Matrimonium et pandaemonium

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Ich publiziere das trotz der reellen Gefahr, dass meine Frau es liest:

Descartes und Leibniz und Gödel – ich nenne nur die wichtigsten Vertreter dieser Denkrichtung – analysieren den Gottesbegriff so: Gott ist das Wesen, das alle positiven Eigenschaften und keine negative Eigenschaft verkörpert.

D.h. wenn Gott eine Eigenschaft hat, dann ist diese positiv, und wenn eine Eigenschaft positiv ist, dann hat sie auch Gott.

Ich dachte während meiner jahrelangen Beschäftigung mit Descartes und Leibniz und Gödel, dass das eine Begriffsbestimmung ohne einen für mein Leben praktischen Wert wäre. Aber so sind die plötzlichen Einsichten: Sie verblüffen unverhofft. Vor Kurzem ist mir nämlich eingefallen: Gott ist nicht verheiratet!

Wem wiederum nicht nur positive Eigenschaften zugeschrieben werden, der kann wohl wie die alten Götter verheiratet sein. Lassen wir überdem Annibale Carracci über Heras Gestalt annähernd richtig gelegen haben (annähernd, sage ich…), dann besaß Zeus mit seinen großen Momenten samt Gattin sicherlich eine weniger negative Eigenschaft als bei seinen Eskapaden mit in Kühe verwandelten Frauen!

Unter’m Strich muss ich wohl den Ehestand doch noch bejahen…

Annibale Carracci - Jupiter et Juno

I’m posting this notwithstanding the risk that my wife reads it:

Descartes and Leibniz and Gödel – to mention only the few most important representatives of this line of thought – analyse the concept of God in the following way: God is the entity who possesses all positive properties and no negative property is possessed by God.

In other words, if God has a property then this is a positive property, and if a property is positive then God has it.

I thought during my long occupation with Descartes and Leibniz and Gödel that this is an analysis withouth a practical value for my life until I realised only today that there must be some connection between this analysis and the fact that God is not married!

Those to whom not only positive properties are attributed, like the old Gods, may be married of course. And if Annibale Carracci was right in his depiction of Hera’s body (to some extent, she didn’t need to be that gorgeous…), then having great moments with his spouse was to Zeus a property definitely not as negative as having these other moments with women turned to cows!

So, I suppose that I’m affirming marriage after all…

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Disappointing Mary

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Atheisten führen sich manchmal wie betrogene, enttäuschte Lebenspartner auf. Sie drücken z.B. ihren Unmut darüber aus, dass Gott, die Mutter Gottes, die heilige Afra usw. gar nicht existieren würden, um zu erfüllen, was sie versprechen.

Bei Lebenspartnern ist Enttäuschung verständlich, wenn die andere Person

A. wirklich existiert;

B. sie betrogen hat;

C. tatsächlich nicht erfüllt hat, was sie versprach.

Können aber Menschen, die an die Existenz Gottes nicht glauben, irgendeine der Bedingungen A, B und C als zutreffend bei ihrem Verhältnis zu Gott, der Mutter Gottes usw. betrachten, ohne sich in einen Widerspruch zu verwickeln? Wohl kaum…

Fazit: Atheisten, die ihre Enttäuschung von Gott, der Mutter Gottes usw. ausdrücken, sind keine echten Atheisten, sondern Möchtegerngläubige.

Mutter Gottes

Atheists behave sometimes like disappointed partners of an unfaithful man or woman. They are embarassed for God’s, Virgin Mary’s or St. Afra’s failing to exist – which leads to God’s, Virgin Mary’s etc. failing to fulfil what they promise.

In the case of partners disappointment is understandable if the other person

A) really exists;

B) has been unfaithful; and finally

C) has failed to fulfil the promise to be faithful.

Could any real atheist say that any of the conditions A, B and C applies to his or her relationship with God, Virgin Mary etc. without contradicting his or her own belief that God doesn’t exist? Of course not!

I conclude from this that an atheist who expresses disappointment towards God, Virgin Mary etc. is rather wannabe religious than a real atheist.

Time is on my side

damiani

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Seit gestern weiß ich, um welches Thema sich mein Hauptseminar im Sommersemester drehen soll. Da ich mich letztens wieder mit der Zeitphilosophie beschäftige (ich gebe einen Sammelband mit wirklich sehr guten Beiträgen heraus), meine ich, dass es sehr gut und „ökonomisch“ wäre, in einer Lektüreveranstaltung wichtige Texte über die Zeit aus der Philosophiegeschichte zu lesen: Aristoteles, insbesondere die „Seeschlacht“ und einen Text aus den Parva naturalia, Augustinus, Petrus Damiani, Thomas von Aquin und Wilhelm von Ockham.

Petrus Damiani (+ 1072) habe ich einerseits als wichtige Stimme der Scholastik andererseits zur Erheiterung mit einbezogen. Er meinte, Gott sei zwar imstande zu verhindern, dass eine Jungfrau in Zukunft „fällt“ (das ist sein Ausdruck), aber nicht mehr imstande, das „Gefallensein“ einer nicht-mehr-Jungfrau nachträglich ungeschehen zu machen. Gott könne also trotz Allmacht nichts für sie tun (er könne in ihre Vergangenheit nicht mehr einwirken).

Da Mick Jagger dies wusste und außerdem auch wusste, welchen Eindruck er bei jungen Frauen hinterließ, sang er seinerzeit:

The scholastic Peter Damian (+1072) said that God can prevent a virgin’s „fall“ (this is his term) but can do nothing to make her „fall“ not happened („infectum facere“). And since Mick Jagger knew this in 1964 and, additionally, was very self-confident about the impression he left in the young ladies‘ souls, he sang the lyrics…

I know since yesterday that in the summer semester 2014 my students and I will read texts on time, above all Aristotle, the „Sea Battle“ and a text from the Parva naturalia, Augustine, Thomas Aquinas and William of Occam. I know the texts and very much of the modern bibliography on the matter and, indeed, in 2014 an anthology with new articles on the philosophy of time written by eminent scholars and edited by me will be released.

I think that the students will come to my lessons with real interest. But I also think that without Peter Damian we’d have half the fun than the fun which we’ll have with him.

Preferisco il tedesco o il Francesco?

Ratzinger Bergoglio

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Um die Titelfrage gleich vorweg zu beantworten, gilt meine Präferenz Ratzinger. Er hätte wenigstens das Wirken von Mystikern nicht als spezifische Differenz von Religion und Philosophie ausgegeben, wie sein Nachfolger in seinem in „La Repubblica“ vom 1. Oktober publizierten Gespräch mit dem Herausgeber des Blattes Eugenio Scalfari getan hat (hier die italienische Fassung). Schließlich gibt es eine philosophische, gottlose Mystik und durchaus Gottesglauben ohne Mystik.

Das Gespräch wurde zwar nach Scalfaris Gedächtnis abgedruckt und mindestens eine widersprüchliche Passage über ein mystisches Erlebnis, das er gleich nach seiner Wahl gehabt haben will, dürfte der Papst bei der Erteilung des „imprimatur“ überflogen haben. Aber folgender Satz ist so plakativ, dass er ein Originalzitat sein muss.

Una religione senza mistici è una filosofia

„A religion without mystics is a philosophy“. This is a passage from pope Francis’s conversation with the editor-in-chief of the Italian daily „La Repubblica“ Eugenio Scalfari, printed in the paper from Scalfari’s memory on October 1st (here is the Italian version of the conversation). Ratzinger, the pope’s predecessor, would never identify the action of mystics as the specific difference of religion as distinguished from philosophy. There is philosophical mysticism without God and there are religious beliefs without mysticism.

Now, when Ratzinger said something „radical“, you were certain that he had thought about it for hours and hours. The rumours that the pope approved the text of the conversation but a contradictory part of it concerning a mystic experience he had at the day of his election escaped his attention, make me feel justified in preferring Ratzinger to him.

Akten

Die GAP.8-Akten sind heraus! Das pdf-Dokument können interessierte LeserInnen hier finden:

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=31200

Meinen Beitrag findet Ihr auf S. 405-411 (seitenmäßig recht dünn also – argumentationsmäßig hoffentlich nicht). Er hat mit Richard Swinburnes Bayesschem Argument für die Existenz Gottes zu tun. Und mit Blaise Pascal.

Meine Pointe ganz kurz gesagt: An Gott zu glauben, ist rational für alle, die sowieso fasten, oder tugendhaftes Leben dem Laster sowieso vorziehen, oder an Gott glauben wollen. Für den Rest bin ich mir nicht sicher…

Wer unter meinen Lesern in diesem Blog ein spektakuläreres Resultat erwartet hat, hat mich überschätzt.