Nonmonotonic politics

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Nach der Wandlung der griechischen Bürgerschrecke von Saulussen zu Paulussen verfolge ich die politische Diskussion in Griechenland nicht mehr. Ich bin einfach erleichtert.

Ein uralter Freund aus Piräus machte mich aber jüngst auf folgendes Phänomen aufmerksam: In den (sehr!) vorgezogenen Neuwahlen des heutigen Sonntags für die „Vouli“, das griechische Parlament, drohen die Linken, die Mehrheit zu verlieren, da ihnen die Gelegenheitswähler wieder den Rücken kehren: konservative Bürger, die zwar im Januar links gewählt haben, dieses aber nicht mehr tun werden. Sie hätten in den Linken die einzige Chance gesehen, Griechenland der Aufsicht des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank zu entziehen, aber nachdem den Linken das nicht gelungen ist, würden sie jetzt die Konservativen wählen – und damit das traditionelle politische Sprachrohr einer Wirtschaftspolitik, wie sie der Internationale Währungsfond und die Europäische Zentralbank gern sehen.

Der Freund, seit seinen Studentenjahren ein Linker, aber auch mein Kommilitone am „Department Philosophie, Pädagogik und Psychologie“ an der Uni Athen, empört sich über diesen Trend – und zwar aus zwei Gründen. Erstens sieht er die von seiner Partei (er ist Parteimitglied) hart erkämpfte Macht auf dem Spiel durch die „Rückkehr“ der konservativen Wähler ins konservative Lager und zweitens sieht er in dieser „Rückkehr“ eine kognitive Dissonanz.

Ich sehe darin eine Entscheidung im Sinne nichtmonotonen Schlussfolgerns:

Das proeuropäische Lager haben wir verlassen, als wir dachten, dass du Euroskeptiker bist. Wenn du aber nicht lieferst, was wir von einem Euroskeptiker erhoffen, d.h. wenn wir uns mit dir als Proeuropäer begnügen müssen, dann gehen wir zum unvermischten Proeuropäischen zurück.

Mein Freund kann weiter sagen, dass nichtmonotones Denken kein legitimes logisches Untersuchungsfeld ist, dass es ein anderes Wort dafür ist, was die Psychologen „kognitive Dissonanz“ nennen. Ich sehe hier keine kognitive Dissonanz. Nicht von ungefähr habe ich den kursivgeschriebenen „nichtmonotonen“ Ansatz oben mit Konditionalsätzen formuliert.

Jede scheinbar nichtmonotone Schlussfolgerung lässt sich als ein Konditional formulieren. So formuliert erscheint sie nicht mehr inkonsequent. Das muss vielleicht ausführlicher besprochen werden aber, bis ich dazu komme, können meine logisch geschulten Leser zu Hause mit verschiedenen Beispielen üben – sie werden feststellen, dass ich Recht habe.

Es gibt vielleicht bessere Sonntagsbeschäftigungen als das Umformulieren nichtmonotoner Schlussfolgerungen in hypothetische Syllogismen. Aber für diejenigen, die keine solche haben, dachte ich, dass es nicht verkehrt wäre, wenn sie etwas tun, was ihnen viele griechische Wähler heute gleichmachen. Zwar unbewusst, aber gleich.

Und hier der Link zu den Ergebnissen direkt bei ihrer Erfassung vom griechischen Innenministerium:

http://ekloges.ypes.gr/current/v/public/index.html?lang=en#%22cls%22:%22main%22,%22params%22:

ENOUGH WITH SCROLLING

The link above is the webpage of the Greek Ministry of Inner Affairs for the results of today’s elections for the Greek Parliament in real time.

I’m not really after Greek politics – and this at least since I was relieved to hear that the Greek left abandoned its political spontaneity to accept a more reflected view on things.

Now, an old friend from Piraeus posted something about the following trend: in today’s (very) early elections, the left could lose the relative majority of the popular vote because conservative voters who voted occasionally for SyRizA in January, are returning to the conservative Nea Demokratia – a pro-European party. They thought, the left would be successful in setting Greece free from the supervision of the International Monetary Fund and the European Central Bank. But this didn’t happen.

The friend from Piraeus has been a leftist for ages. We studied together at the „Department of Philosophy, Education and Psychology“ at the University of Athens and he’s angry about this trend. Because he’d be very disappointed if party whose member he is loses the elections. And he sees the „return“ of the conservative Eurosceptics to the conservative party as a case of cognitive dissonance.

I don’t agree with him. What I see in the following piece of reasoning ins nonmonotonicity:

The reason we, conservative eurosceptics, didn’t vote the pro-European conservatives, was that we thought that the leftists were eurosceptics like us. But if the leftists aren’t able to deliver what we expect eurosceptics to deliver and move towards more pro-European positions, then we’ll have to return to the pure pro-Europeans.

The good friend would say, I suppose, that nonmonotonic reasoning is not a legitimate subject of deductive logic – rather another word for what the psychologists call „cognitive dissonance“. I cannot see where the dissonance lies in the pattern of reasoning which I italicized above. Just keep an eye on the conditionals.

I generally believe that every piece of nonomonotonic reasoning can be formulated with the help of conditionals and once it’s formulated thus the alleged inconsistency vanishes. This is something I’ll have to discuss more extensively elsewhere but readers of this blog who are trained in logic can exercise at home in reformulating patterns of nonmonotonic reasoning to conditionals. They’ll find out that I’m right.

Is this a nice thing to spend your Sunday with? Well, maybe it’s not the best thing to do. But since many Greek voters do the same today, mostly unconsciously of course, I thought that you’d like to try.

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One vote, two flags, three philosophers: a European riddle

Under two flags

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Der Grundsatz „one man one vote“ spiegelt einen Gleichheitsgedanken wider. In seiner Dissertation on the First Principles of Government (1795) dachte Thomas Paine, dass er ohne Ausnahmen gelten sollte.

In jener revolutionären Zeit erhoffte Kant (Kritik der reinen Vernunft A 752/B 780) von diesem Grundsatz selbst die Entscheidung von philosophischen Fragen:

[Die menschliche Vernunft erkennt] keinen anderen Richter […] als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme hat.

Wenn dieser Grundsatz richtig ist – also moralisch und politisch richtig meine ich – dann bangt Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit und (Doppel-) Wähler sowohl für die deutsche als auch für die italienische Vertretung im Europaparlament, zu Recht um seine Verteidigung im gegen ihn eingeleiteten Strafverfahren wegen Wahlfälschung.

Aber Moment! Wenn binneneuropäische Zweistaatler laut § 6 Abs. 4 EuWG nach eigenem Ermessen auf eines von zwei aktiven Wahlrechten, die sie besitzen, verzichten müssen, dann entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten dieser Bürger. Von ihren Pflichten gegenüber demjenigen Staat, für dessen Europaparlament-Vertretung die Zweistaatler nicht wählen, können sich nämlich diese nicht selektiv befreien. Ich erinnere dabei an die griffige Feststellung Hegels aus der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 486:

Aber wesentlich gilt es, dass wer keine Rechte hat, keine Pflichten hat, und umgekehrt.

Das Gegenargument, die Zweistaatler besäßen zwei aktive Wahlrechte, selbst wenn sie das eine nicht ausüben, kann man, denke ich, nicht gelten lassen. Besäßen nämlich Zweistaatler zwei aktive Wahlrechte unbeschadet der Bestimmungen von § 6 Abs. 4 EuWG („One man one vote“), dann würde aus:

1. „Di Lorenzo hat das Recht, für die italienischen Europaabgeordneten abzustimmen“

und

2. „Di Lorenzo hat das Recht, für die deutschen Europaabgeordneten abzustimmen“

folgen:

3. „Di Lorenzo hat das Recht, für die italienischen UND die deutschen Europaabgeordneten abzustimmen“

Das ist jedoch eindeutig nicht der Fall.

Als Philosoph würde ich di Lorenzo raten, folgendermaßen zu argumentieren: „Wenn meine Pflichten als deutscher Bürger weniger werden, kann ich mir eine Selbstbeschneidung eines meiner aktiven Rechte vorstellen“. Damit führt er die Argumentation der Anklage ad absurdum.

Der Haken dabei: Sein Richter wird nicht Kants „allgemeine Menschenvernunft“ sein.

The principle „one man one vote“ has been historically a slogan for equality. In his Dissertation on the First Principles of Government (1795) Thomas Paine thought that it should be valid without exception. Undoubtedly, the late 18th century was a revolutionary time in which Kant (Critique of Pure Reason A 752/B 780) hoped that this principle should decide philosophical questions:

Human  reason […] recognizes no other judge  than universal human reason itself,  in which everyone has his own voice.

If this principle is correct – I mean morally and politically correct – then Giovanni di Lorenzo, editor-in-chief of the German weekly Die Zeit and voter (twice!) for the German as well for the Italian representatives in the European Parliament, has every reason in the world to be concerned about the criminal proceedings against him for fraudulent voting.

But wait a moment! If according to § 6 Nr. 4 of the European Elections Act of the Federal Republic of Germany European double citizens must suspend one of their rights to vote at their own discretion, the equilibrium of the rights of these citizens to their duties is infringed, since, obviously, they cannot free themselves selectively from a duty like they can from their right. I remind the reader Hegel’s brief statement in the Encyclopedia of Philosophical Sciences, § 486:

In essence, it is valid that those who have no rights have no duties and vice versa.

The counter-argument that double citizens do possess the right to vote in both countries even if they do not vote in one of the two is in my mind not sound. If the right of double citizens to vote in two countries would remain irrespectively of EEA § 6 Nr. 4 („One man one vote“), then from the two propositions:

1. „Di Lorenzo has the right to vote for the Italian members of the European Parliament“

and

2. „Di Lorenzo has the right to vote for the German members of the European Parliament“

a third would follow:

3. „Di Lorenzo has the right to vote for the Italian AND the German members of the European Parliament“

which is definitely not the case!

As a philosopher I would recommend di Lorenzo to argue that he would suspend his own right to vote as a German citizen if he would be free to choose a duty which he wouldn’t have to fulfil. This would lead the argumentation of the prosecution ad absurdum.

The problem with this tactic of defence, of course, is that his judge will not be Kant’s „universal human reason“.

Direkte Demokratie

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Da die direkte Demokratie eine gute Sache ist, müssen plebiszitäre Elemente ebenfalls gut sein. Ich fand heute diesen Zettel toll, auf dem ich angeben konnte, ob ich die bayerische Verfassung dahingehend geändert sehen möchte, dass z.B. Ehrenämter gefördert werden oder dass die Lebensverhältnisse in Stadt und Land gleichwertig sind. Ich fragte mich: „Will ich das, ja oder nein?“. Und da die Fragen von der Art waren: „Wollen Sie lieber schön und reich oder hässlich und arm sein?“ beschloss ich, mit „Ja“ zu stimmen.

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Aber ist es nicht albern zu meinen, es wäre ganz unkompliziert, schön und reich statt hässlich und arm zu sein? Ich meine, spräche es nicht von demokratischer Kultur, dem Wähler etwa das stärkste Gegenargument vorzulegen?

Die Schuldenbremse fand ich auch richtig. Aber die Verankerung von dermaßen konkreten Maßnahmen in einer Verfassung führt dazu, dass diese Verfassung keine Grundsatzerklärung mehr ist, mit der man sich im Sinn eines Verfassungspatriotismus identifizieren kann. Bezugnahmen auf konkrete Maßnahmen lassen jeden Text bürokratisch klingen.

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Direct democracy is a good thing. This implies that referendums are good and, indeed, I gladly participated in today’s referendum concerning the reform of the Bavarian constitution. Oh yes, I find volunteering great and I would like it to be sponsored. Enabling life conditions which are equal in the countryside and in the city is also a fine job for the administration. I asked myself: „Do I wish these things?“ And, of course, I wished them as much as I wish to be handsome and rich instead of ugly and poor. Therefore, I voted „yes“.

But isn’t it silly to think that becoming handsome and rich instead of ugly and poor is without any complications? It would be more democratic to let the voter know, say, the strongest counter-argument to a proposal.

I also thought that a debt brake is the right decision to make. However, enshrining concrete provisions in a constitution makes the constitution a text which citizens cannot identify themselves with in terms of their loyalty to general principles. References to concrete provisions make any text sound bureaucratic.