Tell justice from injustice

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Wilhelm Tell ist par excellence das Beispiel schweizerischer Historiker dafür, dass Geschichte von Legendenbildung unterschieden werden soll. Dürrenmatt (Schweizer Geschichte, Zürich 1963, S. 28-9) widmet der geschichtsträchtigen aber mythischen Episode geradezu ein Vierhundertstel seines Opus Magnum. Reinhardt (Geschichte der Schweiz, München 2006, S. 6-10) zwar mehr, allerdings zum Thema Schiller und Tell-Legende.

Die Tell-Legende ist trotzdem lehrreich und geschichtsträchtig und zeugt von einer Absage an den Utilitarismus auf der moralischen Ebene – von einer, die ich mit gutem Recht, wie ich denke, als in den Grundfesten der Eidgenossenschaft eingeschrieben betrachte. Wenn ich mit dieser Behauptung Recht habe, steht dem Staatsgründungsmythos der Schweiz (die Verwendung des Wortes „Mythos“ möchte ich hier nicht wertend verstanden wissen) der Utilitarismus fern.

Gessler, der Landvogt und Strohmann der Habsburger, so steht es geschrieben und so wurde es gesungen, stellt den freiheitsliebenden Wilhelm Tell vor die Wahl, entweder bei der Hinrichtung seines Buben zuzusehen, oder wenigstens zu versuchen, einen Apfel auf dem Kopf des Kindes mit einem Pfeil zu treffen. Trifft Wilhelm, so wird das Kind befreit. Trifft er nicht, dann entweder tötet er sein Kind, das aber ohnehin hingerichtet worden wäre, allerdings im rühmlichen Versuch, es zu retten, oder er tötet es nicht und es wird vom Habsburger hingerichtet.

Es kann, denke ich, schwer eine spieltheoretische Analyse des Falls gemacht werden, bei der das Schießen auf den Apfel auf dem Kindeskopf kein Nash-Gleichgewicht des Spiels wäre. Denn egal was passiert: Wenn Wilhelm Tell schießt, bereut er keine Alternative (hätte er nicht geschossen, wäre das Kind sowieso ermordet) und für den Landvogt wird es wohl einen Unterschied gemacht haben, ob der aufmüpfige Schweizer auf sein Angebot eingeht oder nicht – sonst hätte er das Angebot von Anfang an nicht gemacht.

Aber warum wird dann in der Legende gerade dieses Angebot des Landvogts als unerhört, unmoralisch, niederträchtig hingestellt? Wäre es etwa besser, wenn der Landvogt das Kind sofort getötet hätte?

Die einzige mir jedenfalls plausibel erscheinende Antwort ist, dass es bei den in der Legende impliziten Vorstellungen nicht um spieltheoretische Optima geht. Die Schweiz, vielleicht jeder Staat, dessen Staatsgründung auf einen Freiheitskampf zurückgeht, entstand nicht auf der Grundlage von Kosten-Nutzen denken, sondern von einem nichtutilitaristischen Gerechtigkeitsverständnis her.


Enough with scrolling

Experts of Swiss history fear probably nothing more than giving the impression that they see William Tell as part of their job. Their discussion of the legend is always short, always with a big, red, fluorescent „CAUTION, YOU LEAVE THE REALM OF HISTORY“.

Such a pity… The story of the evil sheriff who represented the house of Habsburg and captured Tell’s son to announce to kill him unless the boy’s father, a freedom-loving enemy of the Habsburgs, would hit an apple with an arrow, NB an apple on top of the boy’s head, is a game-theoretical scenario that shows…

…well, more than the whole rest of the Swiss history – an interesting one – has to show.

I believe that shooting at the apple on the boy’s head is the Nash-equilibrium of every adequate game-theoretical reconstruction of the William-Tell story. It wouldn’t be rational for the father to regret not opting for any of the alternatives since these alternatives imply his boy’s death with absolute certainty while shooting at the apple provides at least some chances of survival. And for the sheriff it must make a difference to know that Tell accepts the challenge. Otherwise, why should he offer it?

But if this is so, i.e. if taking the sheriff’s offer is the rational-choice optimum, why is this very offer according to the traditional interpretation of the legend, considered to be immoral?

I have only one explanation for this: the story and with it the predominant understanding of justice in probably every state whose raison d‘ être is the struggle for freedom, is not utilitarian.

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Telling rationality gaps from irrationality

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Dass die Spieltheorie für den Verlauf der Verhandlungen zur Vermeidung eines Staatsbankrotts Griechenlands maßgeblich wäre, wird mit Hinweis auf den griechischen Finanzminister, der über Spieltheorie publizierte und lehrte, in der letzten Zeit behauptet. Nach dem Unfalltod von John Forbes Nash Jr. wird das noch öfter behauptet, nachdem ein paar Journalisten feststellten, dass Nash auf Einladung des besagten Ministers einen Ehrendoktorgrad der Universität Athen erhalten hatte. Das zeugt von keiner souveränen Beherrschung der Thematik.

Wenn es nach der Spieltheorie geht, so würden die Geldgeber grob gesehen die langfristige Finanzierung eines unzuverlässigen Partners bereuen und ergo nicht präferieren, Griechenland würde ebenfalls seine Anpassung an ein Wirtschaftssystem bereuen, von dem es seit den 80ern entfernt liegt. D.h. Nichtstun und der darauffolgende Grexit wären die beste Strategie.

Wenn überhaupt von etwas, so zeugt der Lauf der Verhandlungen von der Überzeugung des griechischen Finanzministers, dass eine irrationale Entscheidung gelegentlich die beste Strategie darstellt.

Die Ausweisung der Irrationalität als bester Strategie liegt mir fern. Ja, es stimmt, seit gestern ist mein Aufsatz in History and Philosophy of Logic über Rationalitätslücken als die besten Strategien online – für die gedruckte Version muss sich der interessierte Leser etwas gedulden.

Aber Rationalitätslücken sind erstens etwas anderes als Irrationalität. Rationalitätslücken stellen Fälle dar, in denen nicht determiniert werden kann, was rational und was irrational ist. Im Fall der Irrationalität ist es dagegen durchaus determiniert, was irrational ist. Zweitens kommen Rationalitätslücken in sehr wenigen, selbstreferentiellen Spielen vor, irrationale Züge gibt es dagegen in jedem Spiel. Drittens respektiert die Rationalitätslücke die Spielregeln, während irrational spielen auch heißen kann: mit sich beliebig ändernden Regeln spielen – also kein bestimmtes, identifizierbares Spiel spielen. Ich bin der Meinung, dass Rationalitätslücken in den Anwendungen der Spieltheorie auf religiöse Konversion und auf religiösen Dialog nicht vorkommen. Dass sie in der Ökonomie vorkommen, schließe ich nicht aus. Wenn alle Anleger z.B. ihr Geld nach dem Prinzip anlegen: „Ich tue, was die anderen tun“, dann sind Selbstreferentialität und Rationalitätslücken gegeben. Aber noch lange keine Irrationalität.

Es kann sein, dass die griechische Krise auf irrationale Art gelöst wird. Daran wird aber nicht die Spieltheorie schuld sein.

Calvin Hobbes Monopoly

Like European politics, Calvin’s and Hobbes’s Monopoly fails to be a game. Games are defined as sets of rules which enable winning strategies. Games whose rules are constantly and arbitrarily changing fail to be sets of rules and do anything but enable winning strategies.

The present Greek minister of finance might still consider something like this a game. He is a heretic in game theory and thinks that there are irrational decisions which are winning strategies.

Recently, John Forbes Nash Jr. was deadly injured in a car accident. This made journalists discover that the Greek minister had been Nash’s host when the latter was offered the honorary doctor degree of the University of Athens. That was it: game theory was supposed to be relevant for European politics.

This is not very smart. Game theory would not explain why the Eurozone finances a partner they consider to be unreliable. And it does not explain why Greece would promise to reform its economy to a direction which the country has left since the 80s. If anything, irrationality as the best strategy is what Yanis Varoufakis wants to implement. This is what he always believed in, this is what he still believes.

To my ears, this is noise. It’s true, my paper in History and Philosophy of Logic on rationality gaps as the best strategy in games is online  since yesterday – you have to be a bit patient for the printed edition. However, rationality gaps are not irrationality. In rationality gaps it cannot be determined what is rational and what is irrational. Irrationality, however, is fully determined as such when it is the case. Rationality gaps emerge in very few cases in self-referential games. But you get irrational strategies in every game. Rationality gaps always respect the rules of the game. By contrast, playing irrationally can be playing with rules which constantly change and eo ipso it’s stricto sensu not playing.

Rationality gaps are not only rare. They fail to be the case in the applications of game theory in religious conversion and religious dialogue. Perhaps they do occur in economy – I can grant this. If all the investors act according to the principle: „I do only what all the others do“ self-referentiality and a rationality gap are there. However, this is not to say that irrationality is there.

I’m not quite sure that the Greek crisis will not be resolved by means of an irrational decision. But game theory will not be to blame for this.

Religious hatred as a decision-theoretical problem

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Entscheidungstheoretisch aufgeklärte Religionswissenschaftler weisen manchmal darauf hin, dass Hassprediger in einer dem Gefangenendilemma ähnlichen Situation stecken. Der Hassprediger A befürchte, dass der Hassprediger B antagonistisch wäre und die gesamte Zielgruppe in seinem Sinn radikalisieren würde, falls sich A kooperativ geben würde. Um dieser „Gefahr“ vorzubeugen üben sich beide, A und B, in rituellem Hass um die Wette – d.h. sie spielen nichtkooperativ, selbst wenn sie wissen, mehr für ihr Publikum gewinnen zu können, sollten sie sich versöhnlich geben, d.h. sollten sie kooperieren.

Nachdem er darauf hingewiesen hat, schlägt der entscheidungstheoretisch aufgeklärte Religionswissenschaftler vor, Absprachen zwischen den Predigern und ihren Herden, aber auch zwischen Gläubigen und „Ungläbigen“ zu ermöglichen. Tatsächlich stellt die Möglichkeit einer Absprache spieltheoretisch einen Weg aus dem Gefangenendilemma heraus. „Lasst die Leute zueinander kommen, Vorurteile abbauen, die gemeinsamen Interessen feststellen“ lautet die Devise zu einem kooperativen Spielverlauf, weitab vom Gefangenendilemma und der damit zusammenhängenden lauernden Radikalisierung der Prediger und der verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Was dabei übersehen wird, ist, dass sich Vorurteile nicht einfach durch Zusammenkommen abbauen lassen. Spieltheoretisch ausgedrückt lässt sich keine kooperative Spieltaktik durch das Ermöglichen von Absprachen durchsetzen. Die Absprachen müssen auch noch erfolgreich sein und dazu müssen sich die Spieler überwinden.

Dieter Frey, mein Professor im Fach Sozialpsychologie an der LMU München, erwähnte das Projekt der Stadt Bremen, Neonazis zum Abbau von Vorurteilen einen Türkei-Urlaub zu finanzieren. Das Meer, die Zypressen, der blaue Himmel, all das gaben die Projektteilnehmer nach der Beendigung der Maßnahme an, positiv in Erinnerung zu behalten – so Freys Bericht damals in der Pause einer Seminarssitzung zum Thema Stereotype. Aber was die Leute im schönen Land anging, darüber sollen sich die wilden Jungs einig gewesen sein, die seien schlimmer als erwartet gewesen. Intergroup contact trage, so Frey damals, nicht zur Beilegung von Vorurteilen bei. Was der Sozialpsychologe anhand von empirischen Daten studiert hat, weiß der Hassprediger intuitiv: verwandelt er sich in eine Friedenstaube, dann verliert er seine Anhänger an die Konkurenz.

Trotzdem habe ich ausgerechnet im geschilderten Komplex Grund zum Optimismus. Im Gegensatz zum Spieltheoretiker beschäftigt sich der Religionswissenschaftler durchaus mit dem Inhalt der Glaubenssysteme von Hasspredigern. Der Religionswissenschaftler weiß also, ob das Glaubenssystem des Hasspredigers eines ist, das Liebe groß schreibt oder nicht. Aber ein Hassprediger eines im Wesentlichen Liebe predigenden Glaubenssystems generiert kognitive Dissonanz und hat langfristig keine großen Chancen, sein Publikum zu behalten.

Fazit: Der Spieltheoretiker und der Sozialpsychologe sind Pessimisten, die den Optimismus des Religionswissenschaftlers auf Naivität zurückführen. Der spieltheoretisch informierte Religionswissenschaftler muss passen. Der sozialpsychologisch aufgeklärte Sozialwissenschaftler kann sich allerdings rühmen, ein Optimist ohne naiveté zu sein.

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Religious studies, insofar as they are informed by decision theory, see radical religious officials involved in a situation akin to the prisoner’s dilemma. Each of them is concerned that the next will be antagonistic if he would favour a more conciliatory tactic. Since, if this is true, the group would be radicalized anyway, the official has any reason to be noncooperative towards his own colleagues and towards the „infidels“ as well in order not to lose his audience. This will be the case, then, even if they know that the benefit from a reconciliation and from a cooperative game would be greater.

Religious studies scholars often recommend contact as a cure. Ingroup contact between the officials, of course, to enable a common strategy, but also intergroup contact between the „fidels“ and the „infidels“ to ensure that this strategy will be conciliatory. It’s true, a contact between the players shows a way out of the prisoner’s dilemma. However, it doesn’t go without an argument that contacts help put attitudes or prejudice aside. And this is why a contact is not an agreement.

Dieter Frey, my Social Psychology professor at the LMU Munich, mentioned once in a coffee brake – the session was on stereotypes – a project run by the municipality of Bremen: The authorities paid ex-Nazis who were in a reintegration program a vacation in Turkey. The beaches, the cypresses, the blue skies were highlighted very positively by the participants in their monitoring reviews after the project. Negative feelings towards the natives, however, were more open after than they were before the trip. As I said, it doesn’t go without an argument that intergroup contact helps get over prejudice and probably it doesn’t help at all. This is why the radical preacher will fear that he will lose his job if he would mutate from a war falcon to a peace dove.

There’s a reason to be an optimist whatsoever. Unlike game theory, religious studies are very occupied with the content of the belief set at stake. If the ability to love others independently of their backgrounds is important in this belief set, fanatic preachers are doomed to increase cognitive dissonance some day or another. Their chances to keep their audience are, in the long run, low.

I conclude that game theorists and social psychologists have reasons to be pessimists and to see some naiveté in the optimism expressed by religious studies scholars. Religious studies informed by game theory have to be pessimistic as well. However, insofar as religious studies are informed by social psychology there is a good reason to propagate optimism again.

Stubendienst

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Gerade verfasse ich einen Beitrag für einen Sammelband über die griechische Krise, den Agridopoulos und Papagiannopoulos bei Springer herausgeben. Die „Philosophie des Geldes“ ist, weiß Gott, seit 12 Jahren nicht mehr mein Metier, aber es macht mir Spaß, meine alten Leidenschaften aus heutigem Blickwinkel zu betrachten. Liebe Leserin, lieber Leser, Du weißt dieses Gefühl bestimmt auch aus erster Hand. Denn es gilt im allgemeinen für alle erdenklichen alten Leidenschaften, dass sie nach einiger Zeit nur noch Spaß bereiten. Oder Schmerz.

Egal! Aus diesem Anlass lese ich die alten Artikel von Yanis Varoufakis wieder. Ein Spieltheoretiker soll er sein, sagt die Presse. Das stimmt nur bedingt. Yanis‘ Beitrag in der Spieltheorie entspricht dem Beitrag Ronald Laings in der Psychiatrie: „Ihr Therapeuten seid noch verrückter als die Kranken“. Dazu eine alte Geschichte. Yanis und ich hatten gleichzeitig Stubendienst – Schicht zwei bis vier Uhr morgens – die in der griechischen Armee berüchtigte „deutsche Nummer“. Warum sie so heißt, weiß ich zwar nicht, aber den Grund vermute ich darin, dass es eine gnadenlose Schicht ist, die die Nacht entzweiteilt: Vorher kamst du nicht zum Schlafen und nachher wirst du auch nicht dazu kommen.

Egal. Yanis war im Raum 2, ich im Raum 1. Unsere Pflichten bestanden im Wesentlichen darin, die Soldaten, die Wache schieben sollten, zu wecken, und ihnen Zugang zu ihrer Waffe zu verschaffen (in Griechenland selber waren die Waffen in der Nacht weggesperrt – anders war es nur im Einsatz: Bosnien, Kosovo, Albanien in den 90ern). Während der Dienstzeit mussten wir uns in unserem jeweiligen Raum aufhalten. Yanis also im Raum 2, ich im Raum 1.

Yanis war’s langweilig. Auf einmal war er da. „Komm raus, in den Korridor, da reden wir über Spieltheorie, Unipolitik… Damit die Zeit irgendwie vergeht…“

Ich ging raus. Wir haben uns im Korridor aufgehalten. Fast zwei Stunden lang. Er nicht im Raum 2 und ich nicht im Raum 1. Ein Vergehen gegen die Regeln und zwar von Leuten, die – immerhin – Unteroffiziere werden sollten. Das Gesprächsthema war selbstreferentiell. Im Grunde genommen ging’s darum, welche Nutzwerte wir davon hatten. Hätten wir uns an den Vorschriften gehalten, dann wär’s uns beiden langweilig und wir hätten jeweils keinen Nutzen. Hätte er sich in meinem Raum 1 aufgehalten, dann hätten wir Kurzweile, Unterhaltung, aber er hätte die Patrouille befürchten müssen, ich dagegen nicht, weil ich ja meinen Posten nicht verlassen hätte. Also wäre mein Nutzen, sagen wir, gleich plus zwei und seiner gleich plus eins. Wohlgemerkt, wenn das Vergehen nicht entdeckt würde. Bei einer Kontrolle hätte er allerdings bestraft werden sollen – minus zehn für ihn also – ich allerdings nicht: weiterhin plus zwei für mich.

Hätten wir uns statt dessen geeinigt, dass ich umgekehrt in den Raum 2 gehe, dann wäre die Situation umgekehrt analog: ein Nutzen gleich plus eins  bzw. minus zehn für mich, ein Nutzen plus zwei für ihn.

Nun waren wir aber beide im Korridor. Was hatten wir davon? Beide plus eins – denn beide haben wir die Patrouille befürchten müssen – wenn am Ende keine Kontrolle stattfinden würde – und beide minus zehn bei einer Bestrafung, weil wir beide unseren Platz verlassen hatten.

Damit vertraute Leser können unschwer die spieltheoretische Matrix zu diesem Spiel erstellen. Sie können auch unschwer errechnen, dass unsere Lösung – beide im Korridor – nicht optimal war: Sie stellt nicht das Nash-Gleichgewicht des Spiels dar. Rational wäre die Lösung, dass entweder ich rüber gehe, oder dass er bei mir bleibt. Aber in diesem Fall wären die Risiken ungleich verteilt und das ist nicht die Art, die Freunde pflegen. Das Spiel ist also komplizierter, als unsere Matrix ahnen ließ. Unter Freunden geht es darum, die Risiken gleich zu verteilen und nicht im Sinne der individuellen Rationalität zu berechnen. Die Spieltheorie, mein berühmter Freund war und bleibt dessen sicher, definiert eine Rationalität, die eines moralischen Ichs unwürdig und nur teilweise gültig ist.

Eine spieltheoretisch irrationale, gleiche Verteilung von Risiken erscheint bei Bestehen einer Freundschaft moralisch gefordert, weil Beziehungen im allgemeinen wie Absprachen fungieren. Sie wird allerdings in der EU nicht gelingen. Die EU ist kein Zusammenschluss von Freunden, sondern von rationalen Egoisten. Einen Bank Run kann deshalb der konventionelle Ökonom besser verhindern als der Rationalitätskritiker.

Ljubljanska

I’m working on a paper on the Greek crisis these days – one which will be published in a volume to be edited by Agridopoulos and Papagiannopoulos and published by Springer. Clearly, I’ve written or read nothing on the „philosophy of money“ in the last 12 years but it’s interesting to return to the topic. Old passions make you smile or ache if you look at them again from the distance which time provides and the combination of money and philosophy is no exception.

Anyway, I had to read Yanis Varoufakis’s old articles for this reason. The journalists say that he’s a controversial game theoretician. He’s controversial alright. And he’s a game theoretician – however in a special sense, since his contribution in game theory corresponds to Ronald Laing’s contribution in psychiatry: „Therapists are much worse than the madcaps they’re supposed to cure“. In this context, I remember the following old story: during our service in the army, Yanis and I had a barracks duty at the same time. It was the shift from 2 to 4 am. In the Greek army this shift is called „German“. I don’t know why it is called thus but I suppose that this has to do with its being unfavourable. It cuts the night into two pieces none of which is long enough for a proper sleep.

But this is not the issue here. Yanis was on duty in the room no 2, I was in the room no 1. Our duty was to wake up soldiers who had to go out for a patrol, give them access to their weapons etc. (since we were not in an operation like in Bosnia, Kosovo or Albania we locked weapons when they were not used). And we weren’t allowed to leave the corresponding room.

But Yanis had to struggle against boredom. Suddenly he entered room no 1: „Why don’t you come out to the corridor? We can chat on game theory, univerity politics…“

So I did. We were having a discussion in the corridor while on duty. An offence against the prescriptions, of course. As if this weren’t enough, he was about to become a corporal, I was about to become a sergeant. Our topic was, as far as I can still remember, self-referential. What were our utility values? Obviously we’d have zero utility if we had been good soldiers remaining each in his room. His utility if he had happened to come and stay in room 1 would be plus one for having a chat with the fear of a patrol discovering him in the wrong place while on duty. But since in this scenario I wouldn’t have left my room, I would have plus two instead. Plus two would have remained my utility if the patrol would come. But Yanis’s utility would be minus ten in this case since he would have to be punished.

If I would go to the room no 2 instead, the situation would be vice versa: plus one or minus ten for me, plus two for him.

None of these alternatives was the case. The remaining alternative was the case. Both of us had left our rooms. We were having fun but we were both afraid of the patrol’s coming (i.e. plus one for him and plus one for me or minus ten for him and minus ten for me).

Readers used to game-theoretical matrices will have no difficulty to calculate that the decision to go both to the corridor was not the Nash equilibrium of the game. Morally, however, you expect a friend to abstain from petty calculations even if (or exactly because) this is not affirming individual rationality. Game theory, my famous friend was and remains certain about this, captures a rationality unworthy of moral agents and valid only partly.

A game-theoretically irrational equity in the division of risk is a moral desiderate because a relationship to someone involves implicit agreement with her. But there is no chance for it to be implemented in the EU. The EU is not a union of friends but a union of rational egoists. This is why the one who has more chances to prevent the bank run can only be a conventional economist, not a critic of rationality.

Der Beweis

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Vor wenigen Jahren klopfte ich an der Bürotür eines Kollegen, um ihm stolz zu verkünden, den Beweis geführt zu haben, dass gesetzt, man habe genügend Ressourcen, Nichtstun rational, Etwastun irrational ist.

Er fragte, was ich damit meinte.

– Ich meine, dass ich ein Argument dafür formuliert habe – vergiss das mit dem „Beweis“ – dass rationale Wesen die Verlustminimierung der Gewinnmaximierung vorziehen. Und das, während Verlustminimierung Rationalitätslücken wie wahre Kontradiktionen mit einbeziehen kann.

Sein Gesicht verzog sich.

– Ich denke, Du müsstest lieber an deiner Habilschrift arbeiten: Denker des Mittelalters, Determinismus, Religionsphilosophie – so Sachen…

Mein Enthusiasmus ebbte plötzlich ab…

– Ich gehe sofort zurück in mein Büro.

– Würde ich an deiner Stelle auch tun…

Die Arbeit an meiner Habilschrift ging weiter, ich habe mich habilitiert, aber je mehr ich die Nachrichten über die Eurokrise verfolgte – Nachrichten über die Ergebnisse dieser Politik seit den 80ern, die griechische Bauern eine „effizientere“ Arbeitsweise beibringen wollten, desto mehr wurde ich überzeugt, dass ich mit meiner Pointe bei jenem „Beweis“ richtig lag, der mich ein paar Tage des Studiums einer lateinischen Handschrift aus der Prager Nationalbibliothek gekostet hatte. Ich fing an, meine Reflexionen zu Rationalität und Rationalitätslücken bei Zeitschriften vom Fach Entscheidungs- und Spieltheorie einzureichen. Wozu habe ich denn damals überhaupt  dieses Wirtschaftsstudium draufgelegt? Und wozu bin ich jetzt Privatdozent? Zwar nicht in Wirtschaft, aber diese Zeitschriften beteuern doch ihren interdisziplinären Charakter, wie wichtig ihnen die Philosophie wäre – bla-bla-bla…

Die Rezeption war meist negativ. Interdisziplinarität ist ein schönes, langes Wort, von denen, die man gern bei Habermas oder Derrida liest, aber unter uns – keine Chance… Mein Eindruck war, dass die Gutachter enttäuscht sind, keine Aufsätze ihrer eigenen Studenten zur Begutachtung zu erhalten: Solide, empirische Feldforschung, formalisiert im Sinn von zehn bis zwölf alternativen spieltheoretischen Szenarien, der Studi absolviert die Rechenaufgaben, beweist zwar nichts Originelles, Interessantes oder wenigstens auf künftige Forschung Hinweisendes, aber der Gutachter braucht nicht um die Ecke zu denken – darauf kommt es an, oder?

Apostolos Doxiadis, ein echter Philosoph unter den Mathematikern, nennt diesen Gebrauch des Formalismus: „höhere Tante-Emma-Lehre“.

Was ich allerdings gestern bekam, stellt ein neues Niveau der tiefen Verachtung jeder philosophischen Fragestellung dar. Ein anonymer Ökonom schreibt mir:

In den Wirtschaftswissenschaften beziehen sich die Termini „rational“ und „irrational“ auf einzelne ökonomisch handelnde Individuen…  Die Ergebnisse sind „effizient“ oder „ineffizient“ im Sinn von Marshall oder Pareto… Oft stellen die Situationen, in denen sich die Rationalität der ökonomischen Subjekte äußert, Selbstreferenz und unendlichen Regress dar… Deshalb ist es aus dem Standpunkt eines Ökonomen nicht klar, worin die „Rationalitätslücke“ liegt, die der Aufsatz thematisiert.

Was der anonyme Gutachter mir sagte, ist im Klartext Folgendes: „Das ist eine Zeitschrift, in der Ökonomen das Sagen haben, auch wenn wir uns nach außen interdisziplinär geben. Du hast meine Zeit mit Widersprüchen und logischer Konsistenz und Rationalitätslücken und dem ganzen Müll verplempert und jetzt hast du das davon“. Das kann man freilich nur in diesem pragmatischen Kontext sagen. Wer von der Wahrheit der Sache etwas hält, müsste einsehen, dass es keine Sachverhalte gibt, die sich adäquaterweise von formalen Kontradiktionen beschreiben ließen aber paretooptimal wären. Wo sollten solche Sachverhalte der Fall sein? In unmöglichen Welten etwa?

Wie ich oft sage, sind die philosophischen und mathematischen Fakultäten selber schuld daran, das Logikstudium nur für Logik- und Mathematik-Studenten zu bestimmen. Denn sie machen aus den restlichen intelligenten Leuten, die ein anderes Fach studieren, ihr Studium abschließen, ja selber irgendwann Profs werden, logische Analphabeten.

peerreview

It was a few years ago: I knocked on the colleague’s door to tell him that I had just found a proof that, provided you have enough ressources, doing nothing is rational and doing something irrational. He asked me what I meant.

– I mean that I have an argument – OK, let’s forget „proof“ – that rational beings prefer to be loss minimizers than utility maximizers. But at the same time, I have an argument that this can invite a rationality gap: a true contradiction.

He had an expression of pain in his face:

– I believe that you should be working on your habilitation thesis: medieval thinkers, determinism, philosophy of religion ’n‘ stuff.

Suddenly, my enthusiasm died away…

– I’m going back to my office now.

– That’s what I would also do…

The work on my habilitation thesis went on, I became a doctor habilitatus after all, but the more I was following the news, the euro crisis, the results of all these policies since the 80s which tried to make Greek farmers work more „efficiently“, the more I was persuaded of the main point of my „proof“ which had cost me some days of work on Latin manuscripts from the Prague National Library. I started submitting my reflections to journals on decision theory and game theory. After all I do have a degree in economics, don’t I? And I’m a faculty member – not in economics, of course, but these journals constantly maintain their interdisciplinary character and how seriously they take philosophy and bla-bla-bla…

The replies were mostly negative. Interdisciplinarity is a nice long word of the kind of words which Habermas or Derrida would use, but forget it… I had the impression that the referees were disappointed not to receive papers written by their own students with a solid, empirical case study in the background, formalized in terms of ten or twelve alternative game theoretical plots. The student does the math, she proves nothing original, interesting or even promising, but the formal homework is as consistent as the student’s exams were and – the most important feature! – the referee doesn’t need to think outside the box.

Apostolos Doxiadis, a real philosophical mathematician, has called this use of formalism „mere calculation of the grocery-bill variety“.

But until yesterday, in the reports I received on my paper, I wasn’t confronted with a contempt towards philosophical concerns as blatant as this anonymous economist’s:

In economics, the terms „rational“ and „irrational“ are related to the single economic agent … [T]he outcomes may be „efficient“ or „inefficient“ in a Marshallian or a Paretian sense … [I]t is often the case that the rationality of the economic agents originates self-referential [sic], infinite regress situations. … Therefore, from the economist’s viewpoint it’s not that clear where the „rationality gap“ discussed in the paper is.

Now, in a way, the anonymous economist said to me: „Get lost because this is a journal run by economists even if we, nominally, affirm interdisciplinarity. So, don’t waste my time with contradiction and logical consistency and rationality gaps and all this crap“. But to say this is easy only in a pragmatical context. If you’re dedicated to truth you must be able to see that states of affairs adequately described by logical falsehoods cannot be Pareto optimal. Where should this be the case? In an impossible world?

As I usually say, the humanities and mathematics are to blame for determining logic to be only for students who major in mathematics and philosophy. As for the rest of the intelligent young people who visit the university, get their degrees, become themselves professors, they produce logical illiterates.