Under too many layers

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Die Nachrichten: Die Hagia Sophia soll wieder eine Moschee werden. Das gibt mir den Anlass, meine Assoziationen zur Kirche (sorry: zum Gebäude) zu schildern. Sie sind mehrbödiger als Baklava und folgende:

Zur Moschee wurde die Hagia Sophia zunächst 1453, als die Stadt (DIE Stadt – urbs) von osmanischen Truppen im Mai überrannt wurde. Zu der Zeit war sie eine römisch-katholische Kirche im Sinne der Kirchenunion von Ferrara-Florenz des Jahres 1439. Die Orthodoxen, diejenigen jedenfalls in der Stadt, die gegen die Union waren, haben sie 14 Jahre lang gemieden, bevor sie zur Moschee wurde. Sie spielten mit dem Gedanken, Hussiten zu werden, egal…

Noch vier Jahrhunderte vorher war in der Hagia Sophia der Philosophenmeister (“hypatos ton philosophon”), Johannes Italos, vom Unterricht am Konstantinopler Hofseminar feierlich suspendiert worden. Wegen Aristotelismus. Und wegen zuviel Logik im Unterricht, wie die Kaisertochter Anna Komnena in ihren Memoiren (Entschuldigung liebe Wertneutralität, wenn ich hinzufüge: schamlos) zugibt. Noch heute wird am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit in jeder orthodoxen Kirche der Welt das Anathema gegen die Philosophie wiederholt, das damals dort verlesen worden war. Ungefähr aus derselben Zeit stammt die Nestorchronik, welche die Christianisierung der Kiewer Rus unter Wladimir I. auf die Begeisterung der Kiewer Abgesandten in der Hagia Sophia zurückführt. Hoffentlich nicht während des o.g. Zeremoniells gegen Johannes Italos. Ein Dutzend Jahrzehnte später wurde die Kirche von den Kreuzrittern des Vierten Kreuzzugs geplündert.

Geplündert stand sie weiter, wie sie heute steht. Stehen sollte bald ihr Name, übrigens in der Landessprache als Fremdwort mit der neugriechischen Aussprache erhalten geblieben, auch für die kollektive Entität aller heiligen Menschen. Die göttliche Weisheit: Das sind wir. Dieser, ursprünglich russische, Volksglaube wäre ohne das Gebäude wahrscheinlich nicht entstanden. Auf diesen Glauben ist einer der wenigen Versuche zurückzuführen, aus der Orthodoxie eine moderne Konfession zu machen. Sergej Bulgakov, ein Wirtschaftswissenschaftler und einstiger Weggenosse Lenins, versuchte im Pariser Exil, der Kirche unserer Vorfahren eine christsozialistische Gestalt zu verleihen. Sophiologie nannte er die neue Doktrin. Die Gemeinschaft der Idioten ist weise. Das ist meinerseits nicht ironisch gemeint.

Ja, die Hagia Sophia ist eine grandiose Fortentwicklung des architektonischen Konzepts des Pantheons von Rom; einer Stadt würdig, die Neurom heißen wollte; und – trotz Johannes Italos – Symbol von Weltbürgerlichkeit. Der einstige Notre-Dame-Kanoniker Étienne Tempier, der als Bischof den Aristotelismus im Werk von Thomas von Aquin verurteilte, reicht nicht aus, um die Notre Dame zu blamieren. Die Hagia Sophia ist ebenso resistent gegen in ihr begangene Dummheiten. Das zum einen.

Zum anderen habe ich in keinem Museum der Welt so viele gelangweilte, geistig abwesende Besucher angetroffen, nach dem Motto: “Sie haben alle gesagt, zumal wir hier sind, müssen wir das besuchen. Groß ist es schon…” Oder kennen meine Leser etwa ein Museum in dieser Welt, wo die Kunstwerke nicht bewundert werden? Ich kenne eines: die Hagia Sophia. Das Augenmerk des “Ausstellers” fällt ja nicht auf die Kunst, sondern auf das historische Faktum der Eroberung. (Fremdländische Ansätze der auf Erwachsene abzielenden Museologie können mir vielleicht egal sein. Aber im Sinne der Museumspädagogik: Was ist das für eine Erziehung für die Kinder, die das Museum besuchen?)

Meine letzte Assoziation jetzt:

Es gibt überall zweckentfremdete Gebäude. Ein zweckentfremdetes Gebäude aber, wo der neue Nutzer jahrhundertelang außer Stande war, wenigstens über die Zerstörung hinwegzutäuschen; darüber zu glätten und zu polieren, so dass der Besucher nicht denken muss, dass die Zerstörung zum Stolz des neuen Nutzers gehört – ja, ich war schon in der Mezquita! – hatte ich nie gesehen. Bis ich die Hagia Sophia besuchte.

Und jetzt soll es eine wichtige Nachricht sein, dass sie wieder zur Moschee wird?

Enough with scrolling

What you see in the two last pictures are marble fencings of the empress’s gallery in the Hagia-Sophia church – oops, sorry: museum – oops again: mosque in Constantinople – oops…

Anyway, you get the idea… The new masters (“new” is more or less a façon-de-parler since they’ve been there since 1453) gouged out the Christian Symbols but left the destruction for everyone to see.

Some amount of destruction is there when you dedicate a building to another purpose than the one it originally served. The Mezquita of Córdoba is a handy example of a mosque that was rendered vice versa to a church with a vast change of the central part of the original structure. However, the new masters there did bother to make the destruction unseen, tried to embed a cathedral into the mosque without the malicious gesture: “Har, har, har: see what I did?” In the Hagia Sophia, the tidying up of the traces of the destruction didn’t happen in the last five-and-a-half centuries. Now, it will become a mosque again. This gives me the motivation to deploy my associations pertaining to the building. They have more layers than the baclava served outside it and are the following:

As I said, the Hagia Sophia was first rendered to a mosque in May 1453 when the Ottoman army conquered the city. When this happened it had been a Roman-Catholic church for 14 years, following the church union of Florence in 1439. The Orthodox, those at any rate who were against the union, have avoided the church and services given in it for a decade-and-a-half before it became a mosque.

Four centuries earlier, the Hagia Sophia had been the site of John Italos’s condemnation. John was an Italian-Norman logician who had the title of the master among the philosophers (“hypatos ton philosophon”). Accused by the emperor’s daughter Anna Comnena of too much Aristotle and logic in classroom, he was removed from office and ceremonially so in the greatest of all churches. Anna Comnena must have been a horrible student. In spite of everything, her style is not devoid of charm and I do have respect for a woman author in the Middle Ages. At the same time, it is disgraceful to make your dad, the emperor, fire the professor whose subject you failed. And then, for all of us, it is even more disgraceful to recite since then, every year on the first Sunday of the Great Lent, in every Orthodox church, for almost one thousand years now, the same anathema against philosophy that was released there and then.

It was the time when the Russian Primary Chronicle ascribed to the impressive church the decision of Vladimir I to have his subjects baptised according to the Byzantine rite. A church which was to be looted by the crusaders a century and something later.

This notwithstanding, its name, still preserved until today as a Greek loan, came up to stand also for the collective entity of all saints: wisdom is sanctity and sanctity is the mereological whole of us all. This, originally Russian, popular faith was arguably inspired by the church of the Holy Wisdom. When Sergey Bulgakov, the economist and philosopher, denounced his former comrades to Lenin’s great bitterness, and attempted from his Parisian parish to renovate Orthodoxy to be a more liberal denomination, he called the new doctrine sophiology – alluding to the aforementioned popular faith. Even if each of us is an idiot, we are wise when taken as a whole.

A bigger Pantheon in a city called New Rome and thereby a symbol of cosmopolitanism in spite of the John-Italos episode. If Étienne Tempier, the bishop of Paris who condemned the Aristoteliansm in Aquinas, is not enough to debase the Notre-Dame of whose chapter he had been the chancellor, then Hagia Sophia remains also undegraded in spite of the unpleasant episodes in it. On one hand…

On the other, in no other museum have I met so many bored people ticking off one more must-see from their tourist guide. Which is quite understandable since the focus of the Hagia-Sophia Museum is not on its art but on the historical event of the conquest. And, I mean, come on: even if I don’t care about the museological concepts in far countries, I am still concerned about the education they give to their children…

This is why I think that rendering the Hagia Sophia to a mosque is not the important news about it.

5th World Congress on Universal Logic

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Die Philosophie der Logik lehrt unter anderem, was alle Logiken gemeinsam haben: Sie sind deduktiv abgeschlossene Satzmengen, die wir mit HIlfe von Axiomen und Schlussregeln konstruieren können. Das ist aber zu wenig. Es lässt z.B. auch völlig uninteressante und alberne Satzmengen als Logiken bezeichnen. Die universale Logik ist nicht nur eine Philosophie der Logik, sondern eine neue formale Teildisziplin, die Strukturen untersucht, welche verschiedenen Logiken gemeinsam sind.

Die universale Logik ist Jean-Yves Béziaus Kind. Und Jean-Yves bat mich, die Summer School und den 5. Weltkongress zur universalen Logik zu propagieren. Sie finden im dritten Drittel des Monats Juni in Istanbul statt. Seiner Aufforderung komme ich mit diesem Beitrag nach.

Jean-Yves mag es, sich in der Hagia Sophia zu präsentieren. Ich habe ihm, glaube ich, noch nicht gesagt, dass der einzige richtig kreative Logiker, der diese Kirche oft betrat, Johannes Italos im 11. Jh., zum Schluss ebendaselbst wegen seiner Philosophie zur Rechenschaft gezogen wurde – und glimpflich mit einer bloßen Amtsenthebung davonkam.

Hätte Johannes Italos seiner Zeit die Aussage vorgebracht, mit der sich Jean-Yves in seiner Webpräsenz schmückt, dann wäre er ganz schnell wieder der Liebling des Palastes und der Kaisertochter Anna Komnena gewesen, die ihn wegen seiner Vernunft rügte.

jean-yves beziau challenges Justinian

The most famous trial of a philosopher in Byzantium took place in the Hagia Sophia and condemned the philosophy of John Italos, the most creative logician in 10 centuries of Byzantine logic.Had John used in the trial the motto from Jean-Yves Béziau’s webpage, I doubt whether he would be condemned. I mean, Anna Komnena, the emperor’s daughter, thought that his reason was the only negative thing he had.

Unlike his colleague from the 11th century, Jean-Yves loves to stand in the Hagia Sophia. Now he also organizes the Summer School and the 5th World Congress on Universal Logic there. I mean, not directly in the Hagia Sophia – but in Istanbul.

The Universal Logic is a new discipline which investigates structures common in diverse logics. But it’s not philosophy of logic. What philosophy of logic teaches in this respect is not much: essentially the fact that a logic is a deductively closed set of sentences which we construct with the help of axioms and rules of inference. This, however, allows for uninteresting and silly sets of sentences to be called logics..

Since Universal Logic is his child, Jean-Yves wanted me to propagate his congress of the last third of June. And this is what I’m doing with this post.

Protecting education

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Es passiert nicht oft, dass die Polizei einen kurzen Austausch zum theologischen Lehramtsstudium in einer Bibliothek der Münchener Ludwigstraße bewacht.

Es war am vergangenen Freitag der Fall – nicht wegen des Lehramtsstudiums, sondern weil der Hauptteilnehmer im Austausch der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel war.

Ludwigstraße

It’s not very usual for the neighbourhood where the institutes of the Munich University are to witness policemen guarding a brief exchange on secondary teacher accreditation in the subject religion – among others.

It just happened last Friday. Not because of the issue, of course. Rather because the main participant in the exchange was the Ecumenical Patriarch of Constantinople.

Chalke

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Klar sollte das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf der vor Istanbul gelegenen Insel Chalke wieder eröffnet werden. Klar war seine Schließung durch den türkischen Staat im Jahr 1971 inakzeptabel; genauso wie die Instrumentalisierung der Wiedereröffnung durch ebendenselben Staat.

Allerdings finde ich, dass die gestrige Klage des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel wegen einer Menschenrechtsfrage, die sich wegen der sich verzögernden Wiedereröffnung des Seminars stelle, die Rede von Menschenrechten bagatellisiert. Der heutige türkische Staat verlangt im Sinn der Laizität die Eingliederung des Priesterseminars in eine der anerkannten Istanbuler Hochschulen. Das bringt den Ball auf das Feld des Ökumenischen Patriarchats. Nur so viel: Ohne akademische Standards wäre das Priesterseminar ein “doron adoron”, ein nutzloses Geschenk.

Es stimmt, diesmal ist das Thema nicht besonders philosophisch und nur bedingt religionswissenschaftlich, aber das pittoreske Foto des Seminars mit der Großstadt im Hintergrund ist so cool…

Chalke

The Greek-Orthodox theological college on the Chalke island, near Istanbul, has to be re-opened – what else? Its closure in 1971 was a by any standards unacceptable action of the Turkish state – what else? An unacceptable action followed by an ugly political instrumentalization of the issue.

However, complaining that the delay of the re-opening of the college violates human rights, like the Oecumenical Patriarch of Constantinople yesterday did, trivializes human-rights-talk. The Turkish state, today, not forty years ago, demands the integration of the college in one of the accredited Istanbul universities, just in accordance with the explicit laicity of the state. The ball is now in the Patriarchate’s court. Just a few words from my side: Without academic standards the re-opened theological college will be a “doron adoron”: a useless present.

OK, not much about philosophy this time. But I found the pitoresque picture of the college with the gigantic city in the background so cool…