Referring to nonexistent kings in Alto Adige

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In seinem legendären Aufsatz “On Denoting” zeigte Bertrand Russell, dass der Satz “Der heutige König Frankreichs ist glatzköpfig” viel komplexer als angenommen ist, so dass er nicht einfach verneint werden kann. Denn eine einfache Verneinung könnte meinen, den König gäbe es ja, bloß wäre er behaart.

Ähnliches kann zum Foto oben gesagt werden. Den Satz: “Die Bayerische Hofapotheke befindet sich in Meran” bejaht man nur unter der Gefahr der Missinterpretation, es gäbe auch einen bayerischen Hof.

Anders als bei der königlichen Glatze kann hier jedoch eingewendet werden, die Existenz der Apotheke lasse den entsprechenden Königshof nicht existieren, weil die Worte “Bayerische Hofapotheke” keine Kennzeichnung im Sinne Russells sei. Man könne zwar existente Glatzen keinen nichtexistenten Königen gehören lassen, aber Apotheken können sich auf bayerische Könige, bayerische Robben, ja sogar auf bayerische Weltbürger beziehen ohne die Gefahr, sich wegen der Bezugnahme auf Nichtexistentes lächerlich zu machen. Die “Bayerische Hofapotheke” ist nach Kripke ein nicht ferner analysierbarer Eigenname.

Nun hat mir Kripkes Theorie der Eigennamen aus – sagen wir – weltanschaulichen Gründen, die mit der Namensgebung in Griechenland zusammenhängen, niemals richtig gefallen. Wir erfahren in Platons Politeia, dass der Messerhersteller Kephalos nach seinem Großvater benannt worden war und dass er seinen Sohn, dem bekannten Redner Lysias, nach seinem Vater benannt hatte. Nomen est omen. Ich heiße auch so wie mein Großvater als Träger – so hoffte man – seiner Eigenschaften: guter Bauer, Frauenliebling, kommunistischer Lokalpolitiker und Bürgermeister in der Zeit der Landvergabe in den 20ern. Aus solchen Hoffnungen, in solche Fußstapfen zu treten, wurde wohl nichts aber Russells Theorie der Eigennamen bleibt mir sympathisch, weil sie genau solchen Bräuchen Rechnung trägt, bei denen man mit dem Namen auch nichtessenzielle Eigenschaften weiterzugeben dachte. Mein Namenstag ist auch so ein Beispiel: nicht am 16. August, dem Tag des heiligen Stamatios, sondern an Michaeli, weil es ein südgriechisches Verständnis von Michael als Türwächter am Ikonostas gibt und das Verb “stamato” auf Mittel- und Neugriechisch “zum Stehen bringen” heißt. “Derjenige, der (andere) zum Stehen bringt” – mein Vorname also – ist logisch gesehen eine zum Eigennamen “verkrustete” Kennzeichnung – die nach Volksglauben auch dem Erzengel Michael zukommt.

Das sind Gründe für meine Präferenz für Russells Theorie der Eigennamen. Auf die italienische Apotheke pfeife ich. Italien weigert sich sowieso, sich in klassische Theorien einzufügen.

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In “On Denoting”, Bertrand Russell showed that the sentence: “The present king of France is bald” is much more complex than ordinary language makes one think. If you negate it, you can be taken to mean that France has a hairy king. And you surely do not want to affirm this.

The case with the “Bavarian Royal Pharmacy” in Merano, North Italy, is similar. You must affirm that there is one there at the latest when you see it but then you can be mistaken to assume the existence of a Royal Court of Bavaria.

This risk is not there if you are Kripkean: no name of any pharmacy is like someone’s haircut because, unlike the latter, pharmacies can be named after nonexistents. A king’s haircut describes a part of a king presupposed existing. A pharmacy’s name does not presuppose the existence of the thing that was initially described by this name. You can name the pharmacy “Sherlock Holmes” or “Bavarian King” – even “Bavarian Liberal” without running danger to describe the – nonexistent – Bavarian kings and liberals.

Like I said: if you are Kripkean, i.e. if you think that proper names are not descriptions.

Myself, I have to confess that I always preferred Russell’s account of proper names to that of Kripke. According to Russell, proper names are linguistic fossils that emerged out of descriptions. I like this idea. And I like it for – I continue my confession – reasons religious or almost religious. Plato informs us in Republic that the knives manufacturer Kephalos had his grandfather’s name and named his son, the famous Lysias, after his father. I also bear my grandfather’s name. The hope was that I would be eo ipso a bearer of his properties. A remarkable farmer and a Casanova and a local politician of the Communist Party and mayor during the land distribution in the 20s. Things evolved quite differently but these are the customs of which Russell’s theory makes sense: customs that stipulate that nomen est omen. And it also makes sense of the fact that my name day is not on the saint’s day, on August 16th, but on Michaelmass. There is, you see, this interpretation of St Michael as a doorkeeper of the chancel, as one who prevents the non worthy to enter. And the verb “stamato” from which St Stamatios’s and my name stem, means “to prevent”.

Kripke remains, of course, the mainstream view and one that tells you that you do not need to bother about proper names of Italian pharmacies referring to Bavarian kings since proper names do not bear witness of nonessential properties. Nomen non est omen. This is a refutation of Russell’s view on proper names that makes so much justice of the customs of my Greek – in fact previously Venetian – island. But, I mean, this is Italy: stubbornly denying to comply with classical theory.

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From another land II: Seamantics

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Das ist das zweite Posting, in dem ich auf meine sommerlichen Reflexionen in Bremen, Bremerhaven und Hamburg Bezug nehme. Heute: Das Wattenmeer.

Das Wattenmeer ist ein Fall für die Dreiwertigkeit: Es ist weder Meer noch nicht Meer.

Das Mittelmeer ist ein Fall für die Zweiwertigkeit: Es ist immer klar, ganz klar, wo das Meer, wo das Erdreich, wo das Binnengewässer ist.

Den semantischen Rahmen bestimmt der Gegenstandsbezug.

Die Clips und die Fotos sind unordentlich, so dass der Leser nicht vorher weiß, wo der Norden, wo der Süden ist.


Enough with scrolling

This is the second post in which I am giving you some of my musings during summer holidays in Bremen, Bremerhaven and Hamburg. Today’s topic: The Wadden Sea.

The mudflats of the Wadden Sea are a case for trivalence: they are neither a sea nor not a sea.

The Mediterranean is a case for bivalence: it is always clear where the sea, where the land, where the inland waters are.

It’s the reference of the terms that determines the semantic setting.

I mixed the recordings and photos for the reader to decide what is what.

Adel verpflichtet

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Aus vielen Gründen habe ich dieses Jahr den alljährlichen Aufenthalt auf der Insel, woher meine Vorfahren stammen, gestrichen, womit ich zwei Kinder unglücklich machte, die Tinten- und Ährenfisch fischen wollten. Ich flüchtete in die Rhetorik meiner Eltern, wenn es mir ähnlich ging: “Der Riff vor dem Obstgarten deines Großvaters, unter dem sich die Meeräschen verstecken, wartet auf dich die nächsten paar Tausend Jahre. Er geht jedenfalls nicht weg”. Und ich nahm den Katalog eines Reiseführerverlags in die Hand und blätterte darin in der Hoffnung, eine Eingebung für einen recht kurzen Familienurlaub zu bekommen – für einen, der uns unsere Insel und unsere Obstbäume und Gewässer vergessen lässt.

Es kam anders. Nicht weil Donaueschingen an Euböa erinnern würde! Alles andere ist der Fall. Es kam anders, weil sich der Reiseführer, den ich kaufte, über die Misserfolge des Donaueschinger Adelsgeschlechts lustig machte, mit Brauerei und Ländereien seinen üppigen Lebensstil zu unterhalten, in schierem Gegesatz zum rationalen Wirtschaften der bürgerlichen Nachbesitzer genannter Firmen. Dann sagte ich “Ich lese nicht weiter. Der Neid des Kleinlichen gegenüber dem Großzügigen ist mir peinlich”.

– Wieso peinlich?

– Wegen seiner Niveaulosigkeit.

In seinem legendären Roman Gattopardo lässt Giuseppe Tomasi di Lampedusa die Bauern ihren Fürsten Conte Salina in seinem eigenen Gut willkommen heißen. Durchlaucht verweilte lange im Stadtpalais bei Palermo, ist allerdings endlich wieder im Chateau und sie bringen ihm Geschenke mit.

Durchlaucht nimmt die Geschenke dankend an und, ohne zu rechnen, ob das vielleicht den Wert der mitgebrachten Geschenke weit übersteigt, gibt er den Bauern Geld. Salina nutzt vielleicht seine Bauern aus, aber indem er nicht berechnet, lebt er Großzügigkeit vor. Das kann gesamtwirtschaftlich und sogar für ihn selber schädlich sein, aber gesellschaftlich macht es Sinn.

Meine Großmutter auf der Insel, die ich heuer nicht besuchte, hasste, weiß Gott, das Haus de Mimont – das Haus, dem der eingangs besagte Obstgarten aus unserem Familienbesitz einst gehörte. Denn sie war Ehefrau des ersten kommunistischen Bürgermeisters des Dorfes – meines Großvaters – der 1924, in der großen humanitären Katastrophe nach dem verlorenen Krieg die Enteignung “der Franzosen” vorantrieb. Aber, so sehr sie den Fürsten de Mimont auch hasste, zugegeben hat sie immer eines: Wenn seine Nachfahren so geblieben wären wie er, galant und einer Leidenschaft für die Arachnologie mehr ergeben als dem Verdienen, wäre der Opa niemals Bürgermeister geworden.

Dann wäre aus mir vielleicht eine ganz andere Person geworden: eine die den Obstgarten am Meer nicht hat, wo ein paar Meter von der Küste entfernt ein Riff liegt, unter dem sich Meeräschen verstecken. So wie jetzt ungefähr… Wie Giuseppe Tomasi di Lampedusa schreibt: “Es muss sich alles ändern, damit es gleich bleiben kann”.

Wenn’s stimmt, dass der Ausgangspunkt und das Ziel zusammenfallen: großzügige reiche Leute, dann ist wohl nur der Änderungsprozess, der die heutigen Züge des Profits um Pfennige mit allen Mitteln trägt. Kann es sein?

Manchmal zweifle ich am Wahrheitsgehalt des berühmten Ausspruchs von di Lampedusa.

Adel verpflichtet 1

For many reasons and unlike what I did until now I didn’t manage to visit the island my ancestors came from. My two unhappy daughters asked me how it comes that I have the power to say that they will not do squid and mullet fishing. I tried to find out if my parents’ rhetoric in similar situations when I was a kid still worked: “The riff in a few yards distance from the shore at which your grandpa’s garden is, the riff where grey mullets go hide, will be waiting for you for the next couple of thousands of years. It won’t go away”. And I looked into the prospectus of a traveler’s guides publishers to find a title which would fit the needs of a family which needs some days of relaxing and forgeting what they have to live without this summer.

Quite the opposite came about. The reason was definitely not some alleged similarity between Donaueschingen and Euboea – there’s not one single. The reason of not forgeting was that the traveler’s guide I bought was ironic about the count’s of Donaueschingen failure to keep a balance between his luxurious life style and his income – originating from a brewery and real estate. The author of the book had also some malicious passages about the return of the count’s companies to black numbers after the majority stockholder wasn’t an aristocrat any more. I loudly said: “I’m not reading this anymore. Stingy people’s envy against noble generosity is something to be ashamed of”.

– Why ashamed?

– Because it’s vulgar.

In his legendary novel Il Gattopardo, Giuseppe Tomasi di Lampedusa describes the arrival of count Salina at his country estate. His serenity has been for long time at his Palermo residence. But now it’s time for his peasants to pay him a visit in front of his country house and to give him some presents.

His serenity expresses how grateful he is for the presents and shows so by giving them money – and by avoiding to calculate whether the money he gives them has a value much higher than the value of the presents. Even if he’s an exploiter, Salina tries to be generous. If he’s too successful in doing so, generosity can damage him and his pocket and the whole economy of the island. But socially, what he does makes sense.

Only my grandmother knows how much she hated the de Mimont family, the family who were the owners of the garden at the seaside where a riff lies in a few yards distance from the shore, where grey mullets find refuge – the garden I couldn’t visit this year. She was the wife of the first mayor of the communist party who, after the lost war and the great disaster of the year 1924, spelled out the town’s expropriation claims against “the French”. In spite of hatred she said that her husband, my grandfather, would never have been a mayor if de Mimont’s heirs had remained like the old count was: generous and with a passion for arachnology which was greater than his care to perserve his interests.

I would have been another person then. The garden at the seaside where, in a couple of yards distance from the shore a riff lies where grey mullets find refuge, would never have been expropriated and I wouldn’t have visited it this year – just like in the actual world. Giuseppe Tomasi di Lampedusa already stated: “If we want things to stay as they are, things will have to change“.

Assume that this is true and the start and the finish are the same: rich people are generous. Then it’s only during the change that we have to go through the present situation where nothing’s too sacred for a few more cents. Can it be?

Sometimes I have my doubts that di Lampedusa says something true there.

Aristoteles +

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Einer Legende zufolge, deren Ursprung mir unbekannt ist, beging Aristoteles im Jahr 322 v. Chr. Selbstmord, indem er in die Euripus-Meerenge sprang, da sie das einzige Naturrätsel dargestellt hätte, das er nicht hätte lösen können.

Am Euripus, in Chalkis, der Hauptstadt der Insel Euböa, fließt der Meeresstrom mal in südliche, mal in nördliche Richtung. Damit sind gegenteilige Flut und Ebbe an der nord- sowie der südeuböischen Bucht verbunden. Das ist schon krass. Aber war Aristoteles so hysterisch, sich das Leben deswegen zu nehmen? Ich sage: ausgeschlossen! Die Behauptung allein, ausgerechnet auf Euböa wäre Aristoteles an die Grenzen seiner Fähigkeit gestoßen, Erklärungen anzubieten, zeugt von krankhaftem euböischem Stolz.

Trotzdem fotografierte ich die Spuren des berühmten Phänomens vor nicht langer Zeit vor meinem euböischen Grundstück.

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There is a legend, about whose origin I have no idea, according to which Aristotle committed suicide in the year 322 BC by jumping into the Euripus-strait where the stream changes directions causing high tide in the Northern Euboean bay when there is low tide in the Southern Euboean bay and vice versa.

That Aristotle did die in Euboea, is an established historical fact. But could he be so hysteric to commit suicide because of the only puzzle in nature which he, allegedly, was unable to resolve? I say: “no”.

It’s a peculiar Euboean pride to say that Aristotle failed only in reference to Euboea.

However, quite recently, I did take a picture of the phenomenon just in front of my property.