Surprise #2 or: da Doumani a Cumani e tra le mie mani

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Zeit meiner Tätigkeit im SPP 1173 musste ich Jahre über Jahre Historikern über die Schultern gucken, lange genug also, um zu wissen, dass die vielen Gesichter des zeitgenössischen geschichtswissenschaftlichen Konstruktivismus – histoire croisée, Postmodernismus, oral history – etwas gemeinsam haben, womit ein analytischer Philosoph aus wissenschaftstheoretischer Perspektive nicht einverstanden sein kann: den Glauben, dass die historischen Ereignisse Fiktionen sind, Repräsentationen, die sich angeblich einer willkürlichen Selektion von Daten verdanken. Evidenz und Wahrheit waren zwischen 2005 und 2011 Begriffe, um die ich von manch einer jungen Historikerseele als Relikt früherer Jahrtausende angesehen wurde: “Pfff, Wahrheit – wie naiv kann nur der Typ…” Dabei bin ich ein ungewöhnlicher analytischer Philosoph, der – vor gefühlten Jahrhunderten vielleicht, aber hallo! – seine Abschlussarbeit über Cassirer bei einem Athener Marxisten schrieb, dessen Hauptschwerpunkt die Geschichtsphilosophie und die Epistemologie der Geschichte war.

Ich will damit sagen, dass der historische Positivismus à la Ranke bestimmt keine Option für mich ist. Bloß finde ich es Eigenblendung zu behaupten, etwa Pogrome würden sich nicht ereignen, es hätte bloß vermehrt “Diskurse” gegeben, wonach einzelne Individuen abermals vermehrt die Wut gegen andere einzelne Individuen gepackt hätte. Was Collingwood oder Popper nicht wagten, den Gegenstand der historischen Forschung in Einheiten zerfallen zu lassen, die kleiner wären als die Einflusssphäre der historischen Persönlichkeit oder die einzelne Institution, wagt aber die Postmoderne. Der Gräuel der Geschichtsschreibung davor, den historischen Bericht auf literarische Komparatistik zu reduzieren oder mündliche Überlieferung und Geschichtsschreibung als gleichwertig zu behandeln, lässt die histoire croisée kalt und die oral history unbeeindruckt. Beides hat zu Folge, unqualifizierte Meinungen oder Animositäten auf gleiche Stufe mit wertneutralen Beschreibungen zu setzen, oder auch die aus nüchterner Archivarbeit hervorgehende Opferzahl gegen die Selbstwahrnehmung von ein paar Tätern abzuwiegen.

Meine schlechte Meinung von der oral history hat Nicholas DoumanisUna faccia, una razza deutlich verbessert. Der Autor, australischer Italien-Experte mit griechischen Vorfahren, war mir nicht bekannt, geschweige denn das Buch, das mir der Freund Claudio Cumani vor Jahren schenkte. Erst heuer fand ich die Zeit, es zu lesen und festzustellen, dass die oral history mit Archivforschung gepaart weberianisch koscher sein kann. Die italienische Kolonisation, Administration und (auf die Italisierung hindeutende) Bildungspolitik auf Rhodos in den Dreißigern und frühen Vierzigern ist reichlich belegt und die Augenzeugen gab es noch, als Doumanis die Feldforschung ausführte.

Eine autobiographische Komponente für mich hatte die Lektüre auch: Die Hälfte meines Wehrdienstes verbrachte ich als (wohlgemerkt griechischer) Feldwebel in der Carabinieria des verlassenen, heute von der griechischen Rhodos-Division benutzten, halbverfallenen italienischen Kolonistendorfes Peveragno. Zu einem Dezember-Gottesdienst am Fest des Heiligen Domestus, nutzten wir die “moderne” Spitzbögenkirche unserer, der “italienischen”, Kaserne – na ja, ansonsten waren uns sonntags die meist byzantinischen Dorfkirchen im Umland lieber, da den Tarnuniformgewandeten nichts so sehr aufbaut wie der Umgang mit Zivilisten.

Aber gerade dort erzählten uns, jungen Infanteristen, die alten Rhodier stets Geschichten über die “bösen italienischen Schulen 1932-1944”, wo Kinder z.B. angemahnt worden seien, sich auf römisch-katholische (vierfingerig, erst links) und nicht auf griechische (dreifingerig, erst rechts) Weise zu bekreuzigen. Gerade bei solchen Animositäten, die sich in einer mündlichen Überlieferung als urban myths verfestigen und überhöht werden – bin ich sehr vorsichtig.

Doumanis auch…

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During my work in the funding scheme SPP 1173 of the German Society of Scientific Research (DFG) I had the opportunity to watch how historians practice their discipline, i.e. something about which I’ve spent thoughts for decades from the standpoint of the philosophy of history and epistemology. Most members of SPP 1173 were historians, you see… The time between 2005 and 2011 was long enough to realise that the different faces of historiographical constructivism – histoire croisée, postmodernism, oral history – have something unacceptable in common, at least unacceptable for an analytic philosopher: the view that historical events are representations not essentially different from fictions and dependent on an arbitrary selection of an empirical basis.

Now, I’m not saying that I prefer historiographical positivism in Ranke’s manner. But isn’t it self-blinding to seriously consider atrocities not to have happened? To talk of “discourses” instead, according to which a number of individuals have been aggressive against other individuals?

Collingwood and Popper would never dare to reduce events to something smaller than the influence of historical personalities or institutions. It’s postmodernism that has done the unthinkable: it tries to make you cope with historiography as a discipline that bears no difference to comparative literature. “Tell me what the victims say, and then tell me what the perpetrators say, and let us think that the truth – which doesn’t exist anyway – lies in the middle”. The histoire croisée and the oral history are not only postmodern developments of historiography. They are post-mortem symptoms thereof…

Nicholas Doumanis‘s Una faccia, una razza amended my bad opinion of oral history. Unknowingly to me, the author is an Australian scholar of Greek descent and with a focus in Italian history, and the good friend Claudio Cumani wanted to make me familiar with his work – years ago.

Alas, I only found the time to read the book years later – in 2018 – to discover that the oral history can be fruitful when paired with classical work in archives and with literature.

The Italian occupation of the Dodecanese and the cultural policies of the Italian state towards the assimilation of Rhodians and the other islanders in the 30s and the early 40s are very well known but it would be a pity if Doumanis hadn’t taken the pains to meet the remaining witnesses.

I read the book also out of an autobiographical interest. Half of my military service I spent in the old carabinieria of the abandoned Italian village of Peveragno in Rhodes – a ghost village of colonists, now a military area, where for decades only people in uniform – white cross on blue instead of the previously red background – have been. It was on an 18th of December when we had used – only once – the “Italian” St. Domestus chapel of our barracks. For the Sunday service we used to prefer the mostly Byzantine churches of the surrounding villages. In the depth of their hearts, you see, soldiers enjoy talking with civilians.

This was, however, where old Rhodians wanted to tell “an obviously learned sergeant of the infantry” about the “evil Italian schools” of their times where the teachers urged them to make the sign of the cross with four instead of three fingers, urged them to pass their hand from the left to the right shoulder instead of vice versa.

Well, animosities, especially very old ones like those of the Aegean against the Adriatic, and like those of the New Rome against the Old Rome can be urban myths and the learned have to be cautious when they report them.

Doumanis is cautious…

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Pictures courtesy of the author and Marcella Arca Petrucci (ed.), Atlante geostorico di Rodi, Roma: Gangemi, 2011.

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Pizzas, pittas, quiches and their pieces

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Wer nach der griechischen Pitta (etwa der Tyropitta, der Lachanopitta, der Tsuknidopitta) oder der südserbischen Gibanica googelt, bekommt als Treffer Fotos eines deftigen (meistens mit hauchdünnem Nudelteig hergestellten) runden Blätterteigkuchens, der meist wie Pizza angeschnitten ist. Dieses Anschneiden ist nur in TV-Kochsendungen oder im Internet anzutreffen. Als Element kultureller Hybridität ist es auf die in Griechenland und Serbien wahrgenommene Überlegenheit der italienischen und französischen Küche zurückzuführen; insofern postkolonial. Keine Oma aus Ioannina oder Leskovac schnitt ihre Pitta oder Gibanica wie eine Pizza oder eine Hochzeitstorte! Vielmehr bestand der Anschnitt aus zwei sich senkrecht schneidenden Durchmessern und Parallelen zu diesen beiden. Die Randstücke waren nach diesem, dem einzig traditionellen Anschneiden, kleiner oder größer als die Stücke weitab vom Rand. Das Verteilen der epirotischen Pitta, eines für Generationen fast täglichen Essens in den Dörfern Nordwestgriechenlands, war kein Fall der distributiven Gerechtigkeit. Die Welt ist ungerecht und so waren auch die Stücke.

Viele würden sagen, dass ich hier übertreibe, dass früher eine ausgleichende Gerechtigkeit gewahrt wurde (“Dieses große Stück für dich, weil du den ganzen langen Tag nichts gegessen hast”), dass die Verteilung eventuell individuellen Vorlieben entsprochen hat (“Ich mag sowieso keinen Spinat, dafür knusprigen Blätterteig”), aber ich weiß ganz genau, dass die Fälle, wo einer unzufrieden mit seinem Stück war, nicht wenig waren. Ungerechtigkeit wurde hingenommen.

So ungerecht allerdings, dass ein Randstück nur aus Blätterteig bestand, keine Spur von Feta, Brennnessel, Spinat hatte, war die Verteilung selten. War das Randstück so klein geraten, dass gar keine Füllung drin lag, dann pflegte man zu fragen: “Warum hast du mir kein richtiges Stück gegeben?”

Daraus wird klar, dass die Ganzes-Teile-Beziehung einer traditionell angeschnittenen Pitta oder Gibanica anders als bei Quiche oder Pizza eine mereologische war und zwar eine auf die Mengenbeziehung nicht reduzierbare! Während nämlich alle Pizza- oder Quichestücke sowohl echte Teilmengen als auch echte mereologische Teile sind, war es möglich, Pitta- oder Gibanicastücke zu haben, die “nicht richtig” waren: nur Teig. Diese waren zwar echte Teilmengen aber keine mereologischen Teile einer Pitta oder Gibanica, sondern nur Teile von deren Teigblättern.

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If you google to get pictures of Greek pittas (I mean real pittas: spinach pies, cheese pies, nettle pies, not the thing Greek eateries would serve with kebab), also pictures of South Serbian gibanicas (pronounced “gheeb-an-etsas”), you will find mostly unreal, improbable pictures: pies cut in a way you would cut a pizza or a wedding cake but not the traditional way a non-professional cook from Niš or Ioannina would cut the pie. Pizza-like cuts demonstrate a cultural superiority of French and Italian kitchen towards the Southeast European periphery, are postcolonial, hybridical forms created by TV shows or for the internet – they are fake servings.

The real thing is served when you cut the pie in little squares. Since the baking pan, however, is round, the pieces at the edge are smaller or bigger than those that are not at the edge. Serving a cheese or a spinach pie, for generations an almost daily dish in the villages of Nordwest Greece, wasn’t a case of distributive justice. The world’s unjust and this was something you had to cope with also during lunch.

You’ll say I’m exaggerating.

You’ll say it’s justice after all, restorative justice, when the one who’s been working all the day gets the middle pieces. You can also see individual preferences respected here: “I hate spinach anyway, but I love crispy pastry”.

Whatever you say, I know that the cases people are disappointed from their piece are many.

No piece was supposed to be so unjust however that it would consist only of fyllo, only of pastry: no spinach, no feta cheese, no nettles, no nothing… Would this be nevertheless the case, the reaction would be prompt: “Why, am I supposed to eat a piece that’s not real?”

“Nonreal piece” means, in this context, something that doesn’t deserve to be called a piece of pitta. Maybe a piece of the pitta’s pastry but not a piece of the pitta itself: with its spinach and its sheep’s cheese!

“Nonreal pieces” are such that they are reminiscent to injustice in the world but also evidence of mereology’s nonreducibility to set theory. “Nonreal pieces” are genuine subsets of the pitta in question but not genuine mereological parts thereof. Maybe of its pastry but not of itself. A genuine part of a pitta must contain something under the fyllo.

Meinongian events

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1970 kaufte Wittgenstein ein Appartement in der Athener Innenstadt. Die Wohnung an sich war ein Horror, die wenigen Leute, die sich vor Ort mit seinem Werk beschäftigen, waren Doxographen, die anderen, ebenfalls Doxographen, stritten sich darüber, ob Marx in der Deutschen Ideologie einen bestimmten Ideologiebegriff favorisiert.

Aber der Blick vom Balkon entschädigte für alles.

PS: Das, was nie passierte, hat stets Ähnlichkeiten mit dem, was der Fall ist, sonst würden wir es nicht voll als Ereignis akzeptieren, sei es als Meinongianisches.

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In 1970 Wittgenstein bought a flat in Athens. The place was a dump and it turned out that the few who read him there, were doxographers. Also the others were doxographers who quarrelled whether Marx in the German Ideology favoured some kind of ideology next to the one he criticised.

But the view from the balcony was a compensation for all this crap…

PS: Even Meinongian events have somehow to resemble real events.

Cambridge properties in different places

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Die Logik ist außerstande zu bestimmen, was wesentlich für ein Ding ist. So sehr wir auch immer die Unterscheidung zwischen essenziellen und akzidenziellen Eigenschaften eines Dinges im Alltag und im Unterricht gebrauchen, so sind diese doch alles andere als abgesteckt. Skandalös.

Noch skandalöser ist aber der Umstand, dass wir keine Kriterien besitzen, um sogenannte “Cambridge-Eigenschaften” von anderen zu unterscheiden. Jeder Biologe würde sagen, dass die Kausalbeziehung zwischen der Ur-ur-urgroßmutter des Cousins zweiten Grades der Frau eines meiner direkten Vorfahren vor 37 Generationen und mir wesentlich für mich ist. Ist aber von dieser Frau her eine direkte genetische Linie zu Aristoteles gegeben – was leicht passieren kann, wenn du Euböer bist – tendierst du dazu, deine Beziehung zu dieser Frau aus der Antike als “Cambridge-Eigenschaft” abzutun aus Angst, dass du sonst als Biologist gelten kannst. I.e. du tust so, als wäre deine Beziehung zu deinen biologischen Vorfahren so etwas wie eine auf der Nutzung desselben Bürgersteigs basierende Beziehung etwa zu einer Frau, die mal in einem Sinatra-Konzert war…

Umgekehrt erheben manchmal Fremdenverkehrsämter Cambridge-Eigenschaften in den Rang des “must-see“. Augsburg protzt etwa damit, dass einer von Mozarts Vorfahren – von Beruf Bauarbeiter – in der Fuggerei wohnte. Wenn du nicht Mozarts Geburtshaus hast, musst du dir irgendwie behelfen…

Mozarts Geburtshaus steht eben in Salzburg, Getreidegasse 9, nicht in Augsburg. Aber warum soll nicht etwa auch das Wohnen an der Getreidegasse 9 eine von Mozarts Cambridge-Eigenschaften darstellen? Was hat dieses Haus mit gelber Farbe und protziger Inschrift mit Mozart zu tun? Gut, die Touristen wollen was sehen… Aber das ist kein Touri-Blog, also akzeptieren kann ich dieses Argument nicht.

Wie man jedenfalls sieht, verdient sich so mancher Mitteleuropäer eine goldene Nase mit Cambridge-Eigenschaften, während Griechenland sein ein und alles zu Cambridge-Eigenschaften erklärt. Ich stand im Sommer und bewunderte Touristen, die unscheinbare, mit eingemauerten Platten versehene Altbauten in Augsburg und Salzburg fotografierten, wohl wissend, dass das vor ein paar Jahren von der Archäologie freigelegte Lykeion des Aristoteles in Athen als “der Park zwischen der Zentrale der rechtsliberalen Partei und dem Byzantinischen Museum” gilt.

Ich tendiere selber dazu, sehr viel davon, was nicht zu meinem innersten Wesen gehört, als meine Cambridge-Eigenschaft anzusehen. Es macht mir nichts aus…

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It is scandalous enough to be short of a clear cut between the essential and the accidental properties – I mean we don’t have it in logic although we constantly use it in everyday discourse, in explaining things, in scholarly instruction.

But the still bigger scandal is that you can take essential properties to be Cambridge properties and vice versa ad libitum! If there is a causal, genetic chain between the great-great-great grandmother of the second-grade cousin of a wife of a direct ancestor of yours 37 generations ago and yourself, then your relationship to this ancient woman is essential for your being there in the world. But if this woman was Aristotle’s relative – chains of this kind are very probable if you’re of Euboean ancestry – then, in order for people around you not to take you to be a biologism weirdo you’d rather say that your connection to Aristotle is a Cambridge property of yours – like e.g. using the same pavement that has been used by someone who met once a lady who was at a Sinatra concert…

Vice versa, you can make a big deal out of a Cambridge property like the city of Augsburg in southern Germany does. They give a hint to the fact that one of Mozart’s ancestors, a construction worker, benefited from the world’s oldest housing program, introduced by the Fugger family who had been the city magnates from the 16th century on. Augsburg would rather host Mozart’s birth house but this, alas, stands in the Austrian town of Salzburg, some three hours from there.

But, again, isn’t Mozart’s being born in the Salzburg house not his Cambridge property? I see nothing importantly connected to Mozart in this house with the funny yellow colour and the strident inscription… But, of course, tourists love it… I believe that the ultimate ratio of calling this or that predicate a Cambridge property is pragmatics. Tourists want to experience something they artificially make a big deal of.

While Central Europeans earn a living by making believe their Cambridge properties would be no Cambridge, Greeks specialise in making Cambridge properties out of no Cambridge.

I was thinking of this while reading about Mozart’s this and that on fronts of unspectacular houses in Augsburg and Salzburg during this summer while knowing that few years ago the site of Aristotle’s Lykeion was discovered in Athens to be further referred to as “the garden between the New-Democracy party headquarters and the Byzantine Museum”.

Somehow I like this attitude. Things not essential for me I regard as my Cambridge properties.

Transformations of a ritual

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Vorgestern war in Basel der Morgenstreich, gleichzeitig überall auf der Welt der Rosenmontag der orthodoxen Kirchen. Beide Rituale haben einen gemeinsamen Ursprung.

Umzüge Verkleideter, die sich in der Anonymität der Maskierung ihre Seele aus dem Leib schreien konnten, waren Bestandteil der dionysischen Mysterien im antiken Athen. Aus diesen entsprang das antike Theater, was jetzt einerseits zu weit führt, nichtsdestotrotz zum Thema gehört. Als eine Komödie zwischen Dionysischem und Christlichem habe ich nämlich als Kind das Begehen der Fastenzeit kennengelernt. Wir “Athener” besuchten die väterliche Insel, wo die obszönen Karnevalslieder gesungen wurden, die, aus wer weiß welcher Nische der Antike entsprungen, eine unmissverständliche Sprache fanden, um den Verzicht auf jegliche Art von Fleischeslust für die nächsten vierzig Tage zu beweinen. Mit Glocken behängt und unkenntlich gemacht wurden wir. Die Erwachsenen hatten das Privileg, auch Obszönität in der Art ihrer Verkleidung zu feiern, oft eine auf das andere Geschlecht hinweisende, unter der Bedingung, dass keine nackte Haut zu sehen war.

Das schreibe ich, um die Verwandtschaft des nordägäischen Karnevals mit den dionysischen Mysterien zu unterstreichen. Das darauf folgende Fasten war (und bleibt) streng und lang. Das schreibe ich wiederum, um die christliche Transformation des dionysischen Festes an der nördlichen Ägäis zu unterstreichen.

Szenenwechsel: Zwinglis demonstratives Wurstessen war der Startschuss der Kirchenreform in der Schweiz. Anders als in Griechenland rückte hier im sechszehnten Jahrhundert die Fasnacht vom Fasten wieder ab. Damit streifte sie sich nicht nur den Pönitentengestus der Buße nach einer dionysischen Feier ab; sie wurde auch immer mehr zur Predigt, zum Argument, zum Politischen, kurz: zum Apollinischen.

Den Untergang des Dionysischen zugunsten des Apollinischen hat ein berühmter Basler Philologieprofessor 1872 beweint. Dass Basel zur Zeit der Geburt der Tragödie schon lange die umgekehrte Form des trans- und reformierten Rituals feierte, das ich in meiner Kindheit auf einer in ihrer spätantiken Zeitblase verharrenden Insel kennenlernte, lässt vermuten, dass Nietzsche sich auf der Mittleren Rheinbrücke in frühen Februarstunden Inspiration holte.

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Johannes Grützke: Böcklin, Bachofen, Burckhardt und Nietzsche auf der mittleren Rheinbrücke in Basel, 1970. Öl auf Leinwand, 250 x 330 cm
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On the day before yesterday Basel celebrated the nocturnal carnival procession. On the same day, all over the world, orthodox Christians were celebrating the beginning of the Great Lent and of the big fasting. Both rituals have a common root.

Having your say under a guise was perfectly alright in the Athenian mysteries in honour of Dionysus, especially if you were obscene enough. Eventually, theatre emerged out of these mysteries, which is a point to lead the discussion astray but is not irrelevant altogether.

Having your say under a guise is what you see in Basel during carnival. And it is what you see in the island my family originates from at the same time. The point, however, is what you say.

We were considered to be Athenians back then. My father had left the island when still a young man. Whether Athens had left an urban polish on our family or not, since we used to spend carnivals in the island, our celebrating the beginning of the Great Lent was traditionally a mixture of Dionysian and Christian elements. Obscene songs deploring the loss of unambiguously every sort of carnal pleasure, meat and flesh; disguises embarrassingly similar to what you can see on ancient pottery; caricatures of virility, often played by women; and of femininity, often played by men. No naked body parts were shown, of course. It’s Greece, it’s Christian and the Lent is about to follow – vegan, strict, long. It’s our Lord’s passion ahead that makes us shortly celebrate Dionysus; and it’s the presence of Dionysus in ourselves that we have to repent.

Cut: the Affair of the Sausages marks an important moment for the Swiss Protestantism: Zwingli seats, as the champion of the church reformers at a table where sausages are served, and this during Lent. The Swiss reformed churches rejected fasting and, in absence of a fasting ritual, the Basel carnival came to express less and less frustration just before a time of deprivation. It turned out to be more preaching, politicising, less Dionysian, more Apollonian. The Dionysian feast was, after its taming by the Christians, now totally transformed on Swiss soil – in fact turned to its opposite: to a moralising gesture.

350 years after the Affair of the Sausages, in 1872, a later very famous professor of the Basel University deplored the fall of the Dionysian and the triumph of the Apollonian. Understood thus, Friedrich Nietzsche’s Birth of Tragedy showed admiration for the ancient Athenians. Reportedly, Nietzsche felt a certain unease among his Basel contemporaries.

I have to say that his lament is rather plausible when I, a person who got to know carnival in an island that’s for centuries in a late ancient time bubble, stand at Basel’s Middle Bridge and observe the procession.

The transformation of the ritual attended from there, is so obvious that I come to believe that Nietzsche also got his inspiration at the same spot during a nocturnal carnival procession.

Termini

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Geographische Grenzen sind Rahmen. Es gibt keine geographische Entität, die sich ins Unendliche erstreckt. Sieht man zudem von eingekeilten Regionen ab, so gibt es höchstens ein Dreiländereck zwischen drei Gebieten. Es gibt genau eines zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich (unten habe ich ein Video von besagter Stelle), zwei zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein, da Letzteres eingekeilt ist.

Das alles bestärkt mich in der Annahme, dass die geographische Regionalontologie ein Spezialbereich der Topologie ist. Die bekannten Toponyme der Art: “Elsass”, “Baden”, “Kleinbasel” (einen Blick auf das erste und das letzte vom mittleren aus sieht man unten) sind ihre Konstanten.

Natursprachliche Bezugnahmen auf Menschen aus dem jeweiligen Landstrich sind jedoch gründlich anders. Anders als Toponyme sind nämlich Ethnonyme keine Eigennamen, sondern Appellative. Als wäre das nicht genug, sind das Appellative mit in der Regel großen Bedeutungsverschiebungen in ihrer Vorgeschichte. Während man z.B. diachronisch sagen kann, wo das Elsass, wo Baden, wo Kleinbasel ist, kann man nicht ohne Weiteres sagen, wer ein Elsässer, ein Badener, ein Kleinbasler ist; auch nicht, wer ein Franzose, ein Deutscher, ein Schweizer ist. Ich meine: nicht diachronisch! Ein Elsässer sprach früher stets Elsässisch. Heute reicht’s zum Elsässersein, sich dafür zu entschuldigen, kein Elsässisch zu können. Einen Schweizer im heutigen Sinn gab es vor 1848 nicht – und das, obwohl es die Schweiz gegeben hat.

Die einzigen mir bekannten Grammatiken, die die Kultur besitzen, nicht so zu tun, als wäre die Herkunft ein Eigenname, sind die des Italienischen und des Deutschen. Erstere schreibt vor, “Grecia” groß zu schreiben, “greco” aber klein, “Germania” groß, “tedesco” klein usw. Letztere kapitalisiert alle Substantive sowieso. Ob das gegen die Selbstherrlichkeit des Provinzialismus hilft, ist eine andere Frage. Wenn ich an Adriano Celentanos “Lasciate mi cantare” denke, dürfte es weniger helfen. Aber es ist wichtig, nicht so zu tun, als wäre “Makedonier” ein rigide bezeichnender Terminus. Im Sinn einer demokratischen Bürgerkunde kann man grammatikalische Vereinbarungen zwar nicht nutzen, Signale in die richtige Richtung sind sie jedoch allenfalls – selbst wenn (oder weil) diese Richtung die nominalistische ist.

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The glimpse of the tri-country region consisting of the southwesternmost edge of the Black Forest in Germany (from where I took this video), Basel in Switzerland (urban, towers) and Alsace in France (vineyards at the other side of the river Rhine) I find interesting for reasons of ontology.

Borders are frames. Generally, geographical limits bound a geographical entity from all sides. Between three regions none of which is wedged among or inside the others, you can have one tri-country region. You have one between France, Germany and Switzerland. But you have two between Switzerland, Austria and Liechtenstein because this last country is wedged between the two former. Thus, the regional ontology of geography appears to be a branch of topology. Its constants are toponyms – NB proper names.

In contrast, ethnonyms, the names of the people of regions, are not proper but common names – and ones that resulted after huge semantic shifts.

As an aftermath, you can’t define “the Swiss” as easily as you can define “Switzerland”. The only problem you have with the definition of the term “Switzerland” is to capture territorial shifts through centuries while you maintain that it is a proper name. But it is not clear whether the term “the Swiss” always referred throughout this time. It has been referring after 1848 for sure, but in the 15th century the only people you could call thus was the population of one landscape in the middle of the country. Another example: it’s been more or less clear for centuries where Alsace is. Still, who’s an Alsatian? – that’s the question of the century! Until the beginning of the XXth century, it was essential to Alsatians to speak their Germanic language. But an essential property of Alsatians today is to speak French whereas apologising for not speaking German.

The only grammars I know that clearly show that toponyms are proper names and ethnonyms common names is the Italian and the German: the former prescribes to capitalise “Ingleterra”, not however “inglese”, the latter capitalises all nouns. It’s so true! England will always be the country that the Angles once possessed. But the Angles, the English, the German, the Macedonians, all peoples of this world, are called thus simply because nominalism has a chance to be true.

Echte Grundrechte und wer sie haben möchte

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So wie das Gesetz zur Geschlechtsselbstbestimmung hat kaum ein anderes Gesetz die griechischen Gemüter im ausgehenden Jahr erregt – und das, als hätten ausgerechnet Griechen mit schwindendem Einkommen, Schulden und offenen Heizölrechnungen keine anderen Sorgen.

Gemäß o.g. Gesetz ist es jeder und jedem – das Gendering in diesem Satz ist fast irrelevant – freigestellt, unabhängig von der Anatomie als männlich oder weiblich zu gelten, da das Geschlecht ein soziales Konstrukt sei – blablabla, so der Gesetzgeber. Damit ist für die Anerkennung einer Geschlechtsumwandlung kein operativer Eingriff vorausgesetzt.

Das Gesetz ist nicht das radikalste seiner Art. Kalifornien räumt Entsprechendes ein und nimmt sogar drei Geschlechter an. Manchmal auf diffuse und manchmal auf explizite Weise ist die Begründung solcher Regeln naturrechtlich: Es sei ein Grundrecht der Betroffenen, zu ihrer geschlechtsspezifischen Eigenheit stehen zu dürfen.

Aber abgesehen von der statistisch sowieso schwindenden Anzahl der Hermaphroditen dient die Bezeichnung “männlich” oder “weiblich” auf einem Ausweis der Wiedererkennung. Könnte etwa ein rothaariger, keltischer Hiphop-Enthusiast geltend machen, es sei sein Grundrecht, sich als afrostämmig auszugeben? Das wäre ein sehr breites Verständnis der Grundrechte.

Von einem solchen ging das Bundesverfassungsgericht aus, als es annahm, die Zulässigkeit gleichgeschlechtlicher Ehepartner folge aus GG Art 1 (“Die Würde des Menschen ist unantastbar”). Ich frage mich, wieso das nicht über Geschwister oder Mönche oder Nonnen gelten soll. Ist ihre Menschenwürde etwa antastbar? Wohl nicht. Warum also die politische Entscheidung für oder gegen die Homo-Ehe, für oder gegen Geschlecht-als-Konstrukt auf eine Debatte über Grundrechte zurückführen? Ich antworte: Weil es opportun ist, einen vermeintlichen Grundsatz dafür verantwortlich zu machen, ferner etwaige konservative Rückschläge nicht zu riskieren und schließlich die Konservativen nicht als Wähler zu verlieren. Es läuft nach dem Motto: “Karlsruhe hat es doch gesagt, was soll die Politik groß machen?” Meine Argumentationslinie hier entspricht in etwa einem Vortrag Peter Baduras in der Münchener Siemens-Stiftung anno 2015, in dem jener mich überzeugte, dass beim BVerfG ein Legitimationsdefizit vorliegt.

Die Zurückführung von jeglichen emanzipatorischen Rechten einer moralischen Minderheit auf Grundrechte erzeugt eine Inflation von absurden Grundrechten, die durch keine höhere, philosophische oder sonstige Begründung legitimiert sind. Sie erhärtet zudem den Rechtsrelativismus in puncto Grundrechte: Grundrechte wären demnach positives Recht, bloß etwas wichtigeres positives Recht für die Gesellschaft x.

Dem Thesenpapier des Moskauer Patriarchats über (eigentlich gegen) die Menschenrechte liegt eine solche Interpretation der Grundrechte zu Grunde. Wie will dagegen argumentieren, wer vermeintliche, inflationäre Grundrechte für parteipolitische Zwecke bereits usurpiert?

Das Problem ist hier die Legitimation liberaler Politik. Nach der Französischen Revolution punktet nichtkonservative Politik mit der Emanzipation von Minderheiten – im soziologischen, nicht im statistischen Sinn: der Proletarier, der Frauen, der Afrostämmigen usw. Die Liste ist zwar sehr lang, aber das Wirken liberaler Politik auch und, wenn nach und nach alle emanzipiert werden, mangelt es plötzlich an Minderheiten, die zu befreien wären. Damit vermisst der Liberale seine Legitimationsbasis, womit irgendwelche moralische Minderheit, die immer marginaler wird, entdeckt werden muss, die es zu entsklaven gilt…

Da kann ich nur die Ungeniertheit der marxistischen griechischen KKE beneiden. Ob es wirklich der Fall sei, dass das Parlament politisch und juristisch und philosophisch über Fälle debattiere, die nicht eher der Psychiatrie aufzubürden seien, hat sich die langjährige Generalsekretärin letzten Oktober gefragt, als obengenanntes Gesetz der Vouli vorgestellt wurde…

Ich halte die KKE für keine ernstzunehmende Partei und die Mitgliedschaft meines Großvaters in derselben ändert nichts daran. Ich habe noch das alte Taschenedition-Exemplar von Platons Symposion, die der Stalinist und Kriegsveteran an der Stelle, wo Alkibiades reinkommt, abgelegt hatte. Weiß Gott war der Opa ein guter Schütze mit großem Bart.

Nein, die KKE ist nicht ernstzunehmen. Aber die Bagatellisierung des Menschenrechte-Diskurses aus der Not heraus, irgendwo Unterdrückte zu finden, ist noch weniger ernstzunehmen.

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One of this year’s most debated laws in Greece was the endorsement to be considered male or female independently of any anatomical characteristics. As if Greeks with dwindling income and unpaid bills had had no other concerns.

It’s not the most radical law of its kind. The State of California admits additionally three genders. It has been a custom that the lawmaker’s rhetoric is in terms of natural justice: one that pertains to the fundamental, inalienable rights of the persons involved.

The German Constitutional Law Court backed their decision for same-gender marriage with, among other things, the first article of the German Constitution that declares human dignity to be not to be infringed upon. Why the same, allegedly fundamental right, does not apply for monks, nuns, siblings is a question that remains unanswered. I think that Peter Badura, the leading Bavarian expert on public law, is right when he deplores a legitimation deficit of the German Constitutional Law Court, especially when it, in order to back its rationale for same-sex marriage, utilises the concept of dignity in the German Constitution, NB, one that was shaped in 1949 when the Federal Republic of Germany was founded.

Well, dear reader, as you see I fail to reconstruct a consistent argument that would underlie the human-rights rhetoric behind the gender-as-social-construct discourse. There are chances that in Reykjavik there is a red-haired hip-hop enthusiast who phantasises to be Afroamerican. But is it this person’s natural right to have this stated on his ID card? I say no, but one can object, of course, that to every person sexual orientation is more important than musical taste.

OK, let’s accept this. If it is true that we find ourselves in our gender more than in our iPod, it is also true and essential for ID cards to make other people recognise us as the persons depicted in terms of our nonintentional features. And if what we show we are is not what the card is intended by us to state, the situation is grotesque to say the least…

But, what’s more: if we have to get down to the bedrock of fundamental rights whenever we want to emancipate a moral minority (alleged or real) we collaterally engage in the creation of inflationary rights for which there is no philosophical, religious or any other higher justification. If we, as a result, usurp inflationary human rights to do party politics we will not be able to argue against ultraconservatives who see in the human rights legal positivism that can be used when they need it and neglected when they don’t. Why, what else do we do?

The legitimacy of liberalism is here at stake. If, after the French Revolution, most liberal demands have been based on the need to emancipate someone: the working class, the Afroamericans, women etc., when you run out of minorities to be emancipated more than two centuries later, you must start being concerned about your political future. The most plausible thing is that, at the end, you will be emancipating moral minorities that are at the borderline between politics and neurosis.

Frankly: watching the debate in the Vouli, I felt tempted to applaud to something Aleka Paparriga said, the long-time Secretary General of the Greek Communist Party (KKE). Shouldn’t the parliament ask psychiatrists how they would consider people who need to say they have a female identity but feel alright with male genitals?

Of course, I don’t think that KKE is a serious political platform and the fact that my grandfather was a local politician under the aegis of this party makes things rather worse.

It’s a Stalinist party and one that propagates moral conservatism: I still have the copy of Plato’s Symposium that my grandfather, a veteran of three wars between 1914 and 1922 and a man with a very big moustache, closed never to open it again when he reached the point of Alcibiades’ entry.

But how much better is the ridiculing of fundamental rights?