Teaching them what it is to teach one what to do

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Von Halle an der Saale vermisse ich meine Ethikstunden am allermeisten. Damit beabsichtige ich keinen Vergleich mit dem zu machen, was ich in Basel tue, denn hier unterrichte ich das Fach nicht.

Selbst dann wäre es nicht dasselbe… In der ehemaligen DDR – alten Lesern dieses Blogs brauche ich wohl nicht zu erzählen, wie mein Herz für die neuen Bundesländer schlägt, um weiterhin so zu schlagen, so lange ich lebe – bedingten die historischen Erfahrungen ein ungewöhnliches Reflexionsniveau und zwar auch bei jungen Menschen. Ich weiß noch die Namen von ein paar Teilnehmern meiner Stunden, ab und zu erfahre ich, was sie tun. Ich mag sie als Denker, als Macher, als Menschen.

Ich brachte ihnen bei, dass die Ethik ein Spiel ist. Kein Spiel im Sinn der Spieltheorie, auch keines in Wittgensteins Sinn. Spieltheoretische Überlegungen kamen nur in den Besprechungen des Konsequentialismus zum Zug – aber es gab noch Tugend- und Pflichtethik. Insbesondere wollte ich sie einsehen lassen, dass Menschen, von wenigen, von Philosophen gern benutzten Fällen abgesehen, normalerweise ethische Intuitionen haben, die ein Gemisch aus allen verschiedenen Ansätzen der Moraltheorie voraussetzen. Zwar gibt es die Kantianer, die Aristoteliker, die Utilitaristen und die Fälle, in denen jeder von ihnen Recht bekommt. Aber in unserem Alltag sind wir gleichzeitig alle drei. Reflexion über angewandte Ethik und Religion im Osten Deutschlands machte Spaß und hatte Niveau.

Das erzählte ich meinen Schülern vergangenen Freitag während eines Spaziergangs in Mulhouse. Ich wollte gar nicht über Ethik sprechen, denn, wie gesagt, unterrichte ich das Fach hier nicht. Es kam so: Die Dame, die mir einen Kaffee machte, schaltete vom Französischen ins Deutsche um, nachdem ich etwas nicht verstanden hatte. Einer aus meiner Gefolgschaft meinte daraufhin, es solle mir nicht peinlich sein, schließlich seien meine Versagen in einer anderen Sprache viel peinlicher. In welcher denn? Im Schweizerdeutschen! Denn ich habe gesagt gehabt „en Gfalle doe“. Aber „doe“ klinge schriftdeutsch wie nochmal was – korrekt schweizerisch heiße es „en Gfalle mache“!

„Machen“ klingt mir zu sehr nach Handwerk, nicht nach Willensfreiheit, aber meine zu Lehrern mutierten Schüler blieben hart: „Nei, „doe“ isch hochgstoche und frembd“. Es war mir plötzlich klar, wieso ein als Peter Bieri ausgewiesener Philosoph, dessen alter ego, Pascal Mercier, ein noch ausgewiesenerer Literat ist, seinem Buch über Ethik den Titel gibt: Das Handwerk der Freiheit. Er ist ja Schweizer.

In seinen Vorlesungen des akademischen Jahres 1930 (Titel: Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie) meinte Heidegger, dass zwei Sprachen die philosophischsten sind: das klassische Griechisch und „Meister Eckharts und Hegels Deutsch“ (vgl. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Bd. 31. Hg. v. Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2. Ausgabe, 1994). Was den Unterschied zwischen „prattein“ und „poiein“ anbetrifft, hatte Heidegger sicherlich recht.

Halle ist preussisch… Der dortige Akzent ist zwar ein Horror, aber keine Frage: Es handelt sich um ein philosophisches Deutsch, um die Sprache Kants, Hegels und Schopenhauers…

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What I miss most from Halle are my ethics classes. This is not to be juxtaposed with my classes in Basel because here I simply don’t teach the subject.

But even if I taught it… I mean, in the recent history, East Germany has had so extraordinary experiences that the level of reflection there is very high. I still remember some names of some students, I also learn what they’re doing, at least some of them. I was teaching them ethics as a game. Not in Wittgenstein’s sense – I think I never mentioned him there – and only partially in the sense of game theory. Game theoretical considerations played a role only in my discussion of consequentialism, and I’ve been also doing virtue ethics and deontological ethics. Some of them had an extraordinary ability to analyse these most common cases in which, to reach the intuitively plausible solution of a moral dilemma, you had to make acrobatics from theory to theory rather than to apply a unique among them. Yes, doing applied ethics and religion in the east part of Germany was hot like hell and cool like paradise – or vice versa, I don’t know exactly.

During a walk in Mulhouse, France, I was telling this the students I have now. Since, as I said, I don’t teach ethics here, this was spontaneous. It all had begun with the lady who brought me a coffee, She had had to switch from French to German while talking with me because I had asked her to repeat something. One of the students remarked that I shouldn’t be particularly ashamed for my bad French because there is a language I’m even worse in than in French: Swiss German. I had said the other day something to the effect of „do me a favour“ and one can say in Swiss German only „to make“, not „to do“, the latter being a standard German, not a Swiss German verb.

To me, „to make“ is what you can say in terms of handicraft, not in terms of volition and morals. But there is this internationally known Swiss philosopher who thinks that ethics is a handicraft. His opinion has always been a riddle to me because, probably, he doesn’t mean to provoke and he doesn’t mean to say something utterly false – but effectively does both. My students now, although they don’t know him, explained to me that it is a part of the Swiss linguistic code to speak of what you make, never of what you do.

In his Vom Wesen der menschlichen Freiheit. Einleitung in die Philosophie, being the script of his lectures in the Summer term of the year 1930 at Freiburg, Heidegger claimed that teaching philosophy presupposes a training in Classical Greek or Prussian German (cf. Gesamtausgabe, II. Abt.: Vorlesungen 1923-1944. Vol. 31. Ed. by Hartmut Tietjen. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, 2nd edition, 1994). At least in the point of the difference between „prattein“ and „poiein“ he was right.

Oh yes, Halle is Prussia… The accent is a horror, of course, but it is philosophical German, the language of Kant and Hegel and Schopenhauer…

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A man has to do what a man loves to do

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Wenn die Schüler in ihren Graffiti auf einen Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik hinweisen, dann spricht das wahrscheinlich für ihr außergewöhnliches Interesse am Fach Philosophie in der Schule – dachte ich bei der Entdeckung obigen Schriftzugs. Oder für eine Hannah Arendt und Gottfried Seebaß nahestehende und in jedem Fall Kant und Popper gegenüber feindselige Haltung. Oder für Beides, was aber nicht sein muss. Man kann nämlich Arendt anhimmeln, ohne Philosoph zu sein. Den moralischen Ästhetismus neomarxistischer Couleur (Klassenkampf aus ästhetischen Gründen sozusagen) habe ich über Umwege erst 2000 bis 2003 in Griechenland kennengelernt und – da muss mich der Leser entweder glauben, oder selber recherchieren – er ist philosophisch extrem dünn.

Andererseits spricht „küssen“ von keiner festen Beziehung. Wenn die Ästhetik sozusagen eine flüchtige Affäre der Ethik ist, dann schadet das wohl der kantischen Morallehre nicht.

Jüngst entdeckte ich, dass der Schülerspruch „Ethik küsst Ästhetik“ von einem Laden in Downtown-Basel abgekupfert ist. Seitdem stelle ich mir manchmal die Kunden besagten Ladens als solche vor, die reingehen, ausschließlich um Schönes und Luxuriöses zu kaufen – was jedenfalls auf den ersten Blick untugendhaft erscheint. Nicht nur die Tugendethik erhebt hier einen Einspruch. Es drängt sich auch das kantische Bedenken auf, ob sie pflichtbewusst handeln, falls sie Moralität konsumieren (Fair-Trade-Zeug), weil diese schön aussieht.

Nun ist die Schönheit nicht das Kriterium des moralischen Handelns. Schiller war ungerecht gegenüber Kant, als er ihn so verstand, er würde vorschreiben, nur Unangenehmes könnte man aus Pflicht tun. Es gibt durchaus angenehme Pflichten.

Man kann einwenden, dass der Kunde per definitionem nicht aus Pflicht handelt, falls er Fair-Trade-Produkte nur deshalb kauft, weil sie schön sind.

Andererseits kommt es bei der Erfüllung einer Pflicht nicht auf die Absicht an. Man muss nicht aus Pflicht eine Pflicht erfüllen.

Fazit: Küsse zwischen Ethik und Ästhetik sind OK. Pflichten dürfen angenehm sein. Vielleicht sind sogar unangenehme Pflichten in einer gewissen Hinsicht auch angenehm, wie Workaholics ständig beweisen.

Ich bleibe dabei, den Ästhetismus als philosophisch dünn zu betrachten. So viel Popperianismus darf sein. Aber ich betrachte ihn nicht als das ultimativ Böse. Blutjunge Leute sollen doch ruhig das Gute mehr mit dem Angenehmen verbinden dürfen. Etwas anderes von ihnen zu verlangen, würde nur Neid verraten.

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First I discovered the graffito in the atrium. It said „Ethics kisses aesthetics“, which I saw as witnessing reflection and as reflecting the students‘ engagement for philosophy as a subject. Months later, I discovered this shop in downtown Basel with the same slogan, which made me think that I was wrong about the students‘ engagement. I imagined the customers of the shop: going in, in one of the universe’s most expensive spots, buying overrated commodities with prices saltier than the cheese they make for the aperitif a couple of miles souther, and leaving the shop after having done something good for the world after they bought things they would never have bought if they didn’t appear luxurious to them. Not quite the action you’d call „virtuous“.

Aestheticism makes me button my moral coat. Moralist aestheticism, a Neomarxist one, was a concept I had encountered in Greece between 2000 and 2003. It was something like a state philosophy back then, with direct contacts to the almighty ministry, and it remains very influential today – just as influential as it is philosophically hollow.

Notwithstanding my general Popperian aversion against aestheticism, I would never go as far as to say that duties must be unpleasant. This is how Schiller misinterpreted the Kantian concept of duty and one really doesn’t have to be as good in poetry and as bad in philosophy as Schiller.

The customers of the shop do act morally after all when they buy luxuries there, under the condition that they are benefactors of moral agents and the shop is one such. The kiss between ethics and aesthetics is an acceptable one. Even Kantianly so… Fulfilling duties doesn’t have to be unpleasant. The kiss doesn’t need to be one in an unimportant affair to be forgiven. Let ethics and aesthetics be a couple for good – no moral objection there!

But if this concept becomes the new paradigm in ethics, who will do the unpleasant duties? I’d say to this that even unpleasant duties have pleasant sides. Don’t workaholics demonstrate this constantly?

This is why aestheticist students don’t offend my view on ethics. It’s no good for me – it’s hollow. But it’s alright for them and morally acceptable.

Bennis Buch

Sorry, just a link to a publication announcement in German today. It’s a colleague’s and a publishing-house comrade’s book on the right life. Benjamin Andrae, the author, has among other things, a PhD in philosophy supervised by Godehard Brüntrup who also wrote the introduction.

Philosophia Resources Library, Benjamin Andrae
— Read on de.philosophiaverlag.com/index.php

Summer stories IV: Antigonus

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Es ist vielleicht die tragischste griechische Tragödie: Die Königstochter hat Sorgen, die weit über die Trauer um ihre beiden Brüder hinausgeht. Es ist, so denkt sie, bereits schwer zu ertragen, wenn zwei Geschwister einander töten, aber dem Befehl des Königs, der auf ihren Vater Ödipus folgte, nur der eine Bruder solle bestattet, der Leichnam des anderen möge dagegen von Geiern und Füchsen zerfleischt werden, kann sie nicht gehorchen. Sie häuft Erde über das Kadaver auf und ist bereit, für ihren Ungehorsam mit ihrem Leben zu bezahlen.

Sophokles’ Meisterwerk bietet einen Blick in den Querschnitt zwischen Politik und Ethik und wirft die Zuschauer in einen Dschungel voller Dilemmata.

Antigone, die Hauptgestalt und Titelgeberin, die „Elternvergeltende“, soll in Theben gelebt haben. Ein paar Kartoffelfelder und eine Autobahnbreit von dort entfernt liegt das Meer, das an dieser Stelle sehr eng ist – wegen der vorgelagerten Insel.

Die nordeuböische Bucht hatte ich an diesem letzten elften August zum dritten Mal im selben Jahr überquert. Die ersten beiden waren ferienbedingt. Das dritte Mal war darauf zurückzuführen, dass mein Vater am zehnten August zwar in Athen verstarb, allerdings nie aufgehört hatte, ein Nordeuböer zu sein, weshalb wir den Leichnam zu unserem Inseldorf transportieren ließen. Da waren wir also am Spätnachmittag des elften August, die ganze Trauergemeinschaft, wohlgemerkt an einem Freitagabend sehr kurz vor Mariä Himmelfahrt – und das erwähne ich nicht aus Gründen des Glaubens, sondern einzig und allein deshalb, weil vor Mariä Himmelfahrt Behörden, Unternehmen, alles dünn belegt ist.

Da kommt der Bestatter vorbei: tiefe Stimme, sechzig Jahre auf dem Buckel, sechzig tausend Bier im Bauch und – in diesem numerischen Zusammenhang muss ich aufatmen – nur drei offene Knöpfe am Karohemd. Er befindet: „Ausweis – OK; Erklärung über eine Leichnamsüberführung – OK; Gemeindepfarrer hast Du kontaktiert; gib mir nur noch die Steuernummer vom Papa…“

– Die – was?

– Die Steuernummer doch. Wie sollen wir ihn ohne seine Steuernummer bestatten?

Die Geschichte war älteren Datums, die Steuernummer-Masche allerdings neu. Schon vor 2009 hatte der griechische Staat Schwierigkeiten, aufgrund der Personalien eines Verstorbenen zu kontrollieren, ob Renten oder Zusatzrenten den Verwandten zukommen sollen und in welcher Höhe. Betrüger haben jahrelang die Rente verstorbener Großeltern und Eltern weiterkassiert. Dann kamen die Hilfspakete und die Bildzeitung, woraufhin die Republik Griechenland die Meldung der Steuernummer zur Bedingung für die Erteilung einer Bestattungsgenehmigung machte. Anhand der Steuernummer kann jetzt der Staat vorerst Renten und Dienstleistungen streichen. Etwaige bestehende Anrechte Hinterbliebener sollen neu angefochten werden – Neuantrag usw.

Alles sehr unfair und lästig natürlich: Auf einmal haben Witwen und Witwer keine Bezüge mehr, damit Axel Springer seiner Kundschaft nicht erzählen kann, wie glücklich der Nichtgrieche ist… Aber vorerst stresste mich der Umstand, dass mir an einem Freitagabend auf der Insel, kurz vor dem fünfzehnten August keiner sagen konnte, wie eine Nummer hieß, die ganz banal und unansehnlich auf zahllosen Dokumenten in vielen Schubladen und Ordnern in einer abgesperrten Wohnung eines Athener Vororts lag. Ratlos dachte ich, dass es ein Gesetz gibt, das das Umbringen von Bestattern verbietet, selbst wenn diese einem eine wichtige Information bis kurz vor der Bestattung nicht geben. Ein guter Freund und ausgerechnet einer, der mir das Austernsammeln beibrachte, hat noch dazu die eine Tochter des Typen geheiratet…

Killing him being out of question, musste ich meiner Rolle als Antigonus gerecht werden: gefangen in einer Situation, die Außergewöhnliches von mir verlangte, damit die unbestattete Leiche des Vaters unter die Erde dürfte – die Erde eines Landes, das seine größten Tragödien heute nochmal als Parodien erlebt. Der Sprachwitz klingt im Griechischen besser…

Die Telefongesellschaft war meine letzte Hoffnung.

– Guten Abend, ich bin der Sohn des Teilnehmers mit der Nummer 211…… Ich möchte wissen, wie die hinterlegte Steuernummer heißt.

– Sie endet auf 338.

– Nein, ich brauche sie ganz.

– Ich darf sie Ihnen nicht rausgeben.

– Wissen Sie, der Teilnehmer, mein Vater, ist seit gestern tot. Er kann aber nicht bestattet werden, bevor ich diese Nummer angebe. Ich bin auf Euböa. Die letzte Fähre ist bereits weg, also kann ich nicht nach Athen. Die Beerdigung soll morgen stattfinden.

– Nehmen Sie Papier und Stift.

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Perhaps the most tragic among Greek tragedies, Sophocles’ Antigone, leads you into an asylum of dilemmas and leaves you there. A daughter of king Oedipus, she is in the position to forget the pain that the mutual killing of her two male siblings caused, this however only for the reason that she will not obey to the new king’s order to leave the one brother unburied. She covers the corpse with earth to pay with her life for it.

Antigone was a native of Thebes in Boeotia, Greece, whence, a couple of potato fields and a highway further towards the seaside, the island of Euboea can be seen, across the narrow channel.

Being myself of Euboean descent, having property and family there, it’s a channel I know very well – more than even the Saronic Gulf where I grew up for the most part.

Normally, I cross the channel twice a year on board of ferry boats: one time to visit the island and one to leave it a week later.

The story I’m telling happened just after the third crossing this year. Unlike the two first occasions, it wasn’t in order to visit my father’s soil but rather in order to bury the former into the latter.

So, there I was, with many family members, islanders and migrants to Athens alike, and with the only one who really migrated about to be transported home to the island (in patria as the Latins who once possessed it said). Plausibly enough for the eve of a burial, the undertaker  – a guy with sixty years on his back and sixty thousand beers in his stomach but only three open buttons at his shirt – came with his check list.

It’s Friday. Afternoon. Before the Dormition.

Now, even if you have no experience of how things work or rather don’t work in Greece, you can imagine that on a Friday evening before the Feast of the Dormition, just about three or four people work in the entire country: hopefully an officer in the NATO headquarters in Larissa, one guy at the border to Albania, perhaps one guard or two in front of the parliament in Athens. I’m saying this because lighthouses are automatised and ships have GPS…

“Your dad’s ID card  – OK; declaration of transport for a corpse – here; you said you’ve talked with the priest; just give me your dad’s tax number”.

– What was that?

– Tax number. You can’t bury someone who hasn’t got a tax number.

According to Greek legislation, for a number of reasons it’s prohibited to kill undertakers who happen to remember their check list few hours before the ceremony. And if you have been friends with the person’s son in law, have dived for oysters and have drunk gallons of tsipouro together, it’s also morals that prohibits drastic measures.

Killing the undertaker being out of question, I had only one option: think!

And I thought that, knowing the prehistory of the Greek crisis, it was clear what the state intended. Since before 2009 they have had difficulties in controlling if a pension should be further paid after the death of the beneficiary and to what amount.  Fraudsters have been paid their grandparents’ benefits for years by simply leaving undisclosed their death towards the Greek taxation authority. Then the bailouts came and with them tabloids from Central Europe, the latter with sarcastic headlines that insinuated that a small number of cases would be representative. Of course, this is how tabloids normally exaggerate. And I usually do remain cool when their readers long to read about superlatives, be that Germany’s laziest gardener, Europe’s most useless academic, and different other topics full of bitterness, envy, ignorance or any set made of these three elements. But with an unburied family member in the backround, my coolness reached its end.

I had to think. And to find this number, at the time in some hundreds of documents in an Athens apartment, with the last ferry gone, and any one of my father’s acquaintances away from the city – to spend the feast of Dormition at the place their family came from; like, essentially, I did. I had to retrieve a number that would serve to stop my father’s pension, leave my mother broke behind, and make me re-apply the benefits for her, in order for tabloids to stop feeding their readers with sensational news supposed to make them feel happy for not being Greeks…

In the parody of the Greek tragedy I played (the parechesis sounds better in Greek) I was Antigonus: a son trying to bury his father and bear the disadvantage. I picked up the phone.

– Good evening, I am the son of the owner of the telephone number 211… My father had to give you his tax number when he signed for his telecommunications connection at your company.

– Good evening, that has to be the case, sir.

– May I have this number?

– Ahem… Well, it ends with 338.

– I need the whole number.

– I can’t give you this information.

– Please do! You see, the person, my father, is dead since yesterday. Tomorrow is the funeral. But there can be no funeral without the number. Right now I am in Northern Euboea where the funeral should take place, the number is in Athens and the last ferry boat has already gone!

– Then, sir, I would say, take a pen and a piece of paper.

Die Rätsel sind immer multimodal

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Dass niemand von mir verlangen kann, etwas zu tun, was verboten ist, ist eine Intuition, die sich im von Hughes und Cresswell D genannten modallogischen System widerspiegelt: Lp->Mp.

Aber was passiert, wenn ich das Gebotene aus nichtdeontischen Gründen nicht tun kann? Etwa wenn ich mich wegen der Hunde vor mir nicht in Sicherheit vor der Gefahr hinter mir bringen kann? Dieser Art, multimodal, sind moralische Dilemmas und die Modallogik hat keine Antwort darauf.

Wie kann man Italien nicht lieben? Dieses Land bringt zu Gedanken und ist schön noch dazu.



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Blame me ‚cause I love Italy for making me see.

That no one can request that I do what’s prohibited, is the intuition – in fact the characteristic axiom – of the modal system Hughes and Cresswell call D: Lp->Mp.

But this is not what deontic or moral dilemmas are made from. What if I can’t run from a fire behind me because of the dogs in front of me? NB, fleeing from the fire can be a deontic prescription while being afraid of the dogs is not. Modal logic is not the algorithm to settle dilemmas of this kind and Italy is the country to teach you that, probably, there’s not such an algorithm.

Reality is too much of a „mid-shapen chaos of well-seeming forms“, to be captured by logic (Romeo and Juliet, act 1, scene 1).

Tell justice from injustice

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Wilhelm Tell ist par excellence das Beispiel schweizerischer Historiker dafür, dass Geschichte von Legendenbildung unterschieden werden soll. Dürrenmatt (Schweizer Geschichte, Zürich 1963, S. 28-9) widmet der geschichtsträchtigen aber mythischen Episode geradezu ein Vierhundertstel seines Opus Magnum. Reinhardt (Geschichte der Schweiz, München 2006, S. 6-10) zwar mehr, allerdings zum Thema Schiller und Tell-Legende.

Die Tell-Legende ist trotzdem lehrreich und geschichtsträchtig und zeugt von einer Absage an den Utilitarismus auf der moralischen Ebene – von einer, die ich mit gutem Recht, wie ich denke, als in den Grundfesten der Eidgenossenschaft eingeschrieben betrachte. Wenn ich mit dieser Behauptung Recht habe, steht dem Staatsgründungsmythos der Schweiz (die Verwendung des Wortes „Mythos“ möchte ich hier nicht wertend verstanden wissen) der Utilitarismus fern.

Gessler, der Landvogt und Strohmann der Habsburger, so steht es geschrieben und so wurde es gesungen, stellt den freiheitsliebenden Wilhelm Tell vor die Wahl, entweder bei der Hinrichtung seines Buben zuzusehen, oder wenigstens zu versuchen, einen Apfel auf dem Kopf des Kindes mit einem Pfeil zu treffen. Trifft Wilhelm, so wird das Kind befreit. Trifft er nicht, dann entweder tötet er sein Kind, das aber ohnehin hingerichtet worden wäre, allerdings im rühmlichen Versuch, es zu retten, oder er tötet es nicht und es wird vom Habsburger hingerichtet.

Es kann, denke ich, schwer eine spieltheoretische Analyse des Falls gemacht werden, bei der das Schießen auf den Apfel auf dem Kindeskopf kein Nash-Gleichgewicht des Spiels wäre. Denn egal was passiert: Wenn Wilhelm Tell schießt, bereut er keine Alternative (hätte er nicht geschossen, wäre das Kind sowieso ermordet) und für den Landvogt wird es wohl einen Unterschied gemacht haben, ob der aufmüpfige Schweizer auf sein Angebot eingeht oder nicht – sonst hätte er das Angebot von Anfang an nicht gemacht.

Aber warum wird dann in der Legende gerade dieses Angebot des Landvogts als unerhört, unmoralisch, niederträchtig hingestellt? Wäre es etwa besser, wenn der Landvogt das Kind sofort getötet hätte?

Die einzige mir jedenfalls plausibel erscheinende Antwort ist, dass es bei den in der Legende impliziten Vorstellungen nicht um spieltheoretische Optima geht. Die Schweiz, vielleicht jeder Staat, dessen Staatsgründung auf einen Freiheitskampf zurückgeht, entstand nicht auf der Grundlage von Kosten-Nutzen denken, sondern von einem nichtutilitaristischen Gerechtigkeitsverständnis her.


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Experts of Swiss history fear probably nothing more than giving the impression that they see William Tell as part of their job. Their discussion of the legend is always short, always with a big, red, fluorescent „CAUTION, YOU LEAVE THE REALM OF HISTORY“.

Such a pity… The story of the evil sheriff who represented the house of Habsburg and captured Tell’s son to announce to kill him unless the boy’s father, a freedom-loving enemy of the Habsburgs, would hit an apple with an arrow, NB an apple on top of the boy’s head, is a game-theoretical scenario that shows…

…well, more than the whole rest of the Swiss history – an interesting one – has to show.

I believe that shooting at the apple on the boy’s head is the Nash-equilibrium of every adequate game-theoretical reconstruction of the William-Tell story. It wouldn’t be rational for the father to regret not opting for any of the alternatives since these alternatives imply his boy’s death with absolute certainty while shooting at the apple provides at least some chances of survival. And for the sheriff it must make a difference to know that Tell accepts the challenge. Otherwise, why should he offer it?

But if this is so, i.e. if taking the sheriff’s offer is the rational-choice optimum, why is this very offer according to the traditional interpretation of the legend, considered to be immoral?

I have only one explanation for this: the story and with it the predominant understanding of justice in probably every state whose raison d‘ être is the struggle for freedom, is not utilitarian.

The difference between the saint and the good guy

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Erlingers Kolumne im SZ-Magazin liebe ich als Leser sowie aus beruflichen Gründen – Ersteres, weil er genial schreibt, Letzteres, weil seine Kasuistik-Fälle im Fach Ethik gut zu gebrauchen sind. So hat mich die Gewissensfrage noch vor Weihnachten inspiriert, folgende Frage zur schriftlichen Beantwortung zu stellen:

Ich verpacke Geschenke für ein paar Freunde, darunter für einen Blinden. Ich stelle aber fest, dass das schöne Geschenkpapier nicht ausreicht. Genau genommen habe ich fürs letzte Geschenk kein schönes Geschenkpapier mehr. Was soll ich tun?

Während sich alle darüber einigten erstens, dass der Utilitarist für den blinden Freund irgendein Papier nehmen darf, da dieser dies sowieso nicht als Abwertung seines Gesamtnutzens empfindet, wenn er nicht weiß, dass der Utilitarist Papier aus der Altpapiertonne hernahm; zweitens, dass der Kantianer für Gleichbehandlung für alle sorgen sollte…

… war es niemandem klar außer einer unglaublich spitzfindigen Zeitgenossin, was die christliche Reaktion wäre:

 

Als Christ verpacke ich das Geschenk des blinden Freundes in das schöne Papier und lasse das Geschenk meines besten Freundes unter den anderen unverpackt.

……..

Das müssen Sie erst begründen

entgegnete ich vorgestern bei der Besprechung der Arbeiten.

Das ist, glaube ich, der Unterschied zwischen der Heiligkeit und der moralischen Güte. Der Heilige darf sich nicht scheuen, nur ein Signal zu geben, wenn er nichts Besseres tun kann – und zwar auf Kosten der eigenen Beliebtheit.

Ob das ein gutes Argument in diesem Kontext ist, geschweige denn, ob sie Recht hat, weiß ich nicht. Ich muss darüber nachdenken, habe aber jedes Recht, froh zu sein, wenn sie meiner Stunde beiwohnt.

 

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My question was – it was before Christmas – what the main schools of ethics would say to the following case:

I’m wrapping gifts for friends in glossy, colourful paper when I discover that I haven’t got enough paper for the last gift. One of my friends is blind. What do I do?

Students were unanimous that if I were a utilitarian I would use some rubbish paper for the blind friend not to reduce his utility at all. And they were all pretty sure that as a Kantian I should make sure that I treat all friends according to a universal law – probably the same paper for everyone.

But what would my Christian self do? No hint in any paper except in the one of this very brilliant student:

As a Christian you have to use coloured, luxurious paper for the gift of the blind friend and leave the gift of your best friend among the others unwrapped.

….

You have to justify your solution in terms of an argument

I said the day before yesterday, during the discussion of the papers.

Well, I suppose that this is the difference between sanctity and goodness.

said she. And she continued:

 A saint may not be afraid to become unpopular when the situation is helpless and the only thing he can do is to give a signal.

Was she right? Is this a valid argument in this context anyway? I’m not sure. But I’m happy that she attends my class.