Aristotle on slippery slopes – of Germany…

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Der Bundestag hatte gestern eine Grundsatzdiskussion über Euthanasie. Die Sorge der Ärzte dafür (und darum), einen gesetzlichen Rahmen zu haben, der ihnen erlaubt, ohne Papierkrieg Behandlungen zu terminieren, die mehr Schmerz zufügen als lindern, kann ich verstehen. Trotzdem wäre ich nicht bereit, einen Wandel in dieser Sache zu begrüßen.

Man will in Deutschland die Euthanasie einerseits bedingt zulassen, andererseits andeuten, dass die Euthanasie im allgemeinen Fall äußerst fragwürdig bleibt. Bereits mit der bedingten Zulassung der Euthanasie aber legte man der Öffentlichkeit nahe, Euthanasie wäre doch nicht dermaßen fragwürdig gewesen. Was gestern eine Schlussfolgerung aus einem bloß dialektischen Argument war, wird morgen leicht zu einem ersten Grundsatz, wusste bereits Aristoteles – jedenfalls nach der Interpretation von Gwilym Ellis Lane Owen und David Hamlyn.

Jede Euthanasie zieht Konsequenzen nach sich, die – wie soll ich’s anders ausdrücken? – zu unumkehrbar sind, um als Folge eines Dammbrucharguments, eines sogenannten slippery slope zu kommen. Wenn Euthanasie unter Einhaltung von Bedingungen erlaubt sein sollte, dann müsste sicherlich gewährleistet sein, dass die Euthanasie als solche umstritten bleibt, so dass die Gefahr außer Reichweite rückt, dass irgendeine Gruppe eine rutschige Talfahrt in die Unmenschlichkeit unternimmt und am Ende Gott spielt. Dammbruch-Argumente zeigen allerdings, dass wir davor gar nicht gefeit sein können.

Und es kommt noch schlimmer für die Befürworter der Euthanasie: je mehr man darüber reflektiert, desto überzeugter wird man, dass wahrscheinlich alle Argumente zugunsten irgendeiner Euthanasieart bestenfalls eristisch sind.

Sie können nicht dialektisch sein, da eine der beiden Hauptschulen der normativen Ethik, der Kantianismus, keinesfalls eine Begründung für eine Euthanasie liefern könnte. Da aber weder ein Aristoteliker noch ein Moraltheologe jemals für die Euthanasie plädieren würden, bleibt die Fürsprache für die Euthanasie Argumenten vorbehalten, die aus dem Lager des Konsequentialismus kommen. Aber selbst ein plumper Utilitarismus ist nicht in der Lage, eindeutig für die Euthanasie Partei zu nehmen. In diesem Zusammenhang möchte ich an den Fall Terri Schiavo erinnern. Euthanasie-Befürworter meinten, dass Terri Schiavo selber unfähig war, etwas zu spüren oder zu denken, was ihren eigenen Nutzen aus einer Fortsetzung der Lebenserhaltungsmaßnahmen gleich null machte, ihr Ehemann aber erneut heiraten wollte, was einen großen Nutzen für die Überlebenden bedeutete. Selbst unter solchen utilitaristischen Rahmenbedingungen setzte allerdings die Berechnung des Nutzens für die Beendigung der Lebenserhaltungsmaßnahmen von Terri Schiavo voraus, dass der Nutzen ihrer Eltern dabei, ihre Tochter am Leben zu wissen, in die Kalkulation nicht hatte eingehen sollen. Ich sehe nicht ein, wieso diese Selektion von Nutzwerten zulässig war. Hätte man aber nicht auf diese Art selektiert, dann wäre das Resultat der Kalkulation höchstwahrscheinlich gegen die Beendigung der Lebenserhaltungsmaßnahmen gewesen. Die Euthanasie in Schiavos Fall wurde nur auf der Grundlage eines eristischen, auf willkürlicher Selektion von Nutzwerten beruhenden Arguments durchgeführt.

Slippery slopes

The Bundestag discussed yesterday on euthanasia. I can understand the doctors‘ need for a legal backbone in order for them to terminate a life support which tortures instead of relievíng. At the same time, I don’t wish this backbone to be there. When you allow euthanasia, even if this is only under heavy restrictions, nodding thus that the general case for euthanasia is controversial, you get your general public used to the idea that euthanasia is not that controversial after all… What yesterday was only a conclusion of a defeasible argument, may become a first principle tomorrow – at least according to Aristotle’s interpretation by Gwilym Ellis Lane Owen and David Hamlyn.

The consequences of generalized euthanasia would be too horrible for us to close our eyes when we face this slippery-slope argument. If we want to avoid speeding down the slope; to avoid finding ourselves playing God, there must be a guarantee that the allowed cases of euthanasia must remain restricted and controversial. But slippery slopes show that there is no guarantee for this.

The more I reflect on the matter, the more I get persuaded that all arguments for euthanasia – even in the most „obvious“ cases – are in the best possible case eristic.

They cannot be dialectic because one of the two main schools of normative ethics, Kantianism, would see no justification for any kind of euthanasia. Since no moral theologian or Aristotelian would give you a refutation of Kantianism in this point either, the task to defend euthanasia is, therefore, left entirely to the antagonistic school: consequentialism. But consequentialism often does not succeed in this. Remember the Terri-Schiavo case. the proponents of euthanasia perceived it as a case in which Schiavo herself was unable to feel or think anything which meant no utility for her if her life continued, and a major utility for her husband who wanted to mary again if Terri’s life support stopped. But even if this vulgar utilitarian setting and the calculation of utilities is admitted, it presupposes an arbitrary selection of values. Or was there any reason why the happiness of Terri’s parents to know their daughter alive should not count as a value to be included in the calculation? As one sees, utilitarianism itself (and eo ipso consequentialism) does not deliver uncontroversial results even in the cases in which it should. Probably, every argument for euthanasia is eristic in the best case.

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Akrates

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Ein wichtiger Aspekt der normativen Ethik seit der Antike besteht darin, Willensschwäche, akrasia, zu analysieren. Der Willensschwache sieht auf einer abstrakten Ebene moralische Normen als gut an, aber seine Übereinstimmung mit der Moral lässt keine Taten folgen. Er weiß, dass Faulheit schlecht ist. Deshalb will er durchaus fleißig sein. Er kann sich aber beim Faulenzen nicht beherrschen.

Insofern ist die Willensschwäche ein moralisches Laster. Aber Moment! Gestern stolperte ich über einen Fall der Willensschwäche, an dem jede Analyse scheitert. Ich zitiere aus Markus Krischers Kinderhaus (München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 93-94) – einem Buch mit sowohl euphemistischem als auch realitätsgetreuem Titel: Es handelt sich u.a. um die Geschichte des Kinderhauses, einer Unterabteilung der psychiatrischen Klinik Eglfing-Haar bei München, in der behinderte Kinder während des NS-Regimes ermordet wurden. Das Zitat stammt aus einem persönlichen Brief des leitenden Oberarztes des Kinderhauses, Dr. Friedrich Hölzel, an seinen Direktor, der ihn gefragt hatte, ob er denn die Tötungen im Kinderhaus durchführen möchte:

So lebhaft ich in vielen Fällen den Wunsch hätte, den natürlichen Ablauf [d.h. die Tötungen – S.G.] verbessern zu können, so sehr widersteht es mir, dies als eine systematische Aufgabe nach kalter Überlegung und nach wissenschaftlich-sachlichen Richtlinien – nicht aus ärztlicher Nötigung den Kranken gegenüber auszuführen. […] Und so kommt es, dass ich zwar bei der [einem Todesurteil gleichkommenden – S.G.] Begutachtung volle Objektivität zu wahren glaube, mich aber doch als ärztlicher Betreuer den Kindern irgendwie gefühlsmäßig verbunden fühle, und ich glaube, dass dieser Gefühlskontakt vom Gesichtspunkte des nationalsozialistischen Arztes kein Mangel ist. Aber es hindert mich, die neue Aufgabe mit der bisherigen zu vereinigen.

Aus Sicht der gängigen Schulen der philosophisch begründeten Ethik, Tugendethik, ethics of moral sentiment, Kantianismus, Utilitarismus, gäbe es durchaus eine ethische Verurteilung gegen das Vorgehen dieses Arztes. Zwar hat er keine Todesspritzen verabreicht, aber seine Gutachten kamen solchen gleich. Der Umstand allerdings, dass er die Tötungen zwar theoretisch befürwortete, diese aber gefühlsmäßig nicht durchführen konnte, würden diese Schulen als ein entlastendes Element werten. Einerseits würden sie seine positive Einstellung gegenüber Kindertötungen als einen rein theoretischen Irrtum ansehen, der für die Ethik irrelevant ist, andererseits würden sie an seiner Weigerung, selber ein Mörder zu werden, eine ethische Haltung erkennen. Die philosophischen Ethikauffassungen haben bei ihrer Trennung zwischen Theoretischem und Praktischem Schwierigkeiten, die Liederlichkeit eines Menschen zu unterstreichen, der das Nichtausführen von Morden als einen Fall der Willensschwäche betrachtete.

Dieser Fall bestärkt mich in meiner Meinung, dass Elemente religiös motivierter Ethik einen Teil des Ethikunterrichts ausmachen müssen. Die Weltreligionen betrachten das Dafürhalten eines Menschen nicht als in theoretische und praktische Philosophie zerfallend, sondern als eine Einheit. Hölzel war aus religiöser Sicht eine zutiefst perverse Einheit, ob mit oder ohne Todesspritzen.

Haar Transport Jan 40

Since antiquity, it is an important aspect of normative ethics to analyse akrasia, weakness of the will. The akrates regards moral norms as good but his agreement with morality does not make him act morally. He knows that laziness is bad. This is why he wants to avoid it. However he cannot stand up and do something.

The weakness of the will is a moral deficiency. But like many other things, our analysis of it is of no use when we face cases of extraordinary perversion – cases which regularly are not found in philosophical books. The quote below, one from Markus Krischer’s book Kinderhaus (München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 93-94) is about such a case. The book with the euphemistic and historically faithful title („Childcare House“) is about the Munich childcare centre („Kinderhaus“) in which handicapped children were murdered during the Nazi regime. Dr. Friedrich Hölzel, the chief physician of the childcare centre writes to his director who asked him if he would give the handicapped children deadly injections in order for them not to be trasported for execution elsewhere:

Although my desire to help improve a natural process [i.e. the killing of the handicapped children – S.G.] is big, my aversion towards conducting this as a systematic task according to sober reasoning and scientific-objective criteria (without a medical need to treat the patients in this way) is no less. […] This is my explanation for the fact that I can be fully objective, I think, when I write a diagnosis [in effect a sentence to death for the handicapped children – S.G.] but I feel somehow emotionally bound with the children as their medical doctor. I think that this emotional contact is not a deficiency of mine as a National Socialist doctor. However it does stop me from combining my old task with the new.

The several philosophical schools of normative ethics, virtue ethics, the ethics of moral sentiment, Kantian ethics and utilitarianism would condemn Hölzel’s actions. He did not give any deadly injections but he did legalize the killings with his signature. However, they would probably see a mitigating circumstance in his denial to give the injections himself although on a theoretical level he supported the killings of the handicapped children. The philosophically motivated normative ethics divides between theoretical and practical reason. Consequently, philosophers would tend to see Hölzel’s theoretical support for the killings as a theoretical failure, one which is irrelevant for ethics, and they would see his denial to conduct the killings as a moral attitude. But according to this line of thinking, philosophers would fail to see something disgusting in Hölzel’s case: the inability to commit murders being considered as a case of akrasia.

This case makes me feel justified to regard religiously motivated ethics as an indispensable part of ethics at schools of the secondary level. The world religions do not divide our opinions into theoretical and practical. They see a human being as a whole. Hölzel was from a religious point of view a deeply perverse whole, whether he had given deadly injections or not.

Euthanasia

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Die etwa 20 Treffer der Datenbank Thesaurus Linguae Graecae, die die verschiedenen Flexionsformen des Terminus „euthanasia“ ergeben, können jeden sprachkundigen Leser überzeugen, dass dieser Begriff in der Ursprungssprache eng mit der eugeria, mit dem würdigen Altern also, eng zusammenhängt und den schmerzlosen natürlichen Tod bezeichnet. Die Archäologie bestätigt inzwischen, dass Platons (Republik 460 c) und Aristoteles‘ (Politik 1335b) Empfehlungen, nicht lebensfähige oder behinderte Kinder dem sicheren Tod zu überlassen, nicht bloß Hirngespinste im Kopf herzloser Philosophen waren. Allerdings wurde dieses Morden im alten Griechisch nicht als Euthanasie verharmlost.

Wir, meine Frau und ich, begannen am 8. November nach einem Artikel in der Süddeutschen über die möglich erscheinende Zulassung der Kinder-Euthanasie in Belgien, über die Euthanasie zu reden. Die Diskussion dauert bis heute an, weil ich lieber über Euthanasie als über meine Stimmung nach meinem abgelehnten Projekt rede – einem Fall der Dysthanasie. Meine Frau meinte, dass unser heutiger Euthanasie-Begriff keine Ähnlichkeit mit dem Euthanasie-Begriff der NS-Diktatur hat. Das sah ich anders. Die Ähnlichkeit ist die zweier eineiiger Zwillinge.

Eine Woche später kam sie aus einer Tagung über die Ermordung von Behinderten durch die Nazis nach Hause und legte mir das Faltblatt mit dem Tagungsprogramm vor. „Euthanasie“ steht dort in Anführungsstrichen. Auf die moralische und archivrechtliche Dimension der Frage, ob die Namen der damals Ermordeten veröffentlicht werden dürfen, oder ob ihre Familien zu Recht einer „Stigmatisierung“vorbeugend sich der Publikation eines Gedenkbuches erwehren dürfen, möchte ich hier nicht ausführlich eingehen. Ich finde solche Gefühle von Familienangehörigen eine bejammernswerte mittelbare Rechtfertigung der Morde. Ich finde den damit zusammenhängenden Intelligenz- und Effizienzkult nicht hinnehmbar.

Es ist wahr, heute sind die Menschen, die von den Nazis im Sinn von deren“Euthanasie“ ermordet wurden, keine Fälle für die Euthanasie. Da gibt es natürlich einen Unterschied zwischen Euthanasie heute und „Euthanasie“ damals. Aber die utilitaristische ultima ratio der Beseitigung einer angeblich entwürdigten Existenz bleibt dieselbe.

Noch schlimmer: Wenn die Euthanasie-Anhänger ihre utilitarischen Argumente gegen das Leben von Menschen vorbringen, die sich nicht verteidigen können, überlegen sie nicht, ob sie in ihren Kosten-Nutzen-Kalkül den Gesamtnutzen aus dem Fortbestehen eines Menschenlebens miteinbeziehen. Ich finde, vielzuoft vergessen sie nämlich das Glück Dritter am Leben der Euthanasie-Kandidaten mitzuberechnen.

Ich meine, dass der Fall Schiavo seinerzeit genau das zeigte: Dass die Kosten-Nutzen-Analyse für die Euthanasie selbst utilitaristischen Kriterien nicht genügt.

Es gibt vielleicht einen Unterschied zwischen Euthanasie und „Euthanasie“; einen winzig kleinen…

Euthanasie

In the entire history of the Greek language from the 8th c. BC to the 15th c. AD, there are no more than 20 occurences of the term“euthanasia“ in different flexion forms. I used the ultimative instrument to discover this, the data bank Thesaurus Linguae Graecae. What is more, is that these occurences very often associate euthanasia with eugeria, with getting older in dignity. Euthanasia means painless dying of a natural death. Archaeologists are today in the position to verify that Plato’s (Republic, 460 c) and Aristotle’s (Politics, 1335b) recommendations to expose newborns who were disabled or with no chances to survive weren’t just considerations in some philosophers‘ heads. This killing, however, didn’t bear the euphemistic name „euthanasia“.

I began talking about euthanasia with my wife on November 8th after an article in a German daily – an article which was sympathetic to a petition of 16 Belgian physicians to the government to allow the euthanasia of minors. The discussion continues until now because I prefer to talk about euthanasia than about my mood after the rejection of my project – which was a case of dysthanasia. My wife said that there is no resemblance between our notion of euthanasia today and the notion of euthanasia under the Nazis. I disagreed. The two notions resemble each other as much as two monozygotic twins.

One week later she came home from a conference on the murdering of disabled people by the Nazis and gave me the leaflet of the conference on which „euthanasia“ was written in quotes. I shall not enter into the details of the moral and legal topic concerning the question whether the names of the victims should be published or not – the latter in order to save the families the stigma of having had a member with the Down syndrom, for example. I find that being sensitive towards the feelings of the families in this respect mediately justifies the killing. To my mind, the cult of intelligence and efficiency which goes with feelings of this kind is not tolerable.

It’s true, today our euthanasia-candidates are not those whom the Nazis had in mind. Does this make a big difference between euthanasia and „euthanasia“? I don’t think so. The utilitarian ultima ratio behind the liquidation of lives which are allegedly deprived of dignity remains the same.

Much worse, when the supporters of euthanasia formulate utilitarian arguments against the life of human beings who cannot defend themselves they fail to calculate the entire utility involved in the continuation of this life. They constantly forget to calculate the happiness of the parents and friends of the euthanasia candidates if these stay alive. Like the Schiavo case demonstrated, the cost-benefit-assessment of euthanasia can fall too short even of the utilitarian moral standards.

Perhaps there is some difference between euthanasia and „euthanasia“; a minimal one…