Intertextualities and failures

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Mit fünfzehn war ich ein Peanuts-Leser, erst viel später las ich Kafkas Vor dem Gesetz. So wird es vielen gegangen sein.

Kafkas Geschichte des Wartens vor einer Tür, die insgeheim nur einem bestimmten „Mann vom Lande“ geöffnet werden darf, was nie passiert, da dieser niemals Mut fasst und fragt, erinnerte mich damals Zwanzigjährigen sofort an Charlie Brown, dessen Herzklopfen vor der kleinen Rothaarigen lauter ist als seine Stimme. Die Ähnlichkeit ist frappierend: Wie Kafkas Charakter, so bringt es Charlie Brown nicht übers Herz, sein Glück einzufordern. Wie Kafka, so lässt auch Schulz den Leser wissen: „Das war seine Chance zum Glücklichwerden und er hat sie verpasst, weil er zu scheu war, den Mund aufzumachen“.

Ich schließe aus, dass Kafkas Kurzgeschichte Schulz‘ Vorbild war, was auch erklärt, warum die Literaturwissenschaft den Zusammenhang ignoriert. Sie interessiert sich ja für historische, bewusste Vorbilder als Intertextualitäten.

Dabei gibt es unabsichtliche Intertextualitäten: Sachen, die übereinstimmen, weil sie wahr sind. Eine wirklich strukturalistische Literaturwissenschaft soll sich mit ihnen beschäftigen und insofern ein Stück lang ahistorisch, philosophisch und anthropologisch werden.

In der Dialektik der Aufklärung ziehen Horkheimer und Adorno gegen den Ausdruck „I am a failure“ her, den sie gleichzeitig und dialektisch auf die Amerikaner beziehen. Dass beide Ikonen der Frankfurter Schule unmögliche Snobs waren, ist ja bekannt. Aber hier haben sie durch ihren Snobismus ein kafkisches Moment nicht erkannt. Durch ihren Snobismus zum Kulturproletariat herabgestürzt und Opfer ihrer eigenen Dialektik…

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I belong to this majority who read the Peanuts before Kafka’s Before the Law.

Kafka’s story is about a peasant who, unknowingly to him, is the only entitled to enter paradise – or something like it. At the end of a long waiting in the vestibule, the man is denied entrance since he spent too much time there without daring to ask for what was meant to be his and only his. This reminded me, back then a twenty-year-old, of Charlie Brown’s heartbeat that was louder than his voice whenever he saw the Little Red-Haired Girl. The Little Red-Haired enters this car – the reader doesn’t see so, but Snoopy describes the scene beside a speechless Charlie Brown – to never return again without ever getting the faintest idea about the existence of this boy named Charlie who…

I don’t think that Schulz had ever read Kafka. Strictly speaking, there’s no intertextuality between Charlie Brown and Kafka’s peasant.

But still, I can’t see why intertextualities must be genetically, historically connected. True feelings – e.g. of failure – are an ecumenical intertextuality. Truth itself is an intertextuality.

In their Dialectic of Enlightenment, Horkheimer and Adorno made fun of the American idiom – if it is one, at least so they claim – „I am a failure“. It is well known that the icons of Frankfurt-style Marxism had an extremely snob’s attitude towards popular culture. When snobby allures make one fail to see the Kafkaesque, I don’t know who has to be snobby at whom…

Victims of their own dialectic…

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Echte Grundrechte und wer sie haben möchte

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So wie das Gesetz zur Geschlechtsselbstbestimmung hat kaum ein anderes Gesetz die griechischen Gemüter im ausgehenden Jahr erregt – und das, als hätten ausgerechnet Griechen mit schwindendem Einkommen, Schulden und offenen Heizölrechnungen keine anderen Sorgen.

Gemäß o.g. Gesetz ist es jeder und jedem – das Gendering in diesem Satz ist fast irrelevant – freigestellt, unabhängig von der Anatomie als männlich oder weiblich zu gelten, da das Geschlecht ein soziales Konstrukt sei – blablabla, so der Gesetzgeber. Damit ist für die Anerkennung einer Geschlechtsumwandlung kein operativer Eingriff vorausgesetzt.

Das Gesetz ist nicht das radikalste seiner Art. Kalifornien räumt Entsprechendes ein und nimmt sogar drei Geschlechter an. Manchmal auf diffuse und manchmal auf explizite Weise ist die Begründung solcher Regeln naturrechtlich: Es sei ein Grundrecht der Betroffenen, zu ihrer geschlechtsspezifischen Eigenheit stehen zu dürfen.

Aber abgesehen von der statistisch sowieso schwindenden Anzahl der Hermaphroditen dient die Bezeichnung „männlich“ oder „weiblich“ auf einem Ausweis der Wiedererkennung. Könnte etwa ein rothaariger, keltischer Hiphop-Enthusiast geltend machen, es sei sein Grundrecht, sich als afrostämmig auszugeben? Das wäre ein sehr breites Verständnis der Grundrechte.

Von einem solchen ging das Bundesverfassungsgericht aus, als es annahm, die Zulässigkeit gleichgeschlechtlicher Ehepartner folge aus GG Art 1 („Die Würde des Menschen ist unantastbar“). Ich frage mich, wieso das nicht über Geschwister oder Mönche oder Nonnen gelten soll. Ist ihre Menschenwürde etwa antastbar? Wohl nicht. Warum also die politische Entscheidung für oder gegen die Homo-Ehe, für oder gegen Geschlecht-als-Konstrukt auf eine Debatte über Grundrechte zurückführen? Ich antworte: Weil es opportun ist, einen vermeintlichen Grundsatz dafür verantwortlich zu machen, ferner etwaige konservative Rückschläge nicht zu riskieren und schließlich die Konservativen nicht als Wähler zu verlieren. Es läuft nach dem Motto: „Karlsruhe hat es doch gesagt, was soll die Politik groß machen?“ Meine Argumentationslinie hier entspricht in etwa einem Vortrag Peter Baduras in der Münchener Siemens-Stiftung anno 2015, in dem jener mich überzeugte, dass beim BVerfG ein Legitimationsdefizit vorliegt.

Die Zurückführung von jeglichen emanzipatorischen Rechten einer moralischen Minderheit auf Grundrechte erzeugt eine Inflation von absurden Grundrechten, die durch keine höhere, philosophische oder sonstige Begründung legitimiert sind. Sie erhärtet zudem den Rechtsrelativismus in puncto Grundrechte: Grundrechte wären demnach positives Recht, bloß etwas wichtigeres positives Recht für die Gesellschaft x.

Dem Thesenpapier des Moskauer Patriarchats über (eigentlich gegen) die Menschenrechte liegt eine solche Interpretation der Grundrechte zu Grunde. Wie will dagegen argumentieren, wer vermeintliche, inflationäre Grundrechte für parteipolitische Zwecke bereits usurpiert?

Das Problem ist hier die Legitimation liberaler Politik. Nach der Französischen Revolution punktet nichtkonservative Politik mit der Emanzipation von Minderheiten – im soziologischen, nicht im statistischen Sinn: der Proletarier, der Frauen, der Afrostämmigen usw. Die Liste ist zwar sehr lang, aber das Wirken liberaler Politik auch und, wenn nach und nach alle emanzipiert werden, mangelt es plötzlich an Minderheiten, die zu befreien wären. Damit vermisst der Liberale seine Legitimationsbasis, womit irgendwelche moralische Minderheit, die immer marginaler wird, entdeckt werden muss, die es zu entsklaven gilt…

Da kann ich nur die Ungeniertheit der marxistischen griechischen KKE beneiden. Ob es wirklich der Fall sei, dass das Parlament politisch und juristisch und philosophisch über Fälle debattiere, die nicht eher der Psychiatrie aufzubürden seien, hat sich die langjährige Generalsekretärin letzten Oktober gefragt, als obengenanntes Gesetz der Vouli vorgestellt wurde…

Ich halte die KKE für keine ernstzunehmende Partei und die Mitgliedschaft meines Großvaters in derselben ändert nichts daran. Ich habe noch das alte Taschenedition-Exemplar von Platons Symposion, die der Stalinist und Kriegsveteran an der Stelle, wo Alkibiades reinkommt, abgelegt hatte. Weiß Gott war der Opa ein guter Schütze mit großem Bart.

Nein, die KKE ist nicht ernstzunehmen. Aber die Bagatellisierung des Menschenrechte-Diskurses aus der Not heraus, irgendwo Unterdrückte zu finden, ist noch weniger ernstzunehmen.

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One of this year’s most debated laws in Greece was the endorsement to be considered male or female independently of any anatomical characteristics. As if Greeks with dwindling income and unpaid bills had had no other concerns.

It’s not the most radical law of its kind. The State of California admits additionally three genders. It has been a custom that the lawmaker’s rhetoric is in terms of natural justice: one that pertains to the fundamental, inalienable rights of the persons involved.

The German Constitutional Law Court backed their decision for same-gender marriage with, among other things, the first article of the German Constitution that declares human dignity to be not to be infringed upon. Why the same, allegedly fundamental right, does not apply for monks, nuns, siblings is a question that remains unanswered. I think that Peter Badura, the leading Bavarian expert on public law, is right when he deplores a legitimation deficit of the German Constitutional Law Court, especially when it, in order to back its rationale for same-sex marriage, utilises the concept of dignity in the German Constitution, NB, one that was shaped in 1949 when the Federal Republic of Germany was founded.

Well, dear reader, as you see I fail to reconstruct a consistent argument that would underlie the human-rights rhetoric behind the gender-as-social-construct discourse. There are chances that in Reykjavik there is a red-haired hip-hop enthusiast who phantasises to be Afroamerican. But is it this person’s natural right to have this stated on his ID card? I say no, but one can object, of course, that to every person sexual orientation is more important than musical taste.

OK, let’s accept this. If it is true that we find ourselves in our gender more than in our iPod, it is also true and essential for ID cards to make other people recognise us as the persons depicted in terms of our nonintentional features. And if what we show we are is not what the card is intended by us to state, the situation is grotesque to say the least…

But, what’s more: if we have to get down to the bedrock of fundamental rights whenever we want to emancipate a moral minority (alleged or real) we collaterally engage in the creation of inflationary rights for which there is no philosophical, religious or any other higher justification. If we, as a result, usurp inflationary human rights to do party politics we will not be able to argue against ultraconservatives who see in the human rights legal positivism that can be used when they need it and neglected when they don’t. Why, what else do we do?

The legitimacy of liberalism is here at stake. If, after the French Revolution, most liberal demands have been based on the need to emancipate someone: the working class, the Afroamericans, women etc., when you run out of minorities to be emancipated more than two centuries later, you must start being concerned about your political future. The most plausible thing is that, at the end, you will be emancipating moral minorities that are at the borderline between politics and neurosis.

Frankly: watching the debate in the Vouli, I felt tempted to applaud to something Aleka Paparriga said, the long-time Secretary General of the Greek Communist Party (KKE). Shouldn’t the parliament ask psychiatrists how they would consider people who need to say they have a female identity but feel alright with male genitals?

Of course, I don’t think that KKE is a serious political platform and the fact that my grandfather was a local politician under the aegis of this party makes things rather worse.

It’s a Stalinist party and one that propagates moral conservatism: I still have the copy of Plato’s Symposium that my grandfather, a veteran of three wars between 1914 and 1922 and a man with a very big moustache, closed never to open it again when he reached the point of Alcibiades‘ entry.

But how much better is the ridiculing of fundamental rights?

Frater Martinus O.S.A.

Exit from Furthmühlgasse to Michaelisstrasse

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Das Lutherjahr neigt seinem Ende zu. Fachlich hatte ich nichts dazu beizutragen. Auch in früheren Jahren waren meine Leistungen zur Lutherforschung gleich null. Ich bin kein Experte.

Persönlich verbindet mich allerdings etwas mit dem Augustinermönch und Erfurter Studenten. Denn im Sinne einer Panchronie war Luther in Erfurt mein Nachbar. Er wohnte im Augustinerkloster und sein Weg zur Universität brachte ihn eine Tür nach dem Amploniushaus, wo ich fünf Jahrhunderte später wohnen sollte.

Bestimmt ist sein Vorbeigehen an dem, was später mein Erfurter Hausstand wurde, eine Cambridge-Eigenschaft Luthers. Seine Präsenz dort vor einem halben Jahrtausend war allerdings keine Cambridge-Eigenschaft von mir. Wegen Luther hat mich nämlich meine Nachbarschaft immer wieder zum Nachdenken gebracht.

Ein paar Meter vom Amploniushaus entfernt, in Richtung Krämerbrücke, wohnte vor 500 Jahren Jodok Trutfetter, Luthers Logikprofessor, ein Nominalist. Luther war es trotz seiner Ablehnung der Logik als Instrument der Predigt wichtig, was sein Lehrer meinte. Also soll der Alumnus nach dem Thesenanschlag ein letztes Mal die Michaelistraße hochgelaufen sein zum Haus des Dialektikers, der nicht an die Tür kam.

Mit etwas Hus, etwas Wyclif, schließlich etwas Emotion statt Logik in der Predigt (zugegebenermaßen diesmal einer Neuerung) sollte die Reformation endlich Erfolg haben. Ich frage mich, ob die protestantische Predigt so dialektikfremd und das Herz ansprechend geworden wäre, wäre Luther ein besserer Logikstudent gewesen. Wenn seine auf Logik verzichtende Rhetorik neu war, ist das seine Theologie jedenfalls nicht. In puncto Transsubstantiation war er ein Nominalist, in puncto Vorsehung und Gnade ein Augustiner, in puncto Liturgie Hussit. All das muss er an der Erfurter Universität gelernt haben. Ohne die Prager Nominales, die während der hussitischen Unruhen nach Erfurt emigriert waren, wäre weder die alte Erfurter Universität gegründet worden noch, denke ich, der Protestantismus möglich gewesen.

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With exhibitions, lectures, concerts, and cultural events of all sorts, Lutheran churches all over Germany celebrated the anniversary of 500 years since the posting of the 95 theses in Wittenberg. Posting something in this blog is the least I can contribute to the topic; but also the most since I’m not an expert.

This is not to say that I have restricted knowledge or a poor evaluation of the Augustinian monk and student of the Erfurt University. In fact, not many experts know what I know about one very special facet of Luther. In terms of the urban panchrony of downtown Erfurt, you see, Martin Luther was my neighbour. When he walked from the Augustinian Abbey, where he lived, to the Collegium Majus and the St. Michael, where he studied and celebrated the mass, he was only few yards away from the Amplonius House that was to become my place in Erfurt five centuries later.

This was a Cambridge property of Luther’s, however not a Cambridge property of mine. My neighbourhood at Michaelistrasse was giving me food for thought throughout my time there.

Only some fifty yards from my flat and five hundred years from now, was the place and time Jodok Trutfetter, Luther’s professor of logic, lived. Luther rejected logic as an instrument of rhetorical inventio, which is obvious in the 95 theses, but his nominalistic teacher’s opinion remained important to him. After the Wittenberg nailing of the 95 theses, an event that finally gave rise to Protestantism, Luther visited the Michaelistrasse and knocked on Trutfetter’s door not to be held worthy of reception.

Finally, the new theology Luther launched contained a Hussitic understanding of liturgy, an Augustinian understanding of providence (an Augustinian monk was he himself) and a nominalistic understanding of transsubstantiation – all elements he must have adopted at the old University of Erfurt, founded by Prague nominalists who had found refuge in Erfurt during the Hussitic uprising in what is now the Czech Republic.

I don’t know what would have happened if Luther had been better in Trutfetter’s class. Possibly, his preaching wouldn’t address emotion in the relentless manner it does. And, probably, he would have been less successful. Wyclif had been a reformer and logician – and what was made out of his teaching? Some incentives for Hussitism…

 

For what’s worth it…

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Monatelang gehe oder fahre ich am Schild vorbei und nur heute kommt es mir in den Sinn, auszusteigen und zu fotografieren. Nicht, weil mir irgendwas einleuchtete. Eine Information erhalte ich nach wie vor nicht – ich weiß doch, wo der eine Staat aufhört und wo der andere anfängt – aber als analytischer (von mir aus: halbanalytischer) Philosoph sollte man sich keine Gelegenheit entgehen lassen, ein paar elementare Dinge über Semantik zu sagen.

Was wollte der Beschmierer also verkünden? Meinte er, dass die Bundesrepublik Kompromisse in Richtung einer linken Politik macht? Oder wollte er vielmehr am liebsten von so einem Wappen begrüßt werden, wenn er von Kleinbasel aus in Richtung Freiburg fährt?

War es jemand, der an den vor ca. 170 Jahren an diesem Ort durch Gustav von Struve ausgerufenen sozialistischen Staat erinnern wollte?

Andererseits, wenn ich denke, dass Struves Soldaten auf dem Weg von Basel nach Karlsruhe von einem Armeekontingent mit weniger als einem Viertel ihrer Macht geschlagen wurden: War es eh‘ jemand, der an nichts, jedenfalls nicht an das erinnern wollte?

Das Klischee besagt, dass ein Bild mehr als tausend Worte wert wäre. Nun, über die genaue Anzahl der Wörter habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber die genaue Anzahl der Aussagen auf dem Schild – ausgenommen Aufkleber – ist sofort zu sehen: keine einzige.

Viele, darunter die deutsche Wikipedia, sehen in der Redewendung „Ein Bild ist tausend Worte wert“ die Behauptung, anhand eines Bildes ließen sich viele Sachen viel leichter zeigen, erkennen, erklären.

Na gut, vielleicht „zeigen“. Aber etwas, was so viel Gehalt enthält, dass ein Widerspruch entsteht, ist nicht zu erklären. Wir verstehen keine Bilder, sondern bestenfalls ihre Interpretationen. Von allein geben uns die Bilder zu viel Diffuses, zu wenig Konkretes.

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I’ve been passing past the site at the beginning of this post for months before I decided to stop and take a picture. Whatever the person who decorated the border sign with hammer and sickle wanted to say the message is not clear. I even doubt that there is one!

Was it someone who thinks that the Federal Republic of Germany makes too much compromises towards left politics? Was it someone who, in contrast, would prefer to see the depiction as the coat of arms of the country as you enter it from Switzerland? Was it someone who drew a hammer and sickle as a reminder to the socialist state Gustav von Struve and his troops proclaimed passing exactly this point in exactly this direction about 170 years ago? Was it nothing of the above? We’ll never know!

The modern proverb says that a picture’s worth one thousand words. It’s widely believed that this means that you can explain with a picture much more than you can explain with words. Well, I don’t know about the amount of words but one thing I know: a picture gives you so much information that, at the end, it gives you contradictory information. You can see pictures but you can’t understand them. What you understand is their interpretation. Or, rather: one of the interpretations.

Reunification

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Wenn es eine philosophische Lehre aus der Wiedervereinigung Deutschlands gibt, dann wohl die, dass Warenfetischismus in der Lage ist, ganze Staaten ins Ungleichgewicht geraten zu lassen. Denn, was die DDR-Bürger in ihren ersten freien Besuchen in West-Berlin vor 28 Jahren mit ihrem Kaufverhalten bewiesen, war, dass Bananen, Waschmittel mit frohen Verpackungsfarben und Barbipuppen durchaus in den Hinterköpfen während der Montagsdemonstrationen waren.

Damit ist nicht gesagt, dass eine Planwirtschaft mit verbesserter Marktforschung bessere Chancen auf politische Stabilität hätte. Wenn der Mehrwert nicht für Produktentwicklung aufgewendet (die wiederum besagten Fetischismus zufriedenzustellen versucht), sondern in Form von Löhnen ausgeschüttet wird, kann man im Sozialismus keine „schönen Sachen“ kaufen. Im Kapital hat Marx kein Bild einer Wirtschaft gezeichnet, das die Epigonen falsch umgesetzt hätten. Im Gegenteil haben die Epigonen alles richtig getan, sie kochten nach Rezept. Sie waren so gut, dass sie selber hätten Autoren des Rezepts sein können – genauso wie die Karikatur aus Emir Kusturicas Film Papa ist auf Dienstreise andeutet.

Es ist also nicht die Umsetzung des Rezepts, die misslang. Es ist eher das Rezept für alle ungeeignet außer für Intellektuelle, die genauso glücklich wären in einem Mao-Anzug im Trabi unterwegs wie im Strellson-Anzug im Mecedes A-Klasse.

Solange genug Rotkäppchen-Sekt im Keller steht…

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If there’s a philosophical lesson to learn from the German reunification then this is the following: fetishised commodities are able to make whole states unstable.

The first free visits of East-German citizens in West Berlin 28 years ago showed clearly enough that during the demonstrations against the socialist regime, things like a wish to buy Barbies, bananas and detergents with funny colours on the box had played a role and formed part of the motivation to demonstrate.

What I mean by stating this, is not that a planned economy with a better marketing would have more chances of political stability. Where the surplus value is not used to develop new products but distributed in form of wages, you can‘t satisfy the buyers’ fetishism. In socialism you can’t buy nice things and that’s it!

Eastern European commodities were below the Western European standard not because Marx’s picture of planned economy was put in colours by Stalin. Stalin was so good in colouring that he could have been Marx‘s teacher in this – like insinuated in the cartoon from Emir Kustirica’s film Otac na službenom putu.

It’s rather the original picture of this economy that is dull and uncool. For the majority of people it would be as dull even if you took Salvador Dali to finish it.

The two German states were reunified 27 years ago today after a wave of social unrest made socialist East Germany unstable.

PS: Some times I think: Would I ever have an academic career if Erfurt didn’t come to the West and no university existed there? Just an egoistic thought of mine on my personal benefit from the reunification.

In Erfurt I learned to drink East German wine without complaining and I spent many nights in socialist bunker-like buildings. As long as I had something interesting to read, there was no problem. Non-fetishists like me are not the majority however and the story of the night I had taken my wife and daughters from Munich to join me in the bunker, especially the bit about the broken socket and the closet whose door opened from alone, I’ll tell in another post.

Die offene Gesellschaft, ihre Feinde und deren Feinde

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Es war vor 14 Jahren, als ich einen Sammelband mit dem oben genannten Titel herausgeben wollte. Der Verleger war gefunden (Papasissis, Athen), der Anlass ebenso (das damals nahende 60-jährige Jubiläum von Poppers Buch), die Sprache und der Teilaspekt auch (Griechisch und griechisch), die Autoren ebenfalls: Die Liberalen-Ikone Andreas Andrianopoulos, der griechische Mr-Applied-Ethics Giorgos Papagounos, der Wissenschaftstheoretiker und Universitätspolitikmacher Petros Gemtos, der Mitsotakis-Biograph und Popperianer Nedis Dimitrakos und meine Wenigkeit wären die Feinde der Feinde. Yanis Varoufakis, damals enger Freund und nach wie vor postmoderner Solidaritätstheoretiker und Spieltheoriekritiker, hatte mir einen Text als Feind der Feinde der Feinde versprochen. Ein ganz junger Kerl, ein Georg-Simmel-Experte, dessen Namen ich nicht mehr weiß (er hat am Deree College Athen gelehrt), entpuppte sich als Syriza (damals hieß es Syn) und erkundigte sich zuerst bei seinem geistigen Papa, um schließlich abzusagen, bevor er eine künftige Laufbahn unter Parteiobhut gefährdet.

Von den vielen Texten habe ich keinen einzigen erhalten und das ist symptomatisch für ein Land, in dem Liberale so wenig sind, dass man denken könnte, sie wären keine echten Personen, sondern Schauspieler, die eine Meinungsvielfalt vorgaukeln.

Aber heute geht es mir um Deutschland. Es ist klar, es gibt Länder, die liberaler sind als das Land meiner Vorfahren. Sie sind freier. Das heißt aber nicht, dass sie offene Gesellschaften sind. Die offene Gesellschaft steht und fällt mit der sozialen Mobilität.

Das ist der Grund, aus dem ich die Behauptung des ersten Bürgermeisters Hamburgs anlässlich der G20-Gipfel-Krawalle, ein paar Autonome täten der offenen Gesellschaft Abbruch, unerhört finde. Wenn etwas geschädigt wurde, dann war es sein Image. Aber einen Kulturkrieg, dem er zu Opfer gefallen wäre, sehe ich nicht. Erstens ist die deutsche Gesellschaft gar keine offene im Sinne Poppers. „Offen“ bedeutet eine Absage an den Tribalismus, nicht viele Tribalismen nebeneinander im Multikultikontext. Die offene Gesellschaft ist kein buntes Gemisch, sondern eine Farbenblindheit – eine segensreiche, wie ich denke.

Olaf Scholz ist peinlich: Er hält offenbar die offene Gesellschaft für eine rhetorische Zierde, die man für jedes emanzipatorische Ziel benutzt, und zwar an jeder Wirklichkeit vorbei. Um beim Thema Popper zu bleiben: In der gesamten deutschen akademischen Welt nach dem Krieg findet sich kein einziger Mensch mit fremdländischem Hintergrund, der das wäre, was etwa Quassim Cassam oder – sir! – Karl R. Popper in Großbritannien bedeuten. Deutschlands Alibi-Ausländer sind typischerweise Profs für Finnougristik, Orthodoxe Theologie und sonstige Orchideen. Wenn’s möglich wäre, wären die Profs für Antarktis-Studien Pinguine.

Scholzens Ich-sprech’s-wie-beim-Niesen-aus: „offene und freie Gesellschaft“ – also, diese Floskel ist zugegeben nicht gefährlich, allerdings doof ohne Ende. Die offene Gesellschaft hat nichts mit Toleranz und „Ach, wie offene Leute“ zu tun.

Hier ist etwas Literatur dazu. Der zweite Band eignet sich besonders für halbgebildete Linke oder Halblinke.

Ich warne! Von vorne sieht’s man nicht, aber es ist dick:


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„Read this if you don’t know what an open society is“ is my advice to Hamburg’s mayor. He appears to use the term as a rhetorical decoration of anything emancipatory or good. He suggested the other day that the riots during  the recent G20 summit were an offence to the open society. And, quite recently, he called same-sex marriage a triumph of the (German) open society (a link to his tweet in German you can find in the German part of this posting).

Scholz is an ignorant.

A free society is, no doubt, a good thing. But an open society is quite another thing – albeit a good one too. The German society is arguably free. And it’s definitely not open. It’s too tribalist and social mobility in it is minimal. You can’t find one single person in German academia who would have a function similar to that of Quassim Cassam or – talking about open society – Popper. Of course, you do have foreigners in academia: mostly in departments like Slavic Languages, Orthodox Theology and the like. In fact, Germans would speak about „the foreigner“ when talking about a person whose parents were naturalised. Let alone about me – a man who became a citizen ten years ago. One of my four habilitation referees wrote in his report that my German is not sufficient for professorial duties: too analytic in style. A continental philosopher, of course, and probably an idiot too. I wouldn’t mind if he wrote this stuff after a long night reading Nietzsche, about Otto, the candidate around the corner. But it has another aftertaste if one writes it about someone with my name. The faculty considered to re-examine or to ignore him. They decided to ignore him but my feeling about my being a foreigner in Germany remains: it’s a biological accident. And, certainly, idiomatic, native German usage doesn’t help.

Fourteen years ago I wanted to publish a collection of articles that never appeared. I had found a publisher (Papazissis, Athens), the justification (the back then upcoming sixtieth anniversary of Popper’s Open Society), the special issue (Greece and the desiderate of an open society), the language (Greek), the title („The Open Society, Its Enemies and Their Enemies“), the authors.

I was promised a contribution by Andreas Andrianopoulos, a Chicago School politician, one by the Greek Mr-Applied-Ethics Giorgos Papagounos, one by Petros Gemtos, a philosopher of science and a man into university politics, one by Nedis Dimitrakos, a critical rationalist emeritus, whatever this means, and Mitsotakis-senior biographer. These were the people who, along with me, were to play the role of the enemies of the enemies. Yanis Varoufakis, back then a friend, and another guy whose name I forgot (he taught at Deree College Athens and was a Georg-Simmel scholar) were to play the role of the enemies of the enemies of the enemies. The latter turned out to be engaged at Syriza (back then they called it Syn) and asked his patron early enough to avoid damaging a career under the aegis of the party: he „had to decline“.

From the many promised contributions, there was not a single one I received. This is probably symptomatic for a country so devoid of a liberal spirit that one is tempted to think that the few Greek liberals are in reality actors who want to make believe that the country has a pluralistic political culture.

There are many reasons to make me see the German political culture as much more liberal than the Greek. Still, I would call Germany a society that is free – period. To be open, you see, it takes more than going to eat Italian gelato or Turkish kebab.

Kairos

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Wenn der Kopierladenbesitzer dich auf dem Bürgersteig zu begrüßen anfängt, ist es an der Zeit, die Diss abzugeben.

Wenn dir der Schaffner auf einem Bahnsteig, 300 Km von zu Hause entfernt, bekannt vorkommt, ist es an der Zeit, mal in einem anderen Land Vorträge zu halten.

Wilhelm Schmid, mein berühmter Erfurter Kollege und Mitbillenhauser – er durch Geburt, ich durch Heirat – sagte mir vor Jahren, dass er nie etwas mehr als zehn Jahre lang macht.

Nach seinem Grundsatz hat mein Engagement in den neuen Bundesländern bereits zwei Jahre zu lang gedauert.


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It’s about time to submit your thesis if the copy-shop owner greets you when he accidentally meets you.

And it’s about time to start lecturing in other countries if a conductor’s face on the platform of a railway station some 200 miles away from home appears to be familiar.

Wilhelm Schmid, my famous colleague of the Erfurt University and from the same 500-souls village my wife comes from, told me some years ago that he never continues doing something he’s been doing for a decade.

According to his criterion, my strolling around in the former GDR has lasted two years too much.