Macro(n)economics

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Ausnahmsweise schreibe ich heute nicht in meiner Eigenschaft als Philosoph, sondern in meiner Eigenschaft als Fabrikantensohn, was – so die Hoffnung – ganz besonders zu philosophischer Reflexion befähigt.

Als Griechenland der damaligen EG beitrat, hieß es, griechische Firmen hätten wegen ihrer niedrigen Fixkostenstruktur sehr gute Chancen, auf dem gemeinsamen Markt gut als Zulieferer von Einzelteilen deutscher oder französischer Industrieprodukte wegzukommen.

Es kam, wie wir heute wissen, anders. Man kann die fehlende Infrastruktur und die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen schuldig machen, auch die griechische unternehmerfeindliche Politik der 80er Jahre, schließlich dieselbe Politik, die die EU-Integrationsfonds zu einer Freibierveranstaltung zweckentfremdete, aber wo bleibt bei dieser Argumentation der vermeintliche Vorteil wegen der sehr niedrigen Fixkosten?

Mein Vater versuchte seinerzeit, mit sehr niedrigen Preisen auf dem EU-Markt Fuß zu fassen. Das war just die Zeit, als seine italienischen Konkurrenten den griechischen Markt eroberten. Die italienische Ware war schön, aber nicht gerade billig. Der springende Punkt war, dass Italienern, geschweige denn Deutschen, das zugetraut wurde, wozu mein Vater die prospektiven Kunden verzweifelt überzeugen wollte: nicht recycelten Kunststoff zu robusten Lebensmittelbehältern zu verarbeiten und eine große Produktpalette für lange Jahre zu liefern.

Aber: Würden Sie beim Griechen Kunststoffprodukte kaufen? Ich schon, denn in meinem Hinterkopf ist der Grieche nicht automatisch Schäfer oder Kellner. Im Grunde genommen kenne ich wenige griechische Schäfer und Kellner, ich selber bin keiner und mein Vater war’s auch nicht.

Was ich damit meine, ist, dass ich nicht sicher bin, ob nationale Stereotypen keine Rolle auf dem gemeinsamen europäischen Markt spielen. Für die Marktwirtschaft sind nationale Stereotypen natürlich irrational, also dürfte es sie bei der rationalen Entscheidung nicht geben. Man kauft dort ein, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten ist.

Allerdings sind simple Rationalitätsannahmen in sozialen Sachen oft nicht adäquat. Auf dem Markt haben wir eine eingeschränkte Rationalität. Und selbst eine eingeschränkte Rationalität im Sinne eines nichtkooperativen Spiels findet auf tatsächlichen Märkten nicht statt, sondern das Spiel ist kooperativ. Mit anderen Worten gibt’s Leute, die bei jemandem kaufen würden, der ihnen ähnlich ist, statt bei jemandem, der ihnen unähnlich ist, obwohl sie damit Geld verlieren. Das braucht nicht irrational zu sein, wenn die Angst vor dem Anderssein den Gewinn aus niedrigen Fixkosten überwiegt. Geld und Rationalität hören auf, das Thema zu sein, wenn die Ängste sich ankündigen.

Die EU basiert auf simplen Rationalitätsannahmen; auf solchen, die nationale Stereotypen und Ängste unterschätzen – unbewusst oder bewusst. Ersteres ist Illusion, Letzteres Betrug.

Der neue französische Präsident ist ein Philosoph ersten Ranges aus guter Stube, der mit einer Fabrikantentochter verheiratet ist.  Fabrikantenkinder sind dazu fähig, philosophisch zu denken, und Philosophen lieben die Wahrheit. So die Hoffnung.

Denn die Wahrheit ist mit Illusion und Betrug unvereinbar.


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This is a posting by SG, the son of an industrialist. This is the same person as SG the philosopher and the hope was – and remains – that being the one facilitates being the other.

This distant time when Greece joined the back-then EEC, I remember my father claiming that Greek fixed costs, being very low, would predestine Greek industry to evolve to, essentially, a supply industry of the big industrial nations that would become the new partners. Greece was a country whose closest ties were to its geographical neighbours.

In the decades to come, these neighbours came closer and closer to Greece – the iron curtain fell, the civil war in Lebanon ended, Libya ceased to be a renegade – Greece, however, opened trenches to them – was obliged to follow Brussels‘ directives and joined the euro – to make itself inaccessible to its old friends without finding new ones. My father’s plastics never found their way to a Volkswagen’s console or a Gillette razor’s button.

My father thought – and still thinks – that, on the Greek side,  missing infrastructures and the eighties, when the Greek state was utterly hostile to entepreneurship, were the causes that doomed his prediction to fail. But these two factors do not substantially affect his initial argument concerning low fixed costs. Did he do his job improperly?

He didn’t. On the contrary, for years and years he desperately attempted to export his goods at a time when Italian plastics conquered the Greek market with prices that were higher than his. They were funnier and had a better design alright. They weren’t his league. But what about a down-market league?

Well, I believe that he didn’t get the chance he deserved and would have got if he tried to enter the Russian, Turkish or Israeli market instead of the German or Dutch. How can you persuade people to buy your plastics if they associate you with fishing and goat cheese?

What I mean is that I can’t discard the suspicion that my father’s prediction came to fail along the lines of stereotypes.

Stereotypes shouldn’t have a chance when juxtaposed to a cost-benefit analysis you may say.

And I’ll be tempted to say that this is only theory. When people say „only theory“, they take theory to be too abstract to depict reality. When a philosopher says so, he means that this theory is simply inadequate.

Mainstream rational-choice theory appears to be adequate in terms of individuals who prefer to maximize their utility.
  
But in the context of a market, individuals often act in terms of bounded rationality. And in terms of the European common market they often act in terms of a cooperative game: in a case of doubt – doubt triggered by national bias – they would take into consideration to earn less provided they won’t have to communicate out of the box. This doesn’t need to be irrational if the fear to meet an exotic partner is bigger than the expected  revenue. We’re not talking about money here. We’re talking about fears…

The EU is based on simplistic assumptions concerning rationality and ones that neglect national stereotypes and fears – subconsciously or consciously. Neglecting stereotypes subconsciously is self-deception. Neglecting stereotypes consciously  is simply deception.

The new French president is a philosopher married to an industrialist’s daughter. And, as I said, the hope is that industrialists can think philosophically and philosophers love truth.

And truth is incompatible with deception and self-deception.

Can he do the math?

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Analogieschluss

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Die Wissenschaftshistoriker sind sich darüber uneinig, warum alte Theorien verworfen werden. Eine unheilige Allianz aus Marxisten und Positivisten meinte früher, neue Theorien wären erfolgreicher gewesen. Die Popperianer meinen, es reicht zum Wandel, wenn die alten Theorien falsifiziert wurden. Die Kuhnianer und ein paar andere sehen die alten Theorien als Opfer eines Gesinnungswandels von Binnengruppen aus Querdenkern an.

Das aus der Vogelperspektive.

Wenn’s um konkrete Ereignisse geht, sind sich alle – na gut, fast alle, schließlich sind Positivisten und Marxisten besonders hoffnungslose Fälle – einig, dass das Neue am Anfang oft zunächst nicht so gut funktioniert wie das Alte. Kolumbus meinte, gleich mehrere Breitengrade weiter südlich zu sein, weil er unbedingt einen Kompass benutzen wollte. Kopernikus‘ Idee war unausgereift: Das ptolemäische System deckte einfach viel mehr Einzelfälle ab. Evolutionstheoretisch zu erklären, wieso der Vorgänger des Flügels einen Überlebensvorteil für den Organismus darstellte, ist schwerer als eine teleologische Erklärung.

Trotzdem bleibt die Investition ins Neue bestehen als etwas, was von ad-hoc-Hypothesen und Hypokrisie befreit.

Ich denke daran ein paar Tage nach den britischen Wahlen.



Enough with scrolling

Historians of science don’t agree on the reasons to make a scientific community abandon a theory to embrace another. Positivists and Marxists thought that this is the case when the later theory explains more and it’s verified. Popperians think that it’s enough when the old theory is falsified. Kuhn and others believe that the shift is a complex social procedure akin to religious conversion.

Where most of them agree upon – forget Positivists and Marxists: too stubborn – is that the new theory often works worse that the old one: Columbus thought he was way further in the south because he insisted using a compass; Copernicus didn’t cover many details that Ptolemaeus did; and Darwin couldn’t explain how not fully functioning wings emerge to make a difference for the survival of an organism only much later – anyway he couldn’t explain this as easily as a teleological explanation manages to do.

We simply invest into anything new bound to stop ad-hocness and hypocrisy.

These are my thoughts on the latest British elections.

Ristrexit

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Die Frage lautet: Wenn die EU beweist, dass ein Binnenmarkt zu protektionistischen Betrügereien hinter der Fassade führt, wo hat man keine protektionistischen Betrügereien? (Kleine Hilfe: logische Kontraposition!)

Vor der Beantwortung der Frage möchte ich allerdings einem Missverständnis vorbeugen: Trotz des Titels dieses Beitrags bleiben die Philosophischen Ristretti, wo sie gerade sind: unter http://www.philori.de mit einem „.de“ am Ende und bei WordPress. Meine Leser brauchen keine Lesezeichen zu ändern oder Ähnliches. Und es wird sogar meistens in Deutschland gepostet werden. Untertags wird aber der Autor dieser Beiträge in der Schweiz lehren – nach wie vor Grundlagen der Mathematik und Ethik und Religion.

Das ist natürlich keine politische Entscheidung – keine jedenfalls im herkömmlichen Sinn von „politisch“.

Und trotzdem…

In den letzten Jahrzehnten erlebte ich die EU aus meiner Berufsperspektive des Uni- und Gymnasiallehrers als eine Kulturlandschaft, die zwar bunt ist, deren Bewohner aber am liebsten eine Monokultur einrichten würden. Das Englisch meiner Aufsätze war immer stilistisch und grammatikalisch richtig, fanden die britischen Peers, bloß auf dem Flur eines britischen Philosophiedepartments habe man idiomatische (Mode-) Ausdrücke, die ich nicht verwende. Oder der Kandidat aus Oxford, den ich präferierte, hatte – wie schrecklich! – keine Note auf der Doktorurkunde, sagte der Erfurter Kollege. Es gab auch die besonders Kranken: den Kontinentalphilosophen der Fernuni Hagen etwa und das bayerische Schulamt: ersterer attestiert analytischen Philosophen – eigentlich mir – ein „korruptes Deutsch“, letzteres wollte feststellen, ob meine Semesterwochenstunden an der Uni Athen genau mit denen in München übereinstimmen, sonst keine Lehrgenehmigung in Bayern. Der bisherige Französischlehrer meiner Töchter darf in Mittel- und Oberstufe bayerischer Staats- oder Privatschulen nicht unterrichten, weil er kein bayerisches Staatsexamen im Fach Französisch hat. Da könnte ja jeder französische Französischlehrer mit Staatsexamen in Marseille nach Bayern kommen und bayerischen Kindern ein unbayerisches Französisch beibringen, oder? Ich muss zugeben, dass meine Karten mit griechischer Lehrgenehmigung und zwei Erfurter veniae natürlich schlechter als seine waren. In den bayerischen Behörden weiß man wenigstens, wo Marseille liegt. Aber Athen… Oder – noch schlimmer- Erfurt! In diesem Blog habe ich auch von meinen Erfahrungen in Griechenland berichtet.

Fazit: wo die Bauernschläue zum Staatsprinzip erhoben wird, da ist es nur heuchlerisch, von „Europa als Friedensprojekt“ zu reden.

Wir erleben den Untergang eines Transvestiten: einer als Friedensprojekt verkleideten Werbemaßnahme auf einer Party von Marktprotektionisten.

Auch deshalb trinke ich in der Früh meinen Ristretto woanders und zwar sehr gern.


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The question is: when the EU is the living example that the common market implies fraudulent protectionism behind the curtain, what’s the case when you have no fraudulent protectionism? (I’m giving you a hint: I just negated the consequent)

But first, I’d like to avoid a misunderstanding: despite the title of this post, Philosophische Ristretti, the blog, will remain at http://www.philori.de (with a „.de“ at the end) and at WordPress. Don’t change your bookmarks or anything else.

However, while you’ll be reading my posts, I’ll be in Switzerland- at least if you read during the day. Teaching maths and ethics and religion there, instead of Germany is not a political decision – not in the usual sense of „political“. But it’s also not out of the blue. In fact, it is due to the political culture in the EU.

In the last two decades, my impression of the EU vis-à-vis my profession is that of a big place where people pretend to affirm diversity but have a hidden agenda to promote their microinterests in the name of big ideas. The two things are complementary: affirming diversity is a big idea and pretending to do so serves the hidden agenda. Oxford is a great place to study, so I learned in Erfurt, but Erfurt PhDs are better because they’re graded on a scale from 1 to 4. And papers written by non British scholars can be inspiring – so you can see peers of English philosophy journals write – but the language should be more idiomatic for them to be publishable. And there are also the cases of sick provinciality: the continental philosopher from Hagen who calls analytic style „corrupted language“ or the Bavarian Ministry of Education that prohibits French teachers of French to teach French at Bavarian schools because they took one didactics module less than the Bavarian norm when they studied for their teacher’s degree in France. Try to persuade Bavarian ministries that the common market was established for things other than the BMWs…

The chancellor talked today about Europe as a „peace-making project“. This is inflationary language. Call it a marketing policy for industrial products in a party held by market protectionists but don’t call it a „peace-making project“… Not the EU… OK, call it what you like, but you can’t make it resemble what you call it.

You can call my morning espresso a poison. I’ll still enjoy it. Every morning. On the other side of the border.