Stên ekklêsia, K.P. Kavafis, 1912

Scroll for Sherrard’s/Keeley’s translation of C.P. Cavafy’s poem

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IN DER KIRCHE

Ich liebe die Kirche – ihre sechsfach geflügelten,

Cherubim, ihre silbernen Gefäße, ihre Leuchter,

Ihre Lichter, Ikonen und Kanzeln.

Wenn ich sie betrete, die Kirche der Griechen,

Mit dem Duft ihres Weihrauchs,

Den Gesängen und liturgischen Chören,

Der feierlichen Erscheinung der Priester,

In prächtige Gewänder gekleidet

Und mit dem ernsten Rhythmus ihrer Gesten,

Wird mein Geist von der Größe unseres Volkes erfüllt,

Vom Ruhm unseres Byzanz.

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Übersetzt v. Robert Elsie

Der nicht oströmische Leser wird meinen, dass das heutige Posting entgegen dem in diesem Blog Gewohnten nicht ökumenisch ist. Recht wird er haben. Eine oströmische Woche der Pönitenz in einem Jahr voll weltbürgerlichen Eifers wird doch verzeihlich sein.

Meine Dankbarkeit für die kurzzeitige Wandlung gilt der Basler Hagia-Sophia-Kirche.

Enough with scrolling

In the Passion Week, in the Orthodox Church there’s space for every one of Her scattered children. I chose Sherrard’s translation of Cavafic verse not only because of our common Euboean and Anglogreek identity – NB, the second property being one of the poet as well – but mainly because of the literary merit. Whereas… I’m not quite sure whether the two things, merit and being an Anglogreek, are really independent from each other.

IN CHURCH

I love the church: its labara,

its silver vessels, its candleholders,

the lights, the ikons, the pulpit.

Whenever I go there, into a church of the Greeks,

with its aroma of incense,

its liturgical chanting and harmony,

the majestic presence of the priests,

dazzling in their ornate vestments,

the solemn rhythm of their gestures—

my thoughts turn to the great glories of our race,

to the splendor of our Byzantine heritage.

Translated by Edmund Keeley/Philip Sherrard

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Tribalism and vegetables

Arkas 1

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Eine wichtige These in Pierre Bourdieus einflussreichem Werk Die kleinen Unterschiede lautet, dass Binnengruppen (und im allgemeinen Gruppen) sich von Außenseitern dadurch unterscheiden, dass sie entweder Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen ziehen, die Außenseitern unsichtbar sind, oder die Gruppenzugehörigkeit von Kriterien abhängig machen, die von Außenseitern nicht kopierbar sind. Essensvorschriften können solche Kriterien sein.

Koscheres Essen ist eine solche Vorschrift. Nehmen wir das Verbot, ein Lamm in der Milch seiner Mutter zu kochen – der Milch also, die vielmehr des Lammes Nahrung denn des Lammes Sauce als unsere Nahrung sein sollte. Dass sich daraus im späteren Judentum das Verbot ergab, Kalbsschnitzel mit Feta als Beilage zu essen, verstehe ich als immer mehr und mehr verallgemeinerte – auch metaphorische – Interpretation des ursprünglich eng zu verstehenden Verbots durch Binnengruppen, die die Außenseiter schließlich entweder absorbierten oder verdrängten.

Das christlich-orthodoxe Fasten – bald erreicht es seinen Höhepunkt – ist ebenfalls eine Binnengruppen-Essensvorschrift im kultursoziologischen Sinn. Es fällt auf den ersten Blick auf, dass es zum Ausschluss von Juden maßgeschneidert ist. Gemüse ohne pflanzliches Fett zubereitet (Butter und Käse sind natürlich no-go) ist zwar OK für Juden, aber die Proteine-Lieferanten vieler Griechen, Russen, Melkiten usw. in der Fastenzeit – Krusten-, Weichtiere und Meeresfrüchte – schließt die jüdische Essensvorschrift aus. Abgesehen davon können beide Gemeinschaften nicht gemeinsam feiern, da Paskha mit Pessach nicht zusammenfallen darf.

So verstandener Tribalismus ist einerseits alles andere als „fein“, um bei Bourdieu zu bleiben, andererseits würde selbst der Versuch von Konversionswilligen, in die andere Gemeinschaft aufgenommen zu werden, an der Umsetzung von diätetischen Feinheiten misslingen. Die Zeit zu lernen, hätten die Konversionswilligen jedenfalls nicht. Schuld daran wäre der Tribalismus, der wahrscheinlich jede Heiratsmigrantin und jeden Heiratsmigranten zum Verlassen der Hölle bringen würde, bevor jene auf den Geschmack kämen bis ins exotische Paradies der Anderen hinein.

Gläubige stellen sich oft das Paradies als einen Ort vor, wo sie, selbstverliebte Heimatpatrioten, für ihre Lebensweise und Diät belohnt werden. Andersgläubige, Analytiker und Nouvelle-Cuisine-Leute würden keine Freude dort haben.

Arkas 2

Enough with scrolling

One of the basic statements in Pierre Bourdieu’s La difference is that ingroups (groups generally) distinguish themselves from outsiders along lines that, for outsiders, are invisible or by criteria that, for outsiders again, are impossible to copy. This can be also by means of religious prescriptions concerning food.

Take kosher cuisine. How comes that a prescription to avoid cooking a lamb in its own mother’s milk – NB, milk that was supposed to serve as the lamb’s food, not as a sauce to the lamb when the latter is your food – becomes the prescription not to have sheep’s feta as a side dish to a beef steak? I can only understand the process as an ongoing radicalisation that begins in an ingroup that uses no sheep’s butter (yes, it exists!) to cook a lamb, to end with the same ingroup’s using no dairy products in combination with any meat – and excluding the outgroups from the community altogether.

Christian-Orthodox fasting – soon to be on its peak – would be another example of ingroup-forming diet. It seems rather clear that the fasting prescriptions of the Eastern Church are tailored to exclude Jews: you may eat vegetables without any oil, let alone butter, and as a source of proteins you may take oysters, shrimps and octopuses – that are not kosher. Additionally, Orthodox Christians would postpone Easter if it would coincide with Jewish Passover, so that the communities would never celebrate at the same time.

Tribalism is not invisible, of course, but what follows is: any member of another community who is willing to convert, would find it very hard to copy the dietetic rules. Additionally, tribalism would make her or his life like hell. The newcomer would leave this hell before being able to conform to the complicated rules to lead to an alleged paradise.

Is what people hold to be paradise after all any more than a provincial place for narcissistic villagers? And would a person of another tradition, an analytic, a friend of nouvelle cuisine ever get the chance of having joy there? The questions are rhetorical.

The meaning of life 1.0

Unbenannt

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In einer Karwoche habe ich einen knietiefen Graben gegraben und mit Ästen überdeckt, damit meine Mutter ihn übersieht und reinfällt. Erwischt hat es meine Tante Briseis, die wider Erwarten zu lachen angefangen hat.

In einer Karwoche habe ich eine Falle gestellt und einen Stieglitz gefangen. Später war ich überzeugt, dass ich das gar nicht wollte.

Mehrmals in der Karwoche bin ich der nächtlichen Prozession bis zum Friedhof gefolgt und ins Gebeinehaus gegangen, um meine Großmutter Euphemia zu besuchen – oder eher ihre sterblichen Überreste.

In einer Karwoche war ich der Jüngste, der das Fasten brach: Ein Onkel und seine Freunde hatten heimlich die Leber des Osterlamms bereits zubereitet und mit Wein serviert.

In einer Karwoche schrieb mir mein späterer Doktorvater, dass er einen sehr guten Eindruck von meinem Dissertationsexposé hatte; dass ich also nach München konnte.

In einer Karwoche war mein Stipendium wegen eines Bankstreiks der griechischen Banken nicht angekommen und ich hatte kein Geld in der Tasche und auch nichts zum Essen außer einer in einer Ecke des Kühlschranks liegen gebliebenen Packung mit Wurst.

In der Karwoche wollen meine Kinder Blumen des in der Münchener Salvatorkirche aufgebahrten Jesus klauen.

Das Sakrale und das Ungewöhnliche hängen sehr eng zusammen. Wenn nicht immer in der Realität, dann wenigstens in der Selektion der Erinnerungen.

mai 74

In a Holy Week I dug a half-yard-deep hole in the ground and covered it with branches and foliage from the trees so that my mother would fall in. But my aunt Briseis was earlier at the spot and fell in to unexpectedly start laughing.

In a Holy Week I set a trap and cought a goldfinch. Subsequently, I was pretty sure that, from the beginning I didn’t want this to happen.

In the Holy Week I used to follow the night procession all the way to the graveyard and into the ossuary to visit my grandmother – or, rather, what remains of her.

In a Holy Week I was the youngest who broke fasting. An uncle and his friends fried secretly the liver of the easter lamb and served it with wine.

In a Holy Week the man who later became the supervisor of my PhD thesis wrote to me that he had a good impression of my proposal. I could go to Munich.

In a Holy Week a Greek bank strike prevented the money of my scholarship to arrive in time. The only thing to eat was a vacuum pack with sausages in the refrigerator.

In the Holy Week my children want to steal flowers from Jesus’s bier in Munich’s Salvatorkirche.

The sacral and the unusual are very closely connected. If not always in reality, surely in memory selection.

 

Of arguments concerning and images depicting passion

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Vier Bücher würde ich für die Karwoche empfehlen. Richard Swinburnes The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras‘ Elements of Faith, Philip Sherrards Christianity and Eros und Kallistos Wares The Orthodox Way.

In diesen Empfehlungen gibt es etwas für fast jeden Geschmack: eine empirisch untermauerte Berechnung dessen, wie wahrscheinlich es ist, dass Jesus auferstanden ist (Swinburne); ein liberales Verständnis des Glaubens an die Auferstehung für Leser, die es nicht nötig haben, an eine physische Auferstehung zu glauben (Yannaras); eine ebenso liberale Verknüpfung von christlicher Liebe und Sexualität (Sherrard); schließlich eine allgemeine Einführung in die Orthodoxie vom vielleicht humorvollsten Kirchenmann der heutigen orthodoxen Kirche (Ware).

Meine Empfehlungen haben gemeinsam, dass die Autoren orthodoxe Christen sind; ebenso, dass ihre Werke nicht weihrauchlastig sind. Es überrascht mich selber, dass meine Autoren zu drei Vierteln britische, Oxforder Orthodoxe sind. So bin ich halt…

Andrej Tarkowskis „Opfer“ wäre meine Kino-Empfehlung. Das „Opfer“ ist ein mit Sherrards und Yannaras‘ Denkweise verwandter Film: Die Liebe ist körperlich, Maria braucht nicht Maria zu sein. Sie kann auch die in der Luft schwebende Haushaltshilfe des Nachbarn sein – und das ohne Ironie. Das ist so, weil der Tod und die Auferstehung viel alltäglicher sind, als man denkt.

Filme sind nicht da, um zu argumentieren, sondern um Bilder zu zeigen; gegebenenfalls Bilder schwebender Liebespaare.

Sacrifice10

Andrei Tarkovsky’s „Sacrifice“ would be my DVD recommendation for the Holy Week. It has common elements with something which is a liberal trend in orthodox theology since the 1960s: Christian love is corporeal. Mary doesn’t need to be Mary. She can be the neighbour’s hovering household assistant – and this without irony. This is so because death and resurrection are more everyday phenomena than one thinks.

Movies are not there in order to provide arguments. They are there in order to show images. In this case, these are images of levitating lovers.

But I’m the kind of person who produces arguments rather than images. This is why I would like to recommend my readers who would be willing to take this recommendation four books for the Holy Week: Richard Swinburne’s The Resurrection of God Incarnate, Christos Yannaras’s Elements of Faith, Philip Sherrard’s Christianity and Eros and Kallistos Ware’s The Orthodox Way.

My recommendations meet many tastes: there is something for those who love empirically corroborated calculations of the probability by which Jesus really resurrected (Swinburne); something for those who prefer a liberal understanding of the faith in resurrection and don’t need proofs for Jesus’s physically surviving his own death (Yannaras); something for those who see Christian love and sexuality as very closely connected (Sherrard); finally, something for those who would rather read a general introduction to Orthodoxy written by the perhaps most humorous orthodox metropolitan of our days (Ware).

My recommendations have in common that all authors are orthodox Christians. They also have in common that they’re not „frankincensed“. The fact that three out of four authors are British – orthodox Oxonians – must be a bit of surprise for my readers. It is also for myself, I assure you. But that’s me, I suppose…