Forget Moore’s Paradox: here’s Greta’s solution

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Giorgos Chelakis, griechischer Sportjournalist ohne einen Anhauch philosophischer Bildung, wird mit den Worten zitiert: „Ich glaube gar nicht, was hier passierte, aber es passierte“. Verständlich, wenn man bedenkt, dass er diese Worte nach dem Sieg der griechischen Nationalelf im Spiel gegen Frankreich im Viertelfinale der EM 2004 gesagt haben soll. Verständlich und nichtwidersprüchlich natürlich, denn es widerspricht sich gar nicht, dass etwas der Fall ist und dass ich nicht glaube, dass es der Fall ist. G.E. Moore, der Vater der analytischen Philosophie, dachte allerdings, dass das paradox ist: Wie kann es sein, dass ich etwas behaupte, aber gar nicht daran glaube, was ich behaupte?

Nun könnt Ihr das mooresche Paradox vergessen, liebe Leser! Hier kommt Greta:

Papa, wenn ich wünsche, dass Island siegt, aber glaube, dass Frankreich siegt, dann bin ich kein so guter Island-Fan wie jemand, der wünscht und gleichzeitig glaubt, dass Island siegt, oder?

Greta ist 9 Jahre alt und weiß, dass in den natürlichen Sprachen alle Modalitäten (einschließlich der assertorischen) zusammenhängen. Das mooresche Problem wird als Paradoxie nur empfunden, wenn man den formalen und den informellen Kontext der betroffenen Aussagen durcheinanderbringt. Die dem informellen Kontext zugrunde liegende Intuition gab allerdings meine Tochter mit ihrer obengenannten rhetorischen Frage ganz klar zu erkennen!

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Giorgos Chelakis, a Greek sports commentator without any philosophical background, is quoted to have said after Greece’s win over France in Euro 2004: „I don’t believe what happened but it happened“. The statement expresses an odd disharmony between what the speaker considers to be the case and what he professes to believe but bears no formal contradiction, which makes it a case of Moore’s Paradox.

Now, forget Moore’s Paradox. Here’s Greta:

Tell me dad, when I wish Iceland to win but believe that France will win, then my support of Iceland is not as sincere as someone’s who wishes and believes that Iceland will win, isn’t it?

Greta is 9 years old and knows that in natural languages all modalities (and this would include assertoric sentences) are interconnected. This said, it’s clear that what we see as paradoxical in Moore’s Problem is our confusion of the formal and the informal context of the sentences involved. If you stick with the informal context that Greta took for granted in her rhetorical question, the paradox vanishes.

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Ignoratio elenchi and Totis Phylakouris

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Fußball habe ich immer gern gesehen, allerdings niemals in einem Verein gespielt. Stattdessen spielte ich Wasserhandball. Obwohl ich nun stets Panathinaikos unterstützte – meine Mutter war hier einflussreicher als mein Vater, der mit AEK Athen sympathisierte – spielte ich Wasserhandball für ANO Glyphada.

Glyphada hatte ein sehr renommiertes Wasserhandball-Team, das gelegentlich griechischer Meister wurde und viel besser war als die entsprechende Abteilung von Panathinaikos. Abgesehen davon war mir der Gedanke, irgendwann mit Glyphada gegen Panathinaikos zu spielen, zuwider. Keine Sympathie für die Wasserhandball-Team von Panathinaikos war der Grund dafür. Eher meine Sympathie für die Fußballmannschaft von Panathinaikos.

Wenn ein Jugendlicher im Griechenland der 80er und der 90er Jahre ein Anhänger von Panathinaikos war, dann war das wahrscheinlich direkt oder indirekt durch das sogenannte „Wembley-Epos“ bedingt, das heute vor genau 44 Jahren stattfand, als Panathinaikos im Finale der Europapokals der Landesmeister gegen Ajax Amsterdam spielte – der heutige entsprechende Wettbewerb heißt „Champions League“.

Es war der erste Europapokal für die legendäre Mannschaft mit Johan Cruyff und Arie Haan, die Panathinaikos mit zwei zu null bezwang.

Trotzdem ein großer Erfolg für das Team aus meiner Heimatstadt – was stets mein Argument gegen meine Wasserhandball-Mitspieler war, die ihre Überraschung äußerten, wie ich denn Panathinaikos unterstützte, nachdem ich durch und durch ein Glyphada-Boy war: dort im Verein, dort zur Schule, geschweige denn wohnhaft. Denn es war ein großer Erfolg, das Finale des Jahres 1971 zu erreichen und dann das Halbfinale in zwei weiteren Fällen: 1985 und 1996.

Sie konterten natürlich:

– Es ist doch weltweit bekannt, dass die Obristen-Junta die Jugoslawen bestochen hatte, damit Panathinaikos den Roten Stern Belgrad im Halbfinale des Jahres 1971 bezwingt.

– Ach was… Gerüchte!

Eines Abends trank ich Bier mit ein paar Freunden in „Sussex Inn“, einer unter Touristen sehr beliebten Kneipe in Glyphada. Jemand wunderte sich: „Das ist doch Totis Phylakouris, oder?“ Er war’s, also haben wir ihn zu einem Bier eingeladen.

Totis war der Spieler mit der Nummer acht auf dem Rücken im legendären Spiel gegen Ajax Amsterdam. Trotzdem war es keine gute Idee, ihn zum Bier einzuladen, denn nach ein paar Gläsern kündigte er an, das Halbfinale-Rückspiel gegen die Belgrader sei „kein Fairplay gewesen“.

Meine Freunde, die keine Panathinaikos-Anhänger waren, freuten sich. Ich nehme an, dass diese Gefühle auch von griechischen Lesern dieses Blogs geteilt werden, die nicht meine Fußballklubpräferenzen haben.

Allerdings sind meine Leser Philosophen. Und Philosophen sollten wissen: die Tatsache – sollte es überhaupt eine Tatsache sein – dass die Obristen Tito bestachen, damit der Rote Stern verliert, annuliert nicht die Errungenschaft von verschiedenen Mannschaften des Klubs, ganze drei Mal an einem Champions-League-Halbfinale teilgenommen zu haben.

Glauben machen zu wollen, dass die – angenommen – unfaire Teilnahme von Panathinaikos am Finale des Jahres 1971 die Teilnahmen an drei Halbfinalen vergessen machen würde, ist ignoratio elenchi.

Ignoratio elenchi ist ein Fehlschluss, der im Englischen „red herring“ heißt. Die Übereinstimmung der englischen Bezeichnung mit der Vereinsfarbe des Roten Stern Belgrad und von Ajax Amsterdam ist rein zufällig.

Nach dem englischen Text folgt etwas für Nostalgiker: das volle Video des Spiels!

ENOUGH WITH SCROLLING

Although I always liked football, I never played it in a club. I played water polo instead. And although I was a supporter of Panathinaikos – my mother being here more influential than my father who was an AEK Athens fan – I played water polo for ANO Glyphada.

Glyphada was a prestigious club in water polo: At times more prestigious than the water polo section of Panathinaikos and, indeed, a Greek champion in some cases. However, I didn’t like the idea of playing against Panathinaikos in some match. The reason wasn’t my sympathy for the Panathinaikos water polo team. It was rather my sympathy for the Panathinaikos football team.

The sympathy of a teenager in the eighties for the Panathinaikos football team originated at first in the so-called „Wembley epic“. It was 44 years ago today when this took place. Panathinaikos played at the European champions‘ final (today we would call it the Champions‘ League final) against Ajax Amsterdam.

It was the first European cup for the legendary Ajax team with Johan Cruyff and Arie Haan. Panathinaikos lost by two to nil. It was still a great success to reach the final, of course, and this was always my argument towards my co-players who expressed their surprise for my being still a Panathinaikos supporter despite so many years in Glyphada – playing water polo there, living there, going to school there. It was a great success to reach the 1971 final and the semi-finals in two cases: 1985 and 1996.

And, of course, their counter-argument was:

– But it’s known around the globe that the junta of the colonels bribed the Yugoslavs to make Panathinaikos beat Red Star Belgrade in the 1971 semi-finals.

– Rumours, rumours.

One evening, we, some friends and I, were drinking our beers – it must have been in the late nineties – at „Sussex Inn“: a Glyphada pub very popular among tourists. Someone said: „Isn’t this Totis Phylakouris“? That was him indeed, so we invited him for a beer.

Totis had been the player with the number eight on the back in the big game. And we shouldn’t have been paying him beers at this evening because after some beers he announced that the second leg against Red Star „hadn’t been fair play“.

The friends who weren’t supporters of Panathinaikos rejoiced as much as those Greeks among my readers who don’t like Panathinaikos will rejoice.

But my readers are philosophers. And philosophers should know: The fact – if it is a fact – that the colonels bribed Tito to make Red Star Belgrade lose in the semi-final does not annule the fact that Panathinaikos was three times in Champions League semi-finals. Pretending that the faulty participation of the team in the 1971 final makes the participations in three semi-finals forgotten is ignoratio elenchi.

Ignoratio elenchi is a fallacy which is called „red herring“ in English. The resemblance of the English name with the colour of Red Star Belgrade and Ajax Amsterdam is coincidental.

For the end I have something for nostalgics: the full video of the match!

Langue à l’antique

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Es gibt bestimmte grammatikalische und syntaktische Strukturen, die Rückschlüsse darauf bieten, in welchem Jahrhundert der Sprecher am besten leben möchte. Dativendungen auf -e und die Verwendung des Genitivs sind z.B. bezeichnend für eine traditionalistische Gesinnung.

Aber auch auf der Ebene des Stils kann man Ideologisches erkennen: Nominalstil verbinde ich mit der Moderne, mit Bürokratie, mit unpersönlichem, effizienzorientiertem Handeln. Folgendes, von Christian Bergmann (Die Sprache der Stasi, Göttingen 1999, 90) zitiertes Beispiel spricht Bände:

Bei der Führungs- und Leitungstätigkeit zur Qualifizierung der Entwicklung und Bearbeitung operativer Vorgänge … sind die Festlegungen über die Gewährleistung von Konspiration und Geheimhaltung konsequent durchzusetzen.

Im Verbalstil wirkt dagegen dieselbe Anordnung traditionell, mittelalterlich, kirchlich, fast persönlich, zart und naiv:

Wenn wir führen und leiten, um operative Vorgänge aufs Beste zu entwickeln und zu bearbeiten, … müssen wir alles, was wir festlegten, um zu gewährleisten, dass wir konspirativ sind und unser Handeln geheim halten, konsequent durchsetzen.

Sportjournalisten benutzen Fremdwörter und Neologismen, reden an der Hochsprache vorbei, verschandeln manchmal Grammatik und Syntax des Deutschen, wollen personen- und nicht effizienzorientiert wirken. Letzteres erreichen sie mit einem Verbalstil, der zusätzlich mit vielen Metaphern angereichert wird, auch mit Metaphern, die klischeehaft benutzt werden – was sehr untypisch für eine Metapher ist.

Das Fußballdeutsch ist traditionalistisch und möchtegern-poetisch.

Langue

In German grammar and syntax there are structures which show in which century the speaker would prefer to live. Imagine a speaker of English who speaks like one is supposed to write to get the idea. Dative forms ending with an -e und and the usage of the genitive in the spoken language would be two examples which indicate a traditionalist mind set.

Tacit ideological constraints can be discovered in the stilistic dichotomy between nominal and verbal style. I associate the former with modernity, bureaucracy and an emphasis to impersonal efficiency. I translate a passage which stems from the archives of the East German state security (quoted by Christian Bergmann, Die Sprache der Stasi, Göttingen 1999, 90):

Actions of direction and guidance to guarantee the development and further elaboration of operative processes … involve the consistent implementation of the guidelines which guarentee the conspirative and secret character of these processes.

Once „translated“ into the verbal style, the same passage sounds old-fashioned, medieval, church-like, almost personal, smooth and naive:

When we act in order to direct and guide so to guarantee that operative processes can be developed and further elaborated … we take care to implement consistently the guidelines which guarantee that these processes may remain conspirative and secret.

German sportcasters use many loanwords and neologisms, they never use the standard German, they even maltreat the German grammar and syntax, finally they want to sound caring, not efficiency oriented. They achieve this last point with the help of a verbal style and many metaphors, also with metaphors which are clichés – a very untypical thing for a metaphor to be.

Football German is a language which, despite linguistic level, sounds traditionalistic. And one which, because of linguistic deviations, sounds wannabe poetic.