Ecclesia

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Unzählige Episoden sind über die Hagia Sophia oder einfach die Große Kirche (megale ekklesia) überliefert, wie die mittelalterlichen Quellen sie oft nannten: mal blutige, mal geschichtsträchtige, mal mystische. Darunter gibt’s eine philosophische, tradiert von Anna Komnena, einer Kaiserstochter und Chronistin des 11. Jahrhunderts. Der zu Folge verantwortete Johannes Italos, Vater des logischen Hexagons der Privation, Verfasser eines genialen Organon-Kommentars, dessen kritische Edition nur in wenigen Exemplaren weltweit existiert, schließlich Platoniker, er verantwortete, sage ich, über all diese Dinge – über was denn sonst? Im Grunde über die Rolle der Vernunft im Glauben. Und da er einen vernunftdurchfluteten Glauben vertrat, haben sie ihn in der Hagia Sophia am Ende seiner Ausführungen…

…geköpft?

(frohlockte, als ich erzählte, der Erfurter Professor für theoretische Philosophie)

Nein! Gefeuert als Lehrer der kaiserlichen Ausbildungsstätte.

Enttäuschung beim Publikum… Philosophiehistorisch gesehen kann man mit der Hagia Sophia wirklich nicht viel anfangen. Philosophisch schon. Die klaren Formen, die nüchternen aber grandiosen Farben… Philosophen zelebrieren sich in der Hagia Sophia.

Jetzt, fast ein Jahrhundert, nachdem Kemal Atatürk sie zum Museum bestimmt hat, beschloss der türkische Staat, in der Großen Kirche den Koran lesen zu lassen. Große Entrüstung usw.

Nicht bei Philosophen hoffentlich. Wir sind an zeitlosen Strukturen interessiert. Politisches Muskelspiel auf symbolischer Ebene bemerken wir nicht einmal.

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If you’re a lover of the history of philosophy, you’ll not find much to inspire you in the Hagia Sophia, the Great Church (megale ekklesia) of the medieval sources. Among stories full of blood, historians‘ ink or supernatural visions, the only thing you can find to be of some philosophical relevance is the condemnation of John Italos. The scribe and emperor’s daughter Anna Komnena recorded this 11th-century episode for posterity: John, the father of an hexagon of opposition that assumes two different types of negation, the author of an extraordinary commentary of the Organon – critically edited ninety years ago and circulating in very few hand-written copies – and a Platonic, was trialed in the Great Church and found to focus on reason more than on faith to be eventually…

…beheaded?

(that was the guess of the Erfurt professor of theoretical philosophy when I told him the story)

No!…Fired from his post as teacher at the emperor’s school of higher education.

Not very spectacular… But the building is spectacular, harmonious, it’s the best building that late ancient architecture has to offer. It’s inspiring to philosophers.

The inspiration will continue also after the Great Church is converted anew to a mosque in a few days and for a few weeks – almost one century after Kemal Atatürk turned it to a museum. But, frankly: so what? We’re philosophers, we love timeless structures, we fail to notice political symbolism.

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The cultural burn

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Jahrelang kann die Suche nach philosophiebezogener Lektüre im Feuilleton der Süddeutschen unergiebig bleiben, bis dann schließlich die ganze Vorderseite von so etwas eingenommen ist…

Frank Griffels Artikel mit dem Titel „Alles außer Aufruhr“ (SZ 121, S. 17) ist der Horror der kulturwissenschaftlichen Klischees: Der Islam habe niemals eine Aufklärung gebraucht, da er mit Ambiguität umzugehen wisse; T.S. Kuhns Wissenschaftstheorie sei Hegelianismus (ergo Eurozentrismus, Kulturchauvinismus or you name it); eine Aufklärung sei in Landstrichen ohne Hexenprozesse und Unterdrückung der Philosophie nicht nötig.

Ich habe auch in der Vergangenheit Kulturwissenschaftler dabei erwischt, das ABC des folgerichtigen Denkens mit Selbstvertrauen und mit beiden Füßen zu zertreten. 2012 protestierte ich z.B. wegen einer selbstreferentiellen Regelung in der DFG (das Heisenberg-Programm gewährleistet die Berufbarkeit von Habilitierten ohne Professur, aber das Kriterium, um in das Programm aufgenommen zu werden, ist eine nicht weiter definierte oder reduzierbare „Berufbarkeit“ des Kandidaten – das (vermeintliche) Entscheidungskriterium und der Gegenstand der Entscheidung fallen zusammen), um von einer Freiburger Orientalistin die Bemerkung zu kassieren, das sei tatsächlich und explizit die Regelung, wieso ich so ein Theater mache…

Zurück zu Griffel: Ein Ambiguität zulassendes Kategoriensystem setzt ein anderes voraus, in dem die Kategorien klar abgesteckt sind. Griffel beschwert sich, dass Kategorien wie „homosexuell“ und „heterosexuell“ die Bivalenz voraussetzen (er hätte hinzufügen sollen: in einem sinnvoll definierten Anwendungsbereich, in dem keine Steine, Flüsse oder Ideen vorkommen, aber seien wir nicht zu streng…), und übersieht vollends, dass, um festzustellen, dass ein Sexualitätsbegriiff „uneindeutig“ ist – etwa derjenige, der bei Frauen zu beobachten ist, die Frauen lieben, plus bei Frauen zu beobachten ist, die keine Frauen lieben – die Kenntnis der dichotomischen Begriffe vorausgesetzt ist. Ohne Dichotomie im Hinterkopf ist der fragliche Begriff nicht zweideutig, sondern man hat einen klar abgesteckten Begriff aller sexuell aktiven Frauen.

Dass Kuhn und Hegel unter einer Decke stecken würden, ist eine Meinung, die nicht nur ketzerisch ist. Sie ist falsch. Anders kann ich’s nicht nennen! Bei Kuhn ist der Zeitgeist etwas, was durch Cliquen, Lobbys und vergängliche Moden zu Stande kommt. Bei Hegel trägt der Fortschritt den Stempel des absoluten Geistes.

Ob Griffels Behauptung zutrifft, dass Gesellschaften ohne Hexenverbrennung und mit philosophischer Literatur es schaffen, ohne Aufklärung Toleranz zu leben und Glück zu vermehren? Dem kann ich zustimmen. Allerdings sind das wohl Gesellschaften von angenehmen, unmündigen Gläubigen. Ich weiß nicht, ob die Armut im Geiste erstrebenswert ist. Kant definierte die Aufklärung jedenfalls als die Befreiung von unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung hat weniger mit Hexenschutz als vielmehr mit unserem mentalen Hexenschuss zu tun – und mit Maßnahmen dagegen.


Enough with scrolling

Years can pass before you can read a piece on a philosophical topic in the arts supplement of the Munich-based daily Süddeutsche Zeitung. You’ll be rewarded for your patience, but, alas, the reward may be something like Frank Griffel’s article titled „Anything but revolt“ (SZ 121, p. 17) of last Saturday – a horrible collection of cultural-studies clichés: knowing how to deal with ambiguity, Islam never needed enlightenment; T.S. Kuhn’s views on scientific revolutions is Hegelianism (in Griffel’s eyes this is a very bad thing, equivalent with Eurocentric cultural chauvinism or you name it); and where neither witches were being prosecuted nor philosophers suppressed, there was nothing enlightenment could do for the public.

In the not so distant past, I’ve had the opportunity to witness that cultural-studies scholars can be proud to contradict the ABC of logic. In 2012 I considered it a must to protest against a self-referential rule of the German Fund of Scientific Research (after habilitation, if not tenured, the Heisenberg program keeps you on track, but to get into the program you must be evaluated to be on track) when this Freiburg orientalist remarked that that’s the rule, how comes that I didn’t know…

Back to Griffel: he pleads for ambiguity instead of dichotomy but, of course, ambiguity presupposes dichotomy. His example is that the dichotomy „homosexual“ vs „heterosexual“ makes ambiguity impossible (in a domain of discourse without stones, rivers and ideas, of course but let’s give him this point) and this is a bad thing in Western civilisation. – so he says… 

But of course, if you don’t have the dichotomy and you do launch the (allegedly „ambiguous“) concept of women who love women plus women who love men, what you have is the unambiguously defined concept of sexually active women.

Griffel’s Kuhn-and-Hegel bit is not just heresy. It is – I have no other word for it – an error! Paradigm changes are due to ingroups, lobbying, fashions. Hegel’s zeitgeist bears the seal of the Absolute.

The only one of Griffel’s statements I can grant is that you don’t need to be enlightened to show tolerance, to not bother to burn witches and books. Four-year-olds, not exactly what you’d call an enlightened citizen – can be very tolerant towards diversity, they don’t prosecute witches even if they’re afraid of people they consider to be such, and very often – however not always – they’re not interested in your volumes of Kant’s collected works and, therefore, it’s unlikely that they would paint in them, tear pages and the like. But they would also believe anything you tell them. Talking about Kant, let me quote his definition of enlightenment:

Enlightenment is man’s emergence from his self-imposed nonage. Nonage is the inability to use one’s own understanding without another’s guidance.

As you see, it’s not only about witches and books.

Diversität

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Je mehr sich die postcolonial studies an den philosophischen Fakultäten etablieren, desto fester lastet der Druck auf den Schultern klassisch gesinnter Universitätslehrer von altehrwürdigen Fächern, ihren Wissensanspruch zu relativieren. Um es mit den Worten des Erfurter Professors für Islamkunde Jamal Malik auszudrücken: „Was ist, wenn ich die Geltung Ihrer westlichen Rationalität anzweifle, Herr Kollege?“

Die Frage ist viel netter als man denkt – selbst wenn sie am Ende meiner Lehrveranstaltung vor einer Tafel voller logischer Symbole gestellt wird. Denn Maliks Nachdruck gilt stets dem Ausdruck „Herr Kollege“.

Trotz humorvollen Umgangs und offener Zuneigung sehe ich etwas Explosives, wenn fachliche Präferenzen als Kulturunterschiede interpretiert werden. Denn die Kultur hat etwas Unzugängliches. Man kann sie schlimmstenfalls nicht mitteilen. Sie ist eine Lebensform, ein „harter Fels, an dem sich mein Spaten zurückbiegt“ (Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 217). Akademische Debatten sollten dagegen auf Durchsichtigkeit und ausnahmsloser Mitteilbarkeit basieren.

Gewiss wäre es ein performativer Widerspruch von Seiten eines Postkolonialen, den „Westler“ zum Umdenken zu bewegen; ihn für sich zu gewinnen. Denn der „Westler“ hört nur auf „westliche“ Argumente und diese kann ihm der Postkoloniale nicht anbieten, ohne selber „Westler“ zu werden. Der Postkolonialismus verlangt Diversität.

Der Westen kommt ihm entgegen. Aber was der Westen mit „Diversität“ meint, gleicht eher der Inklusion. Denn der „Westler“ sieht keinen performativen Widerspruch im Versuch, Dissens im Sinn „westlicher“ Rationalität zu formulieren.

Inklusion entspricht allerdings nicht immer den Wünschen des Inkludierten. Ich habe ein persönliches Beispiel dafür: Teil meines Wehrdienstes verbrachte ich auf Syros, einer griechischen Insel mit römisch-katholischer Bevölkerungsmehrheit. Nach langen Jahren der Unterdrückung der Katholiken durch den griechischen Staat befand ich mich dort zu einer Zeit – der ich Langlebigkeit wünsche – in der Kirchen und Staat bemüht waren, beide Gemeinden zu einem Leben miteinander hinzuführen. Also wurde der Truppe im Sinne einer Inklusionsmaßnahme befohlen, gemeinsam die Messe zu besuchen – die orthodoxe, versteht sich… Es gab katholische Kameraden, die von ihrem Recht auf Diversität sprachen, das durch die Inklusionsmaßnahme verletzt worden sei. Überrascht war ich dadurch nicht.

Unlängst habe ich versucht, ein paar von Maliks Studenten für mein Gottesbeweise-plus-induktive-Logik-Seminar zu gewinnen. Es gibt schließlich auch gute Inklusionsmaßnahmen, die Diversität zulassen. In diesem Kontext lautet die wichtigste Frage nicht, ob wir unterschiedlich sein wollen, sondern wie unterschiedlich wir sein wollen.

Quiz für die Leser: Welcher ist der katholische und welcher der orthodoxe Stadtteil von Syros und was sind die Unterschiede auf den ersten Blick?

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Postcolonial studies have a sting: The more they get established in the humanities, the more they force mainstream teachers of sacrosanct subjects to relativize their positions. Jamal Malik, the Islam expert of the University of Erfurt, says: „Suppose I contest your western rationality, dear colleague!“

Even if the remark is made after my class in front of a blackboard full of logical symbols, I still feel comfortable. The reason is that his emphasis is always on „dear colleague“.

Despite humour and open sympathy I do see something explosive when preferences in theory are interpreted as differences in culture. Culture has an ineffable element like Wittgenstein’s form of life: the „bedrock “ against which „my spade turns“(Philosophical Investigations, § 217). Debates in academia should be transparent and open to communication.

But I’m not sure if a postcolonial scholar would care whether I understand him or not. I even suspect that he would see attempts to persuade „westerners“ as performative contradictions. „Westerners“ are supposed to listen to „occidental“ arguments and arguing in this way would make a postcolonial scholar a „westerner“ himself. Postcolonialism demands diversity.

And this is what it gets in the „West“. However, what the „West“ calls „diversity“ is rather another word for inclusion. It is namely no performative contradiction for the „westerner“ to formulate dissent in terms of „western“ rationality.

Inclusion is fine if you want to be included. However, this is not always the case. I would like to mention a personal example. I spent some time during my military service in Syros, a Greek island with a Roman-Catholic local majority and an Orthodox local minority. I happened to be there not long after the end of a deplorable era in which the Catholics had been suppressed and exposed to assimilation pressure. But since now the two churches and the Greek state help the communities get over the traditional trenches, we, the troops of the island, were ordered to attend the mass together – of course the Orthodox one… Some Catholic brothers in arms (and in Christo) murmured about their right to diversity which the inclusion policies had offended. I wasn’t surprised.

I’ve tried to convert some of Malik’s students to attend my seminar on inductive logic and proofs on the existence of God. I thought that there are kinds of inclusion which do allow for diversity after all. In our context, the most important question is not whether we want to be different. The most important question is how much different we want to be.

I have a quiz for my readers: which is the catholic and which is the orthodox quarter (see image above) and which are the apparent differences?