A day of cookery and bookery

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Die gibt es kaum mehr, die Leute, welche die Zeitgeschichte als eine Aneinanderreihung von bewaffneten Konflikten mit etwas Beziehungsdrama im Hintergrund auffassten. Die Sam Peckinpahs dieser Welt sind außer Mode geraten und gleichzeitig die Robert Bartletts auch. Will heißen solche Historiker, die menschliches Handeln als im wesentlichen eine blutige Sache darstellen. Auch in diesem Sinn war Apicius gestern im Klassenzimmer unser Klassiker: Die Linsen mit Kastanien und Garum mit viel Minze und Silphium, bereits vorgestern dem antiken Rezept nachgekocht, wurden als Znüni serviert, damit wir uns darüber austauschen können. Wenn es eine europäische Identität gibt, dann ist diese nicht nur an Gewaltexzessen entlang entstanden, sondern gleichzeitig mit einer außerordentlichen Neugier nach Exotischem. Zutaten wie Pfeffer aus Indien, Asafoetida aus Afghanistan (vor dem 1. Jh. n.Chr. echtes Silphium aus Libyen), Datteln aus Ägypten zu einer Zeit, als die Schifffahrt meistens nur bei achterlichem Wind wirklich funktionierte, unterstreichen einen europäischen Wesenszug bis zu unserer heutigen Zeit, in der “Gehen wir zum Blabla” – mit einem Ethnonym an Stelle von “Blabla” – nichts anderes bedeutet als: Gehen wir zu einer Gaststätte. Eben “zum Italiener”, “zum Thai”, “zum Afghanen”.

Zu Hause gab es ein schnelles Mittagessen (mit dem ganzen Apicius im Magen war es, falls es von Interesse sein sollte, nur wenig Sushi) und einen Mittagsschlaf, bevor ich mich auf Professor Nikos Psarros‘ Seminar vorbereitete, 700 Kilometer weit weg. Wie für viele Leute an vielen Unis ist es auch für ihn ein digitales Semester. Die Verbindung war gut, ich versuchte mich nicht ablenken zu lassen durch diesen penetranten Amselgesang vor Nikos’ Fenster in der Leipziger Innenstadt, wo der Referent – auch digital verbunden – ein Paper besprach, das ich vor fünf Jahren für diesen Band zu Philosophie der Zeit schrieb, den ich selber herausgab und Bas van Fraassen prologisierte.

Schöne Unterhaltung, irgendwann war’s aus, die Studierenden verabschiedeten sich und die Verbindung blieb ein paar Minuten noch bestehen, um Nichtakademisches zu besprechen, wo Nikos auf einmal sagte, dass er dieses Semester auch ein Seminar zu Philosophie und Geschmack leitet – nicht etwa im Sinne des interesselosen Wohlgefallens der Kunst, sondern vielmehr im Sinne des Geschmacks des Essens. Das Thema ist äußerst selten und, obwohl wir befreundet sind und die Nationalität und die Berufung und das In-Attika-aufgewachsen-sein gemeinsam haben, hatten wir uns bis dahin niemals darüber unterhalten. Auch darüber, dass ich vor Jahren etwas Vergleichbares in Erfurt angeboten habe, schweige ich meistens. Und fast hätte ich auch heute darüber geschwiegen, dass ich gestern Vormittag in Apicius’ exotischen Zutaten ein identitätsstiftendes Moment für Europa suchte.

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Those who understood history to be a succession of violent events and some drama between lovers in the background, a Sam-Peckinpah-like film script, do not exist anymore. The Sam Peckinpahs of this world are out of fashion. The Robert Bartletts too. Yesterday in class, having Apicius‘s lentils-with-chestnuts-and-garum-and-much-mince-and-silphium served as a snack to the students did not only serve to make them see this but also that curiosity about exoticism is a European identity-promoting momentum since antiquity. Ingredients like pepper from India, asafoetida from Afghanistan (in fact real silphium from Libya before the 1st c. AD) and dates from Egypt at a time when sailing was only possible when the wind came from astern, underline this until today in Europe: an era when going to the Blabla place – with an ethnonym instead of blabla – means going out for lunch.

Returning home I was barely able to have lunch after the Apicius stuff (only a bit of sushi, just for the history), took a nap and logged in for professor Nikos Psarros‘s class at the University of Leipzig, where a student presented a paper I wrote some five years ago for the volume on the philosophy of time which I edited myself and Bas van Fraassen wrote an introduction for.

The connection was good and the afternoon passed with me trying not to let a blackbird out of Nikos’s office five hundred miles away distract me from listening to someone further away who struggled to do justice of my words in the paper.

After everyone logged out Nikos was telling me that on Mondays he has a class on eating and philosophy for this (digital) spring term. The topic is very rare at a department of philosophy, additionally we’re friends, plus he’s from Attica and I’m from Attica and all the things common aaaaand I also had a class like this a few years ago in Erfurt without ever having told him! Add to this that, yesterday I had the Apicius dish served for my students in Basel. I suppose that this is already too much for the connection which I see between the history of ideas and food ingredients to remain tacit.

A small town in Germany

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John le Carrés Roman unter dem eher hämischen Titel, der auch meine heutige Überschrift ist, bezog sich auf Bonn, die damalige Bundeshauptstadt. Karlsruhe, der Sitz des Bundesverfassungsgerichts, hat ungefähr die Einwohnerzahl von Bonn – insofern…

Professor Peter Baduras Position, dass das Bundesverfassungsgericht die unsichtbare Linie zwischen Verfassungsschutz und nichtlegitimiertem Eingriff in das politische Geschäft überschreitet, dies gar für oppositionelle Zwecke lenkt, ist politisch einem Konservatismus zuzuordnen, in dem sich normalerweise eingebürgerte Neudeutsche wie der Verfasser dieser Zeilen nicht zurechtfinden. Wie zu oft aber fungierte nun das Bundesverfassungsgericht durch sein Urteil gegen die Corona-Anleihen wie eine elitäre Institution, die den im Grundgesetz geäußerten kollektiven Willen als etwas ganz anderes überinterpretiert denn die Summe aller individuellen Willensäußerungen. Genau genommen als das Gegenteil des intuitiven Rechts in einem Text aus den späten 40ern. Wie beim Kruzifix-Urteil. Und wie bei der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Mit anderen Worten sagt das Bundesverfassungsgericht: “O, Bürgerinnen und Bürger, eure Intuition von Recht und Unrecht, von solidarisch und unsolidarisch im Grundgesetz ist falsch. Ich verkünde euch somit, was die Idee dahinter schon immer und zeitlos war, ohne dass ihr es begreifen konntet. Wie denn auch…”

Was das Bundesverfassungsgericht versucht, das Ummodeln der Gesellschaft, hat die Aufklärung schon einmal vorgemacht. Allerdings weiß ich nicht, ob die von Voltaire, Rousseau, Lessing und Kant propagierte Modernisierung erfolgreich wäre, wenn diese Friedrich den Großen im Keller von Sanssouci eingekerkert hätten, um in seinem Namen Gesetze zu erlassen. Die Funktion des Volkstribuns ist eine andere als die des Censors. Das ist um so klarer in der heutigen Zeit, je mehr der deutsche Censor, das Bundesverfassungsgericht, sich als antieuropäischer Tribun forciert.

Einer der beliebtesten Verse des wohl umstrittensten Literaturnobelpreisträgers lautet: “Du brauchst nicht den Wetterdienst, um zu entscheiden, woher der Wind weht”.

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The spy novel A Small Town in Germany was meant to refer to Bonn, back then the federal capital. Bonn has the same population as Karlsruhe, the seat of the German Constitutional Court, which is what made me reinterpret John le Carré’s sarcasm.

If I’m sarcastic towards them, then they must have done wrong, you may think, the judges of the German Constitutional Court. Well, for a number of years, they have been doing things wrong. In a nutshell: they have been interpreting the collective will expressed in the German constitution to say something quite different than the sum of the individuals’ volition. If I were to paraphrase how it occurs to me, here’s the message: “Dear people, your fathers gave their will an expression after the war, and you think that the justice defined by their will would be the things intuitively understood to be just in our state. Well, often they are the opposite things”. This is a bite too big to swallow of course. How could one possibly interpret a text written in the late 40s to imply directly same-sex marriage or that crosses are not allowed in school classes? Well, this is what the German Constitutional Court has been doing. Now, they prohibit the Bundesbank to buy Corona bonds. This is not constitutional law any more rather than aprioristic metaphysics.

If I’m right in my arguments, the judges in Karlsruhe have been doing wrong. However, maybe I’m wrong. In every interpretation there is some margin of error, you may say, and it’s my opinion against theirs. And after all, they’re the experts, aren’t they?

Well, yes, but this is not my only issue after all. By seeing the German Constitutional Court to cross the line from interpreting law to enforcing oppositional policies (NB without a democratic legitimacy) I see myself accepting professor Badura’s criticism of the Court. A Badura-like conservative is not something you expected yourself to end up being if you’re a naturalised German. Otherwise, you don’t need a weatherman to tell which way the wind blows.

The German Constitutional Court will say, of course, that they are not weathermen rather than Germany’s present-day John Lockes. But since they also do politics (lacking a mandate) they are William of Orange at the same time. I don’t know if I would still read John Locke today if he had happened to be William of Orange. In ancient Rome, a censor couldn’t be a tribune of the plebs.

Helle leuchtet’s im ganzen Land / mit einem Zitat von Immanuel Kant

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“...Hospitalität (Wirtbarkeit) [bedeutet] das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann; so lange er aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, ihm nicht feindlich begegnen. Es ist kein Gastrecht, worauf dieser Anspruch machen kann (wozu ein besonderer wohltätiger Vertrag erfordert werden würde, ihn auf eine gewisse Zeit zum Hausgenossen zu machen), sondern ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht…”

Zum ewigen Frieden, AA VIII, S. 357-8.

(Die Gewährung eines Besuchsrechts erscheint um so erforderlicher, je klarer es ist, dass die Besucher nicht als Selbstzwecke behandelt, sondern lediglich als Mittel benutzt werden. Dabei nutzen manche von den Besuchern allerdings, wie man im untenstehenden Video sehen kann, Kinder lediglich als Mittel, was sie wohl vom Genuss des obengenannten Rechts disqualifizieren sollte. Manche Antinomien der praktischen Vernunft blieben anscheinend selbst Kant unbekannt. Wie dieser Fall moralischer Kasuistik auch immer beurteilt werden mag, sollte der Staat jedenfalls glaubwürdig den Standpunkt vertreten, dass das Besuchsrecht in kein Gastrecht verwandelt werden kann. Alles andere öffnet der Xenophobie Tür und Tor).

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[H]ospitality (a host’s conduct to his guest) means the right of a stranger not to be treated in a hostile manner by another upon his arrival on the other’s territory. If it can be done without causing his death, the stranger can be turned away, yet as long as the stranger behaves peacefully where he happens to be, his host may not treat him with hostility. It is not the right of a guest that the stranger has a claim to (which would require a special, charitable contract stipulating that he be made a member of the household for a certain period of time), but rather a right to visit, to which all human beings have a claim…”

Immanuel Kant, Towards Perpetual Peace, translated by David L. Colclasure, Yale University Press, New Haven and London, 2006, p. 82.

(Giving the right to visit appears even more imminent if you think that the prospective visitors are not treated as ends in themselves but rather as instruments alone. Some visitors use however children as instruments (see video above), which appears to disqualify them from the right to visit. As one sees, there are antinomies of practical reason which Kant failed to suspect. Anyway, politics should be able to persuade that the right to visit will not be rendered to a right as permanent guests. Anything else would give xenophobia an excuse).

It’s a kind of Grexit

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2020 wird das Brexit-Jahr sein. Boris Johnson ist es gelungen, am Beispiel von Fischereirechten und Umweltschutz, an dem bestimmte Lokalökonomien zugrunde zu gehen drohen, die Legitimität einer als Lobby-Treibhauses wahrgenommenen EU in den Augen des britischen Wählers zu untergraben.

Damit hat er ein Verständnis des Wesens der Politik bewiesen, das seinen routinierten Widersachern auf kontinentaler Seite nicht im Traum zuerkannt werden kann: In der Politik geht es um Autorität mehr als um faule Kompromisse, mehr um Streit als um Diplomatie, mehr um Achill und Agamemnon als um Habermas, mehr um Fairplay als um Buchhaltung.

Das Bedenken, wenn ein enthusiastischer, in Humanwissenschaften versierter Mensch statt der üblichen Buchhalter und Spießer an die Macht kommt, ist, dass er in den Kategorien: traditioneller Freund versus traditioneller Feind denkt. Man denke etwa an Helmut Kohl. Jedenfalls geht es bei solchen Leuten oft um ein traditionelles Politikverständnis. Dasjenige Johnsons ist ein griechisches. Explizit so, wie das nachfolgende Video dokumentiert.

https://youtu.be/mQKRAJTgEuo

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Boris Johnson’s understanding of politics is, as the video above documents, more Achilles versus Agamemnon than Habermas versus Popper. More about conflict than about compromise. More about authority than about horse trade. Whenever people with a profound knowledge of the classics or humanities in general come into power, the concern is that they will think in political categories like: traditional friend versus traditional enemy. Think for example of Helmut Kohl. The advantage is that they are visionaries – more anyway than any of the philistines and bookkeepers who surround them.

If it were for bookkeeping, 2020 would not be the Brexit year. The fact that it is after all, is owed among others to the other fact that Boris Johnson undermined EU’s legitimacy by demonstrating that it supports lobbyism. He did not need much to make the case for this: just a few stories about fisheries and Norwegians and measures that destroy existences today and promise to face environmental issues that will be acute in centuries from now. The way these and similar stories were exaggerated shows that politics is more about trust now than middle-term pecuniary considerations.

Or, to state it more poetically: the ethos of the “gennaioi” is more political than any numbers.

Betting Dodds or the sleep of reason

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In meiner Studizeit (in Athen musste ich genauso viele Philosophie-Semesterwochenstunden wie klassische Sprachen belegen) hasste ich Dodds’ berühmtes Buch Die Griechen und das Irrationale. Die nietzscheartige Analyse barg ein Religionsverständnis in sich, das für mich damals nicht charakteristisch altgriechisch war. Heute hasse ich das Buch nicht mehr. Damit ist nicht gesagt, dass ich es mag. Bloß behaupte ich im Sinne der Rational choice-Theorie, dass religiöses Verhalten rational ist, was die Hauptthese des Buches, die Griechen hätten sich mit ihrer Religion auf die Unvernunft bezogen, hinfällig macht, wenn ich und die Rational choice-Theorie nämlich Recht haben sollten. Es gibt nichts originär Unlogisches oder Widersprüchliches in Mysterien, Chimären und Gefühlsregungen. Für widersprüchliche Konsequenzen aus Geschichten mit solchen Elementen sind nicht diese Elemente verantwortlich zu machen. Wenn ein Wesen, das halb-Frau-halb-Vogel ist, den Täter eines Mordes quält, den ein lokaler Brauch verlangte, dann gibt es nichts Absurdes daran. Es gibt keinen formalen Widerspruch darin, halb-Frau-halb-Vogel zu sein. Es gibt auch keinen formalen Widerspruch, wenn zwei verschiedene Moralsysteme Gegensätzliches fordern. Ein formaler Widerspruch kommt erst dann zustande, wenn jemand behauptet, beim göttlichen und beim menschlichen Gesetz würde es sich um ein-und-denselben Codex von Gegensätzen handeln. Aber so etwas hat meines Erachtens nie ein griechischer Autor der Antike behauptet.

Ablehnung ist es nur noch, kein Hass, was ich Dodds’ Buch entgegenbringe. Lediglich ein kleines Flämmchen des alten Hasses glimmt noch, wenn mir Dodds’ museumspädagogische Ausgeburten begegnen. Siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches tut es nämlich weh, wenn es immer noch Kuratoren gibt, die alles auf Dodds’ These setzen, was es in einem Museum zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Letztens flackerte das kleine Feuer in mir vor Vitrinen mit grandiosen Exponaten. Der alte Reeder Nikos Goulandris hatte eindeutig ein besseres Gespür für antike Kunst als seine Epigonen für die Auswahl des Personals in seinem Museum für Kykladische Kunst. Sphinx, Greifen, Pan usw. finde ich viel weniger monströs als die dortigen Begleittexte, wonach jene das “Irrationale” darstellen würden. Wie ich immer wieder sage, verschandelt und bagatellisiert die in Griechenland praktizierte Museumspädagogik jedes Exponat.

Dazu eine Geschichte: Ende der Neunzigerjahre haben ein paar bayerische Molkereien die länger haltbare frische Milch lanciert. Ohne Zusatzstoffe. National und international war das neue Produkt ein Renner. In Griechenland verlangte aber der Gesetzgeber, dass egal wie lang ultrahocherhitzte Milch nicht als “frische Milch” in den Regalen stehen durfte und, als das weiterhin geschah, wurde jede länger als drei Tage haltbare “frische Milch” von den Supermärkten konfisziert. Als die deutsche Seite beteuerte, diese Milch sei nicht ultrahocherhitzt, verhöhnte die griechische Presse die widernatürliche bayerische “Superkuh”, deren Milch “frisch” war, aber von der Haltbarkeit her eher der H-Milch entsprach. Ein erstes Expertentreffen wurde vereinbart und ich – damals Doktorand in München und für jeden Pfennig froh – wurde als einer der Dolmetscher angeheuert. Im Treffen waren außer den üblichen Botschaftsattachés und IHK-Heinis Leute des griechischen Fremdenverkehrsamts dabei. Auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten komisch. Auf den dritten nicht mehr. Wo es Kühe gibt, gibt es auch Kuhhandel – und in diesem Fall sogar einen Superkuhhandel.

Nach zweitägigen Gesprächen hatten die Griechen versprochen, etwas für die widernatürliche Kuh zu tun, wenn die Gegenseite aufhörte, sich gegen die griechischen Fremdenführer zu beschweren. Quid pro quo. Es gab nämlich Beschwerden. Und ob es welche gab! Nicht gegen die Verwendung des Begriffs “irrational” durch die museumspädagogischen Fachkräfte – das nicht… Aber laut griechischer Gesetzgebung musste (und muss weiterhin), wer durch ein griechisches Museum führt (es geht dabei nicht einmal um den Berufsstand des Fremdenführers, sondern um den Akt des Erklärens vor einer Menschengruppe) Grieche sein. Das verstößt mit Sicherheit gegen die Freizügigkeit in der EU und eventuell gegen die Meinungsfreiheit. Nun war die deutsche Seite um Ersteres besorgt. Immerhin! Und sie hat ihre Sorge gegen die Lockerung der griechischen Haltung zur Superkuh eingetauscht. Quid pro Kuh. Mensch, so ein sympathisches Tier doch…

Ich war wie gesagt noch Doktorand und brauchte diese Menschen nicht, denn ich war bekanntlich für Höheres vorherbestimmt. Also lästerte ich in der Mittagspause über den griechischen Protektionismus, als Stephanos Tsochatzopoulos, Bruder eines notorischen sozialistischen Ministers und damals Leiter des Münchner Büros des Griechischen Fremdenverkehrsamtes, mich rügte, die Sache, welches Griechenlandbild die Touristen mitbekommen, sei doch von nationaler Bedeutung.

So hat die Politik einer militanten Zunft ein langes Wirken in den griechischen Museen ermöglicht; einer, die bereit ist, dich zu zerren und verbal anzugreifen, wenn sie dich in fremder Sprache vor Familie und Freunden – Gruppen! – etwas über Poseidons Frisur erklären hören. Vor einem Jahr passierte es einem Freund in Akropolis, vor zwei mir im Nationalen Archäologischen Museum.

Die usurpierte Deutungshoheit der Museumsexponate ist eine Sache. Die Deutung eine andere. Die Protegés des griechischen Staates deuten so: “Die Griechen hatten keine Mythen, sondern eine Mythologie, das heißt eine mythische Logik”. Oder: “Für uns heute sind Pegasus und Medusa irrational (sic). Die Griechen sahen das anders”. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor hieß es zu Goyas Zeiten, was aber damals nicht auf die Fähigkeit des griechischen Staates gemünzt wurde, abgefahrene Berufssparten zu erzeugen.

Da ich sehr scharfzüngig gegenüber Griechenland war, wobei die bayerischen Interessenvertretungen glimpflich davongekommen sind, möchte ich den letzten Schluck dieses etwas längeren Ristrettos nicht ohne eine tu quoque nehmen. Ich weiß, dass ich es nicht darf, dass es gemogelt ist, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen.

Der erste Französischlehrer meiner Kinder war ein Franzose, Staatsexamen Französisch. Absolviert in Paris. Er wollte halt’ in München leben. Irgendwas Privates, Freundin, Ehefrau…

Es war eine Privatschule. Privatschulen finanziert der Freistaat Bayern mit, was eine gute Sache ist. Es gibt daher auch Auflagen, was die Ausbildung der Lehrer dort anbetrifft. Ebenfalls eine feine Sache, würde ich sagen. Diese Ausbildung soll dem bayerischen Staatsexamen äquivalent sein. Ich wurde an der LMU promoviert, weiß also, dass die Qualität dort gut ist. Aber jetzt aufpassen, wie Qualitätssicherung interpretiert werden kann: “Für das erste bayerische Staatsexamen muss die Gleichwertigkeit sichergestellt werden. Wenn Sie z.B. in Paris eine Stunde weniger Spezialdidaktik hatten, muss in Bayern eine Lehrveranstaltung Spezialdidaktik mit einer oder mehr Semesterwochenstunden noch absolviert werden. Dann muss das Referendariat absolviert werden. Selbst dann ist die Übernahme davon abhängig, ob Ihr Fach ein Mangelfach ist”. Die Gefahr, den Kindern in Ismaning ein unbayerisches Französisch beizubringen hat ihn zu einem Unterstufen-Halbdeputat, wohlgemerkt an einer Privatschule, eingeschränkt. Dieser protektionistischen Hölle konnte ich im außereuropäischen Ausland der Confoederatio Helvetica entgehen.

Der Leser kann sich vorstellen, wie ich mich fühle – ein Bundesbürger doch – wenn ausgerechnet Markus Söder in der Rolle des Hoffnungsträgers der Konservativen stilisiert wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

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As a student (the philosophy degree in Athens required almost as much classics as it did philosophy) I hated Dodds’s famous book The Greeks and the Irrational. It shed a Nietzschean light on the Greek understanding of religion which, for me back then, was not distinctive of Greek culture. Today, after having encountered the rational choice theory, I claim that religion is a rational form of behaviour and I do not hate the book anymore. Rather, I take Greek rituals in it to be just ill-conceived. There is nothing generally illogical or contradictory in mysteries, chimaeras and emotion as such, at least not as long as they have no contradictory implications. There is nothing absurd in a half-woman-half-bird not letting you sleep if you committed a murder that the local custom required you to commit. There is no formal contradiction in being half woman and half bird and there is no formal contradiction between two different moral codes. Where there is a formal contradiction is when you happen to claim that the human and the divine are the same system of morals. I know of no Greek author who claimed this.

However, even if I can now identify my attitude to Dodds’s book as rejection rather than as hatred, I do hate to see museums place their bets on a 70 years old book. This can also happen in a museum whose collection is as remarkable and worth seeing as the Museum of Cycladic Art. The collection Goulandri-Horn on which the museum was based, is remarkable. But no tycoon is to blame for how museologists educated with Dodds interpret the exhibits they collected. What a monstrosity to say that the monsters of Greek culture and religion: Sphinx, Oedipus, Pan etc depict the “irrational”!

Museology in Greece is a vast assault to the art! I’ve already had the opportunity to opportunity to deplore nationalistic and provincial rhetoric in a Greek museum. But the reader of this post only needs to read the following story: in the late 90s the Bavarian dairies promoted the long lasting fresh milk without preservatives. Greek law demanded it not to be tagged as “fresh”, since it was (and remains) drinkable after two weeks. When the package continued to talk of “fresh milk”, the Greek state reacted by confiscating the product from the supermarkets, Greek officials mocking that the Bavarians obviously claimed to have invented the super cow. It was the time to bargain, but the trade pertained more to horses than to cows: the Greeks gave up their stance towards Bavarian fresh milk still drinkable after two weeks, demanding as a quid pro quo that only Greek citizens will be allowed to guide groups in Greek museums – obviously an assault against free movement in the EU, arguably also against the freedom of expression. I know about the quid pro quo because I happened to be one of the interpretors in the negotiations in Munich. I was still a PhD student, didn’t need them to hire me any more – I was going to become the most exalted professor of philosophy the world has ever seen, wasn’t I? – and in the midday break I referred ironically to Athens’s protectionism in favour of Greek tourist guides, for Stephanos Tsochatzopoulos, brother of a notorious socialist minister and back then director of the Munich bureau of the Greek National Tourism Organisation to reprimand: “Don’t be recalcitrant! The issue is of national importance”. For this issue of national importance politics created a group of militants acting in Greek museums who would drag you and attack you if they hear you using a foreign language in the museum towards the members of your family (a group of people, no doubt) since they do not recognise you as one of the ethnically conform people affiliated to the museum. Last year it happened to a friend in Acropolis, two years ago to me in the National Archaeological Museum.

Since ages Greek tourist guides have conducted the tourists saying deeply erudite stuff like “The Greeks had no mythical teachings, they had a mythology, that is a mythical logic”; or: “For us today it is irrational (sic) to have winged horses or snake-haired women, but the Greeks had no issues with the irrational”. The sleep of reason produces monsters claimed Goya ignorant of the potential of the sleep of reason to produce Greek tourist guides. In fact, ignorant of the ability of politics to create monsters in general.

Since I have been nastier to Greek than to Bavarian politics, let me finish with a tu quoque. I know, I am not allowed to, but I cannot resist. With the Greek policy in mind to allow only Greeks to guide groups in Greek museums think of the following story, the story of my kids’ first teacher of French: until four years ago, we have lived in Bavaria and he was, as I said, my daughters’ teacher of French. A native speaker of the language he was teaching, he had come to Bavaria from France where he had gained his teacher’s degree because of his wife. Something personal anyway… It was a private school alright, but the State of Bavaria co-finances private schools. And since it does so, it legally demands that holders of non-Bavarian teacher degrees – French, Greek, i.e. EU degrees, but also degrees of other German states – either have them acknowledged in Munich (“You had one hour weekly less special didactics in Paris, so you have to go to the university of Munich to re-sit for this, pass the exam there and then accept one year’s apprenticeship wherever we send you for 1.200 euros monthly and your colleagues there have to grade your efforts and then you will be hired only if Bavarian universities cannot cover the demand for your subject”) or accept a contract as a cover for small classes. Succumbing to the state’s scepticism towards French teachers who threaten to teach Bavarian kids an un-Bavarian French, he did the latter. We did something else: We locked the door of our house and said goodbye to it to come to Switzerland – NB, a non EU member.

This said, the reader can imagine how it feels seeing – of all people – the leader of the Bavarian Christian Social Union as the promising new candidate of Mrs Merkel’s party. But this is another story.

Radio gaga

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“Johnson wäre nicht Johnson, wenn er kein Verwirrspiel spielen würde” meinte die Stimme auf BR2 (“aktuell”), kurz nachdem ich aufgewacht war. Damit war der Akt des britischen Premiers gemeint, dem nach dem Letwin-Amendment verfassten Brief (“Brexit-Vertrag erst nach Eintritt der Gesetze ratifizieren, welche die Umsetzung des Vertrags garantieren”) ein Begleitschreiben anzufügen, worin er erklärt, warum ein Aufschieben des Brexits eine schlechte Idee sei.

Nun hatte ich zwischen 2003 und 2005 in der HR-Auslandsredaktion durchaus die Gelegenheit festzustellen, wie leicht die harmoniebedürftige Journalistenseele bei Unkonventionellem, auch Philosophischem aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Ich gebe ferner zu, dass Johnson gemäß der alten Unterscheidung (Kant, “Was heißt Aufklärung”) zwischen privatem (als Amtsinhaber) und öffentlichem Vernunftgebrauch (“meine Meinung unabhängig von meiner Position, Leute!”) den Brief ohne Begleitschreiben und dann einen diesem widersprechenden Artikel in den gestrigen Times hätte schreiben sollen. Hätte diese taktische Variante die Journalistenseelen weniger irritiert? Wohl kaum und zwar aus Gründen, die mit dem Stellenwert des Philosophieunterrichts in Deutschland zusammenhängen.

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“Unless there’s cheating going on, it’s not Johnson” said the man from the radio. What he meant by this was the British PM’s cover letter that accompanied the other letter he sent Donald Tusk and the EU according to the Letwin Amendment. The Letwin Amendment is about taking time to make the laws required first and then considering the Brexit deal, the cover letter is about not hesitating.

In the remote two years’ period I was co-producing the news in foreign languages for a state-owned radio station in Frankfurt, often, I had the opportunity to realise that unconventional or philosophical notions irritate a journalist more likely than other professionals. Since journalists have normally visited high school this speaks against the quality of the philosophy classes there. Furthermore, I do confess that I would find it tactically more Kantian of the British PM to write, instead of a cover letter, an article for yesterday’s London Times. This tactic would be more obviously in accordance with Kant’s request to do what the office makes one do (“private use of reason”) and to write what one’s conscience dictates (“public use of reason”). The contradiction, put forth in the aforementioned way, would irritate unphilosophical journalists not less with the result for them to ask – in essence – the British PM to be a zombie devoid of a free will.

Chanceless chancellors

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Seit Jahrzehnten können die Nationalstaaten weder eine Geld- noch eine Fiskalpolitik führen, die den Namen verdient. Sie sehen sich zum einen wegen der Globalisierung sowieso nicht mehr in der Lage, eine unabhängige Geldpolitik zu führen. Zum anderen drängen die Institutionen – die EZB, der IWF – welche eine wie auch immer geartete Geldpolitik gestalten können, gemäßigt in der Fiskalpolitik zu sein und zwar um der Geldpolitik Willen. Diesem Diktat leisten die Staaten auch Folge, da keine westliche Regierung Desinvestition und den Protest des relativ wohlhabenden Mittelstandes überleben kann, wenn dieser seine Jobs gefährdet sieht. Man kann mit dem Mittelstand tun, was man will, solange man ihn nicht dort verletzt, wo es ihm am meisten wehtut: in seinem Harmoniebedürfnis und dem Schutz seiner Privilegien.

Die Harmoniegefährdung androhend, wird jeder Global Player unsere Regierungen erpressen und die eine gegen die andere aufbringen, solange er Verbündete im Staat hat – und zwar keine korrupten Minister und Beamten, sondern breite Wählermassen, die ihres eigenen politischen Systems unwürdig sind. Bevor der Global Player woanders findet, wonach er sucht, soll er es hier finden.

Ja, es sind die Bundeskanzler der letzten Jahrzehnte, die aus dem europäischen Haus die alte imperiale Struktur von Zentrum und Peripherie herstellten. Gleichzeitig ist es unfair, ausgerechnet diejenigen der mangelnden Führungsqualitäten sowie des Unwillens, Europa zu reformieren, zu bezichtigen, deren Haupttugend in den Augen ihres Wahlvolkes die war, Spießer zu sein.

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Since the globalisation of economy, national states are unable to conduct independent monetary policies. Nor are they able to conduct independent fiscal policies since those (the ECB, the IMF) who are about to conduct the monetary policies instead of the national states oblige the latter to be modest for the sake of the monetary stability. And the states will be disciplined alright since no government can survive desinvestment and the resulting outcry of the relatively rich middle-class masses when they see their jobs threatened. Do what you want with them but do not question their need for harmony neither endanger them to have to change. Every global player would continue to blackmail our governments and to turn them one against another as long as their real ally is a vast mass of people unworthy of their own political system. “Keep them here”, they will say, “because someone will give them what they want – so let this someone be us”.

In a way, it is the German chancellors of the last decades who turned united Europe to the old imperial system of centre and periphery. At the same time, however, it is unfair to blame of lack of statesmanship and of unwillingness to unite Europe the ones who of all people got their chance in politics just because they were philistines.