical importance. And it is almost the name of a Greek-Bavarian expert for preschool education.

I found no better title for my thoughts about German schools de jure private, de facto public in the service of another state and its national ideology.

Germany, you see, the Federal Republic, its institutions, presently negotiate with Turkey with the purpose to found three schools administered by the Turkish state. The press reports about private schools, ones, however, that will not be free to choose learning methods and curriculum. And, what is more, whose dependence will not be on the state in whose territory they will operate.

Since I do not wish to be attributed a typical Greek attitude towards Turkey, I, on the issue of quasi-private schools suspect of ghettoisation, would rather discuss the pre-90s Greek schools of Bavaria, i.e. the school form which the three planned Turkish schools aspire to imitate.

Following the presence of a Bavarian on the Greek throne in the 19th century, the Greek-Bavarian relationship has been a very special and, indeed, a close one. When the first Greek immigrants arrived in Munich in the 50’s they found, unlike people who ended up working in Frankfurt or Stuttgart, a Greek parish using a medieval church with only Orthodox services in Greek language situated just a few hundred yards away from the city’s iconic Roman-Catholic cathedral of Our Beloved Lady. A privilege – there’s no doubt about that! The Greeks of Munich are a community that gave its city a couple of painters of the Munich School (curiously, the English Wikipedia article on the Munich School cites the name of the School in Greek but not in German) as well as a couple of university professors, whose most important – the mathematician Constantine Caratheodory – held the chair for mathematics at the University of Munich and was a lay officer to the aforementioned church during the Third Reich. Without wanting to make any allusion to Caratheodory’s being a brilliant mathematician but not a hero, being attracted to conservatism has been characteristic of the Greek elites of Munich.

They have been rewarded for this. When other Greek communities throughout West Germany were anxious about schooling and the role of the Greek language in the curricula, the federate German state of Bavaria allowed in 1969 the opening of Greek schools administered by Athens. Calling them “private” did not reflect a sense of humour but it could have done so. They were Greek state schools, which jeopardised the sovereignty of the Bavarian state in cultural matters. However, this jeopardy was intended from both sides. As long as the young Greeks spoke pidgin German, their ascending the social ladder in Germany was out of the question. And as long as the parents of the young Greeks felt uncomfortable in German schools, their willingness to consider a German school for their kids remained low. Chauvinists of different nations can always agree on one thing: they dislike each other. As long as the Bavarian side used biological determinism to back their policy of not allowing highschool students to exceed a certain percentage of the general population, the Greeks, despite their being a part of the local culture, utilised a traditional leftist scheme of Greekness (also on biological grounds) to bypass the obstacle that the Bavarian schools presented in their eyes.

The struggle of the evil against the evil was a good idea but…

…but the Greek-Bavarian folklore started to present signs of a ghettoisation.

Rather its leftist allures than the ghettoisation per se appalled the biologist and pedagogics professor of Munich, Vassilios Fthenakis. In the 90s he propagated the view that the Bavarian jeopardy should continue and the schools remain Greek. But they should be removed out of the control of the Greek state. Which, in itself, was also a good idea. Who could trust teachers sent to Bavaria by a nepotistic ministry of another state in a place more than one thousand miles away?

When Fthenakis launched his campaign to ensure that the Greek schools would become really private while retaining their very Greek character, I was still a PhD candidate and worked for the so-called Greek House. The Greek House was a church organisation and we felt independent enough to support a third idea, apart from the Greek schoolish imperium in imperio and Fthenakis’s idea of a schoolish ghetto: Greek geography, history and language as optional subjects in Bavarian schools. Today, all these ideas are abandoned and no one knows what the future will bring. The neighbours of the construction site of the private Greek school protested, you see… The city council threatened to stop the construction if this would begin. Against all odds, the works began. But very soon they stopped. Years passed.

Recently a part of the fence disappeared for the municipality of Munich to tear down the erected walls under the pretext of risks for the public. Just before last Christmas, the construction site of the Greek school of Munich ceased to exist after twenty years of legal conflict. The good may result from the struggle of the evil against the evil, which is a Kantian and optimistic thought.

Schools are institutions which propagate ideologies even if they frankly attempt not to do so. Only a pluralism of many, free, alternative schools which are real options for parents guarantee the free choice of teachers – a desiderate of the age of Enlightenment.

But the country of my discussion is called Germany, not Enlightenment. A country, that is, far too hostile to a pluralistic landscape of didactic and educational methods. During the tearing down of the construction in Munich, the other big southern state of Germany, Baden-Wuerttemberg, prohibited a 42-years-old Greek curriculum run by a local Steiner-Waldorf school.

Germany appears to prefer state ideologies to free schools. Since the school as we know it today is an institution which at least attempts to remain free of ideological chains, given the recent development I take it to be very likely that large parts of German bureaucracy are manned by philosophically illiterates.

When I think of the difficulties of our alumni in Erfurt to find decent jobs and a recognition for what a philosophical department taught them, this doesn’t come as a surprise.

Betting Dodds or the sleep of reason

Scroll for English

In meiner Studizeit (in Athen musste ich genauso viele Philosophie-Semesterwochenstunden wie klassische Sprachen belegen) hasste ich Dodds’ berühmtes Buch Die Griechen und das Irrationale. Die nietzscheartige Analyse barg ein Religionsverständnis in sich, das für mich damals nicht charakteristisch altgriechisch war. Heute hasse ich das Buch nicht mehr. Damit ist nicht gesagt, dass ich es mag. Bloß behaupte ich im Sinne der Rational choice-Theorie, dass religiöses Verhalten rational ist, was die Hauptthese des Buches, die Griechen hätten sich mit ihrer Religion auf die Unvernunft bezogen, hinfällig macht, wenn ich und die Rational choice-Theorie nämlich Recht haben sollten. Es gibt nichts originär Unlogisches oder Widersprüchliches in Mysterien, Chimären und Gefühlsregungen. Für widersprüchliche Konsequenzen aus Geschichten mit solchen Elementen sind nicht diese Elemente verantwortlich zu machen. Wenn ein Wesen, das halb-Frau-halb-Vogel ist, den Täter eines Mordes quält, den ein lokaler Brauch verlangte, dann gibt es nichts Absurdes daran. Es gibt keinen formalen Widerspruch darin, halb-Frau-halb-Vogel zu sein. Es gibt auch keinen formalen Widerspruch, wenn zwei verschiedene Moralsysteme Gegensätzliches fordern. Ein formaler Widerspruch kommt erst dann zustande, wenn jemand behauptet, beim göttlichen und beim menschlichen Gesetz würde es sich um ein-und-denselben Codex von Gegensätzen handeln. Aber so etwas hat meines Erachtens nie ein griechischer Autor der Antike behauptet.

Ablehnung ist es nur noch, kein Hass, was ich Dodds’ Buch entgegenbringe. Lediglich ein kleines Flämmchen des alten Hasses glimmt noch, wenn mir Dodds’ museumspädagogische Ausgeburten begegnen. Siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches tut es nämlich weh, wenn es immer noch Kuratoren gibt, die alles auf Dodds’ These setzen, was es in einem Museum zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Letztens flackerte das kleine Feuer in mir vor Vitrinen mit grandiosen Exponaten. Der alte Reeder Nikos Goulandris hatte eindeutig ein besseres Gespür für antike Kunst als seine Epigonen für die Auswahl des Personals in seinem Museum für Kykladische Kunst. Sphinx, Greifen, Pan usw. finde ich viel weniger monströs als die dortigen Begleittexte, wonach jene das “Irrationale” darstellen würden. Wie ich immer wieder sage, verschandelt und bagatellisiert die in Griechenland praktizierte Museumspädagogik jedes Exponat.

Dazu eine Geschichte: Ende der Neunzigerjahre haben ein paar bayerische Molkereien die länger haltbare frische Milch lanciert. Ohne Zusatzstoffe. National und international war das neue Produkt ein Renner. In Griechenland verlangte aber der Gesetzgeber, dass egal wie lang ultrahocherhitzte Milch nicht als “frische Milch” in den Regalen stehen durfte und, als das weiterhin geschah, wurde jede länger als drei Tage haltbare “frische Milch” von den Supermärkten konfisziert. Als die deutsche Seite beteuerte, diese Milch sei nicht ultrahocherhitzt, verhöhnte die griechische Presse die widernatürliche bayerische “Superkuh”, deren Milch “frisch” war, aber von der Haltbarkeit her eher der H-Milch entsprach. Ein erstes Expertentreffen wurde vereinbart und ich – damals Doktorand in München und für jeden Pfennig froh – wurde als einer der Dolmetscher angeheuert. Im Treffen waren außer den üblichen Botschaftsattachés und IHK-Heinis Leute des griechischen Fremdenverkehrsamts dabei. Auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten komisch. Auf den dritten nicht mehr. Wo es Kühe gibt, gibt es auch Kuhhandel – und in diesem Fall sogar einen Superkuhhandel.

Nach zweitägigen Gesprächen hatten die Griechen versprochen, etwas für die widernatürliche Kuh zu tun, wenn die Gegenseite aufhörte, sich gegen die griechischen Fremdenführer zu beschweren. Quid pro quo. Es gab nämlich Beschwerden. Und ob es welche gab! Nicht gegen die Verwendung des Begriffs “irrational” durch die museumspädagogischen Fachkräfte – das nicht… Aber laut griechischer Gesetzgebung musste (und muss weiterhin), wer durch ein griechisches Museum führt (es geht dabei nicht einmal um den Berufsstand des Fremdenführers, sondern um den Akt des Erklärens vor einer Menschengruppe) Grieche sein. Das verstößt mit Sicherheit gegen die Freizügigkeit in der EU und eventuell gegen die Meinungsfreiheit. Nun war die deutsche Seite um Ersteres besorgt. Immerhin! Und sie hat ihre Sorge gegen die Lockerung der griechischen Haltung zur Superkuh eingetauscht. Quid pro Kuh. Mensch, so ein sympathisches Tier doch…

Ich war wie gesagt noch Doktorand und brauchte diese Menschen nicht, denn ich war bekanntlich für Höheres vorherbestimmt. Also lästerte ich in der Mittagspause über den griechischen Protektionismus, als Stephanos Tsochatzopoulos, Bruder eines notorischen sozialistischen Ministers und damals Leiter des Münchner Büros des Griechischen Fremdenverkehrsamtes, mich rügte, die Sache, welches Griechenlandbild die Touristen mitbekommen, sei doch von nationaler Bedeutung.

So hat die Politik einer militanten Zunft ein langes Wirken in den griechischen Museen ermöglicht; einer, die bereit ist, dich zu zerren und verbal anzugreifen, wenn sie dich in fremder Sprache vor Familie und Freunden – Gruppen! – etwas über Poseidons Frisur erklären hören. Vor einem Jahr passierte es einem Freund in Akropolis, vor zwei mir im Nationalen Archäologischen Museum.

Die usurpierte Deutungshoheit der Museumsexponate ist eine Sache. Die Deutung eine andere. Die Protegés des griechischen Staates deuten so: “Die Griechen hatten keine Mythen, sondern eine Mythologie, das heißt eine mythische Logik”. Oder: “Für uns heute sind Pegasus und Medusa irrational (sic). Die Griechen sahen das anders”. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor hieß es zu Goyas Zeiten, was aber damals nicht auf die Fähigkeit des griechischen Staates gemünzt wurde, abgefahrene Berufssparten zu erzeugen.

Da ich sehr scharfzüngig gegenüber Griechenland war, wobei die bayerischen Interessenvertretungen glimpflich davongekommen sind, möchte ich den letzten Schluck dieses etwas längeren Ristrettos nicht ohne eine tu quoque nehmen. Ich weiß, dass ich es nicht darf, dass es gemogelt ist, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen.

Der erste Französischlehrer meiner Kinder war ein Franzose, Staatsexamen Französisch. Absolviert in Paris. Er wollte halt’ in München leben. Irgendwas Privates, Freundin, Ehefrau…

Es war eine Privatschule. Privatschulen finanziert der Freistaat Bayern mit, was eine gute Sache ist. Es gibt daher auch Auflagen, was die Ausbildung der Lehrer dort anbetrifft. Ebenfalls eine feine Sache, würde ich sagen. Diese Ausbildung soll dem bayerischen Staatsexamen äquivalent sein. Ich wurde an der LMU promoviert, weiß also, dass die Qualität dort gut ist. Aber jetzt aufpassen, wie Qualitätssicherung interpretiert werden kann: “Für das erste bayerische Staatsexamen muss die Gleichwertigkeit sichergestellt werden. Wenn Sie z.B. in Paris eine Stunde weniger Spezialdidaktik hatten, muss in Bayern eine Lehrveranstaltung Spezialdidaktik mit einer oder mehr Semesterwochenstunden noch absolviert werden. Dann muss das Referendariat absolviert werden. Selbst dann ist die Übernahme davon abhängig, ob Ihr Fach ein Mangelfach ist”. Die Gefahr, den Kindern in Ismaning ein unbayerisches Französisch beizubringen hat ihn zu einem Unterstufen-Halbdeputat, wohlgemerkt an einer Privatschule, eingeschränkt. Dieser protektionistischen Hölle konnte ich im außereuropäischen Ausland der Confoederatio Helvetica entgehen.

Der Leser kann sich vorstellen, wie ich mich fühle – ein Bundesbürger doch – wenn ausgerechnet Markus Söder in der Rolle des Hoffnungsträgers der Konservativen stilisiert wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

Enough with scrolling

As a student (the philosophy degree in Athens required almost as much classics as it did philosophy) I hated Dodds’s famous book The Greeks and the Irrational. It shed a Nietzschean light on the Greek understanding of religion which, for me back then, was not distinctive of Greek culture. Today, after having encountered the rational choice theory, I claim that religion is a rational form of behaviour and I do not hate the book anymore. Rather, I take Greek rituals in it to be just ill-conceived. There is nothing generally illogical or contradictory in mysteries, chimaeras and emotion as such, at least not as long as they have no contradictory implications. There is nothing absurd in a half-woman-half-bird not letting you sleep if you committed a murder that the local custom required you to commit. There is no formal contradiction in being half woman and half bird and there is no formal contradiction between two different moral codes. Where there is a formal contradiction is when you happen to claim that the human and the divine are the same system of morals. I know of no Greek author who claimed this.

However, even if I can now identify my attitude to Dodds’s book as rejection rather than as hatred, I do hate to see museums place their bets on a 70 years old book. This can also happen in a museum whose collection is as remarkable and worth seeing as the Museum of Cycladic Art. The collection Goulandri-Horn on which the museum was based, is remarkable. But no tycoon is to blame for how museologists educated with Dodds interpret the exhibits they collected. What a monstrosity to say that the monsters of Greek culture and religion: Sphinx, Oedipus, Pan etc depict the “irrational”!

Museology in Greece is a vast assault to the art! I’ve already had the opportunity to opportunity to deplore nationalistic and provincial rhetoric in a Greek museum. But the reader of this post only needs to read the following story: in the late 90s the Bavarian dairies promoted the long lasting fresh milk without preservatives. Greek law demanded it not to be tagged as “fresh”, since it was (and remains) drinkable after two weeks. When the package continued to talk of “fresh milk”, the Greek state reacted by confiscating the product from the supermarkets, Greek officials mocking that the Bavarians obviously claimed to have invented the super cow. It was the time to bargain, but the trade pertained more to horses than to cows: the Greeks gave up their stance towards Bavarian fresh milk still drinkable after two weeks, demanding as a quid pro quo that only Greek citizens will be allowed to guide groups in Greek museums – obviously an assault against free movement in the EU, arguably also against the freedom of expression. I know about the quid pro quo because I happened to be one of the interpretors in the negotiations in Munich. I was still a PhD student, didn’t need them to hire me any more – I was going to become the most exalted professor of philosophy the world has ever seen, wasn’t I? – and in the midday break I referred ironically to Athens’s protectionism in favour of Greek tourist guides, for Stephanos Tsochatzopoulos, brother of a notorious socialist minister and back then director of the Munich bureau of the Greek National Tourism Organisation to reprimand: “Don’t be recalcitrant! The issue is of national importance”. For this issue of national importance politics created a group of militants acting in Greek museums who would drag you and attack you if they hear you using a foreign language in the museum towards the members of your family (a group of people, no doubt) since they do not recognise you as one of the ethnically conform people affiliated to the museum. Last year it happened to a friend in Acropolis, two years ago to me in the National Archaeological Museum.

Since ages Greek tourist guides have conducted the tourists saying deeply erudite stuff like “The Greeks had no mythical teachings, they had a mythology, that is a mythical logic”; or: “For us today it is irrational (sic) to have winged horses or snake-haired women, but the Greeks had no issues with the irrational”. The sleep of reason produces monsters claimed Goya ignorant of the potential of the sleep of reason to produce Greek tourist guides. In fact, ignorant of the ability of politics to create monsters in general.

Since I have been nastier to Greek than to Bavarian politics, let me finish with a tu quoque. I know, I am not allowed to, but I cannot resist. With the Greek policy in mind to allow only Greeks to guide groups in Greek museums think of the following story, the story of my kids’ first teacher of French: until four years ago, we have lived in Bavaria and he was, as I said, my daughters’ teacher of French. A native speaker of the language he was teaching, he had come to Bavaria from France where he had gained his teacher’s degree because of his wife. Something personal anyway… It was a private school alright, but the State of Bavaria co-finances private schools. And since it does so, it legally demands that holders of non-Bavarian teacher degrees – French, Greek, i.e. EU degrees, but also degrees of other German states – either have them acknowledged in Munich (“You had one hour weekly less special didactics in Paris, so you have to go to the university of Munich to re-sit for this, pass the exam there and then accept one year’s apprenticeship wherever we send you for 1.200 euros monthly and your colleagues there have to grade your efforts and then you will be hired only if Bavarian universities cannot cover the demand for your subject”) or accept a contract as a cover for small classes. Succumbing to the state’s scepticism towards French teachers who threaten to teach Bavarian kids an un-Bavarian French, he did the latter. We did something else: We locked the door of our house and said goodbye to it to come to Switzerland – NB, a non EU member.

This said, the reader can imagine how it feels seeing – of all people – the leader of the Bavarian Christian Social Union as the promising new candidate of Mrs Merkel’s party. But this is another story.

A belated obituary for a teacher

Scroll for English

Ihr Tod liegt bereits ein Jahr zurück. Würde ich immer noch in Südostattika wohnen, wo ich aufgewachsen bin und sie gewirkt hat, hätte ich das früher erfahren.

Sie war die Ikone der antiautoritären Erziehung in Griechenland, die Vertreterin einer Pädagogik, die in Griechenland keine Wurzeln schlug, frühere Assistentin an der Athener Capodistria-Universität, recht früh in ihrem Leben Gründerin der Schule, die meine Schule werden würde, damit auch Eigentümerin einer Firma, die in den 80ern Insolvenz anmelden musste, als die “Panhellenische Sozialistische Bewegung” von Papandreou Senior beschloss, den Privatschulen den Garaus zu machen.

Sie war politisch liberal, pädagogisch und philosophisch eine Adlerianerin, irgendwann wurde sie meine Lehrerin und die Person die – Uni hin oder her – mich in Sachen Erziehung am beständigsten beeinflusst hat.

Ihre Vision war eine Schule ohne Strafen (“Nächstes Mal denkst du, bitte, an deine Hausaufgabe”), wo der Druck emotionaler Natur sein musste (“Mach’s für mich”), mit Schülern, die sich nie mit den anderen, sondern mit sich selbst messen (“Noten kann ich euch schon geben – wenn ich sicher sein kann, dass ihr untereinander nicht vergleicht” – hier stach Adlers Individualpsychologie besonders hervor).

Für die neue Schule in Südost-Athen engagierte sie Kairoer und alexandrinische Lehrer, die Ägypten nach 1952 wegen ihres britischen Passes hatten verlassen müssen.

Wie gesagt erwies sich das Projekt private antiautoritäre Schule in Südostattika spätestens bei der Sowjetisierung des griechischen Bildungswesens in den 80ern als untragbar: Zeitungen frohlockten in den Schlagzeilen, dass jetzt nur noch Schüler der staatlichen Schulen gute Chancen hatten, die Universitätsaufnahmeprüfungen zu schaffen. Was wahr war, wenn man bedenkt, dass die Prüfungen so konzipiert waren, dass, wer das staatliche Schulbuch nicht auswendig gelernt hatte, die Aufnahme willentlich erschwerte.

Werke von ihr zur Pädagogikgeschichte und zur pädagogischen Psychologie gibt es nur in griechischer Sprache. Auch griechische Verse hat sie geschrieben. Erst vor ein paar Monaten entdeckte ich in meinem alten Papierkram ihr Gedicht wieder mit dem Titel “Wenn du es kannst”, eine feministische Antwort auf Rudyard Kiplings “If”, die Mütter statt Männer anspricht.

Ihr Name war Voula Tsamtsouri-Anestopoulou (1925-2018)

Enough with scrolling

She died one year ago. Being between Switzerland and Germany I don’t quite keep up to date with news from Greece, so I hadn’t known until today.

She was the icon of antiauthoritarian education in Greece. The founder of the school I visited, eo ipso of a private company that went bankrupt and an adherent of a pedagogical model that failed to make deep roots in Greece. She was a former fellow at the Education Department of the University of Athens. She was a liberal and an Adlerian.

She was my teacher and the person who mostly influenced me in pedagogics.

Her vision was a school without penalties (“Next time think of your homework”), with much emotional pressure to achieve goals (“Do it for me”), with pupils who never (never) compare themselves with the others in terms of output (“I shall give you a mark only if I can be absolutely sure that you are not going to compare it with other people’s marks” – a clear tenet of Adler’s individual psychology here). She hired many Anglogreeks from Egypt, teachers expelled from there in the aftermath of the 1952 revolution.

The school closed in 1983 amidst populist harassment in a time of “Sovietisation” of Greek education: newspapers hailing in the front pages that only public schools could make one pass the A-levels. Which was true if you consider that the exams were designed for people who would only retrieve what they had stored in their short-term memory.

Her writings on the history of education and on pedagogics are only in Greek. She also wrote Greek poetry. Only a couple of months ago, I rediscovered her poem titled “If you can”: a feminist answer to Rudyard Kipling’s “If” addressing mothers rather than men.

Her name was Voula Tsamtsouri-Anestopoulou (1925-2018).

Dyscalculia and Kripkenstein and Christmasstein

Scroll for English

Ich liebe Weihnachten.

Hassen tue ich nur die Art, wie es begangen wird. Ich fühle mich fehl am Platz oder eben in der Zeit, wenn ich Ende Dezember weiter nachdenke, wo es zum Brauchtum gehört, das Negieren des Denkens besonders vehement zu üben.

Dem neuen Trend, Dyskalkulie als ein klinisches Bild zu umreißen, kann ich durchaus Gutes abgewinnen. Nicht dass ich die Dyskalkulie für einen physischen Defekt halte. Eher für einen philosophischen Hang zur Skepsis. Aber bei jedem philosophischen Knacks verringert es den Stress, wenn man externalisiert, wenn man sagen kann: “Das bin nicht ich, sondern das Daimonion” – so frei nach Sokrates.

Bei den Dyskalkulie-Betroffenen ist ein skeptisches Daimonion am Werk. Es diktiert als Fortsetzung der Reihe:

⏹⏺🔼⏹

sowohl diese:

⏹⏺🔼⏹⏺🔼⏹⏺🔼

als auch diese:

⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹

Dyskalkulie-Betroffene ändern die Regeln, weil sie keine präzise Regel erkennen. Aber so spielen Kinder die ganze Zeit. Selbst Erwachsene sind nicht in der Lage, sich in die Lage eines Autisten hineinzuversetzen, der bei einer einminütigen Verspätung des Zuges aggressiv wird. “Die einminütige Verspätung ist keine Verspätung” sagen Sie? Das ist eindeutig nicht wohlkalkuliert!

Es ist eine sehr wichtige Lektion aus Wittgensteins Spätphilosophie, dass jedes Regelverständnis ein Verständnis für die Art vorausssetzt, wie die anderen die Regel verstehen. Das ist zirkulär. Man kann argumentieren, dass diese Lektion nicht Wittgensteins Intention war, nur Saul Kripkes Interpretation der Spätphilosophie Wittgensteins. Das macht die Lektion nicht weniger wichtig.

Meine Lektion habe ich auch gelernt mit dem Ergebnis, dass ich insbesondere an Weihnachten Sympathie für die Dyskalkulie hege. Denn ich habe Dysfestie – so nenne ich sie jedenfalls. Ich verstehe nicht, wieso wir etwas feiern, was wir weniger und weniger – OK, ich verstehe das vielleicht – bis  militanterweise antiintellektuell und bis ins Knochenmark feindlich begehen.

Frohe Weihnachten allerseits!

PS: Das Gemälde von Nikephor Lytras Ta Kalanda (1872 – ungefähr zu übersetzen als “Das Kalendenlied”) schildert einen griechischen Weihnachtsbrauch und steht unter dem Einfluss der Münchener akademischen Schule. Als jahrzehntelang Münchener und als jemand, der immer noch den Brauch begeht, fühle ich mich Lytras an diesen Tagen sehr nah.

Enough with scrolling

I love Christmas.

I only hate the way it’s typically celebrated. When I continue thinking during Christmas time, I feel like being a phoney just in the time of the year in which thinking is mostly disallowed.

Defining dyscalculia as something that is clinically diagnosed serves as a means to reduce the stress and to externalise. A Socratic person with dyscalculia can say something to the effect of: “It’s not me, it’s the demon who causes my failure to do a number of things concerning numbers”. Although I don’t think that dyscalculia is a handicap in the sense of dyslexia, I’m very positive towards the new trend to see it as an obsession in the broadest meaning of the word.

However, I don’t think that dyscalculia has a physical grounding. Rather a philosophical. People with dyscalculia are sceptics who can do nothing about it.

Take the sequence:

⏹⏺🔼⏹

Do you continue it thus:

⏹⏺🔼⏹⏺🔼⏹⏺🔼?

Or thus:

⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹⏹⏺🔼⏹?

Here, the rule is not clear. But, in a way similar to this, no rule is clear and this is why one has to use imagination in every rule following. To me dyscalculia appears to be akin with playing games by rules that you feel inclined to slightly modify in the process. This is the way kids usually play games and the reason even we as adults can’t feel empathy for an autistic person who gets aggressive because the train had a one-minute delay. “One minute is not a delay” I hear you saying. This appears to be a dyscalculous approach.

Kripke showed that a very basic lesson to learn from Wittgenstein’s late philosophy is that, in order to understand a rule, it is essential to understand how the rule is to be understood – which is a circular thing… It is argued that this lesson wasn’t Wittgenstein’s intention but even so, the lesson is there.

Having learned my lesson, I appear to have empathy for people with dyscalculia in a certain way: I have dysfestia – if I may call it thus. I don’t understand how comes that we celebrate something we cared less and less and less about – OK, maybe I understand that – to finally not care about it at all and militantly so.

Merry Christmas everybody!

PS: The painting is Nicephorus Lytras’s Ta Kalanda (1872), a masterpiece in the manner of the Munich School depicting a Greek Christmas custom.

Didactics and ideology

Scroll for English

Kariertes Papier benutze ich wie jedermann für Graphen. Dabei ist es sehr oft (fast immer) der Fall, dass die Werte für x ganze, für y jedoch nicht ganze rationale Zahlen sind. D.h. entlang der y-Achse muss man sehr oft feiner unterscheiden. Halbformale Erklärungen kommen zu jedem Graphen hinzu. Für diese benutzt man die horizontalen Linien des Karomusters als Schreibheftlinien – und zwar auf einer Höhe, die oft von der Hauptkarierung abweicht.

Wenn ich in Obigem richtig liege, kann mir jemand erklären, warum wir nicht auf dem ganzen Globus französische karierte Hefte benutzen?

Meine Vermutung ist, dass wir, die Nachbarn Frankreichs, es nach einer alten Gewohnheit machen – dass Gewohnheit der einzige Grund ist, nicht die offensichtlichen Vorteile der französischen Mathehefte zu nutzen. Aber das ist bereits Ideologie.

Wie ich immer wieder Anlass habe festzustellen, ist nicht nur die Pädagogik ideologisch durchdrungen, nicht nur ihre Ziele, nicht nur die Selektion der Fächer, nicht nur die Hervorhebung bestimmter Bereiche – wie neuerdings etwa die Formalisierung der Sprache und die Einführung der Finanzmathematik in die Schule. Auch die Didaktik ist ideologisch: Die Lehrmethoden sowieso und die nichtsprachlichen Unterrichtsmaterialien nicht minder!

Mehr Beispiele? OK, ich frage dann: Bourbaki oder Konstruktivismus, um Mathe zu unterrichten? Der Konstruktivismus liefert intuitive Klarheiten. Der Bourbakismus ist aber fundiert. Im Unterricht braucht man Ersteres mehr als Letzteres. Also für den Konstruktivismus trotz LMU, trotz Hans Burkhardt, der Lorenzen in schlechter Erinnerung aus Erlangen behalten hatte (Originalton Lorenzen: “Kommen Sie uns nicht mit Philosophie, Herr Burkhardt! Hier machen wir Geometrie” – ist es nicht trotz allem sympathisch? Hans hat das natürlich gehasst, so viel ist klar…).

Und die beste Philosophie-Didaktik? Die vom deutschen Ethikunterricht oder die vom französischen “bac“? Muss ich’s sagen? Bei so viel Religion und Moralismus in Bayern und Thüringen bin ich für den französischen Unterricht. Beziehungsweise, wenn ich an die Bezugnahmen auf Peter Bieri in deutschen Schulbüchern denke, bin ich gleich für die Auswanderung, am besten nach Frankreich. Das ist zwar nicht der Grund, aus dem meine Töchter in der Schweiz zur Schule gehen, aber wenn ich mir vorstelle, dass Marta in einer staatlichen bayerischen Schule in vier Jahren hätte mit der Erkenntnis nach Hause kommen können: “Wow, Papa, wusstest du, dass der bekannte Moralphilosoph Peter Bieri der große Pascal Mercier ist?”…

Brrrr!

Valentin Voloschinov hatte seinerzeit gezeigt, dass jede Form der Kommunikation, die nicht auf bloßer Quantifizierung beruht, ideologisch ist. Das betrifft sogar das Karopapier und man sollte damit leben beziehungsweise bei bildungspolitischem Dissens die Sachen packen und woanders leben. Das habe ich z.B. zweimal gemacht. Ich würde es auch ein drittes und ein viertes Mal machen…

Enough with scrolling

When you make graphs it’s very often the case that you take integers on the abscissa axis and real numbers that are not integers on the ordinates axis. That is, you need lines for fractions of your base unit rather on your ordinates than on your abscissa axis, which means that you need more horizontal than vertical lines. Additionally, very often you use the horizontal lines of your squared paper to write your halb-formal comments and explanations and, by doing so, you will probably write down rows that are not as narrow as the squares provided.

If I’m right in all this, I can’t see why French graph paper hasn’t conquered the globe! If you ask me, there shouldn’t be any surrogate, any competition to this product.

I assume it is habit that prevents people outside France from seeing the advantages of French graph paper. Now, if I’m right in this too, the root of the problem is ideology.

And this is difficult to accept. I mean, I can easily accept the fact that the aims, the selection of issues and topics, and the methods of education are not ideologically innocent. But it’s a completely different thing if we have ideological preferences towards our tools.

Do you want more examples? Is Bourbaki or constructivism the best way to teach mathematics? I’m a constructivist even if by this I diminish the importance of set theory for education. But the French I know are Bourbakists. So, I suppose that in this I am rather of German taste – I confess that I became this in contrast to all my German teachers who where rather of Bourbakist taste.

Otherwise, what is the best way to teach students critical thinking and to make them better readers and authors: the subject Ethics of German schools or the French preparatory courses for the baccalaureate? Here I’m clearly for the French. Because there’s too much multicultural Abrahamitic hand-waving in the school subject ethics in Bavaria and Thuringia, and even mentionings of Pascal Mercier without his pseudonym. I mean, they mention his Berlin-University name because of this book on ethics he wrote titled The Handicraft of Freedom. If you send your kid to visit religion classes – or to France – she definitely learns more philosophy…

As Valentin Voloshinov showed many years ago, every realm of communication that doesn’t rely on number only is a part of ideology. We have to live with this.

The teacher and the detached

Scroll for English

Die nicht abgetrennten Teile eines Ganzen unterscheidet von den abgetrennten der Umstand, dass die Grenze der ersteren zum Rest entweder scharf ist, oder soritische Probleme erzeugt. Bei abgetrennten Teilen ist der Grenzverlauf dagegen irrelevant. Nie stellt sich bei der Präsentation abgetrennter Teile eines Ganzen die Frage, wie weit weg die Teile voneinander zu stellen sind. Bei integren Ganzen ist es dagegen immer wichtig zu wissen, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Wie fein die Grenze ist. Gibt es eine Pufferzone? Wie breit ist diese? Sind Abweichungen in der Pufferzone tolerabel? Ähnlich damit entspringen die soritischen Probleme der Art eines Slippery Slopes, eines Präzedenzfalls, einer Versicherungspolice mit unscharfen Begriffen aus dem Umstand, dass die Unterscheidung zwischen verschiedenen Geltungsbereichen nicht scharf vorgenommen wurde.

Juristen ist es wie Ärzten und Politikern wichtig, wo eine Grenze verläuft – gleich Landvermessern, die wissen müssen, wo sie einen Pflock in die Erde stecken.

Für den Museumspädagogen des Athener Nationalen Archäologischen Museums ist dagegen die Frage, wie weit weg er einen Arm der Zeusstatue von deren Kopf platziert, zweitrangig. Wie Museumspädagogen ignorieren Lehrer oft das Angrenzende, um in das Nächste überzugehen. Das pflegen sie, wenn es das Angrenzende nicht gibt, oder wenn es als Erkenntnisgegenstand nicht zweckmäßig ist.

Disjecta membra sind des Lehrers. Dass er in ihnen Ordnung schafft, ist mehr eine Sache seiner Poesie als seines Fachwissens.Enough with scrolling

The museologist of the National Archeological Museum of Athens doesn’t care much about how far away from Zeus’s head the arm is to be placed. When the statue was intact, there was an invisible, yet clear borderline between the limbs and the torso, the torso and the head. But after the destruction, it is pointless to try to put the arm to its exact place compared to the head. If the parts are detached, exactness is not the issue.

But if the parts are undetached, exactness is the issue. In case it fails to be, this happens at the price of soritic problems. Imagine state borders without exactness. Where does your state begin? Here? Two yards further? Two hundred yards further? Two hundred yards which way? Already two yards, let alone two hundred,  are too large a deviation? But two inches we wouldn’t mind, would we? Three inches? Four? Five? Where is the limit after which we would mind?

I see the difference between detached (body) parts (say, of statues) and undetached parts (say, of a continent) in the fact that, once you don’t clearly determine the border between the undetached parts, you have soritic problems, which you don’t have if you have detached parts.

Slippery slopes, precedents that give rise to counter-intuitive jurisdiction, fuzzy insurance policies have this one thing in common: they don’t clearly determine where the norm becomes invalid. Lawyers, politicians, physicians should be like topographers: they should be able to draw exact limits.

Teachers shouldn’t bother to be the same. By contrast, they try to present detached parts, scattered pieces of knowledge, in an ordered way. When they succeed in doing so, it is art rather than expertise they demonstrate.

It is the museologist’s job.

Free variables for free teens

Scroll for English

Die Einführung in die Algebra geschieht in der Regel in der 7. Klasse. Der Lehrer sagt das unvermeidliche “Jetzt lernen wir, mit Buchstaben zu rechnen” und die Dreizehnjährigen sollen auf einmal “tschecken”, dass die Ixen und die Ypsilons nicht für einen Laut stehen, wie sie bisher lernten, sondern Platzhalter für mathematische Werte sind. Zwar spricht der Lehrer nicht die Wörter “ungebundene Variable” aus – die wenigsten Lehrpersonen würden den Logiker-Jargon beherrschen – aber, dass es so etwas gibt, sollen die Teens auf einmal begreifen.

Dass das nicht auf Anhieb funktioniert, verwundert oft. Auf die Gründe, aus denen es so oft vorkommt, dass Xen und Ypsilons fatalerweise miteinander addiert werden, anstatt dass sie von hier nach da geschoben und manipuliert werden, wie es der Lehrer sagt und erwartet, kommt es vielleicht nicht so sehr an. Meine Vermutung ist jedenfalls, dass die jungen Leute im Hinterkopf haben, dass “x” und “y” Konstante sind. Sie haben diese Zeichen ja als Konstante für phonetische Werte kennengelernt, eben Laute, und es fällt ihnen wohl nicht leicht, sie als stellvertretend für alle numerischen Werte zu betrachten.

Es gibt vielleicht die Schüler, die nach der Neudefinition von “x” und “y” damit beginnen, sie anders zu verwenden als im Deutschunterricht. Definitionen sind didaktische Hilfsmittel und bereits Aristoteles sowie die griechischen Mathematiker betrachteten es bereits in der Antike als nützlich fürs Lernen, wenn Buchstaben die Variablen bezeichnen. Allerdings sind die didaktischen Hilfsmittel für Erwachsene nicht immer geeignet für Kinder und mir jedenfalls ist nie bisher ein dreizehnjähriger Bourbakist untergekommen. Da wird man didaktisch zum Konstruktivisten. Meiner großen Tochter habe ich mit Jolly Roger und Pink Panther an Stelle von “x” und “y” den Umgang mit freien Variablen beigebracht. Die freien Variablen definiert habe ich niemals bei ihr. Höchstens habe ich das in dieser Lehrveranstaltung in Erfurt vor Jahren gemacht, die Prädikatenlogik zweiter Stufe voraussetzte, was ich im Schnelldurchgang machte. Aber selbst da glaube ich nicht, dass die Studenten wegen meiner Definition die Zeichen korrekt manipulierten.

Jedenfalls macht es den Kids Spaß, alberne Bilder als semantisch ungesättigte – und deshalb unkalkulierbare – Symbole loszuwerden, wenn sie sie im Zähler und im Nenner desselben Bruchs vorfinden. Herzchen und Fische sind so ungewöhnlich in diesem Kontext, dass sie niemals versuchen werden, mit ihnen zu rechnen. Schnell werden sie erkennen, dass das Verhältnis 4💰/2💰 zwei zu eins beträgt. Sie sind dagegen oft nicht so sicher, wenn sie 4x/2x sehen, ob der Bruch um die Xen zu kürzen ist. Keine Ahnung warum! Vielleicht, weil man “tableaux” nie um das “x” kürzt, auch wenn das stumm ist.

Selbst wenn der Groschen nicht fällt, dass sie auch in der Algebra Faktoren zu eliminieren versuchen sollen, den klassischen Fehler des Addierens von 2x und 2y zum Ergebnis 4xy werden die Schüler, wenn sie komische Icons statt “x” und “y” haben, nicht mehr machen. 2☠️ und 2❤️ ist für sie nicht 4☠️❤️.

Ein offensichtlicher Nachteil des Ganzen ist, dass alberne Bilder unschön sind. Wer also glaubt, dass es in der Mathematik um Eleganz geht – ich z.B. – sollte schöne erfinden.

Sie sollen nur abstrakt genug sein, um den Eindruck zu erwecken, hier gehe es um Platzhalter, die viele mögliche Werte suggerieren.

Enough with scrolling

Traditionally, algebra begins in the 7th grade. Teachers talk the obligatory “now-we’ll-calculate-with-letters”-talk and the teens are supposed to see that these letters are unbounded variables. I mean, the teacher doesn’t tell them they’re unbounded variables and she’ll rather ignore the logician’s jargon, but she understands letters to be unbounded variables and expects students to understand them this way too.

However, teens have often huge problems with this. They’ll rather want to calculate with these “x”s and “y”s – fatal mistake! – instead of trying to drag them from here to there and to manipulate them like they’re supposed to do. One reason for this highly defeasible tendency could be the fact that for six or seven years schoolchildren have been treating “x” and “y” and “a” and “b” as having one value – a phonetic, of course, but, still, one-and-only value. And now the teacher wants them to start treating them as gaps for any value? That doesn’t work. I mean, it works for mathematics and logic but here I’m talking didactics. Constructivist didactics maybe; however the more I’ve worked with teenagers – but also with university students – the less sympathetic I’ve become towards Bourbakism.

Already Aristotle and the Greek mathematicians have used letters as variables. I am fond of this huge heritage but my daughter grasped the thought behind the “x” and the “y” after I started to use them interchangeably with hearts, the Jolly Roger and the Pink Panther. Kids will rather try to rid these symbols off if they see them in the numerator and the denominator of the same fraction instead of calculating with them. But they’ll not try to rid off letters in analogous cases. But, I mean, you don’t get rid of “x” in the word “tableaux” either, do you? At any rate there is something in letters that blocks them when they’re about to amplify an algebraic fraction.

And even if they don’t get the clue behind eliminating variables as factors, by using funny icons instead of letters as symbols for variables at least you can forget the classical mistake of taking 4xy to equal the sum of 2x and 2y. No way they would sum up 2☠️ and 2❤️ to be 4☠️❤️. And, as I said, they’ll quickly recognise that the ratio of 4💰/2💰 is two to one, which is not always the case when you give them 4x/2x.

These didactical tools have at least one disadvantage: they are not beautiful. This is why, for those who believe that maths is about beauty – and I do believe so – they are suboptimal. But this is only a technical problem to be solved with the creation of beautiful icons.

One has only to take care that they’re abstract enough to suggest variables.

From an epistemic ethos to an epidemic pathos

Scroll for English

Die Zeit, da Rudolf Steiner in puncto Mathematikdidaktik auf Aufsätze seiner Leute in Ostwalds Annalen der Naturphilosophie hinweisen konnte, einer Zeitschrift, in der auch Positivisten wie Ernst Mach und – na ja – sui generis Positivisten wie Ludwig Wittgenstein publizierten, liegt 99 Jahre zurück.

Die heutige Spezialisierung der Fachzeitschriften sowie die Ideologisierung von paradigmatischer Lehre und Forschung lassen folgende, aus: Steiner, R., Erziehungskunst: Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge (GA 295), Dornach 1984, S. 119, entnommene, September 1919 in Stuttgart entstandene Notiz über eine Publikation eines frühen Waldorfpädagogen unglaublich erscheinen.

Enough with scrolling

99 years ago, Rudolf Steiner, a dualist and Goethe expert, had the opportunity to see scholarly work of his followers comprising didactical tools for maths for the first Waldorf-Steiner School in Stuttgart, in journals like Ostwald’s Annalen der Naturphilosophie, where positivists like Ernst Mach and – well – idiosyncratic positivists like Ludwig Wittgenstein also published their work.

Today’s specialisation of journals, and also the epidemic of ideological bias inside paradigms make the note from the year 1919 (from: Steiner, R., Discussions with Teachers, Barrington MA, discussion 10) appear unreal.

A man has to do what a man loves to do

Scroll for English

Wenn die Schüler in ihren Graffiti auf einen Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik hinweisen, dann spricht das wahrscheinlich für ihr außergewöhnliches Interesse am Fach Philosophie in der Schule – dachte ich bei der Entdeckung obigen Schriftzugs. Oder für eine Hannah Arendt und Gottfried Seebaß nahestehende und in jedem Fall Kant und Popper gegenüber feindselige Haltung. Oder für Beides, was aber nicht sein muss. Man kann nämlich Arendt anhimmeln, ohne Philosoph zu sein. Den moralischen Ästhetismus neomarxistischer Couleur (Klassenkampf aus ästhetischen Gründen sozusagen) habe ich über Umwege erst 2000 bis 2003 in Griechenland kennengelernt und – da muss mich der Leser entweder glauben, oder selber recherchieren – er ist philosophisch extrem dünn.

Andererseits spricht “küssen” von keiner festen Beziehung. Wenn die Ästhetik sozusagen eine flüchtige Affäre der Ethik ist, dann schadet das wohl der kantischen Morallehre nicht.

Jüngst entdeckte ich, dass der Schülerspruch “Ethik küsst Ästhetik” von einem Laden in Downtown-Basel abgekupfert ist. Seitdem stelle ich mir manchmal die Kunden besagten Ladens als solche vor, die reingehen, ausschließlich um Schönes und Luxuriöses zu kaufen – was jedenfalls auf den ersten Blick untugendhaft erscheint. Nicht nur die Tugendethik erhebt hier einen Einspruch. Es drängt sich auch das kantische Bedenken auf, ob sie pflichtbewusst handeln, falls sie Moralität konsumieren (Fair-Trade-Zeug), weil diese schön aussieht.

Nun ist die Schönheit nicht das Kriterium des moralischen Handelns. Schiller war ungerecht gegenüber Kant, als er ihn so verstand, er würde vorschreiben, nur Unangenehmes könnte man aus Pflicht tun. Es gibt durchaus angenehme Pflichten.

Man kann einwenden, dass der Kunde per definitionem nicht aus Pflicht handelt, falls er Fair-Trade-Produkte nur deshalb kauft, weil sie schön sind.

Andererseits kommt es bei der Erfüllung einer Pflicht nicht auf die Absicht an. Man muss nicht aus Pflicht eine Pflicht erfüllen.

Fazit: Küsse zwischen Ethik und Ästhetik sind OK. Pflichten dürfen angenehm sein. Vielleicht sind sogar unangenehme Pflichten in einer gewissen Hinsicht auch angenehm, wie Workaholics ständig beweisen.

Ich bleibe dabei, den Ästhetismus als philosophisch dünn zu betrachten. So viel Popperianismus darf sein. Aber ich betrachte ihn nicht als das ultimativ Böse. Blutjunge Leute sollen doch ruhig das Gute mehr mit dem Angenehmen verbinden dürfen. Etwas anderes von ihnen zu verlangen, würde nur Neid verraten.

Enough with scrolling

First I discovered the graffito in the atrium. It said “Ethics kisses aesthetics”, which I saw as witnessing reflection and as reflecting the students’ engagement for philosophy as a subject. Months later, I discovered this shop in downtown Basel with the same slogan, which made me think that I was wrong about the students’ engagement. I imagined the customers of the shop: going in, in one of the universe’s most expensive spots, buying overrated commodities with prices saltier than the cheese they make for the aperitif a couple of miles souther, and leaving the shop after having done something good for the world after they bought things they would never have bought if they didn’t appear luxurious to them. Not quite the action you’d call “virtuous”.

Aestheticism makes me button my moral coat. Moralist aestheticism, a Neomarxist one, was a concept I had encountered in Greece between 2000 and 2003. It was something like a state philosophy back then, with direct contacts to the almighty ministry, and it remains very influential today – just as influential as it is philosophically hollow.

Notwithstanding my general Popperian aversion against aestheticism, I would never go as far as to say that duties must be unpleasant. This is how Schiller misinterpreted the Kantian concept of duty and one really doesn’t have to be as good in poetry and as bad in philosophy as Schiller.

The customers of the shop do act morally after all when they buy luxuries there, under the condition that they are benefactors of moral agents and the shop is one such. The kiss between ethics and aesthetics is an acceptable one. Even Kantianly so… Fulfilling duties doesn’t have to be unpleasant. The kiss doesn’t need to be one in an unimportant affair to be forgiven. Let ethics and aesthetics be a couple for good – no moral objection there!

But if this concept becomes the new paradigm in ethics, who will do the unpleasant duties? I’d say to this that even unpleasant duties have pleasant sides. Don’t workaholics demonstrate this constantly?

This is why aestheticist students don’t offend my view on ethics. It’s no good for me – it’s hollow. But it’s alright for them and morally acceptable.