Death and rationality

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Ein Brüsseler Attentäter soll befürchtet haben, seine Tage im Gefängnis zu beenden, womit für ihn klar war, utilitaristisch zu handeln, wenn er wenigstens ein paar Bürger Brüssels mit in den Tod reißen würde. Dabei verzichtete er auf einen Nutzen, der in seinen Augen offenbar weniger wert war, als der Gesamtnutzen davon, Europäer umzubringen: auf die Verlängerung seiner eigenen Existenz.

Ich halte Selbstmordattentäter sowieso für buchstäblich seelisch Kranke. Durch den Umstand, dass sie utilitaristisch argumentieren können, fühle ich mich nicht veranlasst, meine Meinung zu ändern. Denn ein Kosten-Nutzen-Argument in diesem Kontext („Wenn ich sowieso irgendwann sterbe, bevor ich dem Feind schade, soll ich lieber gleich sterben, indem ich immerhin dem Feind etwas schade“) setzt voraus, dass die eigene Existenz auf die utilitaristische Waagschale des Abwägens von Nutzen und Kosten gesetzt wird, um sich als akzeptabler Verlust zu erweisen. Der plumpe Utilitarismus erinnert mich an diese billige nordvietnamesische Kriegspropaganda, die besagte, dass es einen Vietcong-Soldaten gab, der eine Kanone der Gebirgsartillerie den Hang hinunter rollen sah und in das Achsenwerk sprang, um das Gerät mit seinem sich zerquetschenden Körper zu bremsen – und zu retten. „Billig“ nenne ich so etwas nicht, weil ich etwa nicht daran glaube, sondern weil der Akt allein jeden Grund obsolet macht, um für eine Sache zu kämpfen. Ein Kampf um – angenommen – Gutes, soll für das höchste Gut Sinn ergeben: für die eigene eudaimonia, das gottgefällige Leben in Würde, Kontemplation und Harmonie. Wenn ausgerechnet dieses Leben ein Mittel zu einem anderen Zweck ist, kann es selbstverständlich nicht der Zweck meines Handelns sein.

Das Gebot, jeden Menschen gleichzeitig als Selbstzweck („Zweck an sich selbst“) zu behandeln, bildet einen wichtigen Pfeiler der kantischen Ethik. Kant selber meinte, das gehe aus Konsistenzüberlegungen hervor: Sobald angenommen wird, dass ethische Maximen nach dem Vorbild von logischen Gesetzen allgemeingültig sein sollen, ginge das Selbstzweckgebot hervor. Es gibt viele Punkte, in denen ich Kant folgen kann, dieser ist kein solcher. Gewiss kann ein Selbstmordattentäter konsistenterweise jede Menschenexistenz dem Willen Gottes als weit unterlegen betrachten.

Vielmehr sehe ich die Forderung, in sich selber und in jedem Menschen einen Selbstzweck zu betrachten, in der aristotelischen eudaimonia verankert und in der imago-Dei-Theologie bekräftigt. Man darf die eigene Existenz gar nicht in die Waagschale der Kosten zum Gesamtnutzen der Menschheit oder einer Gruppe werfen, da gerade diese Existenz göttlich ist. Weniger christlich ausgedrückt: Sie ist das höchste Gut. Mehr aus einem richtigen Instinkt als Christen denn aus Vernunftgründen haben die Kreuzritter Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als unterm Strich geringen Verlust ansahen, wenn sie mindestens zwei Kreuzritter getötet hatten, „Assassinen“ genannt, was zwar heute in einigen europäischen Sprachen „Mörder“ bedeutet, ursprünglich aber „Haschischbesessene“ heißt. Wenn der Nutzen immer ein persönlicher und körperlich zu empfindender Nutzen ist (das ist aber eine christliche Prämisse), dann ist die Kosten-Nutzen-Rechnung unter der Annahme des Todes des Nutznießers Humbug und wohl nur unter Drogeneinfluss als OK empfunden – so ein sehr wahrscheinlicher Gedankengang hinter der sonderbaren Namensgebung.

Gerade feiern die Westkirchen Ostern und er ist nicht von der Hand zu weisen der Gedanke, dass Jesus auch sein irdisches Leben in eine Waagschale geworfen hat, „damit wir leben können“. Nun, es ist so: Jesus, der Mensch, hat gar nicht sterben wollen („Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“). Und Jesus die göttliche Person war nie tot. Wäre Jesus nicht Gott gewesen und trotzdem den eigenen Tod am Kreuz bejahend, dann wäre er nicht nur kein Heiland mehr, sondern sogar ein fanatischer Selbstmörder und damit denjenigen Söhnen seiner südsyrischen Heimat ähnlich, die ich heute als Kranke betrachte. Unter der Bedingung, dass er nicht Gott wäre, könnte man Jesus nicht mehr achten. Denn es ist moralisch unstatthaft, nach dem Märtyrertod zu lechzen.

Nach den aristotelischen und thomistischen Grundlagen unserer Ethik jedenfalls.

Mein aufbauender Lektürevorschag angesichts der Brüsseler Anschläge und des Osterfestes ist kein religiöses Buch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Nehmt’s wahr im neuen Kontext! Lest es im neuen Kontext! Verbreitet es!

Assassin

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One of the Brussels suicide bombers is reported to have had worries about serving a life sentence, which made him conclude that killing others and himself would be preferable than dying some decades later without killing anyone. This is obviously a blunt utilitarian conclusion and one that evaluates the continuation of one’s own life as inferior compared to suicidally killing others.

I believe that suicide bombers are mentally ill – I mean literally mentally ill. The fact that they can support suicide bombings by means of a cost-benefit analysis doesn’t make them less ill. Utilitarian arguments to the effect of dying in order to cause damage to an enemy take for granted that one’s own existence is an acceptable toll to pay for achieving a desirable goal. However, who achieves the goal of you’re dead? Not yourself… This reminds me of that cheap Vietnamese propaganda about this Viet Cong soldier who is said to have stopped and rescued a large-calibre gun that rolled uncontrolled down the hill with his body – or with what remained of it… I call this „cheap“ not because I believe that the story isn’t true. I call it „cheap“ because I think that actions of this kind during fighting make fighting for any cause pointless and obsolete. If you fight to achieve a goal, this goal has to be compatible with your own eudaimonia, life in dignity, contemplation and harmony that God would have liked you to have. If of all things this life is only a means to achieve another goal, then your life is not the final end of your actions.

There is this Kantian commandment to never refrain from treating human beings as ends in themselves. Kant thought that since moral maxims are supposed to have the general validity of the laws of logic, this commandment follows straightforwardly. I endorse Kant’s views in quite a few cases but this is not such a case. A suicide bomber can consistently consider God’s will to be superior to his own existence.

I’d rather locate the desiderate to see in every person an end in itself as akin to Aristotle’s eudaimonia and as corroborated by the imago-Dei theology. Thou shalt not calculate benefits when your existence is one of the costs, because your existence is of divine origin. To express this idea in a less Christian way: your existence is the highest good.

It’s true, the crusaders were no Aristotelian intellectuals but it was a correct instinct that led them to name suicide murderers „assassins“, originally meaning: „hashish addicts“. An assassin thought that killing two of the enemies by getting killed yourself makes the loss of your own life acceptable. The benefit, however, that you get from your actions is a benefit you have to enjoy yourself (this being a Christian premise), which makes your cost-benefit analysis if your death is the cost, a stultifying contradiction, and one that could be the case only if you’re on drugs. This is a very likely story behind the name „assassin“.

Since the Western Churches celebrate Easter today, you probably can’t help thinking that Jesus was a person who calculated the benefits of our being able to live if He offered atonement – if He sacrificed Himself. But, of course, it is indisputable that Jesus, the man, wanted to avoid being sacrificed („Father, if it is possible, may this cup be taken from me“). And Jesus, the godly person, was never dead. If Jesus had been only a prophet who looked forward to being sacrificed, not only wouldn’t He have been our Saviour but He would have also been very similar to these people from His homeland in Southern Syria whom I take to be mad. If He were no God, Jesus wouldn’t be worthy to be admired because it’s morally wrong to crave for suffering martyrdom.

At least if you’re an Aristotelian or a Thomist.

My book recommendation after the Brussels bombings and the Easter day is not a religious reading: Hans Joas, The Sacredness of the Person. It has to be noticed in the new context. It has to be read under the new premises. It has to be propagated.

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Hans Joas erhält Max-Planck-Preis

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Erschöpft bin ich. Eine Zugfahrt, die hätte fünf Stunden dauern sollen, hat acht Stunden gedauert. In Deutschland gibt es zwei Gründe, aus denen so etwas passieren kann: entweder gibt es einen Sturm, der Bäume ausreißt, oder eine von allen guten Geistern verlassene Person war der Meinung, vor irgendeinem Zug stehen zu müssen.

Einen Sturm hat es gestern nicht gegeben.

Die Bahn hat Kaffee spendiert, viele Passagiere standen Schlange, um ihr Getränk abzuholen, und ich hatte auch Lust, einen Espresso spendiert zu bekommen (ich kann immer noch nicht schlafen, nachdem ich ihn getrunken habe) als ich vor mir an besagter Schlange die Silhouette eines ehemaligen Erfurter Nachbarn erkannte – gleichzeitig des einzigen Zeitgenossen, dessen Werk ich mehrere Sitzungen von meinen Lehrveranstaltungen widmete.

Hans Joas war lange Jahre Direktor des Max Weber Kollegs in Erfurt, Autor von mehreren Büchern, eines von denen ich für klassikerverdächtig halte, last and least mein Nachbar im Amplonius-Haus in Erfurt. Sein klassikerverdächtiges Buch trägt den Titel Die Sakralität der Person und stellt eine Genealogie der Menschenrechte dar, die keine Angst hat, den Anfang der Menschenrechtsdebatte im Spätmittelalter zu datieren; gleichzeitig einen Appell, die naturrechtliche Legitimation der Menschenrechte ernst zu nehmen. Ich musste ihm sagen, dass ich allein unter allen Erfurter Kollegen (Relativisten, Dezisionisten, Postmodernen) die Botschaft in der Sakralität zu verbreiten versuche, dass ich mir wünsche, dass gute webersche Religionssoziologie weiterhin eine Chance erhält.

Und sie erhält sie bestimmt. Letzte Woche, erzählte er mir, erhielt er den Max-Planck-Forschungspreis.

Wenn ich darüber nachdenke, bleibe ich weiterhin erschöpft. Aber auch optimistisch. Es ist nicht wenig, wenn ein Vertreter der weberschen Rationalität eine erstklassige Möglichkeit erhält, sein Werk zu propagieren. Insbesondere wenn man sieht, wie sehr die deutsche Religionswissenschaft und -soziologie an Philologismus, Bongobongoismus und volkskundlicher Postmoderne leidet.

You made my day – even if it’s night.

ICE

ENOUGH WITH SCROLLING

I’m so tired… A normally five-hours trip from Munich to Halle lasted eight hours. In Germany, something like this can be due to two reasons only: either there is a tornado-like storm or someone lost his mind and thought it a good idea to walk into the train track.

There were no storms yesterday.

The Deutsche Bahn payed passengers a coffee because of the delay, many many of them stood in a queue and I also fancied one – which is obviously the reason I have insomnia tonight. Anyway, in the same queue I recognised from behind the silhouette of a former Erfurt neighbour, at the same time the silhouette of the only thinker of our times who gave me the material for two of my classes.

Hans Joas was a long-time director of the Max Weber Kolleg in Erfurt, author of many books one of which I consider to be a future classic, last and least my neighbour in the Erfurt Amplonius Haus in Erfurt. His monograph on the Sacrality of the Person is about a genealogy of human rights which begins in the Middle Ages; and an appeal to take natural law seriously. I had to tell him that I was the only one among his former colleagues in Erfurt (relativists, decisionists, postmodernists) who tried to spread the word, his word, and how badly I wish old good Weberian sociology of religion to get a fair chance.

And he informed me that it already gets this chance. Because he was awarded the Max-Planck-research-prize last week.

Surely, I’m still exhausted. But now I’m also optimistic. It’s not negligible to have a supporter of Weberian sociology get a first-class chance to propagate his ideas.

You made my day – even if it’s night.

 

Art zu leben

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Googelt man nach „Art zu leben“, so kommt diese Webseite einer teuren Freundin und unglaublich kreativen Herstellerin lebensverschönernder Artefakte an erster Stelle.

Letztens gibt es Grund zur Befürchtung, dass Sophias Erstplatzierung für den Suchbegriff „Art zu leben“ gefährdet ist, nachdem der emeritierte Berliner Philosophieprofessor Peter Bieri (alias Pascal Mercier und Autor des inzwischen verfilmten Romans Nachtzug nach Lissabon) sein letztes Buch über Menschenwürde ebenfalls Eine Art zu leben nannte.

Einerseits empfehle ich in Seminaren zum Thema Menschenwürde als neuesten Beitrag das Buch von Hans Joas. Andererseits bin ich gespannt zu lesen, was Bieri zum Thema zu sagen hat. Aber ganz bestimmt will ich nicht Sophias Webseite im Google von Bieris Buch überflügelt sehen.

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If you google for the expression „Art zu leben“ (German for „Way to live“), then on top of a long list there appears the webpage and blog of an artist educated at the Nuremberg Academy of Visual Arts – at the same time of a person whose presence and artefacts make my life nicer.

Sophia’s google listing is challenged lately by Peter Bieri’s book on human dignity by just the same title. Bieri, a philosophy professor emeritus at the Humboldt University in Berlin with a focus on freedom and consciousness, has previously authored the best selling novel Night train to Lisbon on which the script of a movie released earlier this year was based.

When students ask me for bibliography on human dignity, the newest book I strongly suggest them to read is The Sacrality of the Person by Hans Joas. I cannot wait to read what Bieri has to say on the same topic. At the same time I don’t want to see the title of his book above my friend’s web page in google.