Weihnachtsgeschenke I: Gutes wollen, vom Liederlichen angezogen sein

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Marc-Uwe Kling popularisiert Philosophie durch Cabaret und Film mehr als viele, die sich der Popularisierung im Ernst widmen. Das tut er auch in seinem Kalender der fehlzugeschriebenen Zitate. In diesem fand ich nun die Fehlzuschreibung des universalen kategorischen Imperativs (Kant, Kritik der praktischen Vernunft, AA IV, 421) an Silvio Berlusconi und es fiel mir wie Schuppen von den Augen der exegetische Fehler von Generationen. Sobald ich mir mit Silvio Berlusconi eine konkrete Person vorstellen konnte, die Gutes für sich haben will und nicht umhin kann, als anzunehmen, dass es nur konsistent ist, wenn das Gute auch den anderen widerfährt, sich aber weigert, diese letzte Konsequenz zu ziehen, wurde mir klar: Setzt man die Verneinung nach dem Modalverb, dann ist es kein formaler Widerspruch, wenn Silvio eigennützig will, dass ein Gebot ein allgemeines Gesetz wird, und wieder aber auch will, dass es nicht allen zu Gute kommt. Ich kann etwas wollen und ich kann auch gleichzeitig das Gegenteil ebenfalls wollen, ohne einen Widerspruch zu begehen. Fausts Situation ist nicht nur das bekannte: “Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust”, sondern auch: “Zwei Seelen wollen, ach! in meiner Brust”.

Keine Ethik kann einzig und allein auf Nichtwiderspruch basieren. Die kantische auch nicht. Das ist Kantianern zwar bekannt durch den Imperativ “Handle”: Es kann nur einer Aussage widersprochen werden und eine Aufforderung, ein Befehl ist keine Aussage. Kantianer meinen jedoch, der Gegenstand der Pflicht; das, wozu aufgefordert wird, sei wenigstens vom Gesetz des Nichtwiderspruchs abzuleiten.

Nun: nicht einmal das! Man kann, ohne formal sich selbst zu widersprechen, gut sein wollen und liederlich sein wollen.

Hier kann man Marc-Uwe Klings falschen Kalender kaufen.

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Marc-Uwe Kling is a young stand-up comedian based in Berlin. Very popular among intellectuals and the liberal youth, politically rather attracted to the independent, non-parliamentary left (Berlin, as I said), extremely charismatic. And he popularises philosophy more than people supposed to do so professionally.

He popularises philosophy also in his calendar of falsely attributed quotations. This is where I found the universal version of Kant’s categorical imperative (Kant, Critique of Practical Reason, AA IV, 421 – sorry, standard German edition here, no nerves to find the page of the Lewis-White-Beck translation) allegedly cited by Silvio Berlusconi. Normally, when quoting the categorical imperative, I don’t have a person in mind, one who reports the general formula. The trick to have one, Berlusconi, made me look at the categorical imperative in a new light. In the Kant scholarship of decades there appears to be an exegetical mistake inasmuch the content of the categorical imperative – although not the prescription itself – is taken to derive from logical consistency alone. But once I think of Silvio or Angela or Boris or any person who wants something and also wants the opposite, plus as long as the negation stands after the verb “to want”, I can want p and I can want ~p at the same time without inviting a formal contradiction.

Faust’s complaint that two souls inhabit his heart is to be understood as having two opposite volitions.

No system of ethics can be based solely on the law of noncontradiction. This includes Kantian or deontological ethics. Kant scholars know this, of course, since the categorical imperative is an imperative while contradictions are descriptive sentences. Kantians normally think, however, that at least what you ought to do derives from the law of noncontradiction.

No way! Of course you can want to be good and want to be bad at the same time without a formal contradiction.

Marc-Uwe Kling’s false calendar is not available in English, but here you can buy his Cangaroo Chronicles from which the idea of the deliberately false citations evolved.

Kant über die Abwägung moralischen Schadens beim Kinderimpfen

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Ob Kant (wie im in der Akademieausgabe, Bd. XV, S. 975 edierten Manuskript aus dem Nachlass) weiterhin die “moralische Waghalsigkeit” bei der Pockenimpfung für Kinder als größer bezeichnet hätte denn die physische Gefahr, an Pocken zu sterben, wenn er die heutigen Daten gehabt hätte, fragt sich in diesem hervorragenden Artikel Ingo Arzt, um gleich seinen Unmut über das Abbrechen des Originalmanuskripts zu äußern.

Was kann ich anderes beitragen als eine Fortsetzung des Manuskripts im Sinne des Königsbergers?

Denn so viel ist über die höchste moralische Gefahr bei der Übernahme von Verantwortung für Unmündige zu sagen: Diese besteht darinnen, andere, vornehmlich Kinder, mit guten Absichten in Lebensgefahr zu bringen. Allerdings kömmt es, wie ich in der Kritik der praktischen Vernunft und sonstwo Gelegenheit hatte darzulegen, bei der Beurteilung sittlichen Handelns nicht auf die Absicht des Handelnden an. Mithin ist bei gelungener Kinderimpfung zwar die physische Gefahr überwunden, wenngleich die moralische Anmaßung bestehen bleibt, falls der Arzt nicht genau wusste, ob das Versprechen des Heils die unmündige Person an demselben sterben lässt. Das Kriterium für die moralische Zulässigkeit des Impfens darf freilich auch nicht sein, ob es wahrscheinlicher erschien, an Pocken zu sterben, als die Impfung zu überleben. Denn wie wahrscheinlicher muss der Tod sein, um die moralische Verantwortung übernehmen zu können, einem ahnungslosen Kinde etwas eventuell Schädliches einzuimpfen? Die moralische Gefahr, das Gebot des Schutzes von Leben zu überschreiten, kann nur eine künftige Wissenschaft gewährleisten, die so gut wie sicheren Schaden mit so gut wie sicheren Maßnahmen abwendet.

Hätte Kant den abgebrochenen Satz so fortgesetzt, dann hätte er sich in eine gefährliche Nähe beim Utilitarismus herangewagt, an eine ihm vollends fremde Moralphilosophie, die Nutzen und Schaden gegenüberstellt. Vielleicht musste er abbrechen, weil er feststellte, wie fremd ihm das Kosten-Nutzen-Denken ist. Falls so, dann bricht das Manuskript eben deshalb ab, weil Kant plötzlich klar wurde, dass eine Auseinandersetzung mit den Gefahren der Medizin ohne Kosten-Nutzen-Denken unmöglich ist.

Wenigstens sind wir inzwischen im Besitz der künftigen Wissenschaft.

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In a manuscript from the nachlass (so-called AA-Edition of the Royal Prussian Academy of Sciences and successor institutions, Vol. XV, p. 975) Kant reckons that the moral recklessness of vaccinations of children against pox is more serious than the physical risk of the children. Ingo Arzt presents the passage in this outstanding piece of journalism (sorry, only in German) to ask himself whether Kant would still think so if he had our contemporary data and to express his annoyance because the passage breaks off in the middle of a sentence.

This is, to my mind, a natural continuation of what Kant would have written if he had not been interrupted, fallen asleep – whatever:

The most serious moral hazard towards minors can be determined as a situation in which you exploit your responsibility towards them by endangering their lives with good intentions. Since, on one hand, as I had the opportunity to show in my Critique of Practical Reason and elsewhere, intention is not the criterion to judge moral acting, in this case, even if a vaccination is successful, then the physical hazard is overcome, however the moral hazard in form of presumptuousness remains, unless the physician knew that that the promise of healing will not be rather killing. Since, on the other hand, the criterion of the moral value of giving a child a possibly dangerous medicine is also not probability – because how much more probable must a child’s death due to illness be than death due to the medicine, in order for the pretension of the self-proclaimed healer to know better to be legitimised? – the moral hazard to violate the duty to protect a child’s life can only be minimized by a future science which can rightfully claim to avert almost certain dangers with almost certain therepies.

This continuation of Kant’s line of argument concerning duty and responsibility vis-à-vis risky therapies for children would have made the philosopher of Koenigsberg approach utilitarianism – a school of thought alien to him. After all, maybe it was not an interruptive guest from downstairs or the extra glass of wine that made Kant stop writing, but rather the sudden insight that in pondering the pros and cons of medical treatment one has to calculate costs and benefits, which is as denying Kantian ethics as anything.

At least we possess in the meanwhile this one future science…

Presenting presents

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Die Nachweihnachtszeit ist eine Bewältigung der durch die Geschenke ausgedrückten Liebe, des Erratens oder Missratens, schließlich der “Friss oder stirb”-Indifferenz. Vergessen wir den letzten Fall.

Es gibt Geschenke mit einer bedeutungsschwangeren Verpackung. “Du musst mich mögen”. Andere sind ohne Hülle: “Auch ohne Weihnachten hättest du mich, denn ich gehöre zu dir”. Vergessen wir auch diesen letzten Fall.

Es ist einfach, sich nach dem Auspacken beim Stifter eines geglückten Geschenks zu bedanken. Es ist dagegen eine schwere Last, sich nicht anmerken zu lassen, dass das Geschenk missglückt war. Deshalb war wohl die Verpackung da: “Vorsichtshalber mache ich es später auf”. In Griechenland ist es ein Zeichen sehr schlechter Manieren, ein Geschenk vor dem Stifter auszupacken.

Riskanter ist das Vorstellen des (unverpackten) Geschenks in Tarkowskis Opfer. Unten finden meine Leser den Clip. Wer den ganzen Film sieht, wird feststellen: In ihm geht es um verpackte, heimliche Opfer für die Geliebten, die es nicht verdienen, geliebt zu werden.

Dabei geht es beim Schenken nicht um Verdienste. Schenken ist nicht die Auszahlung eines Gehalts.

Eine tiefere Übereinstimmung zwischen Tarkowski und der griechischen Sitte sehe ich doch noch. Die Spender werden wir so viel mögen, um ihnen wenigstens die Einsicht zu ersparen, wir hätten die Spende nicht verdient, oder?

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The time after Christmas is one in which you have to deal with other people’s love, correct or false guesses about your taste, finally their indifference, everything expressed in their gifts. Let’s forget the last case.

Some gifts come with a question-begging packaging. “You have to like me”. Others are given unwrapped. “I knew you needed me and I would be here even if there was no Christmas”. Let’s forget also this last case.

After you unpack a gift, it is an easy task to thank givers if they wanted you to be happy and you are happy. But it is a huge burden to know that they wanted you to be happy and you are not. This case is probably what the packaging was for. In Greece it’s bad manners to open a present in front of the donor. A more risky move is presented by Andrei Tarkovsky in the Sacrifice. Watch the clip above. And then watch the whole movie. It’s about gifts and secret sacrifices for people who are undeservedly important to you. I could have omitted “undeservedly”. Donating has nothing to do with deserving or not deserving. A donation is not a salary.

After all, you see, Tarkovsky does agree with the Greek custom. Do not open your presents before the donors disappear. You don’t want them to notice that you didn’t deserve the donation. At least you like them that much, don’t you?

Psychobankers

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Die Steilvorlage für ein wunderbares Tor liefert der Psychoanalyse die Basler Kantonalbank mit ihrem neuesten Spot. “Die Werte des Vaters” fallen wohl mit dem Geldwert der Finanzanlagen des Vaters zusammen.

Ob als moralische oder als pekuniäre Werte interpretiert, drängen solche Werte zur gleichzeitigen Lektüre von Piketty, dessen Buch ich angefangen hatte, und von Freuds Drei Abhandlungen. Eine Seite hier, eine da; eine hier, eine da.

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I stood at the shop front when I noticed on the screen why this commercial-clip character chose this bank to administer her portfolio, her mortgage loan, you name it. It’s for “her father’s values”. The ambiguity is none when dad’s moral values and the exchange value of his money are supposed to coincide.

I’ll have to continue reading Piketty whose book I interrupted after page 200. And I have to put it beside the bed next to Freud’s Three Essays. One page here, one page there; one here, one there…

Unterwegs zur Kampenwand

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Auf einmal kann man nach links oder nach rechts. Links: sehr matschig, fast abenteuerlich. Rechts: für angenehme Gespräche während der Wanderung. Es ist kein Dilemma. Beim Dilemma weißt du, was auf dem Spiel steht: Fitsein etwa. Oder Sich-austauschen. Das Ziel ist bekannt. Hier ist das einzige bekannte Ziel das Wanderziel. Das ist wenig. Du musst fragen. Den abenteuerlichen oder den Diskutantenweg? Wenn das Spiel symmetrisch und gerecht sein soll, sollen die Befragten deine Meinung auch wissen. Bloß: Deine Meinung ist nicht von derjenigen der Befragten unabhängig, erst recht nicht, wenn es sich um die eigene Familie handelt. Ihre Meinung sollte auch nicht von deiner Meinung unabhängig sein. Das ist John von Neumann. Das ist ein Nullsummenspiel.

Eine wenig bekannte Maxime der Eheberatung durch den Privatgeistlichen in der Ostkirche lautet: Du sollst in der Familie nachgeben, besonders dann, wenn die anderen nicht nachgeben. Das sollte auch für die anderen gelten, oder? Gilt aber per Annahme nicht, denn, damit du nachgibst, müssen sie unnachgiebig sein. Diese Maxime, die wohl für die niedrige Scheidungsquote in Südosteuropa im Vergleich zum restlichen Kontinent zuständig ist (https://www.businessinsider.com/map-divorce-rates-around-the-world-2014-5?r=DE&IR=T), ist kein Nullsummenspiel und nur möglich, wenn ein Spieler andere Prioritäten hat, womöglich sich sogar nicht als homo oeconomicus verhält. Es erzeugt unauflösbare Familien aus Egoisten einerseits und Heiligen (oder Opfern) andererseits. Von Neumann (ich lese gerade die Theorie der Gesellschaftsspiele, wenn ich nicht wandere) würde die Situation als ungerecht und asymmetrisch bezeichnen.

Gut, mag sein. Aber wie viel besser ist die Situation bei Familien, die aufgelöst werden, wenn das heilige Opfer in denselben endlich auch ein Nullsummenspiel spielen will?

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They do as if there was no option to decide upon. But there is one. The way to the left is adventurous. The one to the right is for continuing discussion. No dilemma of course, because in the dilemma you know the objective and you only deliberate about the means to achieve it. Here you have to ask them and you know that your own opinion will not be independent from what they say. This should be also their maxim: they ask you and your opinion does not only influence the result; it influences their own opinion. The game is symmetrical and just, a John-von-Neumann-like zero-sum game.

Unknown to the wide public is the most common marital advice orthodox priests give: give way to their wish, especially when they would never consider giving way to yours. You will probably assume that this is also a maxim for the others. But it cannot be. By assumption, the others must be unindulging for you to indulge. I suppose this maxim to be one of the reasons of much lower divorce quotes in South-East Europe if you compare them to those of the rest of the continent (https://www.businessinsider.com/map-divorce-rates-around-the-world-2014-5?r=DE&IR=T). Obviously, it results to a non-zero-sum game, surely to one in which at least one of the players (call her the “victim” or the “saint” – it’s the same) has different priorities. Probably, the saint is not a homo oeconomicus.

Von Neumann (when I don’t hike, I read his article titled Theory of Social Games from the distant 1927, when he was still publishing in German), would tag die situation unjust and asymmetrical. I wouldn’t object the tagging. How much better would the situation be though, if the saint suddenly decided to play a zero-sum game?

If I’m not totally wrong, von Neumann’s early article remains still untranslated in English.

Collectively bounded rationality

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Am Anfang hat es mich erschreckt. Mit einem Schreiben vom 26. Mai informierte mich mein Krankenversicherer, dass meine Beiträge, fällig 11 Tage vorher, ausstünden. Hat die Bank nicht überwiesen? Wegen der Grenzschließung oder was? (Meine Bank ist nicht im selben Staat wie meine Versicherung) Habe ich einen Fehler beim Online-Banking gemacht? Wie konnte das passieren? Das in den ersten Sekunden. Dann überlegte ich aber: Wieso verlangen sie dann nur acht Euro? Mein Beitrag beträgt ja mehr als das Hundertfache.

Anrufen. Die Dame will die Details:

– Ja, von wann ist die Forderung?

– Vom 26.

– A, ja, hier sehe ich’s. Inzwischen ist das Geld eingetroffen. Aber am 15. war es noch nicht da.

– Was heißt “inzwischen”? Der 26. war gestern! Hat meine Bank denn erst heute überwiesen?

– Nein, am 16. Also nicht am 15. Die acht Euro sind ein Säumniszuschlag.

Ich erspare meinen Lesern die Fortsetzung einer Diskussion zwischen jemandem, der einen Punkt über soziale Pathologie bringen will, und einer Person im Call Center. Im Grunde ist es ungerecht, dass solche Diskussionen überhaupt stattfinden. Für die Leute im Call Center ungerecht und für basale Standards der Kommunikation ebenfalls ungerecht. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit größer, meine ehemaligen Philosophie-Masterstudenten im Call Center als etwa in einem Klassenzimmer zu treffen. Solange jedenfalls die Wirtschaft keinen Bedarf an Leuten meldet, die das Argumentieren gelernt haben. Demnach sollte und könnte ich gerade erst mit der Person im Call Center argumentieren und mit niemandem sonst.

Das Resümee ist, dass es seit 10 Tagen feststand, dass die Zahlung terminnah eingegangen war, als die Mahnung verfasst wurde. Eine Firma, die aus quasireligiösem Eifer Satisfactio im theologischen Sinn für eine geringfügige Verspätung verlangt und Strafgelder für symbolische Übertretungen verhängt, hätte auf keinem Markt, wo der homo oeconomicus agiert, eine Chance in einer Million, nicht pleite zu gehen – vorausgesetzt, es gibt kein Monopol und der Zahler – eben homo oeconomicus – bringt ein Mindestmaß marktrationalen Verhaltens auf. Wenn ich für ärztliche Dienstleistungen bezahle und nicht um die Dienstleistung, den innerweltlichen Poenitenten zu spielen, dann gehe ich zu jemandem, der mir die Dienstleistung ohne missionarische Allüren bezüglich meiner Zahlungsmoral bietet.

Aber wenn das Publikum es mit sich machen lässt? Wenn das Publikum es als moralisch gerechtfertigt ansieht, für das Scheitern an militärischer Termintreue Geld zu zahlen? Wenn das Publikum eines ist, das von Kind an kein Eis im Sommer aß, bevor das mit einer kalvinistischen Tugend verdient wurde? Na dann hast du ein Publikum, das keine Regeln und Fristen als Mittel zur Erfüllung von höheren Zielen ansieht, sondern allesamt als Selbstzwecke.

Dass der pietistische Fundamentalismus von Parareligiösen sich zu einer sozialen Haltung von Areligiösen säkularisierte, war wohl aus religionssoziologischer Sicht zu erwarten. Es sind nun die Kognitions- und die Wirtschaftswissenschaft gefordert – aber nach Thaler und Tversky sind sie auch auf einem guten Weg – die Übertretung von Rationalitätsstandards als vorherrschendes Verhaltensmuster zu beschreiben. Nach Webers Zweckrationalität gibt es nun viel zu tun in der Erforschung der Zweckirrationalität.

Repro of Grant Wood’s American Gothic in a typical middle-class interior; courtesy of otto.de (but do continue scrolling…)

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This letter of May 26 made me very concerned and surprised, at least in the beginning. I am supposed not to have paid my healthcare insurance? Did the bank not pay? Because of the border closure or something? (My bank is in one country, my insurance in another).

A due payment for 11 days? That is a long time. Did I commit a mistake while doing online-banking? 5 seconds passed…

Just a moment. Why do they demand only eight euros? My monthly contribution is more than one hundred times this!

Let’s call them. The lady wants me to indicate more precisely.

– What is the date of our reminder?

– May 26.

– Right, that’s it. You’ve paid your insurance in the meantime. You hadn’t on May 15 though.

– What do you mean “In the meantime?” When is the valuta day?

– May 16. Which is not May 15. You have to pay an eight-euros penalty for this.

I spare you the details of a discussion between someone who addresses social pathology and a person in the call center. It is unjust in a way to have such discussions. Unjust for the telephonist and unjust if you consider the basics of communication. From another point of view though, as long as people who had an academic training in argumentation are not needed in the job market, the probabilities to come across my master students in Erfurt are larger in the call centre than anywhere else. In that sense you can conduct rational discussions only with people in the call centre.

To make a long argument short, when the “reminder” was released, the payment had been made and acknowledged by the company that issued the “reminder”. Ten days ago. The justification of the penalty was not that I hadn’t paid but that I hadn’t had paid until a few hours after midnight of the day due. A company that charges a customer who pays huge amounts of money, eight euros for a delay of hours (essentially a delay of his bank abroad, but for the sake of argument let’s say that I should have predicted this delay), a delay, on top of everything, discovered ten days later, when everything had long been settled, has no chance of going bankrupt – given it’s not a monopoly and the customer has a minimum rationality. If my choice is between someone who gives me a product and someone who gives me the product plus demands a quasi-theological satisfaction due to militant Kalvinist fanaticism, I will choose the former. Do I pay in order to have the access to healthcare service or to play the role of a masochistic penitent?

Why don’t they get bankrupt though? I suppose because the customers are masochistic penitents – and gladly so… If your parents never bought you an ice cream just because you fancied one and asked them but only after your conforming with some of the things they considered virtuous, then you learn to consider everything in life a response to a military discipline. You learn to consider every rule and deadline as being for their own sake.

The transformation of pietist fundamentalism from a lunacy of the parareligious to a secularised attitude of the areligious is not surprising. After Weber’s efforts to understand means-end rationality, we have much to do in order to understand means-end irrationality. After Tversky and Thaler, cognitive and social scientists have made great progress in that.

Ein praktischer Mensch

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LeserInnen dieses Blogs, die sich im landläufigen Sinn “praktische Menschen” zu sein rühmen, sollen sich nicht zu früh über den Titel freuen. Der Titel des “praktischen Menschen” ist mehr als peinlich.

Es war einmal die Erlinger-Kolumne im SZ-Magazin. Jeden Freitag. Mit Erlinger bestritt ich ein ganzes Jahr in Halle an der Saale den Unterricht der praktischen Philosophie. Es gab immer eine Frage der ethischen Kasuistik, die aus utilitaristischer und deontologischer Sicht beleuchtet wurde. Ich benutzte dabei oft Fragen, die Erlinger in Briefen und Emails von seinen LeserInnen bekam. Denn sie hatten eine Lebensnähe, die kein Gedankenexperiment je erreichen kann. Da es Erlinger – einem Philipps-Mann doch – in der Kolumne um die deduktive Logik der Präskription, nicht um induktive normative Ethik ging, hielt ich es im Unterricht für angebracht, eine tugendethische Sicht zu Erlingers deontologischer und utilitaristischer hinzuzufügen. Um viel mehr habe ich die Argumentation seiner Kolumne für die Ethikstunde nicht angereichert. Ein paar Namen meiner SchülerInnen in Halle weiß ich immer noch. Sie haben mir in diesem Lehrveranstaltungsformat stets die Zügel aus der Hand genommen, sie haben räsoniert, ohne die ganze Philosophiegeschichte zu kennen. Diese habe ich sehr selektiv in das Argument eingeflochten. So wie Erlinger in seine Kolumne. Oder wie die guten französischen Bac-Philosophie-Einführungen, wenn Sie verstehen, liebe Leserinnen und Leser…

“Meine Freundin ist blind. Ist es OK, wenn ich auf teures, buntes Geschenkpapier für die Weihnachtsbescherung verzichte?”. Oder: “Ich hatte eine außereheliche Eskapade. Jetzt ist alles vorbei und kein Thema mehr. Wir sind wieder glücklich miteinander und niemand weiß, was vorgefallen war. Bin ich verpflichtet, das Geheimnis zu lüften, wenn ich weiß, damit nur Übel anzurichten und Unglück zu stiften?”. Erlinger beleuchtete in seiner Kolumne die Sache aus der Sicht zweier Ethikschulen und gab Gründe für seine Vorliebe. Das Strategem ließ ich die jungen Menschen anwenden. Nach ein paar einführenden Stunden zu den drei Denkschulen, um die es mir ging, der utilitaristischen, der deontologischen sowie der Tugendethik, lernten sie es, die praktische Philosophie zu lieben.

Erlinger bin ich zu Dank verpflichtet. Das sollten auch meine damaligen Julianes und Juris und Chantales (ja, ja…) sein.

Dann hat Erlinger abgedankt. Die Erlinger-Kolumne wurde zu einer Adorján-Kolumne. Ich lese sie sehr selten. Denn statt der Diskussionen eines Themas der angewandten praktischen Philosophie bietet sie Klugheitsregeln. Letzten Freitag hat sie sich übertroffen. Ein Zeitgenosse stellt folgenden Sachverhalt dar: Aus Respekt (immerhin ein moralischer Beweggrund) wolle er ein Jugendbild des Opas irgendwo hängen. Dafür eignet sich ein Soldatenbild desselben – mit dem Nachteil eines Hakenkreuzes an der Uniform des Fotografierten. Das Überkleben des zeitgeschichtlichen Details komme aus ästhetischen Gründen nicht in Frage. Was tun?

Was für eine Steilvorlage für die Kolumne! Man kann über das Abwiegen von Moral und Ästhetik sprechen, ob das eine in das andere übergreift, ob wir die Interpretationshochheit unserer eigenen vier Wände haben sollen (“Ein lieber Mensch! Hat, halt’, in dieser Uniform gesteckt”…)

Man kann also Vieles vorschlagen. Was schlägt aber der praktische Mensch hinter der Kolumne vor? “Warum hängen Sie das Bild nicht in Ihrem Kleiderschrank auf?”

Sehr viele Menschen, auch solche, die nach eigenem Bekunden Philosophie betreiben, haben keine Ahnung von Philosophie. Noch mehr Menschen, insbesondere solche, die praktisch zu sein vorgeben, haben keine Ahnung vom Praktischen im eigentlichen Sinne des Prattein. Diese Ignoranz dient den Adorjáns dieser Welt als Freibrief, die Geduld ihres Schreibpapiers zu misshandeln. Wer darunter leidet, sind die Leute, die eine Ahnung haben. So viel Ahnung jedenfalls, um zu fühlen, dass die euphemistisch so genannten “praktischen Menschen” für gewöhnlich die Misologie, die Abneigung gegen philosophische Reflexion, für eine ihrer Tugenden halten.

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Don’t rejoice for today’s title if you’re happy to usually hail “practical solutions”. The post turns to be against you.

What is the New Yorker Magazine for New York and the Times Literary Supplement for London is for Munich the Süddeutsche Magazin. Not only because it is a supplement and a magazine at the same time but rather for the intellectual readership – although one with a national rather than social snobby attitude and a sympathy for theses bluntly put. But this is a cultural thing of a country as equalitarian and tribalist as Bavaria. Roughly, the analogy still holds.

Rainer Erlinger was the name of the person who wrote a column on applied ethics for the magazine. Erlinger have had some common references: he befriended for example the late professor Lothar Philipps (LMU Munich) whose classes on juridical rhetoric and informal logic I used to visit out of interest for example. But it doesn’t seem that I have ever met him. Much later, at a private high school in the German east, I had casuistry classes partly based on Erlinger’s format and, in fact, on the cases he was sent by readers to discuss. Firstly, they were closer to real life than any thought experiment could be. Secondly, he usually discussed the letters he received from the utilitarian point of view, then from the deontological. These were two of the schools I discussed in the beginning of the year (you always need some theory in the beginning), adding a third: virtue ethics. After the preliminaries, students were able to reason and decide themselves the given casuistic examples with the help of the three theories. I still remember this girl Juliane, and a boy named Juri who later made a great documentary on the street I lived in downtown Halle near the university and the opera. And also a couple of more names because they loved moral reasoning à la Erlinger.

“I have a friend who is blind. May I save money when I buy the wrapping paper for her Christmas present?” Or the next one: “I had an extramarital affair which is over now. Do I have a duty to disclose this towards my unsuspecting family with whom as for now I am very happy, knowing that I will make everyone unhappy including myself?”

Not so long ago, Erlinger stopped writing and an Adorján column replaced the Erlinger column. I read it very rarely because it is about what hoi polloi call practical solutions. I.e. it is not about the practical realm; it is not about praxis.

Last Friday Adorján managed to surpass herself. One of her readers writes to her about his grandfather whom he loved and whose (unique flattering?) picture as a young man, said reader would like to have on the wall. This is something you can do in other countries without having to tackle ethical issues. But if you’re German the chances of photographs of your grandfathers with swastikas on arms and berets are not small. The reader does not want to have the accessory in question covered on the picture. Allegedly for aesthetical reasons. Any solution?

In football, this is what you call a superb long ball. You can’t miss the target! Should ethics and aesthetics be made compatible? Do we have the authority to interpret (underestimate, overestimate) the symbols that happen to hang around in our house? (“He was a great chap. The uniform on the picture is only accidental”). And, of course, you can propose a host of changes of the reader’s mind. And what is Adorján’s practical solution? “Why don’t you hang the picture in your closet?”

Many people, among them people who occupy themselves with philosophy, have no idea of the discipline. Even more people who profess to prefer practical solutions have no idea what “practical” – meaning referring to “praxis” – means. It’s ignorance that makes the Adorjáns of this world maltreat the patience of the paper on which they write. As someone who has an idea, you suffer; suffer surrounded by people who treat “practical” as another word for misologistic.

Human lives, useful and less useful

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Vor fast genau 21 Jahren, am 24. März 1999, begann die NATO damit, Luftangriffe gegen Serbien zu fliegen. Dem waren die jugoslawischen Sezessionskriege vorausgegangen – mehr können die Jüngeren in Geschichtsbüchern lesen.

Zu der Zeit hatte ich – gerade frisch promovierter Philosoph, ich weiß, dass es abstrus klingt – eine Firma mit Sitz in Belgrad. Mein Bruder leitete sie, das Geld kam von unserem Vater und von anderen Investoren. Sie sollten es bald verlieren, aber das ist jetzt nicht mein Thema. Kurz vor Beginn der Luftangriffe hatte ich in Wildbad Kreuth an einer von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung veranstalteten Tagung zum Thema Südosteuropa und Politik – so etwas, ich weiß nicht mehr genau – teilgenommen. Ich weiß noch, dass Panos Kazakos, der marxistische Ökonom und, damals noch als Berater des griechischen Außenministeriums, Nikos Kotzias, später selber Außenminister und schrille Figur der griechischen kommunistischen Linken, dabei waren. In einer Pause habe ich den letzteren angesprochen. Ich vermutete, dass die Bomben bald zu fallen anfangen würden, also wollte ich wissen, ob es eine Chance gäbe, meinem lieben Bruder das zu ersparen. Er sagte ja und schoss eine griechische Handynummer los, die ich schnell aufgeschrieben habe. “Der Typ heißt Alex. Er organisiert gerade einen Bus, der unsere Diplomaten rausholt. Ruf ihn an.”

Ich habe stattdessen meinen Bruder angerufen, ihm die Nummer gegeben. “Kein Interesse, Stamati”, hat er gesagt. “Ich bleibe”.

Er blieb. Unversehrt. Aber, was er danach berichtete, war eigenartig. Erstens schätzte er die Chance als klein ein, dass ausgerechnet der Stadtteil Žarkovo bombardiert werden würde, und da lag er natürlich richtig. Er wäre unversehrt geblieben, selbst wenn er nie in den Bunker gegangen wäre. Was sage ich da?Unverletzt wäre er geblieben, selbst wenn er im Büro in der Innenstadt geblieben wäre – obwohl ihn dort manch eine nahe Detonation zum Nachgrübeln gebracht hätte, ob die Bomben tatsächlich nur auf Fernsehsender und Ministerien zielten.

Aber er musste in den Žarkovoer Bunker, sagte er. Denn die Frauen: vom Haus, vom Nebenhaus, von der Nachbarschaft, mit Geschrei und Fußtritten alle mit in den Bunker rissen. Auch alle, die der Meinung waren: Es ist wahrscheinlicher, dass ich mich beim Flüchten Hals über Kopf Hals oder Kopf verletze, als dass ein amerikanischer Pilot ein Wohngebiet zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ins Visier nimmt.

Ich denke es mir folgendermaßen: In einer Urgemeinschaft des homo sapiens bestehend aus zehn Männern und einer Frau gäbe es maximal ein Kind jedes Jahr. In einer Urgemeinschaft des homo sapiens bestehend umgekehrt aus zehn Frauen und einem Mann gäbe es sehr wahrscheinlich zehn Kinder jedes Jahr. Dass die Frauen mit ihrem Verhalten zeigen, dass ihr Überleben wichtiger als das der Männer ist, ist wohl phylogenetisch bedingt.

Überreagierenden Frauen in der Corona-Krise gegenübergestellt, dürfen Männer diese anthropologische Komponente nicht vergessen. Jeder Soldat weiß doch die utilitaristische Maxime anzuwenden: Frauen, Kinder und Alte müssen fortgeschickt werden. Aber die Analogie zwischen Corona-Krise und soldatischem Brauchtum hinkt. Frauen, Kinder und Alte sind in der jetzigen Krise nicht gemeinsam in der schützenswerten Gruppe, sondern die Alten müssen – so heißt es – den Kürzeren ziehen. Die große Frage an die utilitaristische angewandte Ethik in den Krankenhäusern wird bald danach sein, ob die Bevorzugung einer geburtsfähigen Patientin gegenüber einem alten Patienten, wenn nur eine von zwei Personen intubiert werden kann, immer noch der Bevölkerungsmehrheit intuitiv einleuchten wird. Wenn nicht, dann wird die der Utilitarismus in der medizinischen Ethik stark unter Beschuss genommen werden. Wenn ja, dann werden die Folgen für die deontologische Ethik sowie die Herausforderung für die christliche Theologie gigantischen Ausmaßes sein.

 

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Twenty one years ago, on March 24 1999, the NATO began to fly air raids against Serbia, following the Yugoslav secession wars. Read in a history book if you don’t know what that was.

This happened in the rather short time in which I saw myself as a businessman. I had a company in Belgrade – seriously I had, one year after my Munich PhD – managed by my brother and financed by our father and some of his friends. They were about to lose their money very soon, but this is not my point here

Shortly before the bombings in Belgrade began, I happened to attend a conference hosted by the Bavarian Conservatives in the Alps. The theme was South-East Europe and politics or something like this. I can’t recall and I don’t need to. Too unimportant. Panos Kazakos, a Marxist economist, was there. Nikos Kotzias, an enfant terrible of the far left, was also there. Back then still a consultant to the foreign minister, he was to become foreign minister himself and a disastrous one in 2015 – but this is also unimportant. The important bit was my need for advice. During the coffee break, I wanted to know from Kotzias if I could spare my dear brother the bombings. Almost as fast as a tommy gun he spit a Greek mobile-phone number which I wrote down. “Call this guy”, he said. “He is our man in Belgrade at the moment. Alex is his name. He’s organising a bus to get our diplomats out of there”.

I didn’t call Alex. I called Constantine. My brother. “I’m not interested, Stamati”, he said. “I’m staying”.

He remained there until after the bombardments and unharmed.

You are probably expecting me to start telling you his stories from the war. Parachutes, shooting, screaming… But there is no such thing in his stories. There is only his account for not wanting to go to the bunker. He reckoned that no one would bomb the district of Žarkovo. He was right in this. He would have remained unharmed even if he had never sought shelter in the bunker. In fact, he would have remained unharmed even if he had spent the days in the office – although some blasts in the vicinity would have made him doubt his common sense. But he had to go to the bunker. Always. Because the women of his appartment house, of the neighbouring house, of the neighbourhood, would violently make him go to the bunker.

Think about the following situation: in a paleolithic setting, a community consisting of one female and ten males would have maximum one child per year. A community, vice versa, of one male and ten females could have ten children at the end of the year! The priority to rescue females appears to be a phylogenetic feature of women’s behaviour. Just think of this anthropological perspective if you realise more overreacting women than men to be around during the Covid-19 crisis. Think how natural it appears in a soldier’s ethics to have the women, the children and the old in safety somewhere else before the atrocities begin.

Alas, the war metaphor with its familiar values is not a viable analogy here. The old, for example, are not on a par with women in the Covid-19 crisis. I hear that if they arrive to the point of being able to save only one life out of two, the hospitals’ practice will be very likely to intubate the young woman instead of the old man. This corresponds to an implicit utilitarian applied-ethics code.

Will the many take this to be intuitively good? If no, then the consequentionalist paradigm in healthcare will be subjected to vast criticism. If yes, then the consequences for deontological ethics and the challenge for theology will be huge.

The Covid-19 crisis as a case study of experimental philosophy

If this comes out to be generally accepted…

https://www.telegraph.co.uk/news/2020/03/14/italians-80-will-left-die-country-overwhelmed-coronavirus/

…then, in terms of experimental philosophy, the intuitive solution of the trolley paradox is to run over the old man to spare the lives of kids.

Which, in its turn, means that at least politics has a consequentialist, not a deontological understanding of ethics.

Of trolleys and ships

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Nach dem Covid-19 witterte ich die Chance, endlich mal das Neutrum “Virus” im Deutschen nicht mehr als Maskulinum dekliniert zu hören. Wenn sie das Wort oft von den Medien korrekt benutzt hören, werden sie es lernen, dachte ich. Weit gefehlt…

Eine noch nicht verlorene Chance – diese aber nur für Kollegen – besteht darin, das Trolley-Problem als Problem unserer Prognosen und nicht der Moral zu betrachten. Stichwort: Diamond Princess. Betrachten wir doch das Kreuzfahrtschiff wie im berühmten Gedankenexperiment als eine Art Trolley ohne Bremsen vor den Alternativen, auf dem rechten Gleis der bevorstehenden Gabelung Kindergartenkinder bzw. auf dem linken einen gebrechlichen Greis zu überfahren. Was macht der Weichenwärter?

Heute geht man davon aus, dass die Quarantäne der Diamond Princess doch mehr Verluste und Schmerz verursachte als die Alternative verursacht hätte, die Passagiere des Schiffes nach Hause gehen zu lassen. Um es nach der Sprache des Kursbuches im Fach Ethik auszudrücken: der Weichenwärter beschließt, den gebrechlichen Alten statt der Kindergartenkinder überfahren zu lassen, als letztere verängstigt und orientierungslos in Richtung des Alten flüchten.

Es gibt, wie man sieht, Fälle, in denen der Handelnde nie frei von Schuld ist, so dass das moralische Urteil eines über seine Absichten sein wird. Es ist eine ethische Grundintuition, der Francis Hutcheson mit der Ethik der Gefühle Ausdruck gab, keine Frage… Was für eine Barbarei doch, aus utilitaristischen Überlegungen die Leute auf der Diamond Princess in einem verpesteten Umfeld schmoren zu lassen!

Enough with scrolling

Covid-19 gives professional philosophers the unique chance to see in the trolley problem a problem of our predictions rather than one of ethics. Just think of the cruise ship Diamond Princess as of a trolley with broken brakes (junction ahead, a kindergarten class on the right track, a rickety old man on the left) vis-à-vis the alternatives to let passengers and crew go home, possibly try to recover, or to put them in quarantine in order to protect the population. Today we think that the quarantine on board caused more human losses and pain than it would have been unable to prevent otherwise. To stick with the analogy between the vessel and the trolley: the crossing keeper decided to rescue the kids and to kill the old man instead, switched the crossing correspondingly, when the disoriented kids tried to escape onto the old man’s track…

As one sees, there are cases in which the moral agent will be blamed one way or another to do the wrong thing and, at the end of the day, her moral attitude will be judged on the basis of her intentions. There is a basic moral intuition which Francis Hutcheson expressed with his moral sense, there’s no question about that!

What a barbarous act, to let people simmer on a pestilential ship out of utilitarian premises…