Corona martyrii

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Jeden 17. November trauert Griechenland um die Opfer der Studentenunruhen des Jahres 1973. Der 17. November 1973 war ein Freitag, was sich auf die spätere Erinnerungskultur sonderbar auswirkte. “Sonderbar”, weil die Trauerfeier trotz ihrer allgemein linken Ausrichtung an die Karfreitagsprozession erinnert. Während nun die Karfreitagsprozessionen von Nikosia bis Malaga mit dem Schrein des aufgebahrten Jesus in der Kirche ihren Ausgang nehmen, um ebendaselbst zu enden, beginnt der Trauermarsch des 17. November an der Athener Technischen Universität – um den Stadtcampus herum lagen die meisten Toten der 73er Unruhen – um zum Schluss die US-amerikanische Botschaft zu erreichen, eine Bauhaus-Version des Parthenons und Werk keines geringeren als Walter Gropius.

An jene Novembertage erinnere ich mich gut, obwohl ich erst sieben Jahre alt war. Meine Eltern hatten die unglückliche Idee, am Sonntag nach den blutigen Ereignissen einen Spaziergang in Athen zu machen. Wie viele andere haben sie nicht geahnt, dass die Polizei Demonstranten erschossen hatte. Als Schüsse zu hören waren, rannten wir. Vor allem erschreckten mich die Gesichtsausdrücke der Erwachsenen.

Dass niemals ein amerikanischer Soldat die Waffe gegen einen griechischen Bürger gerichtet hat, daran zweifelt wohl niemand. Aber die Linke hatte bereits Jahre zuvor den USA die Schuld für die Diktatur zugeschoben. Der Gropius-Bau wurde in der Wahrnehmung vieler das Tor zum Hades für den politischen Karfreitag.

Heuer findet die Prozession zum ersten Mal seit 1974 nicht statt. Das ist nur konsequent. Das Coronavirus ließ uns Sonntags- und Ostermessen absagen. Auf solche Einschränkungen reagierten die Religiösen mehr oder weniger rational trotz der wenigen Vorfälle, die jedes besonnene Handeln in Frage stellten. Es gab etwa Gemeinden, die vor der Kirche Distanz hielten, bis der Pfarrer kam, um die Heilige Kommunion mit einem einzigen Löffel zu erteilen. Ich nenne es nicht irrational, nur unbesonnen, wegen der – tja… – Rationalisierung: “Gewandeltes Blut Christi überträgt keine Krankheiten”.

Die Kommunistische Partei – keine Assoziation mit der Kommunion: Sie ist ein echter politischer Faktor in Griechenland, deshalb die Erwähnung – protestiert wegen der Absage des Trauermarsches, will aber, dass die Kirchen geschlossen bleiben.

Der Antagonismus zwischen orthodoxen Marxisten und orthodoxen Christen ist allerdings nicht nur Entgegnung. Es ist gleichzeitig Appropriation: Prozessionen hier, Prozessionen da, Heilige hier, Heilige da.

Vor Tagen hörte ich mir wieder Mikis Theodorakis’ “Tragudia tu agona” (Chansons de lutte) an. Ein Beispiel von vielen Anlehnungen an das Religiöse:

“Morgen soll die eine Hälfte irgendwohin transportiert werden,

wir müssen auch gehen, aber woandershin:

Vielleicht ans Festland, vielleicht auf eine Insel.

Es möge der Wille Gottes geschehen.”

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Every 17th of November, Greece mourns for the victims of the students unrest of 1973. November 17, 1973 was a Friday, a fact which, peculiarly enough, left some traces on the symbolism of the mourning. “Peculiarly” because, in spite of the generally leftist context, the main event of the mourning is reminiscent to the epitaphios procession on Good Friday. The standard Good Friday procession begins in the church with the shrine of the lying Jesus at its head, and ends there too. There are local varieties throughout the northern Mediterranean coast from Nicosia to Malaga, but this is the essence.

The Nov 17 procession of the various left-wing parties of Greece, however, starts at the Technical University of Athens, around which the most bodies of mostly young people were discovered after the revolt, and heads to the American Embassy of Athens, a Bauhaus version of the Parthenon and a work of Walter Gropius.

I have personal memories from the revolt, although I was only seven. My parents had the unfortunate idea to have a walk in downtown Athens on the subsequent Sunday, Nov 19, 1973 – most people thought that revolting students were being rather arrested than shot dead – when the shooting started. I was mostly terrified from adults around me looking terrified. Gunshots per se are not scary. We ran…

There was never doubt about the fact that no American soldier has ever shot one single bullet in Greece to kill a Greek. But the left considered the Americans responsible for the dictatorship – and treated the Gropius building as the gates of Hades of their Good Friday.

This year, the procession will not take place for the first time since 1974. Covid-19 made us abolish rituals like the Sunday service and Easter, so why not Nov 17? The religious were generally rational in spite of reactions that – I wouldn’t call them completely irrational since they employed rationalisation – challenged every intuition of phronesis. People in the church yard, for example, kept the recommended distance, but partook in the holy communion with one single spoon for the whole parish. “It’s the blood of our saviour – immune to Covid” you hear them saying.

The Communist Party of Greece – I do not mention them because of an association with the word “communion”, they are really a political factor in Greece – demands the procession to take place but the churches to remain closed. Antagonistic religions, you can say. Which is not far from truth. But the antagonism goes further: some the symbols are common. I was listening the other day after many years “Tragoudia tou agona” (“Songs of the Struggle”) by Mikis Theodorakis: the religious element in them is striking: “I talk to out Lady and to your Judge in heavens. I reckon your age by the bitterness. But tell: is your torturer a creature with eyes, lips and a neck?”

We used to play this with the guitar at school. The girl who gladly sang it, I think her name was Sophia. From Crete. After school she joined the Communist Party. I’ve never heard anything about her since then.

She had a nice voice. I hope that she remains healthy.

To vapóri

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Gäbe es eine eigenständige euböische Literatur, dann wäre Jannis Skarimbas ihr Ludwig Thoma und ihr Johann Peter Hebel. Das in seiner volkskundlichen Phase. Später wurde er zum ersten griechischen Surrealisten. Noch etwas später wollte er eine Art Historiker sein, der für eine KP-engagierte oral history eintritt. Diese dritte Phase möchte ich außer Acht lassen, da sie sehr schwach und qualitativ schlecht ist. Die zweite birgt Überraschungen in sich. Denn wie kann ich es sonst nennen, wenn zwanzig Jahre vor Thomas Nagels “What is it like to be a Bat?” der Satz geschrieben wird: “Wie wäre es, wenn wir sehsinnmäßig springen und bewegungsmäßig sehen würden?” Skarimbas genoss kein Philosophiestudium und trotzdem wies er auf einen Zusammenhang hin zwischen Intentionalität einerseits und Kategorien bzw. Kategorienfehlern andererseits.

Es ist ausgerechnet die erste Phase, aus der ich unten übersetzte. Das Gedicht, zunächst 1936 erschienen, tendiert zur Volkspoesie, was sich in der Wortwahl (so ist z.B. vapóri statt karávi oder plío zum Schiff ein “Euböismus”) und der Hafenszenerie manifestiert. Es ist nicht im Sinne des Propagierens der Heimatliteratur meiner Insel, wenn ich ihn übersetze. Eher halte ich es für eine Ungerechtigkeit, dass er unübersetzt und unbekannt bleibt. Vor allem würde der Roman seiner volkskundlichen Phase To thío tragí (Heiliger Ziegenbock) mehr Aufsehen verdienen. Der Hauptcharakter darin, ein Negativbild von Nietzsches Zarathustra, ist ein areligiöser Provinzler – mit mystischen Zügen, wenn es ihm gerade passt – gleichzeitig Gedichte schreibender Stallmeister, der zum Schluss die Ehefrau seines Arbeitgebers ins Bett kriegt. Um das Tragí zu übersetzen, bräuchte ich sehr viel Freizeit, die ich nicht habe. Wenigstens ein Gedicht und wenigstens etwas von dessen Versmaß und Reim hinüberretten. Für Kommentare wäre ich dankbar.

Das Dampfschiff
Schleichend wurde es spät und gleich noch trüb und trüber// 
blaulich wie 'ne Wolke voller Druckerschwärze.// 
Mitten im Dunst kam er bedrohlich rüber,// 
lief in den Hafen ein sachte an die Ankerplätze.// 

"Der Dampfer", sagte ich und zwar erschrockener Seele.// 
Siehe da: das Geisterboot, doch siehe!// 
Wen wohl kam es zu packen an der Kehle// 
böse, gehässig wartend unten hier?// 

Furchtsam war mein Mut und mit allem Bangen// 
schwarz der Verdacht, den ich hatte in meinem Herzen.// 
Offenbar würde ich unbekannt gelangen// 
weit außerhalb der Weltengrenzen.// 

Ach wie unglücklich weinte ich nachtsüber frei,// 
alle Vorbereitungen des Hades um zu treffen,// 
als das Dampfschiff am ganzen Leib rülpste mit Geschrei -// 
blinde Hyäne von denen, die im Dunkeln kleffen.// 

Morgens sah ich es nicht. Im Wasser zog sich ein Strich,// 
einer, der sich mit dem Himmel vereinigte// 
sich schlängelnd nur, wohin dies Schiff -// 
den Kurs von meinem Dampfschiff zeigte.// 

Nun sogar noch trauriger öffne ich meine Seele.// 
Bitter lamentiert's in meinem Herzen.// 
Ach, was für eine Chance ist die, die, wie man sagt, mir fehle// 
zu fliehen außerhalb der Weltengrenzen.


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If there were a literature called Euboean, Yannis Skarimbas would have been its Seán O’Faoláin without the nationalism.

This was in his ethnographic phase. Later, he became the first to write surrealistic prose in Greek. Then he went into historiography to write in a manner reminiscent to oral history and favouring the Communist Party of Greece.

This third phase is the weakest of all and I will not dwell on it. The second can be surprising. Thirty years before Thomas Nagel’s “What is it like to be a Bat” you have an author who wonders what it would be like to jump seeingly (sic) and to see jumpingly (sic). Even if this is a way to play with the possibilities a language offers, one that unluckily resulted to gibberish talk, Skarimbas shows that there is a connection between intentionality and the proper use of categories as opposed to category mistakes.

My following translation of a piece of his folk-tune-like poetry is not due to nostalgic mood, me poor guy earning my daily bread in Switzerland instead of fishing at the Euboean shores. Rather, I find it unjust that he remains untranslated and unknown. For example his novel Holy Goat – its main character is like a negative film of Nietzsche’s Zarathustra – deserves a translation which would demand much more time than I have. Below, I am translating a poem first released in 1936. It tends to folk poetry, which is manifest in “Euboeisms” like vapóri instead of karávi or plío for ship as well as in the scenery.

My first concern was to keep the metre and the rhyme. I would be grateful for comments.

The Steamship
Gloomy the evening, heavily proceeding// 
blueish like a cloud that's made of ink.// 
Covered in the mist, floating and heeding// 
the steamship came to anchor 'fore you blink.// 


"Gosh, the steamship!" said I and my heart was trembling.// 
Watch out, that's the ship, the vulture, how bogus!// 
Who has she come for and awaits to sling// 
at in her anger and silence from among us?// 


During the whole night I cried, unfortunate me,// 
getting prepared for the harrowing of Hades// 
and the steamship did nothing but burping and howling -// 
a hyena who's as blind as the shade is.// 


On the morrow I missed it. In the waters there was stretched// 
a snake-like line that joined the firmament,// 
one the vessel had drawn and fetched,// 
one which along my steamship went.// 


I open my soul with an even sadder mood.// 
Sorrow bitterly sings in my inside.// 
Oh what a chance I lost to depart for good// 
to a place out of any borders worldwide.

Transsubstantiatio et transpropertatio

https://philori.files.wordpress.com/2014/09/amper-isar.jpg

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Die griechisch-orthodoxe Gemeinde in der Schweiz, deren Münchensteiner Sophienkirche ich sehr unregelmäßig besuche, feiert seit Anfang der Corona-Krise keine Gottesdienste. Es ist eine Kirche, wo die Heilige Kommunion typischerweise in beiderlei Naturen und zwar mit einem Kelch und mit einem Löffel gefeiert wird.

Selbst wenn es nicht offen gesagt wird, ist dieser Umstand, die Aussetzung der Gottesdienste, die ratio cognoscendi der Überzeugung, dass der Löffel und der Kommunionswein Covid-19 übertragen kann und dass diese Gefahr unverhältnismäßig groß ist gemessen am Gewinn.

Gerade habe ich allerdings über die Eucharistie im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung gesprochen. Da ist bereits ein Punkt, an dem mir viele orthodoxe Christen etwas anhaben würden. Sie würden wahrscheinlich hinzufügen, dass der Kommunionswein keine Krankheiten übertragen kann, nachdem es in Blut Christi gewandelt wurde. Sie würden diesen Ausdruck vor dem üblichen “Transsubstantiation” bevorzugen. Noch übermorgen, am orthodoxen Ostersonntag, würden sie an der Ostermesse teilnehmen und aus einem Kelch mit einem Löffel das Blut Christi zu sich zu nehmen.

Jüngst gab es in Nordserbien sowie in Georgien Fälle, in denen sich die Herde während der Sonntagsmesse außerhalb der Kirche aufhielt, um der Ansteckungsgefahr durch das neue Coronavirus vorzubeugen, allerdings aus einem Kelch und mit einem Löffel Leib und Blut Christi zu sich nahm, als der jeweilige Pfarrer auf den Kirchhof kam. Wahrscheinlich dachten sie, dass es sich bei der Verwandlung der Kirche ins Paradies um eine Metapher handelt, bei der Wandlung des Brotes und Weines in Leib und Blut Christi aber um etwas Physisches. Die Republik Griechenland – das muss ich an dieser Stelle wohl sagen – erlaubte Gottesdienste nur während der Karwoche und das durch den Gemeindepfarrer und ein Chormitglied allein hinter verschlossenen Türen. Es ist eine archetypische orthodoxe Beschuldigung gegen die Westkirchen, dass letztere eine Hostie ohne Eigengeschmack dem Hausbrot vorziehen, um nicht in Versuchung zu kommen, aus den verbliebenen Broteigenschaften wie die Konsistenz und der Geschmack zu schließen, es wäre immer noch Brot, was man zu sich nimmt. Da die Orthodoxen offenbar sehr erfolgreich die sekundären Eigenschaften des Kommunionsbrotes verdrängen, denken sie, dass das keinem sonst gelingen würde, wenn das Brot etwas – sagen wir – säuerlich wäre.

Im Gegensatz zur orthodoxen Haltung: “Es ist kein Brot, es ist kein Wein, es ist nichts von dieser Welt, also werde ich dadurch auch nicht krank” tendieren philosophisch ausgebildete Katholiken zum Nominalismus. Der Trope “Blutchristihaftes” wird immer in der Messe per Umbenennung um einen singulären Kelch Wein angereichert. Wer sich darüber im Klaren ist, wie konservativ das Phänomen Sprache ist, dem erscheint es kaum weniger wundersam, wenn alle auf einmal sowohl ihre Sprache als auch ihr Benehmen an eine Umbenennung anpassen. Aber die Umbenennung schützt einen nicht vor Infektion.

Vor Jahren pflegte ich folgendes Spiel zu spielen, immer wenn ich mit meinen Töchtern auf Fahrrädern unterwegs die Mündung der Amper in die Isar erreichte. Ich erhob meinen rechten Arm – meine Töchter waren noch im Alter, wo sie das witzig fanden – und verwandelte magisch die Isar in die Amper und die Amper in die Isar. Ab sofort war der jeweilige Fluss der andere. Natürlich blieb der linke Fluss – angenommen wir gucken nach Norden – derjenige, der von Dachau kam, der rechte derjenige, der von München und Freising kam – keine Frage! In der Paläogeographie ist es stets das Wasser, das bestimmt, um welchen Fluss es sich handelt, nicht das Flussbett. So blieb z.B. vor Millionen von Jahren ein Teil der Ur-Donau nördlich der Aare trocken. Es war ursprünglich ein Donau-Flussbett. Dass später die Wutach in dieses Flussbett hineingeflossen ist, so dass sie ihren Lauf dramatisch wechselte, bringt die Geologen nicht in Verlegenheit. Vorher Wutach – nachher Wutach, auch wenn die Richtung jetzt eine andere ist, im Flussbett eines vormals anderen Flusses.

Die Orthodoxen verstellen sich, dass die Metaphysik der Namensgebung auch anders sein könnte: am Beispiel bei der Eucharistie. Es ist ein sehr starker metaphysischer Glaube, was hinter der orthodoxen Position steckt und dem Nominalismus eines Denkers trotzt, der lange Zeit an der Isar lebte: Wilhelm von Ockham. Ein gesundheitsgefährdender Glaube in Zeiten von Epidemien ist er auch noch.

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Presently, the Greek Orthodox community of Switzerland whose church of Holy Wisdom in Basel I irregularly visit, has dispensed all services in the aftermath of Covid-19. It is a church that typically practices the Holy Communion from one single cup, with one spoon.

If you do the math you will infer that in times of an epidemic, the parish believes that the – obviously existing – risk to be infected from the Holy Communion is disproportionate to the spiritual benefit – and fairly so.

Some Orthodox however would not only consider it sacrilegious to speak of the Eucharist in terms of a cost-benefit analysis. They would also say that communion wine is not virulent as a consequence of its being rendered to blood of Christ. They would go to church and partake in the Holy Communion with one spoon without realising the risk.

In recent cases in Northern Serbia and in Georgia, the corresponding parishes avoided entering the church out of fear of infection, however they did partake in the Holy Communion from one cup and with one spoon when the priest sought his people outside, in the churchyard. They presumably thought that the transformation of the church into the kingdom of God during the mass is symbolic while the transformation of wine to Christ’s blood is a natural, physical process. To prevent similar situations, the Hellenic Republic allows services to take place during the Corona crisis only in the Holy Week and this behind closed doors, only with one priest and one choir member. Let me just mention here that there are Orthodox who blame Roman-Catholics of preferring consecrated wafers to everyday bread because the latter allegedly reminds of the properties remaining there as before the consecration. Since the properties remaining there is the very idea which the Orthodox repress – and this very successfully – they think that everyone else has issues with it.

In contrast, learned Roman Catholics often come up with a nominalist understanding of the Holy Communion: communion wine is, they’ll tell you, the blood of Christ in the sense that the trope “blood-of-Christ-like” is enhanced with a new individual – a cup of wine. After the transsubstantiation, they’ll tell you, the properties of the wine are remaining because transsubstantiation is only an act of renaming. Ergo, you can be infected.

Years ago, my daughters and I played a game – if you want to call it a game – whenever we journeyed with our bikes along the riverbanks of the Isar until its confluence with the Amper. Reaching the point – the girls were young enough to find this witty back then – I used to raise my right hand and made the one river be the other. But even after I renamed the rivers, the one to the left when we looked northwards was the one whose waters came from Dachau, the one to the right was the one which came from Freising and Munich. I had not changed this, of course. I am informed that in palaeogeography, when a riverbed is dried off and another river finds its way through it, it is the waters, i.e. the new river, which determines which river this is.

The Orthodox pretend during the Eucharist that this could be otherwise. This is a strong metaphysical belief, of course, and a much stronger one than the nominalism launched in Christian faith by a person who was actually very familiar to the river Isar: William of Ockham. But if you are an Orthodox in times of an epidemic, this issue of the philosophy of language can cost you your health.

 

Helle leuchtet’s im ganzen Land / mit einem Zitat von Immanuel Kant

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“...Hospitalität (Wirtbarkeit) [bedeutet] das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann; so lange er aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, ihm nicht feindlich begegnen. Es ist kein Gastrecht, worauf dieser Anspruch machen kann (wozu ein besonderer wohltätiger Vertrag erfordert werden würde, ihn auf eine gewisse Zeit zum Hausgenossen zu machen), sondern ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht…”

Zum ewigen Frieden, AA VIII, S. 357-8.

(Die Gewährung eines Besuchsrechts erscheint um so erforderlicher, je klarer es ist, dass die Besucher nicht als Selbstzwecke behandelt, sondern lediglich als Mittel benutzt werden. Dabei nutzen manche von den Besuchern allerdings, wie man im untenstehenden Video sehen kann, Kinder lediglich als Mittel, was sie wohl vom Genuss des obengenannten Rechts disqualifizieren sollte. Manche Antinomien der praktischen Vernunft blieben anscheinend selbst Kant unbekannt. Wie dieser Fall moralischer Kasuistik auch immer beurteilt werden mag, sollte der Staat jedenfalls glaubwürdig den Standpunkt vertreten, dass das Besuchsrecht in kein Gastrecht verwandelt werden kann. Alles andere öffnet der Xenophobie Tür und Tor).

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[H]ospitality (a host’s conduct to his guest) means the right of a stranger not to be treated in a hostile manner by another upon his arrival on the other’s territory. If it can be done without causing his death, the stranger can be turned away, yet as long as the stranger behaves peacefully where he happens to be, his host may not treat him with hostility. It is not the right of a guest that the stranger has a claim to (which would require a special, charitable contract stipulating that he be made a member of the household for a certain period of time), but rather a right to visit, to which all human beings have a claim…”

Immanuel Kant, Towards Perpetual Peace, translated by David L. Colclasure, Yale University Press, New Haven and London, 2006, p. 82.

(Giving the right to visit appears even more imminent if you think that the prospective visitors are not treated as ends in themselves but rather as instruments alone. Some visitors use however children as instruments (see video above), which appears to disqualify them from the right to visit. As one sees, there are antinomies of practical reason which Kant failed to suspect. Anyway, politics should be able to persuade that the right to visit will not be rendered to a right as permanent guests. Anything else would give xenophobia an excuse).

Phthinousa euthyne

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Was im Titel dieses Postings nach Zungenbrecher klingt, ist der griechische Ausdruck für “schwindende Verantwortung”. Es ist ein Ausdruck, der mir gefällt und jedenfalls zeigt, was der nächste und der übernächste Bürokrat gegenüber der Bildung in einer aufgeklärten Gesellschaft im Stande ist aufzubringen. Gleichzeitig ist mein heutiger Titel fast der Name des jahrzehntelang führenden bayerischen Experten für frühkindliche Pädagogik.

Keinen besseren Titel hatte ich für meine Gedanken zu Schulen, die de jure privat sein sollen, de facto allerdings Träger von nationalen Ideologien sind, die schließlich wie Staaten im Staat fungieren. Das neueste Beispiel für solche liefern die Verhandlungen der BRD und der Türkei für die Einrichtung dreier Schulen im Bundesgebiet, deren Pädagogik und Personal nicht den deutschen Bildungsministerien unterstehen sollen.

Solange eine Privatschule frei zur Auswahl von Methoden, Lehrmitteln und Lehrern ist, solange auch Eltern eine echte Wahl haben, ihre Kinder diese oder jene Schule besuchen zu lassen, kann es, denke ich, keine Einwände gegen Schulen dieser oder jener Couleur geben. Was aber die Presse bisher über die o.g. Verhandlungen berichtet, ist die Anerkennung von Schulabschlüssen nichtfreier und nur pro Forma privater türkischer Schulen, die faktisch dem Bildungsminister eines anderen Staates unterstehen werden. Das verurteile ich politisch als einen Rückschritt hinter die Werte der Aufklärung und der offenen Gesellschaft.

Damit mir jetzt keine typisch griechische Haltung gegenüber dem Staat Türkei unterstellt wird, möchte ich lieber über die doch ganz ähnliche Situation der griechischen Schulen in Bayern bis in den 90ern sprechen.

Franz-Josef Strauß war offenbar der Meinung, dass die Griechen in Bayern nicht ganz Ausländer sind. Ich war mein halbes Leben in oder bei München wohnhaft – ich muss es also wissen. Schulen, Kirchen, öffentliches Auftreten und Wahrnehmen vor allem der Münchner Community ergaben seit Mitte des 19. Jh. eine münchengriechische Mischidentität. Sie feierte (wie sie immer noch feiert) den Maler Nikephor Gyzis, den Mathematiker Konstantin Caratheodory, den Musikwissenschaftler Theasyboulos Georgiades, den Biologen Wassilios Fthenakis als ihre herausragendsten Mitglieder über die Jahrzehnte. Sie beging (wie sie immer noch begeht) die Karfreitagsprozession zwischen Odeons- und Marienplatz, bevor sie Ostern in der Salvatorkirche feiert, ein paar hundert Schritte von der Frauenkirche entfernt. Sie spielte (wie sie immer noch spielt) Musik in der Innenstadt. Auch Mischkulturen in München können nicht umhin, den Hang Bayerns zu einem tiefen Konservatismus zu bejahen. Gyzis war ein Vertreter der akademischen Schule der Malerei; Caratheodory Münchner Lehrstuhlinhaber für Mathematik zwischen 1924 und 1944. Kein Nazi. Aber bestimmt ein stiller, vielleicht verbissener Bourgeois.

À propos verbissen: Vor dem genannten Hintergrund ließ Franz-Josef Strauß die griechischen Schulen seinerzeit griechisch sein, in einer Grauzone zwischen griechischem staatlichem Bildungswesen und bayerischem Privatschulgesetz. Wenn die Leute doch gefühlt nicht ganz Ausländer sind… Bloß: Bayerische Privatschulen waren sie nie wirklich. Der griechische Staat hatte die absolute Kontrolle über sie. Als Schulalternative zur “deutschen” Schule keine ganz schlechte Idee, inmitten doch eines von biologischem Determinismus geprägten Systems, in dem die Zahl der Abiturienten einen konstanten Prozentsatz auf die Gesamtbevölkerung ausmachen musste. Das ging sogar aus Sicht der bayerischen Regierung gut, bis Papandreous Sozialisten in Griechenland an die Macht kamen. Plötzlich entdeckte der vorgenannte Professor Fthenakis, ein Genetiker und Pädagoge, dass die griechischen Schulen zwar griechisch bleiben aber endlich selbstverwaltet werden sollten. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch den ganzen Politmüll, den der griechische Vitamin-B-Lehrer aus der Heimat mit sich brachte.

Damals arbeitete ich fürs Griechische Haus Westend und, da wir einen kirchlichen Träger hatten, fühlten wir uns unabhängig genug, alle guten Ideen für eine neue abzulehnen: griechische Geographie, Geschichte und Sprache als Wahlfächer an den bayerischen weiterführenden Schulen. Auch eine gute Idee, bedenkt man doch, dass die CSUler d’accord waren mit der Ghettoisierung ihrer griechischen, fast einheimischen Exotik, solange diese CSU-lastig blieb. Unsere Propaganda gegen die Pläne von Fthenakis (eine, eigenständige griechische Privatschule) sowie gegen die Pläne der griechischen Sozis (eine, vom griechischen Staat kontrollierte Schule) wären allerdings nutzlos gewesen, hätten sich die Anwohner der entstehenden griechischen Schule (“Palladion” war der angedachte Name) nicht beschwert wegen zu vieler Griechen in der Nachbarschaft usw. Die Bauarbeiten in Berg am Laim zogen sich endlos hin, irgendwann wurde nicht mehr gebaut. Als ein Zaun verschwand, sah sich die Stadt München verpflichtet – ergo legitimiert – den Rohbau abzureißen, was nach zwanzigjährigem Hin-und-her vor ein paar Tagen geschah. Wie so oft in der Politik ergibt sich das Gute aus dem Kampf des Bösen gegen das Böse – was natürlich ein kantischer und aufklärerischer Gedanke ist.

Die Schule wird immer eine fehlerbehaftete Institution sein, die – aufklärerisches Gedankengut hin oder her – Indoktrination betreibt. Nur viele, alternative, echt freie Privatschulen, die ausnahmslos wahre Optionen für die Eltern sind, würden die Wahlfreiheit garantieren, die dem aufklärerischen Gebot entgegenkommt, jeder wähle seinen Lehrer. Ideologisch stark gefärbte Minderheitenschulen würden ohne vom Staat geförderte Alternativen (sprich freie Privatschulen) alles aushöhlen, was Deutschland seit Lessings und Kants Zeit gelernt hat. Ist ein ABC der politischen Bildung zu viel verlangt von der deutschen Bürokratie?

Bedenkt man die neuesten Geschehnisse in (Vorsicht! – nicht München jetzt…) Mannheim, offenbar!

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The tongue twister in the title is Greek for “diminishing responsibility”. I like this expression because it shows what happens when bureaucrats manage ideals of philosophical importance. And it is almost the name of a Greek-Bavarian expert for preschool education.

I found no better title for my thoughts about German schools de jure private, de facto public in the service of another state and its national ideology.

Germany, you see, the Federal Republic, its institutions, presently negotiate with Turkey with the purpose to found three schools administered by the Turkish state. The press reports about private schools, ones, however, that will not be free to choose learning methods and curriculum. And, what is more, whose dependence will not be on the state in whose territory they will operate.

Since I do not wish to be attributed a typical Greek attitude towards Turkey, I, on the issue of quasi-private schools suspect of ghettoisation, would rather discuss the pre-90s Greek schools of Bavaria, i.e. the school form which the three planned Turkish schools aspire to imitate.

Following the presence of a Bavarian on the Greek throne in the 19th century, the Greek-Bavarian relationship has been a very special and, indeed, a close one. When the first Greek immigrants arrived in Munich in the 50’s they found, unlike people who ended up working in Frankfurt or Stuttgart, a Greek parish using a medieval church with only Orthodox services in Greek language situated just a few hundred yards away from the city’s iconic Roman-Catholic cathedral of Our Beloved Lady. A privilege – there’s no doubt about that! The Greeks of Munich are a community that gave its city a couple of painters of the Munich School (curiously, the English Wikipedia article on the Munich School cites the name of the School in Greek but not in German) as well as a couple of university professors, whose most important – the mathematician Constantine Caratheodory – held the chair for mathematics at the University of Munich and was a lay officer to the aforementioned church during the Third Reich. Without wanting to make any allusion to Caratheodory’s being a brilliant mathematician but not a hero, being attracted to conservatism has been characteristic of the Greek elites of Munich.

They have been rewarded for this. When other Greek communities throughout West Germany were anxious about schooling and the role of the Greek language in the curricula, the federate German state of Bavaria allowed in 1969 the opening of Greek schools administered by Athens. Calling them “private” did not reflect a sense of humour but it could have done so. They were Greek state schools, which jeopardised the sovereignty of the Bavarian state in cultural matters. However, this jeopardy was intended from both sides. As long as the young Greeks spoke pidgin German, their ascending the social ladder in Germany was out of the question. And as long as the parents of the young Greeks felt uncomfortable in German schools, their willingness to consider a German school for their kids remained low. Chauvinists of different nations can always agree on one thing: they dislike each other. As long as the Bavarian side used biological determinism to back their policy of not allowing highschool students to exceed a certain percentage of the general population, the Greeks, despite their being a part of the local culture, utilised a traditional leftist scheme of Greekness (also on biological grounds) to bypass the obstacle that the Bavarian schools presented in their eyes.

The struggle of the evil against the evil was a good idea but…

…but the Greek-Bavarian folklore started to present signs of a ghettoisation.

Rather its leftist allures than the ghettoisation per se appalled the biologist and pedagogics professor of Munich, Vassilios Fthenakis. In the 90s he propagated the view that the Bavarian jeopardy should continue and the schools remain Greek. But they should be removed out of the control of the Greek state. Which, in itself, was also a good idea. Who could trust teachers sent to Bavaria by a nepotistic ministry of another state in a place more than one thousand miles away?

When Fthenakis launched his campaign to ensure that the Greek schools would become really private while retaining their very Greek character, I was still a PhD candidate and worked for the so-called Greek House. The Greek House was a church organisation and we felt independent enough to support a third idea, apart from the Greek schoolish imperium in imperio and Fthenakis’s idea of a schoolish ghetto: Greek geography, history and language as optional subjects in Bavarian schools. Today, all these ideas are abandoned and no one knows what the future will bring. The neighbours of the construction site of the private Greek school protested, you see… The city council threatened to stop the construction if this would begin. Against all odds, the works began. But very soon they stopped. Years passed.

Recently a part of the fence disappeared for the municipality of Munich to tear down the erected walls under the pretext of risks for the public. Just before last Christmas, the construction site of the Greek school of Munich ceased to exist after twenty years of legal conflict. The good may result from the struggle of the evil against the evil, which is a Kantian and optimistic thought.

Schools are institutions which propagate ideologies even if they frankly attempt not to do so. Only a pluralism of many, free, alternative schools which are real options for parents guarantee the free choice of teachers – a desiderate of the age of Enlightenment.

But the country of my discussion is called Germany, not Enlightenment. A country, that is, far too hostile to a pluralistic landscape of didactic and educational methods. During the tearing down of the construction in Munich, the other big southern state of Germany, Baden-Wuerttemberg, prohibited a 42-years-old Greek curriculum run by a local Steiner-Waldorf school.

Germany appears to prefer state ideologies to free schools. Since the school as we know it today is an institution which at least attempts to remain free of ideological chains, given the recent development I take it to be very likely that large parts of German bureaucracy are manned by philosophically illiterates.

When I think of the difficulties of our alumni in Erfurt to find decent jobs and a recognition for what a philosophical department taught them, this doesn’t come as a surprise.

It’s a kind of Grexit

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2020 wird das Brexit-Jahr sein. Boris Johnson ist es gelungen, am Beispiel von Fischereirechten und Umweltschutz, an dem bestimmte Lokalökonomien zugrunde zu gehen drohen, die Legitimität einer als Lobby-Treibhauses wahrgenommenen EU in den Augen des britischen Wählers zu untergraben.

Damit hat er ein Verständnis des Wesens der Politik bewiesen, das seinen routinierten Widersachern auf kontinentaler Seite nicht im Traum zuerkannt werden kann: In der Politik geht es um Autorität mehr als um faule Kompromisse, mehr um Streit als um Diplomatie, mehr um Achill und Agamemnon als um Habermas, mehr um Fairplay als um Buchhaltung.

Das Bedenken, wenn ein enthusiastischer, in Humanwissenschaften versierter Mensch statt der üblichen Buchhalter und Spießer an die Macht kommt, ist, dass er in den Kategorien: traditioneller Freund versus traditioneller Feind denkt. Man denke etwa an Helmut Kohl. Jedenfalls geht es bei solchen Leuten oft um ein traditionelles Politikverständnis. Dasjenige Johnsons ist ein griechisches. Explizit so, wie das nachfolgende Video dokumentiert.

https://youtu.be/mQKRAJTgEuo

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Boris Johnson’s understanding of politics is, as the video above documents, more Achilles versus Agamemnon than Habermas versus Popper. More about conflict than about compromise. More about authority than about horse trade. Whenever people with a profound knowledge of the classics or humanities in general come into power, the concern is that they will think in political categories like: traditional friend versus traditional enemy. Think for example of Helmut Kohl. The advantage is that they are visionaries – more anyway than any of the philistines and bookkeepers who surround them.

If it were for bookkeeping, 2020 would not be the Brexit year. The fact that it is after all, is owed among others to the other fact that Boris Johnson undermined EU’s legitimacy by demonstrating that it supports lobbyism. He did not need much to make the case for this: just a few stories about fisheries and Norwegians and measures that destroy existences today and promise to face environmental issues that will be acute in centuries from now. The way these and similar stories were exaggerated shows that politics is more about trust now than middle-term pecuniary considerations.

Or, to state it more poetically: the ethos of the “gennaioi” is more political than any numbers.

Constructing language sites

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Die Baustelle neben dem Haus, wo meine Mutter wohnt, in Südostattika, ist eine Quelle von zukünftiger Missstimmung; insbesondere, wenn zum wiederholten Mal ein für Glyfada typischer Nachkriegsbau durch eine Geschmacklosigkeit mit parabolischen Balkonen und weißen Türen ersetzt wird. Den Grundriss habe ich nicht gesehen und ich kann keine Fragen diesbezüglich beantworten. Den Baustellenlärm allerdings, was die meisten als die größte Unannehmlichkeit ansehen würden, habe ich neulich als einen großen Gewinn angesehen. Griechischer Baulärm führt vor Augen, dass es keine Sprachspiele gibt, die im Sinne Wittgensteins “primitiv” genannt werden können, bzw. dass solche im Grunde sehr ausgeklügelte Sprachspiele sind.

Aber zunächst zum pragmatischen Hintergrund: Niedrige Lohnkosten führten in Griechenland zu Baustellen, die vollends in situ entstehen, ohne Fertigelemente. Unausweichlich hat man dann viele Bauarbeiter, die Planken und Balken hin- und her platzieren und sich ständig abstimmen, wie sie das tun sollen. Die Kommunikation erfolgt nun zu zweit oder zu dritt. Der Rest ist mit anderen Arbeiten ebenfalls zu zweit oder zu dritt beschäftigt. Der natürliche Weg, nur die für die eigenen Zwecke relevanten Mitarbeiter anzusprechen, ist durch den Namen. Vor jeder Anweisung, Aufforderung usw. muss man “Stephane” sagen, wenn Stephanos angesprochen wird, Nikos ist dann nicht angesprochen. Übrigens trägt der Vokativ der griechischen Maskulina zu mehr Flexibilität in der Satzbildung bei. Man muss den Namen gar nicht voranstellen, wie das im Deutschen bei Anreden üblich ist. Man kann ihn überall im Satz einbauen, denn der Hörer sieht sofort am fehlenden -s am Ende oder an der Endung -e von langen Namen der zweiten Deklination sofort ein: “Aha, Vokativ, keine Nennung”. Z.B. “Pass auf, dass Nikos hindurchkommt, Stephane, festhauen!” Da Stephanos weiß, dass die Endung -e die Deutung ausschließt, jemand anders sollte ihn festhauen, versteht er das als Aufforderung, Nikos passieren zu lassen und festzunageln.

Das aber nur am Rande.

Jeder Philosophiestudent kennt das von Wittgenstein zu Beginn der Philosophischen Untersuchungen eingeführte, “primitive” Sprachspiel: Zwei Bauarbeiter – mir gefällt der Gedanke, dass sie am Haus an der Parkgasse 18 in Wien arbeiten – kommunizieren monolektisch, mit nur einem Wort: “Platte!” Der Sprecher brauche eine, der Hörer reicht diese.

Das ist wohlgemerkt nicht die Definition von “Platte” im Lexikon. Das von Wittgenstein beschriebe Sprachspiel enthält nur einen impliziten Befehl und einen Namen, der als Akkusativ fungiert. “Platte” ist im Lexikon keine Aufforderung.

Es liegt auf der Hand: Die Einfachheit von Wittgensteins Sprachspiel ist auf die kleine Gruppe zurückzuführen. Griechische oder irgendwelche anderen Bauarbeiter in großen Gruppen könnten damit nicht arbeiten. Sie bräuchten Vokative und Nominative und Akkusative und Imperative und Indikative, um sich verständlich zu machen.

Sprache aber beginnt nicht bei zwei, sondern bei mehreren Sprechern. Ohne ihre Mitgliedschaft bei viel größeren Gruppen hätten die Bauarbeiter nicht die beobachtete Arbeitsteilung. Das zeigt, dass Wittgensteins “primitive” Sprache ein künstlich hergestelltes Fragment einer viel umfänglicheren Sprache und Gesellschaft ist. Denn jedes Fragment setzt das Ganze voraus.

Enough with scrolling

The construction site next to my mother’s place in Southeast Attica can be annoying if it makes one more Glyfada post-war house give way to a block of flats with oval balconies or any other embarrassing feature of those which the many love today. But I haven’t seen the blueprints, so I don’t know. The noise however, for many a more obvious problem, comes with a profit – at least for me. This is for the following reason: in Greece low labour costs make prefabricated walls and floors financially uninteresting. Everything is being constructed in situ, which means that you have many workers placing planks and beams; workers who, throughout the day, have to say someone else what they need them to do and exclude others from being their addressees. If I want Costas to lift a bit at his end but Nikos to do nothing, probably because Nikos’s lifting would cause some problem, then I have to indicate so. As a result, at Greek construction sites you hear many imperatives and vocatives. “Costa, nail it where it is but watch that Nikos can still pass”. By the way, having extra forms for the vocative of Greek masculine names enables construction workers to address people in the beginning, the end, or in the middle of a sentence. One does not have to put the vocative at the beginning of a sentence. This makes language more flexible, is however far from being my issue here.

Every student of philosophy knows the primitive language game which Wittgenstein introduces in the beginning of his Philosophical Investigations. Two workers – I fancy thinking they work at the site of the house he designed for his sister in Vienna – communicate by giving and receiving the monolectical order “slab!”, meaning that the one needs one to be given or brought to him by the other. This language game that Wittgenstein calls “primitive” does not contain a term for the dictionary’s term “slab”. Unknowingly to the workers themselves, their language game contains an implicit order and a noun that functions as an accusative.

If you only juxtapose the pragmatics of the two construction sites, you easily draw the conclusion that the greater complexity of the Greek game results from the bigger Greek group. This is what necessitates a more elaborate language in terms of cases and also of a formally very clear divide between imperative and indicative at the Greek construction site.

Primitive games in Wittgenstein’s sense are ones between only two agents. This alone shows that a primitive language cannot exist. There is no primitive language because there can be no society that consists only of two. Pairs of people are artificial as much as the language fragment they may use. Their division of labour is due to their membership to much larger groups. “Primitive” language games result from more elaborate societal and linguistic ones.

Betting Dodds or the sleep of reason

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In meiner Studizeit (in Athen musste ich genauso viele Philosophie-Semesterwochenstunden wie klassische Sprachen belegen) hasste ich Dodds’ berühmtes Buch Die Griechen und das Irrationale. Die nietzscheartige Analyse barg ein Religionsverständnis in sich, das für mich damals nicht charakteristisch altgriechisch war. Heute hasse ich das Buch nicht mehr. Damit ist nicht gesagt, dass ich es mag. Bloß behaupte ich im Sinne der Rational choice-Theorie, dass religiöses Verhalten rational ist, was die Hauptthese des Buches, die Griechen hätten sich mit ihrer Religion auf die Unvernunft bezogen, hinfällig macht, wenn ich und die Rational choice-Theorie nämlich Recht haben sollten. Es gibt nichts originär Unlogisches oder Widersprüchliches in Mysterien, Chimären und Gefühlsregungen. Für widersprüchliche Konsequenzen aus Geschichten mit solchen Elementen sind nicht diese Elemente verantwortlich zu machen. Wenn ein Wesen, das halb-Frau-halb-Vogel ist, den Täter eines Mordes quält, den ein lokaler Brauch verlangte, dann gibt es nichts Absurdes daran. Es gibt keinen formalen Widerspruch darin, halb-Frau-halb-Vogel zu sein. Es gibt auch keinen formalen Widerspruch, wenn zwei verschiedene Moralsysteme Gegensätzliches fordern. Ein formaler Widerspruch kommt erst dann zustande, wenn jemand behauptet, beim göttlichen und beim menschlichen Gesetz würde es sich um ein-und-denselben Codex von Gegensätzen handeln. Aber so etwas hat meines Erachtens nie ein griechischer Autor der Antike behauptet.

Ablehnung ist es nur noch, kein Hass, was ich Dodds’ Buch entgegenbringe. Lediglich ein kleines Flämmchen des alten Hasses glimmt noch, wenn mir Dodds’ museumspädagogische Ausgeburten begegnen. Siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches tut es nämlich weh, wenn es immer noch Kuratoren gibt, die alles auf Dodds’ These setzen, was es in einem Museum zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Letztens flackerte das kleine Feuer in mir vor Vitrinen mit grandiosen Exponaten. Der alte Reeder Nikos Goulandris hatte eindeutig ein besseres Gespür für antike Kunst als seine Epigonen für die Auswahl des Personals in seinem Museum für Kykladische Kunst. Sphinx, Greifen, Pan usw. finde ich viel weniger monströs als die dortigen Begleittexte, wonach jene das “Irrationale” darstellen würden. Wie ich immer wieder sage, verschandelt und bagatellisiert die in Griechenland praktizierte Museumspädagogik jedes Exponat.

Dazu eine Geschichte: Ende der Neunzigerjahre haben ein paar bayerische Molkereien die länger haltbare frische Milch lanciert. Ohne Zusatzstoffe. National und international war das neue Produkt ein Renner. In Griechenland verlangte aber der Gesetzgeber, dass egal wie lang ultrahocherhitzte Milch nicht als “frische Milch” in den Regalen stehen durfte und, als das weiterhin geschah, wurde jede länger als drei Tage haltbare “frische Milch” von den Supermärkten konfisziert. Als die deutsche Seite beteuerte, diese Milch sei nicht ultrahocherhitzt, verhöhnte die griechische Presse die widernatürliche bayerische “Superkuh”, deren Milch “frisch” war, aber von der Haltbarkeit her eher der H-Milch entsprach. Ein erstes Expertentreffen wurde vereinbart und ich – damals Doktorand in München und für jeden Pfennig froh – wurde als einer der Dolmetscher angeheuert. Im Treffen waren außer den üblichen Botschaftsattachés und IHK-Heinis Leute des griechischen Fremdenverkehrsamts dabei. Auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten komisch. Auf den dritten nicht mehr. Wo es Kühe gibt, gibt es auch Kuhhandel – und in diesem Fall sogar einen Superkuhhandel.

Nach zweitägigen Gesprächen hatten die Griechen versprochen, etwas für die widernatürliche Kuh zu tun, wenn die Gegenseite aufhörte, sich gegen die griechischen Fremdenführer zu beschweren. Quid pro quo. Es gab nämlich Beschwerden. Und ob es welche gab! Nicht gegen die Verwendung des Begriffs “irrational” durch die museumspädagogischen Fachkräfte – das nicht… Aber laut griechischer Gesetzgebung musste (und muss weiterhin), wer durch ein griechisches Museum führt (es geht dabei nicht einmal um den Berufsstand des Fremdenführers, sondern um den Akt des Erklärens vor einer Menschengruppe) Grieche sein. Das verstößt mit Sicherheit gegen die Freizügigkeit in der EU und eventuell gegen die Meinungsfreiheit. Nun war die deutsche Seite um Ersteres besorgt. Immerhin! Und sie hat ihre Sorge gegen die Lockerung der griechischen Haltung zur Superkuh eingetauscht. Quid pro Kuh. Mensch, so ein sympathisches Tier doch…

Ich war wie gesagt noch Doktorand und brauchte diese Menschen nicht, denn ich war bekanntlich für Höheres vorherbestimmt. Also lästerte ich in der Mittagspause über den griechischen Protektionismus, als Stephanos Tsochatzopoulos, Bruder eines notorischen sozialistischen Ministers und damals Leiter des Münchner Büros des Griechischen Fremdenverkehrsamtes, mich rügte, die Sache, welches Griechenlandbild die Touristen mitbekommen, sei doch von nationaler Bedeutung.

So hat die Politik einer militanten Zunft ein langes Wirken in den griechischen Museen ermöglicht; einer, die bereit ist, dich zu zerren und verbal anzugreifen, wenn sie dich in fremder Sprache vor Familie und Freunden – Gruppen! – etwas über Poseidons Frisur erklären hören. Vor einem Jahr passierte es einem Freund in Akropolis, vor zwei mir im Nationalen Archäologischen Museum.

Die usurpierte Deutungshoheit der Museumsexponate ist eine Sache. Die Deutung eine andere. Die Protegés des griechischen Staates deuten so: “Die Griechen hatten keine Mythen, sondern eine Mythologie, das heißt eine mythische Logik”. Oder: “Für uns heute sind Pegasus und Medusa irrational (sic). Die Griechen sahen das anders”. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor hieß es zu Goyas Zeiten, was aber damals nicht auf die Fähigkeit des griechischen Staates gemünzt wurde, abgefahrene Berufssparten zu erzeugen.

Da ich sehr scharfzüngig gegenüber Griechenland war, wobei die bayerischen Interessenvertretungen glimpflich davongekommen sind, möchte ich den letzten Schluck dieses etwas längeren Ristrettos nicht ohne eine tu quoque nehmen. Ich weiß, dass ich es nicht darf, dass es gemogelt ist, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen.

Der erste Französischlehrer meiner Kinder war ein Franzose, Staatsexamen Französisch. Absolviert in Paris. Er wollte halt’ in München leben. Irgendwas Privates, Freundin, Ehefrau…

Es war eine Privatschule. Privatschulen finanziert der Freistaat Bayern mit, was eine gute Sache ist. Es gibt daher auch Auflagen, was die Ausbildung der Lehrer dort anbetrifft. Ebenfalls eine feine Sache, würde ich sagen. Diese Ausbildung soll dem bayerischen Staatsexamen äquivalent sein. Ich wurde an der LMU promoviert, weiß also, dass die Qualität dort gut ist. Aber jetzt aufpassen, wie Qualitätssicherung interpretiert werden kann: “Für das erste bayerische Staatsexamen muss die Gleichwertigkeit sichergestellt werden. Wenn Sie z.B. in Paris eine Stunde weniger Spezialdidaktik hatten, muss in Bayern eine Lehrveranstaltung Spezialdidaktik mit einer oder mehr Semesterwochenstunden noch absolviert werden. Dann muss das Referendariat absolviert werden. Selbst dann ist die Übernahme davon abhängig, ob Ihr Fach ein Mangelfach ist”. Die Gefahr, den Kindern in Ismaning ein unbayerisches Französisch beizubringen hat ihn zu einem Unterstufen-Halbdeputat, wohlgemerkt an einer Privatschule, eingeschränkt. Dieser protektionistischen Hölle konnte ich im außereuropäischen Ausland der Confoederatio Helvetica entgehen.

Der Leser kann sich vorstellen, wie ich mich fühle – ein Bundesbürger doch – wenn ausgerechnet Markus Söder in der Rolle des Hoffnungsträgers der Konservativen stilisiert wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

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As a student (the philosophy degree in Athens required almost as much classics as it did philosophy) I hated Dodds’s famous book The Greeks and the Irrational. It shed a Nietzschean light on the Greek understanding of religion which, for me back then, was not distinctive of Greek culture. Today, after having encountered the rational choice theory, I claim that religion is a rational form of behaviour and I do not hate the book anymore. Rather, I take Greek rituals in it to be just ill-conceived. There is nothing generally illogical or contradictory in mysteries, chimaeras and emotion as such, at least not as long as they have no contradictory implications. There is nothing absurd in a half-woman-half-bird not letting you sleep if you committed a murder that the local custom required you to commit. There is no formal contradiction in being half woman and half bird and there is no formal contradiction between two different moral codes. Where there is a formal contradiction is when you happen to claim that the human and the divine are the same system of morals. I know of no Greek author who claimed this.

However, even if I can now identify my attitude to Dodds’s book as rejection rather than as hatred, I do hate to see museums place their bets on a 70 years old book. This can also happen in a museum whose collection is as remarkable and worth seeing as the Museum of Cycladic Art. The collection Goulandri-Horn on which the museum was based, is remarkable. But no tycoon is to blame for how museologists educated with Dodds interpret the exhibits they collected. What a monstrosity to say that the monsters of Greek culture and religion: Sphinx, Oedipus, Pan etc depict the “irrational”!

Museology in Greece is a vast assault to the art! I’ve already had the opportunity to opportunity to deplore nationalistic and provincial rhetoric in a Greek museum. But the reader of this post only needs to read the following story: in the late 90s the Bavarian dairies promoted the long lasting fresh milk without preservatives. Greek law demanded it not to be tagged as “fresh”, since it was (and remains) drinkable after two weeks. When the package continued to talk of “fresh milk”, the Greek state reacted by confiscating the product from the supermarkets, Greek officials mocking that the Bavarians obviously claimed to have invented the super cow. It was the time to bargain, but the trade pertained more to horses than to cows: the Greeks gave up their stance towards Bavarian fresh milk still drinkable after two weeks, demanding as a quid pro quo that only Greek citizens will be allowed to guide groups in Greek museums – obviously an assault against free movement in the EU, arguably also against the freedom of expression. I know about the quid pro quo because I happened to be one of the interpretors in the negotiations in Munich. I was still a PhD student, didn’t need them to hire me any more – I was going to become the most exalted professor of philosophy the world has ever seen, wasn’t I? – and in the midday break I referred ironically to Athens’s protectionism in favour of Greek tourist guides, for Stephanos Tsochatzopoulos, brother of a notorious socialist minister and back then director of the Munich bureau of the Greek National Tourism Organisation to reprimand: “Don’t be recalcitrant! The issue is of national importance”. For this issue of national importance politics created a group of militants acting in Greek museums who would drag you and attack you if they hear you using a foreign language in the museum towards the members of your family (a group of people, no doubt) since they do not recognise you as one of the ethnically conform people affiliated to the museum. Last year it happened to a friend in Acropolis, two years ago to me in the National Archaeological Museum.

Since ages Greek tourist guides have conducted the tourists saying deeply erudite stuff like “The Greeks had no mythical teachings, they had a mythology, that is a mythical logic”; or: “For us today it is irrational (sic) to have winged horses or snake-haired women, but the Greeks had no issues with the irrational”. The sleep of reason produces monsters claimed Goya ignorant of the potential of the sleep of reason to produce Greek tourist guides. In fact, ignorant of the ability of politics to create monsters in general.

Since I have been nastier to Greek than to Bavarian politics, let me finish with a tu quoque. I know, I am not allowed to, but I cannot resist. With the Greek policy in mind to allow only Greeks to guide groups in Greek museums think of the following story, the story of my kids’ first teacher of French: until four years ago, we have lived in Bavaria and he was, as I said, my daughters’ teacher of French. A native speaker of the language he was teaching, he had come to Bavaria from France where he had gained his teacher’s degree because of his wife. Something personal anyway… It was a private school alright, but the State of Bavaria co-finances private schools. And since it does so, it legally demands that holders of non-Bavarian teacher degrees – French, Greek, i.e. EU degrees, but also degrees of other German states – either have them acknowledged in Munich (“You had one hour weekly less special didactics in Paris, so you have to go to the university of Munich to re-sit for this, pass the exam there and then accept one year’s apprenticeship wherever we send you for 1.200 euros monthly and your colleagues there have to grade your efforts and then you will be hired only if Bavarian universities cannot cover the demand for your subject”) or accept a contract as a cover for small classes. Succumbing to the state’s scepticism towards French teachers who threaten to teach Bavarian kids an un-Bavarian French, he did the latter. We did something else: We locked the door of our house and said goodbye to it to come to Switzerland – NB, a non EU member.

This said, the reader can imagine how it feels seeing – of all people – the leader of the Bavarian Christian Social Union as the promising new candidate of Mrs Merkel’s party. But this is another story.

Pasta ontology

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Gattungsnamen werden in der Sprache meistens wegen des Stoffs ihrer Referenz gebildet. Alles, was mit Eier enthaltendem Nudelteig gemacht und in Wasser gekocht wird, heißt Pasta, ob Spaghetti oder Pappardelle oder Farfalle oder Puntalette oder… Es sind die Zutaten, die bei der Namensgebung von “Pasta” Pate stehen! Wer meint, mir gehe es um Don Corleone, kennt dieses Blog nicht.

Denn es gibt Pasta außerhalb Italiens und Appellativa, die sich nicht auf Stoffliches beziehen.

Der Trachanas war jahrhundertelang die haltbare Substanz der byzantinischen Armeeküche. Die Osmanen haben die byzantinischen sonnengetrockneten Brösel aus in Ziegenmilch gekochtem Weizenmehl adoptiert und nur wenig anders als die Griechen ausgesprochen: Tarhana. Am Ende eines anstrengenden Wandertages brauchte der mittelalterliche vagans, ob Soldat oder Missionar, wenn er nichts anderes gefunden hatte, nur eine halbe Handvoll Trachanas und etwas Wasser für seinen Topf und sein Feuer. Der Trachanas, leicht über längere Distanzen zu tragen und in kleinen Mengen zu großen Suppen zuzubereiten, erhielt einen wochenlang am Leben und blieb, wenn er nicht aufgebraucht war, jahrelang haltbar bis zur nächsten Slawenmission. Aber auch nach den Slawenmissionen erwies sich der Trachanas manch einem Griechen als rettend. In Bonn, in den 90ern, während der griechischen Bankenstreiks, die mein Stipendium monatelang auf der Strecke blieben ließen, wäre es ohne Trachanas eng um meine Existenz geworden. Rafik Schami erwähnt ihn in einem ähnlichen Kontext.

An der mittleren Donau feierte der Trachanas größere Siege als die Konstantinopler Zeloten, ebenso als Istanbuler Janitscharen. Im Spätmittelalter wurde er in Ungarn adoptiert. Bis heute hasst manch ein ungarisches Kind eine gleichnamige oder fast gleichnamige Beilage; was heißt, es hasst Trachanas, wenn die Fast-Gleichnamigkeit als Synonymie oder – da Griechisch und Ungarisch verschiedene Sprachen sind – als Übersetzung gilt.

Vorsicht aber: Das ungarische Tarhonya ist zwar dem griechischen Trachanas und dem türkischen Tarhana zum Verwechseln ähnlich, weist aber keine Spur Ziegenmilch auf. Stattdessen hat es Ei. Mit anderen Worten ist Tarhonya nichts anderes als Pasta: eine Pasta, bei der der ungarische Versuch einzig und allein darin besteht, einem mediterranen Nahrungsmittel äußerlich zu ähneln. Denn lediglich Tarhonyas Form im Rohzustand erinnert – und zwar stark – an das byzantinische Original. Der ungarische Name in Anlehnung an einen mittelgriechischen weist auf eine Form-, keine Materienähnlichkeit hin.

Es ist nicht immer der Stoff, der für den Namen der Gattungsnamen ausschlaggebend ist. Darüber war ich mir schon mal im Leben mit einem anderen Philosophen uneinig. Einem hatte ich gesagt, dass die Farben nicht immer sekundäre Eigenschaften sind. Ich dachte dabei an handelsübliche Farbstoffe. Normalerweise ist es dem Käufer unwichtig, aus was der Farbstoff besteht, wenn die Farbe stimmt. Nein, sagte er, das sei falsch. Farben seien immer sekundäre, Zutaten dagegen primäre Qualitäten. Am Ende jenes Tages habe ich gewusst, dass es nicht klug ist, Recht zu haben, wenn die andere Person der eigene Doktorvater ist.

Jedenfalls ist es im Rigorosum so.

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Very often, the characteristic that determines the reference of an appellative is the material cause: we call pasta whatever consists of dough without yeast with eggs: spaghetti, pappardelle, farfalle, puntalette etc. All of them! Pasta! Because of the ingredients! Basta!

There are exceptions.

For centuries, prior to its arrival in Hungary, trachanas had been the dish par excellence of the East Roman army and afterwards of the Ottoman army. Made of a desiccated goat-milk-and-yoghurt-and-flour dough, it was predestined to stay preserved for years. The only thing the wanderer had to fill in in his saucepan and to place on a fire in the wilderness to get a filling soup, was some water and the trachanas granulate. Trachanas was easy to carry in long distances and kept travellers alive for weeks if necessary. At the middle course of Danube, it celebrated much greater victories than Byzantine missionaries and Ottoman soldiers.

“It” celebrated them, that is, if you happen to accept that the Hungarian “tarhonya” and “trachanas” refer to one and the same thing. However, the Hungarian thing has not any traces of goat milk or any other milk or dairy product. Instead, it contains eggs. In other words, unlike the Greek trachanas and the Turkish tarhana, the Hungarian tarhonya is nothing but pasta meant to have the shape of the Byzantine original. Which means that the meaning of a generic term to comprise these three dishes is the formal, not the material cause.

As one sees, it is not always matter that decides the meaning of appellatives. I argued about this with another philosopher once. He had said that colours are naturally secondary qualities, matter is naturally a primary quality of every thing. I had said (I was thinking of paint) that this is not the case. At the end of this conversation I learned that your oral exam is probably not the best place to argue with your supervisor.

Especially if you are right and he is wrong.