Radio gaga

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“Johnson wäre nicht Johnson, wenn er kein Verwirrspiel spielen würde” meinte die Stimme auf BR2 (“aktuell”), kurz nachdem ich aufgewacht war. Damit war der Akt des britischen Premiers gemeint, dem nach dem Letwin-Amendment verfassten Brief (“Brexit-Vertrag erst nach Eintritt der Gesetze ratifizieren, welche die Umsetzung des Vertrags garantieren”) ein Begleitschreiben anzufügen, worin er erklärt, warum ein Aufschieben des Brexits eine schlechte Idee sei.

Nun hatte ich zwischen 2003 und 2005 in der HR-Auslandsredaktion durchaus die Gelegenheit festzustellen, wie leicht die harmoniebedürftige Journalistenseele bei Unkonventionellem, auch Philosophischem aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Ich gebe ferner zu, dass Johnson gemäß der alten Unterscheidung (Kant, “Was heißt Aufklärung”) zwischen privatem (als Amtsinhaber) und öffentlichem Vernunftgebrauch (“meine Meinung unabhängig von meiner Position, Leute!”) den Brief ohne Begleitschreiben und dann einen diesem widersprechenden Artikel in den gestrigen Times hätte schreiben sollen. Hätte diese taktische Variante die Journalistenseelen weniger irritiert? Wohl kaum und zwar aus Gründen, die mit dem Stellenwert des Philosophieunterrichts in Deutschland zusammenhängen.

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“Unless there’s cheating going on, it’s not Johnson” said the man from the radio. What he meant by this was the British PM’s cover letter that accompanied the other letter he sent Donald Tusk and the EU according to the Letwin Amendment. The Letwin Amendment is about taking time to make the laws required first and then considering the Brexit deal, the cover letter is about not hesitating.

In the remote two years’ period I was co-producing the news in foreign languages for a state-owned radio station in Frankfurt, often, I had the opportunity to realise that unconventional or philosophical notions irritate a journalist more likely than other professionals. Since journalists have normally visited high school this speaks against the quality of the philosophy classes there. Furthermore, I do confess that I would find it tactically more Kantian of the British PM to write, instead of a cover letter, an article for yesterday’s London Times. This tactic would be more obviously in accordance with Kant’s request to do what the office makes one do (“private use of reason”) and to write what one’s conscience dictates (“public use of reason”). The contradiction, put forth in the aforementioned way, would irritate unphilosophical journalists not less with the result for them to ask – in essence – the British PM to be a zombie devoid of a free will.

Surprise #3: Dietethics (sic) in Liestal

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Der Terminus “Diätethik” ist meine Wortschöpfung. Ich verstehe es als eine Art Portmanteau-Wort aus Diätetik und Ethik, aber (“eine Art”) man könnte es auch als zusammengesetztes Wort aus “Diät” und “Ethik” verstehen, wenn mit Diät heute nicht Gewichtabnahmekur zu verstehen wäre. Die Diätethik ist die Reflexion über die Einhaltung wie auch immer gearteter moralischer Prinzipien beim Alltagsleben, insbesondere bei der Ernährung. Ich mag jetzt nichts über Verschandelung des Fachdeutschen hören. Bei zwei griechischen Wortbestandteilen wird es doch genügen, wenn der Terminus dem staatsexaminierten Gräzisten gefällt.

Seit meinem Erfurter Seminar über Essen und religiöse Ethik, einem aus dem ich die Einsicht gewann, dass die ernährungsethische Dimension – so wenigstens im christlichen und jüdischen Rahmen – dem viel hervorstechenderen Zweck der sozialen Differenzierung und des Ausschlusses Andersgläubiger hinterherhinkt, habe ich nichts zum Thema gemacht. Die Planung eines veganen Kochbuchs in Coautorenschaft leidet an der Distanz zwischen Basel und München. Und etwas Theoretisches mag ich nicht schreiben, da ich einsehen muss, dass ich ernährungsmäßig in einer kognitiven Dissonanz bin: Einerseits erkenne ich den Säugetieren menschenähnliche mentale Mechanismen und ein Kontrollmoment zu bzw. diese Merkmale als Gründe an, keine Säugetiere zu essen, andererseits handle ich Säugetieren gegenüber, als ob ich diese Überzeugung nicht hätte: Ich esse ihr Fleisch. Zwar sehr maßvoll, so wie meine Vorfahren, allerdings hatten diese die religiöse Legitimation (“Gott will, dass wir Ostern, Weihnachten usw. feiern”). So gewonnene Legitimation hat für mich keine Geltung – und trotzdem… Ich nehme an, dass ich in dieser Hinsicht ein akrates bin.

Überlegungen zur Kasuistik und zur angewandten Ethik halten Überraschungen parat. 2015-16 hatte ich das große Glück, Philosophie in einer zehnten (und in einer elften und in einer zwölften und in einer dritten) Klasse zu unterrichten. Der Grund, aus dem es dort sehr witzig wurde (aus anderen Gründen war’s bei den Drittklässlern auch witzig, beim Rest war’s nur seriös) war das Format der Philosophiestunde – eine Schnappsidee von mir.

Ich erzählte stets eine Geschichte, die ein ethisches Dilemma, oder Trilemma nach sich zog. Nur bis Trilemma, nicht weiter, kein Tetralemma, kein Pentalemma, kein Hexalemma, kein Heptalemma, kein Oktalemma – Sinn des Postings ist es nicht jetzt, Euch die griechischen Zahlwörter beizubringen, jedenfalls ging es nicht über drei Alternativen hinaus und der Grund… Nein, ein Bisschen Geduld.

Dilemmas erzählte ich, die ich aus der Erlinger-SZ-Kolumne hatte (“Wäre es verwerflich, wenn ich das Weihnachtsgeschenk nicht in schönes Geschenkpapier einwickle, weil der Beschenkte blind ist?”), ein paar klassische wie das Dilemma des Kalifen Omar, nicht zuletzt den Fall der Sterbehilfe an Terri Schiavo usw. usf.

Bei jeder Geschichte forderte ich die damals Sechzehnjährigen dazu auf, emotionslos moralischen Dimensionen nach den Bedingungen 1. des Utilitarismus, 2. der deontologischen Ethik, 3. des Aristotelismus (die christliche Ethik behandelte ich als eine Unterart davon) zu beurteilen. Meist haben sich drei verschiedene Optionen des moralischen Handelns aufgemacht. Sehr wichtig war es mir zu zeigen, dass insbesondere beim Utilitarismus ein etwa hinzukommender Faktor in Form des Glücks einer dritten Person oder einer anderen Glücksquelle das bisherige Urteil stark verändert. Ich weiß noch die Namen meiner Mitdiskutanten. Ich weiß ihre Gesichter. Sie werden sich verändert haben. Ich habe seit einem Jahr nichts über sie gehört geschweige denn sie gesehen, ich bin nicht mehr an der Saale, wichtig sind sie mir allerdings geblieben.

Das Format meines damaligen Unterrichts ist mir auch wichtig geblieben. Ich weiß noch den Aha-Effekt zum Thema: der Utilitarismus ist nicht gleich Kosten-Nutzen-Rechnung eines Einzelnen. Was passiert, wenn der Nutzen der Eltern Terri Schiavos in den Kalkül eingeht? Auch den Aha-Effekt zum Thema: Weder Kant noch Thomas von Aquin sind so uncool, eigentlich bin ich mit 16 unbewusst Kantianer, Thomist usw.

Dieses Format war damals wie gesagt eine Schnappsidee, deshalb war neuerdings im Museum Baselland meine Überraschung groß, als ich feststellte, dass der Autor des interaktiven Teils der Schwein-Ausstellung mein Format befolgt: Anhand von Fragen zum Fleischessen hat der Besucher die Gelegenheit, sich als Kantianer, Utilitarist oder Tugendethiker zu verorten; ferner die Gelegenheit, sich als Obengenanntes zu verorten, ob er Fleisch isst oder nicht. Wenn die Schweine ein Bewusstsein haben, ist es tugendhaft, sie nicht zu essen. Haben sie keines, wird die tugendhafte Haltung anders ausfallen. Was mich zum Anfang dieses Postings zurückbringt und zur Feststellung meiner eigenen Untugend.

In der orthodoxen Tradition ist der Dezember ein Monat des nichtstrengen Fastens, da bis Weihnachten (damit wir uns verstehen: bis zum 25.) außer den “veganen” Mittwoch und Freitag nur Fisch gegessen werden darf.

Aber Moment: Kann es sein, dass die Fische ein Bewusstsein haben?

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Until now I have known no one else who would use the term “dietethics”. I understand it as a portmanteau term referring to the discipline between dietetics and ethics, not as a composite of “diet” and “ethics” since most people take diet to mean weight-watcher’s nutrition and this is not what I mean by it. Don’t start criticising me for non idiomatic English: when the words are Greek, the expert is the one who’s had Classics at the university. If you’re also one, we can dispute about words by some opportunity which doesn’t have to be now.

I’d prefer to talk food and philosophy instead.

I used to be very aware of the combination of dietetics and ethics. I had a class on food and religious ethics some years ago (this was enough to realise that Christian and Jewish fasting primarily serve the purpose to socially differentiate the faithful from the unfaithful and the very faithful from the less faithful).

But then, I started to lose interest. The vegan cookbook I planned to write with a friend is a victim to the distance between Basel and Munich. Still worse, I don’t feel like writing anything theoretical on the topic because I have to admit that I am in cognitive dissonance: On one side I accept that at least mammals are conscious and have emotions, I also accept that it is morally evil to eat creatures conscious and capable of having emotions. However, I deny drawing the consequence to stop eating their meat. I mean, I do keep my ancestors’ credo that in order to kill a mammal you must have a special justification given only in big celebrations, and I eat their meat only in very special occasions. Nevertheless I don’t believe that this justification is really there. Therefore I should stop eating meat altogether, which will not be the case. I suppose you can call me an akrates in this respect.

This is how thinking about casuistics and applied ethics eventually reveals things about yourself, NB things that appear new. At least this happens to me. Since I think that surprise makes you a better person, I wanted this to happen to my Halle students (Halle is a city in East Germany, Händel being probably its most well-known son for the English speaking world, further the city in whose university Christian Wolff and Baumgarten and Hegel have taught. But let’s leave the big dead philosophers to rest. In 2015-16 teaching philosophy to 11th- and 12th-graders of the of the Steiner Waldorf School was serious and ended almost always as a discussion on politics. Philosophy with 3rd-graders was fun. And, in a certain manner, it was also fun with 10th graders. In this last case, it was fun because of the format of the course which was my own invention. Call it an experiment if you want.

First I was telling them some story that involved an ethical dilemma or trilemma. Never a tetralemma, never a pentalemma, never an hexalemma, never an heptalemma – I suppose you get the point. I had a spleen with the numbers two and three and this for a good reason. The main ethical positions being virtue ethics (or Aristotelianism, duty ethics (or Kantianism) and utilitarian ethics (or consequentialism) I had the idea to interrupt the story as soon as the ethical dilemma or trilemma arises and to let them give a solution according to the three main schools of moral philosophy. Three schools would normally give three solutions, sometimes more, sometimes less.

There were stories from a famous newspaper applied-ethics column (“Is it ethically wrong not to take a beautiful paper to wrap a Christmas present for a friend who’s blind?”), Calif Umar’s dilemma (a classic!), the case of Terri Schiavo etc. It was important to me to show them that once some extra utility enters the calculation, utilitarianism has radically different results. granted that she herself has no mental functions, if you only let Terri’s husband’s utility to count, then you may stop giving her life support by the utilitarian calculus and save her life by the other two solutions, but if you add Terri’s parents’ utility to the utilitarian account, you must save Terri’s life by the verdict of every one of the three schools.

There were students who passionately discussed with me on these topics. I still remember their names, even the faces. They’ll have changed now. The last time I asked about their whereabouts was a year ago. But their memory remained important to me.

Also the format of my philosophy hour remained important to me since I thought that it was my invention.

Well, it isn’t. At least, it isn’t mine alone. I was astonished to find my format in this Liestal exhibition, one that combines and celebrates the intelligence of pigs and the taste of pork – in fact, a sneaky vegetarian propaganda: if they’re clever, how comes that you’re allowed to eat them?

In the exhibition, you see, they have an interactive philosophical part. You answer questions concerning eating meat and you end up as Aristotelian, Kantian or utilitarian. Eating meat out of duty is rather weird (Kantians being doomed to end up as vegetarians), but as an Aristotelian or a utilitarian you can find reasons to be vegetarian or carnivore depending on whether you consider animals to be conscious – which leads me to the beginning of this posting and my own vice, and be it only the vice of denying to draw consequences.

At least I’m always a bit more virtuous in December because until Christmas, according to the Orthodox tradition, there are two vegan days every week, Wednesday and Friday, and the only meat allowed on the rest is fish.

But, please, don’t start asking whether fish is conscious…

A man has to do what a man loves to do

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Wenn die Schüler in ihren Graffiti auf einen Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik hinweisen, dann spricht das wahrscheinlich für ihr außergewöhnliches Interesse am Fach Philosophie in der Schule – dachte ich bei der Entdeckung obigen Schriftzugs. Oder für eine Hannah Arendt und Gottfried Seebaß nahestehende und in jedem Fall Kant und Popper gegenüber feindselige Haltung. Oder für Beides, was aber nicht sein muss. Man kann nämlich Arendt anhimmeln, ohne Philosoph zu sein. Den moralischen Ästhetismus neomarxistischer Couleur (Klassenkampf aus ästhetischen Gründen sozusagen) habe ich über Umwege erst 2000 bis 2003 in Griechenland kennengelernt und – da muss mich der Leser entweder glauben, oder selber recherchieren – er ist philosophisch extrem dünn.

Andererseits spricht “küssen” von keiner festen Beziehung. Wenn die Ästhetik sozusagen eine flüchtige Affäre der Ethik ist, dann schadet das wohl der kantischen Morallehre nicht.

Jüngst entdeckte ich, dass der Schülerspruch “Ethik küsst Ästhetik” von einem Laden in Downtown-Basel abgekupfert ist. Seitdem stelle ich mir manchmal die Kunden besagten Ladens als solche vor, die reingehen, ausschließlich um Schönes und Luxuriöses zu kaufen – was jedenfalls auf den ersten Blick untugendhaft erscheint. Nicht nur die Tugendethik erhebt hier einen Einspruch. Es drängt sich auch das kantische Bedenken auf, ob sie pflichtbewusst handeln, falls sie Moralität konsumieren (Fair-Trade-Zeug), weil diese schön aussieht.

Nun ist die Schönheit nicht das Kriterium des moralischen Handelns. Schiller war ungerecht gegenüber Kant, als er ihn so verstand, er würde vorschreiben, nur Unangenehmes könnte man aus Pflicht tun. Es gibt durchaus angenehme Pflichten.

Man kann einwenden, dass der Kunde per definitionem nicht aus Pflicht handelt, falls er Fair-Trade-Produkte nur deshalb kauft, weil sie schön sind.

Andererseits kommt es bei der Erfüllung einer Pflicht nicht auf die Absicht an. Man muss nicht aus Pflicht eine Pflicht erfüllen.

Fazit: Küsse zwischen Ethik und Ästhetik sind OK. Pflichten dürfen angenehm sein. Vielleicht sind sogar unangenehme Pflichten in einer gewissen Hinsicht auch angenehm, wie Workaholics ständig beweisen.

Ich bleibe dabei, den Ästhetismus als philosophisch dünn zu betrachten. So viel Popperianismus darf sein. Aber ich betrachte ihn nicht als das ultimativ Böse. Blutjunge Leute sollen doch ruhig das Gute mehr mit dem Angenehmen verbinden dürfen. Etwas anderes von ihnen zu verlangen, würde nur Neid verraten.

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First I discovered the graffito in the atrium. It said “Ethics kisses aesthetics”, which I saw as witnessing reflection and as reflecting the students’ engagement for philosophy as a subject. Months later, I discovered this shop in downtown Basel with the same slogan, which made me think that I was wrong about the students’ engagement. I imagined the customers of the shop: going in, in one of the universe’s most expensive spots, buying overrated commodities with prices saltier than the cheese they make for the aperitif a couple of miles souther, and leaving the shop after having done something good for the world after they bought things they would never have bought if they didn’t appear luxurious to them. Not quite the action you’d call “virtuous”.

Aestheticism makes me button my moral coat. Moralist aestheticism, a Neomarxist one, was a concept I had encountered in Greece between 2000 and 2003. It was something like a state philosophy back then, with direct contacts to the almighty ministry, and it remains very influential today – just as influential as it is philosophically hollow.

Notwithstanding my general Popperian aversion against aestheticism, I would never go as far as to say that duties must be unpleasant. This is how Schiller misinterpreted the Kantian concept of duty and one really doesn’t have to be as good in poetry and as bad in philosophy as Schiller.

The customers of the shop do act morally after all when they buy luxuries there, under the condition that they are benefactors of moral agents and the shop is one such. The kiss between ethics and aesthetics is an acceptable one. Even Kantianly so… Fulfilling duties doesn’t have to be unpleasant. The kiss doesn’t need to be one in an unimportant affair to be forgiven. Let ethics and aesthetics be a couple for good – no moral objection there!

But if this concept becomes the new paradigm in ethics, who will do the unpleasant duties? I’d say to this that even unpleasant duties have pleasant sides. Don’t workaholics demonstrate this constantly?

This is why aestheticist students don’t offend my view on ethics. It’s no good for me – it’s hollow. But it’s alright for them and morally acceptable.

Syncretistic hooligans

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Der Wahlspruch der Basler Fans beginnt kantianisch (“Autonom im Handeln”), fährt hegelianisch fort (“frei im Geist”), aber den Abschluss kann ich philosophisch nicht einordnen. Ich schätze mal, dass er Nietzsches Einfluss widerspiegelt. Er war ja Prof in Basel…

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The slogan of the F.C. Basel fans begins with a Kantian moral credo (“Autonomous action”), continues with a Hegelian postulate (“free spirit”), and concludes with something that I can’t quite identify in terms of philosophy. I reckon though that “fanatic in the heart” is a Nietzscheist element. Nietzsche used to teach here.

The cultural burn

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Jahrelang kann die Suche nach philosophiebezogener Lektüre im Feuilleton der Süddeutschen unergiebig bleiben, bis dann schließlich die ganze Vorderseite von so etwas eingenommen ist…

Frank Griffels Artikel mit dem Titel “Alles außer Aufruhr” (SZ 121, S. 17) ist der Horror der kulturwissenschaftlichen Klischees: Der Islam habe niemals eine Aufklärung gebraucht, da er mit Ambiguität umzugehen wisse; T.S. Kuhns Wissenschaftstheorie sei Hegelianismus (ergo Eurozentrismus, Kulturchauvinismus or you name it); eine Aufklärung sei in Landstrichen ohne Hexenprozesse und Unterdrückung der Philosophie nicht nötig.

Ich habe auch in der Vergangenheit Kulturwissenschaftler dabei erwischt, das ABC des folgerichtigen Denkens mit Selbstvertrauen und mit beiden Füßen zu zertreten. 2012 protestierte ich z.B. wegen einer selbstreferentiellen Regelung in der DFG (das Heisenberg-Programm gewährleistet die Berufbarkeit von Habilitierten ohne Professur, aber das Kriterium, um in das Programm aufgenommen zu werden, ist eine nicht weiter definierte oder reduzierbare “Berufbarkeit” des Kandidaten – das (vermeintliche) Entscheidungskriterium und der Gegenstand der Entscheidung fallen zusammen), um von einer Freiburger Orientalistin die Bemerkung zu kassieren, das sei tatsächlich und explizit die Regelung, wieso ich so ein Theater mache…

Zurück zu Griffel: Ein Ambiguität zulassendes Kategoriensystem setzt ein anderes voraus, in dem die Kategorien klar abgesteckt sind. Griffel beschwert sich, dass Kategorien wie “homosexuell” und “heterosexuell” die Bivalenz voraussetzen (er hätte hinzufügen sollen: in einem sinnvoll definierten Anwendungsbereich, in dem keine Steine, Flüsse oder Ideen vorkommen, aber seien wir nicht zu streng…), und übersieht vollends, dass, um festzustellen, dass ein Sexualitätsbegriiff “uneindeutig” ist – etwa derjenige, der bei Frauen zu beobachten ist, die Frauen lieben, plus bei Frauen zu beobachten ist, die keine Frauen lieben – die Kenntnis der dichotomischen Begriffe vorausgesetzt ist. Ohne Dichotomie im Hinterkopf ist der fragliche Begriff nicht zweideutig, sondern man hat einen klar abgesteckten Begriff aller sexuell aktiven Frauen.

Dass Kuhn und Hegel unter einer Decke stecken würden, ist eine Meinung, die nicht nur ketzerisch ist. Sie ist falsch. Anders kann ich’s nicht nennen! Bei Kuhn ist der Zeitgeist etwas, was durch Cliquen, Lobbys und vergängliche Moden zu Stande kommt. Bei Hegel trägt der Fortschritt den Stempel des absoluten Geistes.

Ob Griffels Behauptung zutrifft, dass Gesellschaften ohne Hexenverbrennung und mit philosophischer Literatur es schaffen, ohne Aufklärung Toleranz zu leben und Glück zu vermehren? Dem kann ich zustimmen. Allerdings sind das wohl Gesellschaften von angenehmen, unmündigen Gläubigen. Ich weiß nicht, ob die Armut im Geiste erstrebenswert ist. Kant definierte die Aufklärung jedenfalls als die Befreiung von unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung hat weniger mit Hexenschutz als vielmehr mit unserem mentalen Hexenschuss zu tun – und mit Maßnahmen dagegen.


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Years can pass before you can read a piece on a philosophical topic in the arts supplement of the Munich-based daily Süddeutsche Zeitung. You’ll be rewarded for your patience, but, alas, the reward may be something like Frank Griffel’s article titled “Anything but revolt” (SZ 121, p. 17) of last Saturday – a horrible collection of cultural-studies clichés: knowing how to deal with ambiguity, Islam never needed enlightenment; T.S. Kuhn’s views on scientific revolutions is Hegelianism (in Griffel’s eyes this is a very bad thing, equivalent with Eurocentric cultural chauvinism or you name it); and where neither witches were being prosecuted nor philosophers suppressed, there was nothing enlightenment could do for the public.

In the not so distant past, I’ve had the opportunity to witness that cultural-studies scholars can be proud to contradict the ABC of logic. In 2012 I considered it a must to protest against a self-referential rule of the German Fund of Scientific Research (after habilitation, if not tenured, the Heisenberg program keeps you on track, but to get into the program you must be evaluated to be on track) when this Freiburg orientalist remarked that that’s the rule, how comes that I didn’t know…

Back to Griffel: he pleads for ambiguity instead of dichotomy but, of course, ambiguity presupposes dichotomy. His example is that the dichotomy “homosexual” vs “heterosexual” makes ambiguity impossible (in a domain of discourse without stones, rivers and ideas, of course but let’s give him this point) and this is a bad thing in Western civilisation. – so he says… 

But of course, if you don’t have the dichotomy and you do launch the (allegedly “ambiguous”) concept of women who love women plus women who love men, what you have is the unambiguously defined concept of sexually active women.

Griffel’s Kuhn-and-Hegel bit is not just heresy. It is – I have no other word for it – an error! Paradigm changes are due to ingroups, lobbying, fashions. Hegel’s zeitgeist bears the seal of the Absolute.

The only one of Griffel’s statements I can grant is that you don’t need to be enlightened to show tolerance, to not bother to burn witches and books. Four-year-olds, not exactly what you’d call an enlightened citizen – can be very tolerant towards diversity, they don’t prosecute witches even if they’re afraid of people they consider to be such, and very often – however not always – they’re not interested in your volumes of Kant’s collected works and, therefore, it’s unlikely that they would paint in them, tear pages and the like. But they would also believe anything you tell them. Talking about Kant, let me quote his definition of enlightenment:

Enlightenment is man’s emergence from his self-imposed nonage. Nonage is the inability to use one’s own understanding without another’s guidance.

As you see, it’s not only about witches and books.

Death and rationality

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Ein Brüsseler Attentäter soll befürchtet haben, seine Tage im Gefängnis zu beenden, womit für ihn klar war, utilitaristisch zu handeln, wenn er wenigstens ein paar Bürger Brüssels mit in den Tod reißen würde. Dabei verzichtete er auf einen Nutzen, der in seinen Augen offenbar weniger wert war, als der Gesamtnutzen davon, Europäer umzubringen: auf die Verlängerung seiner eigenen Existenz.

Ich halte Selbstmordattentäter sowieso für buchstäblich seelisch Kranke. Durch den Umstand, dass sie utilitaristisch argumentieren können, fühle ich mich nicht veranlasst, meine Meinung zu ändern. Denn ein Kosten-Nutzen-Argument in diesem Kontext (“Wenn ich sowieso irgendwann sterbe, bevor ich dem Feind schade, soll ich lieber gleich sterben, indem ich immerhin dem Feind etwas schade”) setzt voraus, dass die eigene Existenz auf die utilitaristische Waagschale des Abwägens von Nutzen und Kosten gesetzt wird, um sich als akzeptabler Verlust zu erweisen. Der plumpe Utilitarismus erinnert mich an diese billige nordvietnamesische Kriegspropaganda, die besagte, dass es einen Vietcong-Soldaten gab, der eine Kanone der Gebirgsartillerie den Hang hinunter rollen sah und in das Achsenwerk sprang, um das Gerät mit seinem sich zerquetschenden Körper zu bremsen – und zu retten. “Billig” nenne ich so etwas nicht, weil ich etwa nicht daran glaube, sondern weil der Akt allein jeden Grund obsolet macht, um für eine Sache zu kämpfen. Ein Kampf um – angenommen – Gutes, soll für das höchste Gut Sinn ergeben: für die eigene eudaimonia, das gottgefällige Leben in Würde, Kontemplation und Harmonie. Wenn ausgerechnet dieses Leben ein Mittel zu einem anderen Zweck ist, kann es selbstverständlich nicht der Zweck meines Handelns sein.

Das Gebot, jeden Menschen gleichzeitig als Selbstzweck (“Zweck an sich selbst”) zu behandeln, bildet einen wichtigen Pfeiler der kantischen Ethik. Kant selber meinte, das gehe aus Konsistenzüberlegungen hervor: Sobald angenommen wird, dass ethische Maximen nach dem Vorbild von logischen Gesetzen allgemeingültig sein sollen, ginge das Selbstzweckgebot hervor. Es gibt viele Punkte, in denen ich Kant folgen kann, dieser ist kein solcher. Gewiss kann ein Selbstmordattentäter konsistenterweise jede Menschenexistenz dem Willen Gottes als weit unterlegen betrachten.

Vielmehr sehe ich die Forderung, in sich selber und in jedem Menschen einen Selbstzweck zu betrachten, in der aristotelischen eudaimonia verankert und in der imago-Dei-Theologie bekräftigt. Man darf die eigene Existenz gar nicht in die Waagschale der Kosten zum Gesamtnutzen der Menschheit oder einer Gruppe werfen, da gerade diese Existenz göttlich ist. Weniger christlich ausgedrückt: Sie ist das höchste Gut. Mehr aus einem richtigen Instinkt als Christen denn aus Vernunftgründen haben die Kreuzritter Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als unterm Strich geringen Verlust ansahen, wenn sie mindestens zwei Kreuzritter getötet hatten, “Assassinen” genannt, was zwar heute in einigen europäischen Sprachen “Mörder” bedeutet, ursprünglich aber “Haschischbesessene” heißt. Wenn der Nutzen immer ein persönlicher und körperlich zu empfindender Nutzen ist (das ist aber eine christliche Prämisse), dann ist die Kosten-Nutzen-Rechnung unter der Annahme des Todes des Nutznießers Humbug und wohl nur unter Drogeneinfluss als OK empfunden – so ein sehr wahrscheinlicher Gedankengang hinter der sonderbaren Namensgebung.

Gerade feiern die Westkirchen Ostern und er ist nicht von der Hand zu weisen der Gedanke, dass Jesus auch sein irdisches Leben in eine Waagschale geworfen hat, “damit wir leben können”. Nun, es ist so: Jesus, der Mensch, hat gar nicht sterben wollen (“Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber”). Und Jesus die göttliche Person war nie tot. Wäre Jesus nicht Gott gewesen und trotzdem den eigenen Tod am Kreuz bejahend, dann wäre er nicht nur kein Heiland mehr, sondern sogar ein fanatischer Selbstmörder und damit denjenigen Söhnen seiner südsyrischen Heimat ähnlich, die ich heute als Kranke betrachte. Unter der Bedingung, dass er nicht Gott wäre, könnte man Jesus nicht mehr achten. Denn es ist moralisch unstatthaft, nach dem Märtyrertod zu lechzen.

Nach den aristotelischen und thomistischen Grundlagen unserer Ethik jedenfalls.

Mein aufbauender Lektürevorschag angesichts der Brüsseler Anschläge und des Osterfestes ist kein religiöses Buch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Nehmt’s wahr im neuen Kontext! Lest es im neuen Kontext! Verbreitet es!

Assassin

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One of the Brussels suicide bombers is reported to have had worries about serving a life sentence, which made him conclude that killing others and himself would be preferable than dying some decades later without killing anyone. This is obviously a blunt utilitarian conclusion and one that evaluates the continuation of one’s own life as inferior compared to suicidally killing others.

I believe that suicide bombers are mentally ill – I mean literally mentally ill. The fact that they can support suicide bombings by means of a cost-benefit analysis doesn’t make them less ill. Utilitarian arguments to the effect of dying in order to cause damage to an enemy take for granted that one’s own existence is an acceptable toll to pay for achieving a desirable goal. However, who achieves the goal of you’re dead? Not yourself… This reminds me of that cheap Vietnamese propaganda about this Viet Cong soldier who is said to have stopped and rescued a large-calibre gun that rolled uncontrolled down the hill with his body – or with what remained of it… I call this “cheap” not because I believe that the story isn’t true. I call it “cheap” because I think that actions of this kind during fighting make fighting for any cause pointless and obsolete. If you fight to achieve a goal, this goal has to be compatible with your own eudaimonia, life in dignity, contemplation and harmony that God would have liked you to have. If of all things this life is only a means to achieve another goal, then your life is not the final end of your actions.

There is this Kantian commandment to never refrain from treating human beings as ends in themselves. Kant thought that since moral maxims are supposed to have the general validity of the laws of logic, this commandment follows straightforwardly. I endorse Kant’s views in quite a few cases but this is not such a case. A suicide bomber can consistently consider God’s will to be superior to his own existence.

I’d rather locate the desiderate to see in every person an end in itself as akin to Aristotle’s eudaimonia and as corroborated by the imago-Dei theology. Thou shalt not calculate benefits when your existence is one of the costs, because your existence is of divine origin. To express this idea in a less Christian way: your existence is the highest good.

It’s true, the crusaders were no Aristotelian intellectuals but it was a correct instinct that led them to name suicide murderers “assassins”, originally meaning: “hashish addicts”. An assassin thought that killing two of the enemies by getting killed yourself makes the loss of your own life acceptable. The benefit, however, that you get from your actions is a benefit you have to enjoy yourself (this being a Christian premise), which makes your cost-benefit analysis if your death is the cost, a stultifying contradiction, and one that could be the case only if you’re on drugs. This is a very likely story behind the name “assassin”.

Since the Western Churches celebrate Easter today, you probably can’t help thinking that Jesus was a person who calculated the benefits of our being able to live if He offered atonement – if He sacrificed Himself. But, of course, it is indisputable that Jesus, the man, wanted to avoid being sacrificed (“Father, if it is possible, may this cup be taken from me”). And Jesus, the godly person, was never dead. If Jesus had been only a prophet who looked forward to being sacrificed, not only wouldn’t He have been our Saviour but He would have also been very similar to these people from His homeland in Southern Syria whom I take to be mad. If He were no God, Jesus wouldn’t be worthy to be admired because it’s morally wrong to crave for suffering martyrdom.

At least if you’re an Aristotelian or a Thomist.

My book recommendation after the Brussels bombings and the Easter day is not a religious reading: Hans Joas, The Sacredness of the Person. It has to be noticed in the new context. It has to be read under the new premises. It has to be propagated.

The difference between the saint and the good guy

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Erlingers Kolumne im SZ-Magazin liebe ich als Leser sowie aus beruflichen Gründen – Ersteres, weil er genial schreibt, Letzteres, weil seine Kasuistik-Fälle im Fach Ethik gut zu gebrauchen sind. So hat mich die Gewissensfrage noch vor Weihnachten inspiriert, folgende Frage zur schriftlichen Beantwortung zu stellen:

Ich verpacke Geschenke für ein paar Freunde, darunter für einen Blinden. Ich stelle aber fest, dass das schöne Geschenkpapier nicht ausreicht. Genau genommen habe ich fürs letzte Geschenk kein schönes Geschenkpapier mehr. Was soll ich tun?

Während sich alle darüber einigten erstens, dass der Utilitarist für den blinden Freund irgendein Papier nehmen darf, da dieser dies sowieso nicht als Abwertung seines Gesamtnutzens empfindet, wenn er nicht weiß, dass der Utilitarist Papier aus der Altpapiertonne hernahm; zweitens, dass der Kantianer für Gleichbehandlung für alle sorgen sollte…

… war es niemandem klar außer einer unglaublich spitzfindigen Zeitgenossin, was die christliche Reaktion wäre:

 

Als Christ verpacke ich das Geschenk des blinden Freundes in das schöne Papier und lasse das Geschenk meines besten Freundes unter den anderen unverpackt.

……..

Das müssen Sie erst begründen

entgegnete ich vorgestern bei der Besprechung der Arbeiten.

Das ist, glaube ich, der Unterschied zwischen der Heiligkeit und der moralischen Güte. Der Heilige darf sich nicht scheuen, nur ein Signal zu geben, wenn er nichts Besseres tun kann – und zwar auf Kosten der eigenen Beliebtheit.

Ob das ein gutes Argument in diesem Kontext ist, geschweige denn, ob sie Recht hat, weiß ich nicht. Ich muss darüber nachdenken, habe aber jedes Recht, froh zu sein, wenn sie meiner Stunde beiwohnt.

 

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My question was – it was before Christmas – what the main schools of ethics would say to the following case:

I’m wrapping gifts for friends in glossy, colourful paper when I discover that I haven’t got enough paper for the last gift. One of my friends is blind. What do I do?

Students were unanimous that if I were a utilitarian I would use some rubbish paper for the blind friend not to reduce his utility at all. And they were all pretty sure that as a Kantian I should make sure that I treat all friends according to a universal law – probably the same paper for everyone.

But what would my Christian self do? No hint in any paper except in the one of this very brilliant student:

As a Christian you have to use coloured, luxurious paper for the gift of the blind friend and leave the gift of your best friend among the others unwrapped.

….

You have to justify your solution in terms of an argument

I said the day before yesterday, during the discussion of the papers.

Well, I suppose that this is the difference between sanctity and goodness.

said she. And she continued:

 A saint may not be afraid to become unpopular when the situation is helpless and the only thing he can do is to give a signal.

Was she right? Is this a valid argument in this context anyway? I’m not sure. But I’m happy that she attends my class.