Die Farbe Weiß und die Weisheit

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Folgende Stelle aus dem Klagelied des gerösteten Schwans aus dem Codex Latinus Monacensis 4660, 53v-54r (d.h. Carmina Burana, Nr. 130) ist dem Publikum aus Carl Orffs Komposition bekannt:

Olim lacus colueram,             Einst bewohnte ich die Seen,

olim pulcher exsisteram,       einst war ich schön,

dum cygnus ego fueram.       als ich ein Schwan war.

Miser! Miser!                           Wie unglücklich bin ich

Modo niger                              jetzt, da ich schwarz

Et ustus fortiter!                       und stark geröstet wurde!

 

Eram nive candidior,               Heller war ich als der Schnee,

quavis ave formosior;               feiner als jedweder Vogel;

modo sum corvo nigrior.           nun bin ich dunkler als eine Krähe.

Lehtonen (Fortuna, Money and the Sublunear World, Helsinki 1995, p. 19) meint, dass das Klagelied des gerösteten Schwans eine Parodie darstellt. Aber eine Parodie von was? Das einzige, woran ich denken kann, ist ein Paradebeispiel der traditionellen Logik: “Alle Schwäne sind weiß”. Dieser als allgemeine Prämisse oft benutzte Satz hat eine interessante Vorgeschichte. In der Topik 120b39-40 schreibt Aristoteles, dass die weiße Farbe Schwänen zwar notwendig zukommt, dass die Schwäne allerdings nicht ihrem innersten Wesen nach weiß sind. In der Ersten Analytik 38a32, sagt Aristoteles, dass ein Schwan zwingend (“ex anankes”) weiß ist, während ein weißer Mensch dagegen nur kontingenterweise weiß ist (“endechetai einai leukon”). Aristoteles denkt hier wohl an “Aithiopes” und “Indoi”, Beispiele, die auch sonst im corpus Aristotelicum vorkommen, während er natürlich nie einen australischen schwarzen Schwan gesehen hatte. Ich denke, dass wir es hier mit zwei verschiedenen Notwendigkeitsbegriffen bei Aristoteles zu tun haben. Es gibt die Notwendigkeit, die wahren allgemeinen Urteilen zukommt, die Notwendigkeit von empirischen Fakten ohne Ausnahmen etwa, und eine, die in einer Definition berücksichtigt wird. Menschen sind weder nach dem ersten noch nach dem zweiten Sinn von Notwendigkeit weiß. Schwäne aber, so behauptet jedenfalls Aristoteles, seien im ersten, nicht allerdings im zweiten Sinne weiß.

Der mittelalterliche Autor des Klagelieds des gerösteten Schwans verstand allerdings Aristoteles anders – d.h. wenn es überhaupt stimmt, dass er eine Parodie zum Paradebeispiel der traditionellen Logik “Alle Schwäne sind weiß” schrieb, den er unzählige Male gehört haben muss, als er das Trivium studierte. Der Dichter versteht die Notwendigkeit im ersten und im zweiten Sinn als ein-und-dasselbe und zieht aus dem notwendigen Zukommen von weißer Farbe die Konsequenz, der Schwan müsste per definitionem weiß sein. Ergo, ein gerösteter Schwan ist kein Schwan mehr, sondern er war ein Schwan („cygnus fuerat“). Das erinnert an den Trugschluss, der heute als “No true Scotsman” bekannt ist: Schmecke einem kein Scotch, so sei man kein Schotte, sagt der eingefleischte schottische Patriot. Und wenn doch derjenige, dem kein Scotch schmeckt, Angus McManus heißt und in Edinburgh wohnt? Dann sei er kein echter Schotte. “Schotte” wird umdefiniert, damit sich die Äußerung des eingefleischten schottischen Patrioten stets bestätigt. Ähnlich soll gelten: Ist der Vogel schwarz, dann ist er kein Schwan – jedenfalls kein echter. “Alle Schotten lieben Scotch” und “Alle Schwäne sind weiß” werden als analytische Wahrheiten genommen – von Aristoteles, so jedenfalls unser Dichter.

Zusätzlich deutet der Dichter an, Aristoteles würde keinen lebendigen schwarzen Schwan brauchen, um Weiß nicht als notwendige Eigenschaft von Schwänen zu betrachten. Ein gerösteter Schwan hätte genügt.

An das Klagelied des Schwanes dachte ich letztlich, als ich das Wochenende nicht sehr weit weg von Benediktbeuren verbrachte, wo der Codex Buranus wiederentdeckt wurde. Es hat geschneit und geschneit und geschneit. Schnee ist weiß und Weiß ist keine notwendige Eigenschaft von Schnee. Das liegt nicht daran, dass Weiß eine Farbe ist. Rot kommt dem Purpurfarbstoff notwendig zu. Im Gegensatz dazu ist es nun mal eine Tatsache, dass es nichtweißen Schnee gibt

Gibt es ihn wirklich? Das Alltagsdeutsch geht von einer anderen Vorstellung aus, wenn es für den verdreckten Schnee von “Matsch”, nicht von “Schnee” spricht. Und doch spricht es von “gelbem Schnee”. Inkonsequent das Ganze, aber es scheint wenigstens im Deutschen zu gelten, dass schwarzer Schnee kein echter Schnee ist.

Das Klagelied des gerösteten Schwans ist, wie man sieht, sehr interessant für experimentalphilosophische Gedanken, insbesondere wenn es im Zusammenhang mit “No true Scotsman” interpretiert wird.

Stimmt es zudem, dass der Dichter des Klagelieds Aristoteles, wie ich meine, auf eine bestimmte Art verstanden hat, dann hat diese Art, Aristoteles zu verstehen, interessante metaphysische Implikationen. Wenn sich etwas nicht ändert, dann sind alle seine Eigenschaften notwendige Eigenschaften. Notwendige Eigenschaften kommen allerdings per definitionem zu, so jedenfalls wenn die Aristoteles-Interpretation des Dichters stimmt. Aber wenn der Perdurantismus Recht hat, hat eine mereochronologische “Scheibe” von mir unveränderte Eigenschaften, ja nur unveränderte Eigenschaften, die mir dann alle per definitionem zukommen.

Da aber laut thomistischer Theologie nur Gott das Wesen mit nur notwendigen Eigenschaften ist, das Wesen, das nur seine Essenz ist, muss der Perdurantismus falsch sein.

Ich habe keine mereochronologischen Scheiben. Vielleicht die Schneeflocken. Ich jedenfalls nicht.

Schnee

Enough with scrolling

The following citation from the Codex Latinus Monacensis 4660, 53v-54r (i.e. Carmina Burana, Nr. 130), belongs to the short list of the Carmina put in music by Carl Orff. My translation is rather free:

Olim lacus colueram,             Once upon a time I dwelt the lakes,

olim pulcher exsisteram,       once upon a time a handsome mate,

dum cygnus ego fueram.       at the time when I was a swan.

Miser! Miser!                           Alas, unlucky me!

Modo niger                              Now I am black

Et ustus fortiter!                       and strongly roasted!

 

Eram nive candidior,               I was brighter than snow,

quavis ave formosior;               nicer than any other bird;

modo sum corvo nigrior.           now I am darker than a raven.

Lehtonen (Fortuna, Money and the Sublunear World, Helsinki 1995, p. 19) understands the lament of the swan as an ironic parody. But a parody of what? The only thing I can think of is the very common example of traditional logic: “All swans are white”, often taken to be a general premise of a syllogism. The statement has a famous prehistory. In the Topics 120b39-40 Aristotle thought that whiteness, though a necessary quality of swans, does not belong to the essence of a swan. In Prior Analytics 38a32, Aristotle says that a swan is white necessarily (“ex anankes”), contrasting this to a human being who is contingently white (“endechetai einai leukon”), obviously with respect to the fact that there are human beings who are “Aithiopes” and “Indoi” – examples that occur here and there in the Aristotelian corpus. I believe that Aristotle has two different concepts of necessity in mind. The one is a concept of necessity that has the power of true general statements, the other is the necessity of the essential properties of an organism. For human beings it is neither in the first nor in the second sense necessary to be white. For swans, it is necessary to be white in the first sense, so Aristotle thought since he had never seen an Australian black swan, not however in the second.

The medieval author of the poem of the roasted swan, however, did not understand Aristotle in this manner – that is, if I’m correct to think that he is parodising the sentence “All swans are white” known to him from his time as a student of the trivium. The poet makes fun of Aristotle as insinuating that a roasted swan would not be a swan any more („cygnus fuerat“), in virtue of having lost its whiteness. An anti-Aristotelian joker, the poet uses an instance of the modern “No true Scotsman” fallacy: if you don’t like Scotch you’re not a true Scotsman even if your name is Angus McManus and you live in Edinburgh. And if the bird is black, it’s not a true swan. In other words he understands Aristotle to say that not only it’s necessary for a swan to be white but it’s also essential to it. He understands Aristotle as employing the “No true Scotsman” fallacy and as saying in effect that “All swans are white” is analytically true – anachronistically speaking.

Of course, Aristotle didn’t have to see a living nonwhite swan to be persuaded that whiteness is not a necessary property of swans. A roasted swan would be enough for this. And this is, I think, a further innuendo of the poem.

I thought about this old story since I spent the weekend in Bavaria, not far from the Benediktbeuren Abbey where the Codex Buranus was rediscovered, and it was snowing and snowing and snowing all these days. Snow is white and white is not essential to snow – or so I think. I mean, red is essential to red nail polish. But white is not essential to swans or snow.

However, colloquial German tends to use the word “Matsch” (≈ mud) for stained or tainted snow instead of the standard term “Schnee”. It does use the equivalent of “yellow snow” though when it’s about the spot where a dog urinated on the snow. Not very consistent but it does entail that black snow is not snow.

But apart of being interesting as a starting point for experimental philosophy vis-à-vis the “No true Scotsman” fallacy, the poem has interesting metaphysical implications also. During the time something doesn’t change, if perdurantism is true and every mereochronological slice of this something is an entity, all the properties of this entity are necessary. And if the poet’s joke is more than only a joke, every necessary property is essential to its bearer. But according to scholastic theology, it’s God who has only essential properties.

Which means that either this cannot be an accurate definition of God or perdurantism is false.

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Ignoratio elenchi and Totis Phylakouris

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Fußball habe ich immer gern gesehen, allerdings niemals in einem Verein gespielt. Stattdessen spielte ich Wasserhandball. Obwohl ich nun stets Panathinaikos unterstützte – meine Mutter war hier einflussreicher als mein Vater, der mit AEK Athen sympathisierte – spielte ich Wasserhandball für ANO Glyphada.

Glyphada hatte ein sehr renommiertes Wasserhandball-Team, das gelegentlich griechischer Meister wurde und viel besser war als die entsprechende Abteilung von Panathinaikos. Abgesehen davon war mir der Gedanke, irgendwann mit Glyphada gegen Panathinaikos zu spielen, zuwider. Keine Sympathie für die Wasserhandball-Team von Panathinaikos war der Grund dafür. Eher meine Sympathie für die Fußballmannschaft von Panathinaikos.

Wenn ein Jugendlicher im Griechenland der 80er und der 90er Jahre ein Anhänger von Panathinaikos war, dann war das wahrscheinlich direkt oder indirekt durch das sogenannte “Wembley-Epos” bedingt, das heute vor genau 44 Jahren stattfand, als Panathinaikos im Finale der Europapokals der Landesmeister gegen Ajax Amsterdam spielte – der heutige entsprechende Wettbewerb heißt “Champions League”.

Es war der erste Europapokal für die legendäre Mannschaft mit Johan Cruyff und Arie Haan, die Panathinaikos mit zwei zu null bezwang.

Trotzdem ein großer Erfolg für das Team aus meiner Heimatstadt – was stets mein Argument gegen meine Wasserhandball-Mitspieler war, die ihre Überraschung äußerten, wie ich denn Panathinaikos unterstützte, nachdem ich durch und durch ein Glyphada-Boy war: dort im Verein, dort zur Schule, geschweige denn wohnhaft. Denn es war ein großer Erfolg, das Finale des Jahres 1971 zu erreichen und dann das Halbfinale in zwei weiteren Fällen: 1985 und 1996.

Sie konterten natürlich:

– Es ist doch weltweit bekannt, dass die Obristen-Junta die Jugoslawen bestochen hatte, damit Panathinaikos den Roten Stern Belgrad im Halbfinale des Jahres 1971 bezwingt.

– Ach was… Gerüchte!

Eines Abends trank ich Bier mit ein paar Freunden in “Sussex Inn”, einer unter Touristen sehr beliebten Kneipe in Glyphada. Jemand wunderte sich: “Das ist doch Totis Phylakouris, oder?” Er war’s, also haben wir ihn zu einem Bier eingeladen.

Totis war der Spieler mit der Nummer acht auf dem Rücken im legendären Spiel gegen Ajax Amsterdam. Trotzdem war es keine gute Idee, ihn zum Bier einzuladen, denn nach ein paar Gläsern kündigte er an, das Halbfinale-Rückspiel gegen die Belgrader sei “kein Fairplay gewesen”.

Meine Freunde, die keine Panathinaikos-Anhänger waren, freuten sich. Ich nehme an, dass diese Gefühle auch von griechischen Lesern dieses Blogs geteilt werden, die nicht meine Fußballklubpräferenzen haben.

Allerdings sind meine Leser Philosophen. Und Philosophen sollten wissen: die Tatsache – sollte es überhaupt eine Tatsache sein – dass die Obristen Tito bestachen, damit der Rote Stern verliert, annuliert nicht die Errungenschaft von verschiedenen Mannschaften des Klubs, ganze drei Mal an einem Champions-League-Halbfinale teilgenommen zu haben.

Glauben machen zu wollen, dass die – angenommen – unfaire Teilnahme von Panathinaikos am Finale des Jahres 1971 die Teilnahmen an drei Halbfinalen vergessen machen würde, ist ignoratio elenchi.

Ignoratio elenchi ist ein Fehlschluss, der im Englischen “red herring” heißt. Die Übereinstimmung der englischen Bezeichnung mit der Vereinsfarbe des Roten Stern Belgrad und von Ajax Amsterdam ist rein zufällig.

Nach dem englischen Text folgt etwas für Nostalgiker: das volle Video des Spiels!

ENOUGH WITH SCROLLING

Although I always liked football, I never played it in a club. I played water polo instead. And although I was a supporter of Panathinaikos – my mother being here more influential than my father who was an AEK Athens fan – I played water polo for ANO Glyphada.

Glyphada was a prestigious club in water polo: At times more prestigious than the water polo section of Panathinaikos and, indeed, a Greek champion in some cases. However, I didn’t like the idea of playing against Panathinaikos in some match. The reason wasn’t my sympathy for the Panathinaikos water polo team. It was rather my sympathy for the Panathinaikos football team.

The sympathy of a teenager in the eighties for the Panathinaikos football team originated at first in the so-called “Wembley epic”. It was 44 years ago today when this took place. Panathinaikos played at the European champions’ final (today we would call it the Champions’ League final) against Ajax Amsterdam.

It was the first European cup for the legendary Ajax team with Johan Cruyff and Arie Haan. Panathinaikos lost by two to nil. It was still a great success to reach the final, of course, and this was always my argument towards my co-players who expressed their surprise for my being still a Panathinaikos supporter despite so many years in Glyphada – playing water polo there, living there, going to school there. It was a great success to reach the 1971 final and the semi-finals in two cases: 1985 and 1996.

And, of course, their counter-argument was:

– But it’s known around the globe that the junta of the colonels bribed the Yugoslavs to make Panathinaikos beat Red Star Belgrade in the 1971 semi-finals.

– Rumours, rumours.

One evening, we, some friends and I, were drinking our beers – it must have been in the late nineties – at “Sussex Inn”: a Glyphada pub very popular among tourists. Someone said: “Isn’t this Totis Phylakouris”? That was him indeed, so we invited him for a beer.

Totis had been the player with the number eight on the back in the big game. And we shouldn’t have been paying him beers at this evening because after some beers he announced that the second leg against Red Star “hadn’t been fair play”.

The friends who weren’t supporters of Panathinaikos rejoiced as much as those Greeks among my readers who don’t like Panathinaikos will rejoice.

But my readers are philosophers. And philosophers should know: The fact – if it is a fact – that the colonels bribed Tito to make Red Star Belgrade lose in the semi-final does not annule the fact that Panathinaikos was three times in Champions League semi-finals. Pretending that the faulty participation of the team in the 1971 final makes the participations in three semi-finals forgotten is ignoratio elenchi.

Ignoratio elenchi is a fallacy which is called “red herring” in English. The resemblance of the English name with the colour of Red Star Belgrade and Ajax Amsterdam is coincidental.

For the end I have something for nostalgics: the full video of the match!

Deep truths: Is the real McCoy a true Scotsman? And how many Elvis fans can be wrong?

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Mit gültigen Argumenten erhöhen sich die Chancen, den Zuhörer zu gewinnen. Und da die Gültigkeit eines Arguments an der Befolgung formaler Regeln erkennbar ist, sind formale Regeln wichtig für die Überzeugungsarbeit. Wenn ich fünfzig Millionen Leser gehabt hätte, dann wäre ich ein erfolgreicher Blogger gewesen. Aber daraus folgt nicht, dass ich kein erfolgreicher Blogger bin, wenn ich keine fünfzig Millionen Leser habe. Es ist ein formaler Fehler, aus einer wahren Implikation diejenige Implikation abzuleiten, in der Antecedens und Consequens der ursprünglichen Implikation verneint sind. Formale Fehler rächen sich durch falsche Schlussfolgerungen. Ich kann mit viel weniger Lesern als fünfzig Millionen ein sehr erfolgreicher Blogger sein.

Wenn die formalen Voraussetzungen der Überzeugungsarbeit seit der aristotelischen Syllogistik begründet sind, gilt für die nicht minder wichtigen, informellen Voraussetzungen der Überzeugungsarbeit nicht dasselbe.

Die Bestätigung mit Bezug auf Autoritäten klingt oft wenig überzeugend: Fünfzig Millionen Leser machen einen zu einem erfolgreichen Blogger, aber sein Blog ist dadurch kein Bisschen besser. Ad hoc-Annahmen gelten als gemogelt. Ich darf keine unbestätigte Annahme einführen, nur um meine These gegen Kritik zu untermauern. Unterschwellig vorauszusetzen, was ich beweisen will, ist ebenfalls eine Mogeltaktik beim Argumentieren. Und ganz sicher ist es faul, meine Behauptung, kein Schotte würde Bourbon trinken, gegen ein Gegenbeispiel (“Angus McCoy trinkt Bourbon”) mit dem Gegenargument zu verteidigen, kein echter Schotte würde Bourbon trinken. McCoy wäre somit kein echter Schotte. Aber Gegenbeispiele darf man nicht durch eine Umdefinition diskreditieren.

Wissen, dass etwas gemogelt ist, ist eine Sache; begründen eine andere. Da es für unsere Ablehnung gegen confirmationes ad auctoritates, ad hoc-Argumente, petitio-Argumente, “kein echter Schotte”-Argumente keine formale Begründung gibt, kann es sein, dass solche Spielzüge andernorts nicht als Mogelspielzüge gelten. Man kann, meine ich, mit gutem Recht meinen, dass die informelle Logik im Gegensatz zur formalen Logik kulturell oder subkulturell bedingt ist.

Es gab diese Lehrerin, die mich für ein Projekt gewinnen wollte: nach antiken Rezepten kochen und zwar mit dem Urtext. Es klingt zwar interessant, aber mir schwebt etwas anderes vor: eine Lehreinheit Elvis. Musik-, Englisch- und Ethiklehrer gehen gemeinsam in die zehnte Klasse und erklären schräge Noten, schräge Sprache und schräge Logik. Alle drei schätze ich viel mehr, als meine Leser denken. Ob die Lehrer mitspielen, ist eine andere Frage. Einen Versuch ist’s wert.

Fifty million fans

There was this teacher who wanted to conduct a project with me: cooking with her students using recipes from the classical antiquity in the original languages. I didn’t say no but I don’t think that it’s the real McCoy. I have a counter-proposal: an English teacher, a music teacher and a philosophy teacher introduce 10-graders into cool sounding language, strangely sounding accords and unsound reasoning all inclusive with Elvis.

Sound reasoning is what we normally want to perform in order to persuade. Since validity, an important constraint of soundness, is dependent on formal rules, following formal rules increases your persuasiveness; formal rules like the following: If I had fifty million readers I would be a successful blogger. But this does not imply that I’m not a successful blogger if I don’t have fifty milliion readers. From an implication you cannot deduce another implication by just negating the antecedent and the consequent of the original implication. Formal mistakes revenge with errors: I can be a successful blogger with much less readers than fifty millions.

Formal logic is founded since Aristotle’s syllogistic. But informal logic is not. The moves which informal logic suggests are not formally justified.

Appeal to authority is eventually an incorrect move: Fifty million readers make you a successful blogger but they don’t make your blog better. Ad hoc-arguments based on assumptions  which are introduced without evidence just in order to save the theory are fallacious. Begging the question is cheating. And of course it is a foul to defend your claim that Scots never drink bourbon against a counter-example (“Angus McCoy does drink bourbon”) by saying that no true Scotsman would drink bourbon. This move redefines Scotsmen as people who don’t drink bourbon in order to discredit McCoy’s counter-example.

But since appeal to authority, ad hocness, begging the question and no-true-Scotsman arguments cannot be formally refuted, it’s possible that there are cultures and subcultures in which they are not regarded as fallacies. Elvis fans could be one of the subcultures in question. Normally, we don’t speak of “cultures” in this context – rather of “communicative ethos”. I’m wondering why…

The f-word should be “fallaciously”

flc 1

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I Fucking Love Science” ist eine großartige facebook-Seite mit amüsanten Aussagen, die allesamt was mit Wissenschaft zu tun haben. Sie sind immer verblüffend und manchmal irreführend – was zu entschuldigen ist, da sie ja amüsant sind. Zweimal irreführend in den letzten paar Stunden ist allerdings etwas zu oft irreführend.

Dass Kühe z.B. in den USA am Tod mehrerer Menschen schuld sind als Haie, dürfte stimmen. Aber daraus lässt sich nicht schließen, dass es wahrscheinlicher ist (“more likely”) von einer Kuh getötet zu werden als von einem Hai. Von jemandem getötet zu werden, ist etwas, was mit einem kausalen Verhältnis zu diesem jemanden zu tun hat. Unter der Bedingung, dass ein Hai überhaupt in der Gegend ist, wo ich schwimme, so dass ich mit ihm kausal interagieren könnte, ist es wohl um ein Vielfaches wahrscheinlicher, dass ich das mit meinem Leben bezahle, als dass ich unter einer Kuh verende unter der Bedingung, dass eine Kuh sich in meiner Nähe aufhält.

Faul scheint mir noch folgende Aussage aus derselben facebook-Seite zu sein:

flc 2

Wenn mit “physics” ein akademisches Fach gemeint ist, dann ist diese Aussage falsch. Eine Menge von Sätzen, die auch falsch sein können, können nicht der Grund sein, den der Satz vom zureichenden Grund angibt. Wenn aber mit “physics” ein physikalischer Vorgang gemeint ist, dann drückt diese Aussage einen unbegründeten Glauben aus.

I Fucking Love Science” is an awesome facebook-site with entertaining statements around science – always intriguing and sometimes confused. Confusion should be tolerated if it’s supposed to be entertaining. Two confused statements in the last couple of hours, however, is too much of confusion.

OK, cows kill more people than sharks every year in the USA. But can we infer from this that it is “more likely” to be killed by a cow than by a shark? Being killed by X has to do with a causal relationship to X. On the condition that a shark is near the place where I swim so that I can get involved in such a causal relationship, it is many times more likely that the shark will kill me than that a cow will kill me on the condition that she is near me.

Also the other statement from the same facebook-site appears to be fishy:

Everything happens for a reason and that reason is usually physics

If by “physics” we mean the set of sentences which our contemporary knowledge on nature consists of, then the statement is false. A set of sentences each of which might be false cannot be the reason for which things happen. If by “physics” we mean some natural procedure then the statement expresses an unsolicited belief. How are we supposed to know something like this?

Falácias adoráveis 2

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Hier ist die Lösung der Aufgabe im vorausgegangenen Eintrag:

Der Junge rennt am Anfang der Filmsequenz, da er meint, dass der andere Junge eilig ein Lied auf der Gitarre spielen soll, um die Sonne aufgehen zu lassen. ABER:

1. Er meint, dass der Umstand, dass die Sonne nach dem Samba de Orfeu aufgeht, bereits dafür spricht, dass der Samba den Sonnenaufgang verursacht – was ein klarer Fall des traditionsreichen Fehlschlusses: post hoc ergo propter hoc ist.

2. Aber es kann schließlich sein, dass die Sonne tatsächlich wegen der Musik aufging. In diesem Fall – im Fall also, dass die Musik tatsächlich den Sonnenaufgang verursachte – war keine Eile geboten. Egal wann die Gitarre bespielt worden wäre, wäre die Sonne erst danach aufgegangen.

Zugegebenermaßen wäre die Szene viel langweiliger ohne beide logischen Irrtümer.

Heute war der letzte Schultag in Bayern. Für diejenigen, die auch nach diesem einschneidenden Datum online bleiben, geht es in meinem nächsten Beitrag um Pädagogik und Schulreform.

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This is the solution of the riddle included in the last posting:

The boy in the beginning of the video runs to tell the other boy to hurry up, because he has to play the guitar to make the sun rise. BUT:

1) He thinks that a sunrise after the Samba de Orfeu is caused by the Samba de Orfeu – a clear instance of the traditional fallacy: post hoc ergo propter hoc.

2) Nevertheless, perhaps things like playing the guitar can really cause the sun to rise after all. In this case, however, there is no need for the boys to be in a hurry. The sun would rise always after the guitar would be played, whether this would happen now or later.

I have to admit that the scene would be much more boring without these fallacies.

Today was the last school day in Bavaria. My next article will be on education and school reform.

Falácias adoráveis

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Zwei gutgelaunte Kinder beim Sonnenaufgang ließen mich heute an die Schlussszene von Orfeu negro denken, einer brasilianisch-französischen Koproduktion aus dem Jahr 1959.

Zwei liebenswürdige logische Irrtümer gibt es in dieser Szene. Marcel Camus, der am Drehbuch zusammengearbeitet und Regie geführt hat, darf nicht mit seinem Zeitgenossen, dem Philosophen Albert Camus verwechselt werden.

Welche sind die Irrtümer?

Two daughters in high spirits during sunrise today made me think of the final scene of Orfeu negro, a Brazilian-French 1959-co-production.

Two adorable logical fallacies are to be found in there. Marcel Camus, the co-author of the scenario and film director, is not to be confused with his contemporary philosopher Albert Camus.

Which are the fallacies?