Kairos

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Wenn der Kopierladenbesitzer dich auf dem Bürgersteig zu begrüßen anfängt, ist es an der Zeit, die Diss abzugeben.

Wenn dir der Schaffner auf einem Bahnsteig, 300 Km von zu Hause entfernt, bekannt vorkommt, ist es an der Zeit, mal in einem anderen Land Vorträge zu halten.

Wilhelm Schmid, mein berühmter Erfurter Kollege und Mitbillenhauser – er durch Geburt, ich durch Heirat – sagte mir vor Jahren, dass er nie etwas mehr als zehn Jahre lang macht.

Nach seinem Grundsatz hat mein Engagement in den neuen Bundesländern bereits zwei Jahre zu lang gedauert.


Enough with scrolling 

It’s about time to submit your thesis if the copy-shop owner greets you when he accidentally meets you.

And it’s about time to start lecturing in other countries if a conductor’s face on the platform of a railway station some 200 miles away from home appears to be familiar.

Wilhelm Schmid, my famous colleague of the Erfurt University and from the same 500-souls village my wife comes from, told me some years ago that he never continues doing something he’s been doing for a decade.

According to his criterion, my strolling around in the former GDR has lasted two years too much.

Erdogan und semantische Paradoxien

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Ein Journalist, der was verfasst,

das Erdogan nicht passt,

ist morgen schon im Knast

dichtete der Fernsehmoderator Jan Böhmermann, um den Betroffenen zu brüskieren und ein Strafverfahren zu riskieren (mehr über die juristischen Hintergründe finden die Leser hier. Ich bespreche nur die innere Logik des Falls).

Sollte Böhmermann allein deshalb wegen Verleumdung bzw. Schmähung eines ausländischen Staatsoberhaupts ins Gefängnis müssen, wird der Dreizeiler wahr, und wegen einer wahren Aussage darf Böhmermann natürlich nicht ins Gefängnis.

Geht aber Böhmermann wegen des Dreizeilers nicht ins Gefängnis, dann wird der Dreizeiler falsch und ist eventuell als Diffamie einzustufen. Also ist eine Gefängnisstrafe möglich.

Verhängt aber ein Gericht deshalb eine Freiheitsstrafe gegen Böhmermann, dann ist der Dreizeiler wieder wahr usw.

Ein Richter bestellt normalerweise keine Logiker als Sachverständige in Sachen Selbstreferenz und unendlicher Regress, oder? 

   

  Enough with scrolling

If a journalist suggested

Something Erdogan contested

Soon will he be arrested

was a German journalist’s rhyme that infuriated the Turkish president and made the former legally liable according to German law for „insulting a foreign head of state“ (you can read more about legal aspects of the case here. I’m just discussing the underlying logic).

If the journalist gets arrested for this rhyme only, then what he said is true and, therefore, he cannot be incarcerated for a true statement.

So, he won’t get arrested. But then what he said is false, which would make a prosecution more plausible and could lead to imprisonment.

But then what the journalist said would be true etc.

Normally, judges don’t appoint logicians as consultants of the court, isn’t it?

But who advises them on self-reference and infinite regress then?

Aristottgenstein

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Eine wichtige Tendenz in der Didaktik des Faches philosophische Logik seit den 50ern lautet, dass die Syllogistik unnötig zur Einführung in die Logik ist. Das war unter dem Einfluss von Carnap und später Quine in der damaligen Bundesrepublik der Fall. Selbst Konstruktivisten hatten diesem Verständnis der aristotelischen Logik nichts entgegenzusetzen. Paul Lorenzen meinte 1958, in seinem bahnbrechenden Aufsatz „Logik und Agon“, ausgerechnet Aristoteles hätte aus der Logik als Zweikampf ein Solospiel gemacht. Ich frage mich, wie Lorenzen die Sophistischen Widerlegungen 11 verstand. Aber dazu später.

Nicht anders war der Trend im Osten. Horst Wessel und Johannes Dölling begrüßten ihn 1980 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie 12, S. 1522, in ihrem Artikel „Erfahrungen mit dem Lehrprogramm für das Lehrgebiet Logik“:

Seit dem Herbstsemester 1973 wird der Logikunterricht für Studenten der Grundstudienrichtung Marxistisch-leninistische Philosophie an den Universitäten der DDR … nach einem vom Minister für Hoch- und Fachschulwesen bestätigten verbindlichen Lehrprogramm durchgeführt. Dieses Programm wurde von Lehrkräften der Universitäten Berlin, Leipzig und Halle ausgearbeitet, die über langjährige Erfahrungen in der Logiklehre für Philosophiestudenten verfügen. Schon bei seiner Konzipierung kam es zu einem fruchtbaren Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrenden … So waren sich alle Lehrkräfte darin einig, daß die Logik auch für Philosophiestudenten in ihrer modernen Gestalt gelehrt werden muß. Es wurde deshalb bewußt darauf verzichtet, einen Vorkurs über traditionelle Logik zu lehren.

Im Rückblick finde ich es ungerecht, dass die traditionelle Logik lange vernachlässigt blieb, da die moderne Logik die einzig wahre Form der Logik darstellen soll, aber ersterer gleichzeitig vorgeworfen wird, sie sei schuld an der Vorstellung, es gebe eine einzig wahre Logik a priori.

Gerade zu einer Zeit des Logikpluralismus muss, finde ich, immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die mittelalterlichen obligationes und selbst Aristoteles‘ Bemerkungen in den Sophistischen Widerlegungen 11 dahingehend, dass die Syllogistikregeln in der Dialektik analog zu den Regeln eines sportlichen Wettkampfs zu verstehen sind, zeigen, dass die philosophische Grammatik im Sinn von Sprachspielen anstatt sub specie aeternitatis ihren Anfang in der traditionellen Logik hat. Dazu nur noch kurz eine Bemerkung: Warum verstehen wir das Bindeglied „Spiel“ in Wittgensteins „Sprachspiel“ als Sprachkontext und nicht etwa als Wettkampf, wie Aristoteles‘ „agon“ in den Sophistischen Widerlegungen 11? Gerade wenn ich an Wittgensteins Bezugnahmen auf das Schachspiel in den Philosophischen Bemerkungen denke, erscheint mir diese Deutung sehr plausibel.

Ich darf an dieser Stelle auf den 5. Kongress zum logischen Viereck hinweisen, der im November auf der Osterinsel und wie immer vom Freund Jean-Yves Beziau und dem Kreis um die Zeitschrift Logica Universalis veranstaltet wird: Logikern, die zu den wenigen gehören, die von der traditionellen Logik immer noch neue Einsichten gewinnen und das zu sagen wagen.

Aristogenstein

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Since the 50s, in Germany it has been an important tendency in the didactics of the subject „Logic for philosophers“ to disregard syllogistics. This was the case in the Federal Republic under Carnap’s and later Quine’s influence. Even constructivists failed to support Aristotle in this respect. Paul Lorenzen, in his pioneering 1958-paper „Logic and Agon“, claims that of all people Aristotle had made a dull game of solitaire out of logic as an exciting duel. I can’t explain how Lorenzen understood Sophistical Refutations 11. I’ll return to this immediately.

In East Germany things haven’t been otherwise. Horst Wessel and Johannes Dölling hailed the trend in 1980 in an article titled „Lessons to Learn from the Syllabus for the Subject Logic“ published in the Deutsche Zeitschrift für Philosophie 12. There, on page 1522, they say:

Ever since the winter of 1973, students majoring in Marxist-Leninist Philosophy at the universities of the GDR have been learning logic … according to a syllabus accredited by the minstery to be used at institutes of higher and technical education. This syllabus was elaborated by the teaching staff of the universities of Berlin, Leipzig and Halle, scholars with long-time experience in teaching logic for philosophy students. The knowledge transfer between the teaching staff member was fruitful already in the preperation of the syllabus… They all agreed to teach also philosophy students only modern logic. A preparatory course in traditional logic was explicitly discarded.

Looking back, I find it unjust for traditional logic to be ignored because modern logic is allegedly the only true form of logic, whereas it’s traditional logic which is found guilty of the idea that there is a unique, a priori true logic.

At a time of logical pluralism, I think that one cannot understate the importance of the medieval obligationes. Neither can the importance of Sophistical Refutations 11 be understated, where Aristotle maintains that the rules of syllogistic are analogous to the rules of a sports discipline. These two examples show that a philosophical grammar with a plethora of language games instead of one-and-only reason sub specie aeternitatis has been founded by Aristotle and the medieval logicians. One more brief note in this context: in Wittgenstein’s „language games“, is there a special reason to understand „games“ in terms of linguistic contexts instead of a competition, like Aristotle’s „agon“ has to be understood in Sophistical Refutations 11? When I think how extensively Wittgenstein dwells on chess in the Philosophical Remarks, I cannot help myself wondering about this.

But now, let me recommend you the reason that made me make these thoughts: the 5th Congress on the Square of Opposition in Easter Island to take place next November. As always, it’s being organised by Jean-Yves Beziau, a good friend, together with the circle around the journal Logica Universalis. These are logicians who are not afraid to get their inspiration from traditional logic – and to admit so.

Jesus and Little Red Riding Hood

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Obschon der prominenteste Atheist unserer Zeit, soll Richard Dawkins ohne Bedenken frohe Weihnachten zu wünschen pflegen. Er erkläre, dass die Art, wie Weihnachten gefeiert werde, keine Spuren von christlichen Botschaften trage.

Wenn „christlich“ fromme Lieder singen, zur Mette gehen und über die Fleischwerdung des göttlichen Logos nachdenken bedeutet, dann hat Dawkins Recht. Meine Familie und ich feierten in den letzten Jahren Heiligabend mit unseren israelischen Freunden, Weihnachten mit den atheistischen Teilen der Verwandtschaft, nicht zuletzt mit meinen Studenten, darunter etlichen Moslems, mit denen ich immer wieder zum Erfurter Weihnachtsmarkt ging. Wenn man von der Unverträglichkeit der Esssachen an manchen Ständen mit Halal- und Kosher-Vorschriften absieht, ist der Weihnachtsmarkt eine neutrale, jedenfalls keine missionierende Veranstaltung.

In den östlichen Bundesländern ist das sogar mehr der Fall als im Westen der Bundesrepublik. Im Erfurter, im Hallenser, im Leipziger Weihnachtsmarkt stehen „Krippen“ mit Szenen aus Grimms-Märchen neben der bekannten Krippe. Diese Nähe macht es wahrscheinlich, dass Kinder den Wahrheitsanspruch der Geburt Christi mit dem Wahrheitsanspruch von Aschenputtel und Dornröschen verwecheln. Es gibt vielleicht Leser, die das bedenklich finden – auch mit Hinweis auf den Atheismus der DDR, der solche Assoziationen nährte.

Ich finde es nicht bedenklich.

Weihnachten ist nicht nur ein Fest über die Zeitwerdung des Zeitlosen. Ich weiß: Das ist die theologische Interpretation seit den Kirchenvätern und ich will sie gar nicht leugnen. Es ist aber auch ein Fest über die Menschwerdung des Göttlichen sowie ein Fest über die tiefere Realität im Fiktiven. Weihnachten regt nicht die Wissenschaft, sondern den Gebrauch von Symbolen, die Dichtung an. Wessen Zugang zu Weihnachten über Hänsel und Gretel ist, der soll diesen Weg gehen. Sind Hänsel und Gretel zudem ein Anziehungspunkt, der es ermöglicht, dass das Fest inklusiver wird, dass wir es mit nichtchristlichen Freunden feiern können? Dann um so besser!

Um so besser für den Theisten meine ich. Nicht für Dawkins.

Weihnachtsmarkt Halle

Although the most prominent atheist of our days, Richard Dawkins is said to have no hesitations to wish Merry Christmas. He allegedly explains that the celebration of Christmas is devoid of any Christian message.

If what we mean by „Christian“ are pious chants, waking up in the middle of the night to go to the church, listening to sermons on the incarnation of the divine logos, Dawkins‘ claim is true. In the last years we have been celebrating Christmas Eve with our Israeli friends, Christmas with the atheist parts of our family and, definitely, I used to go to the Erfurt Weihnachtsmarkt with my students some of whom are Muslims. If you neglect the incompatibility of some offered snacks with kosher or halal prescriptions, the Weihnachtsmarkt is a rather neutral, at no rate proselytizing public event.

This is in East Germany even more the case than in the West of the republic. What you get to see in the Weihnachtsmarkt of Erfurt, Halle or Leipzig, are scenes from Grimms‘ fairy tales next to a nativity scene – whereas in the West you only have the nativity scene, of course. There is a high probability of making kids associate the claims concerning the truth of our records on Jesus Christ with claims concerning Cinderella, the Sleeping Beauty or what have you. This is reminiscent to the GDR and its atheism and some of my readers may have concerns about associations of this kind.

I don’t.

Christmas is not only about the timeless becoming worldly. I know, this is the theological interpretation of Christmas since the church fathers, however Chrismas is also about seeing divine reason in human persons and it is also seeing a deeper reality in fiction. Christmas is not about science. It’s about the use of symbols. It’s poetry. If your access to Christmas is via Hansel and Gretel, be my guest… If Hansel and Gretel are an attraction that makes the event more inclusive for your Nonchristian friends to attend, then so much the better.

So much the better for the theist, I mean. Not for Dawkins.

 

Entbehrung – on the ontology of privations

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Humor zu entbehren, heißt eindeutig, man ist irgendwo ganz falsch gelandet. Miesmuscheln zu entbehren ist weniger tragisch. Warum wohl? Weil Humor offensichtlich ein wichtigeres Merkmal unserer Natur ist als Miesmuschelnessen. Das muss ich als notorischer Miesmuschelnesser sagen. Einerseits hat also die Entbehrung mit unserer Natur zu tun. Wenn wir etwas nicht haben, was wir für zu unserer Natur gehörig halten, dann ist die Entbehrung größer, als wenn wir das für weniger zu unserer Natur gehörig halten.

Einerseits hat also die Entbehrung mit unserer Natur zu tun, andererseits hat sie nichts mit unserer Essenz zu tun. Denn wenn ich etwas entbehre, was zu meiner Essenz gehört, dann bin ich bereits nicht mehr derselbe – oder dasselbe.

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, die mir Professor Psarros von der Uni Leipzig dankenswerterweise gegeben hat, diesen und anderen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Noch bemerkenswerter finde ich den Gedanken, dass die Entbehrung nur eine individuelle Natur, kein Genus betrifft. Denn die Entbehrung impliziert stets ein Nichtvorhandensein: Wenn Stevie Wonder blind ist, dann ist es nicht der Fall, dass Stevie Wonder die Fähigkeit zum Sehen hat. Das Satzsubjekt ist hier wohlgemerkt ein Individualausdruck. Dass es nicht der Fall wäre, dass einige Sänger die Fähigkeit zum Sehen hätten, wenn einige Sänger blind sind, gilt allerdings nicht. Was mir fehlt, fehlt in Folge dessen nur mir – und zwar aus logischen Gründen.

Es kann daher sein, dass der Humor meinen Artgenossen nicht fehlt. Das macht das Leben in Entbehrung schwieriger. Man ist allein in dem, was einem fehlt. Ein Leben in der Umgebung von Menschen, denen es nicht mal auffällt, dass anderen Menschen andere Sachen fehlen, ist – na ja…

Egal! Zurück zur seriösen Philosophie. Ein schöner Leichenschmaus war’s gestern in den Ammergauer Alpen. Humorvolle, tolle Leute haben ihren Lehrer und Freund auf seiner letzten Reise verabschiedet. Nur einer fehlte. Man kann zwar nicht im Ernst behaupten, dass einer in seiner eigenen Beerdigung fehlte und zwar aus verschiedenen Gründen: Einerseits war er körperlich da, andererseits setzt eine Beerdigung voraus, dass einer in einem Sinn nicht da ist.

Aber das sind keine logischen Gründe.

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When you miss humour you know that you’re definitely in the wrong place. When you miss mussels the suffering is not that big. Why is this? Well, humour is obviously more important to your being human than eating mussels. And I do like mussels. Very much indeed!

Privation, obviously, is akin to our nature. When we miss something of which we think it’s more relevant to our nature, we suffer more than when we miss something of which we think it’s less relevant to our nature. At the same time, privation has nothing to do with our essence. When I miss something which is a part of my essence, I’m somebody else altogether!

Last Wednesday I had the opportunity given to me by professor Psarros of the University of Leipzig to express these and more thoughts on privation. I’m grateful to him for this. One of the thoughts which stroke me most was that, obviously, privation is a characteristic of individuals but not of entities which can be described by generic terms. The reason for this – and a purely logical one – is that privation implies that something is not the case. If Stevie Wonder is blind, then it is not the case that Stevie Wonder can see. However, if I fail to use the individual term and say that some singers are blind, then the subsequent that it is not the case that some singers cannot see is not the case. Privation is always individual.

Of course, this would make life in privation more difficult. Your fellow humans can be unable to miss humour and a life among people who are not used to think that different people miss different things is – well…

Forget it! Back to serious philosophy:

It was a nice funeral yesterday in the Ammergau mountains. Humorous, great people gave their teacher and friend the last farewell. We missed one. Of course, in a way, you cannot say that someone was missing in his own funeral – for several reasons. First of all, he was there. And, secondly, a funeral presupposes the fact that someone’s missing.

Now, these reasons are not logical.

The lonely professor’s nachlass as a problem of multimodal logic

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Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass mein langjähriger Freund und Mentor Hans Burkhardt vor ein paar Wochen verstarb. Zur schnellen Orientierung in der Thematik: Sein Leichnam ist von der Polizeit im Appartment entdeckt worden, wo er allein wohnte; keine Erben; kein Testament.

Der Verstorbene war ein Freund und Schüler Joseph Bocheńskis, des legendären polnischen Philosophen, der im schweizerischen Friburg wirkte und zwei sehr ungleiche Spezialgebiete hatte: Logik und Sowjetmarxismus. Erstere hat er geliebt, letzteren gehasst, was die Motivation hinter Bocheńskis Gutachten gewiss erklärt, das Bundeskanzler Adenauer sehr nützlich für das KPD-Verbot fand.

Das ist alles Geschichte natürlich – eine Geschichte, deren unbekannte Seiten vielleicht in Hans Burkhardts Nachlass schlummern, in einem versiegelten Appartment voller Papierkram, der vielleicht bald zerstört werden wird.

Hans war außerdem jahrelanges Mitglied des Lorenzen-Instituts in Erlangen und anschließend an der LMU. Das macht ihn zum meines Erachtens einzigen Wissenschaftler, der beiden antagonistischen Instituten der deutschen Wissenschaftstheorie angehörte.

Also schrieb ich an Leute, die vielleicht etwas unternehmen können, um den Nachlass meines Freundes vor der Zerstörung zu retten. Was kann ich sonst noch tun als jemand, der nicht in München, sondern in Erfurt lehrt, der auch keinen Rechtsanspruch hat? Ein Freund behauptet, dass ich mehr tun kann, als Emails aus dem Bauch heraus zu schreiben: die Münchener Professorenschaft anders kontaktieren, mit Journalisten sprechen, Leute mobilisieren usw.

Das kann ich alles nur theoretisch. Ich habe eine Familie zu ernähren; eine Karriere zu unterstützen. Dass meine Zuflucht aus dem Land, in dem die Unis klientelistische Zoos sind, ausgerechnet ein anderes Land war, in dem der Träger des exotischen Nachnamens dreimal (nicht zweimal!) besser als ein Einheimischer sein muss, um zu überleben, war nicht meine Wahl. Es hat sich ergeben. Ich meine, dass mein Leben bereits zu schwer ist, als dass ich mich noch mehr mit der Erretung dieses Kapitels deutscher Geistesgeschichte beschäftigen könnte. Ich habe meine Pflicht getan.

Nachdem das Wort „Pflicht“ gefallen war, sagte der Freund, dass Hans die Kantische Ethik hasste.

Das tat er fürwahr! Hans war ein sehr konsequenter Katholik. Sein moralischer Standard war der Heilige, der Selbstlose – nicht der seine Pflicht erfüllende Kantianer. Allerdings habe ich ein philosophisches Argument dafür, dass die chrlistliche Ethik Heiligkeit und Selbstlosigkeit nicht konsistenterweise fordern kann.

Der Selbstlose ignoriert soziale Konventionen. Er geht ohne großes Nachgrübeln die Gefahr einer Scheidung oder eines sozialen Aus ein. Um es zu ermöglichen, dass eine Gemeinde irgendwo in der Dritten Welt einen besseren Zugang zu Trinwasser hat, verzichtet der Selbstlose auf den Geigeunterricht seiner Kinder – keine Frage! Und die Kinder sollen die Violine auch noch verkaufen.

Wenn das aber und Ähnliches gefordert werden kann, dann gibt es Fälle, in denen „A soll p“ impliziert: „A ist unter Beibehaltung dessen, was aus sozialen Gründen nötig erscheint, unmöglich, so zu handeln, dass p“. A muss mit anderen Worten sich selbst und seine sozialen Bindungen überwinden. Wenn die deontische Logik allerdings eine konservative Erweiterung der Logik des aus sozialen Gründen notwendig Erscheinenden ist, dann impliziert die deontische Logik alle sozialen Notwendigkeiten. Nun ist die Forderung an jemanden, heilig zu werden, damit gleichbedeutend, gerade derartige soziale Notwendigkeiten zu überwinden, was offensichtlich einen Widerspruch nach sich zieht. Daher ist es inkonsistent zu fordern, jemand solle heilig werden.

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ENOUGH WITH SCROLLING

As frequent readers of this blog already know, my long-time friend and mentor Hans Burkhardt died a few weeks ago. A quick orientation: the body was found by the police in the flat in which he lived alone, no heirs are left, likewise no testament.

The deceased was a friend and disciple of Joseph Bocheński, the prolific Polish philosopher of the University of Friburg in Switzerland who was an expert in two very unequal fields: logic and Soviet Marxism. He loved the first, hated the second and this is how Bocheński helped chancellor Adenauer in his struggle to have the Communist Party of Germany banned by the Supreme Constitutional Court of back then West Germany.

This is history, of course, but a history whose traces can probably still be read in Hans Burkhardt’s nachlass, in the sealed flat whose content can be destroyed from time to time to give way to new tenants.

Hans was for years also a member of the Lorenzen institute in Erlangen and a member of the LMU institute of philosophy – to my knowledge the only person who participated in both antagonistic schools of German philosophy of science.

I wrote emails to people who might have the power to rescue the nachlass. What else can I do as someone who’s affiliated to another institute and who has with no legal claim? A friend says that I can do more than writing impulsive emails. I should have tried to approach stakeholders, opinion makers, mobilize more people and, and, and…

However, I have a family to support, I have a career to take care of, and the fact that my only refuge out of the country in which the universities are clientelistic zoos was a country in which you have to be thrice (not twice!) as good as a native in order to survive, wasn’t my choice. What I mean is that I live a life that’s too hard to afford rescuing this piece of German intellectual history all by myself. I did my duty.

My friend heard the word „duty“ and said that Hans hated Kantian ethics.

Certainly he did. Hans was a very devote Catholic. His moral standard was the holy person, the selfless, not the Kantian who simply does his duty. However, if Christian ethics demands people to be selfless and holy, then it is not consistent. I have an argument for this. The following:

The selfless ignores social conventions. The selfless would take the risk of a divorce or of a public outcry without regrets. She would prefer to spend the fees for the violin course of her children in order to finance the improvement of the water supply of a community somewhere in the Third World. And her children would have to sell the violin. This shows holiness, of course. But is it consistent to demand holiness? If yes, then „A ought to p“ implies „It is impossible to A under the condition of certain habits considered to be compulsory by society, to act so that p“. But if deontic logic is a conservative extension of the logic of social necessities, then deontic logic implies all social necessities. However, demanding someone to be holy is to demand her to negate some social necessities. This is an obvious contradiction. Therefore, it is inconsistent to demand someone to be holy.

The disagreement paradox

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Ob das Gerücht stimmt, dass der Schlagabtausch Mitte Februar stattfand, weiß ich zwar nicht, aber das Ganze ist sowieso aus logischer Sicht interessant:

Wolfgang Schäuble: „Wir sind uns über unsere Uneinigkeit einig“.

Yanis Varoufakis: „Nein! Da sind wir uns uneinig“.

Erstens passt die Anekdote, weil Schäuble etwas sagt, was in der Politik oft gesagt wird; und zweitens, weil Yanis Varoufakis ein notorischer Monty-Python-Enthusiast ist.

Was Schäuble sagt, kann nur secundum quid aber nicht simpliciter gelten: Die Einigkeit BESCHRÄNKT SICH auf die Feststellung einer SONST VORHANDENEN Uneinigkeit.

Was Varoufakis sagt, ist der Fall, wenn WS behauptet, es gebe eine Einigkeit, was YV bestreitet, oder wenn WS behaupte, es gebe keine Einigkeit und YV bestreitet vielmehr das. WS behauptete tatsächlich eine Einigkeit über eine vorhandene Uneinigkeit – also müsste YV nach dieser Lesart behaupten, dass es eine vorhandene Uneinigkeit gäbe, aber keine Einigkeit darüber. Das ist aber falsch, weil YV damit bereits zugibt, dass es eine Uneinigkeit gibt – infolge dessen auch Einigkeit darüber, dass es die gibt!

Also kann, was YV sagte, nur den Sinn haben, dass WS eine Uneinigkeit befand, was er, YV, bestritt. WS sprach sinnvollerweise von einer Uneinigkeit secundum pecuniam. Nach dieser Lesart meint YV, dass sich WS diesbezüglich irrt.

Was daraus entsteht, falls man die Äußerung von YV annimmt und damit die Äußerung von WS widerlegt, ist natürlich seinerseits eine Uneinigkeit, aber die tut nichts zur Sache. In puncto Wirtschaft sind sich beide Minister einig!

Ich tendiere zu letzterer Lesart obiger Äußerungen, zumal die selbstreferentielle, die ich hier gar nicht besprach, einen Teufelskreis darstellt.

Lehre für die Argumentationstaktik: Wer bestreitet, dass es eine Einigkeit über Uneinigkeit besteht, verpflichtet sich IN DER SACHE, den Standpunkt seines Gegenübers zu akzeptieren.
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There are rumors that the exchange took place in mid-February. I don’t know if this is true but the story is anyway interesting for its underlying logic:

Wolfgang Schäuble: „We agree that we disagree“.

Yanis Varoufakis: „No, this is where we disagree!“

The story sounds plausible because, first, I expect Schäuble to say something which is commonly said in politics. And, second, he negotiated with someone who loves Monty Python.

What Schäuble said can be meaningfully maintained secundum quid, not however simpliciter: He claimed to agree with Varoufakis upon disagreeing on SOMETHING ELSE.

What Varoufakis says is the case if WS maintains that they agree and YV contradicts or if WS maintains that they disagree and YV contradicts. WS made a claim that they agree – upon disagreeing, but let’s forget this for a moment. According to this reading, YV is supposed to claim that THERE IS a disagreement but no agreement upon this. But this claim invites a contradiction since, straightforwardly, if YV says that there is a disagreement, he agrees with WS over it. Therefore, there is SOME agreement.

I conclude that YV’s words can have only the following meaning: „My dear WS diagnosed disagreement and this is not the case“. Giving WS a minimum of charity, WS must have talked of disagreement secundum pecuniam. If this is correct, YV has to be taken to say that WS makes a mistake concerning an alleged disagreement secundum pecuniam!

Of course, a disagreement emerges anyway when we take YV to say something true and WS something false secundum quid. This, however, is logically harmless. The two men can still be taken to agree on the big issues!

Since the only remaining interpretation, which entails self-reference is not viable (this being the reason I didn’t discuss it here) and after I’ve been studying the news lately, I tend to believe that what YV said is true to the facts.

The lesson to learn from this for argumentation and tactics is the following: when you deny that you agree over the existence of a disagreement with your opponent, the only thing that you can be supposed to be saying is that you are willing to accept your opponent’s view – at least his view on the major issue.