Romanticism as ecstasy. The one you buy, not the one your heart gives you.

Scroll for English

Sie ruft an, unsere Ältere, um mir ihre letzte Entdeckung zu zeigen. Es ist Sonntag, 10 Uhr vormittags, ich bin unrasiert und muss feststellen, dass Mortimers Buch vielversprechend klingt. Die Romantik war, um Marx aus einem anderen Kontext zu übertragen, “das Gemüt einer herzlosen Welt”, ohne allerdings die religiösen Allüren. Naja… Nicht ganz ohne. Die Romantik ist eine quasireligiöse Projektion einer vermeintlichen Ekstase auf Menschen, die sich einerseits im marxistischen Sinn prostituieren mussten, andererseits es gern hätten, dass der Teil ihres Lebens ohne Prostitution doch noch dasjenige ist, das zählt.

Mit der verklärenden Funktion der Romantik im Hinterkopf ist es sehr gut, über das echte Leben des georgianischen Zeitalters zu lesen.

Die Erwartung einer Belohnung nach dem Leben ist mit Marx sehr gut verständlich. Ein billiges Opiumersatz fürs Volk. À la Marx lässt Mortimer einen einsehen, dass die Romantik ein Ecstasyersatz für diejenigen war, die ein billiges Leben führen mussten.

Byron kam vor fast genau zwei Jahrhunderten nach Griechenland, um sich unglücklich zu verlieben und schließlich als Verteidiger des revoltierten Missolonghi zu verhungern. Er hat am eigenen Leib gespürt, dass das berechtigende Leben dasjenige ist, das man lebt; nicht dasjenige, dass man gelebt hätte, wenn…

Enough with scrolling

When our eldest daughter calls me to tell me about her last discovery it’s Sunday, 10 am CET. I’m not shaved. As she describes it to me, Mortimer’s book is a promising read. Romanticism is, to cite Marx in another context: “the heart of a heartless world”, but without the religious element. Not quite… Romanticism is a quasi religious projection of an alleged life that people who prostituted themselves (in Marx’s sense) failed to get.

Bearing this in mind, if you read about what real life was like in Georgian England can be sobering.

You can understand your expectation of an afterworld when you read Marx. A cheap surrogate for opium for simple people who sell themselves. Mortimer would be an author to make one understand romanticism: A cheap surrogate of ecstasy for those who preferred to live a predictable life instead of being really ecstatic.

Byron came to Greece two centuries ago to fall in desperate and unreturned love and to fall – period – in Mesolongi. There at the latest he must have noticed that it’s the life that you live that counts, not the one you would have lived if…

The summer gave and the summer has taken away

Scroll for English

Noch eine eigene Übersetzung. Es ist Sommer, es ist vorbei. Odysseas Elytis (Literaturnobelpreis 1979), Alles mit dem Sommer hinweggerafft, aus dem Zyklus Die Rhos des Eros (1973):

ALLES MIT DEM SOMMER HINWEGGERAFFT

Alles mit dem Sommer hinweggerafft:

zerzaustes Haar an den Meereswellen;

Termin um eins, uns zu gesellen.

Alles mit dem Sommer hinweggerafft:

die schwarzen Augen, am Hals ein Tuch,

und die Kapelle mit dem Gebetsbuch.

Alles mit dem Sommer hinweggerafft:

die halben Worte, die verschluckten;

die Bootssegel, die missglückten.

In Schaum und Spritzern und Meeresalgen

raffte er alles hinweg und fegte

den Schwur, der im Wind erbebte.

Alles mit dem Sommer hinweggerafft,

auch unsere Hände, einander in Haft.

Enough with scrolling

One more translation of my own. It’s summer. It’s over. Odysseas Elytis (Nobel prize for literature 1979), The Summer Has Taken It All away, from the poetry collection The Rhos of Eros (1973):

THE SUMMER HAS TAKEN IT ALL AWAY

The summer has taken it all away,

Your windswept hair at the waves of the sea,

Our date at one, you and me.

The summer has taken it all away,

Your black eyes and the scarf to fit,

The little chapel, the candle we lit.

The summer has taken it all away,

Us, hand in hand, going astray.

The summer has taken it all away,

The half words, those which rather faded,

The boat sails, deteriorated.

From the spray of the foam and the algae

It took everything, as it were,

The oaths that trembled in the air.

The summer has taken it all away,

Us, hand in hand, going astray.

Swiss exile

Scroll for English

Die gute Freundin will wissen, wie es mir in meinem “Schweizer Exil” gehe. “Schweizer Exil” klingt in meinen Ohren wie “nordkoreanischer Tourist”. Nicht ganz ein Kategorienfehler, aber fast. Niemand wird in die Schweiz exiliert. Das einzige, mir bekannte historische Gegenbeispiel, Lenin, ist uralt.

Ich sage ihr, dass ich viel schreibe, wenig lese, Waldhimbeeren sammle, lieber wie Johanna Spyris Heidi stundenlang zu Fuß in “die Stadt” laufe, als das “Postauto” zu nehmen.

Letzten Donnerstag benerkte Marta, meine Älteste, dass mein Handy klingelte. “Nicht mein Handy, Marta”, sagte ich, “sondern die Kuhglocken”.

Sehr jung war ich an Lenin interessiert. Den Umstand, dass er ausgerechnet in dem Land exiliert gewesen war, wo der einzige mir bekannte Ausländer Aristoteles Onassis war, hat mich beeindruckt. Onassis mochte auch Glyfada, wo ich aufgewachsen bin. Es gibt Bilder, die ihn zusammen mit Churchill zeigen, wie er auf dem Beiboot Christina, die Yacht, verlässt, um an die Küste zu fahren, wo ich ein paar Jahre später schwimmen sollte.

Während meines Schweizer Exils sendet mir meine Segel-Clique in Glyfada Bilder. Wie unempfindlich die doch sind, meine lieben…

Enough with scrolling

A good friend wants to know how I get along in my “Swiss exile”. “Swiss exile” sounds in my ears like “North Korean tourist”. Not quite a category mistake but close… No one is exiled in Switzerland. There is one notable historical counter-example to this, however an old one: Lenin.

I want to tell her that I write a lot; read less; collect raspberries in the forest; take rather the hour-long walk from the mountain to the town like Johanna Spyri’s Heidi, instead of taking the bus – the “post car” as locals say.

Last Thursday, during this walk, Marta, my eldest, remarked that my mobile phone was ringing. “It’s not my phone, Marta” I said…

“It’s the cowbells”.

When I was very young, I was interested in Lenin. I thought that it was awkward that, of all places, he had been exiled to a country where the only other foreigner I knew of to spend his time there, was Aristotle Onassis. Onassis was also fond of Glyfada where I grew up. There are pictures of him with Churchill offshore our beach, during yachting.

While I am “exiled” in Switzerland, my Glyfada-based yachting friends send me pictures. More or less from the same spot. How insensitive of them…

A unique “ego”

Scroll for English

Alle Becher haben gleich ausgesehen, so dass ich meinen nicht finden konnte. Diese Bekannte, von Beruf Psychiaterin, markierte also einen und gab ihn mir. Ich bemerkte, dass das Wort “Ich” meinen Becher nicht besser markiert als ihren, zumal dieses griechische Wort “Ego” in ihrer Schrift da steht. Sie konterte, dass ich der einzige war, der eine Markierung auf dem Becher wollte und bekam, so dass man leicht identifizieren kann, welches “Ich” gemeint ist.

“Ich” ist ein Indexikalausdruck. Bravo Ria.

Enough with scrolling

All cups were the same, so I couldn’t find my own. Then, this psychiatrist friend on the boat said: “Wait, I’ll mark yours for you” and wrote simply “Ego” instead of my name. I said that this is not identifying me more than her, let alone if it’s written with her writing character. And then she said “Yes, but it’s the only one that’s marked, so it can be easily identified”.

Well said, Ria. “I” is an indexical.

Dialektik der Ernährung

Scroll for English

Enthusiastische Äußerungen über Griechisches sind von mir nicht zu erwarten. Sie würden dem Griechen in mir den Anschein der Eitelkeit geben. Bei der folgenden Geschichte versuche ich, die Übertretung dieses meines Prinzips zu relativieren unter Hinweis auf die Eigenschaft der Reflexion, eine allgemeine menschliche, keine einzelkulturelle Kapazität zu sein. Aber der beschriebene Osterbrauch ist griechisch – kein Thema.

Nach der nächtlichen Ostermesse – die wir in der Nacht zum 2. Mai coronabedingt nicht besuchen konnten, aber das ist ein anderes Thema – beginnt das Eierklopfen. Wer am Ende ein ungebrochenes Ei hat, hat gewonnen – und ein Ei, das er nicht essen kann, weil es aufgehoben werden muss: das Gewinner-Ei. Die Verlierer, diejenigen also, deren Eier im Wettbewerb zerbrachen, verzehren dieselben.

Wer ist nun der Gewinner und wer der Verlierer?

Wenn es einen Sinn macht, das östliche Mittelmeer und das damit verbundene Gedankengut kennenzulernen, dann vordergründig deshalb, weil die Beziehung zum genannten Kulturkomplex mit der ständigen Aufforderung einhergeht: Denk mal nach. Hast du das gemacht? Gut! Jetzt überdenke, was du gerade gedacht hast…

Enough with scrolling

I hate being suspect of enthusiasm towards Greek culture. I hate it because it makes me look vain. The story to follow is one that pertains to logical reflection as a general human capacity, which could make believe that I do not violate my principles of never taking a specifically Greek stance. However, in what follows, it is a Greek custom I describe alright…

After the nocturnal Easter mass, one that this year we were unable to attend in the early hours of May 2nd due to the Covid-19 measures, but this is another story, each fellow’s easter egg is knocked against another’s easter egg. The many losers, i.e. the ones who, at the end of the contest, have a broken egg, may eat it. The one winner may not eat his egg since it survived the battle.

But then who’s the real winner and who’s the real loser?

A good reason to learn about the Eastern Mediterranean and its culture is probably what appears to be an underlying imperative in the latter: think! You did so? OK, now rethink!

From a wild like Byron to a Byronlike Wilde

Scroll for English

Diese Tage vor 200 Jahren entfachten sich gleich drei bewaffnete Erhebungen gegen den Sultan und die Hohe Pforte: Eine auf dem Westbalkan, in einem Landstrich gegenüber Korfu, eine in Rumänien und eine auf der Peloponnes. Eine vierte, serbische, wurde mit der Ermordung ihres Anführers im Keim erstickt. Erfolgreich war nur die Revolution in Südgriechenland. Sie führte zur Gründung des Staates Griechenland. In all diesen Erhebungen waren griechische Offiziere in russischem Dienst die Drahtzieher. Die griechische Beteiligung ließ die Ideologie des wiederauferstandenen, klassischen Griechenland plausibel erscheinen, aber die Kulturgeschichte spricht eine andere Sprache: Die Revolutionen des Jahres 1821 wurden von einer an Voltaire und Napoleon orientierten Ideologie getragen. Die Romantiker und die Ästhetiker, das Zurückgreifen auf die Antike, das alles waren nachträgliche Legitimationsversuche. Mit Posen in griechischer Nationaltracht konnten Byron und Wilde nicht etwa die Geschichte umschreiben.

Enough with scrolling

Almost exactly 200 years ago, three plus one revolutions against the Sultan began: one in the Western Balkans, in the region opposite Corfu, one in Romania, one, finally, in Southern Greece. Only the last, which laid the foundations for the independence of Greece, proved successful. The attempt, finally, to incite a revolt in Serbia failed after the killing of the Serbian leader. The deep involvement of the Czar’s Greek officers and diplomats in these events made the ideology of the rebirth of classical Greece appear plausible. The cultural history of the Balkans, however, provides evidence that the ideological backing in the time of the events of spring 1821 in the Balkans referred rather to Voltaire and Napoleon than to Miltiades or Alexander the Great. Romantics and aestheticists saw an ancient spirit at work but this was a later construction. Byron’s and Wilde’s fustanellas did not influence history. They just gave a hint to its interpretation. A misleading one.

Corona martyrii

Scroll for English

Jeden 17. November trauert Griechenland um die Opfer der Studentenunruhen des Jahres 1973. Der 17. November 1973 war ein Freitag, was sich auf die spätere Erinnerungskultur sonderbar auswirkte. “Sonderbar”, weil die Trauerfeier trotz ihrer allgemein linken Ausrichtung an die Karfreitagsprozession erinnert. Während nun die Karfreitagsprozessionen von Nikosia bis Malaga mit dem Schrein des aufgebahrten Jesus in der Kirche ihren Ausgang nehmen, um ebendaselbst zu enden, beginnt der Trauermarsch des 17. November an der Athener Technischen Universität – um den Stadtcampus herum lagen die meisten Toten der 73er Unruhen – um zum Schluss die US-amerikanische Botschaft zu erreichen, eine Bauhaus-Version des Parthenons und Werk keines geringeren als Walter Gropius.

An jene Novembertage erinnere ich mich gut, obwohl ich erst sieben Jahre alt war. Meine Eltern hatten die unglückliche Idee, am Sonntag nach den blutigen Ereignissen einen Spaziergang in Athen zu machen. Wie viele andere haben sie nicht geahnt, dass die Polizei Demonstranten erschossen hatte. Als Schüsse zu hören waren, rannten wir. Vor allem erschreckten mich die Gesichtsausdrücke der Erwachsenen.

Dass niemals ein amerikanischer Soldat die Waffe gegen einen griechischen Bürger gerichtet hat, daran zweifelt wohl niemand. Aber die Linke hatte bereits Jahre zuvor den USA die Schuld für die Diktatur zugeschoben. Der Gropius-Bau wurde in der Wahrnehmung vieler das Tor zum Hades für den politischen Karfreitag.

Heuer findet die Prozession zum ersten Mal seit 1974 nicht statt. Das ist nur konsequent. Das Coronavirus ließ uns Sonntags- und Ostermessen absagen. Auf solche Einschränkungen reagierten die Religiösen mehr oder weniger rational trotz der wenigen Vorfälle, die jedes besonnene Handeln in Frage stellten. Es gab etwa Gemeinden, die vor der Kirche Distanz hielten, bis der Pfarrer kam, um die Heilige Kommunion mit einem einzigen Löffel zu erteilen. Ich nenne es nicht irrational, nur unbesonnen, wegen der – tja… – Rationalisierung: “Gewandeltes Blut Christi überträgt keine Krankheiten”.

Die Kommunistische Partei – keine Assoziation mit der Kommunion: Sie ist ein echter politischer Faktor in Griechenland, deshalb die Erwähnung – protestiert wegen der Absage des Trauermarsches, will aber, dass die Kirchen geschlossen bleiben.

Der Antagonismus zwischen orthodoxen Marxisten und orthodoxen Christen ist allerdings nicht nur Entgegnung. Es ist gleichzeitig Appropriation: Prozessionen hier, Prozessionen da, Heilige hier, Heilige da.

Vor Tagen hörte ich mir wieder Mikis Theodorakis’ “Tragudia tu agona” (Chansons de lutte) an. Ein Beispiel von vielen Anlehnungen an das Religiöse:

“Morgen soll die eine Hälfte irgendwohin transportiert werden,

wir müssen auch gehen, aber woandershin:

Vielleicht ans Festland, vielleicht auf eine Insel.

Es möge der Wille Gottes geschehen.”

Enough with scrolling

Every 17th of November, Greece mourns for the victims of the students unrest of 1973. November 17, 1973 was a Friday, a fact which, peculiarly enough, left some traces on the symbolism of the mourning. “Peculiarly” because, in spite of the generally leftist context, the main event of the mourning is reminiscent to the epitaphios procession on Good Friday. The standard Good Friday procession begins in the church with the shrine of the lying Jesus at its head, and ends there too. There are local varieties throughout the northern Mediterranean coast from Nicosia to Malaga, but this is the essence.

The Nov 17 procession of the various left-wing parties of Greece, however, starts at the Technical University of Athens, around which the most bodies of mostly young people were discovered after the revolt, and heads to the American Embassy of Athens, a Bauhaus version of the Parthenon and a work of Walter Gropius.

I have personal memories from the revolt, although I was only seven. My parents had the unfortunate idea to have a walk in downtown Athens on the subsequent Sunday, Nov 19, 1973 – most people thought that revolting students were being rather arrested than shot dead – when the shooting started. I was mostly terrified from adults around me looking terrified. Gunshots per se are not scary. We ran…

There was never doubt about the fact that no American soldier has ever shot one single bullet in Greece to kill a Greek. But the left considered the Americans responsible for the dictatorship – and treated the Gropius building as the gates of Hades of their Good Friday.

This year, the procession will not take place for the first time since 1974. Covid-19 made us abolish rituals like the Sunday service and Easter, so why not Nov 17? The religious were generally rational in spite of reactions that – I wouldn’t call them completely irrational since they employed rationalisation – challenged every intuition of phronesis. People in the church yard, for example, kept the recommended distance, but partook in the holy communion with one single spoon for the whole parish. “It’s the blood of our saviour – immune to Covid” you hear them saying.

The Communist Party of Greece – I do not mention them because of an association with the word “communion”, they are really a political factor in Greece – demands the procession to take place but the churches to remain closed. Antagonistic religions, you can say. Which is not far from truth. But the antagonism goes further: some the symbols are common. I was listening the other day after many years “Tragoudia tou agona” (“Songs of the Struggle”) by Mikis Theodorakis: the religious element in them is striking: “I talk to out Lady and to your Judge in heavens. I reckon your age by the bitterness. But tell: is your torturer a creature with eyes, lips and a neck?”

We used to play this with the guitar at school. The girl who gladly sang it, I think her name was Sophia. From Crete. After school she joined the Communist Party. I’ve never heard anything about her since then.

She had a nice voice. I hope that she remains healthy.

To vapóri

Scroll for English

Gäbe es eine eigenständige euböische Literatur, dann wäre Jannis Skarimbas ihr Ludwig Thoma und ihr Johann Peter Hebel. Das in seiner volkskundlichen Phase. Später wurde er zum ersten griechischen Surrealisten. Noch etwas später wollte er eine Art Historiker sein, der für eine KP-engagierte oral history eintritt. Diese dritte Phase möchte ich außer Acht lassen, da sie sehr schwach und qualitativ schlecht ist. Die zweite birgt Überraschungen in sich. Denn wie kann ich es sonst nennen, wenn zwanzig Jahre vor Thomas Nagels “What is it like to be a Bat?” der Satz geschrieben wird: “Wie wäre es, wenn wir sehsinnmäßig springen und bewegungsmäßig sehen würden?” Skarimbas genoss kein Philosophiestudium und trotzdem wies er auf einen Zusammenhang hin zwischen Intentionalität einerseits und Kategorien bzw. Kategorienfehlern andererseits.

Es ist ausgerechnet die erste Phase, aus der ich unten übersetzte. Das Gedicht, zunächst 1936 erschienen, tendiert zur Volkspoesie, was sich in der Wortwahl (so ist z.B. vapóri statt karávi oder plío zum Schiff ein “Euböismus”) und der Hafenszenerie manifestiert. Es ist nicht im Sinne des Propagierens der Heimatliteratur meiner Insel, wenn ich ihn übersetze. Eher halte ich es für eine Ungerechtigkeit, dass er unübersetzt und unbekannt bleibt. Vor allem würde der Roman seiner volkskundlichen Phase To thío tragí (Heiliger Ziegenbock) mehr Aufsehen verdienen. Der Hauptcharakter darin, ein Negativbild von Nietzsches Zarathustra, ist ein areligiöser Provinzler – mit mystischen Zügen, wenn es ihm gerade passt – gleichzeitig Gedichte schreibender Stallmeister, der zum Schluss die Ehefrau seines Arbeitgebers ins Bett kriegt. Um das Tragí zu übersetzen, bräuchte ich sehr viel Freizeit, die ich nicht habe. Wenigstens ein Gedicht und wenigstens etwas von dessen Versmaß und Reim hinüberretten. Für Kommentare wäre ich dankbar.

Das Dampfschiff
Schleichend wurde es spät und gleich noch trüb und trüber// 
blaulich wie 'ne Wolke voller Druckerschwärze.// 
Mitten im Dunst kam er bedrohlich rüber,// 
lief in den Hafen ein sachte an die Ankerplätze.// 

"Der Dampfer", sagte ich und zwar erschrockener Seele.// 
Siehe da: das Geisterboot, doch siehe!// 
Wen wohl kam es zu packen an der Kehle// 
böse, gehässig wartend unten hier?// 

Furchtsam war mein Mut und mit allem Bangen// 
schwarz der Verdacht, den ich hatte in meinem Herzen.// 
Offenbar würde ich unbekannt gelangen// 
weit außerhalb der Weltengrenzen.// 

Ach wie unglücklich weinte ich nachtsüber frei,// 
alle Vorbereitungen des Hades um zu treffen,// 
als das Dampfschiff am ganzen Leib rülpste mit Geschrei -// 
blinde Hyäne von denen, die im Dunkeln kleffen.// 

Morgens sah ich es nicht. Im Wasser zog sich ein Strich,// 
einer, der sich mit dem Himmel vereinigte// 
sich schlängelnd nur, wohin dies Schiff -// 
den Kurs von meinem Dampfschiff zeigte.// 

Nun sogar noch trauriger öffne ich meine Seele.// 
Bitter lamentiert's in meinem Herzen.// 
Ach, was für eine Chance ist die, die, wie man sagt, mir fehle// 
zu fliehen außerhalb der Weltengrenzen.


Enough with scrolling

If there were a literature called Euboean, Yannis Skarimbas would have been its Seán O’Faoláin without the nationalism.

This was in his ethnographic phase. Later, he became the first to write surrealistic prose in Greek. Then he went into historiography to write in a manner reminiscent to oral history and favouring the Communist Party of Greece.

This third phase is the weakest of all and I will not dwell on it. The second can be surprising. Thirty years before Thomas Nagel’s “What is it like to be a Bat” you have an author who wonders what it would be like to jump seeingly (sic) and to see jumpingly (sic). Even if this is a way to play with the possibilities a language offers, one that unluckily resulted to gibberish talk, Skarimbas shows that there is a connection between intentionality and the proper use of categories as opposed to category mistakes.

My following translation of a piece of his folk-tune-like poetry is not due to nostalgic mood, me poor guy earning my daily bread in Switzerland instead of fishing at the Euboean shores. Rather, I find it unjust that he remains untranslated and unknown. For example his novel Holy Goat – its main character is like a negative film of Nietzsche’s Zarathustra – deserves a translation which would demand much more time than I have. Below, I am translating a poem first released in 1936. It tends to folk poetry, which is manifest in “Euboeisms” like vapóri instead of karávi or plío for ship as well as in the scenery.

My first concern was to keep the metre and the rhyme. I would be grateful for comments.

The Steamship
Gloomy the evening, heavily proceeding// 
blueish like a cloud that's made of ink.// 
Covered in the mist, floating and heeding// 
the steamship came to anchor 'fore you blink.// 


"Gosh, the steamship!" said I and my heart was trembling.// 
Watch out, that's the ship, the vulture, how bogus!// 
Who has she come for and awaits to sling// 
at in her anger and silence from among us?// 


During the whole night I cried, unfortunate me,// 
getting prepared for the harrowing of Hades// 
and the steamship did nothing but burping and howling -// 
a hyena who's as blind as the shade is.// 


On the morrow I missed it. In the waters there was stretched// 
a snake-like line that joined the firmament,// 
one the vessel had drawn and fetched,// 
one which along my steamship went.// 


I open my soul with an even sadder mood.// 
Sorrow bitterly sings in my inside.// 
Oh what a chance I lost to depart for good// 
to a place out of any borders worldwide.

Transsubstantiatio et transpropertatio

https://philori.files.wordpress.com/2014/09/amper-isar.jpg

Scroll for English

Die griechisch-orthodoxe Gemeinde in der Schweiz, deren Münchensteiner Sophienkirche ich sehr unregelmäßig besuche, feiert seit Anfang der Corona-Krise keine Gottesdienste. Es ist eine Kirche, wo die Heilige Kommunion typischerweise in beiderlei Naturen und zwar mit einem Kelch und mit einem Löffel gefeiert wird.

Selbst wenn es nicht offen gesagt wird, ist dieser Umstand, die Aussetzung der Gottesdienste, die ratio cognoscendi der Überzeugung, dass der Löffel und der Kommunionswein Covid-19 übertragen kann und dass diese Gefahr unverhältnismäßig groß ist gemessen am Gewinn.

Gerade habe ich allerdings über die Eucharistie im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung gesprochen. Da ist bereits ein Punkt, an dem mir viele orthodoxe Christen etwas anhaben würden. Sie würden wahrscheinlich hinzufügen, dass der Kommunionswein keine Krankheiten übertragen kann, nachdem es in Blut Christi gewandelt wurde. Sie würden diesen Ausdruck vor dem üblichen “Transsubstantiation” bevorzugen. Noch übermorgen, am orthodoxen Ostersonntag, würden sie an der Ostermesse teilnehmen und aus einem Kelch mit einem Löffel das Blut Christi zu sich zu nehmen.

Jüngst gab es in Nordserbien sowie in Georgien Fälle, in denen sich die Herde während der Sonntagsmesse außerhalb der Kirche aufhielt, um der Ansteckungsgefahr durch das neue Coronavirus vorzubeugen, allerdings aus einem Kelch und mit einem Löffel Leib und Blut Christi zu sich nahm, als der jeweilige Pfarrer auf den Kirchhof kam. Wahrscheinlich dachten sie, dass es sich bei der Verwandlung der Kirche ins Paradies um eine Metapher handelt, bei der Wandlung des Brotes und Weines in Leib und Blut Christi aber um etwas Physisches. Die Republik Griechenland – das muss ich an dieser Stelle wohl sagen – erlaubte Gottesdienste nur während der Karwoche und das durch den Gemeindepfarrer und ein Chormitglied allein hinter verschlossenen Türen. Es ist eine archetypische orthodoxe Beschuldigung gegen die Westkirchen, dass letztere eine Hostie ohne Eigengeschmack dem Hausbrot vorziehen, um nicht in Versuchung zu kommen, aus den verbliebenen Broteigenschaften wie die Konsistenz und der Geschmack zu schließen, es wäre immer noch Brot, was man zu sich nimmt. Da die Orthodoxen offenbar sehr erfolgreich die sekundären Eigenschaften des Kommunionsbrotes verdrängen, denken sie, dass das keinem sonst gelingen würde, wenn das Brot etwas – sagen wir – säuerlich wäre.

Im Gegensatz zur orthodoxen Haltung: “Es ist kein Brot, es ist kein Wein, es ist nichts von dieser Welt, also werde ich dadurch auch nicht krank” tendieren philosophisch ausgebildete Katholiken zum Nominalismus. Der Trope “Blutchristihaftes” wird immer in der Messe per Umbenennung um einen singulären Kelch Wein angereichert. Wer sich darüber im Klaren ist, wie konservativ das Phänomen Sprache ist, dem erscheint es kaum weniger wundersam, wenn alle auf einmal sowohl ihre Sprache als auch ihr Benehmen an eine Umbenennung anpassen. Aber die Umbenennung schützt einen nicht vor Infektion.

Vor Jahren pflegte ich folgendes Spiel zu spielen, immer wenn ich mit meinen Töchtern auf Fahrrädern unterwegs die Mündung der Amper in die Isar erreichte. Ich erhob meinen rechten Arm – meine Töchter waren noch im Alter, wo sie das witzig fanden – und verwandelte magisch die Isar in die Amper und die Amper in die Isar. Ab sofort war der jeweilige Fluss der andere. Natürlich blieb der linke Fluss – angenommen wir gucken nach Norden – derjenige, der von Dachau kam, der rechte derjenige, der von München und Freising kam – keine Frage! In der Paläogeographie ist es stets das Wasser, das bestimmt, um welchen Fluss es sich handelt, nicht das Flussbett. So blieb z.B. vor Millionen von Jahren ein Teil der Ur-Donau nördlich der Aare trocken. Es war ursprünglich ein Donau-Flussbett. Dass später die Wutach in dieses Flussbett hineingeflossen ist, so dass sie ihren Lauf dramatisch wechselte, bringt die Geologen nicht in Verlegenheit. Vorher Wutach – nachher Wutach, auch wenn die Richtung jetzt eine andere ist, im Flussbett eines vormals anderen Flusses.

Die Orthodoxen verstellen sich, dass die Metaphysik der Namensgebung auch anders sein könnte: am Beispiel bei der Eucharistie. Es ist ein sehr starker metaphysischer Glaube, was hinter der orthodoxen Position steckt und dem Nominalismus eines Denkers trotzt, der lange Zeit an der Isar lebte: Wilhelm von Ockham. Ein gesundheitsgefährdender Glaube in Zeiten von Epidemien ist er auch noch.

Enough with scrolling

Presently, the Greek Orthodox community of Switzerland whose church of Holy Wisdom in Basel I irregularly visit, has dispensed all services in the aftermath of Covid-19. It is a church that typically practices the Holy Communion from one single cup, with one spoon.

If you do the math you will infer that in times of an epidemic, the parish believes that the – obviously existing – risk to be infected from the Holy Communion is disproportionate to the spiritual benefit – and fairly so.

Some Orthodox however would not only consider it sacrilegious to speak of the Eucharist in terms of a cost-benefit analysis. They would also say that communion wine is not virulent as a consequence of its being rendered to blood of Christ. They would go to church and partake in the Holy Communion with one spoon without realising the risk.

In recent cases in Northern Serbia and in Georgia, the corresponding parishes avoided entering the church out of fear of infection, however they did partake in the Holy Communion from one cup and with one spoon when the priest sought his people outside, in the churchyard. They presumably thought that the transformation of the church into the kingdom of God during the mass is symbolic while the transformation of wine to Christ’s blood is a natural, physical process. To prevent similar situations, the Hellenic Republic allows services to take place during the Corona crisis only in the Holy Week and this behind closed doors, only with one priest and one choir member. Let me just mention here that there are Orthodox who blame Roman-Catholics of preferring consecrated wafers to everyday bread because the latter allegedly reminds of the properties remaining there as before the consecration. Since the properties remaining there is the very idea which the Orthodox repress – and this very successfully – they think that everyone else has issues with it.

In contrast, learned Roman Catholics often come up with a nominalist understanding of the Holy Communion: communion wine is, they’ll tell you, the blood of Christ in the sense that the trope “blood-of-Christ-like” is enhanced with a new individual – a cup of wine. After the transsubstantiation, they’ll tell you, the properties of the wine are remaining because transsubstantiation is only an act of renaming. Ergo, you can be infected.

Years ago, my daughters and I played a game – if you want to call it a game – whenever we journeyed with our bikes along the riverbanks of the Isar until its confluence with the Amper. Reaching the point – the girls were young enough to find this witty back then – I used to raise my right hand and made the one river be the other. But even after I renamed the rivers, the one to the left when we looked northwards was the one whose waters came from Dachau, the one to the right was the one which came from Freising and Munich. I had not changed this, of course. I am informed that in palaeogeography, when a riverbed is dried off and another river finds its way through it, it is the waters, i.e. the new river, which determines which river this is.

The Orthodox pretend during the Eucharist that this could be otherwise. This is a strong metaphysical belief, of course, and a much stronger one than the nominalism launched in Christian faith by a person who was actually very familiar to the river Isar: William of Ockham. But if you are an Orthodox in times of an epidemic, this issue of the philosophy of language can cost you your health.